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VII.
Ein Höllenweg

Bei den deutschen Siedlern – Ein Fest in der Wildnis – Abbau der Expedition – Auf Indianerpfaden Symphonie des Urwalds

 

Wenn der deutsche Siedler anfängt, sieht es noch wenig verheißungsvoll aus. Der grob abgeholzte Urwald, von der Sonnenglut gedörrt, wird angezündet und brennt wochenlang. Zwischen die liegengebliebenen verkohlten Stämme und Stümpfe sät der Siedler sogleich seinen Mais, der in wenigen Monaten reif ist. Nicht immer ist der Kolonist in der Lage, sich gleich ein Haus hinzustellen. Oft haust er in den ersten Jahren in einer primitiven Hütte. Daß sich diese Hütte zu einem recht stattlichen Gebäude entwickeln kann, sieht man vor dem Anwesen Enrique Böttgers. Dieser schmucke Bauernhof, mit selbstgespaltenen Holzziegeln gedeckt, ein Blumengarten, üppige Stauden, ein kleiner Bach, ein schiefes Geländer –, könnte in der Nordschweiz, in Vorarlberg oder in Oberbayern bei Bayrisch-Zell sein. Dennoch liegt es in Yanachaga, eine Stunde Ritt von Oxapampa, mitten im Urwald und subtropischen Gebirge.

Wir erzählten Don Enrique unseren Ausflug und schilderten wahrheitsgemäß den vorzüglichen Zustand des neuen Weges. Aber der alte Herr schüttelte nur das Haupt.

»Es ist unmöglich, in diesem Gebiet einen Weg zu bauen, ganz unmöglich, Señores!«

Bevor wir uns von unseren Landsleuten verabschiedeten, gab es ein Fest in Oxapampa. Vor dem größten Holzhause des Ortes, der Kirche, war nun wirklich eine Palmallee zu sehen: Kinder hatten große Palmzweige in den Boden gesteckt, schief und traurig. Hier, wo alles wächst und rasend schnell wächst, wirkte solcher künstliche Ersatz doppelt unverständlich.

Das Fest beginnt mit einer Prozession, angeführt von jenem Padre in der zerfetzten Kutte, der uns bewirtet hatte. Am Nachmittag kommen nach altspanischem Herkommen die gegenseitigen Besuche, Jünglinge und Jungfrauen jeden Alters, ins Haus. Männer sitzen an der einen, Frauen an der anderen Wand des Zimmers. Da man hier so große Räume hat wie bei uns zur Zeit Karls des Großen, so hat alles Platz. Ein Grammophon kratzt den unvermeidlichen Tango, und von Zeit zu Zeit wird partienweise der riesige Kaffeetisch bezogen und ein Berg von Kuchen dankbar abgetragen.

Draußen auf der Plaza tanzen die Indios in alten Kostümen und grotesken Tiermasken ihren geliebten Huaynito. Dieses Mal versäumte ich nicht, den Tanz zu filmen. Die Hauptattraktion des Abends ist der Fackelzug. Die Jugend marschiert mit brennenden Scheiten im Kreis herum, und noch lange balgen sich die halbnackten Cholokinder mit den sprühenden Hölzern.

Da es in Oxapampa weder ein Hotel noch ein Gasthaus gibt, spielt sich das Wirtshausleben in der Tienda ab. Von den Kavalieren aufgefordert, tritt man ins Haus, um etwas zu sich zu nehmen, nachdem man das Pferd außen angebunden hat. Man wird in einen hölzernen Raum hinter den Laden geleitet, in den die Sterne durch die Wandfugen blinken. Er ist ganz leer; einige Kisten liegen herum. Man ordnet sie an der Wand, um darauf sitzen zu können, und stellt eine größere als Tisch vor uns hin. Auf ihm steht ein Kerzenstümpchen und ein Glas mit siedendwarmem Bier, das herumgereicht wird. Seltsame Gestalten sitzen da herum, eine abenteuerlicher als die andere. Waldläufer, Farmer, Wegarbeiter, Jäger, Goldsucher, Kolonisten, die des Festes wegen tagelang durch den Urwald geritten sind, zerrissen, wildbärtig, lehmbespritzt, jeder die Pfeife zwischen den Zähnen. Als Maler und als Mensch verliebt in phantastische Lederstrümpfe, erkundigte ich mich diskret nach einigen der Kavaliere, die mir besonders auffielen. Der eine ist ein kohlrabenschwarzer Bursche, der gefürchtet sein und irgendwo irgendwann »etwas ausgefressen« haben soll, und der andere ist in der gleichen Lage. Man kümmert sich hier wenig um Vergangenheiten, da jeder hier ja eine neue Zukunft sucht und auf irgendeine Weise auch findet. Der Arm des Gesetzes reicht nicht bis hierher, Militär und Polizei sind weit weg, und wenn sie kommen sollten, nun, dann rückt man einfach aus. – Der Wald ist groß.

Man kommt hier aber ganz gut ohne das Auge des Gesetzes aus. Es herrscht da etwas, was ich die einigende und reinigende Kraft der Wildnis nennen möchte. Und wenn jeder von uns einen Mord auf dem Gewissen gehabt hätte, – ich habe noch nie in meinem Leben ehrlichere Menschen auf einem Fleck beisammen gesehen als da. Und darum saßen auch der Alkade und der Richter unter uns, jeder in Stiefeln und Sporen, und alles war vergnügt und zufrieden.

Wir gingen zum Tanzen. Zwei Reihen Männer stehen sich gegenüber und kommen in rhythmischem Stampfen, das zu immer schnellerem Tempo anschwillt, aufeinander zu. Die Musik ist indianisch; Flöte und Trommel. Wir sahen eine Weile zu, dann packte uns der Rhythmus, und wir machten tapfer mit. Freund Rolf tanzt allerdings die europäischen Tänze besser als diesen halbwilden.

Draußen in der wunderbar lauen, sternenblinkenden Nacht feiern die Indios das Fest bis in die späte Nacht hinein. Männer, Frauen und Kinder liegen um große Feuer und geben sich dem Trunk der geliebten selbstgebrauten Masate hin. – – –

Bei den Weißen, die in dieser Halbwildnis leben, ist es schon eher auszuhalten; denn auch sie sind Flüchtlinge Europas. Freilich keine konsequenten. Denn eben die Zivilisation, vor der sie geflohen sind, wollen sie nun in der Wildnis umgehend wieder einführen. Ich sehnte mich nach einsameren Landschaften; es war Zeit, daß wir unsere Wanderung fortsetzten. Der Alkade lieh uns Pferde, und wir ritten zu unserem Gepäckdepot in Huancabamba zurück. Unterwegs hatte ich eine Bananenblüte mitgenommen, die ich einer kleinen Cholita zum Halten gab, um die mächtige Blüte zu photographieren. Mister Rolf fand den Zweck dieser Aufnahme gänzlich rätselhaft.

Der Leser ist vielleicht der Meinung, ein Begleiter sei für eine Reise durch die unbegangene Wildnis, wie ich sie vorhatte, etwas wenig. Das ist schon richtig! Eine ordentliche Expedition hat wenigstens aus zehn, zwölf Männern zu bestehen. Es stellte sich aber allmählich heraus, daß unter Umständen ein Begleiter schon zu viel sein kann. Mein Freund Rolf war eigentlich eine sehr sympathische Persönlichkeit. Er verfügte, solange ich ihn kenne, stets über ein halbes Dutzend erstklassiger Anzüge, hat eine gute Figur und ein hübsches Gesicht, besitzt ein großes Sprachentalent, kann einigermaßen reiten und schießen und noch besser tanzen und hat kolossale Erfolge bei den Frauen. Wir waren keine zwei Tage in Lima, als er den Peruanerinnen schon zeigte, daß ihr Tango seit drei Jahren passé ist, ihnen den dernier pas vorzelebrierte und sich gleichzeitig mit einer hübschen Kreolin verlobte. Alles nicht zu unterschätzende männliche Eigenschaften! Wenn einer daneben von keinerlei Geistigkeit belastet ist, so stellt das nur einen weiteren Vorzug dar, um vorteilhaft durch die Welt zu kommen. Was uns unterschied, waren lediglich unsere Interessen. Meine galten dem künstlerischen Genießen, seine dem materiellen.

Hatte unsere Unternehmung bis dahin wenigstens noch den Anschein einer Expedition gehabt, so war es nun mit diesem Ansehen vorläufig zu Ende. Reiten kann man auf dem oft zu steilen Pfad nach Chuchuras nicht. Man kann unter Umständen ein Packtier auftreiben, wenn man den Wert des Tieres hinterlegt, damit der Besitzer, wenn das Mula das Zeitliche segnet, entschädigt ist; ein für uns natürlich zu teurer Spaß. Wie wir hernach sahen, ist der »Weg« mit den blitzblank genagten Knochen manches verendeten Tieres verziert. Mit Müh und Not, dank einem günstigen Zufall und gegen hohe Taxe, bekamen wir wenigstens einen Träger und salbten uns selbst die Füße als Vorbereitung auf einen tüchtigen Fußmarsch. Mehr als das halbe Gepäck mußte zurückbleiben, manches »Unentbehrliche« von nun an entbehrt werden. Die Erfindungen der Zivilisation sind sehr angenehm; aber wenn man manche von ihnen nicht hat, geht es auf einmal auch ohne sie. Unsere Winterkleidung war längst entbehrlich und wurde jeden Kilometer mehr nach Norden, d. h. dem Äquator zu, noch überflüssiger. Wie es damit später würde, wenn wir aus dem tiefen Amazonasgebiet wieder über die Anden mußten, um im Norden Perus die Küste zu erreichen, darüber nützte vorläufig kein Kopfzerbrechen. Ebenso mußten wir den größten Teil der Munition im Hause Don Carlos' zurücklassen. Was sie da sollte, war mir zwar unklar; denn unsere Gewehre waren nicht zum Schießen mit Maiskörnern, sondern für deutsche Jagdpatronen eingerichtet, die es in ganz Südamerika nicht zu kaufen gibt. Ich hatte meines von einem Erfurter Büchsenmacher gekauft. Als ich, in Tropenwaffen unerfahren, fragte, ob das Kaliber auch groß genug sei, meinte der ehrliche Thüringer: »Wenn Sie mit dem Galiber ein' Elefanden vorn Gopf schießn, der machd Ihnen en Luftsprung wien Hase!« Freund Rolf, elegant wie immer, besaß ein Paradestück von einem Tropengewehr, einen wundervollen Zwilling für Kugel und Schrot mit geschnitztem Kolben und einem sehenswert komplizierten Mechanismus, der dennoch ganz einfach zu handhaben war. Er hatte die wertvolle Flinte von einem erfahrenen afrikanischen Tropenjäger preiswert erworben. Unentbehrlich waren außerdem ein Teil der Munition und unsere Apparate und Filme. Dazu kam noch der Proviant, der bei uns allerdings das wenigste Gewicht ausmachte. Die Hauptsache war Reis und Kaffee, dazu Chancaca, der schon als Luxus anzusprechen ist, Steinsalz, etwas gedörrtes Fleisch und gedörrter Fisch, Bananen und Tabak, sowie die unentbehrliche Koka. Die Blätter des Kokastrauches zu kauen ist auf anstrengendem Marsch recht gut; die Koka regt an und vermehrt die Ausdauer, aber auch die Müdigkeit. Darum hatte ich mir diese Gewohnheit der Seranos sehr rasch auch zugelegt. Ein aufgeregtes, wichtiges Sortieren und Packen unserer Siebensachen begann. Señor Rolf schleppte die vollgepfropften Rucksäcke und sämtliche Utensilien mehrere Male des Tages zur Dezimalwage Don Carlos, um das Gewicht gleichmäßig gerecht auf unsere beiden Schultern zu verteilen. Aber wie wir auch verteilten, es wurde nicht weniger. Endlich waren wir fertig und bepackt wie die Maulesel. Der Cholo beklagte sich, daß der eiserne Tropenkoffer, den wir ihm aufgehalst hatten, viel zu schwer sei. Seine eigenen Lebensmittel usw. kamen auch noch auf seinen armen Buckel. Aber wir wiesen auf unsere Karga (Last) und zeigten ihm, daß es uns nicht besser ging.

An Auskünften und guten Ratschlägen war kein Mangel.

»Es ist eine Allee!« sagte Don Enrique, »Sie gehen ein wenig den Berg hinauf und sind in der Pampa!«

»In drei Tagen haben Sie's geschafft«, behauptete Don Carlos seelenruhig.

Don Alexandro erklärte hingegen: »Ein Weg? Überhaupt kein Weg! Ein Höllenweg, ein Schlammbad! Sie werden bis zum Bauch im Schlamm versinken!«

»Fallen Sie nicht in die Abgründe! Und essen Sie keine Früchte, Sie bekommen Fieber. Und vor allem kein Fleisch!«

Die letztere Warnung war eigentlich überflüssig. Wir hatten sehr wenig Fleisch mit.

»Früchte gibt es genug«, meinte wieder ein anderer. »Und Fleisch ist die Hauptnahrung, sonst kommen Sie von Kräften!«

Auch dieser Ratschlag nützte uns nichts.

Über die Länge der Strecke, die wir durch den Urwald zu torkeln hatten, schwankten die Vermutungen zwischen neunzig und hundertzwanzig Kilometer.

Die Gastfreundschaft unserer Landsleute in allen Ehren, aber ich war froh, wenn ich wegkam; je weiter weg von meinen geliebten Mitmenschen, um so lieber. Wenn uns gleich nichts Gutes erwartete; die Einsamkeit, nach der es mich trieb, war mir sicher. – Wir stapften los, und nun hatten wir also, was wir wollten: möglichst unbekannte und unbegangene Wege. Wir hatten sogar mehr als das, nämlich überhaupt keinen Weg. Es war ein ausgetretener Indianerpfad, verwachsen, versumpft, verstürzt, versperrt. Sechs Tage lang ging es hinauf und hinunter, Schluchten hinab, Gipfel hinauf, ohne Ende. Will man hinauf, muß man hinunter; will man hinunter, muß man hinauf. Um vorwärts zu kommen, muß man ebensoweit zurück, und das Ganze geht wie ein irrsinniges Karussell im Kreis herum. Man rutscht, gleitet, schwimmt, bringt die Beine nicht aus dem Schlamm, klettert, keucht, klemmt sich ein, verhängt, verwickelt sich, fällt nach vorne und nach hinten. Dabei hatte ich keine Hand frei, um mich festzuhalten; in der einen trug ich die Tippmaschine, in der anderen den Photoapparat, auf dem Rücken den dickbauchigen Rucksack und den Schießprügel, am Bauchriemen Revolver und Munition. (Mehr war ich im Felde auch nicht bepackt.) Mein Freund schleppte ebensoviel, dazu den Kurbelkasten und das schwere Stativ. Will man wo hingreifen, um sich festzuhalten, oder lehnt man sich an, so ist es sicher ein von unten bis oben mit messerscharfen Stacheln besetzter Stamm, der sich so teuflisch gegen jeden Angriff von Mensch und Tier wehrt. Setzt man sich hin, so sitzt man auf Dornen und stacheligen Blättern, unter Hornissen und Spinnen oder in Ameisen. Der ganze Urwald wimmelt von seltsamen Insekten und Kriechtieren, und alles, Tier wie Pflanze, ist gepanzert und offen oder heimtückisch gegeneinander bewaffnet.

Es heißt, der peruanische Urwald sei im Gegensatz zum brasilianischen und argentinischen sumpflos. Das mag im ganzen zutreffen. Außerdem aber ist er dunstig und von einer alles durchdringenden triefenden und dampfenden Feuchtigkeit, die den Menschen stark angreift. Diese Feuchtigkeit kommt daher, weil die Sonne durch das Gitter der ineinandergeflochtenen Baumkronen nicht durchdringt. Unsere Apparate, gesegnete Erfindungen der Zivilisation, aber nicht für solches Klima gebaut, waren denn auch bald ebenso aufgeweicht wie wir selbst. Die Arme wurden steif wie pelziger Rettich, die Schultern waren zersägt von den schneidenden Riemen, Dornenlianen zerrissen Hemd und Haut, Spinngewebe verklebten die Augen, der Schweiß tropfte wie Regen und der Regen wie Schweiß. So erstürmten wir jeden Tag an die zwanzig Gipfel, nicht mit Hurra, sondern mit Ach und Weh. Auch der Cholo stöhnte. Er war barfuß, aber die Haut seiner Fußsohle ist so dick und unempfindlich wie unsere Stiefelsohlen. Vorsichtig und äußerst geschickt krallen sich seine Zehen an die geringste Unebenheit der glitschigen Hänge, ruhig und sicher balanciert er mit seiner Last über die gefährlichsten Stellen. Doch einmal stürzte er kopfüber einen steilen Weg hinunter. Die zwei Schüsse seiner Vorderladerflinte krachten durch den Sturz los, selbsttätig entladen. Wir glaubten schon, er habe sich das Genick gebrochen oder in den Kopf geschossen. Aber er erhob sich unbeschädigt. »Pobre cholo!« jammerte er. »Y pobres alemanes!« sagte ich lachend. Da lachte er auch.

Und was ist das für ein unvorstellbar mächtiges Gebirge, das nie endet und hinter jeder überwundenen Höhe, die man die letzte wähnt, zwanzig neue auftauchen läßt! Hier gegen vierhundert Kilometer breit, im Querschnitt gemessen, würde seine Breitseite von Garmisch bis Leipzig reichen. Später aber sah ich, daß es noch viel, viel breiter ist. Und in der Länge erstreckt es sich durch zwei Erdteile, durch Nord- und Südamerika von Kanada bis Patagonien!

Etwa alle acht Stunden weit war ein Tambo, vier Pfosten mit einem Dach darüber, selten aus Wellblech, meistens – weniger gediegen, aber dafür hübscher – aus Palmblättern.

Freund Rolf hatte seine Patentgummisohlen schon am ersten Tage verloren. Am zweiten löste sich auch die Ledersohle los, und so geschah es, daß er beim Überschreiten eines Wassers auf einem von einem zum anderen Ufer gestürzten Baum mit seinen hindernden Sohlen stolperte und abstürzte, zum Glück aber in dem dichten Geäst kopfüber nach unten hängen blieb. Auch kein gutes Stiefelschicksal! Ich war durch den Fluß gegangen. Als ich sah, daß er sich ohne Hilfe herausarbeitete, ging ich voraus, damit er mich nicht grinsen sah. Der kleine Unfall wäre nicht so komisch gewesen, hätte er die Unerreichbarkeit seiner Patentstiefel nicht in so hohen Tönen gepriesen.

Am vierten oder fünften Tage legte sich Rolf kurz vor einem Tambo nieder wie eine vom Schlag getroffene Großmutter.

»Ven, ven, Señor!« schrie der Indianer, »komm, hier ist der Tambo!«

Aber er hörte den Sirenengesang nicht mehr. Ich mußte ihm aufhelfen. Wir waren beide schon stark ausgepumpt.

Unterwegs hat man zu tun, mit Vater Urwald, den ich mir immer ganz still vorgestellt habe, sich herumzubalgen. Man sieht und hört ihn schließlich nicht mehr, den alten Radaubruder, wie man nach einiger Zeit die hundert Drehorgeln eines Jahrmarktes nicht mehr hört. Am abendlichen Lagerfeuer aber, wenn die rasch niedersickernde Nacht ihn wie ein Zauberkünstler verschwinden läßt, hört man ihn wieder. Der Indio braucht trotz seiner Geschicklichkeit fast eine Stunde, bis das Feuer im Regen brennt. Dann kommt die Mahlzeit, die einzige des Tages, heißer schwarzer Kaffee und ein Tiegel Reis in Wasser gekocht. Und dann legt man nassen Tabak und nasses Papier, eine alte Zeitung oder dergleichen, ans Feuer und dreht sich die langersehnte Zigarette. Das Tagewerk ist getan, die nassen Kleider hängen über dem Feuer – wenn man nämlich trockene zum Wechseln im Gummisack mitgenommen hat. Wir hatten das nicht, das Gewicht unserer Karga erlaubte es nicht. Ein Gummilaken und eine Wolldecke zu zweit war unser ganzer Reichtum. Wie gebadet lagen wir auf den nassen Farnkräutern, aber wir lagen, schwiegen und horchten.

Es ist kein deutsches Volkslied mit Veilchenaugen, das der Urwald singt, es ist eine Spektakelsymphonie mit den unmöglichsten Instrumenten, ein Lärm, daß dir Hören und Sehen vergeht. Die Chiriambo bläst wie auf einer Kindertrompete oder rasselt wie ein Schleifstein; ein anderes Insekt läßt eine Nähmaschine surren, ein drittes wetzt Sensen, und ein anderes gibt einen Glockenschlag von sich, als spiele jemand mit einem feinen Hammer auf einem klingenden, silbernen Ambos. Man blickt in das dämmernde Gewirr von Grün, und merkwürdig geheimnisvoll tauchen bei diesen seltsamen Geräuschen die märchenhaft verschwiegenen Winkel und inneren Gemächer des Waldes vor den halb träumenden Augen auf. Grillen und Zikaden – es müssen Millionen sein – veranstalten eine Art Schlittengeklingel, eine tolle Lärmmusik, die zuweilen auch an das grelle Rasseln der elektrischen Schulglocken erinnert. Kleine Fliegen sprechen leise wie ferne Menschenstimmen in einem schwachen Radioapparat, ein Wurm pfeift weithin hörbar wie eine Fabrikpfeife, und zwar täglich pünktlich um dieselbe Zeit, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Bei seinem Pfeifen wissen wir, jetzt ist es sechs Uhr: die Taschenuhr des Indianers. Blutdürstige Riesenkäfer brummen zeppelinartig daher. Ein Vogel, der sich in der Nähe des Gummibaumes aufhält, pfeift schneidend wie ein Peitschenhieb, ein anderer kurz und warnend, ein dritter lockend und verliebt; und andere schreien, krächzen, schnurren, glucksen, gackern, weinen wie kleine Kinder: ein Heidenradau. Glühkäfer fliegen, zwei Lichter vorne, eines unten, wie ein Flugzeug, und da kriecht eine leuchtende Raupe, der Kopf rot, der Leib grün glühend. Dann wieder lyrische Melodien und Nachtigallenschluchzen, bei dem an die Liebste denken kann, wer eine hat. Sie würde wenig Gefallen an uns finden, wenn sie sähe, wie wir aussehen, von Moskitos zerstochen und von Ameisen zerbissen (es gibt deren so große wie Maikäfer, ihr Biß verursacht achtundvierzig Stunden Fieber), in Lehm eingebacken, naß wie Schwämme und mit einem Bartgestrüpp behaftet, das alles andere als schön ist. Und Gerüche hat der Urwald: alle, die es gibt. Da schwebt feuchter Moder zwischen den Farnbäumen, Fäulnis und Wanzengeruch, heiße Fruchtdünste sickern vorbei, pfefferscharf oder giftig süß. Jasminduft, Tulpen, Orchideen, dann wieder riecht es wie in einer Drogen- und Chemikalienhandlung, oder nach Bonbons, nach Seife, nach parfümiertem Tabak und Opium, nach Boudoir und raffinierten Parfüms.

siehe Bildunterschrift

Das Anwesen Enrique Boettgers in Yanachaga bei Oxapampa

siehe Bildunterschrift

In zivilisierten Gegenden gibt es hin und wieder eine Hängebrücke

siehe Bildunterschrift

– wenn sie nicht gerade vom Hochwasser der Regenzeit weggerissen wurde

Und wieder, wenn du am Morgen die Augen aufmachst, hängen seine Triumphgirlanden am Morgenhimmel. Man leert die Stiefel aus, bevor man hineinschlüpft. Entweder hat sich ein Frosch in ihnen einquartiert, eine Riesenspinne oder eine Schlange und andere tolle Bestien. Wir sind allein, unser Cholo ist zurückgeblieben; der versumpfte Weg und die schwere Last ließen ihn nicht mitkommen. Wir sind noch naß von gestern, und immer noch gießt es. Tropengewitter! »Bei Tropengewitter legt man sich auf den Bauch; dann meint der Blitz, man ist tot!« heißt ein peruanischer Ratschlag. Eingewickelt in die nasse Decke, kauern wir da: ein Häuflein Elend. Gekrümmt schleicht Rolf zu einer Pfütze, Wasser zu holen. Unser bescheidener Proviantvorrat war zu Ende, wir hatten noch eine Handvoll Reis. Endlich brennt das Feuer, brodelt die Suppe, auf die wir uns freuen. Da, als wir den ersten Löffel versuchten, stellte sich heraus, daß sie völlig ungenießbar war. Señor Rolf hatte sie, im Gebrauch des scharfen Steinsalzes unerfahren, so gewaltig versalzen, daß wir sie trotz unseres Hungers wegschütten mußten. Ein Becher Regenwasser war unser Frühstück.

Es hat da keinen Sinn, zu lamentieren und zu schelten, dadurch wird nichts besser. Ich war schon froh, daß Rolf nicht die Pottasche mit Natriumsulfit zum Entwickeln statt des Salzes hergenommen hatte.


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