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VIII.

Als Mohrungen hinunter kam, fand er die beiden Berliner Herren beim Frühstück am Tisch sitzen, aber Lippe war nicht zugegen. Das fiel ihm auf. Er fragte seinen alten Diener, ob sein Freund weggegangen sei.

»Ich kann es nicht sagen, gnädigster Herr Baron, ich glaube, der Herr Hauptmann wollte die Mamsell etwas fragen.«

»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Herr Baron,« nahm jetzt Doktor Schäfer das Wort, »Freund Lippe hat einen eiligen Weg, er hofft in einer halben Stunde wieder bei uns zu sein.«

»Nun, ich heiße die Herren herzlich willkommen, unter meinem Dach, und bitte Sie, sich als liebe Gäste zu betrachten. Ich bedauere nur, daß so traurige Veranlassung Sie hergeführt hat.«

»Leider werde ich gar nicht viel ermitteln können,« meinte der Kriminalkommissar, »mein Buff hat zwar eine ganz phänomenale Nase, ob er aber nach dem Regen noch eine Spur findet, das scheint mir sehr zweifelhaft. Immerhin muß der Versuch gemacht werden, und ich werde Sie bitten, uns sobald wie möglich, an Ort und Stelle zu bringen.«

»Gewiß, wir werden sofort nach dem Frühstück hinausfahren, Romeikatis, lasse anspannen, aber den Landauer, falls der Regen von neuem beginnen sollte.«

Niemand hätte es dem Freiherrn angemerkt, welch furchtbare Aufregung er am Tage vorher durchgemacht hatte. Er schien beinahe vergnügt, ja, er lächelte sogar über die kleinen Scherze, die bei Zigaretten und Likör der Berliner Kriminalbeamte erzählte. Trotz alledem kamen seine Gedanken nicht von dem einen Punkt los, immer und immer wieder mußte er sich sagen: Cornelia verloren, alles Glück ausgetilgt aus meinem Leben. Dann aber war es ihm wieder, als ob sich eine schwarze Wolke um seinen Kopf hüllte, die ihn völlig von der Außenwelt abschloß. Nur ganz entfernt hörte er seltsame Worte klingen, und es täuschte ihn fast, wie wenn er Cornelias Stimme erkannte, die ihm Mut zusprach und ihn aufforderte, nicht zu verzagen. Es müsse ja schließlich doch alles noch gut werden. In solchen Augenblicken beteiligte er sich mit keinem Wort am Gespräch. Seine Augen starrten ins Leere, und er gab nur halbe oder ganz unzutreffende Antworten.

Dem eben angekommenen Arzt entging die seltsame Veränderung nicht, die dann in ihm vorging. Er beobachtete ihn mit besorgten Blicken und riß ihn durch eine energische Frage aus dem seltsamen Dämmerzustände empor, in den er ganz unvorhergesehen mitten in der Unterhaltung zu fallen schien.

Kriminalkommissar Boderke bemerkte nichts von alledem. Er hatte ja keine Ahnung, welch unheilvolle Tragödie auf Schloß Mohrungen spielte.

Ganz anders als Lippe faßte er den Fall Kleißt an. Er war ein vorzüglicher Praktiker, mit den Schleichwegen der Verbrecher aufs engste vertraut, aber ihm fehlte das leidenschaftliche Temperament Lippes. Der Fall war für ihn etwas außerhalb seines Seelenkreises Stehendes, eine Amtshandlung, die er mit allem Scharfsinn und einer nicht gewöhnlichen Willenskraft durchführte. Sein Herz blieb dabei unbeteiligt. Die Menschen, die in dem Fall eine Rolle spielten, berührten ihn nicht, während Lippe Anteil nahm. Lippe haßte seinen Gegner und erwärmte sich schnell für seinen Klienten. Er nahm Partei, und die Tatsache, daß er einem Verdächtigen gegenüber oft seinen Unmut nicht verbergen konnte, hatte ihn um manchen schönen Erfolg gebracht. In anderer Beziehung aber gewann er durch dieses Parteinehmen für und wider eine Energie zur Verfolgung der aufgefundenen Spur, die auch dann nicht erlahmte, wenn ihm turmhohe Hindernisse in dem Weg lagen. Er hätte niemals wie Boderke vergnügt am Frühstückstisch die neuesten Börsenwitze erzählen können, wenn er mit einer großen Sache beauftragt war. Er kam dann nicht davon los, unablässig mußte er daran denken und arbeiten, selbst der Schlaf war nicht frei von Träumen aus der Welt des Kriminalfalles, der ihn beschäftigte.

Eine halbe Stunde etwa saßen die drei Herren noch am Frühstückstisch, da kam Lippe zurück. Er war ruhig und wich jeder Frage über sein Wegbleiben aus. Doktor Schäfer, der seit Jahren sein Mitarbeiter war, wußte, daß er irgendeine wichtige Entdeckung gemacht hatte. Dann nämlich war sein Geist derart beschäftigt, daß er von der gesamten Außenwelt keine Notiz nahm.

Er setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, an den Tisch, goß sich ein großes Glas Chartreuse ein und zündete sich eine Zigarette an.

»Na, alter Junge,« klopfte ihm jetzt Boderke auf die Schulter, »wie geht es Dir denn eigentlich? Man hört und sieht nichts von Dir und muß im Walde streifen, wenn man Dich [sehen] will.«

»Ach, lieber Boderke, unser Beruf ist schwer und mühevoll.«

»Na, Du brauchst Dich doch nicht zu beklagen, Du hast es doch geschafft. Der Vertrauensmann der großen Bankhäuser, der kriminelle Berater des ostelbischen Hochadels, Du kannst doch nicht von einem schweren Beruf reden. Aber wir, die wir im Schematismus und Bureaukratismus ersticken.«

»Das ist eine Redensart, Boderke, die vielleicht vor 20 Jahren zugetroffen hat, gegenwärtig ist die Berliner Kriminalpolizei die modernste in der ganzen Welt, und von Bureaukratismus ist wirklich nichts zu spüren.«

»Ich will Dir Deine gute Meinung nicht nehmen, lieber Kollege.«

»Mir ist nichts bekannt von Bureaukratismus und Schematismus, wie Du sagst. Ich habe stets das freundlichste Entgegenkommen gefunden und eine Unterstützung, die gar nichts Bureaukratisches zeigte.«

»Und heute, heute ist gerade das Umgekehrte der Fall, heute wendet sich die Behörde an Dich um Unterstützung …. Wie Du weißt, bin ich hergeschickt, um den geheimnisvollen Mord an dem Rittmeister von Kleißt auszuklären. Du bist ja wenige Stunden nach der Tat an der Leiche gewesen und kannst den Fall am besten beurteilen. Wie ich aus den Akten ersehe, hat auch bereits ein Hund mitgewirkt und den Kerl aufgefunden, der die Leiche bestahl. Deine Kombination, daß der Mord mit einem Bootsanker geschehen sei, hat sehr viel Bestechendes, aber das Stückchen gedrehte Schnur, das sich in den Händen der Leiche befand, rührt, glaube ich, nicht von einem Hochseefischnetz her.«

»So, meinst Du?«

»Nein, ich meine nicht, sondern ich habe bereits Erhebungen in dieser Richtung angestellt, und es hat sich ergeben, daß die Leute hier in der Umgegend in einer großen Netzstrickerei ihre Fischereigeräte kaufen. Diese Netzstrickerei erklärte mit aller Bestimmtheit, die Schnur sei nicht ihre Fabrikation. Es ist nun äußerst schwierig, und wird die Untersuchung lange aufhalten, wenn wir die Herkunft der Schnur eruieren wollen. Aber ich muß den weiten Weg gehen, denn es ist schließlich das einzige, was uns auf die Spur des Täters führen konnte. Ich habe darum das corpus delicti nach Berlin geschickt, damit es die Berliner Sachverständigen untersuchen können …. Sie müssen wissen, Herr Baron,« wendete er sich jetzt an Mohrungen, »in Berlin gibt es Sachverständige für alles, und ich bin fest überzeugt, daß der Obermeister der Seilerinnung mit ziemlicher Sicherheit feststellen wird, welcher Art dieses Stückchen Schnur ist.«

»Gewiß wird das von wesentlichem Vorteil sein, lieber Boderke, aber ich glaube, wir müssen schnell handeln und nicht erst warten, bis wir von Deinem Obermeister Nachricht haben. Vor allen Dingen müssen wir sehen, was Buff noch leisten kann.«

»Dann, meine Herren,« erklärte Mohrungen, »ist es jetzt Zeit, daß wir aufbrechen, denn wie ich höre, ist unser Wagen vor dem Hauptportal vorgefahren.«

Im Hinausgehen schob Doktor Schäfer seinen Arm unter den Lippes und zog ihn etwas beiseite.

»Sag' mal, lieber Freund, Du siehst aus, als ob Du eine Entdeckung von Wichtigkeit gemacht hättest.«

»Ja, das habe ich auch. Du weißt doch aus meinen Informationen, daß die Köchin dringend verdächtig ist, das Morphium in den Kaffee gemischt zu haben.«

»Ja, ja, und Du hast wohl jetzt ihre Sachen untersucht?«

»Bis aus das kleinste Papierschnitzelchen ….«

»Und? ….«

»Ich habe nichts gefunden, was diesen Verdacht bestätigt …. Das ist freilich kein Grund, nicht trotzdem an der Idee festzuhalten, aber jedenfalls wissen wir noch nichts. Du bist ja jetzt hier, und vier Augen sehen mehr als zwei, sobald wir wieder vergifteten Kaffee haben, muß die Untersuchung so schnell eingeleitet werden, daß keine Zeit bleibt, die Spuren zu verwischen. Wir müssen dann eingehend mit dem Baron sprechen, denn meine Tätigkeit kann hier in den nächsten zwei Stunden beendet sein. Wie mir scheint, spielen die Fäden nach Berlin hinüber …. Wir wollen jetzt nicht solange darüber sprechen, ich brauche meine volle Kraft für die Untersuchung des Falles Kleißt. Haben wir da erst Licht, können wir da erst die Hand auf den Mörder legen, ist der Fall Mohrungen auch klargestellt.«

»Bitte, meine Herren, wir wollen einsteigen.«

»Ah, da ist ja Buff.«

Lippe beugte sich zu dem stichelhaarigen Pointer herunter und streichelte ihm den Kopf. Der Hund blickte ihn an und erkannte ihn sofort wieder. Er wedelte mit der kurz geschnittenen Rute und sprang mit beiden Vorderpfoten an ihm empor.

»Na, mein Alter, Du kennst mich ja noch. Ich habe ja mit Dir und Deinem Herrchen manchen Zug gemacht, nicht wahr, mein Hundchen?«

»Ein Kleidungsstück von Kleißt, das er zuletzt getragen, ein Oberhemd oder so etwas, hast Du wohl mitgebracht, Lippe?« fragte Boderke.

»Ja, ja, seine Hausjacke ist in dem kleinen Handkoffer, der oben beim Kutscher steht.«

»Gut ich kann Dir ja gestehen, daß ich Buff schon einmal auf der Spur hatte vor dem heftigen Regen und zwar mit der Witterung des Schnurendchens, weil nichts anderes zur Hand war. Die Kleidungsstücke Kleißts, die er in der Mordnacht trug, sind durch den Verwesungsgeruch der Leiche völlig verwittert und unbrauchbar, selbst für eine Hundenase.«

Eine Stunde später hielt der Wagen an der Mordstelle. Es hatte sich seit der Entdeckung der Tat hier nichts geändert, nur daß ein wilder Regen über die Heide hinweggerauscht war. Aber auch das schien nicht so schlimm, denn das dichtstehende kurzstämmige Heidekraut hatte viel aufgefangen und keine großen Veränderungen auf dem Boden zugelassen.

Die vier Herren stiegen aus. Buff bekam die Witterung von Kleißts Hausjacke und wurde auf die Stelle geführt, wo die Leiche gelegen hatte. Der kluge Hund schnupperte am Boden herum, ging einige Schritte zur Seite, kam wieder zurück, sah seinen Herrn unschlüssig an, schnupperte wieder am Boden, machte dann ein paar Sprünge in der Richtung nach dem Haff, blieb stehen, windete mit der Nase in die Luft und schnürte dann ganz langsam auf die Küste zu, immer die Nase im Heidekraut.

»Lippe, tue mir doch den Gefallen und komm mal her. Bist Du der Richtung des Hundes gut gefolgt …. aber danach brauche ich doch nicht zu fragen, selbstverständlich hast Du Deine Augen am Boden gehabt, ich möchte nur wissen, ob Dir dieselbe Erscheinung aufgefallen ist wie mir.«

»Wenn Du die abgerissenen Erikablätter meinst, die in der Richtung des Hundes gehen, ja, die sind mir aufgefallen.«

»Siehst Du, alter Junge, Du hast es also auch bemerkt. Und bist Du nicht meiner Ansicht, daß hier das Mordinstrument, meinetwegen der Anker, über den Boden geschleppt worden ist, oder wenigstens, daß er nicht über die Schultern, sondern an der einen Hand hängend, getragen wurde. Von Zeit zu Zeit hat dann das scharfe Eisen die Erikaköpfe berührt und hier und da abgerissen.«

In diesem Augenblick gab der Hund Laut, blieb stehen und blickte sich nach seinem Herrn um.

»Komm schnell, Buff hat was.«

Die Untersuchung ergab zuerst gar nichts, als aber der Hund immer wieder mit der Nase auf den Boden stieß, bogen die beiden Kriminalisten das Heidekraut auseinander und es fand sich dort ein Stückchen dunkelrötlichbrauner Masse, etwa von der Größe eines Talers, das einen üblen Verwesungsgeruch ausströmte.

»Berühre es nicht, Boderke, wir haben ja jetzt Doktor Schäfer.«

»Was ist mit dem Doktor?« fragte Schäfer und kam heran.

»Bitte, hier ist ein offenbar animalischer Überrest, stelle doch einmal fest, worum es sich handelt.«

Doktor Schäfer nahm sein Taschenbesteck heraus, legte das Gefundene auf eine Glasplatte und machte einen Querschnitt durch die Mitte, dann löste er eine Millimeter dünne Scheibe ab, klemmte sie zwischen zwei Glasplättchen und schob sie unter das Taschenmikroskop.

Nachdem er eine Zeitlang beobachtet hatte, erklärte er mit aller Bestimmtheit:

»Es ist ein Stückchen Hirn und zwar Säugetierhirn, ob es von einem Menschen herrührt, kann ich nicht sagen. Ich möchte es aber fast glauben. Wenn wir zu Hause sind, kann ich es natürlich in kurzer Zeit mit aller Bestimmtheit feststellen.«

Die beiden Kriminalbeamten sahen sich bedeutungsvoll an und folgten dem weiterschnürenden Buff.

Nach Verlauf von einer Viertelstunde schob sich ein Stückchen Wald in die Heide vor, und als Buff an den Rand kam, blieb er unschlüssig stehen. Dann hob er den Kopf und windete an einer schlanken Kiefer in die Höhe, die etwa in Manneshöhe frische Spuren einer Verletzung durch ein spitzes Instrument trug. Es war, als ob mit einem scharfen eisernen Haken an dem Stamm gekratzt worden wäre. Auf dem Boden lagen ein paar kürzlich abgerissene Zweige, sonst war nichts zu entdecken.

Boderke schickte den Hund in den Wald hinein, aber er lief hin und her und konnte die Spur nicht wieder finden. Auch als man den Wald durchschritten hatte, wo sich jenseits die Heide stundenlang bis an die Dünen hindehnt, gelang es nicht, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden.

»Was sagst Du nun, Lippe?«

»Scheinbar ist das Mordinstrument hier im Walde geblieben.«

»Dann muß es der Hund finden.«

Der Hund fand aber nichts, trotzdem die Untersuchung peinlich bis zum späten Nachmittag fortgesetzt wurde. Boderke stand vor einem Rätsel. Was war geschehen, war der Mörder durch die Luft davon geflogen, oder war er auf die Bäume geklettert und hatte sich dort in der Angst vor den Polizeihunden verwittert? Er brauchte sich ja nur den ganzen Körper mit Kiefernadeln und frischen Zweigen einzureiben, die Stiefelsohlen damit zu bestreichen und wieder vom Baume herunterklettern, dann hatte er einen Geruch angenommen, der ihn wie ein Mimikry gegen die beste Hundenase schützte. Sicherlich war das geschehen. Boderke teilte seine Wahrnehmung Lippe mit, und dieser nickte beifällig mit dem Kopf.

»Siehst Du, lieber Kollege, seitdem eine Zeitschrift für Polizeihunde existiert, seitdem die Taten Buffs in der ganzen Welt bekannt sind, haben die Gauner schon gelernt, mit der Verfolgung durch Polizeihunde zu rechnen. Sie verwittern sich auf irgendeine Weise, hier war es ja nun sehr leicht möglich, denn nichts wirkt stärker als Kiefernnadeln und der terpentinhaltige Saft der jungen Kiefernzweige.«

»Es ist immer sehr schwer, Lippe, wenn man einige Tage zu spät an den Ort der Tat berufen wird, noch etwas von Bedeutung festzustellen.«

»Aber ich bitte Dich, Du hast doch eine äußerst wichtige Entdeckung gemacht. Die Fluchtrichtung des Verbrechers ist da, sie wendet sich nach dem Haff und deckt sich daher auch mit meiner Kombination, daß ein Bootsanker das Mordwerkzeug war. Wenn auch festgestellt ist, daß das Stückchen Schnur in der Hand des Toten nicht von einem Netz herrührt. Ein Fischer oder ein Seemann wird der Mörder wohl gewesen sein, denn diese tragen ja immer die Taschen voll Bindfaden mit sich herum.«

»Jedenfalls ist hier nichts mehr zu entdecken. Ich glaube daher, wir können ruhig nach Hause fahren. Wann trifft die Berliner Post ein, Herr Baron?«

»Wir bekommen auf Mohrungen nur einmal Post und zwar am Vormittag. Ich ordne deshalb immer an, daß Sachen, die mit den Nachmittagszügen eintreffen, durch Eilboten bestellt werden. Jetzt in dieser Zeit lasse ich besonders in Kallningken abholen. Wenn wir nach Hause kommen, wird der Bote gerade angekommen sein.«

»Es ist mir interessant, was der Gerichtschemiker und der Obermeister der Seilerinnung herausgefunden haben. Vielleicht kommt uns von dort her ein Fingerzeig.«

Der Fingerzeig kam auch, aber der Fall wurde dadurch nur noch dunkler. Der Gerichtschemiker hatte die Bestandteile des Schnurendes ganz genau untersucht und festgestellt, daß sie aus reinem russischen Hanf bestanden. Fingereindrücke oder sonstige Merkmale, die auf den Besitzer der Schnur hätten hindeuten können, fehlten gänzlich. Der Obermeister der Seilerinnung erklärte mit aller Bestimmtheit, daß Schnuren, von denen das vorliegende Ende stammte, nur zu einem einzigen Zweck angefertigt würden und zwar, um die Netze zu stricken, die den Körper der Freiballons umspannen. Diese Ballonschnüre müssen außerordentlich dünn und sehr fest sein.

»Eine recht eigentümliche Geschichte,« meinte Boderke, »aber ich kann mir schon denken, wie die Schnur in die Hand des Toten gekommen ist. Bei dem kolossalen Aufschwung, den die Luftschiffahrt genommen hat, gehen bald hier, bald da an allen Enden unseres lieben Vaterlandes Ballons in die Luft und wieder nieder. Besonders an der Küste dürfte es sehr leicht möglich sein, daß ein Luftschiff gelandet ist. Vielleicht hat es auch Havarie erlitten, Leute vom Feld sind zugesprungen und haben geholfen, das Fahrzeug zu bergen, dabei ist in einer der hilfreichen Hände die charakteristische Schnur hängen geblieben. Du hast ganz recht, Lippe, Fischer und Seeleute stecken alles, was sie an Bindfaden und Schnur ergattern können, in die Tasche. Wir müssen also versuchen, nach dieser Richtung hin Erhebungen anzustellen …. Ich habe eigentlich noch gar nicht gefragt, lieber Kollege, warum Du hier bist.«

»Ach, nichts Besonderes, ich bin mit Mohrungen seit lange befreundet und habe eine kleine Geschichte für ihn zu erledigen.«

»Aha, ich kann mir denken, noch aus den lustigen Leutnantsjahren ….« Boderke zwinkerte mit den Augen, und Lippe zwinkerte gleichfalls.

»Aber Du mußt nicht darüber reden.«

»Natürlich nicht …. ist ja ein so charmanter Herr, der Mohrungen, ein sehr charmanter Herr. Habe es ihm doch gleich angesehen. Ich sage immer, stille Wasser sind tief.«

»Du hast aber einen höllisch scharfen Blick, Boderke, tue mir nur den einzigen Gefallen und lasse nichts merken, das würde Mohrungen sehr verstimmen.«

»Unsinn, ich bin doch kein altes Waschweib. Im übrigen, wenn Du meiner bedarfst, ich bin gern bereit, Dich zu unterstützen. Weißt ja, vier Augen sehen mehr als zwei.«

»Ganz recht, Boderke.«

Am andern Tag fragte Lippe den Hausherrn, ob er ihm für den Tag einen Wagen zur Verfügung stellen könne. Er habe dem Grafen Liebenau versprochen, ihn einmal zu besuchen und er wolle das nicht länger aufschieben.

Mohrungen sah den Kriminalisten fragend an.

»Es ist eine höchst wichtige Mission, vielleicht bleibe ich länger als einen Tag. Sie können Doktor Schäfer ganz unbedingt vertrauen. Es ist genau so, als ob ich selbst bei Ihnen wäre.«

»Wann wollen Sie fahren, in einer halben Stunde, in einer Stunde?«

»Sobald angespannt ist.«

»Sie werden vielleicht unverhofft kommen und meinen Schwager gar nicht antreffen.«

»Das macht nichts, die Hauptsache ist, daß ich komme und daß ich mich über einige Dinge, die zu wissen notwendig sind, informieren kann. Sollte Boderke nach mir fragen, dann erklären Sie ihm einfach, ich hätte eine Einladung aus der Nachbarschaft angenommen und würde auf den Abend wieder zurück sein.«

*

Lippe hatte sich zwei Tage als Gast des Grafen Liebenau auf dessen Gut aufgehalten und war ohne noch einmal nach Mohrungen zurückzukehren, gleich nach Berlin gefahren. Der Freiherr hatte nur eine ganz kurze Mitteilung erhalten, er solle nicht in Sorge sein, ein eingehender Bericht werde folgen. Das geschah auch, aber so dürftig, daß Mohrungen absolut keinen klaren Einblick in die Verhältnisse erlangen konnte. Sein Vertrauensmann hatte einfach geschrieben, die Entdeckung, die er in Liebenau gemacht, sei von derartig weitgreifender Bedeutung, daß er ihr unverzüglich nachgehen müsse. Doktor Schäfer habe genaue Verhaltungsmaßregeln. Im entscheidenden Moment werde er selber nach Mohrungen zurückkehren.


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