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IV.

Lippe kam gegen zwei Uhr nachmittags nach Mohrungen und er fragte sofort nach dem Baron.

Der ehrwürdige Haushofmeister, der schon unter dem alten Freiherrn, dem Vater der drei Brüder gedient hatte, bedeutete ihn, der Herr Baron habe sich auf sein Zimmer zurückgezogen und sei nur für Herrn Hauptmann Lippe aus Berlin zu sprechen.

»Na, Alterchen, Herr Lippe aus Berlin bin ich.«

Darauf machte der Alte eine tiefe Verbeugung und fragte ganz diskret, ob denn mit Herrn Rittmeister von Kleißt ein Unglück passiert sei.

»Ja, ein großes Unglück, er ist tot.«

Der alte Mann verlor fast die Sprache vor Schrecken.

»Tot? So plötzlich, der junge frische Herr?«

»Ja, tot und sogar ermordet.«

»Ermordet? Drum war der gnädige Herr auch so niedergeschlagen und so leichenblaß und so eigentümlich, daß er sogar den Herrn Grafen, seinen Schwager, nicht empfangen wollte, der schon seit neun Uhr hier ist und auf den gnädigen Herrn wartet.«

Jetzt war das Erstaunen auf Seite Lippes.

»Der Herr Graf Liebenau ist seit neun Uhr, sagen Sie, hier im Schloß, ist er zu Wagen angekommen?«

»Nein, er ist mit der Kleinbahn bis Kallningken gefahren und hat von dort nach einem Wagen telephoniert.«

»Ist der Herr Graf schon öfter auf diesem Wege nach Mohrungen gekommen?«

»Nein.«

»Und hat er keine Erklärung gegeben, warum er nicht mit seinem eigenen Gespann herkam?«

»Ja, der Herr Graf sagte, er hätte in Kallningken zu tun gehabt und sich dann entschlossen, einmal herzukommen.«

»Gut, führen Sie mich jetzt zu Ihrem Herrn.«

Der alte Mann führte den Detektiv erst die breite Haupttreppe hinauf, dann über einen alten Korridor, der noch aus der Deutschritterzeit stammte und nun in der Wendeltreppe eines Turmes weiter empor, über eine prachtvolle Altane weg, von der aus man einen weiten Blick über das Haff hatte, nach den beiden Zimmern, die Mohrungen für sich und Kleißt hatte einrichten lassen.

»Wollen der gnädige Herr hier vielleicht einen Augenblick auf der Altane Platz nehmen, ich werde dem Herrn Baron melden.«

»Gut, gut.«

Der alte Diener kam im Augenblick wieder mit der Erklärung, der Herr Baron lasse sehr bitten.

Hatto ging Lippe mit aufgehobenen Händen entgegen und seiner Brust entrang sich ein tiefer schwerer Seufzer.

»Um Gottes willen, kommen Sie endlich, ich vergehe vor Angst und Verzweiflung, ich kann jetzt nicht mehr allein sein, es tötet mich hier in diesem großen endlosen Schloß …. haben Sie etwas ermittelt?«

»Nichts und doch alles. Herr von Kleißt ist keinem Raubmord zum Opfer gefallen, wie wir annahmen, sondern die Leiche ist von einem lettischen Bettler, der sie in der Morgenfrühe fand, bestohlen worden. Sie haben gehört, daß Graf Liebenau wenige Stunden vor Ihnen in Mohrungen angekommen ist?«

»Ja, aber ich kann ihn jetzt nicht sprechen, der Verdacht, der auf ihm lastet, macht ihn für mich schon zum Mörder. Ich kann ihn nicht sehen und will ihn nicht sehen.«

»Der Herr Graf ist von Kallningken gekommen. Kallningken ist leicht zu Fuß von der Mordstelle zu erreichen.«

»Um Gottes willen, Herr Lippe, Sie glauben doch nicht, daß mein Schwager ….«

»Wenn ich mir die hünenhafte Gestalt des Herrn Grafen Liebenau ins Gedächtnis rufe, so ist es schon möglich. Er galt ja während seinerzeit, da er bei den Garde du Corps stand, als einer der größten Offiziere des Königs.«

»Herr Lippe, würden Sie mir die Gefälligkeit erweisen und meinen Schwager empfangen? Ich weiß ja so ziemlich, worum es sich handelt. Es geht auf den Herbst und er braucht flüssige Gelder. Da Sie ihn ja kennen, von früher her kennen …. Sie sagten doch, daß Sie einmal eine Sache für ihn bearbeitet hätten.«

»Ganz recht, Herr Baron.«

»Dann wird er ja auch Vertrauen zu Ihnen haben und Ihnen sein Anliegen vorbringen. Wenn es sich nicht um eine allzu große Summe handelt ….« Herr von Mohrungen machte eine Handbewegung, als ob er eine lästige Fliege wegscheuchen wollte. »Dann noch eine Bitte, Herr Lippe, wollen Sie solange, bis wir einen Ersatz für Herrn von Kleißt gefunden haben, bei mir bleibend?«

»Ich hätte es Ihnen schon vorgeschlagen, Herr Baron, ich bin sowieso jetzt im Schlosse dringend nötig.«

»Ich danke Ihnen. Dann lassen wir also, wenn es Sie nicht geniert, alle Förmlichkeiten fallen, Sie gelten hier im Hause als mein alter Freund ….« ein Lächeln verklärte Mohrungens Gesicht …. »Und es ist mir wirklich so, als ob Sie es wären. Wollen Sie es sein? Wollen Sie der Freund eines unglücklichen Mannes sein?«

»Es bedarf wohl unter Männern keiner langen Worte, hier meine Hand, lieber Mohrungen, ich bin der Ihre und ich nehme warmen Anteil an Ihrem Schicksal, ich bin mit ganzem Herzen bei Ihrer Sache. Sie glauben mir wohl, daß ich keine Redensarten mache.«

»Ich danke Ihnen, lieber Lippe, Ihre Zusicherung ist mir eine große Beruhigung. Betrachten Sie also das Schloß Mohrungen als Ihr eigenes Haus.«

»Und nun werde ich mir einmal den Herrn Grafen Liebenau etwas näher betrachten.«

»Das heißt, wollen wir nicht erst zusammen frühstücken?«

»Nein, ich danke, lieber Baron, ich möchte erst das kleine Geschäft erledigen, in einer halben Stunde ….«

»Gut, in einer halben Stunde, ich lasse auf der Altane servieren. Der alte Romeikatis, der Sie heraufgeführt hat, wird Sie zu Liebenau bringen. Aus Wiedersehen.«

Draußen auf dem Korridor wartete der weißköpfige Haushofmeister und empfing den Befehl seines Herrn mit einer tiefen Verbeugung. Leisen und schnellen Schrittes glitt er über Korridore und Treppen, bis er schließlich im Erdgeschoß vor einer schweren Tür halt machte.

»Es ist das Arbeitszimmer des gnädigen Herrn, dort warten der Herr Graf.«

Lippe drückte fest aus die Klinke, riß schnell die Tür auf und trat unvermittelt ein. Gegenseitige Verbeugung und plötzliches Erkennen.

»Ah, Herr Kriminalkommissar Lippe, freut mich sehr, Sie hier zu finden.«

Der große starke Mann reckte sich zur vollen Höhe auf und blickte den eintretenden Detektiv mit einem freundlichen Lächeln an.

»Haben Sie etwas in der Familie zu tun?«

»Nein, nein, Herr Graf, ich bin bloß auf ein paar Tage bei meinem Freunde Mohrungen zu Gast.«

»Wollen wohl ein bißchen aus dem Steinhaufen Berlin heraus, frische Landluft atmen, was?«

»Ganz recht, Herr Graf, aber bitte behalten Sie doch Platz. Mein Freund Mohrungen« …. er betonte besonders das Freund …. »kann Sie leider jetzt nicht empfangen, er ist durch den Tod des Herrn von Kleißt ….«

»Waaaaas, Kleißt ist tot?«

»Ja, das wußten Sie noch nicht? Gestern Abend etwa um zehn Uhr auf der Heide hinter dem großen Kamp ermordet.«

Lippe sah dem Grafen scharf in die Augen und glaubte ein leichtes Beben der Augenlider zu bemerken. Auch war die gesunde Farbe des hünenhaften Mannes um einen Schatten bleicher geworden.

»Ich kann mir denken, daß der arme Hatto da keinen Menschen sehen will. Die beiden waren ja intim befreundet, durch viele Jahre hindurch.«

»Also Herr Graf, mein Freund Mohrungen hat mich beauftragt, Sie nach Ihrem Begehren zu fragen?«

»Bei Gott eine wunderliche Art, seinen nächsten Verwandten zu behandeln. Das sieht ja fast aus wie eine Unfreundlichkeit, warum kommt er nicht selbst? Warum schickt er Sie?«

»Herr Graf, ich habe hier nur ein Amt und keine Meinung, wollen Sie mir Ihr Anliegen vortragen, ist es gut, ziehen Sie es vor, Mohrungen selbst zu sprechen, so müssen Sie sich schon ein andermal herbemühen, denn er wird, solange die Leiche Kleißts über der Erde ist …. man wird den Armen nach der Obduktion hierher bringen, wahrscheinlich wird der Vater aus Berlin kommen, um den toten Sohn abzuholen …. solange wird Mohrungen wohl kaum Lust haben, jemanden zu sehen.«

»Außer Ihnen.«

»Ganz recht, Herr Graf, außer mir.«

»Und von wann datiert denn diese intime Freundschaft?«

»Herr Graf, ich darf Sie bitten, den gereizten Ton mir gegenüber fallen zu lassen, sonst möchte ich mir wohl die Frage erlauben, wann Sie einen Wagen nach Kallningken befehlen. Sie wollen doch wohl wieder über Kallningken mit der Bahn zurück, nicht wahr?«

»Nein, nein! Wenn mein Herr Schwager mir ein Gespann zur Verfügung stellt, würde ich natürlich am liebsten nach Liebenau zurückfahren, meine Geschäfte in Kallningken sind erledigt.«

Lippe hätte gar zu gern gefragt, welcher Art die Geschäfte gewesen seien, aber eine solche Frage mußte den Grafen mißtrauisch machen und dann war alles verloren. Es würde ihm ja auch leicht gelingen, darüber Klarheit zu schaffen.

Der Graf lenkte ein:

»Herr Lippe, meine Gereiztheit richtet sich natürlich nicht gegen Sie, wie ich ausdrücklich betone, Sie können sich aber denken, daß mich das Benehmen meines Schwagers nicht gerade angenehm berührt hat. Ich komme her, bin in Verlegenheit, und der gnädige Herr empfängt mich nicht.«

»Also Sie sind in Verlegenheit und in welcher Weise würde Mohrungen Ihnen helfen können?«

»Offen gesagt, wenn er mir zehntausend Mark borgt.«

Lippe stand auf.

»Gedulden Sie sich einen Augenblick, Herr Graf, ich werde Mohrungen Ihren Wunsch vortragen.«

Der Detektiv verließ das Zimmer, und eilte den ihm bereits bekannten Weg nach Mohrungens Zimmer hinauf. Dieser hörte ihn schweigend an, zog, ohne ein Wort zu sagen, sein Scheckbuch aus der Tasche, füllte die Spalte aus, setzte seinen Namen darunter und reichte das Dokument Lippe. Dieser eilte wieder hinunter, geriet zufällig an die falsche Tür und kam in ein kleines Rauchkabinett, das an Mohrungens Arbeitszimmer anstieß. Die Tür stand offen und er hörte, wie Liebenau am Telephon mit seiner Frau sprach.

»Nein, nein, Kind,« sagte er in den Schallbecher, »Du hast gar keinen Grund, Dich zu ängstigen, ich bin frisch und gesund …. nein, nein, ich bin nicht in Mohrungen über Nacht geblieben, ich habe im Stern geschlafen, in Kallningken …. ja, ja. Hatto scheint es nicht gut zu gehen, es ist da ein Unglück passiert …. nein, nicht Hatto, Herrn von Kleißt …. natürlich kennst Du ihn, Dein Kotillonritter bei Bredow im vorigen Jahr …. na also …. schlanker ist er nicht geworden …. na wir sprechen darüber, Adieu.«

Also in Kallningken im Stern hatte der Graf übernachtet, das war eine wichtige Nachricht. Wie herzlos er von dem armen Kleißt sprach.

Lippe trat schnell ein und fragte den völlig Überraschten:

»Warum haben Sie Ihrer Frau nicht gesagt, daß Kleißt tot ist?«

»Das arme Schäfchen hätte ja der Schlag gerührt. – So etwas sagt man doch nicht durchs Telephon, Herr Lippe, wenigstens in unsern Kreisen nicht.«

»Hier ist etwas aus Ihren Kreisen, Herr Graf, ein Scheck über zehntausend Mark.«

»Ah, ich bitte um Entschuldigung, Herr Lippe, wenn ich Sie verletzt habe.«

»Nicht Ursache, ich bin nicht so empfindlich.«

»Ich habe es wirklich auch nicht böse gemeint. Wollen Sie meinem Schwager meinen herzlichsten Dank übermitteln und dann möchte ich wirklich nicht länger stören, da er ja doch nicht zu sprechen ist.«

Lippe drückte auf die Tischglocke und befahl dem eintretenden Haushofmeister einen Wagen für den Herrn Grafen ….

»Sie gestatten, Herr Graf, daß ich mich jetzt wieder zurückziehe, Herr von Mohrungen erwartet mich zum Frühstück, ich muß dann sofort nach Kallningken, um bei der Obduktion der Leiche des armen Herrn von Kleißt zugegen zu sein.«

»Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre rasche und Tatkräftige Vermittlung und seien Sie mir nicht böse, Sie wissen, ich bin ein bißchen derb und geradeaus, machen Sie mir die Freude zu einer Flasche Rotspon in Liebenau.«

»Wenn mir Zeit bleibt, Herr Graf.«

»Na also …. dann auf Wiedersehen.«

Er streckte Lippe die mächtige Hand hin, und der gewaltige Druck sagte dem Kriminalisten, daß diese Faust wohl stark genug sei, einen Menschenschädel mit einem Schlage vollständig zu zertrümmern.

Noch eine ganze Weile, nachdem der Wagen mit dem Grafen Liebenau abgefahren war, saß Lippe in Gedanken an Hattos Schreibtisch. Der Fall war eigentlich zu einfach. Es wiesen zu viel Anzeichen auf den Grafen Liebenau hin. Nur daß der Schuldige so unvorsichtig handelte, wie Liebenau, das war noch nicht vorgekommen. Allerdings wußte er nicht, daß er ihm in die Hände lief, konnte es nicht wissen, denn das Geheimnis war zwischen Hatto, dem toten Kleißt und Lippe vollständig gewahrt geblieben. Immerhin war es eine große Ungeschicklichkeit, sich in der Nähe der Mordstelle blicken zu lassen und auch noch am Telephon …. halt, das telephonische Gespräch war raffiniert berechnet, um den Alibibeweis zu liefern. Liebenau war ein Fuchs und zwar ein ganz schlauer. Lippe nickte vor sich hin: Es gibt auch solche, die dem Schicksal die Spitze bieten und unter Umständen angriffsweise vorgehen. Lippe sei auf Deiner Hut …. Wie er es nur gemacht hat. Mit der bloßen Suggestion einen Menschen zu töten, das geht nicht, bei diesen robusten Landedelleuten wie die Mohrungen, schon gar nicht …. Ich bin schon meiner Sache sicher. Aber wer, wer, wer ist die Mittelsperson …. Doch ich vergesse ganz das Frühstück aus der Altane. .

Der Geheimpolizist erhob sich und eilte in schnellen Schritten wieder hinaus, wo auf der Altane Hatto von Mohrungen am gedeckten Tisch seiner wartete. Es war keine fröhliche Mahlzeit, denn der Schatten des armen Kleißt fast mit zu Tisch und verdarb beiden den Geschmack an den Leckerbissen, die man ihnen vorsetzte. Besonders Hatto von Mohrungen war tief niedergeschlagen. Wenn er noch, als er mit Lippe in Verbindung getreten war, leise Zweifel gehegt hatte, daß unheimliche Mächte ihm nach dem Leben trachteten, so hatte er jetzt den fürchterlichen Beweis dafür erhalten.

»Seien Sie nicht ängstlich, lieber Mohrungen, ich bin wesentlich vorsichtiger, als der arme Kleißt es war. Mir kann man nicht so schnell beikommen. Ich habe vielleicht Unrecht getan, daß ich mich solange im Hintergrund hielt.«

»Wo waren Sie eigentlich die ganze Zeit?«

»Überall. In allen möglichen Verkleidungen bin ich durch die Gegend gestreift, bin als Elektrizitätsarbeiter im Schloß gewesen einmal, das andere Mal kam ich als Telephonmann, habe mit den Mägden geschäkert, ich glaube sogar, daß ich ein Herz gebrochen habe. Jedenfalls war ich Ihnen beiden fortwährend nahe. Schließlich aber konnte ich nicht ahnen, daß fast unter meinen Augen ein solches Verbrechen begangen werden würde. Ich habe ja auch vor allen Dingen Ihre Person schützen wollen. Es ist mir schon einmal ähnlich gegangen, es ist der traurigste Fall in meiner Praxis.«

»Erzählen Sie bitte.«

Lippe schüttelte mit dem Kopf: »Wenn wir alles hinter uns haben, wenn wir frei atmen können, wenn der unheimliche Mörder hinter Schloß und Riegel sitzt, dann sprechen wir einmal darüber, jetzt nicht«.

Mohrungen wollte noch etwas fragen, aber da trat der Diener ein, räumte ab und fragte, ob die Herren den Kaffee hier oder im Rauchzimmer trinken wollten. Hatto sah Lippe an und dieser antwortete statt seiner:

»Es ist ja so schön hier draußen, trinken wir hier.«

»Dann bringen Sie auch Zigarren«, befahl Mohrungen.

»Sehen Sie, nun ist mir ganz behaglich, das Gefühl, eine so kraftbewußte Persönlichkeit um mich zu haben, gibt mir die Freiheit des Denkens wieder.«

»Hoffentlich auch bald die des Handelns …. darf ich Ihnen mal einen freundschaftlichen Rat geben, lieber Baron?«

»Wie können Sie nur so fragen, er ist schon im voraus befolgt.«

»Nein, das wollte ich damit nicht sagen, Sie müssen natürlich prüfen, denn es handelt sich um einen einschneidenden Entschluß, Sie sollten heiraten.«

»Ich habe daran gedacht. Aber soll ich ein Mädchen, das mir teurer ist als alles auf der Welt, in diesem Zustand an mein Sein knüpfen, hieße das nicht gefrevelt, an der Jugend und an der Gesundheit der jungen Dame?«

»Dummes Zeug, verzeihen Sie den harten Ausdruck, Sie sind weder körperlich, noch geistig krank …. aber zum Teufel, wie schmeckt denn der Kaffee, geben Sie mir doch etwas Zucker, trinken Sie immer so entsetzliche Tinte, dann wundert's mich nicht, wenn Ihre Nerven angegriffen sind, halt? ….« Lippe zog ein silbernes Kognakfläschchen aus der Tasche, goß seinen Inhalt in ein Likörglas und trank es aus.

»Was machen Sie denn, lieber Freund, Sie trinken Ihren eigenen Kognak, glauben Sie vielleicht, daß der meinige nicht gut genug ist?«

»Nein, nein, ich will nur das Fläschchen leer machen, und aus welchem Grund, das werden Sie gleich sehen.«

Er nahm seine kleine Mokkatasse in die Hand und goß den Kaffee in das silberne Fläschchen. Genau dieselbe Manipulation machte er mit dem Kaffee Mohrungens.

Hatto lächelte.

»Was haben Sie denn, halten Sie den Kaffee für vergiftet?«

»Ja, und zwar glaube ich, daß es Morphium ist, das man Ihnen und auch mir hineingetan hat. Ich werde die Probe sofort nach Berlin an meinen Arzt schicken und ich bin überzeugt, daß beim Zusatz von neutralem Eisenchlorit die schöne blaue Morphiumfarbe zum Vorschein kommt. Wir müssen sowieso wegen Kleißts Obduktion nach Kallningken, von dort werde ich den Kaffee mit Eilpaket nach Berlin senden. Er ist morgen früh in den Händen des Arztes und in den Mittagsstunden kann ich schon sein Telegramm haben. Trifft meine Vermutung zu, mein lieber Mohrungen, dann haben wir den Feind im Hause und die Tatsache, daß Ihr Schwager Liebenau einige Stunden vor dem Servieren dieses Kaffees im Schlosse Mohrungen war, dächte ich, ist stark genug, um ihm eine Anklage auf Doppelmord und Mordversuch einzutragen.«

Lippes Augen sprühten Blitze. Er war aufgestanden, seine Gestalt reckte sich, alle Sehnen waren angespannt, und die gehobene Faust schien im nächsten Augenblick auf den Verbrecher niederfallen zu wollen.

»Meine arme Schwester,« weiter konnte Mohrungen nichts sagen, »wenn nur die Gerichtsverhandlung nicht zu sein brauchte.«

»Vielleicht hat der Graf Liebenau Mut genug, sich dem irdischen Richter zu entziehen, aber noch ist nichts spruchreif, noch haben wir nur Indizien, wir wollen nicht richten, bevor wir nicht Beweise haben …. Sie bleiben jetzt noch einen Augenblick hier, Mohrungen, ich will indes in Kleißts Zimmer gehen, an meinen ärztlichen Mitarbeiter schreiben, und das Fläschchen verpacken, damit der kostbare Inhalt auch richtig nach Berlin kommt. Inzwischen geben Sie vielleicht den Befehl zum Anspannen, wir fahren dann sofort beide zum Amtsgericht nach Kallningken.«


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