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III.

Die Herrschaft Mohrungen lag am Kurischen Haff, und ihre ausgedehnten Wälder beherbergten vom Elch herab jedes Stück Wild. Es war ein fürstlicher Besitz. Angelehnt an eine waldige Anhöhe erhob sich das Herrenschloß auf den Grundmauern einer alten Deutschritterburg. Weite Terrassen stieg man hinab in einen ausgedehnten Park, auf dessen Sohle ein traumhafter See eingebettet lag. Dann hob sich das Land wieder, und in herrlichen Spaziergängen verlor sich der Schloßgarten nach den Wiesen und endlich nach dem Dünenwald hinüber, der klein und kümmerlich auf dem Sande emporkroch. Dahinter dehnte sich in unabsehbarer Fläche das blau schimmernde Haff aus, und an hellen Tagen konnte man wie eine Fata Morgana die Nehrung aus den Fluten steigen sehen.

Auf der andern Seite des Schlosses zog sich ein mächtiges Moor hin, das nur vertrauten Jägern Zutritt gestattete. Hatto kannte alle Schleichwege, er konnte getrost über die gelblich schimmernde, trügerische Decke den Sumpfvögeln nachsteigen, er konnte auch mit den langen Stiefeln in das schwarze Wasser treten weil er wußte, wo der Boden fest war und wo er absank. Er liebte besonders die Moorjagd. Sie hatte einen eigentümlichen Zauber, gerade deshalb, weil sie nur für den Eingeweihten Reize enthüllte, der Fremde mußte in großem Bogen um das Moor herumgehen, oder durfte höchstens die Knüppeldämme betreten, auf denen die Torfwagen die Feuerung ins Schloß fuhren.

Kaum vierzehn Tage war der Majoratsherr mit seinem Gaste im Schloß anwesend, da begann ihn jene seltsame Unrast zu befallen, die das erste Todeszeichen bei seinen Brüdern gewesen war. Und als er abends in dem stillen Gartensaal allein mit Kleißt bei einer Flasche alten Burgunders saß, und die Sonne langsam und feuerrot im Haff versinken sah, meinte er:

»Du, Kleißt, Gevatter Tod hat mir heute Nacht sehr herzlich und lebhaft die Hand gedrückt.«

»Ach was, alter Junge, laß doch solche Gedanken nicht in Dir aufkommen. Ich mache mir wahrhaftig Vorwürfe, daß ich Dich mit Lippe bekannt gemacht habe. Jetzt, wo ich hier in der Gegend mit Dir herumgestreift bin, muß ich sagen, es ist wirklich ein ungesundes Land. Dieser tiefliegende Schloßgarten, das endlose Moor mit seinen Torfsümpfen, Irrlichtern und giftigen Schwaden, diese traurige, stundenweite Heide, die sich neben dem Moor hinzieht, die düstere Forst, wo kaum ein Lufthauch oder ein Lichtstrahl den Boden erreicht, das alles macht melancholisch. Ich will Dir was sagen, hier ins Schloß gehört eine lustige Frau, heitere Freunde, eine gesellige Hofhaltung, wie es sich für so einen kleinen Fürsten geziemt. Ein wackerer Deutschrittergeist muß hier einziehen. Gesang und Saitenspiel, Tanz und Kunst und schöne Frauen. Aber nicht immer diese stumpfsinnige Stille, die höchstens durch eine Treibjagd, oder eine Pirsch mit den umwohnenden Schnapsbrennern und Zuckerschloten unterbrochen wird. Gebrauche doch deine Einkünfte, Junge.«

»Du hast gut reden und hast vielleicht auch recht. Die Gegend ist melancholisch, aber so schön, so zauberhaft schön. Sieh nur jetzt, wie die Sonne dort hinten im Haff versinkt, wie sie mit blutigen Fingern über die Wellen streicht, und wie der blaue Nebel geisternd aus der Tiefe hervorkriecht. Selbst nach einem glühenden Augusttag, wie dem heutigen, umfängt uns der Abend mit kühlem Atem. Das macht die Nähe des Nordens, die Nähe des Eises und das viele, viele Wasser, wohin man blickt. Komm, trink aus, wir gehen zu Bett und morgen früh um vier Uhr kommst du mit mir ins Moor. Es wird immer ein schöner Tag, wenn die Sonne so blutfeurig untergeht. Und dann singt es und klingt es im Moor, und wir überraschen das Wild bei der Morgentoilette, es ahnt ja nicht, daß ein Jäger sich in dies geheimnisvolle Reich hineintraut. Ach, ich fühle mich wohl darin. Der Mörder kann mir nicht folgen. Komm, mir wird eiskalt, ›das Haff kommt herauf‹, sagen die Leute hier, wenn die Abendkühle eintritt, dann muß man zu Bett gehen.«

Getreu der Vorschriften, die Lippe gemacht hatte, waren zwei ineinandergehende Zimmer im Ostflügel für Mohrungen und seinen Freund eingerichtet worden. Die Schiebetür blieb offen, so daß sie während der ganzen Nacht einander zurufen konnten und Kleißt immer hilfsbereit war, wenn etwas Gewaltsames geschehen sollte. Aber es geschah nichts. Nur das unerklärliche Angstgefühl hatte sich von Tag zu Tag gesteigert. Bloß wenn Hatto mit seinem Freunde draußen einem kapitalen Rehbock nachschlich, war er einigermaßen frei von der langsam herankriechenden Gemütskrankheit.

Von Lippe und seinen Maßregeln wußten die beiden nichts. Täglich, wenn die Post in Mohrungen eintraf, erwarteten sie eine Mitteilung, immer war es eine Enttäuschung.

Kleißt redete seinem Freunde zu, demnächst eine große Hühnerjagd zu veranstalten und Männlein und Weiblein aus der weiten Umgebung einzuladen, er wollte den Zeremonienmeister machen und verpflichtete sich, ein Fest zustande zu bringen, wie es seit hundert Jahren auf Mohrungen nicht gesehen worden wäre. Hatto ließ ihn gewähren, und da in seinem Gemütszustand eine Verschlimmerung nicht eintrat, die Krankheit vielmehr einen gewissen Stillstand erreicht zu haben schien, so war er ganz einverstanden. Warum sollte nicht Lärm und laute Lustbarkeit aus dem Schlosse sein. Freilich ein Fest durfte man nicht feiern, denn noch waren die Kränze auf dem Zinnsarg in der Familiengruft nicht verdorrt vom letzten Begräbnis, aber eine Jagd konnte man immer veranstalten. Wer lustig sein wollte …. pah, man mußte sich nicht um die Leute kümmern, die Trauer wohnt im Herzen und nicht in Formen. Kleißt war außerordentlich geschäftig, und da die karge Lebensweise auf der Jagd seinem Freunde außerordentlich gut bekam, verlor allmählich auch er die Sorge und äußerte sich Hatto gegenüber dahin, daß seine Brüder vielleicht zu luxuriös gelebt hätten. Seit sie von morgens bis abends auf der Jagd waren und nicht nur von einem opulenten Mahl zum andern faulenzten, wie das früher geschehen war, konnte die Krankheit nicht weiterfressen.

»Mag sein, aber man kann doch nicht immer, so wie ein alter Germane leben, drei Wochen, vier Wochen, sechs Wochen geht es ja, dann aber sehnt man sich doch einmal nach der Kultur eines guten Diners. Wir leben jetzt wie Zigeuner, mit Tagesanbruch steigen wir zu Pferd, reiten hinunter ans Haff, werfen uns in die erfrischende Flut, trinken dann beim alten Fischmeister Beerbohm einen zichorienreichen Kaffee, essen Eier und kalte Bratfische dazu und dann geht es ins Moor jagen.«

»Ja, Hatto, aber das sage ich Dir, das Gabelfrühstück beim Torfwärter, bei diesem alten lettischen Schmutzfinken, das mache ich nicht mehr lange mit, mir ist der Dreck bald in der Kehle stecken geblieben.«

»Du bist eben kein Ostpreuße, Dreck fegt den Magen, heißt es bei uns. Ich fühle mich unendlich wohl bei diesem Zigeunerleben, bei dieser Rückkehr zur Natur. Meine Nerven sind tatsächlich erfrischt, es ist mir, als ob sich ein Gärungsprozeß vollzogen hätte, der alle Angstzustände ausgeschieden. Laß uns noch einige Wochen so leben, dann wollen wir reumütig zu dem französischen Koch des Schlosses zurückkehren.«

»Nein, aber beim alten Torfwärter nicht mehr.«

Trotz dieser Abwehr waren die beiden am folgenden Abend wieder beim Torfwärter gelandet, und Hatto bestellte ein frugales Abendbrot. Kleißt schmollte.

»Ich mache das nicht mehr mit, lieber Hatto, tue meinetwegen was Du willst, ich gehe jetzt nach Mohrungen zurück und lasse mir von Deinem Koch ein anständiges Souper servieren.«

»Ich verstehe Dich nicht, es ist doch prachtvoll hier draußen.«

»Ja, aber ich kann nicht, ich habe gesehen, wie die Mutter Torfwärter mit ihren schmutzigen Pfoten das Salz auf die Spiegeleier streute, schlag mich tot, ich kann nichts essen, ich gehe nach Hause.«

Und tatsächlich machte Kleißt Anstalten, sich zu entfernen, er warf das Gewehr über die Schulter und ging den Knüppeldamm entlang, der nach dem Walde und über die Heide weg nach Mohrungen führte.

»Verlaufe Dich nicht! Halte dich rechts bei der Gabelung des Dammes, sonst machst Du einen endlosen Umweg.«

»Der Gaul zieht schon richtig nach dem Hafer, hab' keine Angst.«

Damit verschwand er um die Ecke des blühenden Gartens, indes Hatto von Mohrungen gedankenvoll in der Laube des Torfwärters sitzen blieb.

Wenn sein Schwager Liebenau Mörder gegen ihn ausgesandt hatte, bis hierher reichten ihre Waffen sicher nicht. Dieser biedere, knorrige alte Kerl und seine Frau, die fast nur lettisch sprachen, die hochhäuptige Tochter mit den seltsam schwimmenden, verliebten Augen, die waren treu dem Mohrungenschen Namen. Unter ihrem Dach fühlte sich Hatto sicher, sicherer als sogar im Schlosse.

Der Torfwärter trug selbst den einfachen Imbiß auf und setzte sich denn mit der Freiheit, die sich ein alter Diener nehmen darf, mit an den Tisch, um seinem Herrn zuzuschauen, wie es ihm schmeckte und ihn zu bedienen.

»Wenn der Herr Baron gegessen haben, wollen wir hinüber nach dem schwarzen See gehen. Bei der alten Torfscheune wechselt ein kapitaler Sechzehner aus dem Königlichen herüber, jeden Abend kommt er ans Wasser herunter, es wird freilich ein wenig spät, aber ich bringe den Herrn Baron nach Hause.«

Hattos Augen leuchteten, und hastig beendete er seine Mahlzeit, griff nach der Brusttasche, wo er das Etui mit den Kugelpatronen stecken hatte, lud seinen Drilling und drängte den alten Torfwächter vorwärts, damit man sich noch bei günstiger Zeit ansetzen könne.

Der Alte war in vorzüglicher Stimmung. Am die Mücken zu verjagen, durfte er eine Zigarre nach der andern aus Hattos Etui rauchen und schwelgte förmlich in dem süßen Duft der Havanna.

Langsam sank der Abend nieder, schräg und schräger fielen die Sonnenstrahlen, dunkler und dunkler spiegelten sich die schwarzen Moorbänke und die Elsensträucher im düsteren Wasser. Schon mischten sich bläulich graue Schwaden von unten auf in die leise ziehende Luft, als man auf dem harten Boden das scharfe Schlagen der Schalen des herannahenden Hirsches hörte. Noch verbarg ihn eine Wand von Moordickicht, jetzt aber trat er in voller Breite auf die abendlich beleuchtete Wiese heraus, stand einen Augenblick, warf auf und im selben Moment krachte der Kugellauf des Drillings. In einer rasenden Flucht verschwand der Hochgeweihte in der Richtung nach dem Wald.

Als die beiden auf die Anschußstelle kamen, winkte der Torfwächter seinem Herrn vertraulich zu:

Er hat's sitzen, Herr Baron, keine hundert Schritt weit ist er mehr gekommen, lassen wir ihn in Ruhe, ich hole ihn morgen früh herein.«

Freiherr von Mohrungen war ein alter Jäger und wußte, daß man dem angeschossenen Wild Zeit lassen müsse, krank zu werden, darum warf er die Büchse über die Schulter und schlenderte langsam mit dem Torfwächter zurück.

Es war einer jener wunderlieblichen Abende, denen eine Nacht voll glühenden Sternenlichtes folgt. Weit und breit herrschte tiefe Stille in der Natur, man hörte fast die Schritte der beiden, über den Moorteppich wandernden Männer. In dem Moor erhoben sich die Stimmen der Nacht, aus dem Walde klang vereinzelt schrill und unheimlich das Pfeifen der Eulen. Baumstümpfe und Sträucher wuchsen schattenhaft vor Hatto auf und täuschten seltsame dämonische Wesen vor. Wie eiskaltes Gerinnsel lief es ihm über den Rücken. Er mußte den Kragen seiner Joppe aufknöpfen, weil ihn ein qualvolles Angstgefühl beschlich. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne, und von Zeit zu Zeit sah er den behaglich neben ihm rauchenden Torfwächter an, als ob er ihn fragen wolle, hast du denn keine Angst in dieser unheimlichen Waldesnacht? Jedesmal wenn sein Begleiter infolge des schlechten Weges von seiner Seite etwas abwich, drängte er an ihn heran, bis er wieder Tuchfühlung hatte.

Da auf einmal – – die Nacht war jetzt vollständig hereingebrochen – – strich ein dunkler Schatten dicht über den Wald hin. Obwohl kein Wind war, bewegten sich die Wipfel der Kiefern und ein seltsames Rauschen und Raunen wandelte durch die Kronen. Den beiden Männern, die über dem Waldesboden hinschritten, war es nicht möglich zu sehen, was über ihnen vorging. Nur ein dunkles, wolkenhaftes, entsetzliches Etwas glitt über der Waldesnacht hin. Da knackte es plötzlich, als ob eine Riesenhand die Kiefernwipfel abgebrochen hätte. Äste splitterten und fielen zu Boden. In der Luft war es wie Menschenstimmen, nur geisthaft schauerlich.

Hatto tat einen wahnsinnigen Aufschrei und rannte wie von Furien gepeitscht, durch den Wald so schnell, daß der Torfwärter Mühe hatte, ihm zu folgen. Nach einer Viertelstunde atemlosen Rennens erreichten die beiden die große weite Heide, von der aus sie das Licht von Schloß Mohrungen erblicken konnten. Hatto hielt an, er war in Schweiß gebadet, sein Herz schlug in wilden Takten bis hinauf in den Hals, seine Augen leuchteten in tödlichem Entsetzen aus dem aschfahlen Gesicht, und mit bebenden Lippen fragte er den Torfwärter:

»Was war das, was war das?«

»Es muß ein Schwarm Krähen gewesen sein, Herr Baron, oder Kraniche, oder irgend so ein Haufen Wildgeflügel, das in der Nacht nach wärmeren Ländern zieht, anders kann ich es mir nicht denken, sintemal es ja keine Gespenster geben soll.«

»Ja, Gespenster gibt es nicht, lieber Alter. Aber das Splittern der Äste, die Stimmen in der Luft, die schaurige Dunkelheit …. Gespenster gibt es nicht ….«

»Das sagen Sie so, gnädiger Herr, fragen Sie aber mal den alten Ußkurat, der kann Ihnen schon was erzählen, der steht mit den Gespenstern auf du und du, und er hat auch manches gesehen, was andere nie zu sehen kriegen. Es gibt viele von diesen verdammten Littauern, die aus der Niederung stammen, die so was wie das zweite Gesicht haben.«

»Dummes Zeug, Alter, laß Dir doch so etwas nicht einreden. Aber es war recht graulich, nicht wahr?«

»I nee, Herr Baron, die Natur ist nie graulich, was ist denn dabei, wenn ein Schoof Wildgänse oder Kraniche über den Wald zieht.« –

Es war schon ziemlich spät, als Hatto von Mohrungen im Schlosse eintraf. Er fragte sofort nach Kleißt und erhielt zu seiner Überraschung die Antwort: »Der Herr Rittmeister sei noch nicht zurückgekommen.«

Hatto schüttelte den Kopf, ging hinaus nach der Terrasse, von der man die Aussicht nach dem Haff hatte, ließ sich eine Flasche Burgunder bringen und befahl, den Leibjäger heraufzurufen. Es war ihm, als ob er nicht allein sein könne, das entsetzliche Angstgefühl, das ihn im nächtlichen Walde befallen hatte, war noch nicht von ihm gewichen. Darum nötigte er den Jäger, der jetzt stramm und gerade vor seinen Herrn hintrat, zum Sitzen.

»Setzen Sie sich einen Augenblick, Fink, Sie können auch ein Glas Wein trinken.« Und er schenkte selbst dem stattlichen Förster ein.

Der war ganz überrascht. Er wußte ja, daß der Baron Hatto immer sehr gütig gegen die Leute gewesen war, auch die verstorbenen Herren hatten manchmal draußen beim Jagdfrühstück mit ihren Jägern getrunken, aber daß er, der Leibjäger im Schlosse selbst, am selben Tisch mit seinem gnädigen Herrn ein Glas Wein trinken durfte, das war doch noch nicht vorgekommen, das war eine Ausnahme. Es war doch ein guter Herr, der Herr Baron, das mußte man sagen, ein sehr guter Herr.

»Ich habe eben an der Torfscheune einen Sechzehner geschossen, der Torfwärter wird ihn morgen früh hereinholen. Vielleicht sind Sie zeitig draußen, daß die Sache jagdgerecht zugeht. Nach dem Kugelschlag war es Blattschuß, und ich denke, der Hirsch wird schon verendet sein, man kann aber nie wissen, welche Überraschung uns bevorsteht. Wo waren Sie während meiner Abwesenheit, lieber Fink?«

»Ich habe erst Gewehre gereinigt, gnädiger Herr, und bin dann nach dem Haff hinunter, um Kronschnepfen zu schießen, die der Herr Baron ja so gerne kalt auf der Stulle essen, – will sagen, zum kalten Frühstück.«

»Ja, ja, es ist gut ….« Hatto war wieder mit seinen Gedanken ganz wo anders, er dachte an Kleißt, wo der nur blieb: er dachte an seinen Zustand, an die entsetzliche Angst und an Lippe, von dem man doch seit drei Wochen noch nichts gehört hatte.

»Wo nur Herr von Kleißt bleibt?«

»Sind der gnädige Herr nicht mit dem Herrn Rittmeister zusammen gewesen?«

»Nein, nein, Herr von Kleißt ging gegen acht Uhr vom Torfwärter weg und ist bis jetzt nicht zurückgekommen.«

»Dann hat er sich sicher verirrt, Herr Baron, soll ich nicht lieber mit den beiden Jagdaufsehern gehen und ihn suchen?«

»Ja, ja natürlich, und ich komme mit, wir nehmen Laternen oder Windlichter, was wir haben. Sehen Sie doch nach, ob der alte Torfwärter schon wieder nach Hause gegangen ist.«

»Als Herr Baron mich rufen ließen, saß er unten in der Küche und trank Kaffee.«

»Gut, gut,« warf Hatto hastig dazwischen, »er soll warten und mit uns kommen.«

»Soll ich für den Herrn Baron die Thea satteln lassen, die hat Katzenaugen und geht gut bei Nacht.«

»Nein, nein, ich danke, ich gehe zu Fuß mit Euch.«

»Aber der Herr Baron werden müde werden.«

»Das macht mir gar nichts, ich marschiere gern.«

Eine halbe Stunde später brachen die fünf Männer mit großen Laternen und dem besten Schweißhund auf, um den vermißten Herrn von Kleißt zu suchen. Aber Stunde um Stunde verging und keine Spur wurde entdeckt. Da befahl Hatto, daß man den Rest der Nacht beim Torfwärter verbringen sollte, um sich mit dem ersten Morgengrauen von neuem auf die Suche zu machen.

Eine Gefahr war ja eigentlich nicht, denn Kleißt hatte offenbar den Weg durch den Wald und über die Heide eingeschlagen, wo keine Moorstrecken zu passieren waren. Und daß ein Verbrechen an ihm verübt worden sei, das war schwer glaublich, denn er war ein rüstiger starker Mann, hatte einen Drilling bei sich und an einen Bewaffneten wagten sich die zweifelhaften Elemente der Gegend nicht heran.

Die Nacht verging nur sehr langsam. Der Torfwärter hatte seinem Herrn in dem guten Zimmer ein bequemes Ruheplätzchen eingerichtet, aber Hatto vermochte kein Auge zuzutun. Es war ihm immer, als ob er unheimliche Wesen mit schwarzen Flügeln um sich sähe, die ihn ängstigten und bedrängten, und er begrüßte mit heller Freude den Augenblick, da der Leibjäger bei ihm eintrat und meldete, der Kaffee sei aufgetragen. Hatto sprang schnell auf, machte flüchtig Toilette, wie der Jäger nach durchwachter Nacht und ging hinaus in die Geißblattlaube, wo ihm an einem sauber gedeckten Tisch das Frühstück serviert wurde. Und als eben die Sonne ihren obersten Rand über das weite Moor emporhob, brachen die Jäger auf, um von neuem nach dem Vermißten zu suchen.

Jetzt war es ja viel leichter. Der Leibjäger setzte den Hund auf die Fährte Kleißts. Alsbald hatte das kluge Tier begriffen und zog das Leitseil straff. Hatto folgte mit den Jägern in geräumigem Schritt, und in kurzer Zeit kam man an die Stelle, wo sich der Weg gabelte. Da nahm der Hund richtig den falschen Weg auf.

»Sehen der Herr Baron, der Herr Rittmeister hat sich verirrt, er ist dann sicher in den großen Kamp geraten und von dort nach der Heide und dann immer im Kreis herum. Er hatte gewiß in der Dunkelheit die Lichter von Nupesze für die Lichter von Mohrungen gehalten und wir werden ihn wahrscheinlich im Dorfkrug finden.«

Langsam ging es weiter vorwärts. Der große Kamp wurde durchschritten und auch über die weite Heide hin zog der Hund rastlos fort. Aber nicht nach dem Dorf Nupesze führte der Weg, sondern unwillkürlich weiter links ab nach dem Haff. Offenbar hatte sich Kleißt nach dem Untergang der Sinne gerichtet, er wollte das Haff erreichen, um an seinem Ufer entlang zuverlässig nach Mohrungen zu kommen. Aber er machte seltsame Zickzacklinien. Offenbar war er bald hier, bald da stehengeblieben, um sich zu orientieren, und es war ihm in der Dunkelheit nicht gelungen.

Jetzt lag die Heide im vollen Morgensonnenschein weit vor den Augen der suchenden Jäger. Hier und da ein kleiner Busch, der sich über die blühende Erika erhob, dann wieder ein niederer Knick, sonst eine große unabsehbare Fläche. Fern am Horizont weidete das Rindvieh eines Vorwerks, weiter war nichts Lebendes zu erblicken.

Da entdeckten plötzlich Hattos scharfe Augen einen seltsamen dunklen Punkt im Vorgelände. Er blieb stehen und richtete das Glas darauf.

»Sehen Sie einmal, Fink,« und er reichte dem Leibjäger den Triëder, »das sieht aus wie ein Mensch da vorn.«

»Bei Gott, der Herr Baron haben recht.«

In scharfem Tempo war die etwa fünf oder sechshundert Meter lange Strecke durcheilt, und je näher man kam, desto deutlicher sah man, daß dort regungslos ein Mensch im Heidekraut lag. Jetzt waren die suchenden Jäger noch hundert Schritte von der Gestalt entfernt, da erkannte Hatto, daß es Kleißt sein müßte.

»Um Gottes willen, Fink, das ist ja Herr von Kleißt! Da ist ein Unglück geschehen! Er hat sich vielleicht zur Ruhe hingesetzt und ist von einer Kreuzotter gebissen worden, er scheint bewußtlos.«

Die Worte waren noch nicht verklungen, als in schnellen Sprüngen der Leibjäger den regungslos Daliegenden erreichte und neben ihm niederkniete. Hatto war sofort an seiner Seite und stieß einen wahnsinnigen Schrei des Entsetzens aus, denn als er die Hand seines Freundes erfaßte, war diese eiskalt und fühlte sich spröde an wie ein neuer Glacéhandschuh.

»Tot, tot! Und ermordet! Sehen Sie nur, Fink, ermordet!«

»Ja, gnädiger Herr.«

Die Jäger nahmen die Hüte ab und standen entgeistert neben der Leiche. Eine oberflächliche Feststellung ergab, daß Herr von Kleißt mit einem schweren Instrument, einer Art Pike, einen Hieb von hinten auf den Kopf erhalten hatte. Der Schädel war vollständig zertrümmert. Der Tod mußte schon seit Stunden eingetreten sein, denn die Leiche war starr und kalt. Uhr und Portemonnaie, sowie die Brieftasche, die einiges Geld enthalten hatte, fehlten. Es konnte also keinem Zweifel unterliegen, daß ein Raubmord vorlag. Wer aber in aller Welt konnte das Entsetzliche getan haben? Seit vielen Jahren war in der Gegend kein Kapitalverbrechen vorgekommen. Die Bevölkerung war durchaus harmlos; ringsum wohnten nur Arbeiter des Dominiums oder Beamte. Alle lebten in auskömmlichen Verhältnissen, sie hatten nicht nötig einen Menschen umzubringen und zu berauben.

Hatto war völlig gebrochen, er konnte keinen zusammenhängenden Satz sprechen. Da ließ er es denn ruhig geschehen, daß Fink zunächst den Boden ringsum gründlich absuchte, dann einen Jäger nach dem Schlosse sandte mit dem Befehl, einen Wagen zu holen.

Auf einmal – niemand wußte, wie und woher er gekommen – stand Lippe mitten unter den Jägern. Sein heller Blick blitzte einen nach dem andern an und hastete dann auf dem entsetzt in sich zusammengesunkenen Hatto. Dieser schien gar nicht verwundert, den Berliner Privatdetektiv vor sich zu sehen, hatte er sich doch in einem fort mit seinen Gedanken an ihn festgeklammert, als den einzigen Menschen, der hier helfen konnte. Die Jäger, die anfänglich mißtrauisch den fremden Mann betrachtet hatten, machten ihm sofort ehrerbietig Platz, als sie sahen, daß es ein Bekannter ihres Herrn sei. Und Lippe übernahm mit zielbewußtem Willen die Leitung der Untersuchung.

Es ist ein großes Glück und ein seltener Zufall, daß der Kriminalist vor einem noch frischen Verbrechen steht. In den meisten Fällen kommt er erst dann, wenn alle Spuren ringsum zertreten sind, wenn unberufene Hände die Leiche um und umgewendet haben, und die seinen Zeichen, die der Verbrecher zurückläßt, längst verwischt sind.

»Zunächst bitte ich alle Anwesenden fünf Schritte von der Leiche zurückzutreten …. Herr Baron, Sie sind ja wohl Amtsvorsteher und zugleich auch Polizeichef?«

»Jawohl, Herr Lippe.«

»Es geschieht also alles, was ich tue, in Ihrem Namen und auf Ihren Befehl.«

Dann wandte er sich an Fink:

»Sie sind gelernter Jäger, nicht wahr?«

»Zu Befehl –.«

»Sie können also schreiben, hier nehmen Sie mein Notizbuch und schreiben Sie, was ich diktiere.«

»Heute früh um …. es war wohl sechs ein Viertel, Fink, als Sie die Leiche fanden ….«

»Zu Befehl gnädiger Herr.«

»Um sechs ein Viertel Uhr wurde auf der Heide nördlich vom großen Kamp etwa zweihundertsiebzig Meter vom Trigonometrischen Punkt 32, hart neben dem Heidewege liegend die Leiche des Rittmeisters im ersten Garde-Dragoner-Regiment Hermann von Kleißt aufgefunden. Herr von Kleißt hatte gestern Abend gegen acht Uhr die Station des Torfwärters Perkones verlassen, um sich geradenwegs nach Schloß Mohrungen zu begeben. Von diesem Augenblick an ist er nicht mehr lebend gesehen worden, es scheint, daß er dort, wo sich der Weg am Ausgang des großen Kamps in zwei Hälften teilt, nach der falschen Seite gewendet hat und so stundenlang in der Irre herumgelaufen ist, bis ihn die Nacht überraschte und er irrtümlich auf die Lichter von Nupesze zuging, die er für die Lichter von Mohrungen hielt.«

»Um Gottes willen, lieber Herr Lippe, woher wissen Sie daß alles, Sie sind doch nicht dabei gewesen.«

»Beruhigen Sie sich, Herr Baron, ich bin beinahe seit drei Wochen in Mohrungen und habe Sie kaum eine Stunde außer Augen gelassen. Hätte ich nicht der Bewachung Ihrer Person mehr Gewicht beigelegt, als der Kleißts, so lebte der arme Kerl noch, aber Sie sehen, mit welch furchtbaren Mächten wir zu kämpfen haben …. Leute, Ihr habt doch Euren gnädigen Herrn lieb, nicht wahr?«

»Wir geben unser Fleisch und Blut für den gnädigen Herrn hin«, antwortete Fink für die andern.

»Dann will ich Euch etwas sagen, Euer Herr schwebt in einer großen Gefahr, haltet Euch um ihn, Ihr seht, den einzigen Freund, den er hier hatte, hat man ihm grausam ermordet, in dem Augenblick, da er sich von ihm entfernte …. Ich diktiere weiter: Leibjäger:

»Eine oberflächliche Untersuchung der Wunde ergab: Herr von Kleißt ist mit einem schweren eisernen Instrument, anscheinend einer Beilpike, mit stumpfen Rändern, niedergeschlagen worden, und zwar wurde der Schlag von links hinten geführt. Er traf etwa die Stelle des Hinterhauptes da, wo das Hinterhauptbein an die beiden Scheitelbeine herantritt. Die Schädeldecke ist vollständig zertrümmert, so daß das Gehirn zutage tritt. Herr von Kleißt muß nach dem Schlage blitzartig zusammengebrochen sein und sofort das Bewußtsein verloren haben. Als Mörder in Betracht kommt ein Mann von ungewöhnlicher Größe und ungewöhnlicher Körperkraft. Allem Anschein nach ist nur ein Schlag geführt worden, solche Zertrümmerung aber können Menschenhände im allgemeinen nur durch mehrere Schläge auf den Schädel hervorbringen. Es kann also nur ein Mann von ganz ausnahmsweise großer Körperkraft mit einem enorm schwerem Instrument die furchtbare Wunde hervorgebracht haben, die wir an der Leiche finden. Das Auffallende ist, daß dieser kräftige Mann außerordentlich kleine Füße hat, denn die frische bei der Leiche vorgefundene Spur läßt auf einen städtischen Herrenstiefel schließen, von breiter amerikanischer Machart. Sie mißt vom Hacken bis zur Sohlenspitze ….«

Lippe kniete nieder, nahm einen kleinen Zollstock aus der Tasche und maß eine deutlich neben der Leiche eingeprägte Fußspur.

»Also notieren Sie, Leibjäger: Die Spur mißt vom Hacken bis zur Sohlenspitze dreißig und einen halben Zentimeter und ist an der breitesten Stelle zehn Zentimeter breit.«

»Aber Herr Lippe, das könnte doch eine Spur von uns sein.«

»Nein, nein, niemand der hier Anwesenden hat einen so kleinen Fuß, außer Ihnen vielleicht, Herr Baron. Sie sind aber …. oder halt, lassen Sie sich doch einmal Maß nehmen.«

Der Detektiv legte schnell den Zollstock an den hingehaltenen Fuß des Freiherrn und sprang kopfschüttelnd auf.

»Seltsam, seltsam, dreißig ein halb und zehn, genau dasselbe Maß des Stiefeleindrucks hier, und doch haben Sie nicht an dieser Stelle gestanden, Herr Baron, ich weiß es ganz bestimmt, denn ich habe die Szene während meiner Ankunft beobachten können, Sie sind gar nicht auf diese Seite der Leiche getreten …. Leibjäger, Sie müssen jetzt einmal scharf Ihr Erinnerungsvermögen anstrengen. Wissen Sie, ob in letzter Zeit irgendeinem Individuum, das im Schlosse gebettelt hat, ein Paar Schuhe des gnädigen Herrn geschenkt wurden?«

»Das glaube ich nicht. Des gnädigen Herrn Schuhe trägt alle der Jakubeit nach, der hat denselben Fuß. Vielleicht, daß der ein Paar verschenkt hat, das wäre möglich.«

»Seltsam, seltsam. Nach diesem Fuß schließe ich auf eine Persönlichkeit nicht größer als hundertsiebzig bis hundertvierundsiebzig Zentimeter. Der Schlag aber ist zu sehr von oben heruntergekommen und Herr von Kleißt ist ein großer Mann. Der Mörder war mindestens hundertneunzig Zentimeter groß und baumstark …. Also schreiben Sie weiter, Leibjäger: Alle Wertgegenstände, Uhr, Portemonnaie und Brieftasche waren entwendet, es scheint also, daß der Täter einen Raubmord vortäuschen wollte …. aber halt, was ist denn hier?«

Lippe bückte sich und zog aus der rechten Hand des Toten ein Endchen gedrehter Hanfschnur von etwa vier Millimetern Dicke und sechsundvierzig Zentimeter Länge.

»Ein ganz eigentümlicher Fall! Wo kommt nun dies Stückchen Schnur her, das sieht ja fast aus, wie die Laufleine eines großen Hochseefischnetzes …. wir wollen doch zunächst unsere Untersuchungen bei dem Fischermeister Beerbohm beginnen, Herr Baron …. Also, Leibjäger, bitte schreiben Sie: In der rechten Hand des Toten wurde ein Stück gedrehte Hanfschnur gefunden – und nun geben Sie die Maße an, hier haben Sie meinen Zollstock, messen Sie genau aus …. Das scheinbar von einem Hochseefischnetz, einer sogenannten Wade herrührt …. Sie haben nach einem Wagen geschickt, Herr Baron, nicht wahr? Doch nicht etwa um die Leiche wegschaffen zu lassen, das geht nicht an. Bevor wir sie nicht photographiert haben, darf sie niemand berühren, wir wollen darum sofort zurück und …. ja, Leibjäger, wo finden wir denn am schnellsten einen Photographen?«

»Der nächste Photograph wohnt in Kallningken.«

In diesem Augenblicke erschien in scharfem Trabe hinter der nächsten Erdwelle heraufkommend ein schwerer zweispänniger Wagen, von dem berittenen Gendarm begleitet, der in Kallningken stationiert war. Lippe ließ den Gendarm nicht absteigen, sondern beorderte ihn sofort nach Kallningken.

»Aber reiten Sie, als ob Sie einen Befehl mit drei Kreuzen hätten, Wachtmeister. Packen Sie den Photographen mit seinem ganzen Hausgerät in einen Wagen und so schnell wie möglich hier her. Sagen Sie ihm, er habe von oben nach unten zu photographieren, unter Umständen müssen Sie eine Stelleiter mitbringen. Haben Sie verstanden?«

»Jawohl.«

»Dann wiederholen Sie den Befehl.«

»Den Photographen mit seinem ganzen Hausgerät in einen Wagen packen und so schnell wie möglich hierher bringen, ihm melden, daß er von oben nach unten photographieren soll, eine Stelleiter mitbringen.«

»Gut, nun abreiten. Halt.«

Der Gendarm warf noch einmal herum.

»Indes der Photograph sich fertig macht, reiten Sie nach dem Amtsgericht und melden dem Herrn Amtsrichter den Fall hier. Nehmen Sie Ihr Notizbuch heraus: Rittmeister von Kleißt als Leiche in der Heide aufgefunden, Schädel von einem schweren Gegenstand zertrümmert, Uhr, Portemonnaie und Brieftasche geraubt. Es liegt zweifellos ein Verbrechen vor …. Darf ich bitten, Herr Baron, die Meldung zu unterschreiben.«

Nachdem Hatto unterschrieben hatte, bat ihn Lippe, sich nun in den Wagen zu setzen und nach Mohrungen zurück zu fahren. Der Leibjäger mußte das Knieleder des Wagens abnehmen, um die Leiche zu bedecken.

Jetzt erst wachte Hatto von Mohrungen aus seiner Erstarrung auf.

»Aus welchen Gründen, Herr Lippe, soll ich nach Hause fahren?«

»Um sich einmal gründlich auszuruhen, Herr Baron. Sie sind die ganze Nacht unterwegs gewesen, haben wahrscheinlich schlecht geschlafen und sind seit Tagesanbruch wieder auf den Beinen, dazu der entsetzliche Eindruck, den es auf einen Menschen machen muß, wenn er einen Freund, den er vor Stunden gesund und frisch verlassen, als kalte, blutige Leiche vor sich sieht. Ich fürchte, Ihre Nerven halten das nicht aus. Fahren Sie ruhig nach Hause, legen Sie sich ein paar Stunden hin, dann schicken Sie uns einen bequemen Wagen heraus, daß wir den armen Kleißt unter Dach bringen …. Die beiden Jäger und den Torfwächter behalte ich hier. Ich habe jetzt eine sehr wichtige Untersuchung vorzunehmen. Nachdem wir die Leiche photographiert haben, will ich zu dem Fischmeister hinunter und der Spur folgen, auf die das Stückchen Netzschnur hinweist.

Der Wagen fuhr ab und Lippe blieb mit den beiden Jägern und dem Torfwärter allein bei der Leiche und murmelte halblaut vor sich hin:

»Eine unbegreifliche Geschichte. Der Mord paßt gar nicht in meine Theorie. Er ist so sinnlos, so zwecklos. – Und doch, wenn man sich richtig überlegt, der arme Mohrungen sollte in Schrecken gesetzt werden. Ihn selbst zu ermorden, das wäre zu plump gewesen, zumal man weiß, daß ich mit der Sache zu tun habe, Liebenau kennt mich …. Halloh, da heißt es auf der Hut sein.« Unwillkürlich faßte Lippe nach der Pistolentasche und war erst beruhigt, als er seine Browningpistole in der Hand fühlte.

»Sagen Sie, Perkones, Sie sind ja wohl gut bekannt in der Umgegend?«

»Jawohl, Herr, ich bin seit meiner Kindheit im Dienst der gnädigen Herren von Mohrungen.«

»Sie sind Lette, nicht wahr?«

»Jawohl, drüben von der Nehrung gebürtig, bei Rositten.«

»Wie weit ist es ungefähr nach dem Rittergut des Herrn Grafen von Liebenau?«

»Hm« …. der Torfwärter besann sich. »Wir fahren von Mohrungen mit guten Pferden fünf bis sechs Stunden, je nachdem das Wetter ist.«

»Das Gut grenzt aber nicht an die Herrschaft Mohrungen.«

»Nein, nein, Herr, da liegt noch Jaworsky dazwischen und der Berliner Bankier mit seinen großen Waldungen und dann kommt erst der Herr Graf.«

»Also in fünf bis sechs Stunden kann man hin fahren?«

»Das wird man gut schaffen. Es sind ungefähr zwölf bis vierzehn Meilen.«

Dann wendete er sich zu dem einen Jäger, der den Hund am Leitseil hielt.

»Kommen Sie mal her, Jäger, wir wollen doch versuchen, ob der Hund die Spur aufnimmt, die ich vorhin ausgemessen habe. Hätten wir einen Polizeihund hier, wäre die Sache einfacher.«

»Ach, gnädiger Herr, der Hund hat eine viel bessere Nase als alle Polizeihunde zusammen. Wenn die Spur noch nicht kalt ist, nimmt er sie sicher auf.«

»Also dann los, wir wollen es probieren.«

Der Jäger streichelte den Hund und sprach mit ihm: »Tellchen, mein Alter, paß jetzt mal auf, hörst Du?« Der Hund öffnete das Maul, legte den Behang zurück und seine Augen lachten, als ob er die Worte des Jägers verstanden hätte.

»Sieh mal her, mein Hündchen, hier ist ein Mensch gegangen.« Der Jäger bückte sich und deutete mit dem Zeigefinger auf die Spur. Im Augenblick war die Nase des Hundes neben dem Finger, dann ging der Kopf wieder hoch, ein leises Winseln und Wedeln mit der kurzen Rute. Tell hatte offenbar verstanden, war von ihm gefordert wurde.

»Also los, such'! such'!« Im gleichen Augenblick schoß der Hund geradeaus den Heideweg entlang und Lippe gab noch eine kurze Anweisung über die Bewachung der Leiche, um dann hinter dem Jäger und Hund herzueilen.

Eine Viertelstunde etwa hielt Tell den Fußweg, dann bog er ab, quer über das Land, dem Moore zu und nach Verlauf von einer halben Stunde stand er an einem abgebauten Torfstich still. Eine weite Wasserfläche dehnte sich aus. Der Hund lief am Ufer hin und her, fand aber keine Spur, offenbar war der, dessen Tritten man gefolgt, im Wasser weitergegangen und Lippe untersuchte jetzt mit einem langen Torfknüppel den Grund. Da stellte sich heraus, daß das schwarze Wasser nur wenige Fuß hoch stand und der Boden fest und gangbar war.

»Gnädiger Herr, wenn der Mörder diesen alten Torfstich angenommen hat, muß er die Gegend hier genau kennen. Ich bin jetzt auch schon zwei Jahre im Dienst des Herrn Baron, aber ich würde mir nicht getrauen, in einen solchen Tümpel hineinzugehen.«

»Aber wo kann er hin verschwunden sein? Und wenn er den Mord in der Nacht vollbracht hat …. das wäre doch ein kühnes Wagnis, in der Nacht durch das Moor zu kriechen. Wollen wir versuchen, den Torfstich zu umgehen, vielleicht nimmt der Hund die Spur wieder auf.«

Es war eine mühsame Wanderung. Der Weg führte zwischen Wasserlachen auf schmalen Torfbrücken über schwankenden Grund hin, manchmal mußte man von einem Heidekrautbüschel auf den andern springen und die Hände hatten nur einen ganz schwachen Halt an den Erlen- und Birkensträuchern, die in dieser verlassenen Wüste wuchsen. Der Jäger ging mit dem Hund voran und meinte, zu zweien sei es nicht so gefährlich, da immer einer den andern herausziehen könnte, wenn der Boden unter ihm absank. Nach mühevollem, wohl eine halbe Stunde währenden Vorwärtsdringen gelangten die beiden auf eine verhältnismäßig trockne und feste Stelle und sofort gab der Hund Zeichen, daß er die Spur wieder hatte.

»Jetzt finde ich mich hier zurecht, gnädiger Herr. Es ist hier ein langer Streifen trockenen Landes, der führt zu einer kleinen Hütte, an dem großen Pfuhl, wie wir sagen. Der Herr Baron sitzt dort immer auf Enten an.«

»Wie weit schätzen Sie die Hütte?«

»Vielleicht eine halbe Stunde.«

»Dann vorwärts!«

Der Hund zog jetzt ganz sicher auf der Spur entlang und als man nach rüstigem Vorwärtsschreiten in die Nähe der Jagdhütte kam, gab er laut Hals, riß sich von der Hand des Jägers los und stürzte in mächtigen Sprüngen vorwärts. Der Jäger nahm das Gewehr von der Schulter und spannte den Hahn. Lippe zog seine Browningpistole aus der Tasche und in tollem Lauf ging es hinter dem Hunde her. An der nächsten Moorbank schoß eilig etwas Graues, Mißfarbiges am Boden hin, dann hörte man ein lautes zorniges Gebell des Hundes, einen Angstschrei, dem nur noch ein drohendes Knurren folgte.

»Er hat ihn fest, gnädiger Herr, kommen Sie.«

»Wahrhaftig, er hat den Kerl gefunden.«

Im nächsten Augenblick waren Lippe und der Jäger an der Seite des Hundes, der einen kleinen schmutzigen Letten gerissen hatte und fest am Boden hielt. Es war ein kümmerlicher, alter Kerl von mindestens sechzig Jahren mit dünnem stoppeligen Bart und Haar und kleinen listigen Augen, in einem plattnasigen faltigen Gesicht. Er wimmerte fortwährend;

»Man naw naudas, man naw naudas.«

»Was sagt er?«

»Ich verstehe nicht Lettisch, gnädiger Herr, aber naudas heißt Geld. Es ist der alte Saslaukas. Der hat den Herrn Rittmeister sicherlich nicht umgebracht.«

»Steh auf, Schuft,« herrschte Lippe den Alten an, »zeige deine Taschen vor.«

»E neesmu Wahzetis.«

»Sprich Deutsch, Schuft, oder ich hetze Dir den Hund an die Gurgel.«

»Gnädiker Herre, armes lettisches Pracherkerl, hot niks genomme Geld, niks Blakths, was ist Deutsch eine Wanze von todes Herrn.«

»Zeige deine Stiefel.«

»Oh, Sahbaks hot mir geschenkt, gnädiker Herr Diener von Mohrung.«

Lippe maß schnell mit dem Zollstock Länge und Breite der Sohle und stellte fest, daß der Stiefel mit der Spur bei der Leiche übereinstimmte.

»Halten Sie den Kerl mal fest, Jäger, ich werde ihm die Taschen ausräumen.«

An kurzer Zeit hatte Lippe den kümmerlichen Kerl visitiert, aber nichts gefunden. Dadurch ließ er sich natürlich nicht abschrecken, sondern begann systematisch die Umgegend, die alte Jagdhütte und die Erlensträucher zu durchforschen, aber es fand sich nichts. Erst, als er dem Hund die Witterung gab mit dem Taschentuch des Herrn von Kleißt, das er der Leiche aus der Tasche gezogen hatte, schoß das kluge Tier auf ein Erlengestrüpp los und in kurzer Zeit waren Portemonnaie, Brieftasche und Uhr zutage gefördert.

Der alte lettische Bettler machte ein völlig verwundertes Gesicht und erklärte in seinem krausen Kauderwelsch, daß er nichts von den Sachen wisse, aber das half ihm nichts. Lippe faßte ihn am Kragen, schüttelte ihn, daß ihm der Atem fast verging und zwang ihm auf die Weise das Geständnis ab, er habe dem Toten die Sachen aus den Kleidern genommen. Daß er ihn nicht hatte ermorden können, das stand zweifellos fest, denn erstens war weit und breit ein so furchtbares Werkzeug nicht zu finden, mit dem die Schädelwunde Herrn von Kleißt beigebracht sein mußte, und dann war der schwächliche kleine Alte nicht die Persönlichkeit, ein so furchtbares Verbrechen zu begehen, hatte er doch überhaupt nicht die Kraft, einen derben Knittel zu schwingen, viel weniger eine schwere Beilpike. Jedenfalls mußte er festgenommen werden, um von dem Torfwärter Perkones, der gleichfalls Lette war, in seiner Muttersprache vernommen zu werden.

Als die drei an die Mordstelle zurückgekommen waren, stand die Sonne im Mittag, und am Horizont erschien ein Wagen, den ein berittener Gendarm begleitete, offenbar der Photograph und der Amtsrichter von Kallningken. Der Amtsrichter ließ sich von Lippe den Tatbestand vortragen, und als die Lage der Leiche photographiert war, wurde der Tote aufgeladen und nach Kallningken gebracht. Den alten lettischen Bettler übernahm der Gendarm, der sich ganz gut mit ihm verständigen konnte. Im Abfahren wandte sich der Amtsrichter an Lippe mit der Frage, ob er es übernehmen wolle, den Vater des Herrn von Kleißt zu benachrichtigen.

»Gewiß, Herr Amtsrichter, da der alte Herr in Berlin lebt, so werde ich das durch einen Vertrauensmann besorgen lassen, der ihm den schweren Fall vorsichtig berichten soll.«


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