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II.

Das Palais der Freiherren von Mohrungen, das sie bescheiden ihr Stadthaus nannten, war ein vornehmes altes Gebäude aus der Zeit Schinkels. Man trat in ein weites Vestibül, das von einem mächtigen Kronleuchter erhellt wurde. An den Pfeilern ringsum liefen alte Brokatmöbel und in den Nischen standen Rüstungen kriegerischer Ahnherrn. Darunter drei oder vier, deren alte Waffenstücke mit dem weißen Deutschrittermantel umhüllt waren. Ein dunkelblauer Teppich, in den gelbe Lilien gewirkt waren, bedeckte den Estrich und lief die Doppeltreppe hinauf nach der einzigen Etage des Hauses.

Als Lippe pünktlich um zehn Uhr mit Großmann vor dem Palais hielt, sprangen zwei Diener vor und öffneten den Schlag des Automobils, um die Gäste ihres Herrn sofort in das altertümliche Speisezimmer im Erdgeschoß zu führen.

Mohrungen schüttelte ihnen herzlich die Hände und schien mehr als am Nachmittag Herr seiner Aufregung geworden zu sein. Er war sogar heiter und scherzte über das Ausbleiben seines Freundes Kleißt, der vorlieb nehmen müßte mit dem, was übrig bliebe, wenn er nicht bald eintreffe.

»Es ist mir ganz lieb, Herr Baron, daß Herr von Kleißt noch nicht da ist. In seiner Gegenwart hätten Sie vielleicht doch nicht gern von der Herzensgeschichte gesprochen, die unseren Fall vielleicht aufklären kann.«

»Ach, Herr Lippe, es ist eigentlich gar nichts. Ich lernte vor drei Jahren in Warnemünde eine junge Dame kennen, die einen tiefen Eindruck auf mich machte. Das freie Leben im Seebad gestattete mir, während der köstlichen Wochen vom Morgen bis zum Abend mit ihr zusammen zu sein, und, na was soll ich Ihnen erzählen. Mit dem kleinen Jahresgehalt, das ich aus dem Fideikommiß bezog, konnte ich notdürftig als Junggeselle auskommen, aber mir nicht den Luxus einer vermögenslosen Frau gestatten. Darum entschloß ich mich, den königlichen Dienst, der mir doch eigentlich nicht mehr viel bieten konnte, meiner Herzensneigung zum Opfer zu bringen. Meine Verwundung im chinesischen Feldzug bot ja eine leichte Handhabe für die Pensionierung. Ich entschloß mich, den Abschied zu nehmen und einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen. Die Eltern der jungen Dame ….«

»Pardon, Name und Stand des Vaters?«

»Professor Doktor Köbner, Oberlehrer am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium.«

»Und der Herr Schwiegervater war mit dem Berufswechsel einverstanden?«

»Eigentlich nicht. Er meinte, wir könnten ja ruhig warten, bis ich Hauptmann geworden sei, Cornelia, die kaum neunzehn Jahre alt war, sei sowieso noch zu jung zum Heiraten. Ich setzte aber schließlich meinen Willen durch, um so mehr, als mein ältester Bruder mir in wahrhaft herzlicher Weise eine Stellung, wenn ich so sagen kann, eine Lebensstellung in Mohrungen anbot. Er hatte sich in die Politik gestürzt, war Vorsitzender des konservativen Vereins geworden und wollte sich nun auch in den Reichstag wählen lassen. Da brauchte er, wie er meinte, eine vertrauenswürdige Persönlichkeit auf dem Gut, die zum Rechten sah. Leider ist sein Tod das Ende unserer Hoffnungen gewesen. Mein zweiter Bruder kam auf den Gedanken nicht zurück. Er war völlig anders geartet als Erich Heinrich. Er liebte das Familienleben und die Geselligkeit und sah sich sehr bald unter den Töchtern des Landes nach einer passenden Gemahlin um. So mußten wir denn unsere Heiratspläne aufschieben, bis es mir gelungen war, irgendeinen Beruf zu finden. Nun hat mich auch der Tod meines zweiten Bruders dieser Sorge überhoben.«

»Sie sagten, der zweite Bruder wollte sich verheiraten. War schon etwas Bestimmtes darüber bekannt?«

»Eigentlich nicht. Nur im engsten Familienkreis. Er bemühte sich sehr um die junge und schöne Gräfin Laskowiza. Mein Schwager ….«

»Graf Liebenau wußte um die Absicht Ihres Herrn Bruders?«

»Ja natürlich.«

»Und er kennt auch Ihren Herzensroman?«

»Er ist doch mein nächster Verwandter …. Aber nun bin ich ja auch von der schrecklichen Krankheit ergriffen und darf an ein Glück nicht denken.«

»Sie sind völlig gesund, Herr Baron, verlassen Sie sich auf mich und vertrauen Sie mir ganz. Sie können aber zum Überfluß noch einen mir befreundeten Nervenarzt zu Rate ziehen, damit Sie auch von fachmännischer Seite beruhigt werden …. Nun aber noch eins. Wenn Sie mit dem Tod abgehen würden, verzeihen Sie die grausame Voraussetzung, wer ist Ihr Nachfolger?«

»Mohrungen ist ein Kunkellehen, Herr Lippe.«

Lippe pfiff überrascht vor sich hin.

»Dann wird also Ihre Frau Schwester die große Herrschaft erben?«

»Ja.«

»Und dann wird Graf Liebenau mit einem Schlage alle seine Gläubiger los.«

Hatto von Mohrungen wurde plötzlich weiß wie die Wand und stotterte erschreckt:

»Sie meinen doch nicht, daß Liebenau ….«

»Ich meine, Herr Baron, daß Liebenau dann seine Gläubiger mit einem Male los wird, denn er wird sein verschuldetes Gut verkaufen, oder verganten lassen. An die Herrschaft Mohrungen kann doch kein Gläubiger heran, sie gehört ihm ja nicht, sie gehört seiner Frau. Und wenn diese stirbt, seinem einzigen Sohne. So wird doch wohl die Erbfolge geregelt sein? Wir müssen die Stiftungsurkunde nachsehen.«

»Ganz recht.«

»Und weiter wollte ich auch nichts sagen, Herr Baron …. Übrigens eben ist ein Automobil vorgefahren. Jetzt wird wohl Herr von Kleißt kommen. Wir wollen vorläufig von gleichgültigen Dingen reden.«

Ein kleines exquisites Souper vereinigte in der nächsten Stunde die vier Herren, und Lippe bemühte sich, dem Gespräche immer eine andere Wendung zu geben, sobald man auf die Angelegenheit kommen wollte, an die doch alle zu denken gezwungen waren. Erst als man sich in das behagliche Rauchzimmer zurückgezogen hatte, begann die eigentliche Besprechung.

»Meine Herren,« fing Lippe an, »ich setze voraus, daß wir in unserer Mitte keinen Verräter haben. Herr von Kleißt ist durch tausend intime Beziehungen mit Ihnen, Herr von Mohrungen, verbunden. Sie sind Stubenkameraden aus dem Kadettenkorps, und es liegen auch noch andere Dinge zwischen Ihnen, pekuniärer Natur, die Herrn von Kleißt veranlassen, die wirklich opferwillige Freundschaft unseres Gastgebers hochzuhalten.«

Kleißt wurde feuerrot im Gesicht und sah den Privatdetektiv erstaunt an:

»Woher wissen Sie denn das, Herr Lippe?«

»Ich kann Ihnen sogar die Summe nennen, Herr von Kleißt …. ich wäre ein schlechter Fachmann, wenn ich bei einer Stunde Zeit nicht alle Einzelheiten über zwei Herren der Gesellschaft, die sich mir anvertrauen, ermitteln könnte.«

»Aber ich versichere Sie ….«

»Sie brauchen mir nichts zu versichern, Herr von Kleißt, was ich nicht schon weiß. Ich will darum auch offen erklären, daß Ihre Freundschaft nicht bloß materiellen Hintergrund hat, sondern durchaus ehrlich gemeint ist, und daß ich gesonnen bin, Ihnen in dem Drama, dessen erster Akt in meinem Geschäftszimmer begonnen hat, eine der wichtigsten Rollen zuzuteilen.«

Kleißts angenehmes Gesicht wurde von einem Lächeln erhellt, und er antwortete mit einem erleichterten Ausatmen:

»Ich bin selbstverständlich ganz zu Ihrer Verfügung, und was ich für Hatto tun kann …. mein Wort darauf, ich setze mein Leben ein, wenn es nötig wird.«

»Es wird nötig, darauf können Sie Gift nehmen.«

Der grausame Ernst, der in dieser Antwort lag, und in der Art wie sie gegeben wurde, legte sich plötzlich wie ein Alb auf die kleine Abendgesellschaft. Lippe, der bemerkte, daß der Eindruck seiner Worte besonders auf Mohrungen gefährlich zu werden drohte, lenkte sofort ein:

»Wollen wir ganz offen sprechen, meine Herren, Herr Großmann und ich haben uns den Fall eingehend überlegt und uns auch schon eine Theorie gebildet. Vergessen Sie nicht, Sie sind nicht Figuren in einem Kriminalroman, in dem der Detektiv hinter den Kulissen mit überlegenem Verstand die Fäden entwirrt und dann vor den Augen des erstaunten Publikums den letzten Schlag führt. Wir sind in der Wirklichkeit und stehen einem rücksichtslosen, eiskalten Mörder gegenüber. Denn, meine Herren, daß die beiden Brüder des Herrn von Mohrungen ermordet worden sind, das ist mir völlig klar. Und daß man die Absicht hat, auch Hatto von Mohrungen zu ermorden, darüber kann kein Zweifel sein. Die Herrschaft Mohrungen ist ein Kunkellehen. Wenn der letzte männliche Erbe, Herr Hatto von Mohrungen, stirbt, fällt der ganze Besitz an die Gräfin Liebenau, geborene Freiin von Mohrungen. Zu ihren Gunsten, wie ich aber hoffen will, nicht mit ihrem Wissen, sind die beiden Brüder Mohrungen ermordet worden. Ich deutete schon vorhin an, ehe Herr von Kleißt hier war, daß ich für den geistigen Urheber dieser Taten den Grafen Liebenau halte. Das aber kann ich zunächst nicht beweisen, sicher steht jedoch fest, daß der Mörder in dem Sanatorium des Doktor Mühlfort zu suchen ist und dorthin müssen wir unsere Blicke lenken. Mein Plan ist folgender: Sie, Herr Baron, begeben sich jetzt in Begleitung des Herrn von Kleißt, der vier Wochen Urlaub einreicht, nach Mohrungen, und es wird sich dort …. oder besser, ich will Sie in meine Pläne nicht einweihen, Sie könnten mir unbewußt meine Kreise stören. Nur soviel sei gesagt, daß Sie sich über nichts wundern sollen, was auf Mohrungen vorgeht, und daß Sie jede Persönlichkeit, mag es ein noch so reduzierter Kerl sein, die auf dem Gute Dienste anbietet, annehmen. Herr von Kleißt hat die Aufgabe, Ihnen Tag und Nacht nahe zu bleiben, Sie zu beschützen gegen alle Angriffe.«

»Und Sie glauben, daß mein Schwager Liebenau mir nach dem Leben trachtet?« fragte entsetzt Mohrungen.

»Ich glaube es nicht. Es scheint mir nur höchst wahrscheinlich. Es ist niemand da, der ein Interesse an dem Tode der drei Mohrungen hätte. Liebenau ist immer in Geldverlegenheit und kann trotz aller Bemühungen ihrer nicht Herr werden. Er ist auch in dem Alter, in dem vornehme Herren leicht zum Verbrecher werden. Wenn ich nicht irre, ist er zweiundfünfzig Jahre alt.«

»Warum glauben Sie, Herr Lippe, daß der Mann in diesem Alter am leichtesten zum Verbrecher neigt?«

»Nicht der Mann als solcher, sondern der Mann der guten Gesellschaft, der Mann der besseren Stände. In den unteren Volksklassen sehen Sie die Mörder meistens alle im Jünglings- oder frühen Mannesalter. Es sind faule verkommene Strolche, die schnell ein gutes Leben erringen wollen, aber ehrliche Mittel dazu verabscheuen. Noch sind sie nicht so tief gesunken, um einem Frauenzimmer auf der Straße Beschützerdienste zu leisten und sich ernähren zu lassen, darum versuchen sie es zunächst mit Einbruch und dann Straßenraub. Der Mord in jenen Bevölkerungsklassen entsteht entweder aus Habsucht oder aus einer Weibergeschichte. Ganz anders unter den oberen Zehntausend. Der Mann der Gesellschaft ringt mit dem Schicksal, wenn er nicht von vornherein aus krankhaften Neigungen zum Mörder wird, und solange er noch hoffen kann, das Leben zu zwingen, arbeitet er rastlos, versucht es vielleicht mit einigen an den Betrug streifenden Geschäften, aber den großen Schlag, das aus dem Weg Räumen mehrerer Verwandter, um in den sicheren Besitz eines großen Gutes zu gelangen, das versucht er erst, wenn jene Lebensschwelle erreicht ist, wo die Kräfte anfangen stillzustehen, wo der Mensch gemeinhin keine großen Erfolge mehr zu erhoffen hat. Es ist keine Zeit zu verlieren, das Leben ist auf dem absteigenden Ast angekommen. Zwar kann man noch dies und jenes genießen, die Sinne sind noch lebendig genug, um sich vor Toresschluß ein paar Glücksmomente zu verschaffen. Vor allen Dingen aber muß die Sorge aus dem Leben ausgetilgt werden und darum gilt es, das große Spiel zu machen. So finden wir Kapitalverbrecher aus den oberen Zehntausend fast immer im reiferen Alter. Sagen Sie mir doch, Herr von Mohrungen, wie lange hat Ihr ältester Bruder das Majorat besessen?«

»Über zehn Jahre, Herr Lippe.«

»Sehen Sie, erst nach zehn Jahren hat Liebenau den Gedanken gefaßt, vorausgesetzt, daß ich mich nicht täusche, seine Frau oder vielmehr sich in den Genuß des großen Erbes zu setzen.«

»Das wäre furchtbar, geradezu entsetzlich, da wankt einem ja der Boden unter den Füßen, man taumelt mit verbundenen Augen an einem Abgrund entlang, glaubt die Hand eines nahen Verwandten zu drücken, und drückt die seines Mörders.«

»Sie müssen ganz ruhig bleiben, Herr von Mohrungen, und Ihrem Schwager unbefangen gegenübertreten. Sobald er auch nur ahnt, daß wir ihn durchschaut haben, sind Sie verloren, daran denken Sie. Bleiben Sie durchaus der alte liebenswürdige Schwager, der Sie früher waren. Inzwischen werde ich meine eisernen Kreise um den Mörder ziehen …. Sie kennen jetzt meine Theorie, und Sie haben weiter nichts zu tun, als unbedingt zu folgen. Sobald Sie können, reisen Sie nach Mohrungen und Herr von Kleißt wird Sie unter einem plausiblen Grund begleiten. Sie aber, Herr von Kleißt bitte ich, nehmen Sie Ihre Aufgabe durchaus ernst. Wenn Sie recht umsichtig sind, ist eine Gefahr kaum zu erwarten. Im übrigen werde ich auch im entscheidenden Moment an Ihrer Seite sein. Und nun, meine Herren, bitte ich Sie, mich zu beurlauben. Herr Großmann wird noch eine Stunde Ihre Gesellschaft teilen, ich will nicht, daß man uns beide zusammen weggehen sieht. Man kann einem so kühnen Verbrecher, wie dem Mörder Ihrer beiden Brüder gegenüber nicht vorsichtig genug sein. Adieu, meine Herren, und gute Unterhaltung.«

Mit einer leichten Verbeugung und einem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen war der Mann gegangen, der eben noch so dunkle Taten beleuchtet hatte. In der Seele der beiden Freunde ließ er ein eigentümliches Grauen zurück. Beide waren gewiß nicht feige, besonders Mohrungen hatte in China ruhig im Feuer gestanden, auch Kleißt war trotz seiner Korpulenz ein rascher und wagemutiger Kavallerist, ja er hatte sogar etwas Draufgängerisches. Er liebte die Gefahr und suchte sie auf. Aber vor dem unheimlichen Mörder, der sie unsichtbar bedrohte, konnten sie ein Gefühl von Angst nicht bewältigen. Fast schweigend saßen sie mit Lippes Beamten zusammen. Und als sich dieser nach einer Stunde entfernte, ging auch Kleißt, weil die Situation finster auf seiner Seele lastete.

*

Als Lippe seinen neuen Klienten verlassen hatte, begab er sich zunächst nach dem Hotel Esplanade, um dort womöglich den jungen Grafen Liebenau noch zu sehen. Bei den Verhandlungen, die er für seinen Vater geführt hatte, war der Husarenoffizier im ganzen eine halbe Stunde anwesend gewesen, und da die Sache länger als drei Jahre zurücklag, so war kaum zu befürchten daß der Graf ihn wieder erkennen würde.

Man muß die Bekanntschaft aller der Leute suchen, die in irgendwelcher Beziehung zu dem Verdächtigen stehen, sagte sich der Detektiv. Er nannte das den Bekanntenkreis abspüren. Man erfuhr immer etwas. Ein leicht hingeworfenes Wort in der Unterhaltung gewann oft große Bedeutung. Es erleuchtete blitzschnell die kriminalistische Situation, erschloß Zusammenhänge, die bis dahin in undurchdringlichem Dunkel gelegen hatten. Lippe war sich darüber klar, daß er dem Sohn des Mannes näher treten mußte, in dessen Interesse die beiden Majoratsherren von Mohrungen – milde gesagt – gestorben waren. Leider ließ sich das am heutigen Abend nicht mehr ermöglichen, und es sollte auch geraume Zeit darüber hingehen, ehe Lippe seinen Plan zur Ausführung bringen konnte. Die rasch aufeinander folgenden Ereignisse rissen ihn völlig in anderer Richtung fort.

Im Hotel erfuhr er, der Herr Graf und die Frau Baronin hätten sich nur ganz kurze Zeit aufgehalten. Sie hätten gar nicht abgelegt, Frau Baronin sei nur ans Telephon gegangen und gleich darauf mit dem Herrn Grafen im Automobil weggefahren. Wie es schien, fügte der Kellner diskret hinzu, hätten die Herrschaften eine kleine Differenz gehabt. Aber gnädige Frau, hatte der Graf in ziemlich indigniertem Tone gesagt, wir können doch ganz gut hier speisen. Die Dame habe aber nur energisch mit dem Kopf geschüttelt und sei gegangen.

*

Indessen saßen die beiden, um die Lippes Gedanken kreisten, ganz allein in einer verschwiegenen Laube des Schwedischen Pavillons in Wannsee und blickten träumerisch auf die leise schaukelnden Wellen. In den Kiefern des Grunewalds wob die Augustnacht. Leichte Nebel stiegen vom Wasser aus, und einen Rausch von Blumenduft trug der wühlende Wind aus den Gärten rings um den See den beiden Einsamen herüber. Jetzt strich ein Dampfer über die ruhige Wasserfläche hin, und seine Lichter zogen glitzernde Feuerstreifen über die Wellen, bis sie am Sand des Ufers verloschen.

Geräuschlos kam der Kellner, räumte die Reste einer einfachen Abendmahlzeit vom Tisch, rückte den Champagner im Eiskühler näher an die beiden heran und verschwand dann, wie er gekommen war.

Heinz Liebenau füllte die Kelche und sah seiner Begleiterin in die dunklen, dämonischen Augen. Er hob das Glas: »Unsere Zukunft, Marguerite, unsere Hoffnungen.«

»Hoffnungen,« antwortete sie, und es zuckte verächtlich um ihren kleinen vollen Mund. Nur ganz leicht nippte sie an den sprühenden Perlen, und als sie das Glas auf den Tisch setzte, haschte Liebenau ihre Hand und drückte sie heiß an die Lippen. Er küßte den Handrücken, die hohle Hand, die Finger und die rosigen Nägel, und schaute ihr eine Zeitlang stumm in die Augen.

»Es ist das erste Mal, Marguerite, seit ich Dich kenne, daß wir ganz allein sind. Nie hast Du mir dieses Glück geschenkt.«

»Du solltest es mir danken, Heinz, daß ich meine Stellung als Dame mit aller Kraft behaupte.«

»Du quälst mich. Du weißt, wie es in mir lodert, wie mich die Glut meiner Leidenschaft verzehrt und nichts, nichts gibst Du mir als Worte, leere Worte.«

»Meine Worte sind nicht leer.«

»Aber sie sind kalt.«

»Warum mein Bruder noch nicht kommt?!«

»Fürchtest Du Dich, mit mir allein zu sein?«

»Nein, nein, ich fürchte mich nicht, aber wenn man nichts hat als seinen guten Ruf ….«

»Was ist der gute Ruf gegen meine Liebe, Marguerite. Marguerite, fühlst Du denn nicht, was Du mir bist, fühlst Du nicht die Heiligkeit der Stunde dieses köstlichen Alleinseins des ersten …. wie kannst Du jetzt an Deinen Bruder denken.«

Sie wandte ihm den schönen Kopf voll zu. Das Gesicht war nicht regelmäßig, aber es war apart. Ein zartes Elfenbeingelb schien jeden Blutstropfen zurückzudrängen. Große, dunkelbraune Augen, mit leichten Schatten darunter, beherrschten mit ihrem düsteren Feuer das ganze Gesicht und übten einen dämonischen Reiz aus. Hochgeschwungene, schwarze Brauen wölbten sich darüber und stießen zusammen über einem kleinen, etwas vorwitzig aufgestülpten Näschen, dessen scharf eingekreiste Flügel beständig bebten. Der leise Wind spielte mit ihrem vollen dunklen Haar, und das gedämpfte Licht durch die Blätter rinnend warf einen grünlichen Schein auf das herrliche Frauenbild.

»Marguerite,« flehte Liebenau, und seine sehnsüchtigen Augen verschlangen die Geliebte.

»Was willst Du, mein Liebling?«

»Bin ich das wirklich? Manchmal ist es mir, als ob ich nur ein Spielzeug in Deinen Händen sei, schlimmer noch, ein Werkzeug, das Du hinwirfst, wenn es Dir nicht mehr dient.«

»Ich habe Dir erlaubt, mich Deine Braut zu nennen, ich habe Dir das Beste gegeben, was ich besitze, mich selbst ….«

»Aber ich verschmachte vor Sehnsucht, mein Herz bebt und bangt nach Dir, und Dein Mund ist kalt. Deine Küsse sind eisig. Deine Hände wehren mich ab.«

»Warte die Zeit ab, und meine Glut wird Dich in Flammen setzen. Ich bekämpfe mich ja selbst, um ruhig zu bleiben. Ich will nicht den flüchtigen Rausch, ich will das Glück, das dauernde, ewige ….«

»Sage mir, daß Du mich liebst, mich allein ….«

»Warum diese Zweifel? Säße ich hier neben Dir, wenn es nicht so wäre?«

»Dann komm …. reiße Dich los. Wir können auch in engen Verhältnissen glücklich sein.«

»Ich ja, aber nicht Du. Wenn die brutale Not über Dir ist, vergißt Du Deine Liebe …. Um Deinetwillen folge ich Dir nicht. Drei Steine versperren den Weg zu unserem Glück.«

»Schon sind sie im Rollen, bald ist die Straße frei.«

»Warte solange …. Es liegt doch nur an Dir, die Zeit zu verkürzen, aber Du bist ein Egoist, Du willst ernten und nicht säen.«

»Hab' ich nicht alles getan, was Du von mir gefordert? muß ich nicht alles tun, was Du willst? Ich gehöre Dir nur mit allen meinen Gedanken, mein Wille zerschmilzt vor dem Strahle Deiner Augen. Ich bin nichts mehr ohne Dich, ich lebe nur noch ein Leben, dem die Ergänzung fehlt. Mir ist, als ob ich meine Gedanken nicht mehr allein dächte, alle meine Empfindungen drehen sich nur in einem fest geschlossenen Kreise um Dich herum. Ich bin nicht mehr ich selbst. Tag und Nacht denke ich nur an Dich, und Du kannst immer noch sitzen und eiskalt von der Zukunft sprechen …. für mich gibt es keine Zukunft, nur Gegenwart, heiße, sehnsuchtsschwere Gegenwart.«

»Mein armer Liebling.«

»Ja, ja, Du hast recht, arm bin ich und töricht, vielleicht gar wahnsinnig, aber ich kann nicht anders!«

Wieder faßte er nach ihrer Hand und drückte sie wild an seine Lippen, er ließ den Kopf sinken und preßte die kleine weiche Hand an seine Wangen. So saß er geraume Zeit, indes die Nacht dunkle und dunklere Schleier um die Landschaft wob. Auf einmal schüttelte es ihn wie im Fieber, und Marguerite, die wie bezaubert in die schweigende Nacht hineinsah, fühlte heiße Tropfen auf ihre Hand rinnen. Da plötzlich wurde ihre mühsam erhaltene Ruhe durchbrochen von ihrer aufschäumenden Leidenschaft. Sie beugte sich auf Heinz nieder und flüsterte ihm ganz leise ins Ohr:

»Du weinst?«

Er richtete sich auf und sah ihr in die Augen.

»Ich weine um meine verlorene Freiheit, die mir doch nicht Deine Liebe erkaufen konnte, ich weine um meine ….«

»Du sollst nicht weinen.«

Sie zog ihn an sich und verschloß ihm den Mund mit einem langen, heißen Kuß.

Da löste sich auch in ihm die glühende Spannung, mit einem jubelnden Glückslachen umfing er die Gestalt der Geliebten und küßte sie auf Mund und Augen, auf Stirn und Haar in einem Sturme selbstvergessener Liebesleidenschaft.

Sie wehrte ihn nicht mehr ab. Ihre Widerstandskraft war gebrochen. Der Schauer der schweigenden Augustnacht, das süße Girren und Glitzern der Wellen, das heißbrausende Blut der Jugend hatte den kühl abwägenden Verstand völlig unterjocht. Nicht mehr dachte sie an die Zukunft, sie war ganz das liebende Weib, willenlos und ratlos, und nur die Liebe beherrschte ihr Wollen.

Erst der herantretende Kellner ließ die beiden aufschrecken aus ihrer Weltentrücktheit. Sie hatten nicht gemerkt, wie die Zeit dahingeronnen war, und hörten mit seltsamen Schauern von dem Wannseer Kirchturm die zwölfte Stunde schlagen.

»Haben Sie noch einmal nach dem Sanatorium des Herrn Doktor Mühlfort schicken lassen?« fragte jetzt Heinz Liebenau den Kellner.

»Jawohl, Herr.«

»Und haben Sie dem Herrn Doktor Willmoes sagen lassen, seine Schwester erwarte ihn hier?«

»Alles ist geschehen. Der Bote ist soeben zurückgekommen, der Herr Doktor habe Aufsichtsdienst und könne die Anstalt nicht verlassen.«

»So wollen wir gehen.«

Kurze Zeit darauf jagte das Automobil durch den nachtdunklen Grunewald Berlin zu.

Marguerite war wie ausgewechselt. Während sie sonst in der ganzen langen Zeit, in der sie mit dem jungen Grafen Liebenau verkehrte, es ängstlich vermieden hatte, sich anders als in Gegenwart ihres Bruders oder einer bekannten Dame mit ihm zu zeigen, ging sie nun auf alles ein, was er vorschlug.

»Ich will Dir heute nichts verweigern,« sagte sie und blickte ihm warm in die Augen, »es ist doch heute gewissermaßen unser Verlobungstag.«

Er drückte fest ihren Arm, und bald saßen sie in der verschwiegenen Ecke einer eleganten Bar und sahen sich das interessante Treiben des nächtlichen Berlin an. Marguerite lächelte ihrem Geliebten immer nur zu. Er hielt ständig ihre Hände und blickte ihr wie berauscht in die schönen, dunklen Augen, die ihn heute so heiß und seltsam anstrahlten.

»Du weißt, mein Liebling, was uns noch trennt, was unserer ewigen Vereinigung entgegen ist.«

»Ich weiß es. Du sollst nicht an meiner Liebe zweifeln. Die Welt kennt kein Opfer so groß, so unermeßlich, das ich nicht für Dich bringen könnte.«

»Und die Welt hat keine Liebe so groß und so heiß wie die meine, um Dich zu belohnen.«

»Was sprechen wir von der Welt. Mag sie zugrunde gehen, was ist mir Freund, was Vater und Mutter, was Familie und Ehre …. Du bist mein alles, meine Hoffnung, meine Seligkeit …. Dich oder den Tod.«

»Dich und das Leben, sage ich.«

Stürmisch zog er sie hinter den roten Samtvorhang, der das einsame Tischchen verdeckte, und küßte sie leidenschaftlich und lange.

Sie schloß die Augen und überließ sich selig lächelnd dem Zauber dieser jungen, ungebändigten Liebe.

Draußen fingen schon leichte graue Striche im Osten den Morgen anzuzeigen, als die beiden Arm in Arm die Linden hinunter schlenderten, ganz versunken in sich selbst, bis eine müde Droschke ihren Weg kreuzte, die auf Heinzens Anruf dicht neben ihnen hielt.

»Darf ich Dich begleiten?«

»Nein, nein, laß mich allein fahren.«

»Aber es bringt Dich doch stets ein Kavalier nach Hause.«

»Nicht, mein Liebling, wir waren unvorsichtig genug heute.«

»Glücklich waren wir, selig.«

Sorgsam legte er die Decke um sie, dann, als der Kutscher schon ungeduldig zu werden begann, sprang er auf das Trittbrett, bog sich in den Wagen und küßte noch einmal den kleinen, schwellenden Mund, dann schloß er den Schlag.

Der Wagen rollte davon und Heinz sah ihm lange nach, um schließlich schwankend wie ein Träumender zu Fuße nach dem Lehrter Bahnhof zu gehen, von wo ihn der erste Frühzug nach seiner Garnison Rathenow zurückbringen sollte.

Als Lippe am nächsten Mittag nach seinem Bureau kam, fand er schon die sorgfältig eingezogenen Informationen über die Baronin Marguerite de Ribérac auf seinem Schreibtisch. Großmann hatte jede Zeitungsnotiz über die Baronin aufgehoben. Lippe überflog alles mit schnellem Blick. Nur das Endergebnis interessierte ihn. Die Baronin besitzt scheinbar große Einkünfte, die aus Frankreich stammen. Sie kaufte eine Villa in der Hildebrandtstraße und zahlte die Summe von fünfzigtausend Mark bar an. Sie ist die Tochter eines deutschen Offiziers und erfreut sich des allerbesten Rufes.

Also eine gute Partie, sagte sich der Detektiv. Der junge Graf Liebenau ist also ganz klug, wenn er die wirklich reizende Witwe heiratet …. Kommt also für unseren Fall kaum in Betracht.

Er rief seinen Bureauvorsteher.

»Großmann, wir müssen die Auskunft über die Baronin noch etwas vervollständigen. Vor allem müssen Sie sich informieren, auf welche Weise ich ihre Bekanntschaft machen kann, was sofort nach meiner Rückkehr von Mohrungen geschehen muß.«

»Vielleicht durch den jungen Herrn Grafen.«

»Nein, das möchte ich nicht, ich will unauffällig herankommen.«

»Gut, Herr Direktor, ich werde alles vorbereiten.«


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