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Der Weltkrieg und die deutsche Sozialdemokratie.

Neue Freie Presse (Wien) Nr. 18181 vom 4. April 1915.

Seit es etwas größere Völker und Staaten gibt, zeigen sie uns überall mit höherer Entwicklung eine Scheidung nach Ständen und Klassen. Sie entsteht mit der Eroberung, den Rassengegensätzen, der Berufs- und Arbeitsteilung. Die Klassen streben nach einer gewissen Organisation, nach politischer Macht, nach Einfluß auf die Besitz- und Einkommensverwaltung. Je nach den herrschenden religiösen und sozialen Vorstellungen und Überlieferungen erscheint die bestehende Klassenordnung bald als etwas allgemein Anerkanntes, rechtlich Selbstverständliches, ja Geheiligtes, bald aber auch als Unrecht und Mißbrauch; es entstehen die Kämpfe, um sie zu beseitigen oder zu reformieren.

Die heutige Klassenscheidung in den Kulturstaaten der Gegenwart geht teilweise zurück auf Jahrhunderte alte Einrichtungen, teilweise ist sie erst das Ergebnis unserer neueren Geld- und Kreditwirtschaft, unserer heutigen Produktionsweise und Technik; überall aber kommt zu den materiellen Ursachen der Volksgeist und Volkscharakter, die sittlich-religiösen Gefühle, die ganze vorhandene Ideenwelt, die überlieferten Sitten, der Einfluß von Literatur und Presse, das Eingreifen großer Männer und Parteiführer.

Deutschland mußte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach seiner sozialen und politischen Geschichte, nach der riesenhaften volkswirtschaftlichen Aufschwungsbewegung von 1848, noch mehr von 1870 an, nach seinen technischen und Verkehrsfortschritten eine große Bewegung des neuen Geldarbeiterstandes erhalten. Aber daß ein Teil dieser Bewegung ausmündete in die sozialdemokratische Parteibildung, daß diese Partei von 124 700 Wahlstimmen 1871 aufstieg zu 1,7 Millionen 1893 und zu über 4 Millionen 1912, daß sie so rasch die erste und führende Arbeiterpartei aller Kulturländer wurde, daß ihre Behandlung bald die wichtigste politische Frage in Deutschland war, das erschien den meisten außer ihr Stehenden als das Überraschende. Die Tatsache ist, wie ich eben betonte, nicht bloß aus den materiellen, volkswirtschaftlichen Ursachen, nicht bloß aus der neuen deutschen Großindustrie und Technik, sondern wesentlich auch aus dem inneren geistigen Leben Deutschlands zu erklären. Der Volkscharakter, die Bildungselemente der Zeit, die sozialistischen Ideen, die aus Frankreich und England eindrangen, der unvermittelte Übergang von der kleinstaatlich spießbürgerlichen Epoche zu der machtvollen Reichsbildung wirkten mit. Und dann: das Land der besten Volksschule, der besten Bureaukratie, der besten Kasernen und der allgemeinen Wehrpflicht sowie der besten Disziplinierung der Arbeiter in Riesenbetrieben war kein ungünstiger Boden für die Disziplinierung der gewerblichen Arbeiter in einer großen sozialistischen Partei unter straffer Leitung weniger Führer. Der idealistische Volkscharakter, die philosophisch spekulative Neigung weiter Kreise förderten sozialistische Gedankensysteme. Der Sozialismus ist der Traum einer besseren sozialen Zukunft. Was man von 1848 bis 1875 erlebt, war so tief greifend, daß der Übergang zu einer demokratischen Republik mit kommunistischer Verfassung zuletzt auch nicht mehr als etwas Unmögliches erschien. Vom liberalen Ideal »der starken Gesellschaft und der schwachen Regierung« zu der Lehre von der Abschaffung der Staatsgewalt und der Leitung der volkswirtschaftlichen Produktion durch das arbeitende Volk war es kein allzu großer Schritt. Die Kleinstaaten und der absolute Beamtenstaat hatten die Massen nicht für praktische Politik erzogen. Ein Füllhorn neuer politischer Rechte hatte man 1866-1875 über das deutsche Volk ausgegossen. Die bestehenden politischen Parteien und ihre Führer hatten es nicht verstanden, den Arbeiterinteressen und -wünschen so weit entgegenzukommen, daß man sie in denselben hätte festhalten können. Unvermittelt hatte das Volk im neuen Reiche das ganz allgemeine Wahlrecht bekommen. Bismarck hatte starke soziale Empfindungen, seine Beziehungen zu Lassalle zeigen es; wie er Lothar Bucher, so wollte er auch Marx 1867 in seinen Dienst nehmen; 1875 sagte er zu mir, er sei eigentlich auch Kathedersozialist, habe nur bis jetzt keine Zeit dazu gehabt. Aber als er dann die sozialdemokratische Partei so ungestüm wachsen sah, gab er 1878, entsprechend seiner Neigung zu den stärksten Mitteln, das Sozialistengesetz, das die Sozialdemokratie beseitigen sollte, aber 1878-1890 sie eher förderte als hemmte. Er wollte 1890 zu weiteren Gewaltmitteln schreiten. Der Kaiser versagte. In die vom Kaiser den Arbeitern 1890 hingehaltene Hand einzuschlagen, dazu waren diese, soweit sie bereits in der festen Parteiorganisation der Sozialdemokratie steckten, im damaligen Augenblick zu verhetzt, zu wenig vorbereitet. Nur ein so kluger Politiker wie Herr v. Vollmar wollte schon jetzt einlenken und gab so den Anstoß zum »Revisionismus« innerhalb einer kleinen Zahl gebildeter sozialdemokratischer Führer. Ebensowenig konnte die den Arbeitern in gewissem Sinne entgegenkommende, in vielen Bestimmungen aber die Arbeitgeberwünsche berücksichtigende Arbeiterversicherungsgesetzgebung in den ersten 25 Jahren den sozialen Frieden schaffen. Die arbeiterfreundliche Richtung der deutschen Regierungen von 1888-1894 schlug 1895-1900 in eine eher entgegengesetzte um. Erst Fürst Bülow war klug genug, das sogenannte Zuchthausgesetz in die Versenkung verschwinden zu lassen und eine unparteiische Regierung über den beiden großen sozialen Klassen wieder zu versuchen, freilich mit dem Erfolg, daß die Scharfmacher der Industrie allerlei Minen gegen ihn legten.

Die deutsche Sozialdemokratie hatte durch ihre großen Wahlerfolge von 1890-1912 erst die Bewunderung der sozialistischen Parteien aller anderen Lande erregt; doch hielt diese von 1900 an, wie wir weiterhin sehen werden, nicht an, schlug in heftige Angriffe um, und deshalb konnte die radikale Seite der Partei auch von 1902-1914 von den Nachbarländern und den internationalen sozialistischen Kongressen her keine Stärkung erfahren. In der Selbstverwaltung gelang wohl einigermaßen durch praktisches Zusammenarbeiten eine Annäherung zwischen bürgerlichen und sozialdemokratischen Vertretern. Doch hatte dies zunächst keine sichtbaren Folgen für das Verhältnis der Sozialdemokratie zur bürgerlichen Gesellschaft und zur Regierung. Die Angst des Philisters vor den Sozialdemokraten stieg im Verhältnis zu den zunehmenden Wahlerfolgen der Partei, und der rechte Flügel der Unternehmer oder vielmehr die Hetzer unter ihren Sekretären glaubten immermehr gegen die Sozialdemokratie Sturm läuten zu müssen; man verlangte die starke Ministerhand, die diese Gefahr niederschlüge. Die Stimmen der Unparteiischen, die, über den Streitenden stehend, die angebliche Revolutionsgefahr der Sozialdemokratie leugneten, falls man sie halbwegs richtig behandelte, wurden nicht gehört.

Der plötzliche Kriegsausbruch hat nun, nicht für die Sachkenner, aber für die Masse des Volkes, die große Überraschung gebracht, daß die waffenpflichtigen Sozialdemokraten ohne Ausnahme, ohne Murren, ja begeistert zu den Waffen eilten, daß ihre Vertreter im Parlament jeden Kriegskredit bewilligten. »Die vaterlandslosen Gesellen haben sich als Vaterlandsretter erwiesen! Die keine Heimat hatten, schützen ihre Heimat ohne Besinnen mit ihrer Brust.«

So schreibt begeistert der Sozialdemokrat Anton Fendrich in seinem Schriftchen »Der Krieg und die Sozialdemokratie«. (Politische Flugschriften 1915, Heft 25 von E. Jäckh.) Er erinnert an seinen gefallenen Freund Frank, der sich im Reichstag am 4. August sofort beim Kriegsminister als Freiwilliger meldete, dessen Sitz am 2. Dezember in Erinnerung an seinen Tod auf dem Felde der Ehre mit einem Lorbeerkranz geschmückt war. Fendrich nennt den Krieg ein Weltgewitter, das mit elementarer Wirkung den Sozialdemokraten ihr Vaterland wiedergeben habe, die dünnen Verbindungsfäden internationaler Ideologie durchschlagen, einen theoretischen Intellektualismus ersetzt habe durch die Wärme und Seele patriotischer Empfindung: die Sozialdemokraten sähen jetzt, wie wunderbar unerschütterlich und leistungsfähig die kapitalistische Wirtschaftsordnung sei. Sie erkannten jetzt, sagt er, daß im Fortschritt der Menschheit nicht die Klasse, sondern das Volk der entscheidende Organismus sei. Der Krieg habe den Sozialdemokraten wie ihren Gegnern erst die Augen und Seelen über ihre wirklichen Eigenschaften geöffnet. Der Krieg werde den Sozialismus national machen, die Regierung sozialistisch handeln lernen. Die große Verinnerlichung, Vertiefung alles nationalen deutschen Lebens, die mit dem Kriege eingesetzt habe, werde eine bessere Zukunft heraufführen. So Fendrich.

Viele ähnliche sozialdemokratische Aussprüche ließen sich anführen: es sei nur erinnert an den, daß die Arbeiter auf einmal sähen, daß sie heute mehr zu verlieren hätten als ihre Ketten; dann an den, daß bei einem Siege unserer Feinde die Arbeiter am schlimmsten daran gewesen wären. Es handelt sich darum, ruft Wolfgang Heine, daß Deutschland ein Vasallenstaat Rußlands werden sollte. Ein Arbeiter schreibt, unsere Niederlage wäre der Zusammenbruch unserer Versicherung, die Zertretung unseres Arbeiterschutzes, der Ruin der tariflichen Arbeitsregelung, die Herabdrückung der Lebenshaltung. In unzähligen Feldpostbriefen zeigen die im Felde stehenden Sozialdemokraten, daß in der Tat ein ungeheurer Stimmungsumschwung eingetreten ist.

Aber wird er vorhalten? Geht er so tief und ist er so allgemein, daß wir von dem Kriege an in der Tat eine ganz neue Epoche der deutschen sozialen Entwicklung werden datieren können? Eine ganz sichere Antwort ist darauf heute wohl nicht zu geben. Aber eine große Wahrscheinlichkeit spricht dafür; vor allem, wenn wir siegen, was ich sicher annehme; und wenn die deutschen Bundesregierungen das gute Wort des Reichskanzlers wahr machen, daß aus der jetzigen großen Einheit der Nation auch eine Zeit weitgehender sozialer Aussöhnung und ehrlicher Zusammenarbeit von Regierung und Arbeitern hervorgehen werde. Natürlich muß man von rechts und links andere Töne anschlagen als bisher. Der Kaiser erklärte, er kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Der konservative Herr v. Heydebrand meinte, man werde bei künftigen Kämpfen nie vergessen, wie man draußen im Schützengraben gemeinsam kämpfen und sich achten gelernt habe. Die zwei Gewerkschaftsführer Legien und Bauer ermahnten ihre Genossen, bei allen künftigen Kämpfen die revolutionären Klagen und hohlen Phrasen zu unterlassen (der Berichterstatter des »Vorwärts« überhörte freilich diese Worte).

Aber trotz der tiefstgehenden heutigen Erschütterung und Umwandlung der Volksseele in weitesten Kreisen, der Zweifel über die dauernde Wirkung wäre natürlich, wenn allein die großen Ereignisse des letzten Halbjahres auf die Sozialdemokratie gewirkt hätten, wenn nicht das innere Wesen derselben seit den letzten 25 Jahren sich längst zu wandeln begonnen hätte.

Die deutsche Sozialdemokratie von heute ist eine gänzlich andere als die von 1900 und 1890, noch mehr als die von 1865 und 1875. Auf dem Jenenser Parteitage 1913 rief der Genosse Fischer: »Wo ist der Genosse, der heute noch an den Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft glaubt, wo ist das sozialdemokratische Tagblatt, das heute noch im marxistischen Geiste redigiert wird? Vom Revolutionarismus ist nichts mehr übrig als eine sehr gezwungen klingende revolutionistische Phrase.«

Zwei getrennte Seelen wohnten von Anfang an in der deutschen Arbeiterbewegung, eine kleinbürgerlich-radikale, gewerkschaftliche und eine revolutionär-sozialistische. Die letztere schien bei der Vereinigung des lassallischen und marxistischen Flügels 1875 ganz die Oberhand zu gewinnen und das Sozialistengesetz von 1878, vor allem seine Puttkamersche harte Ausführung auch gegenüber den Gewerkschaften, schweißte die beiden Teile noch mehr zusammen. Die revolutionär-marxistische Führung siegte mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 und in dem damaligen Programm. Aber daß die Gewerkschaften sich gleich damals eine eigene Spitze in der Generalkommission gaben und die Gewerkschaften für politisch neutral erklärten, belebte den Gegensatz auch sofort von neuem, und er hat sich trotz aller Bemühung, die Vereinigung zu erhalten, seither weiter gesteigert: die freien Gewerkschaften treiben praktische Gegenwartspolitik, die politische Partei utopistische Zukunftspolitik; die letztere will die erstere beherrschen, und bei den Gewerkschaften ertönte deshalb bald der Ruf: »Wir wollen nicht die Hausknechte der Partei sein!«

Auf dem Kölner Parteitage 1893 machten die Führer der Partei den Versuch, die Gewerkschaften ganz unter die Parteileitung zu bekommen. Man hat diesen Parteitag den letzten Sieg des Marxismus genannt. Von da beginnt der fortschreitende Kampf der Revisionisten unter Vollmars, Schippels, Bernsteins, Heines Führung gegen die marxistische Leitung. Es war ein Zeichen der Zeit, daß sich die Partei 1894/95 viel zu gespalten zeigte, um ernsthaft die Agrarfrage anfassen zu können. Nach dem Frankfurter Parteitage 1894 will Bebel in seiner Erbitterung über die Schwächlichkeit der Partei von der Leitung zurücktreten. Die Teilnahme an den Preußischen Landtagswahlen, bisher von den radikalen Führern, noch 1897 von Liebknecht und Singer als falsch bekämpft, setzt sich von 1897 an unter Empfehlung von Bebel durch; Liebknecht wünschte damals ein neues Sozialistengesetz, um dem Revolutionarismus wieder auf die Beine zu helfen. Den Gefallen erwies man ihm nicht; die Regierung versuchte es nur mit einigen bescheidenen Entwürfen der Reaktion; sie fielen durch. Man wird sagen können: der Marxismus als System war gegen 1900 in der sozialdemokratischen deutschen Partei überwunden. Es zeigte sich, als die Partei 1898 zum erstenmal in Süddeutschland, in Stuttgart, tagte, daß die süddeutschen sozialdemokratischen Arbeiter viel maßvoller waren als ihre sächsischen und Berliner Genossen. Und das hat sich bis zu den neueren Parteitagen immer weiter gesteigert. In Lübeck (1901) mußte man den süd- und mitteldeutschen Genossen erlauben, für das Budget ausnahmsweise aus zwingenden Gründen zu stimmen. Sie taten es so reichlich, daß ein radikaler Entrüstungssturm gegen sie entstand. Auf dem Parteitage 1913 erklärten die Süddeutschen, sie ließen sich nicht majorisieren; die Entscheidung über die Budgetbewilligung müsse der Landtagspartei überlassen bleiben. Jetzt hat die Partei für den Reichsetat gestimmt.

Der große Wandel innerhalb der sozialdemokratischen Partei tritt auch darin zutage, daß die außerdeutschen sozialistischen Parteien zwar von 1890 bis 1900 in Lob und Bewunderung der deutschen Partei sich ergingen, sie in allem nachahmen wollten, daß dann aber von 1900 bis heute ein Umschlag erfolgt ist, weil auf den internationalen Kongressen die Deutschen weder für den Generalstreik, noch für den Massenstreik im Kriegsfall zu haben waren, weil Bebels energische Beteuerung seines Patriotismus, mit der er zu Hause und in der Fremde nicht geizte, die romanischen Sozialisten zu sehr verstimmte. Dr. Michels, 1907 noch ganz im Sinne der ausländischen Sozialisten schreibend, sagt: »Die deutsche Sozialdemokratie ist ein großer bureaukratischer Wahlapparat, rühmt sich ihrer bewährten Taktik, scheut aber jedes Opfer, erzieht zur Feigheit, zur organisationsfähigen Herdenqualität des Gehorsams. Die Partei wird immer weiter den Rest von Autorität verlieren, den sie noch hat.« Aus der Sprache syndikalistisch-revolutionärer und romanischer Parteihetze in objektives Deutsch übersetzt, heißt das: Die deutsche Sozialdemokratie beginnt realistisch, vernünftig und patriotisch zu werden. Von da zum 4. August und 2. Dezember 1914 im Reichstag war es nur ein kleiner Schritt. Und deshalb können wir hoffen, der Krieg werde eine dauernde Wirkung auf die deutsche Sozialdemokratie ausüben; er ist eine Saat, die auf vorbereiteten Boden fiel. Und in dieser Überzeugung werden wir bestärkt, wenn wir die Elemente der deutschen Sozialdemokratie, ihre Organisation und ihr Verhältnis zu anderen Arbeitergruppen noch etwas näher ansehen.

Wenn in der Presse und Literatur von der deutschen Sozialdemokratie die Rede ist, so ist nicht immer dasselbe gemeint. Die einen denken wesentlich an die politische Partei, die anderen an sie in Gemeinschaft mit den freien Gewerkschaften, wieder andere an alle sozialdemokratisch denkenden und bei den Wahlen so stimmenden Bürger. Die Partei als solche ist dabei der engste Begriff: es sind die, welche Beiträge an die Parteikasse zahlen: 1875 28 659 Mitglieder, 1906 348 327, 1910 720 038 Mitglieder. Die Einnahmen der Partei sind klein wie ihr Vermögen (nicht ganz eine Million Mark); darin liegt die Schwäche der Partei. Jede Beitragserhöhung ist gefährlich, die Beiträge gehen dann rasch zurück. Ganz anders steht es mit der zweiten genannten Gruppe, den Mitgliedern der freien Gewerkschaften. Die Gewerkschaften bieten den Mitgliedern ganz anderes als die Partei, große praktische Vorteile, Streik- und andere Unterstützungen aller Art und für alle Mitglieder. Die Zahl der freien Gewerkschaftler stieg von 0,26 Millionen 1895 auf 1,9 1908, auf 2,5 1912; ihr Vermögen betrug 1900 7,7 Millionen Mark, 1912 80,8 Millionen Mark. Sie sind damit mehr und mehr eine ganz andere Macht geworden als die Partei. Das Verhältnis von Partei- und Gewerkschaftsorganisation ist der springende Punkt im inneren Leben der Sozialdemokratie. Ursprünglich von denselben Führern und denselben sozialistischen Theorien geleitet, sind sie doch 1890-1915 in steigenden Gegensatz gekommen. Ihre gänzlich verschiedenen Lebenszwecke bedingten das, Partei und Gewerkschaften führen eine stets hadernde Ehe. Dem sanguinischen, unpraktischen, stets auf das große Los wartenden, keifenden Manne steht eine praktisch haushälterische Frau gegenüber, die Großes leistet, ihrem Manne immer Vernunft predigt: Was erreicht wird, ist ihr zu danken, wie es in so vielen Ehen geht.

Entfernt nicht alle Parteimitglieder sind Gewerkschaftsmitglieder; in der Partei stecken ein Drittel bis die Hälfte Nichtarbeiter, radikale Kleinbürger; aber auch umgekehrt treten entfernt nicht alle Gewerkschaftsmitglieder in die Partei ein; sie müßte ja sonst viel mehr als ein bloßes Drittel der Gewerkschaftsmitglieder umfassen.

Die Partei ist so mehr und mehr eine radikal-demokratische Koalitionspartei geworden. Ihre Arbeiter gehören mehr der Mittel- als der Großindustrie an; die Partei gedeiht nicht in den katholischen Gegenden; auf dem platten Lande nur da, wo die Übermacht des Großgrundbesitzes stark drückt oder wo ländliche Industrie und Heimarbeit vorherrschen, wie in Sachsen. Die ganz großen Industrien und die Staatsbetriebe wußten ihre Arbeiter im ganzen doch der Partei fernzuhalten; ähnliches gilt von den alten Handwerken, in welchen den Gesellen noch Meisterhoffnungen vorschweben, wie bei den Fleischern. Die Schwäche der Partei gegenüber den Gewerkschaften wie gegenüber den Arbeiterkonsumgenossenschaften liegt darin, daß ihr Lebenszweck nur die Agitation für ganz entfernte Zukunftshoffnungen, nicht praktische Tätigkeit für die Arbeiter ist. Immerhin ist sie, wenn auch nicht so wie die Gewerkschaften, eine Versorgungsstelle für ihre fähigeren und tätigen Mitglieder geworden, und darin liegt ein erheblicher Teil ihres Kittes. Aber es ist immer nur ein Lockmittel für den führenden Teil der Partei. Die Parteibeamten, die ihrem allgemeinen Unterstützungsverband beigetreten sind, nahmen von 1902-1911 von 433 auf 2948 zu; darunter sind auch manche Gewerkschaftsbeamte; aber die Mehrzahl dieser ist hier nicht beigetreten. Der Kern der Partei ist so in gewissem Sinne eine einheitliche Beamtenmaschine geworden. Ihre Führer sind die, welche durch Wahl und Leistungen in der Partei an die Spitze kommen, wachsende Gehalte von 2000-8000 Mark erhalten. Unter den Führern der Partei sind einige jüdische Gelehrte, Rechtsanwälte, Fabrikanten (wie Singer); die Mehrzahl sind die großen Talente aus dem Volke, welche erst Vertrauensmänner und lokale Vorsitzende, dann Redakteure, zuletzt Parteibeamte und Parteiführer, teilweise auch wohlhabende, ja reiche Leute wurden. Der Mann, der die Partei von 1867-1913 in die Höhe führte, ist August Bebel, der preußische Unteroffizierssohn und Leipziger Drechslermeister. Er war ein echter Sohn des Volkes, ebenso proletarisch wie kleinbürgerlich fühlend, urdemokratisch und doch aristokratisch mit dem Gedanken spielend, er stamme vom berühmten Tübinger Professor Bebel aus dem 16. Jahrhundert; heute blutig revolutionär, morgen opportunistisch, heute international, morgen ganz patriotisch; ein Mann von unvergleichlicher Beredsamkeit, den selbst seine Feinde gerne reden hörten. Die Fürstin Bülow sagte mir einmal: »Ich gehe nur in den Reichstag, wenn mein Mann oder Bebel redet.« Ihm verziehen die Genossen auch, daß er hauptsächlich durch Legate von Gönnern ein sehr reicher Mann geworden war. Er übertraf Lassalle und Marx weit an gesundem Menschenverstand. Er wird nie mehr ersetzt werden. Nach seinem und Singers Tode hat man nicht etwa ein großes Talent, wie Frank oder Scheidemann, auf das Präsidium des Parteitages (1913) gerufen, sondern einen braven, bescheidenen Parteibeamten. Eine teils talentvolle und teils mittelmäßige Beamtenschaft bildet jetzt das Ministerium der Sozialdemokratie. Fast höher als die Parteiführer stehen im ganzen die Führer und höheren Beamten der Gewerkschaften, zumal die Leiter der größeren Verbände, wie Schlicke an der Spitze des riesenhaften Metallarbeiterverbandes und Leipart an der der Holzarbeiter; sie verwalten Vermögen von mehreren Dutzend Millionen Mark, haben eine Drittel- bis eine halbe Million Arbeiter hinter sich; sie stehen an Organisationstalent, Macht und Einfluß fast schon ebenbürtig neben unseren großen Kartellhäuptlingen.

Von den 3-4½ Millionen Stimmen der Partei bei den letzten Reichstagswahlen werden nicht ganz eine Million der Partei, 1½ den Gewerkschaften, der Rest den sogenannten Mitläufern angehören. Die letzteren bestehen aus kleinen armen Handwerkern, Heimarbeitern, Krämern, unorganisierten Arbeitern, unzufriedenen kleinen Beamten des Staates und der großen Unternehmungen. Es sind Elemente, die vielleicht noch einmal in die Partei eintreten, die aber auch bei jedem politischen Stimmungswechsel wieder abfallen. Auch von den um andere politische oder gewerkschaftliche Fahnen versammelten Arbeitern stimmen wahrscheinlich manche bei den Wahlen mit den Sozialdemokraten. Aber, wie gesagt, alle diese Mitläufer sind keine sichere Stütze.

Von den anderweitig organisierten Arbeitern sind seit den letzten zehn Jahren einige Gruppen fast mehr gewachsen als die Sozialdemokratie: heute gibt es 0,34 Millionen christlich, 0,76 Millionen konfessionell organisierter Arbeiter; beide zusammen machen eine Million aus, sind also heute schon so stark wie die sozialdemokratische Partei; 0,81 Millionen Arbeiter gehören unabhängigen, 0,1 fortschrittlichen, 0,23 Millionen gelben Verbänden 1912 an. Die sozialdemokratische Partei und die freien Gewerkschaften tragen mit großem Kummer diese wachsende Konkurrenz; sie nötigt sie, ihre natürlich auch vorhandenen radikalen und syndikalistischen Mitglieder im Zaum zu halten. Denn jeder Schritt nach der extrem linken Richtung kommt diesen Konkurrenzorganisationen zugute.

Für die Partei und die freien Gewerkschaften wäre es das Ideal, alle diese Gruppen zu sich herüberzuziehen und an ihrer Spitze zu marschieren, so eine einheitlich organisierte Arbeiterschaft von vier bis sechs Millionen zu schaffen. Das wird freilich in absehbarer Zeit nicht möglich sein. Dazu müßte die Partei zu viele ihrer lieb gewordenen Ideale aufgeben. Aber jeder Schritt in solcher Richtung ist ein Gewinn für die Revisionisten, für die maßvollen Elemente der Leitung. Und ein solcher kam im Februar 1915 auf Grund der heute siegenden Stimmungen zustande. Unter Teilnahme von Minister a. D. v. Berlepsch und Professor Francke, als Vertreter der Gesellschaft für soziale Reform, einigten sich die freien, die christlichen und die deutschen Gewerkschaften über Leitsätze, betreffend die Vereinheitlichung des deutschen Arbeitsnachweises. (»Soziale Praxis« vom 18. Februar 1915.)

Mit jedem weiteren Schritt auf solcher Bahn rücken die freien Gewerkschaften weiter ab von den syndikalistisch-revolutionären Tendenzen innerhalb der deutschen freien Gewerkschaften und von den sozialistischen Parteien unserer romanischen Nachbarn; jeder weitere Schritt solcher Art zwingt auch die sozialdemokratische Partei Deutschlands zu gemäßigterem Auftreten.

Ich habe vorhin das stark übertreibende Wort Michels von 1907 angeführt, unsere deutsche Sozialdemokratie sei nur ein bureaukratischer Wahlapparat, der zur Feigheit und zum Herdengehorsam erziehe. Der Keim von Wahrheit in diesem Vorwurf liegt darin, daß die deutsche Sozialdemokratie und ihre freien Gewerkschaften allerdings mehr und mehr eine Art Bureaukratie und Aristokratie aus sich heraus geschaffen haben, weil sie ohne diesen Apparat nichts Großes leisten konnten. Sie haben aber damit nur dieselben Eigenschaften gezeigt und weiterentwickelt, auf denen auch der deutsche Staat und sein Heerwesen, die Kommunalverwaltung, das Eisenbahnwesen, die Reichsversicherung und vieles andere beruht: Die Fähigkeit unseres Volkes zur Organisation und zur Disziplin. Die Ordnung unserer ganzen Gesellschaft und unseres Staates sowie unserer Volkswirtschaft, unseres Erziehungs- und Bildungswesens beruht auf diesen Eigenschaften. Nur wo ein Volk den richtigen Führern zu folgen fähig ist, kann Großes erreicht werden. Wenn der französische Syndikalismus heute immer wieder die Auflehnung der Massen gegen die Führer, den Elan der Massen predigt, so huldigt er dem Wahn, daß die Menschheit durch Leidenschaft, Kopflosigkeit, Unverstand und nicht durch Vorbedacht, Planmäßigkeit, Überlegung, Zucht und Ordnung vorwärts komme.

Die Webbs haben uns gezeigt, daß die englische Gewerkvereinswelt durch Ausbildung einer Arbeiterbureaukratie und -aristokratie allein zu ihren ganz großen Leistungen kam. Dasselbe gilt für die anderen Länder. Und 1910 hat das endlich auch Dr. Michels in seinem Buche »Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie« zugegeben, freilich unter Beifügung von allerlei Zweifeln. Er zitiert das Wort Mommsens, daß jede Demokratie durch Anerkennung von Führern sich selbst auf die Dauer vernichte, und das Rousseaus, daß es eine wahre Demokratie nie gegeben habe und nie geben werde. Aber Michels hofft dann doch zuletzt auf eine mögliche Vermittlung von Demokratie und Aristokratie. Alle praktische Politik beruht auf solcher.

Die soziale Politik Deutschlands nach wiederhergestelltem Frieden wird hoffentlich vernünftige Wege solch sozialer Vermittlung finden. Sie haben sich seit langem vorbereitet und werden durch die ungeheuren Ereignisse der Gegenwart und ihre Wirkung auf alle Klassen und Parteien gangbarer gemacht werden.

Man muß nur gegenseitig nicht Abschwören der bisherigen Ideale fordern, sondern mit praktischem Verstande sich auf das zunächst am leichtesten Erreichbare unter Vorbehalt der alten Ideale beschränken. Keine Partei kann ihre Ideale je ganz durchsetzen.

Von größeren Gesetzen scheint mir nach wiederhergestelltem Frieden eines über die Zentralisation des deutschen Arbeitsnachweises das erste und wichtigste zu sein; hat es einige Jahre sich bewährt, dann erst ist an die Ordnung der Arbeitslosenversicherung zu gehen.

Andere wichtige soziale Materien durch große Gesetze zu ordnen, möchte ich eher empfehlen, zunächst zu vermeiden und sich darauf zu beschränken, durch kurze Novellen in bezug auf Arbeiterverbände, Streikrecht, Tarifverträge, Vereinsrecht, einige der berechtigtsten Arbeiterwünsche unter billigem Ausgleich mit den Gesamtinteressen und den Arbeitgeberwünschen zu erfüllen. So ist zum Beispiel das Verlangen sicher berechtigt, die Unterstellung der Gewerkschaften unter das Vereinsrecht so zu deklarieren, daß in ganz Deutschland dasselbe gilt; jetzt wird im Norden die Gewerkschaft als politischer Verein behandelt, im Süden nicht.

Mit einer solchen neuen Epoche der sozialen Reform würde nicht mehr von seiten der Regierung zugegeben als das, was Kaiser Wilhelm schon im Anfang seiner Regierung versprach: die Gleichberechtigung der Arbeiter mit den übrigen Gesellschaftsklassen. Die Arbeiter würden dann auch beginnen, einzusehen, daß der Klassenkampf im Sinne der Beseitigung aller Klassengegensätze oder gar der Diktatur des Proletariats utopistische Wahngebilde sind. Sagte doch auch Wolfgang Heine neulich: »Die Klassengegensätze lassen sich nicht beseitigen, und man möchte sie kaum wegdenken, denn sie sind der ewige Antrieb zu neuem Leben in der Nation.«

Klassengegensätze und Klassenkämpfe werden nie ganz verschwinden; aber die Kämpfe mehr und mehr zu ethisieren, sie in den richtigen Schranken zu halten, das heißt in den Schranken friedlichen Ringens um die öffentliche Meinung, um Reformen, das muß das Ziel sein. Die langsame Umbildung und Erziehung der öffentlichen Meinung, der sozialen Überzeugung, die nach und nach auch zu großen Reformen die Möglichkeit gibt, das ist der rechte Weg. Der Weg, der zwar

... Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
Doch von der großen Schuld der Zeiten
Minuten, Tage, Jahre streicht.

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