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Einleitung

Paul Scarron war ein kleiner Abbé, der öfter ins Wirtshaus ging als zur Messe und lieber den lustigen Mädchen seiner Kumpanei Küsse gab, als den frommen Damen des Adels die Kommunion. Man kann sogar sagen, der zierliche Scarron war in jungen Jahren ein Trunkenbold, Mädchenläufer, Spieler und Bambocheur gewesen, der den Degen locker in der Scheide hatte. (Man stach sich damals wegen einer Bagatelle ab.) Es war ja auch nur das kleine Kollet, das Scarron nahm, und dies verpflichtete nicht zu einem kirchlich-tugendhaften Lebenswandel, sondern zur Eleganz, zu Puder auf den Wangen, zu Schuhen mit goldenen Schnallen. Der Abbé trägt – und trug bis zur Revolution – den Degen wie ein Krieger und die Spitzen wie ein Hofkavalier, so hat er Aussehen und Vorteile dreier Stände und alles Glück bei den Frauen, die Beichte und Liebe, Frömmigkeit und Ausschweifung in einem zu haben meinten, hatten sie einen Chypre duftenden Abbé im Bette, wie die Marion de l' Orme den Abbé Scarron. Dem gefiel dieses Leben um so mehr, als er keine frohe Kindheit hatte; und er brachte viele epikurische Talente dafür mit, deren Entfaltung die Zeit günstig war: in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hingen noch Sonnenfäden des Rinasciamento in der Luft, besonders der französischen. Ein Talent nur besass Scarron nicht: im Spiel zu gewinnen. Er verspielte immer bis aufs Hemd in der Gesellschaft von Scudery, Tristan l'Hermite, Rotrou – Dichter und Spieler und Säufer alle drei, Scarron Dichter kaum noch trotz seiner Madrigale und Curanten für die Gelegenheit, die ihn, den zwiefachen Menschen, der er war – massloser Säufer und galanter Schwärmer – nicht nur in die Taverne führte, sondern auch in die vornehme Welt und nicht nur in deren Ruelles.

Da traf ihn das Schicksal. Seine Stiefmutter brachte mit ihren Kindern die häuslichen Verhältnisse in die von ihr gewünschte Ordnung, überzeugte Scarrons Vater, der die Dichter liebte und so auch seinen Sohn, dass es mit dem so nicht weiterginge, dass er vielmehr eine solide Präbende brauche und zu einem Bischof müsse. Die Robe kam Scarron zu früh über sein kleines Kollet. Irgendein fettes Canonicat wünschte er sich ja, für das Alter, aber so weit war er mit seinen dreiundzwanzig Jahren noch lange nicht, als er dem Zwange und der Not doch nachgeben musste. Charles II. de Beaumanoir, Bischof von Mans, erklärte sich bereit, den jungen Abbé als Gehilfen – pour domestique – anzunehmen mit dem Versprechen auf eine spätere Pfründe. Als nach einer letzten durchzechten Nacht Scarron die Postkutsche erkletterte, die ihn nach Mans bringen sollte, tröstete ihn die Versicherung der ihn bis an den Wagen geleitenden Genossen, dass man in der Provinz Maine gut esse, wenig über den Kummer Paris verlassen zu müssen, die Freunde und die Frauen, und die Nächte mit beiden. Und seine Reisegesellschaft war schon ganz erbärmliche Provinz: alte asthmatische Landpfarrer, Kaufleute, ein paar dicke Weiber, Landjunker in dunkelfarbigen Tuchröcken. Aber er fand in seinem Bischof einen geistvollen Herrn, der einen vorzüglichen Tisch führte, und bald Gesellschaft, die ihm behagte, bald auch die Gelegenheiten zu der seiner Natur so nötigen Libertinage. Das half ihm über die noch weiter bestehende Melancholie seines Exils hinweg, und ein anderes noch: der Roman comique, den er hier zum Teil erlebte, zum andern imaginierte. In seinem Buche, das er nach seiner Rückkehr von Mans erst schrieb, steht die Rancune gegen die pedantische und langweilige Provinzgesellschaft, sein Zorn auf die gens d' église und seine heimliche Liebe für das fahrende Volk der Komödianten, deren Leben damals, wie Bruscambille sagte, sans souci et quelques fois sans six sous war, was es auch wohl geblieben ist bis auf heute. Wer Wert darauf legt, wird im Komödiantenroman das einzig vorhandene und reiche Dokument der Provinzsitten und Gewohnheiten der Schauspielernomaden des 17. Jahrhunderts finden. Es ist aber auch dieses noch: das letzte Buch gallischer Art, wenn so zu bezeichnen erlaubt ist, was im Gargantua Rabelais' seinen stärksten Ausdruck, in Pantagruel sein Symbol fand. Schon zeigt ja Scarrons Roman die ersten Anzeichen der französischen Gesittung, in einem die Derbheit entschuldigenden Wort, in einem preziösen Euphuismus der Gefühle bei den eingeschaltenen Novellen. Ganz naiv wie bei dem Meister ist die Ausgelassenheit nicht mehr. Scarrons Leben fällt in die Zeit der Wandlung; er erlebte noch die Diktatur des Hofgeschmackes unter dem vierzehnten Ludwig. Er hat seinen Roman nicht vollendet, vielleicht weil er den natürlichen Ton dafür nicht mehr fand, vielleicht weil er ihn für unzeitgemäss hielt, vielleicht auch weil er dem Diorama seines Erlebten keine romanhaften Schlüsse erfinden wollte. Denn seine Figuren sind nach dem Leben, das keine Fabel hat. Ein Scarronforscher hat sich die Mühe nicht verdriessen lassen, die wahren Personen des Komödiantenromans herauszubringen, die Scarron zu Modell standen. Und die Literaturgeschichte hat Scarrons Vorbilder festgestellt in den spanischen Romanen, dem Gusman d'Alfarache, dem Lazarille de Tormes. In dem Sinne aber, wie wir es verstehen, war die französische Literatur nie eine originale. Das Wort Original ist im Französischen eine Beleidigung fast. Aber die fremde Anregung gab Meisterwerken das Leben. Man blättere in den gleichzeitigen Romanen, nein, man höre nur die Titel: Der Grosse Cirus, Ibrahim Bassa, und Scarrons Originalität wird ganz deutlich werden.

Nicht nur den Roman brachte Scarron aus der Provinz zurück, sondern auch die Gicht oder was es sonst gewesen sein mag, das ihn hinfort zum Krüppel machte, der seinen Nabel nicht sehen, kein Glied sonst als die Finger bewegen konnte. Wie er dazu kam, erzählen nur Anekdoten. Aber der arme Cul-de-jatte verlor die Laune nicht; wenn er auch manchmal nachdenklich wurde, so war es nur für eine kleine Weile, denn Marion war noch immer eine schöne Frau und die jüngere Ninon war es erst recht, und beide waren seine Freundinnen unter vielen. In seinem gelbdamastnen Zimmer brauchte er auf Besuche nicht zu warten, der Doyen des malades de France, wie er sich in einem bösen Pamphlet gegen die Familie seiner Stiefmutter nannte und in den vielen Gedichten, in denen er um Pensionen bettelt, einem Brauch der Zeit mehr folgend als der Not, und schmachvoll höchstens für die Angebettelten. Es ging Scarron nicht schlecht, er brauchte nur mehr als ihm seine Pfründe und die Komödien und burlesken Gedichte, die er schrieb, eintrugen.

Eines Tages kam zu dem Krüppel ein Mädchen, bestellte weinend Grüsse von irgendwem, weinend, da es über seinen gelben Kattunrock längst hinausgewachsen war und sich darob schämte. Briefe dieses Mädchens an eine Freundin las Scarron etwas danach, die ihn rührten. Er sah sie wieder und beschloss sie zu heiraten. Die Frau, bei der das Mädchen wie eine Magd war, half dazu, aus Hass auf das hugenotische Kind, dem sie alles Böse wünschte und nichts schlimmeres finden konnte als diesen gottlosen Krüppel. Scarron verkaufte seine Präbende um 3000 Pfund und gehörte nicht mehr der Kirche. Und heiratete das Mädchen, Françoise d'Aubigné, deren Grossvater der berühmte Verfasser des Divorce satirique, deren Vater ein Falschmünzer und Mörder war, und die unter dem Namen der Madame de Maintenon Königin von Frankreich wurde. Dies aber ist das Zweite, was Scarrons Namen populär erhalten hat.

Scarron wollte eine Pflegerin, die schön anzuschauen war. Wohl dachte er an mehr vor der Eheschliessung. Machte phantastische Pläne, nach den Antillen zu gehen, wo er, wie man ihm sagte, wieder gesund würde. Er blieb in Paris und blieb das unglückliche Z, das er war. Die junge Frau trat ihre Krankenwärterstelle in der Hochzeitsnacht an. Was sie veranlasst hat, Scarron zu heiraten, wird dürftig genug gewesen sein: eine Versorgung wollte die Vielgehetzte, und nach Amerika, wo sie geboren war, sollte sie zurück, was sie nicht wollte. Der Charakter dieser Frau, die um die Weisse ihrer Haut zu erhalten sich die Ader schlagen liess, die mit Ninon unter einer Decke lag, das Weib eines armen Dichters war und dann einen König und ein Reich beherrschte, das Edikt von Nantes, die Dragonnaden in den Cevennen vorbereitete, diese Frau wird nicht ganz deutlich zu machen sein; sie scheint jedesmal eine andere. Wäre Françoise d'Aubigné nach Amerika zurückgekehrt, hätte Louis XIV. weiter in Balletten getanzt, wie Charles I. Stuart seinen Kopf behalten hätte, wäre Cromwell nach Jamaika gefahren, wie er wollte und nicht konnte, da ihm die Schuhe fehlten.

»Was bringt Ihre Frau in die Ehe mit?« fragte der Notar Scarron; der sagte: »Zwei grosse sehr eigensinnige Augen, eine prachtvolle Korsage, ein paar schöne Hände und viel Geist.« Damit, und es war viel, musste sich der Krüppel begnügen, mit dem Anblick und Hören dieser schönen Dinge. »Du solltest ein Kind von ihr haben,« sagte ihm sein Freund Ménage, und Scarron wandte sich zu seinem Kammerdiener: »Mangin, würdest du gern meiner Frau ein Kind machen, wenn ich es befehle?« – »Wenn Sie wünschen, gnädiger Herr, und mit Hilfe Gottes, gewiss.« Er liebte seine Frau zärtlich und seine einzige Sorge war nur ihre Zukunft, wenn er sterben würde.

Scarron starb fünfzig Jahre alt im Jahr 1660 inmitten seiner weinenden Leute: »Ihr werdet nie so viel über mich weinen wie ich euch lachen gemacht habe.«

Sein Name verschwand für lange. Er hatte keinen Nachfolger. Und er verschwand auch, da es nicht anging, die Erinnerung daran zu wecken, dass Madame de Maintenon einmal Madame Scarron gewesen war.

München, 30. September 1908
Franz Blei

Erster Teil

Dem Koadjutor!

Das sagt alles!

Ja, verehrtester Herr, Ihr Name allein hat in sich alle Titel und Elogen, die man den berühmtesten Personen dieser Zeit geben und machen kann. Er wird mein Buch für gut passieren lassen, so schlecht es auch sein könnte; und auch die, welche meinen, ich hätte es können besser machen, werden ohne weiteres zugeben, dass ich es nicht besser widmen konnte. Alles was Sie mir Gutes taten, lässt mich auf Mittel sinnen, Ihnen zu gefallen – was auch ohne Ihre Güte geschähe. So habe ich Ihnen meinen Roman gewidmet, damals schon, als ich die Ehre hatte, Ihnen den Anfang vorzulesen, der Ihnen nicht missfiel. Das hat mir Mut gemacht, ihn vor allem andern zu vollenden; wenn Sie ihn für mehr nehmen als er wert ist oder Ihnen auch nur ein Stück davon gefällt, bin ich der glücklichste Mensch in Frankreich. Aber, sehr verehrter Herr, ich wage die Hoffnung nicht, dass Sie ihn lesen werden; das wäre zuviel verlorene Zeit, die Sie nützlicher zu verwenden wissen. Genug Lohn ist es mir schon, wenn Sie das Buch annehmen und wenn Sie mir auf mein Wort – das ist alles was mir bleibt – glauben, dass ich von ganzen Herzen bin

Ihr sehr ergebener Diener
Scarron


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