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VI.

Die Obduktion von Kleißts Leiche war beendet und hatte im wesentlichen nichts Neues ergeben. Auch über das Instrument, mit dem der furchtbare Schlag von hinten her gegen den Schädel geführt worden war, konnte Näheres nicht festgestellt werden. Die Wunde zeigte eine vierkantige Form, so daß Lippe in Verbindung mit dem Stückchen Netzschnur die Meinung aussprach, ob nicht vielleicht der Schlag mit einem Bootsanker geführt sein könne. Es kommt ja häufig vor, daß die Fischer, wenn sie nach ihrer Wohnung gehen, den Anker aus dem Boot mitnehmen. Oder aber, und das schien ihm das Wahrscheinlichere, Liebenau hatte nach einem Werkzeug gesucht, mit dem er den Schlag führen konnte, und von den vielen am Haff liegenden Fischerkähnen einen Anker herausgenommen. Nach der Tat hatte er das Mordwerkzeug irgendwo im Moore versenkt. Er hütete sich jedoch, diese seine Meinung dem Amtsrichter gegenüber laut werden zu lassen, denn dieser hätte ihn wahrscheinlich hell ausgelacht. Er kannte ja nicht die Zusammenhänge, die zwischen dem Mord der armen Kleißt und dem Tode der beiden älteren Brüder Hattos bestanden, und es war jetzt noch nicht die Zeit, davon zu sprechen.

Hatte doch die Anwesenheit Lippes auf Schloß Mohrungen schon zu einer ersten, äußerst wichtigen Entdeckung geführt. Pünktlich vierundzwanzig Stunden, nachdem er das Fläschchen mit dem Kaffee abgesandt hatte, war eine Depesche angekommen, und zwar unter der Adresse des Freiherrn von Mohrungen, die weiter nichts enthielt als die Worte: »Brillantring gekauft.« Diese Depesche war auf dem Schreibtisch liegen geblieben, und der alte Romeikatis hatte sie natürlich gelesen. Er hatte bedeutungsvoll den Kopf darüber geschüttelt. Unten in der Küche erzählte er dann der Köchin und der Mamsell, er hätte gar nicht geglaubt, daß der gnädige Herr noch so viel Freude an Schmucksachen habe. Es sei jetzt in Berlin für ihn ein Brillantring gekauft worden, wahrscheinlich ein sehr seltenes Stück, und der Herr habe eine unbändige Freude gehabt, als das Telegramm eingetroffen, das den Kauf meldete.

Die Mamsell meinte:

»Der Brillantring wird wohl für die zukünftige gnädige Frau sein, man hört doch allerlei.«

»Na, vorläufig,« warf die Köchin ein, »sieht es nicht so aus, als ob der gnädige Herr auf Freiersfüßen ginge, er macht doch einen recht trübetümpligen Eindruck.«

Die Köchin war eine niedliche, littauische Margell. Sie hieß Siegnis. Wie alle ihre Landsmänninen, war sie sehr schlank und ebenmäßig gebaut, hatte feurige, blaue Augen, einen großen, lachenden Mund voll herrlicher Zähne, und jene dunkelgoldbraunen Haare, die zu knistern schienen, wenn man mit der Hand darüberstrich. Sie galt im Hause als eine Tyrannin. Das arme Mamsellchen, ein scheues, ostpreußisches Bauerntöchterlein, Ausgangs der Vierziger, hatte sie völlig unter der Knute. Die Mägde und Knechte sprangen auf einen Wink von ihr durchs Feuer. Die Knechte, weil sie einen freundlichen Blick oder einen Kuß erringen wollten, mit dem sie gar nicht so unfreigebig war, die Mägde, weil sie ihre scharfe Zunge und ihre Intrigen bei der Herrschaft fürchteten. Der einzige, an den sie sich nicht herantraute, war der alte Haushofmeister, dessen Voreltern zwar auch Litauer gewesen, wie der Name auswies, der selbst aber heute völlig Deutscher war, und von der Sprache seiner Väter so gut wie nichts verstand. Der alte, gut geschulte Diener begegnete der hübschen Küchentyrannin mit gleichmäßiger Höflichkeit, blieb stets zurückhaltend und machte alle Versuche der Köchin, ein herzlicheres Verhältnis anzubahnen, durch seine gemessene Kälte unmöglich.

Ganz überraschend kam die Nachricht, daß der gnädige Herr schon zurückgekehrt sei, und als der alte Haushofmeister hinauseilen wollte, um ihn zu empfangen, kam er schon mit seinem Besuch hinunter nach der Küche.

»Ach, Alter,« sagte er freundlich zu ihm und klopfte ihn auf die Schulter, »bemühe Dich nicht, wir wollen uns einmal die Küche ansehen, mein Freund interessiert sich für alles.«

Der Haushofmeister stieß die Küchentüre auf und ließ die Herrschaften eintreten. Die Köchin und die beiden Mägde waren starr, daß der gnädige Herr sich herabließ, in die Küche zu kommen. Sie konnten anfänglich kein Wort sprechen, und gaben auch nur einsilbige, verlegene Antworten auf die leutseligen Fragen, die ihnen gestellt wurden. Allmählich jedoch wurde die Köchin zutraulicher, sie fühlte mit dem Instinkt des Weibes, daß ihr eigenartiger Reiz auf die beiden vornehmen Herren wirkte, und besonders der eine, der Gast des gnädigen Herrn, blinzelte sie zuweilen ganz verliebt an. Er zeigte großes Interesse an der Kochmaschine, an den Vorwärmern, an der Abwaschvorrichtung und ließ sich alles genau erklären. Dabei kniff er gelegentlich, wenn die Mägde und der Freiherr nicht hinsahen, der hübschen Margell in den drallen Arm.

Nachdem die Küche eingehend besichtigt war, wollte der gnädige Herr wieder nach oben gehen, aber sein Gast schien noch nicht befriedigt.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, lieber Mohrungen, möchte ich gern einmal sehen, wie Ihre Dienerschaft wohnt. Wollen Sie mir nicht Ihr Zimmerchen zeigen, Fräulein?« wandte er sich an Siegnis.

Die Margell wurde über und über rot und meinte, das schicke sich doch nicht, aber Lippe wußte ihre Bedenken zu zerstreuen, und da der gnädige Herr ihr zunickte, ging sie voraus, um dem Neugierigen ihr Zimmer, das der Mamsell und die Kammer der Mägde zu zeigen.

»Ich muß sagen, die Leute wohnen sehr hübsch, freundlich und geräumig, es scheint also doch nicht wahr zu sein, was man immer in Berlin behauptet, daß die Schweineställe in Ostelbien wohnlicher seien als die Schlafstuben der Dienerschaft …. Ach, da haben Sie ja auch eine alte polnische Reisekiste, Margellchen. Ist die aber schön.«

Die Köchin lachte und zeigte alle ihre prachtvollen Zähne.

»Die habe ich noch von meiner Mutter, und die hat sie, glaube ich, vom Großvater bekommen.«

»Ja, ja, die sind alt. Und die prachtvollen Eisenbeschläge! Und das Gewicht ….« Lippe trat unbefangen an die Kiste heran, faßte den eisernen Seitengriff und hob sie auf. Dann versuchte er, den Deckel hochzuschlagen, es stellte sich aber heraus, daß die Kiste verschlossen war.

»Wissen Sie, Baron, die Schlösser an diesen alten polnischen Reisekisten sind wahre Kunstwerke. Es sind zwar sehr große, ungefüge Schlüssel, aber trotzdem kann man sie als wunderbare Produkte der Feinmechanik bezeichnen …. macht es Ihnen viel Mühe, Margellchen, uns mal die Kiste aufzuschließen?«

»Aber gar nicht, gnädiger Herr.«

Sie ging nach der Tür und holte aus einer Mauerluke unter dem Gewölbebogen einen großen, altertümlichen Schlüssel hervor, mit dem sie die Kiste öffnete.

Lippe kniete nieder und prüfte das Schloß.

»Sehen Sie nur, wie prachtvoll das gearbeitet ist. Ausgezeichnet, man muß sich wundern, mit welcher Präzision die alten Schlosser trotz ihrer primitiven Werkzeuge so etwas ausführen konnten.«

»Ja, es ist sehr erstaunlich«, warf Mohrungen ein und sah hin, während Lippe mit großem Interesse das Schloß betrachtete. Endlich stand er auf und schlug die Kiste zu.

»Ich danke Ihnen, Margellchen, es war mir sehr interessant …. Und was für hübsche blanke Augen Sie haben. Nächsten Sonntag wollen wir mal zusammen tanzen, nicht wahr, Margellchen?«

»Ach, gnädiger Herr, das wird sich doch nicht schicken.« Dann sah sie ihm schelmisch in die Augen und warf einen Blick voll scheuer Ehrfurcht nach Hatto.

Als sie das Zimmerchen der Köchin verlassen hatten, meldete sich Mamsellchen, sie habe auch so eine alte Kiste, die sei noch viel schöner, ob der gnädige Herr sich auch die ansehen wolle.

»Aber natürlich, Mamsellchen, wenn Sie die Freundlichkeit haben wollen, sie uns zu zeigen, gern. Der Herr Baron freilich interessiert sich nicht für solche Sachen, aber ich komme mit Ihnen.«

Lippe sah Hatto scharf in die Augen, und der Blick hatte etwas Befehlendes, er bannte ihn an die Stelle, indes der Kriminalist mit dem verschrumpelten Mamsellchen nach ihrem altjüngferlichen Zimmerchen ging.

Die Kiste war wirklich prachtvoll, viel schöner als die der litauischen Köchin. Sie war schwer in Eichenholz gearbeitet und überreich mit geschmiedeten Beschlägen verziert. Alles war sauber und blank. Die Mamsell nahm aus ihrem großen Schlüsselbund einen prachtvollen, mit vielen Zacken und Schweifungen ausgestalteten Schlüssel und schloß die Kiste auf. Lippe kniete auch hier nieder und studierte eingehend das Schloß, dann aber wandte er sich plötzlich an die Mamsell. Seine Augen bohrten sich wie Dolchspitzen in die ihrigen.

»Sagen Sie, Mamsell, können Sie verschwiegen sein?«

»Aber, gnädiger Herr, ich bin doch keine Klatsche.«

»Es handelt sich um Ihren gnädigen Herrn. Ihm droht ein Unglück, er schwebt in einer großen Gefahr.«

»Unser gnädiger Herr?«

»Ich halte Sie für eine ehrliche Person, Mamsell, und ich rechne auf Sie, daß Sie mir helfen, das Unheil von dem gnädigen Herrn abzuwenden.«

»Was kann ich dabei tun?«

»Tun gar nichts, Mamsellchen, nur schweigen und mir alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten …. Wer ist diese Köchin, wo kommt sie her, was tut sie hier, hat sie einen Schatz, hat sie zwei oder drei, wer sind die, wissen Sie über alle diese Dinge Bescheid?«

»Ja, einigermaßen wohl, aber der gnädige Herr müssen wissen, daß ich mich von der Siegnis gern fern halte, sie ist kein Umgang für mich, das haben der gnädige Herr wohl auch schon bemerkt. Sie ist leichtsinnig und auch sehr leidenschaftlich, besonders den Männern gegenüber.«

»Sie ist sehr hübsch.«

»Na, wie man es nimmt. Mir gefällt sie nicht. Ich mag diese ordinären litauischen Gesichter nicht und diese frechen, herausfordernden Augen und die litauische Stülpnase, ne, ne, gnädiger Herr, hübsch ist die nicht.«

»Na, Mamsellchen, darüber wollen wir uns nicht aufregen, das ist ja auch Geschmackssache …. Also leichtsinnig und leidenschaftlich ist sie, natürlich hat sie ein Verhältnis?«

»Eins, zwei, drei, gnädiger Herr, das ist so eine, müssen der gnädige Herr wissen, die alle Kerls nach sich zieht, die ihnen die Köpfe verdreht. Und wenn sie erst einen soweit hat, daß er vor ihr auf den Knien rutscht, dann gibt sie ihm einen Fußtritt.«

»So, so.«

»Ja, und der gnädige Herr müssen wissen, eingebildet ist die Person, ganz furchtbar, und dummstolz, sie denkt nämlich, weil unser gnädiger Herr Baron ein- oder zweimal freundlich zu ihr war. Er ist ja ein freundlicher, gütiger Herr und behandelt die Dienerschaft wirklich ganz ausgezeichnet. Da bildet sich nun die dumme Liese ein, der gnädige Herr habe ein Auge auf sie, und wo sie kann, schwänzelt sie um ihn herum. Stockverliebt ist sie in den gnädigen Herrn, kann ich Ihnen sagen, die dumme Gans, die eitle.«

»Ach, das ist aber sehr interessant, Mamsellchen. Und der Baron, wie stellt er sich dazu?«

Die Mamsell schlug sich auf den Mund: »Ich werde doch nicht über meinen gnädigen Herrn reden, nein, kein Wort, ich glaube auch von all dem Geprahle und Getue der Siegnis nichts, die lügt, wie gedruckt.«

»Ja, Mamsellchen, sagen Sie mir nur, wie ist sie denn ins Schloß gekommen?«

»Na, sie hat sich hervermietet.«

»Ja, ja, das weiß ich, das kann ich mir denken, Mamsellchen, ich meinte nur, wo sie früher war.«

»Sehen der gnädige Herr, davon rührt ja all ihr Stolz und ihr Getue …. was nämlich ihr Vater ist, das war der Schäfer beim Herrn Grafen Liebenau, dem Herrn Schwager von unserm gnädigen Herrn, und das Margellchen, das wuchs so halb wild in der Heidehütte auf ohne Schule, ohne Kirche, denn sie hatte keine Mutter, die war dem alten Mann ausgekniffen, mit einem Polacken war sie nach Dänemark auf die großen Güter gegangen. Wie es dann ans Einsegnen ging, da machte der litauische Pastor ein sehr bedenkliches Gesicht, und die gnädige Frau Gräfin, die ja sehr gut ist, die nahm das Margellchen ins Haus. Da ward sie dann Stubenmädchen, Zofe oder sowas Ähnliches. Wie die litauischen Margellchen alle sind, lernte sie schnell, und jeden Tag mußte sie zum Herrn Pastor, bekam Unterricht im Lesen und Schreiben, Bibelversen und Glaubensartikeln, bis sie dann nach zwei Jahren soweit war, daß sie eingesegnet werden konnte. Die gnädige Frau Gräfin hat sie alles lernen lassen, was zu lernen war. Die Wirtschaft, die feine Küche, plätten und schneidern, kurz es ist viel an der Margell getan worden, aber sie hat es dem gräflichen Hause nie gedankt.«

»So? Wieso denn, Mamsellchen?«

»Ich will ja nichts gesagt haben. Es soll da was vorgekommen sein, mit dem jungen Herrn Grafen, was auch Folgen hatte, aber ich will nichts gesagt haben.«

»Hm, hm! Und wie lange ist sie schon hier?«

»Es werden schon an die zwei Jahre sein …. ja, ja, der Herr Baron Erich Heinrich lebte noch ….« Und nun senkte die Mamsell ihre Stimme zum Flüstern. »Daß ich es Ihnen nur sage, gnädiger Herr, in den Herrn Baron Erich Heinrich war das Ding auch verschossen, verschossen sage ich, daß man es gar nicht erzählen kann, und in den jüngst verstorbenen Bruder unseres gnädigen Herrn auch …. sie ist überhaupt eine dolle Margell, muß ich sagen, die hat es faustdick hinter den Ohren zu sitzen.«

»Ich danke Ihnen, Mamsellchen. Was Sie mir erzählt haben, war sehr interessant, und ich denke, wir werden uns noch öfter über die Köchin zu unterhalten haben. Jedenfalls sprechen Sie mit niemandem darüber, nur wenn der gnädige Herr Sie fragt, dann geben Sie Auskunft …. Ihre Kiste ist wirklich bildschön ….«

»Meine Schwägerin hat noch eine viel schönere, und ich glaube, die möchte sie verkaufen, wenn der gnädige Herr sie haben wollen, aber sie ist nicht billig damit, unter zehn Mark wird sie sie nicht hergeben.«

»Na, zehn Mark könnte ich ja noch dafür ausgeben, sagen Sie Ihrer Schwägerin, ich würde die Kiste kaufen.«

»Danke schön, gnädiger Herr, ich will es bestellen.«

Als Lippe nach der Küche zurückkam, war Hatto schon nach oben gegangen.


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