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XIV.

Während Schäfer in dem warmen, feuchten und dunklen Badezimmer hilflos auf der Bahre lag, spielte sich im Salon Hattos eine grauenvolle Szene ab.

Doktor Willemoes trat aufgeregt und unvermittelt bei dem Freiherrn ein.

»Guten Abend, Herr Baron, verzeihen Sie, daß ich störe, aber ich komme in einer dringenden Angelegenheit. Ihr Kammerdiener Mops ist plötzlich wahnsinnig geworden. Er ging draußen spazieren, wie mir der Wärter sagte, um Besserung für einen aufgetretenen Kopfschmerz zu suchen. Ich begegnete ihm zufällig und da ist der Anfall über ihn gekommen, er zog hier die Pistole und wollte mich niederschießen. Glücklicherweise war ein Wärter in der Nähe, so daß wir ihn fesseln und in eine Zelle bringen konnten. Es ist ein sehr bedauerlicher Unfall. Wir können natürlich nicht anders als unsre Pflicht tun, wir müssen der Behörde Anzeige erstatten und den Kammerdiener an die Landesirrenanstalt überweisen.«

Hatto konnte vor Schreck anfänglich nicht sprechen. Er durchschaute mit einem Blick die ganze Situation und wußte sofort, daß dieser unheimliche Mann falsches Zeugnis gegen seinen treuen Begleiter ablegte. Aber was sollte er tun? Sein Instinkt riet ihm, zunächst zu schweigen und abzuwarten. Um jeder Gefahr zu begegnen, hatte er ja das zweite Exemplar der Browningpistole in der Tasche. Aber wenn Doktor Schäfer draußen im freien Park überwältigt worden war, so würde er hier, innerhalb der vier Wände, wo alle Hilfskräfte der Anstalt zur Verfügung waren, gar nicht dazu kommen, sich zu wehren. Er tat also das Beste, was er in diesem Falle tun konnte, er schwieg und blickte den unheimlichen Arzt entsetzt an.

»Ich begreife Ihren Schreck, Herr Baron, denken Sie, welch entsetzlichen Gefahren Sie ausgesetzt waren, ein wahnsinniger Diener, er konnte Sie ja im Schlaf ermorden.«

Der Schrecken …. War das etwa der Weg, den der Mörder gehen wollte …. wahnsinniger Diener, im Schlaf ermorden. Der Schrecken lähmte ihm fast die Sinne.

»Aber Herr Doktor, Mops war ja ganz vernünftig.«

»Ja, er war ganz vernünftig, so etwas bricht manchmal plötzlich aus, sein Kopfschmerz …. Es scheint doch, daß die Luft auf Ihrem Gut, oder Einflüsse der Bodenausdünstungen ungünstig auf die Nerven wirken.«

Hatto erlangte allmählich seine Fassung wieder.

»Herr Doktor, wenn mein Diener wahnsinnig geworden ist ….«

»Ja, Sie können sich schon auf das Urteil eines Irrenarztes verlassen.«

»Gut, ich will ihn sofort sehen, will wissen, was mit ihm geschieht.«

»Was mit ihm geschieht, habe ich Ihnen ja gesagt. Und ihn sehen, ich kann das als Arzt nicht zugeben.«

»Aber ich will es.«

Hatto wurde heftig.

»Ich will es nicht ….« Der Doktor bohrte seine Augen tief in die Hattos …. »Und mein Wille entscheidet hier. Mir ist die Sorge für Ihr Wohl übertragen, ich kann nicht zugeben, daß Sie eine Aufregung erleiden, die Ihnen unbedingt schaden muß.«

»Ich wünsche, diese Anstalt sofort zu verlassen.«

»Heute Abend geht das nicht mehr, Herr Baron. Wie würde das aussehen, wenn Sie plötzlich unser Haus verließen.«

»Ich bin doch ein freier Mann.«

»Sie sind in erster Linie ein kranker Mann, Herr Baron, und ich kann nicht zugeben, daß Sie die Anstalt verlassen, ehe Sie geheilt sind.«

»So wünsche ich, Herrn Doktor Mühlfort sofort zu sprechen.«

»Das wird leider nicht möglich sein, da der Herr Chef nicht zugegen ist und ich ihn vertrete.«

»Das heißt also, Sie halten mich hier fest, sperren mich ein, und berauben mich der Freiheit.«

»Mein sehr verehrter Herr Baron, ich bitte Sie, Ihre Ausdrücke sorgfältiger zu wählen, es sperrt Sie niemand ein, es beraubt Sie niemand Ihrer Freiheit, wir sind hier alle aufs äußerste für Ihr Wohl besorgt.«

»Und ich sage Ihnen, daß ich hier herauskomme, und zwar sofort, und wenn es nicht geschieht, dann ….« Er rannte nach der Tür und wollte sie aufreißen, aber nun entdeckte er, daß sie fest verriegelt war. Er warf sich mit der ganzen Wucht seines Körpers dagegen, so daß die Tür in allen Fugen knackte.

»Herr Baron, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Ihnen die Zwangsjacke anlegen muß, wenn Sie sich nicht ruhig verhalten.«

»Ich bin nicht verrückt, ich will heraus aus diesem Hause, ich lasse mich nicht ermorden ….« Und wieder warf er sich mit aller Wucht gegen die Tür.

Mit einer kurzen Drehung hatte Doktor Willemoes den Riegel von innen geöffnet, die Tür gab nach und Hatto taumelte hinaus auf den Korridor, zwei Wärter in die Arme, die ihm plötzlich ein seltsames Gewand von hartem Zwillich überwarfen und festschnürten, so daß ihm jede Bewegung unmöglich war. Er wurde zurückgebracht in sein Zimmer. Doktor Willemoes zog aus seiner Brusttasche eine Morphiumspritze, füllte sie und machte dem Unglücklichen unter der Assistenz der beiden Wärter eine starke Einspritzung. Dann klingelte er, und als die Oberin erschien, verlangte er Eis, legte es auf Hattos Kopf und blieb ungefähr eine Viertelstunde bei dem regungslos mit entsetzten, offenen Augen Daliegenden sitzen.

Allmählich tat das Morphium seine Wirkung und Hatto wurde müde. Die Ereignisse des Tages begannen in tollem Wirbel in seinem Gehirn zu spuken. Lauter rote Sonnen tanzten ihm vor den Augen. Dann wurden die Sonnen zu blauen Luftschiffen, von denen eins einen mächtigen Anker auswarf, der eine Ratte zerquetschte, die am Boden hinlief. Und plötzlich verwandelte sich die Ratte, und es war Kleißt, der mit zertrümmertem Schädel und einem schaurigen Lächeln auf den bläulich-weißen Lippen vor ihm stand. Kaltes Entsetzen überrieselte den Phantasierenden, als er jetzt auf einmal sah, wie der blutende Kleißt die Siegnis um die Taille faßte und mit ihr tanzte, nicht auf dem Feld, nicht im Zimmer, sondern auf der gelben, trügerischen Decke des großen Moors. Dann kam ein großer Mann über die Heide und auf die beiden zu, zog seinen Rock aus und hielt ihn vor sie hin, alsbald wurde alles schwarz, ein seltsames Brausen und Klingen drang aus phantastischer Ferne zu ihm, und dann hörte jede Erscheinung auf.

Doktor Willemoes nickte und erhob sich von dem Sessel.

»Er schläft, Sie beide bleiben hier, und ich mache Sie verantwortlich für die Sicherheit des Kranken. Sie haben gesehen, daß er einen gefährlichen Tobsuchtsanfall bekam. Seien Sie äußerst vorsichtig, sobald er erwacht, klingeln Sie nach mir, ich werde nicht zu Bett gehen. Guten Abend.«

»Guten Abend, Herr Doktor.«

Willemoes begab sich nunmehr in das Kellergeschoß, wo die Wirtschafts- und Baderäume lagen und ließ sich die Zelle aufschließen, in die man den vermeintlichen Kammerdiener gebracht hatte. Mit schnellem Griff schaltete er das elektrische Licht ein und blickte nun höhnisch lächelnd den hilflos gebundenen Daliegenden an.

»Sagen Sie mal, Herr Kammerdiener, Ihnen hat man es gewiß nicht an der Wiege gesungen, daß Sie noch einmal bei einem vornehmen Herrn dienen müßten.«

»Wollen Sie mich nicht länger gefesselt halten. Mein Herr ängstigt sich, wenn ich nicht um ihn bin.«

»Ihr Herr hat eine Morphiumspritze bekommen, die ihn für die nächsten vierundzwanzig Stunden jeder Angst überhebt. Er fiel in Tobsucht, ich mußte ihn durch zwei Wärter niederwerfen lassen, nun liegt er in tiefem Morphiumschlaf, sorgen Sie sich nicht um ihn.«

»Gauner!«

»Sagen Sie, ich war kurz nach Beendigung meiner Studien Prosektor bei Virchow. Da fiel mir unter den Studenten einer auf, der auffallend Ihnen glich, er hieß Schäfer, ist nachmals Arzt in Berlin gewesen. Sind Sie vielleicht mit ihm verwandt? Er sieht Ihnen furchtbar ähnlich, man könnte Sie für seinen Bruder halten.«

»Scheusal! Sage, was Du mit mir vorhast, aber erwarte nicht, daß Du mich zittern siehst.«

»Nun duzt er mich sogar. Ei, ei, Möpschen, warum so vertraulich, Du denkst wohl, es geht in einem hin, nicht wahr? Schimpfe Dich nur satt, Freundchen, das erfrischt die Nerven. Ich kann Dir sagen, daß Du dieses Haus doch nicht mehr lebend verläßt. Solche Leute, die mit Browningpistolen auf andere zielen, kann man nicht frei in der Welt herumlaufen lassen, die muß man unschädlich machen. Aber Du sollst nicht sagen, daß ich den kollegialen Anstand verletzt hätte. Du bist Arzt, und wie ich glaube, ein sehr tüchtiger Arzt. Wir Ärzte stehen ja mit dem Tode auf Du und Du, nicht wahr? Du kannst Dir also die leichteste Form wählen, willst Du Morphium, willst Du Kokain, willst Du Blausäure, drei gute Mittel, drei schnelle Mittel. Zu Kurare rate ich Dir nicht, man weiß nicht, ob die kurze Zeit, die bis zum Verlust des Bewußtseins verstreicht, nicht große Qualen birgt. Ich glaube, Morphium ist immer das angenehmste, meinst Du nicht auch, Möpschen?«

Schäfer überlegte sich, ob er dem Teufel überhaupt noch antworten sollte, es war ja zwecklos. Offenbar hatte er seinen Tod beschlossen, und wollte sich nur noch an seiner Angst weiden, aber die Freude würde er ihm nicht machen. Da schoß ihm plötzlich, während der unheimliche Besucher seinen teuflischen Spott weiter über ihn ausschüttete, der Gedanke an Lippe durch den Kopf. Wo mochte der Detektiv geblieben sein, warum hatte er das Loch im Zaun nicht gefunden? …. Gleich, als ob Willemoes seine Gedanken erraten hätte, begann dieser:

»Siehst Du, Möpschen, ich bin doch etwas schlauer, als Du und Dein Herrchen. Es kam mir gleich ungewöhnlich vor, daß der Herr Baron seinen Kammerdiener mitbringen wollte. Darum habe ich mir diesen etwas genauer angesehen. Und da man etwas Physiognomiegedächtnis hat, so erkannte ich den Kammerdiener auch leicht wieder. Von diesem Augenblick an stand für mich fest, daß man falsches Spiel mit mir treiben wolle, daß ich in eine Falle gelockt werden solle, und da habe ich es vorgezogen, selbst die Falle zu stellen. Ich habe die beiden Herren wohl beobachtet, als sie im Garten zusammen sprachen. Wohl zwanzig Minuten bin ich ungesehen neben ihnen hergegangen, und habe kein Wort der interessanten Unterhaltung verloren.«

»Satan!« zischte Schäfer dazwischen.

»Ich habe mir auch wohl gedacht, daß das große Interesse des Möpschens für unsern Park einen geheimen Grund haben müsse. So entdeckte ich die Lücke im Zaun. Natürlich war sie innerhalb der nächsten Viertelstunde ausgebessert …. Es geht ja doch nicht, daß in einer Anstalt solche Lüderlichkeiten durchgehen. Leider bin ich ganz allein und kann auf die Mitwirkung keines der Wärter rechnen. Ich kann auch keinen Menschen einweihen in meinen Plan, aber Möpschen hat es mir ja leicht gemacht, Möpschen spielte, ohne es zu wollen, den wilden Mann und da konnten wir ihn fesseln und in eine Badestube sperren. Jetzt muß ich mir nur überlegen, wie wir das Möpschen für ewig stumm machen, ohne Aufsehen zu erregen. Zunächst werden wir ganz systematisch vorgehen. Ich werde zwei Wärter schicken und Dir einen kalten Kopfguß erteilen lassen. Das macht sich gut und verpflichtet zu nichts. Guten Abend, Möpschen.«

»Hol Dich der Teufel, Bandit! Gauner! Mörder!«

Doktor Willemoes warf die Tür zu und sah den draußen harrenden Wärter bedeutungsvoll an:

»Haben Sie gehört, in welchem Zustande der arme Kerl ist, er hält mich für einen Mörder.«

»Wie das nur so plötzlich gekommen sein mag, Herr Doktor?«

»Gott, lieber Kranzow, so etwas tritt häufig plötzlich auf, der Mann scheint mir ein Trinker zu sein.«

»Ja, ja, da oben in Ostpreußen, wo der Baron her ist, da trinken sie den Schnaps aus Wassergläsern.«

»Nehmen Sie sich noch einen Wärter und machen Sie dem Kranken einen Kopfguß, dann ein kaltes Ganzbad und danach wickeln sie ihn in warme Tücher und bringen ihn zu Bett nach Sechzehn, dort ist ja wohl frei?«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Aber daß er sich nicht rühren kann, er schlägt sonst alles kurz und klein, und könnte vielleicht noch Selbstmord begehen, Sie sind mir verantwortlich für den Kranken, hören Sie.«

»Jawohl, Herr Doktor, es wird alles pünktlich besorgt.«

»In einer Stunde wünsche ich Bericht.«


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