Autorenseite

 << zurück weiter >> 

VII.

Das prachtvolle, sonndurchleuchtete Herbstwetter war in der Nacht umgeschlagen. Und als Lippe jetzt auf die Altane hinaustrat, strich ein heftiger Wind über das weite Land hin. Der Himmel war grau, und grau das Haff. Die Wellen schaukelten in lebhafter Bewegung, und hatten sich weiße Mützen aufgesetzt. Noch regnete es nicht, aber es lag in der Luft wie Wasser, und der Landbriefträger, der eben die Post nach dem Schloß brachte, grüßte nach der Altane hinauf und meinte:

»Jetzt wird wohl schlechte Zeit werden, der Herr Hauptmann können ruhig nach Berlin zurückkehren, denn wenn das Haff erst die weißen Mützen aufgesetzt hat, ist es mit der schönen Zeit vorüber. Übrigens, wenn der Herr Hauptmann dem gnädigen Herrn Baron sagen wollen. Ich hab' eine große Neuigkeit, die ihm sehr viel Freude machen wird.«

»Na, was ist's denn, Briefträger?«

»Als ich durch das Moor kam, hab' ich die Spur von einem starken Elch frisch eingetreten gesehen, er muß noch im Moor stecken.«

»Gut, ich werde es bestellen. Haben Sie keine Briefe für mich?«

»Nein, für Herrn Kriminalkommissarius a. D., Hauptmann Lippe, ist nichts dabei.«

»Sie sollen doch meinen Titel nicht so laut in die Welt hinausschreien, es scheint, Sie wissen nicht, was Amtsgeheimnis ist.«

»Ich weiß schon. Der Herr Kriminalkommissarius sind wegen des Mordes an Herrn Rittmeister hier.«

»Na, ja, aber das braucht doch nicht die ganze Welt zu wissen, sonst verkriecht sich ja der Mörder vor mir ….«

»Es wird unfreundlich, Lippe, kommen Sie nur herein.«

Hatto war eben hinter ihn getreten und hatte noch die letzten Worte des Briefträgers gehört. Als sie im Zimmer waren und einander gegenüber saßen, griff jeder nach der Tabatiere und zündete sich eine Zigarette an.

»Sie sind kein passionierter Jäger, Lippe?«

»Passionierter nicht, aber ich gehe ganz gern mal aus die Jagd, wenn es was Besonderes gibt.«

»Ein Elch ist doch was Besonderes, nicht wahr? Es wechselt ab und zu mal einer von der Nehrung oder gar von Rußland herüber in mein Jagdgebiet ein. Sie haben ja an den mächtigen Schaufeln und den präparierten Elchköpfen im Rittersaal und in der Halle gesehen, daß meine Vorfahren mannhafte Jäger waren.«

Und wie zum Zeichen der Wahrheit des Gesagten schob Hatto dem neu gewonnenen Freunde einen Aschbecher hin, der aus den Riesenschalen eines kapitalen Elchschauflers gefertigt war.

»Aber Sie werden mich doch den Elch nicht schießen lassen, das ist doch eine große Seltenheit.«

»Wenn es Ihnen Freude macht, sollen Sie den Elch auf die Decke legen und die Schaufeln in Ihrem schönen stimmungsvollen Arbeitszimmer in Berlin aufhängen. Ich selbst habe bereits zweimal das Jagdglück gehabt. Wenn Sie mir das kostbarste retten, was ich besitze, das Leben, dann werde ich noch manchen in meinen weiten Mooren jagen können …. Ich habe nur Angst, mit Ihnen auf die Jagd zu gehen.«

»Sie fürchten, mich auf so grausame und geheimnisvolle Weise zu verlieren wie Kleißt? Nun, mein lieber Freund, die Angst kann ich Ihnen benehmen. Ich wünschte sogar, daß der Bursche mich mit seinem Bootsanker angriffe, er bekäme eine blaue Bohne mit Stahlmantel aus meiner Browningpistole zu schlucken, daß ihm der Appetit für alle Zeiten vergehen sollte ….«

»Nun, wollen Sie mir nicht erzählen, was Sie eigentlich ermittelt haben? Das Telegramm beruhigt mich ja einigermaßen, wenigstens bin ich ganz sicher, daß nicht erbliche Belastung oder Degeneration die entsetzlichen Wahnsinnserscheinungen bei mir hervorgerufen, sondern daß man mich künstlich zum Morphinisten gemacht hat.«

»Ja, und Doktor Schäfer wird wohl heute mit dem Abendzug in Kallningken ankommen, um die Entziehungskur einzuleiten. Man hat Ihnen schon ziemlich viel Morphium eingepumpt …., sehen Sie nur, wie Ihre Hand zittert, wenn Sie nach der Zigarette greifen und wie blaß und nervös Sie sind.«

»Ich könnte mich aber doch in ein Sanatorium begeben und die Entziehungskur ganz rationell betreiben lassen.«

»Ja, das könnten Sie wohl, dann würde Sie aber der Mörder Ihrer beiden Brüder auf andere Weise um die Ecke bringen. Sie müssen sich jetzt ganz meinen Anordnungen unterwerfen wie ein unmündiges Kind, sonst garantiere ich für nichts. Sobald Ihr Feind merkt, daß wir von dem Morphiumgeheimnis Kenntnis haben, und das muß er, wenn Sie in eine Entziehungsanstalt gehen, wird er sich einen anderen raffinierten Plan ausdenken. Ob wir dem begegnen können, das wissen wir nicht.«

»Ich will ja auch ganz folgsam sein und alles tun, was Sie befehlen. Ich sagte Ihnen schon, Sie sind Herr auf Mohrungen, und ich bin Ihr gehorsamer Diener. Ich fürchte nur, Sie entziehen sich zu lange Ihrem Beruf.«

»Wenn Sie sich doch darüber nicht den Kopf zerbrechen wollten, ich bin doch in meinem Beruf tätig, und es ist ein so recht eigentlicher Fall für mich, geheimnisvoll, dunkel, gefährlich, alles, was Sie wollen. Ich bin in meinem Element. Und wenn Sie heute Abend auf den Elch gehen, werden Sie kein größeres Vergnügen haben als ich in der Zeit, da ich Ihren Fall bearbeite. Sie sind ja Jäger, Sie wissen also, was es heißt, hinter einem Edelwild her sein. Nun denken Sie sich erst, was es für mich bedeutet, der ich auf der Fährte eines wahrhaftigen Tigers jage, wo es nicht nur heißt, das scheue, tückische Wild zu überlisten, sondern auch den Kampf mit seinen Fängen auf Leben und Tod zu führen. Die Gefahr ist es leider, Mohrungen, die unsereinen reizt. Die eiskalte Knochenhand, die wir jeden Augenblick im Nacken fühlen, das hält uns frisch, das hält uns jung, das hält uns berufsfreudig.«

Mohrungen lächelte sein herzliches, liebes Lächeln. Es war ihm so wohl in der Nähe dieses kräftigen, temperamentvollen Mannes, er fühlte sich sicher wie ein behütetes Kind in der Nähe der Mutter. Darum reichte er ihm unwillkürlich die Hand über den Tisch und drückte sie warm.

»Also, was muß ich tun, um Ihre volle Zufriedenheit zu erwerben?«

»Eigentlich gar nichts, Sie müssen sich treiben lassen von dem Augenblick und nicht, wenn ich mit der alten Mamsell in Ihrem Zimmerchen konferiere, die Küche verlassen, um allein nach oben zu gehen.«

»Ah, also dadurch habe ich Ihr Mißfallen erregt.«

»Verstehen Sie mich doch nicht falsch, lieber Mohrungen. Sie haben mein Mißfallen nicht erregt, aber wenn Sie, wie es heute Mittag geschah, ungefähr eine Viertelstunde von mir unbewacht sind, kann sich der Tod zwischen mich und Sie drängen. Sie können ausgleiten auf der alten steinernen Raubrittertreppe, die nach unseren Zimmern heraufführt. Es kann irgendeiner einen Stein losgemacht haben auf der steilen Turmstiege, die Sie zu gehen haben. Man weiß es nicht. Sie stürzen und schlagen sich den Kopf ein. Das Raffinement eines so brutalen Mörders ist unerschöpflich. Und seitdem wir wissen, daß er seine Helfershelfer hier im Schlosse hat, müssen Sie mir schon den Gefallen tun, nicht von meiner Seite zu weichen.«

»Wenn Sie es von diesem Gesichtspunkte ansehen, haben Sie allerdings recht.«

»Na gut, darum aber keine unnötige Angst, unsere Arbeit schreitet völlig normal vorwärts. Das Netz zieht sich enger und enger um den Schuldigen zusammen, den Schuldigen, den ich ja kenne und den Sie auch kennen, aber noch reicht es nicht hin, eine Verhaftung zu erwirken. Nun aber schenken Sie mir mal rückhaltlos Vertrauen.«

»Bitte sehr.«

»Es handelt sich um die hübsche, litauische Köchin, die Siegnis. Haben Sie mal was mit der gehabt?«

Mohrungen lächelte verlegen, und es dauerte eine ganze Weile, ehe er Antwort gab.

»Nehmen wir an, es sei so, wie Sie denken.«

»Und neuerdings?«

»Aber ich bitte Sie, lieber Freund. Seitdem ich das Jawort von Cornelia habe …. Wie können Sie nur so etwas denken, ich bin doch kein Türke, und mein Sinn ist wirklich auf andere Sachen gerichtet als auf Frauenzimmergeschichten. Wer so wie ich in der letzten Zeit mit dem Tode auf Du und Du gestanden hat ….«

»Der setzt gerade den Becher des Lebens, wenn er schäumt, an die Lippen.«

»Ja, Kraftnaturen, aber nicht solche unglückliche Menschen wie ich, denen das tückische Morphiumsalz das Mark ausdörrt und die Nerven in Revolution setzt …. Aber warum fragen Sie? Glauben Sie, daß die litauische Margell das Morphium in den Kaffee getan hat?«

»Ich hoffe es zwischen heute und morgen zu beweisen, nur müssen wir überlegen, wie wir die Person auf ein paar Stunden aus dem Schloß bekommen.«

»Das ist doch sehr einfach. Wann soll sie weg, heute Abend noch?«

»Frische Fische, gute Fische, wenn es geht, heute Abend noch.«

»Gewiß geht das. Wenn wir sonst Diners hatten, ist sie oft nach Tilsit gefahren und hat Einkäufe gemacht. Wo wir nun den Besuch des Doktors Schäfer erwarten und auch der alte Herr von Kleißt kommt, um die Leiche seines Sohnes abzuholen, da müssen wir sowieso vorbereitet sein. Die Siegnis fährt heute Abend nach Tilsit und kauft ein. Sie bleibt dort über Nacht und ist morgen gegen 12 Uhr wieder hier. Paßt Ihnen das?«

»Sehr gut, wir können dann in der Nacht in Ruhe eine Durchsuchung vornehmen.«

Schon drückte Hatto auf die Klingel und gab dem alten Romeikatis die nötigen Befehle. Der fragte zurück:

»Was, befehlen der gnädige Herr Baron, soll eingekauft werden?«

»Aber, lieber Alter, beschwere mir doch den Kopf nicht mit solchen Dingen. Rede Dich mit der Mamsell aus, die weiß ja, wie es hier im Hause gehandhabt wird. Du hast doch auch schon so viel Festlichkeiten hier mitgemacht, und bist ein so bewährter Zeremonienmeister, daß Du meine Mithilfe wirklich nicht brauchst.«

»Der gnädige Herr können sich ganz auf mich verlassen.«

»Das weiß ich, lieber, alter Freund, Du machst Deine Sache tadellos, gehe also und ordne an, was ich befohlen habe.«

»Zu Befehl, gnädiger Herr Baron.«

Als der Diener gegangen war, fragte Mohrungen weiter:

»Sie hoffen bestimmt, in der großen Kiste Beweise gegen die Köchin zu finden?«

»Wer anders sollte das Morphium in den Kaffee getan haben, seit etwa einem halben Jahr? Es liegt im übrigen in der Natur der Litauerinnen, mit Gift zu operieren. Ich erinnere Sie an den großen Giftmordprozeß vor zehn Jahren, wo eine Litauerin hintereinander ihre zwei Männer und ihr Kind vergiftete, um Raum für einen dritten zu schaffen. Dann, wie oft kommt es unter den litauischen Arbeitern vor, daß der eine dem andern Arsenik ins Bier mischt. Es würde durchaus zu der Persönlichkeit dieser hübschen Margell passen. Ich bin fast sicher, daß sie von Liebenau aus angestiftet ist. Darauf kommt es mir hauptsächlich an. Ich will nicht die Mörderhand, sondern das Mördergehirn treffen, und wenn wir vorsichtig beobachten und eingehend durchsuchen, glaube ich …. na, ich will nichts sagen. Der Kriminalist, der vorher spricht, hat noch immer geirrt. Die Tatsachen stoßen meist unsere schönsten Theorien um.«

In diesem Augenblick brachte Romeikatis einen eingeschriebenen Brief.

»Gnädiger Herr Baron, ich bitte um Entschuldigung, der Herr Oberinspektor ist nicht zu finden, um die Postquittung zu unterschreiben, ein eingeschriebener Brief an den Herrn Baron, mit der Aufschrift zu eigenen Händen.«

»Geben Sie her.«

Hatto nahm den goldenen Bleistift von der Uhrkette, unterschrieb den Zettel und gab ihn dem Diener zurück. Achtlos legte er dann den Brief beiseite und fuhr fort:

»Also bitte, sprechen Sie weiter, lieber Lippe, es interessiert mich. Es ist so ganz anders wie in den Kriminalromanen, die man liest, wenn man in Wirklichkeit der Held eines Kriminalstoffes ist.«

»Es ist überhaupt im Leben anders als in Romanen. Wollen Sie nicht Ihren Brief öffnen, Sie brauchen auf mich keine Rücksicht zu nehmen.«

»Ach, das hat Zeit. Ein Brief aus Berlin, eingeschrieben, zu eigenen Händen, entweder eine Bettelei oder ein Pumpversuch von einem alten Kameraden. Das bin ich gewöhnt. Aber das Polizeigenie in Ihnen scheint keine Ruhe zu haben, bevor es nicht weiß, was in dem Brief steht.«

»Nicht das, lieber Mohrungen. Wollen wir sagen, bevor es nicht weiß, daß dieser Brief nicht im Zusammenhang mit unserem Problem steht.«

»Na also, Sie Unverbesserlicher, ich will ihn öffnen …. oder damit Sie sehen, welch außerordentliches Vertrauen ich in Ihre Freundschaft setze, hier, machen Sie auf und lesen Sie.«

Lippe riß das Kuvert auf und überflog schnell die wenigen Zeilen, die der Brief enthielt, seine Stirne umdüsterte sich, und eine böse Falte erschien zwischen den Augenbrauen. Dann sah er auf und seinem Klienten scharf in die Augen.

»Nun, Lippe, wohl eine unangenehme Nachricht?«

»Ich glaube, eine sehr unangenehme …. eine schmerzliche Nachricht, nehmen Sie Ihr Herz fest zusammen.«

Mohrungen wurde leichenblaß.

»Geben Sie her.«

»Nein, lassen Sie mir den Brief, antworten Sie erst. Haben Sie Ihrem Fräulein Braut Veranlassung gegeben, unzufrieden mit Ihnen zu sein?«

»Wenn ich es getan hätte, so könnte es nur unter dem Einfluß des Morphiums geschehen sein. Mein Herz weiß nichts davon. Ich habe keinen Menschen auf der Welt, der mir lieber wäre, als sie. Ich kann mir das Leben gar nicht denken, ohne diesen köstlichen Schmuck.«

»Dann ist etwas Unerklärliches geschehen.«

Mohrungen sprang auf. Er war noch blasser geworden. Seine Lippen bebten, die Hände zitterten, und in dumpfem Entsetzen stieß er hervor:

»Von wem ist der Brief, eingeschrieben, geschäftsmäßig?«

»Bleiben Sie ruhig, mein Freund, Sie können Ihre Ruhe brauchen. Der Brief ist von Herrn Professor Köbner.«

»Und enthält?«

»Eine ganz kühle und geschäftsmäßige Erklärung, daß Fräulein Cornelia sich wohl in ihren Gefühlen getäuscht habe, und daß sie es für besser hält, das Verlöbnis zu lösen.«

Mohrungen taumelte, schloß die Augen und griff mit den Händen ins Leere. Er war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen und wäre gestürzt, hätte ihn nicht Lippe um die Schultern gefaßt und auf den Stuhl niedersinken lassen. Dann drückte er auf die Klingel:

»Romeikatis, kommen Sie, Ihrem Herrn ist übel geworden. Schnell, eine Flasche Kognak, Wasser, Eis, schnell, schnell!«

Der alte Diener war rasch verschwunden und kehrte im nächsten Augenblick mit dem Verlangten zurück. Lippe goß ein Glas Kognak ein, befeuchtete dann eine Serviette mit Kognak und rieb Hatto die Schläfen und die Stirn. Als der Unglückliche die Augen aufschlug, zwang er ihn, ein halbes Weinglas voll Kognak zu trinken, und im Verlauf der nächsten Viertelstunde gelang es den Bemühungen des Kriminalisten, Hatto wieder zu sich zu bringen.

»Ich kann jetzt alles hören und alles lesen, geben Sie mir den Brief.«

Aber hatte sich offenbar zuviel zugetraut. Nachdem er die kühlen, geschäftsmäßigen Worte überflogen hatte und besonders den Zusatz: Der Herr Baron möge weder an Cornelia noch an ihre Eltern in der Sache schreiben, ließ er mit lautem Schluchzen den Kopf auf die Tischplatte sinken. So blieb er liegen und beruhigte sich erst, als der frühe Abend des regnerischen Septembertages über dem Schloß aufzog.

Mit schwerer Mühe gelang es Lippe, den vollständig gebrochenen Mann dazu zu vermögen, einige Bissen zu essen und ein Glas alten Burgunders zu trinken. Mit der Durchsuchung der verdächtigen Kiste im Zimmer der Köchin war es natürlich nun nichts. Lippe mußte alle seine Kräfte und Künste aufbieten, Mohrungen zur Seite zu stehen. Sehnsüchtig erwartete er die Ankunft des Doktors Schäfer aus Berlin, der ihn in der Bewachung und Pflege hätte unterstützen können. Leider mußte er sich gedulden bis zum anderen Morgen, denn der Schnellzug, so berichtete ein Telegramm, das spät abends eintraf, hatte soviel Verspätung gehabt, daß Schäfer den Anschluß an die Kleinbahn nicht mehr erreichen konnte und darum in Tilsit über Nacht geblieben war.

Mohrungen war allmählich gefaßter geworden und bat jetzt Lippe, doch ruhig zu Bett zu gehen, es sei ja nun doch nichts mehr zu ändern.

»Nein, mein lieber Mohrungen, ich bleibe gern noch an Ihrem Bett sitzen, bis Sie eingeschlafen sind.«

»Aber das ist wirklich nicht nötig. Sie haben doch seit dem Tode des armen Kleißt kein Auge zugetan, Sie müssen ja zusammenbrechen. Halten Sie sich wenigstens frisch und kräftig, es ist ja um meinetwillen, daß ich Sie bitte, nicht um Ihretwillen. Wenn Sie erst schwach werden, geht mir ja der letzte Helfer verloren und der letzte Freund.«

Lippe, der seinen Schützling so vernünftig fand, gab nach und legte sich im Nebenzimmer zu Bett. Er war wirklich hundmüde. Geschehen konnte Mohrungen ja nichts, denn die Tür, die beide Schlafzimmer verband, blieb offen, und bei dem leisen Schlaf, den Lippe hatte, mußte ihn das geringste Geräusch aufwecken. Dazu brannte eine Nachtlampe ziemlich hell, so daß der Detektiv von seinem Bette aus fast das ganze Nebenzimmer übersehen konnte.

Er schlief also getrost ein in der sicheren Hoffnung, daß ihm nichts werde entgehen können.

Auf einmal, er wußte nicht, wie lange er geschlafen haben mochte, fuhr er auf, wie von einer geheimnisvollen Macht emporgeschnellt. Es war tiefe Nacht. Der Sturm heulte um das Schloß, und der Regen klatschte an die Fenster. Die Nachtlampe im Zimmer Mohrungens war erloschen. Lippe sprang auf, tastete nach dem Feuerzeug, entzündete die Nachtkerze an seinem Bett und ging in das Nebenzimmer.

Ja, was war denn das? Das Bett war leer, die Tür, die nach dem Korridor ging, leicht angelehnt, Mohrungens Kleider lagen, wie er sie gestern Abend hingelegt hatte, auf dem Stuhl, er war also bloß in dem Pyjama, den er nachts zu tragen pflegte, hinausgegangen. Blitzschnell hatte Lippe ein paar Kleidungsstücke notdürftig übergeworfen und war draußen auf dem Korridor. Er sah sich um, nirgends eine Spur.

Wo sollte nur der Unglückliche hingegangen sein? Vielleicht hatte ihn einer jener entsetzlichen Morphiumträume weggeschreckt, oder …. ein entsetzlicher Gedanke stieg ihm auf, der ihm das Blut nach dem Herzen jagte. Instinktiv eilte er die Treppe hinunter und in fliegender Hast den dunklen Korridor entlang nach dem Arbeitszimmer. Er erreichte die Tür und wartete einen Atemzug lang, dann drückte er auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Von seinem Gespräch mit dem Grafen Liebenau wußte er, daß man von der Seite nach dem Herrenzimmer gelangen konnte. Gedacht, getan. Wenige Augenblicke später stand er auf der Schwelle von Mohrungens Arbeitszimmer. Es war dunkel, fast nichts zu sehen. Nur dort am Fenster, wo der matte Schein der Nacht ein graues Zwielicht erzeugte, bewegte sich etwas, Lippe hob das Licht höher und erkannte eine Gestalt, die jetzt gleichfalls den hereinfallenden Kerzenschein zu bemerken schien.

Da plötzlich …. ein eigentümliches, metallisches Knacken, Lippe sprang wie ein Tiger vor, faßte mit der Hand in das Dunkel und riß etwas mit übermenschlichen Kräften in die Höhe, ein scharfer Knall und ein Prasseln und Splittern in der Zimmerdecke, dann ein kurzer Kampf und nach wenigen Minuten steckte Lippe eine von jenen tückischen Miniatur-Browningpistolen in die Tasche.

»Das nenne ich im rechten Augenblick kommen, lieber Mohrungen.«

»Warum haben Sie mich nicht sterben lassen?« fragte der unglückliche Mann mit ruhiger und tränender Stimme.

»Weil Sie leben sollen.«

»Ich habe ja doch nichts mehr auf dieser Welt, seitdem mir das Liebste genommen wurde. Ich kann ja nicht mehr froh werden …. Gehen Sie, reisen Sie nach Berlin zurück, lassen Sie den Mördern den Weg frei zu meinem Herzen, und ich will sie noch segnen, wenn sie ihre Arbeit schnell und gründlich tun.«

»Oho, mein lieber Freund, so haben wir nicht gewettet. Aber Ihr Selbstmordversuch hat mir ein Licht aufgehen lassen in der Sache. Da steckt etwas dahinter, mein Freund, aus freien Stücken ist die Verlobung nicht aufgehoben worden. Glauben Sie mir, ich werde das Rätsel lösen. Das ist ein Schachzug unserer Gegner, nun wird mir alles klar.«

»Sie sind ein guter Mensch, Lippe, und wollen mich beruhigen.«

»Ja, das will ich, und darum kommen Sie mit mir herauf, legen Sie sich getrost zu Bett und überlassen Sie mir die Sorgen und die Gedanken.«

Mohrungen folgte wie ein Kind seinem Vater. Lippe sagte sich, für die Folge bin ich gewarnt, das passiert mir einmal und nicht wieder.

Während Mohrungen ruhig schlief, saß Lippe wachend an seinem Bett. Er machte es sich bequem in dem tiefen Ledersessel, bis der Morgen grau über dem Haff aufstieg. Da legte sich auch ein leichter Schlaf über seine Sinne, und tiefer Friede herrschte in dem Altanzimmer.

Es war schon ziemlich spät, als Romeikatis an die Tür klopfte und vorsichtig öffnete. Nichts regte sich. Da trat der bewährte treue Diener ein, und im selben Augenblick sprang Lippe aus dem Lehnstuhl empor.

»Ich hätte nicht gestört, aber der Herr Doktor aus Berlin ist angekommen und ein anderer Herr noch, ebenfalls aus Berlin. Kriminalkommissar Boderke, hier ist seine Karte, wünscht den gnädigen Herrn Baron zu sprechen, es ist wegen des ermordeten Herrn Rittmeisters.«

»Ah, das ist gut. Sie bleiben hier, Romeikatis, und helfen dem gnädigen Herrn beim Ankleiden, ich werde ihn wecken.«

Lippe trat an das Bett Hattos, um ihn zu wecken, aber im selben Augenblick schlug der unglückliche Mann, wie von einer magnetischen Gewalt getrieben, die Augen auf. Als er die beiden Menschen, von denen er wußte, daß kein Falsch in ihnen war, an seinem Bett fand, ging ein stilles, wehmütiges Lächeln über seine Züge.

»Guten Morgen, lieber Mohrungen, fühlen Sie sich nun wieder ganz wohl?«

»Die ruhige Nacht hat mich gestärkt.«

»Dann stehen Sie auf. Doktor Schäfer aus Berlin ist gekommen und Kriminalkommissar Boderke, einer unserer pfiffigsten Spürhunde, die wir in Deutschland haben ….« dann zu Romeikatis gewendet …. »kam er allein oder mit einem Hunde?«

»Er hat einen drahthaarigen Vorstehhund bei sich.«

»Ah, das ist Buff, der Polizeihund, so berühmt wie sein Herr, leider ist es ein bißchen spät, und der entsetzliche Regen, der über die Heide ging, wird die Spur völlig verwaschen haben …. Ich will nun hinunter gehen, die beiden Herren begrüßen, wir erwarten Sie dann im Frühstückszimmer.«


 << zurück weiter >>