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VIII.
Bei den Amoishe-Indianern

Schwieriger Kaffeetransport – Erlebnis der Einsamkeit – San José – Ortsnamen ohne Orte – Chuchuras – Im Urwald verirrt

 

Unterwegs hatten wir eine seltsame Begegnung. Sie meinen Menschenfresser? Nein, das nicht, aber so etwas Ähnliches! Wir begegneten nämlich Tirolern! Es waren Pozuziner, Ansiedler aus der etwa siebzig Jahre alten deutschen Siedlung Pozuzo, die in Peru geboren sind, aber dessenungeachtet den unverfälschtesten Tiroler Kehlkopfdialekt sprechen, als wären sie in Innsbruck. Wie der Sachse sächselt, gleich, ob er Französisch oder Englisch spricht, so tirolern sie auf Spanisch. Wir hätten Pozuzo vom Höllenweg aus erreichen können. Da wir aber hörten, daß die Gegend am Rio Pozuzo nicht fieberfrei ist (aus welchem Grunde man die Siedlung neuerdings abbaut und in eine gesunde Gegend verlegt), verzichteten wir auf den Abstecher. Die Pozuziner führten mit Kaffeesäcken beladene, zum Erbarmen abgemagerte Maultiere, und außerdem schleppte jeder selbst noch eine gehörige Last in seiner »Krax« auf dem Rücken. Um den Kaffee zu verkaufen, müssen sie ihn auf diesem Weg in sechs- bis achttägigem Marsch nach Churubamba transportieren: ein Marsch, der die höchsten Anforderungen an Mensch und Tier stellt. Eines der Mulas war bereits unterwegs verendet, und der Kaffee war noch dazu naß geworden, so daß er keinen vollen Preis mehr ergab. Den armen Kolonisten blieb also nichts übrig als die Anstrengung.

Das waren die einzigen Menschen, denen wir während acht Tagen, zufällig nur, begegnet waren. Vorher und nachher nichts als Einsamkeit, Wildnis, seit Jahrtausenden ungestörtes und unbeirrtes Wachstum, durch das der schmale Pfad, ein dünner, oft abgerissener Faden, sich windet, geübten Augen kaum erkennbar, heute mühselig Schritt für Schritt mit der Machete ausgehauen, morgen schon wieder unkenntlich verwachsen. Kein Ausblick im wuchernden Grün, kein Stückchen Himmel zu sehen, geheimnisvoll anziehend auf allen Seiten die übermächtige Vegetation, in die einzudringen so verlockend wie aussichtslos ist. Wie unvorstellbar weit weg ist hier Europa!

Wir rasteten an einer kleinen Lichtung: ein seltener, durch vulkanischen Bergrutsch – wie man an der niedergestampften verwüsteten Waldstrecke sieht – entstandener Ausblick. Zum erstenmal seit einer Woche sehen wir aus der grünen Finsternis hinaus. Und was sehen wir? Bewaldete Höhen, bewaldete Tiefen, Bergwände wie Gobelins und Urwald, nichts als Urwald. Er hört nie auf. Unentrinnbar, unendlich, übermächtig, so sieht ihn auch der Indianer: seine Brauen sind in Westperu, und seine struppigen Füße streckt er in den Atlantik, Herrscher des Erdteils, König Urwald. Man hört von vielen, die irgendwo weggegangen, aber nie irgendwo angekommen sind, verirrt, verhungert, verdurstet, ein Schlangenbiß, ein Stich eines giftigen Insekts. Wem hier allein etwas passiert, dem kann niemand helfen. Viele frißt der Urwald auf, und alle, die dableiben, saugt er auf. Der Mensch ist hier Nebensache. Es handelt sich nur um Pflanzen und Tiere, die um jeden Preis wachsen und leben, strotzend, brutal, rücksichtslos, die Toten der Dünger der Lebenden. Aus dem altersschwach umgestürzten Baum sprossen sechs frische junge Bäume, auf den breiten Ästen des Kräftigen schmarotzen üppige Kakteen, grelleuchtende Orchideen und meterlange Blütenkolben, Wespennester kleben wie riesige Geschwüre an Stämmen, den in die Höhe Schießenden ersticken Moosbärte und fesselnde Stricke, der mit Stacheln Gepanzerte durchbricht sieghaft das Dickicht, und wo der Boden keinen Platz läßt, hängt der Luftwurzelbaum wie ein Kletterstrick senkrecht nach unten. Und unbeirrbar bläst die Chiriambo auf der Kindertrompete, blechern schrill wie singende Hitze, und Millionen Pfiffe und Schreie, Klingeln und schrilles Dröhnen begleiten sie. Und du begreifst, daß über allem die Natur die erste und letzte Alleinherrscherin der Erde ist.

Am sechsten Tag erreichten wir, die letzten steil abfallenden, mannshohen Fels- und Lehmstufen des Berges hinabkletternd, San José, keine Ortschaft, sondern nur der Name einer solchen. Platz für ein kleines Dorf ist bereits vorhanden: zwei, drei Hektar gerodeter Urwald. In fünfzig Jahren wird hier vielleicht eine kleine Stadt stehen; denn es heißt, daß Wege gebaut werden. Vorläufig waren wir zufrieden mit der einzigen Holzhütte, aus der der Ort besteht. Auf ihrem Boden aus selbstgespaltenen Palmstämmen schliefen wir nach dem anstrengenden Marsch wie in einem Hotelbett.

Noch ein halber Tagesmarsch, und man ist in Chuchuras. Statt der angekündigten drei hatten wir sieben Tage zu der Wanderung gebraucht. Unser schwer bepackter Cholo aber traf noch einen Tag später ein. Ist der Weg dahin eine Hölle, so kann man das prächtige Tal von Chuchuras ebenso ohne Übertreibung ein Paradies nennen. Man darf sich auch unter diesem Namen keine Ortschaft vorstellen. Es sind nur einige Holzhäuser, die, umgeben von Pflanzungen und Weidegründen, weit auseinanderliegen. Es ist schon recht heiß hier. Das Flußtal, eingeschlossen von dichtestem Urwald und durchflossen von zwei Flüssen, Rio Chuchuras und Rio Comparichmas, liegt nur dreihundertsechzig Meter über dem Meer. Aber die Gegend ist gesund und fieberfrei, die Mückenplage gering und die Fruchtbarkeit noch üppiger als in den höher gelegenen Landschaften, ein Musterbeispiel der ertragreichsten Gebiete ganz Perus. Kühe weiden bis zum Bauch im saftigen Gras, riesige, fruchtüberlastete Bananenstauden und der prächtige Brotfruchtbaum überschatten das Haus, Vanille und Kakao wachsen wild, Baumwolle und Zimt, Reis, Kaffee und Koka haben hier ihre Heimat.

Wir wurden von deutschen Siedlern, Westreicher und Juan Frantzen, gastlich aufgenommen und hatten nun Zeit, uns einige Tage zu erholen, zu waschen und zu flicken, unsere Sachen instandzusetzen und in der mit Zelt und Schlafdecke gebauten Dunkelkammer bei Kerzenlicht einige Aufnahmen zu entwickeln. Rolf nahm sein Gewehr auseinander und brachte es nicht mehr zusammen, und ich betrachtete mir die Gegend.

Von der Stelle, wo man den Fluß im Kanoa überquert, bis zum Haus Don Juans ist nur eine kleine Stunde Weges. Trotzdem passierte es mir, daß ich, als ich zum Baden gehen wollte, den »Weg« verlor und mich verirrte. Ich kletterte etwa drei Stunden lang nach allen Richtungen herum und redete mir ein, daß ich ganz ruhig und besonnen sei. Dabei wurde mir doch allmählich etwas komisch zumute. Bald sackte ich in ein verwachsenes Loch, bald rutschte ich unversehens eine steile Stelle hinunter, verwickelte mich in Pflanzenstricke wie ein Fesselkünstler und kroch unter unheimlichen Stachelgewächsen auf allen vieren, blutend, zerkratzt und vor Angst und Anstrengung in Schweiß gebadet. Nirgends ein Fetzchen Himmel oder ein Schimmer Tageslicht zu sehen. Wohin ich schaute, Wirrnis und schweigsame, lauernde, grüne Dämmerung! Gefangen im Netz des Urwalds! Schreien hat da gar keinen Zweck, die grünen Wände verschlucken jedes Geräusch wie schwere Gardinen. Man hätte mich zwar gesucht und sicher auch gefunden; aber darüber konnte gut eine Nacht vergehen, und diese Nacht hätte ich irgendwo im Finstern stehend, bestenfalls auf einem Baum sitzend, zubringen müssen, ohne jede Waffe, schutzlos gegen allerlei Getier, das auf nächtliche Jagd ausgeht. Ich wußte, daß der Indianer nie anders als auf einem Baum angebunden die Nacht im Urwald verbringt, außer sie sind mehrere. Dann lagern sie sich um das die ganze Nacht brennende Feuer. Don Juan hatte mir erzählt, daß in den letzten drei Nächten der Jaguar dagewesen war und sich jedesmal ein Schwein aus der Hürde geholt hatte. Er hatte ihm, nachdem er ihm zwei Nächte lang erfolglos aufgelauert hatte, eine Selbstschußfalle aufgestellt; denn er war gewiß, daß er wiederkommen werde. Diese Erzählung fiel mir ein, als ich herumirrte. Zuletzt entschloß ich mich, aufs Geratewohl immerzu geradeaus zu gehen. Zufällig hatte ich die Richtung erraten und erreichte endlich erschöpft und übel zugerichtet die Lichtung von Chuchuras. Das kleine Abenteuer hatte mir eine Ahnung beigebracht, davon, was es heißt, sich im Urwald zu verirren. Um so mehr bewunderte ich die Indianer, die allein, mit nackten Füßen, fast oder ganz unbekleidet und oft ohne Schutz und Waffen in diesen Wäldern herumgehen und sich in ihnen zurechtfinden wie auf gebahnten Wegen. Aber ich erzählte niemanden ein Wort von meinem Erlebnis. Die erfahrenen Waldleute hätten mich, nachdem es gut abgelaufen war, wahrscheinlich ausgelacht.

Chuchuras ist recht abgelegen. Während es in Oxapampa sogar eine Schule gibt, in der zwar leider nicht Deutsch, sondern nur Kastilianisch gelehrt wird, muß der Farmer hier neben allem anderen auch noch den Lehrer spielen und seinen Kindern Lesen und Schreiben beibringen. Für die Kinder mag das Fehlen einer Schule zwar ein Idealzustand sein; sie können mit fünf Jahren reiten, aber mit zehn oft noch nicht lesen, was für die hiesigen Verhältnisse ganz in Ordnung ist. Dennoch ist es für das spätere Leben eine Erschwerung, daß die Jugend zum Teil ganz verwildert aufwächst.

Der Farmer ist hier, an zwei Flüssen wohnend, auch Fischer und Bootsbauer. Don Juan fing während unseres Aufenthaltes einen Shúngaro genannten Flußfisch. An einem starken Strick legte er über Nacht einen handgroßen Angelhaken aus, an dem ein Köder in Gestalt eines mehrpfündigen Fisches stak. Als wir am Morgen nachsahen, fanden wir das Seil gestrafft. Ein Indianerjunge tauchte aus der Kanoa in den Fluß, kam aber sogleich wieder erschrocken an die Oberfläche. Er habe etwas Weiches gespürt, sagte er, es sei vielleicht ein Krokodil. Wir entschlossen uns, das Tier herauszuziehen, und sahen, daß es ein mächtiger Kerl war, gut zwei Zentner schwer, der mit seinem Schwanz wütend das Wasser peitschte. Fünf Mann stark hatten wir alle Mühe, ihn aufs Trockene zu bringen und ihm mit der Machete den Garaus zu machen.

Auch jedes andere Handwerk muß der Siedler in Chuchuras heute noch selbst besorgen, muß Arzt und Tierarzt sein, Gärtner und Tischler, Müller und Zimmermann. Jedes Brett seines Hauses ist mit dem Handbeil aus dem Baum gehauen, Tisch und Stuhl und Bett ohne Nagel roh zusammengefügt. Dennoch hat er viel Zeit, denn es fehlt ihm, in der Pflanzung wie im Haus und auf der Jagd, nicht an Indianern, die ihm helfen und ihn nichts kosten als die Verpflegung.

In der nahen Chaquerera (Urwaldrodung) eines Italieners, Don Raffaelo, trafen wir unseren Freund »Monolindo« wieder, den Wegbaumeister. Er hatte sich eben in diesen Tagen mit einer Indianerin verheiratet, nicht per Standesamt, wie bei uns, aber doch mit gewissen Bindungen und Pflichten – für ihn. Nun hockte er mit seiner braunen Familie auf dem festgetretenen Lehmboden und seufzte: »Ein tolles Leben, Kinder! – Ich hoffe, Sie verbringen ein paar Tage mit mir, und wir gehen zu den Amoishes!«

»Con mucho gusto, Don Alexandro, wie lange geht man?«

»Nicht weit, drei Stunden.«

Also nach meinen Erfahrungen sechs oder acht! Etwas spät, morgens um zehn Uhr gingen wir weg und schlenderten anfangs gemütlich dahin, was im Urwald, wo alle zehn Schritte lang eine Palisade zu überklettern ist, so Schlendern heißt. Anfangs ging es in einer Troche, einem mit dem Buschsäbel grob ausgehauenen, nur geübten Augen kenntlichen Pfad. Später kamen wir auf den neuen, von Don Alexandro begonnenen, zwei Meter breit ausgearbeiteten Weg, auf dem bereits alle Bäume gefällt und auf den Seiten des Weges in das Dickicht geworfen sind. Nur die ganz dicken Stämme, die zu fällen zu mühsam ist, weil die Indianer weder Sägen noch Äxte haben, sondern als einziges Werkzeug die Machete, bleiben mitten im Weg stehen. Wir begegneten auf dieser Strecke einem Indio, der für sich allein einen »Weg baute« und das Unkraut rodend am Boden kroch. Dieses Ausroden muß ununterbrochen und immer wieder geschehen, weil der ausgehauene Weg immer wieder verwächst und in der Regenzeit versumpft. Unterbleibt das Aushauen einige Wochen oder gar Monate, dann ist der Weg wieder vollständig zugewachsen.

Der damalige Präsident von Peru, Leguia, hatte den Wegebau als den wichtigsten Teil seiner Aufbautätigkeit betrachtet. Er hatte das Gesetz eingeführt, daß jeder Mann, der im Lande wohnt, Peruaner wie Ausländer, sechs Tage für den Straßenbau arbeiten muß; man kann sich freikaufen, und die dadurch einkommenden Mittel kommen wieder dem Wegebau zugute. Er hatte den »Tag der Wege« eingeführt, an dem er alljährlich das ganze Land zur Mithilfe und Mitarbeit am Wegebau auffordert, an der »Lebensbedingung für das große Peru von morgen«. Mitten im Innern wurde mir eine solche »Proclama del Presidente«, mit primitiven Lettern auf schlechtes Papier gedruckt, in die Hand gedrückt.

Wenn der Amoishe, der sich einen Weg machte, auch nicht lesen kann, so war doch die Wichtigkeit der Sache bis zu ihm gedrungen. Die Amoishes, ein Stamm, der sich durch besondere Vorliebe für Reinlichkeit, Ordnung und Bauen auszeichnet, haben Freude am Wegebau; denn er verspricht ihnen einen müheloseren Verkehr, wenn sie über die Vorberge hinauf müssen, um beim deutschen Kaufmann in Churubamba das so notwendige, hier nicht vorkommende Salz einzutauschen.

Wir waren längst mehr als drei Stunden unterwegs, verschwanden immer wieder im ungangbaren Dickicht und durchwateten oder überkletterten mehr als zwanzig Bäche. Endlich erreichten wir den Rio Omais, ungefähr die Hälfte des Weges.

In zivilisierten Gebieten gibt es zuweilen Hängebrücken, wenn sie nicht gerade fortgerissen sind. Hier, in der unerschlossenen Montana, ist der Brückenbau nicht möglich. Die Flüsse ändern fortwährend ihren Lauf, und die Regenzeit verwandelt sie in wütende, weite Strecken überschwemmende Ströme. In wegloser Gegend sind außerdem die für Hängebrücken notwendigen schweren Drahtseile nicht transportierbar. Kommt man also an einen Fluß, so nimmt man ein Bad und geht durch. Ist der Fluß angeschwollen, dann wartet man, bis er sinkt. Dauert es zu lange, dann werden Bäume gefällt und hineingeworfen, an denen man hinüberklettert. Sind keine genügend langen Bäume da, dann sind vielleicht am jenseitigen Ufer passende. Einer schwimmt dann hinüber und fällt sie. Ist der Fluß zu reißend und zu breit, um auf diese Weise überquert zu werden, dann muß ein Floß gebaut werden.

Der Rio Omais befand sich in normaler Verfassung. Wir verknoteten Hemd und Hosen zu Bündeln, die Stiefel blieben an den Füßen, Apparate und Rucksäcke hingen auf dem Buckel. So wird der ziemlich reißende Omais, einer der vielen hundert Quellflüsse des Ucayali-Amazonas, Schritt für Schritt überquert. Man möchte am liebsten den ganzen Tag im Fluß bleiben. Die Hitze ist so gewaltig, daß man begreift, warum die Inkas Peru das Viersonnenland genannt haben. Es ist in der Tat so heiß, als ob statt einer vier Sonnen herabglühten. Wir blieben noch eine Zigarette lang im Wasser, dann wurden die Moskitos zudringlich; und wieder verschlang uns der feuchte, dunstig glühende Urwald in seinem unersättlichen Rachen.

Auf dem Wege beobachteten wir einen Chanchovaca (Tapir), der stillvergnügt in einem Tümpel badete. Da kein Wind herrschte, kamen wir dem Dickhäuter auf zehn Schritte nahe. Ich nahm den Apparat und habe wohl ein minimales Geräusch verursacht, – das Tier streckte witternd den Rüssel in die Luft und ergriff in panischem Schrecken die Flucht. Krachend, als ob es alles niederrennte und zersplitterte, hörten wir es im Dickicht verschwinden. Wir bedauerten, unsere Gewehre nicht mitzuhaben. Mit einem Tapir, dessen Fleisch die Indianer ungemein schätzen, hätten wir den Amoishes ein willkommenes Gastgeschenk mitgebracht.

In zwei, drei Indianerhütten reichte man uns gastfreundlich den großen Fruchtkübel voll Masate, und wir tranken die kühle Hefe mit Todesverachtung hinunter. Die Masate wird aus geriebener Yuka, der kartoffelähnlichen Wurzel, dadurch bereitet, daß die Indianerin einige Male einen Mundvoll kaut und das Gekaute wieder hineinspuckt, um durch den Speichel die Gärung hervorzurufen. Man muß das Zeug aus Höflichkeit trinken. Den Trunk zurückzuweisen würde bedeuten, daß man die gebotene Gastfreundschaft ablehne. Aber es ist geratener, bei der Zubereitung lieber nicht zuzuschauen. In einer dieser Indianer-Laubhütten lag im Frauengemach, einem durch Bastmatten abgeteilten Ställchen, eine kranke Frau. Wir erkundigten uns bei der Alten, die bei ihr war, nach ihrer Krankheit und hörten, daß sie ein Kleines geboren hätte. Ein vorsichtiger kurzer Blick über die Matte ließ mich den winzigen, ziegelroten Indianerburschen sehen, der splitternackt auf einem Lager von frischen Gräsern strampelte. Aber diese Neugier ist unangebracht. Don Alexandro belehrte uns, daß wir als weiße Männer bei solcher Gelegenheit unerwünscht sind und uns schleunigst verabschieden müssen. Wir unterließen darum, um eine Schale Wasser zu bitten, wie wir beabsichtigt hatten, wünschten alles Gute und schoben weiter. Bei einer anderen Hütte lag ganz allein ein alter Indianer im Schatten des Palmdaches auf einer Art Brett, lang ausgestreckt, reglos und stumm. Niemand war bei ihm, ringsum Stille und brütendes Schweigen der Hitze. Wir sahen, daß er krank war, und fragten ihn nach seinem Befinden. Er sagte, ohne uns anzusehen: »Vielen Dank Señores, mir fehlt nichts; ich gehe sterben.«

Geburt und Tod zu gleicher Zeit, der sprechende Anschauungsunterricht des Lebens!

Andere Hütten, an denen wir vorbeikamen, waren bewohnt, wie man an dem vorhandenen Gerät sah, aber leer. Wenn der Amoishe auf die Jagd geht, läßt er sein offenes Haus mit allem seinem Eigentum, Geschirr, Kleidern und Waffen, liegen und stehen, wie es ist. Niemand würde auf den Gedanken kommen, etwas anzurühren oder gar wegzunehmen. Nichtachtung fremden Eigentums ist dem Amoishe unbekannt. Ich erlaubte mir, aus einem solchen Haus eine aus einem hohlen Stamm gefertigte primitive Gitarre mitzunehmen, jedoch nicht ohne dafür einige Glasketten hinzuhängen.

Nach sieben, acht Stunden Marsch waren meine Füße wund. Den ganzen Tag hatten wir nichts gegessen, und der Durst quälte noch brennender, und immer noch ging es schweigend weiter. Rolf war schon ungeduldig geworden, fragte jeden Augenblick, wie weit es noch sei, und stolperte brummend und scheltend, einem gelinden Verzweiflungsausbruch nahe, hinterdrein. Endlich erreichten wir ein Indianerlager und ließen uns erschöpft nieder. Über dem Feuer briet ein Hirsch; sie schenkten uns zwei Keulen, die besten Stücke. Wir nahmen das Fleisch dankbar an, aßen es aber nicht. Wir hatten nur Durst und tranken eine mächtige Fruchtschale Wasser ganz aus. Ich wollte gerne einen Schluck Kaffee haben, denn schwarzer heißer Kaffee ist das einzige, was nach solchem Marsch erquickt und alle Übermüdung vergessen macht. Aber die Indianer trinken keinen Kaffee, seltsamerweise, da er doch in ihrem Lande wächst. Wir wollten eigentlich bei dem Lager bleiben. Da aber Don Alexandro behauptete, er habe in seiner Hütte bei den Amoishes noch Kaffee und wir hätten nur noch eine Stunde zu gehen, entschloß ich mich, lieber weiter zu marschieren. Ich wußte damals noch immer nicht, wie man die Zeitangaben in Peru aufzufassen hat. Wenn es hier heißt: noch eine Stunde, dann kann man getrost mit drei, vieren rechnen. Und Don Alexandro war, was die Auskünfte betrifft, schon ganz Peruaner und vergaß, uns die Zeit ins Deutsche zu übersetzen.

»Bleibt da, es wird Nacht!« mahnte der Indianer, der uns die Hirschkeulen geschenkt hatte.

»Wir haben Mond!« sagte Don Alexandro. »Adios!«

»Adios, Señores! Muchas felicidades!« Viel Glück! – Der freundliche Gruß der Indianer.

Rasch kam die Nacht, der Mond verkroch sich hinter Wolken. Doch auch, wenn er schien, drang er nicht durch, nur höchst selten glomm ein matter, ungewisser Schimmer im stockdunklen Dschungel. Wir stolperten, glitten, stürzten jeden Augenblick, schlugen uns trotz des fortwährenden »Vorsicht« unseres Führers die Schienbeine wund. Gesicht und Arme sind zerkratzt, die Stiefel voll Wasser, der Körper naß wie im Dampfbad. Zwei Stunden dauerte das Verirren, Stapfen und Wanken im Finstern nun schon; wir rechneten bereits damit, unser Ziel nicht mehr zu erreichen. Wir hatten noch ein Stück Baumharz und einige Streichhölzer. Um ein mächtiges Feuer kauernd werden wir die Nacht überstehen!

Da, plötzlich Hundegebell! Endlich, wir sind erlöst! Noch hundert Meter, da sahen wir das Indianerhaus in der Lichtung liegen.

Meine erste Frage: »Gibt es Kaffee?«

»Nein, wir haben nichts mehr.«

»Auch keine Koka?« Heißer Kokatee ist dem Kaffee ebenbürtig und von derselben aufmunternden und zugleich beruhigenden Wirkung.

»Nein, auch keine Koka mehr!«

»Caramba!«

Don Fausto, ein Halbindianer, blies das Feuer an und hing einen Topf Wasser mit Hierba-Luise drüber. Das ist kein Frauenzimmer, sondern ein aus einem schilfartigen Gras bereiteter heilsamer Tee. Er schmeckt wie heißes Zitronenwasser mit Soda.

Wir hatten uns hingelegt, Stiefel und Strümpfe ausgezogen und die Füße mit Jod eingepinselt. Dann schlugen wir unsere Zähne in die trockene, zähe Wildkeule. Nur Kamerad Rolf war, trotz seines sonst gesunden Appetits, sofort umgesunken und eingeschlafen.

Dann streckten auch wir uns, den heißen, beruhigenden Trank im Leibe, auf dem nackten, harten Palmholzboden aus und schliefen wie die Toten.

siehe Bildunterschrift

Indios auf dem Marsch durch den Urwald

siehe Bildunterschrift

Fischen mit Dynamit am Rio Omais

siehe Bildunterschrift

Die kleinen Balsaflöße, die stellenweise über Land getragen werden müssen

siehe Bildunterschrift

Eine gut zwei Zentner schwere Beute


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