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I.

Der Direktor des vornehmsten Detektivbureaus in der Reichshauptstadt, der frühere Kriminalkommissar und Hauptmann der Reserve Lippe legte das letzte Aktenstück in den Ständer und trat nach getaner Arbeit an das Fenster, um auf die lebhaft bewegte Leipziger Straße hinunter zu blicken. Der Abend dunkelte herein, bald hier bald da blitzten die Lichter der Schaufenster aus wie gierige Luchsaugen, die das vorüber flanierende Publikum zu faszinieren strebten.

Lippe dachte gerade darüber nach, welch' eine faule Zeit dieser ausgehende Sommer sei. Kein großer Fall, der seine Phantasie anregte und seine Schaffenskraft ins Unglaubliche steigerte, nichts als die müde Schwüle in der Natur und im Leben.

Da tickte der elektrische Wecker am Schreibtisch, zum Zeichen, daß noch ein später Klient eingetreten sei. Der Direktor nahm den Hörer ans Ohr, der ihm ermöglichte, jedes Wort zu verstehen, das in seinem Wartezimmer gesprochen wurde. Von Minute zu Minute nahm sein Gesicht den Ausdruck schärferer Spannung an, und als er den Hörer hinlegte, blitzte es wie Wetterleuchten in seinen Augen auf. Er rieb sich die Hände und murmelte vor sich hin:

»Endlich, endlich!«

Da kam auch schon der Bureauvorsteher herein und meldete den Klienten. Lippe nahm die Visitenkarte und las:

Hatto Freiherr von Mohrungen. Keine Berufszeichnung, keine Wohnung.

»Ich lasse bitten, Herr Großmann.«

»Der Herr wünscht ….« Großmann unterbrach sich stets, er sprach immer nur zögernd.

»Ich habe ja am Telephon gehört, was der Herr wünscht. Ganz ungewöhnlich, er wünscht einen Zeugen bei unserer Unterredung. Die meisten unserer Gäste sind schon ängstlich, wenn sie mir allein ihre Geheimnisse anvertrauen müssen. Lassen wir ihm seinen Willen. Sie kommen also mit herein, Sie alter Freund und treuer Mitarbeiter.«

Ein geschmeicheltes Lächeln überstrahlte das kluge Gesicht des schlichten Mannes der schon im Ausgang der fünfziger zu stehen schien.

Er schob vorsichtig die Tür auf und ließ den Besuch vor sich in das Zimmer seines Meisters eintreten.

Stumme höfliche Verbeugung von beiden Seiten. Dann setzten sich die Herren.

Der Besuch sah sich flüchtig um und schien seine Gedanken zu sammeln, dann begann er zögernd zu sprechen.

»Einer meiner Freunde aus dem Automobilklub hat mir Ihren Namen genannt und mich zu Ihnen geschickt, nachdem ich ihm die Geschichte des Todes meiner beiden älteren Brüder erzählt hatte.«

»So ist die Geschichte gewiß recht seltsam?«

»Nein, im Gegenteil, sie ist sogar höchst alltäglich, und ich wundere mich, daß mein Freund so besorgt ist, aber Sie wissen ja, Besorgnis steckt an, und da bin ich denn hier, Ihren Rat und vielleicht Ihre Hilfe zu erbitten. Aber wie gesagt, ich glaube gar nicht, daß Ihr Eingreifen nötig wird, ich gehorche eigentlich mehr meinem Freunde, und lediglich um ihn zu beruhigen, bin ich hier.«

»Also bitte, wollen Sie ganz ruhig erzählen.«

Lippe lehnte sich zurück und betrachtete aufmerksam den großen blonden Mann mit dem offenen, ehrlichen Gesicht, der im Anfang der Dreißiger stehen mochte.

»Pardon, Herr Baron, ich kannte einen Freiherrn von Mohrungen, der war sechster Kürassier. Ist das ein Verwandter von Ihnen?«

»Gewesen, Herr Lippe, er ist tot. Das war mein ältester Bruder.«

»Warten Sie, Herr Baron …. mein Gedächtnis …. Ich erinnere mich noch an einen Herrn Ihres Namens …. wenn ich mich nicht irre, war er unter den Chinakämpfern. Ich glaube, er war Artillerist und hat dort wegen Malaria oder irgend so etwas den Abschied nehmen müssen.«

»Das bin ich selbst …. Darf ich fragen, woher Sie meinen Bruder kennen?«

»Ganz zufällig. Ich hatte einmal für Ihren Herrn Schwager, den Grafen Liebenau und seinen einzigen Sohn …. doch das gehört nicht hierher …. es geht Liebenau doch wieder ganz gut, nicht wahr? Er hat sich wohl wieder rangiert?«

»Liebenau? Wenn Sie mich fragen, Herr Lippe …. er ist an seinen Mißerfolgen fast immer selbst Schuld. Er gilt nicht als tüchtiger Landwirt, aber möchte es gerne sein, und darum experimentiert er an seiner schönen Herrschaft herum. Dabei buttert er viele Tausende zu, ohne eigentlich rechten Erfolg zu haben.«

»Aber wir wollten ja nicht vom Grafen Liebenau reden, sondern von Ihnen. Warum eigentlich verlangten Sie bei unserer Unterredung einen Zeugen, Herr Baron? Es ist ungewöhnlich.«

»Sie dürfen nicht denken, daß ich Mißtrauen hätte, gewiß nicht, Herr Lippe, nur damit mich zwei vernünftige Menschen hören und auslachen können. Sehen Sie, ich habe ja die Sache gar nicht so ernst genommen, aber der dicke Kleißt hat mich ängstlich gemacht.«

»Also Herr von Kleißt hat mich Ihnen empfohlen?«

»Ja, ja. Er sagte. Sie seien einer der tüchtigsten und diskretesten Menschen, die er kenne.«

»Herr von Kleißt überschätzt mich …. also gut, wir wollen Sie auslachen, Herr Baron, wenn Ihre Geschichte zum Lachen ist. In unserem Beruf verlernt man leider fast das Lachen.«

»Glaub's, glaub's …. Sehen Sie, mein ältester Bruder Erich Heinrich Mohrungen, erbte das Majorat. Es ist eine prachtvolle Herrschaft in Ostpreußen, ein Besitz von ungefähr dreißigtausend Morgen mit allem, aber auch allem, was sich nur ein Landmann wünschen kann. Dazu kommt noch unser schönes Stadthaus in der Dorotheenstraße, wo meine Eltern gewöhnlich den Winter zubrachten und mein Vater wohnte, wenn Sitzungen im Herrenhaus waren. Also dieser Erich Heinrich, ein fester, robuster Kerl, sage ich Ihnen, ein unermüdlicher Jäger und Reiter …. er ritt wie der Deibel aus den Jagden in Döberitz immer voran …. fing auf einmal an zu kränkeln …. nicht körperlich, sondern mehr geistig. Er war immer müde und hatte Angstzustände. Es kam schließlich soweit, daß er nicht mehr allein im Zimmer bleiben wollte. Ganz seltsame Anfälle bekam er zuweilen. So sagte er mir einmal: ›Hallo, weißt Du, jetzt habe ich Furcht, mich umzudrehen.‹ Warum denn, Alterchen? fragte ich. ›Ich denke, es müßte ein Kerl hinter mir stehen, oder auch kein Kerl, etwas anderes, was ich nicht greifen und nicht schlagen kann, was ich auch nicht totschießen kann.‹ Na, sage ich, dann also ein Gespenst. Da wird er auf einmal ganz blaß, fängt heftig an zu zittern, faßt mich am Arm und zieht mich hinaus durch den Park, hinunter nach dem Haffufer, wo weite Wiesen sich unabsehbar hindehnen. Dort fühlte er sich am allerwohlsten, weil die Landschaft offen war, und er ringsum alles übersehen konnte. Wir denken natürlich, er hat sich überarbeitet, oder sich Sorgen gemacht, vielleicht auch eine Liebschaft, denn er war unverheiratet. Wir fragen den Arzt, der schüttelt bedenklich den Kopf, um ihn mit kaltem Wasser zu behandeln. Es trat auch vorübergehend Besserung ein, aber ganz gesund wurde er nie. Ich denke, wenn es Frühjahr wird, hat er Beschäftigung und ist viel in frischer Luft, von lieben Freunden umgeben, dann wird sich sein Leiden schon verlieren.«

»Es verlor sich aber nicht?«

»Nein und mein Schwager Liebenau, der zur Birkhahnjagd oft herüber gekommen war, riet, er solle sich in das Sanatorium des Doktor Mühlfort in Wannsee begeben, das sei ihm besonders empfohlen. Dort schritt die Heilung anfänglich sehr gut fort. Ich habe ihn mehrfach besucht, fand ihn wohl und munter, und der Arzt erklärte auch, daß die Angstzustände, die seelische Zerrüttung wesentlich zurückgegangen seien. Auf einmal, ehe noch der Sommer zur Neige ging, erhielten wir die Nachricht von seinem Tode. Er hatte einen entsetzlichen Anfall bekommen, die Angst hatte sich gesteigert bis zu einem schrecklichen Tobsuchtsanfall, wie der Arzt sagte, und einem nachfolgenden Selbstmordversuch. Natürlich wurde die Überwachung außerordentlich streng gehandhabt. Er wurde auch nach Tagen wieder ruhig, starb aber doch im Laufe der nächsten zwei Wochen an den Folgen der entsetzlichen Melancholie.«

»Soweit hat der Fall noch nichts Auffälliges.«

»Gewiß nicht! Das seltsame aber ist, daß mein zweiter Bruder, der nunmehr nach der Stiftungsurkunde unseres Fideikommisses die Herrschaft übernehmen mußte, nach ganz kurzer Zeit ähnliche Krankheitserscheinungen zeigte, der Fall nahm denselben Verlauf, nur vielleicht etwas turbulenter. Die Angstzustände überfielen den Armen manchmal auf freiem Felde mitten unter den Arbeitern, und er glaubte sich dann bedroht, fiel mit der Reitpeitsche über einen von seinen Leuten her und hätte ihn umgebracht, wenn nicht die andern dazwischen gesprungen wären und himmelhoch gebeten hätten.«

»War der zweite Ihrer Herren Brüder auch Offizier?«

»Nein, der hatte studiert und war bei der Botschaft in Petersburg gewesen, ehe er das Majorat übernahm …. Also die Leute stellten sich um ihren Herrn herum und sagten: ›Aber Herr Baron, wir sind doch alle gut und wir sind dem Herrn Baron alle treu ergeben, der Herr Baron braucht sich keine Sorgen zu machen, es darf keiner unsern Herrn anrühren.‹ Da beruhigte er sich und ritt nach Hause. Noch am selben Abend telegraphierte unser alter Haushofmeister an mich und auch an Liebenau, wir sollten nach Mohrungen kommen, es wäre Gefahr. Und wir fanden meinen Bruder in einem furchtbaren Zustand, blaß mit zitternden Händen, er klagte über Schwindel, Aufregung und Herzensangst, im ganzen Schloß mußten die elektrischen Lampen blau verhangen werden, weil ihn das Licht quälte. Wenn er in die Sonne hinausging, setzte er sich eine blaue Brille auf. Wir hielten einen kurzen Familienrat und beschlossen, daß er sich auf eine Zeit lang von den Geschäften zurückziehen und in ein Sanatorium begeben sollte. Da sowohl Liebenau als auch ich fest überzeugt waren, Doktor Mühlfort sei der richtige Mann, so überredeten wir ihn in die Anstalt nach Wannsee zu gehen und mein Bruder gab auch seine Einwilligung. Der Verlauf seiner Krankheit zeigte eine etwas andere Physiognomie, aber das Ende war schließlich fast dasselbe, die Angstzustände verstärkten sich derart, daß Doktor Mühlfort dem armen Kerl große Dosen Morphium gab, um ihn einigermaßen zur Ruhe zu bringen. Das war vielleicht nicht richtig, denn in einer Nacht …. wir wissen nicht, wie die Sache geschehen ist, muß ihn wieder ein Angstanfall gepackt haben. Kurz, schlau wie derartige Kranke sind, schlich er sich in das Wärterzimmer und erwischte das Morphium und die Spritze. Ob er sich nun Linderung verschaffen wollte, ob ein Zufall mitgespielt, oder ob er seinem Leben hat ein Ende machen wollen, das wissen wir nicht. Jedenfalls hat er sich nicht nur Morphiumeinspritzungen gemacht, sondern er hat auch zahlreiche fertige Pulver verschluckt. Der Fall wurde, wie uns Doktor Mühlfort mitteilte, so frühzeitig entdeckt, daß eine Rettung hätte möglich sein müssen, aber der Tod läßt eben nicht mit sich spaßen und der arme Kerl ist gar nicht mehr zum Bewußtsein gekommen.«

»Ja, Herr Baron, und nun sind Sie rechtmäßiger Besitzer von Mohrungen, nicht wahr?«

»Seit einem halben Jahr, seitdem mein zweiter Bruder tot ist, ja …. und nun kommt das Seltsame, was den dicken Kleißt und nun auch mich stutzig gemacht hat …. Wir sitzen zusammen, ein paar Regimentskameraden und haben eine kleine Bank aufgelegt. Ich verliere ziemlich stark und etwas, was mir sonst nie passiert, ich rege mich furchtbar auf. Ich kann von dem Gedanken nicht los kommen, daß der dicke Kleißt falsch spielt. Da unterbrach er plötzlich das Spiel und sagte: Wir hören auf für heute, Hatto ist nicht in Stimmung. Danach nimmt er mich beiseite und klopft mir ganz freundschaftlich auf die Schulter: ›Du Junge, so fing's bei Erich Heinrich auch an. Die Luft von Mohrungen scheint Euch alle rabiat zu machen. Es wird nicht lange dauern, hast Du dieselben Zerrüttungserscheinungen wie Deine beiden Brüder, ich rate Dir, vertraue Dich Herrn Lippe an, der Tod Deiner beiden Brüder ist nicht mit rechten Dingen zugegangen.‹ Ich guckte den dicken Kleißt von oben bis unten an, und es regte sich in mir …. ich bin ein ganz ruhiger Mensch, Herr Lippe, und ein anständiger Mensch …. und es regte sich in mir eine bestialische Wut, daß ich am liebsten dem guten Kameraden an die Kehle gesprungen wäre, aber ich sagte mir schließlich: Hatto, Junge, kalt Blut und warm angezogen. Du hast doch vor den Peitangforts ruhig gestanden im Feuer, wirst dich doch jetzt von deinen Nerven nicht unterkriegen lassen. Und ich habe es geschafft. Ich habe mich bezwungen und konnte mit Kleißt ruhig über die Angelegenheit reden. Soviel steht bei mir fest, ich kehre nach Mohrungen nicht zurück, denn dort herrscht eine giftige Atmosphäre, die meinen Brüdern den Tod gebracht hat …. Herr Lippe, sehen Sie, darum habe ich einen zweiten Zeugen unserer Unterredung gewünscht, damit Sie beide mich tüchtig auslachen können. Raten Sie mir, helfen Sie mir …. Bin ich verrückt, bin ich schon verrückt, ist es mit dem Tod meiner beiden Brüder nicht mit rechten Dingen zugegangen, bin ich von geheimen Mächten umgeben, die mir nach dem Leben trachten, oder ist das schon der Anfang eines entsetzlichen Familienerbstückes, das alle Mohrungen von der Erdoberfläche vertilgt? Ich weiß nicht, bin ich noch vernünftig, bin ich noch der alte Hatto Mohrungen, der mit Ruhe jeder Gefahr ins Auge blicken konnte …. Ich will die Angst nicht in mir aufkommen lassen, denn ich weiß, es geht mir ans Leben, wenn ich sie nicht in mir niederkämpfe. Ich habe drei Nächte nicht geschlafen, schon verfolgt mich etwas Unheimliches, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, Herr Lippe, wenn Sie mir nicht helfen können …. dann mache ich kurzen Prozeß, und verschlucke eine blaue Bohne mit Stahlmantel.«

»Vor allen Dingen bleiben Sie ganz ruhig, Sie sind hier völlig sicher. Es gibt hier keine dämonischen Mächte, die Sie umbringen können, denn allen dämonischen Mächten rücken wir, wenn es sein muß, mit der Browningpistole ans Leder. Vorerst trinken Sie ein Glas Whisky mit Soda …. Herr Großmann, ich bitte …. und dann wollen wir den Fall ruhig besprechen. Soviel ich oberflächlich beurteilen kann, besteht ein teuflischer Plan gegen die Majoratsherrn von Mohrungen. Ich weiß noch nicht, welche Wege dieser Plan geht, aber es scheint mir sicher, daß Sie in einem halben Jahre ein stummer Mann gewesen wären, wenn Sie nicht den Weg zu mir gefunden hätten. Dahinter steckt ein ganz geriebener Schurke. Aber lassen Sie mich nur machen, wir werden ihn entlarven und in seiner eigenen Schlinge fangen. Weiß jemand, daß Sie zu mir gegangen sind?«

»Außer Kleißt niemand.«

»Gut, Sie werden auch mit niemanden darüber sprechen und Sie werden Herrn von Kleißt, mich und meinen Bureauvorsteher Herrn Großmann, der Ihnen soeben ein Glas Whisky mit Soda vorsetzt, heute noch zu einem kleinen Abendbrot nach Ihrem Hause in der Dorotheenstraße einladen, wir werden dann die Angelegenheit ernsthaft beraten. Haben Sie sonst noch jemand, der Ihnen nahe steht?«

»Meinen Schwager Liebenau und meine Schwester, seine Frau, dann noch eine Familie, aber ich glaube, daß ….«

»Mein verehrter Herr Baron, betrachten Sie mich als Ihren Beichtvater und sagen Sie mir alles, was Sie betrifft.«

»Ach, Herr Lippe, eine einfache Verlobungsgeschichte, die hat ja wohl mit der Angelegenheit nichts zu tun?«

»Na, wie Sie wollen, ich denke, wir werden uns heute Abend darüber klar werden, ob diese Geschichte nicht von Wichtigkeit ist. Gehen Sie jetzt ruhig nach Hause und denken Sie nicht mehr an die Sache. Wollen Sie vielleicht an Herrn von Kleißt telephonieren?«

»Nein, ich danke, ich werde Kleißt so benachrichtigen …. Wenn es Ihnen dann gefällig ist …. jetzt ist es acht …. also um zehn Uhr, nicht wahr?«

Freiherr von Mohrungen trank schnell hintereinander zwei Gläser Whisky mit Sodawasser und stand auf.

»Ich danke Ihnen, daß Sie sich meiner annehmen wollen, die Sache hat mich doch mehr angepackt als ich glaubte. Sie halten mich noch für völlig gesund?«

»Ich halte Sie für völlig gesund, Herr Baron, und ich verspreche Ihnen, daß Sie auch gesund bleiben.«

»Na, ich danke Ihnen.«

Er reichte den beiden Herren die Hand und verließ das Haus.

»Was denken Sie von dem Fall, Großmann?« fragte Lippe nach einer kleinen Pause.

»Es …. und da klagen Sie immer, daß Ihnen interessante Fälle fehlen. Ich würde ….«

»Na, was würden Sie denn, Großmann?«

Der Bureauvorsteher näherte sich seinem Chef und flüsterte ganz scheu und zurückhaltend:

»Ich würde den suchen ….,« er stockte etwas …., »dem der Tod dieses jungen Mannes Vorteil bringt.«

Als Lippe und Großmann das Bureau verließen, war es ungefähr halb zehn Uhr. Sie gingen gemächlich die Leipziger Straße hinunter nach dem Potsdamer Platz, um durch die Bellevuestraße und den Tiergarten auf einem kleinen Umweg das Palais Mohrungen in der Dorotheenstraße zu erreichen.

Auf dem Potsdamer Platz herrschte ein lebhafter Verkehr. Wagen und Automobile stauten sich, bildeten starre Mauern und schoben sich schließlich auf einen Wink es Verkehrsschutzmanns weiter in die einmündenden Straßen hinein. Beim Hotel Esplanade wäre Lippe, der achtlos den Fahrdamm überschritt, von einer Autodroschke fast überrannt worden, und aus alter polizistischer Gewohnheit sah er sich den Chauffeur und die Nummer genau an.

Das Auto hielt, ein livrierter Galopin sprang zu und öffnete den Schlag, dem ein junger eleganter Herr mit einem müden vornehmen Gesicht entstieg, um einer Dame die Hand zu reichen, die nach ihm aus die Straße hinaustrat. Lippe kannte den Herrn, wenigstens tauchte tief aus seiner Erinnerung dieses jugendliche Aristokratengesicht auf. Er kämpfte mit sich und zwang seine Gedanken zurück, bis ihm die Erleuchtung kam, das es Liebenau sei, der Neffe des heute neu gewonnenen Klienten, der Sohn von Herrn von Mohrungens Schwager …. Aber die Dame, eine seltsame Erscheinung mit Augen von einem dunklen dämonischen Reiz und von einer Art sich zu kleiden, die eine große Kultur verriet.

Instinktiv folgte der Privatdetektiv den beiden in die Vorhalle des Hotels. Da kam ihm gerade der Direktor entgegen und begrüßte ihn.

»Sagen Sie, Herr Direktor, ist das nicht der junge Graf Liebenau von den Ziethen-Husaren?«

»Ja gewiß, Herr Hauptmann.«

»Und wer ist die Dame?«

»Die Baronin Marguerite de Ribérac.«

»Ah! Das also ist die Ribérac.«

»Wollen Sie hierbleiben, Herr Hauptmann? Droben im Grillroom ist noch ein hübscher Tisch frei. Erwarten Sie Freunde?«

»Nein, nein ich danke, ich bin eingeladen, ich interessierte mich nur für das Pärchen.«

»Ist da etwas nicht in Ordnung?«

Lippe schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, nur ein persönliches Interesse, kein Fall, wie Sie vielleicht vermuten …. Vielen Dank und guten Abend Herr Direktor.«

Lippe trat hinaus und ging mit Großmann weiter, längere Zeit wortlos in seine Kombinationen vertieft. Auf einmal sagte er:

»Wissen Sie, Großmann, wer der junge Herr war, dessen Autodroschke mich beinahe überfahren hätte, …. das war der Neffe unseres neuen Klienten, der Graf Heinz Liebenau.«

»Das …. war der junge Mann, so so, nun, wenn er solche …. Freundinnen hat, verstehe ich, daß der Vater …. auf keinen grünen Zweig kommt.«

»Ich glaube, Großmann, es wird gut sein, wenn ich mich mit diesem Herrn etwas anfreunde.«

»Weiß er, daß wir …. für seinen Vater ….«

»Nein, er weiß gar nichts. Die Sache war äußerst heikel und ist lediglich zwischen mir und dem alten Grafen Liebenau abgemacht worden.«

»Die Akten sind im Geheimarchiv, Herr Direktor, wir werden sie für …. den neuen Fall brauchen …. Und wer war die Dame?«

»Baronin de Ribérac, bekannt unter dem Namen die schöne Marguerite.«

»Ja, ja, Herr Direktor, kenne ich, habe schon ein Aktenstück für sie angelegt.«

Lippe rief jetzt eine leere Autodroschke an, da die Zeit zu weit vorgeschritten war, um den Weg zu Fuß zu machen.


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