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XI.
Zwischen Zivilisation und Wildnis

Ewiger Sommer – Die Landschaft verwandelt den Menschen – Schwarze Gastlichkeit – Gewittersturm auf dem Amazonas – Achtung, hier wird photographiert! – Indianer schießen nach Flugzeugen – Auf dem Baumwolldampfer – Fußball bei den Indios

 

Es war ein sonderbares Gefühl, als die kleine Canoa in den Ucayali, diesen seenartigen Strom, hineinschaukelte. Man kam sich fliegenartig klein vor. Wohin wir blickten, Wasser, vor uns eine riesige flache Insel, die ich zuerst für das Ufer hielt. Dann zeigten sich vier, fünf Wasserarme. Unsicher, welchen Weg wir wählen sollten, spähten wir nach einer Möglichkeit, an Land zu kommen, erblickten eine Canoa, ein Zeichen, daß Indianer in der Nähe waren, und landeten. Nicht weit im Urwald fanden wir unter einem Laubdach drei alte Indianerinnen hockend, die sich bei unserer Ankunft nicht rührten, ja kaum einen Blick nach uns warfen, als ich mit dem von den Frauen meist gefürchteten Zauberkurbelkasten operierte. Endlich kam ein Indianer, den wir nach dem Wege fragten.

Die dreitausendvierhundert Kilometer Wasserlinie von Chuchurras bis Iquitos liegen zwischen dem siebenten und vierten Grad südlicher Breite, – in einer Hitze, in der sich mein Tintenstift in eine gummiartige Masse verwandelte. Es herrschen nur zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter; der Sommer ist trockenheiß, der Winter feuchtheiß; – welche die heißere ist, läßt sich schwer sagen. Wenn man will, gibt es auch Frühling und Herbst, nämlich das ganze Jahr über, wo und wie es der Natur gefällt, die nicht nach dem Kalender fragt. Frucht und Blüte, Welken und Gedeihen sind hier immer und gleichzeitig. Neben dem gestürzten Baumriesen, der sich in Humus auflöst, steht jugendfrisch der farbstrotzende blätterlose Blütenbaum. Die Sonne verliert keinen Tag; auch in der Regenzeit kommt sie zu ihrem Recht. Manchmal, wenn man aufschaut, bringt einem der ewige Sommer in eine Art Rausch; es ist, als ob ein Fest immer dauern würde. Immer wieder fesseln der Anblick des wuchernden Urwaldes, der seine phantastisch zerrissenen Uferkulissen in der braunen Lehmflut spiegelt, und die Dauervorstellung dieser Natur, die in jedem Zustand eine Theateraufführung ist. Aber diese Wildnis ist nicht leicht zu ertragen. Himmel, Wald und Wasser, weiter nichts; eine endlose Kurve nach der anderen, immer dieselbe einsame Linie am Horizont – manchmal kann man es nicht mehr aushalten, man fürchtet sich vor der ungeheuren Monotonie, der schrecklichen Großartigkeit dieser Landschaft, hat auf einmal Angst vor ihr wie ein Kind im Finstern. Diese Landschaft verlangt, wie übrigens jede, ihren Tribut vom Menschen; sie verwandelt ihn nach ihrem Bilde. Verglichen mit unserem Aussehen vor der Reise und unserem jetzigen waren wir nicht nur verändert, sondern überhaupt nicht mehr zu erkennen.

siehe Bildunterschrift

Stellenweise kann man nicht mehr feststellen, daß sich ein Fluß bewegt, er steht fast still

siehe Bildunterschrift

Der Postdampfer legt in Requena am Ucayali an

siehe Bildunterschrift

Straße in Iquitos

siehe Bildunterschrift

Iquitos, ein künftiger Welthafen

Als um diese Zeit unser Proviant zur Neige ging, spähten wir aufmerksam nach einer menschlichen Behausung. Zwei Fasttage waren schon vergangen, da spitzte endlich ein brauner Fleck aus dem grünen Gewirr, ein sonngedörrtes Palmblätterdach. Wir landeten und erstiegen die hohe Böschung. Ein riesiger kohlrabenschwarzer Neger kam uns entgegen und begrüßte uns mit freudigem Grinsen. Er fühlte sich durch den Besuch so vornehmer und seltener Gäste, wie weiße Männer sind, hochgeehrt, bewirtete uns, zeigte uns seine Pflanzung und voll Stolz jeden Baum, den er allein und »in kurzer Zeit« gefällt hatte, schaffte uns Bananen ins Boot und gab uns zuletzt mit seiner ganzen Familie in der Canoa eine Strecke weit das Geleit. Er war Brasilianer und als Nigger von Weißen nicht eben verwöhnt. Die allzu übertriebene biedere Höflichkeit des armen Teufels, der sich da ein Stückchen Urwald als neue Heimat erwählt hatte und sich durch unseren Besuch als »gleichwertig« anerkannt sah – es fehlte nicht viel und er hätte gesagt »wir Weißen« – war mehr als rührend.

Unsere Fahrt war bis dahin immer gut verlaufen. Wir staunten wohl manchmal über die hohen Wellen, die uns der Wind entgegenwarf und die zu durchrudern anstrengend und mühselig war. Der Wellengang rührte von der seeartigen Breite jedes einzelnen Wasserlaufes her, aus dem der Fluß, mehr ein Netz von Flüssen als ein Fluß, besteht. Vier, fünf Tage lang ging die Sache gut, dann kam es anders. Wir sahen zwar einige Gewitter am hochgewölbten Himmel sich zusammenballen, nahmen aber an, sie gelangten nicht bis zu uns. Als sie aber von allen Seiten sehr rasch näher kamen, war es auch schon höchste Zeit, ans Ufer zu kommen. Wir ruderten, was das Zeug hielt; der Sturm kam näher und näher. Wie der Staub auf einer sturmgefegten Landstraße sprühte das Wasser über die hohen Ufergipfel; nach wenigen Minuten hatte das Unwetter uns erreicht. Der Sturm trieb den Strom zurück und wollte uns mit fortreißen. Wurden wir vom Ufer abgetrieben oder ans Ufer geschleudert, in beiden Fällen war das Boot, wenn nicht auch wir, verloren. Wir gaben nicht nach, hieben die Riemen in die Flut, und schließlich gelang es Rolf, an die steile Uferböschung zu springen und das Seil um einen umgestürzten Baum zu werfen. Die erste Gefahr war vorüber, aber das Boot noch nicht gerettet, ein einziger Wellenschlag konnte es fortreißen oder umwerfen; wir mußten die Ladung in Sicherheit bringen. Ich warf das Gewehr hinaus, die Apparate, die Maschine; mein Gefährte nahm sie auf und kletterte die Böschung hoch. Da war kein Tritt und kein Halt, ich sah ihn hängen wie an einem Faden, jeden Augenblick mußte er herunterstürzen. Ich nahm den Manuskriptsack, um hinauszuspringen, da schlug das Boot um, ich lag im Wasser, mit einer Hand klammerte ich mich an einen hineinragenden Baumstamm. »Den Strick!« schrie ich, das Boot trieb ab. Die fünf Minuten, bis es Rolf gelang, mit seiner Last herunterzukommen, schienen mir eine Ewigkeit. Er lag auf dem steilen Hang und krallte sich in die lehmige Erde, glitt und glitt, stürzte ins Wasser, erwischte den Strick, ich hielt mich am Boot. Meine linke Hand war blutüberströmt, der Palo, an dem ich mich festgehalten, war schartig ausgelaugtes Eisenholz. Aber das war jetzt Nebensache; wir mußten landen, und es gelang das zweitemal besser. Mit der Machete hackte ich Stufen in den harten Lehm, damit wir Fuß fassen konnten. Endlich waren wir unter einer umgestülpten Baumwurzel inmitten der geretteten Apparate in Sicherheit und konnten dem entfesselten Sturm wie einer Vorstellung von der Galerie aus zuschauen. Nach zwei Stunden war alles vorüber. Der Himmel hellte sich auf, das Wasser kräuselte geglättete Wellen, die Natur lächelte, als hätte sie einen kleinen Spaß gemacht. Auch wir lachten; denn gefährliche Situationen sind meist auch ebenso komisch, nur merkt man das erst hernach. So hatte ich, während ich im Wasser lag und mich mit der zerschnittenen Hand nur noch Sekunden halten konnte, dennoch nicht nur den Manuskriptsack, sondern auch den überaus wichtigen Kaffeekübel nicht aus der Hand gelassen und hatte beides gerettet. Nur war im Kaffeetopf kein Kaffee mehr, sondern schlammbraunes Ucayaliwasser.

Wir näherten uns inzwischen langsam zivilisierteren Gegenden. Einige Tage nach der Einkehr bei dem Neger sagte uns ein Ansiedler: »Sie kommen morgen an eine Stadt. Sehen Sie zu, daß Sie eine Kette bekommen, um ihr Boot festzumachen, da wird alles gestohlen!«

Ich vernahm diese Botschaft mit gemischten Gefühlen. Wir hatten zwar von Anfang an gewußt, daß uns die Zivilisation, nachdem wir sie auf der einen Seite verlassen hatten, von der anderen Seite wieder entgegenkommen wird. Aber es kam mir erst jetzt zu Bewußtsein, daß es nun für einige Zeit mit dem zwar strapaziösen, aber doch schönen und billigen Leben in der Wildnis vorläufig vorbei war. Indes waren wir, besonders nach dem glücklich überstandenen Sturm, die Bootsfahrt allmählich müde geworden. Der obere Amazonas, in dem wir jetzt schaukelten, wurde größer und größer, und unsere Nußschale sah in diesen uferlosen Wassern etwas komisch aus. Zuweilen schwammen dunstige Nebel auf dem Strom, und es war uns gesagt worden, daß dieser Hitzenebel manchmal so dicht ist, daß kein Schiff fahren kann.

Siebenundzwanzig Tage waren wir bis dahin auf dem Strom. Es war in der Tat, wie Don José sich ausgedrückt hatte, eine »viaje colosal« gewesen. Wir hatten mehr als zweitausend Kilometer im Boot zurückgelegt und näherten uns Masisea, der besagten Stadt. Von hier bis Iquitos sind es abermals über fünfzehnhundert Kilometer Flußfahrt; das hätte uns noch einmal drei bis vier Wochen gekostet und allzuviel Zeitverlust bedeutet. In Anbetracht des Kommenden säbelte ich mir mit der letzten Gilletteklinge meinen grauslichen Bart ab und benutzte die verschiedenen Etappen der Abnahme, um Freund Rolf eine Vorstellung als Verwandlungskünstler zu geben.

Masisea ist ein Pueblo, ein Dorf aus zehn Holzhütten, von denen die meisten mit Palmstroh und einige ganz vornehme sogar mit Wellblech gedeckt sind. Wir landeten, wurden von einer Ehrengarde von zwanzig schmutzigen Lausbuben empfangen und warfen unsere Sachen hinaus. Mochte das Boot gestohlen werden, unser Gepäck, das zugleich unser Vermögen darstellte, wollten wir jedenfalls in Sicherheit bringen. Jeder von den braunen Cholitos nahm sofort ein Stück und trabte damit davon.

»Venga, Usted, Señor, en el hotel!«

Also auch ein Hotel besitzt diese Stadt, die nach Landessitte vorläufig noch aus einem Namen besteht. Ich hatte nichts dagegen, auch hätte ein Widerspruch nichts genützt; denn es ist selbstverständlich, daß mit vielen Apparaten und Waffen aus der Montaña ankommende Forscher enorm reiche Herren sind, die sofort ins Hotel geführt und aufmerksam bedient werden müssen. Wir traten ein. In dem Zimmer der strohbedeckten Bambusscheune, das man uns anwies, spazierten Hühner und Schweine gemütlich aus und ein, die Rohrwände waren mit Zeitungen verklebt, Tapete und Wandschmuck zugleich. Durch eine New Yorker Illustrierte steckte ein schwarzes Schwein vom Nebenraum seinen schnuppernden Rüssel – ein Neujahrstitelblatt. Die Lazzarones umlagerten uns erwartungsvoll. Jeder hielt die Hand her, jeder wollte mindestens einen Real haben, und wir besaßen beide zusammen keinen Centavo.

»Mañana!« sagte ich. Mañana (morgen) ist das Zauberwort, mit dem man durch ganz Peru kommt und alles erledigt, indem man es aufschiebt. Kommt Zeit, kommt Rat. Wir richteten unser Lager auf dem Boden und spannten die Moskiteros aus. Außer uns bewohnten das Appartement noch Kröten, Taranteln und Riesenspinnen.

Die einzige Möglichkeit, unsere Lage zu sanieren, war, daß wir die Leute von Masisea photographierten. Ich malte ein schönes buntes Plakat mit der von exotischen Blumen umrankten Aufschrift:

 

Achtung! Achtung!
Hier wird
photographiert!
Billig und dauerhaft!
6 Bilder 5 Soles.

 

Das »dauerhaft« war wichtig; denn wir hatten einmal gehört, daß irgendwo ein Schwindelphotograph durchgekommen war, dessen Bilder nach drei Tagen verblaßt waren. Wir hingegen lieferten nur solide deutsche Arbeit. Die Sensation war groß, und wir nahmen immerhin soviel ein, daß es für die Hotelrechnung und für ein Billett auf dem nächstfälligen Baumwolldampfer nach Iquitos reichte. Ich verklopfte noch meinen schönen Revolver an einen Soldaten der Guardia Zivil, und die Canoa verkauften wir ebenfalls, erhielten aber nie einen Cent dafür.

Masisea ist Flugzeugstation der neu errichteten Flugverbindung Iquitos – San Ramon. Die Cholos im Süden hatten sich, als sie den ersten Riesenvogel (»la canoa de los blancos«) erblickten, heulend im Busch verkrochen. »Da kommt der Teufel, der uns straft!« jammerten sie. Anders die freien Waldindianer! Während wir in Masisea waren, traf gerade ein Postflugzeug ein, dessen Tragflächen mit den Eisenholzpfeilen der Campas gespickt waren wie Nadelkissen.

Nach einigen Tagen traf die Lancha, ein kleines Handelsdampferchen von der Größe einer Zweizimmerwohnung, ein und nahm uns auf. Ich zahlte bar, Freund Rolf legte ein Avis auf die Bank in Iquitos vor, bei der er ein kleines Guthaben abzuheben hatte. Die Fahrt auf diesem Schlachtschiff dauert nur sechs bis sieben Tage und bot als einzige Abwechslung den Besuch der Landungsplätze. Leider blieb meist nur zwei, drei Stunden Zeit, während Baumwolle und Fische verladen wurden, um in die ein wenig landeinwärts gelegenen »Städte« zu gehen: ein Dutzend lehmverstopfte, von Indianern und Halbindianern bewohnte Bambushütten, die zuweilen desto stolzere Namen führen, wie Porto-Arturo, Nuevo-Paris oder auch Nuevo-Hamburgo. Wir erwarben auf dem Tausch- und Kaufwege mancherlei Kleinigkeiten, Tigerhäute, Tonvasen, einen Tigerschädel und zwei kleine Affen. In einem solchen Pueblo, ein paar Dampferstunden oberhalb Contamana, vergnügte sich die indianische Jugend mit Fußballspiel, das ich auch später in viel abgelegeneren Indiodörfern sah, so daß ich staunen mußte über die welterobernde Internationalität des Fußballs, der sogar in den dichtesten Urwaldbusch eingedrungen ist. Ein lederner Ball ist selten vorhanden (nur da, wo mit allen möglichen Waren handelnde Missionare in der Nähe sind); er wird meist aus irgendwelchen Lumpen hergestellt. In jenem Dorf, das von riesigen fruchtüberlasteten Naranjabäumen beschattet war, spielten sie mit riesigen Orangen, und wir und die gesamte Schiffsmannschaft machten lustig mit.

Wir waren Passagiere der ersten Klasse, weil es keine andere gab, und speisten mit dem Señor Capitano an einer Tafel. Die Verpflegung bestand aus Reis, Bohnen, Farinhamehl und Paiche, einem am Amazonas sehr beliebten und sehr fetten Fisch. Man gewöhnt sich nach einiger Zeit an seinen sonderbaren Geschmack, weniger an den penetranten Gestank der in großen Haufen auf dem Verdeck aufgeschichteten Vorräte. Der Kapitän handelte mit Baumwolle und Fischen; ein Mann, der seit fünfundzwanzig Jahren mit seiner Kaffeemühle flußauf und -ab fährt und der weiß, was Baumwolle ist und was Paiche ist, basta. Da wir nur eine Schiffskarte vorausbezahlt hatten, büßten wir in seinen Augen an Ansehen ein; er erlaubte sich zuweilen witzig sein sollende Scherze, so zum Beispiel über meine angegrauten Schläfen. Ich hörte mir das zweimal an, beim drittenmal sagte ich höflich: »Ich finde, Herr Kapitän, es ist besser, einen grauen Kopf auf den Schultern zu haben als gar keinen!« Er wandte sich beleidigt ab, und ich hatte meine Ruhe. Später versuchte er wieder einzulenken, indem er meinen für Indianer bestimmten falschen Brillantring, den ich seinetwegen ansteckte, bewunderte. Der gute Ton auf dem Stinkkasten ließ im übrigen, wie sich das für Reisende erster Klasse geziemt, nichts zu wünschen übrig. Eine dunkelhäutige Dame – sie sah aus wie eine sonnverbrannte Marktfrau aus Obermenzig – streckte beim Trinken den kleinen Finger steif in die Luft und wischte sich den Mund am Tischtuch. Eine andere halbfarbige Dame stellte sich als Mineralwasserfabrikantensgattin vor und zeigte jedem eine Kollektion von Photos ihrer Limonadenbaracke in Iquitos. Auf jeder dieser Aufnahmen schaute ihr Gemahl, ein magerer Jüngling mit Zwirbelbart, aus einem anderen Fenster hinaus. Ein junger Chinese, Soldat der Zivilgarde, lernte ein kilometerlanges spanisches Gedicht auswendig, um seine Bildung zu bereichern. Auch der Marketender las ein Buch, »Der Krieg Montenegros gegen die Türkei«. Ich fragte ihn, warum er das lese. »Zur Bildung, es ist besser als nichts«, war die Antwort.

Das sind so die zivilisierten Menschen!

Jeden Abend um sechs Uhr fand die große Galavorstellung des Sonnenuntergangs statt, ein Schauspiel von gigantischer tropischer Kitschpracht. Sofort nach dem Abendessen verschwanden wir und begaben uns ins Zwischendeck hinab, einem achtzig Zentimeter breiten Gang neben dem Maschinenraum. »Man wird hier nicht belästigt!« sagte ein Australier, dessen Bekanntschaft wir gemacht hatten. Er nannte sich Ingenieur, sprach ein miserables Spanisch, schimpfte auf die Engländer und mischte einen vorzüglichen Cocktail: ein sympathischer Luftikus. Er erzählte uns, daß er einen Vertrag mit einer amerikanischen Firma geschlossen habe und in den nächsten Tagen zehntausend Pfund bekomme, und pumpte mich um fünf Soles an. Wir sangen zur Gitarre, die Maschine stampfte den Takt, die schwarzen Wellen des Alto Amazonas schossen eine halbe Armlänge unter unserem Sitz in die Nacht. Um Mitternacht kreuzten wir den Zusammenfluß der drei Ströme Ucayali, Huallaga und Marañon, die sich zum Vater Amazonas vereinigen, das heißt zu einem See, dessen Grenze man auf keiner Seite sieht und in den verschiedene Inseln hereinragen. Die Ufer der drei Ströme – eine urweltlich großartige Landschaft im Vollmondglanz. Der hohe Wellengang, der sogar die Baumwollkiste kräftig schaukelte, hätte, das sahen wir nun, eine Canoa sofort umgeworfen.

Alle meine Erwartung richtete sich jetzt auf die Stadt Iquitos. Der Fluß wurde belebter, kleine Dampfer und mit Palmblättern überdachte Monterias wurden sichtbar, immer häufiger guckte eine Holzhütte aus dem Ufergrün. Schließlich, bei einer Flußbiegung, wurde ein ganzer Stadtteil von braunen Holzhäusern, wie Pilze aneinander gedrängt, sichtbar, davor im Hafen lagen Hunderte von großen Algodonflößen (mit Baumwollballen beladen), und von weitem blitzten zwei, drei weiße Häuserfronten. Eine Stunde später legten wir an.

Nach sechs Monaten wieder eine Stadt! Nach einem halben Jahr werden wir wieder ein Bett, nach dreitausendvierhundert Kilometer Flußfahrt (von Chuchuras bis Iquitos achthundertsechzig Kilometer Luftlinie, das sind nach landesüblicher Rechnung dreitausendvierhundert Kilometer auf dem Fluß; Moskau – Triest gleich dreitausend Kilometer) wieder festen Boden unter den Füßen haben, gepflasterte Straßen und wirkliche, echte Häuser sehen! Die übliche Räuberbande von Arrieros veranstaltet einen Sturmangriff auf unser Gepäck: an die fünfzig zerlumpte Gestalten, die aussehen wie eine auf der Teufelsinsel ausgebrochene Strafkolonie. Dennoch sind das keine Verbrecher, als welche sie mondäne Reisende mit gefüllten Brieftaschen in der Regel ansehen, sondern nichts als arme Teufel, die ein paar Centavos verdienen wollen. Wäre unsere Kasse so umfangreich gewesen wie unser Gepäck, so hätten wir ein Dutzend dieser Erwerbshungrigen, die wochenlang auf die Ankunft eines Dampfers lauern, in Verdienst gesetzt. So aber beschieden wir uns mit zweien, einem großen Kerl, der den schweren Blechkoffer nahm, und einen Dreikäsehoch, der die zwei Rucksäcke eroberte und sie todesmutig verteidigte; den übrigen Kram schleppten wir selbst. Übrigens habe ich niemals einem Indio, auch nicht einmal dem zivilisierteren Cholo, beibringen können, wie man einen Rucksack trägt. Ich zeigte es ihnen, wie es praktischer und bequemer ist und wie man mit den Armen durch die beiden Riemen schlüpft. Einer probierte es wirklich einmal. Aber nicht lange. Erstens wurde er von seinen Kameraden ausgelacht und zweitens war es ihm wirklich unbequem. Nach kurzer Zeit trug er ihn wieder, wie alles, mit dem Nacken, die Riemen, obgleich sie keineswegs dafür eingerichtet sind, um die Stirne gebunden.

Meine zwei Affen turnten ängstlich auf dem Blechkoffer hin und her, und wir stapften hinter den Trägern drein, verwildert und als Exoten bestaunt. Und so hielten wir, begleitet von der halben Einwohnerschaft, Einzug in die langerwartete Stadt.


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