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VI.

Indessen war der Marquis, dessen unermüdetes Suchen nach Julien vergebens blieb, abwechselnd der Sclave verschiedener Leidenschaften, und ließ seine üble Laune an seinen unglücklichen Bedienten aus. – Die Marquise, die wir jetzt schicklicher Maria de Vellorno nennen können, entflammte mit schlauer Boßheit seine bereits gereizten Leidenschaften, und erhöhte mit grausamem Triumphe seinen Zorn gegen Julien und Madame de Menon. Sie stellte ihm vor, was seine eigene Gefühle zu bitter eingestanden, daß durch den halsstarrigen Eigensinn der erstern und durch die geheimen Winke der andern ein Priester in den Stand gesetzt sey, seine Autorität als Vater zu hemmen, die geheiligte Ehre seines Adels zu schmähen, und mit einem Streiche seine stolzesten Plane der Macht und des Ehrgeizes zu Boden zu werfen. Sie erklärte ihre Vermuthung, daß der Abt Juliens gegenwärtigen Aufenthalt gewiß vollkommen gut wüßte, und zog den Marquis über seinen Mangel an Muth auf, daß er sich so geduldig von einem Priester überlisten ließe, und nicht an den Papst appellirte, dessen Autorität den Abt zwingen würde, Julien heraus zu geben. – Dieser Vorwurf traf den Marquis an die Seele; er fühlte die ganze Starke desselben, und war sich zugleich bewußt, daß er nicht im Stande war, ihn aus dem Wege zu räumen. Die Wirkung seiner Verbrechen fiel jetzt schwer auf sein eigenes Haupt. Das angedrohte Geheimniß, welches kein anderes, als das Gefängniß der Marquise, war, hielt seinen Arm der Rache zurück, und zwang ihn, sich Spott und Kränkungen zu unterwerfen. Allein Mariens Vorwurf traf tief in sein Herz; er erhitzte seinen Stolz zu verdoppelter Wuth, und mit Verachtung stieß er jetzt den Gedanken, sich zu unterwerfen, zurück. – Er dachte über die Mittel nach, die seinen Zweck bewirken können – er sah nur eins: den Tod der Marquise. – Die Begehung eines Verbrechens erfordert oft die Vollstreckung eines andern. Wenn wir einmahl in das Labyrinth des Lasters eingehen, können wir selten den Rückweg finden, sondern werden durch angrenzende Irrgänge zum Verderben geführt. Um die Wirkung seines ersten Verbrechens zu vermeiden, mußte er jetzt ein zweytes begehen, und das Gefängniß der Marquise durch ihre Ermordung verhehlen. Da er selbst der einzige lebende Zeuge ihres Daseyns war, so konnte, wenn sie aus dem Wege geräumt wurde, der Abt seine Beschuldigungen mit keinem Beweise unterstützen, und er konnte sich dann dreist um die Wiederherausgabe seines Kindes an den Papst wenden. Er brütete über diesem Plane, und je mehr er seine Seele gewöhnte, ihn zu betrachten, je weniger bedenklich ward er. Das Verbrechen, vor welchem er vormahls zurück gebebt haben würde, betrachtete er jetzt mit standhaftem Auge. Die Wuth seiner Leidenschaften, die an keinen Widerstand gewöhnt waren, mit der Gewalt dessen zusammen genommen, was der Ehrgeiz Nothwendigkeit nannte, trieb ihn zu der That, und die Ermordung seines Weibes wurde beschlossen. Die Mittel, seinen Zweck auszuführen, waren leicht und mancherley; da er aber noch nicht so ganz verhärtet war, sich fähig zu fühlen, ihre Todesangst anzusehen, und seine eigenen Hände in ihr Blut zu tauchen, so beschloß er, sie durch Gift, das er unter ihre Speise mischen wollte, aus dem Wege zu schaffen. Ein neuer Kummer aber, der ihn angriff, wo er am verletzbarsten war, bereitete sich für den Marquis; der Schleyer, welcher so lange seine Vernunft umnebelt hatte, sollte jetzt weggezogen werden. Sein treuer Baptista benachrichtigte ihn von der Untreue der Maria de Vellorno. In der ersten Bewegung der Leidenschaft jagte er den Angeber aus seiner Gegenwart, und verachtete es, die Nachricht zu glauben. Eine kurze Überlegung veränderte den Gegenstand seines Zorns; er rief den Bedienten zurück, in dessen Treue er kein Mißtrauen zu setzen Ursache hatte, und ließ sich herab, ihn über den Gegenstand seines Unglücks näher zu befragen. Er erfuhr, daß seit einiger Zeit Maria mit dem Chevalier von Vincini einen vertrauten Umgang gepflogen hätte, und daß die Zusammenkunft gewöhnlich des Abends in einem Pavillon am Seeufer gehalten würde. Baptista erklärte weiter, wenn der Marquis eine Bekräftigung seiner Worte verlangte, so könnte er sie sich verschaffen, wenn er um die bestimmte Stunde an diesem Orte aufpaßte. Diese Nachricht zündete die wildesten Leidenschaften seiner Natur an; seine vorigen Leiden schwanden hinweg vor der stärkern Gewalt seines gegenwärtigen Elendes, und es schien, als wenn er nie bis jetzt Kummer empfunden hätte. Das Weib beargwohnen zu müssen, an dem er mit romanhafter Zärtlichkeit hing, in dem er alle seine festesten Hoffnungen auf Glück concentrirt, um derentwillen er das Verbrechen begangen hatte, welches selbst seine gegenwärtigen Augenblicke verbitterte, und ihn in noch tiefere Schuld stürzen mußte, sie undankbar gegen seine Liebe, als eine Verrätherinn an seiner Ehre zu finden, erzeugte ein schrecklicheres Elend, als seine Einbildungskraft noch gekannt hatte. Kämpfende Leidenschaften, widersprechende Entschlüsse zerrissen ihn; jetzt beschloß er ihre Schuld in ihrem Blute zu tilgen; jetzt schmolz er wieder in alle sanften Empfindungen der Liebe. Rache und Ehre hießen ihm das Herz durchstechen, das ihn verrieth, und trieben ihn augenblicklich, die That zu vollbringen; dann aber schlich das Bild ihrer Schönheit, ihr bezauberndes Lächeln, ihre süßen Schmeicheleyen sich wieder in seine Einbildungskraft, und überwältigten sein Herz; er weinte beynahe bey dem Gedanken, sie zu kränken, und sprach, trotz alles Anscheins, sie für unschuldig aus. Der folgende Augenblick stürzte ihn wieder in Ungewißheit; seine Qualen erlangten durch kurzen Aufschub neue Stärke, und wieder fühlte er allen Wahnsinn der Verzweiflung. Jetzt beschloß er, seine Zweifel zu endigen, und nach dem Pavillon zu gehen; bald aber wankte sein Herz wieder in Unentschlossenheit, wie er verfahren sollte, wenn seine Furcht sich bestätigte. Indessen beschloß er, Mariens Betragen mit strenger Aufmerksamkeit zu bewachen. – Sie kamen bey Tische zusammen, und er beobachtete sie scharf, konnte aber nicht die geringste Unschicklichkeit in ihrem Betragen bemerken. Ihr Lächeln und ihre Schönheit schlangen aufs neue Zauberfesseln um sein Herz, und im Übermaße ihres Einflusses war er beynahe geneigt, das Unrecht, welches sein Verdacht ihr zugefügt hatte, zu ihren Füßen zu bekennen und abzubitten. Die Erscheinung des Chevaliers erneuerte seinen Verdacht; sein Herz schlug wild, und mit rastloser Ungeduld erwartete er die Zurückkunft des Abends, der seine qualvollen Zweifel lösen sollte. – Endlich kam der Abend. Er schlich nach dem Pavillon, und verbarg sich zwischen den Bäumen, die ihn einschlossen. Noch nicht lange war er da gewesen, als er ein leises Flüstern sich zwischen den Bäumen herauf stehlen, und Fußtritte die Allee herab rauschen hörte. Halb versteinert von schreckhaften Empfindungen stand er da, und gleich darauf hörte er Leute in den Pavillon kommen. Er ging jetzt aus seinem Schlupfwinkel hervor; ein schwaches Licht dämmerte aus dem Gebäude. Er schlich sich ans Fenster, und sah von innen Maria und den Chevalier Vincini. Entflammt bey dem Anblicke zog er seinen Degen, und sprang vorwärts. Der Schall seiner Schritte beunruhigte den Chevalier; er sah den Marquis, sprang neben ihm hin aus dem Pavillon, und verschwand im Gehölze. Der Marquis setzte ihm nach, konnte ihn aber nicht einhohlen, und mit dem Vorsatze, sein Schwert in Mariens Brust zu tauchen, ging er wieder in den Pavillon zurück. Er sah sie fühllos auf der Erde liegen. Rache machte jetzt dem Mitleide Platz; sie ängstlich anstaunend stand er da, und steckte sein Schwert in die Scheide. – Sie erwachte; als sie aber den Marquis erblickte, that sie einen Schrey, und sank wieder, in Ohnmacht zurück. Er eilte aufs Schloß um Beystand zu hohlen, erfand, um seine Schande zu verhehlen, einen Vorwand für ihre plötzliche Unpäßlichkeit, und ließ sie in ihr Zimmer bringen. –Jetzt durfte er nicht länger an ihrer Untreue zweifeln; doch konnte ihre Treulosigkelt die Leidenschaft, welche ihr Betragen schmähte, nicht tilgen. Er hing noch immer mit unsinniger Zärtlichkeit an ihr, und beklagte sogar, daß Ungewißheit ihn nicht länger mit Hoffnung schmeicheln konnte. Es schien, als ob seine Sehnsucht nach ihrer Liebe mit der Gewißheit, sie verloren zu haben, wuchs, und gerade das, was seinen Haß hätte erregen sollen, schien durch seltsame Verkehrtheit seines Charakters seine Leidenschaft zu erhöhen, und machte ihm den Gedanken unmöglich, ohne sie leben zu können. So bald das erste Toben seiner Wuth sich gelegt hatte, beschloß er, ihr Vorwürfe zu machen, sie zu strafen, und dann wieder sie in seine Liebe aufzunehmen. Mit diesem Vorsatze ging er in ihr Zimmer, und warf ihr in Ausdrücken gerechten Unwillens ihre Falschheit vor. Maria des Vellorno, bey der die letzte Entdeckung, statt Buße zu erwecken, nur Zorn gereizt, statt Scham zu erzeugen, nur Zorn entflammt hatte, hörte die Schmähungen des Marquis mit Ungeduld an, und beantwortete sie mit bittrer Heftigkeit. Sie behauptete kühn ihre Unschuld, und erfand sogleich eine Geschichte, deren Glaubhaftigkeit einen Mann getäuscht haben könnte, der ein weniger zuverlässiges Zeugniß, als das seiner Sinne, gehabt hätte. Sie betrug sich mit äußerster Frechheit, bis sie endlich, da sie sah, daß der Marquis sich nicht länger irre führen ließ, und daß ihre Heftigkeit des gewünschten Zwecks verfehlte, zu Thränen und Flehen ihre Zuflucht nahm. Allein der Kunstgriff war zu merklich, um zu gelingen, und der Marquis verließ in wüthendem Zorne ihr Zimmer. Seine vorige Bezauberung kehrte bald zurück, und hielt ihn aufs neue schwankend zwischen Liebe und Rache. Damit es indessen der Heftigkeit seines Zorns nicht an einem Gegenstande fehlen möchte, befahl er Baptista, den Aufenthalt des Chevaliers auszuspüren, an dem er seine verlorne Ehre zu rächen dachte. Scham verboth ihm, sich anderer von seinen Leuten zu bedienen.

Diese Entdeckung hielt auf eine Weile die Vollstreckung des unglücklichen Plans auf, der zuvor des Marquis Gedanken beschäftigte; allein nur aufgeschoben, aber nicht vernichtet war er. Der letzte Vorfall hatte seine häusliche Glückseligkeit vernichtet; sein Stolz stieg jetzt hervor, ihn von der Verzweiflung zu erlösen, und er beschränkte alle seine künftigen Hoffnungen im Ehrgeize. In einem Augenblicke kalter Überlegung erwog er, daß er weder Glück noch Zufriedenheit aus dem Nachtrachten zerstreuter Vergnügungen, denen er bisher alle andern Rücksichten aufopferte, geschöpft hatte. Er beschloß also, die bunten Pläne zu Vergnügungen, die ihn bisher anlockten, fahren zu lassen, und sich ganz dem Ehrgeize hinzugeben, in dessen Verfolgung er alle seine Sorgen zu begraben hoffte. Juliens Vermählung mit dem Herzoge lag ihm nun eifriger, als je, am Herzen; denn durch dieses Schwiegersohns Macht hoffte er Einfluß in die Staatsangelegenheiten zu bekommen, und beschloß also, Julien wieder herbey zu schaffen, was es auch kosten möchte. Er wollte ohne weitern Verzug an den Papst appelliren; um aber dieses mit Sicherheit thun zu können, mußte die Marquise sterben; und er kehrte nun wieder zur Erwägung und Ausführung seines teufelischen Vorsatzes zurück. Er mischte einen Gifttrank unter die Speisen, die er ihr bestimmt hatte, und als die Nacht anbrach, trug er ihn nach der Zelle. Seine Hand zitterte, als er die Thür aufschloß; und als er der Marquise die Speisen hinreichte, und sie, die mit demüthigem Danke sie annahm, mit dem Bewußtsein, daß es das letzte Mahl war, anblickte, bereute es sein Herz beynahe. Sein Gesicht, über welches die Blässe des Todes sich ausgoß, drückte die geheimen Regungen seiner Seele aus, und er haftete Blicke starren Entsetzens auf sie. Erschreckt durch seine Blicke fiel sie auf ihre Knie, und flehte um Erbarmen. Ihre Stellung rief seine verwirrten Sinne wieder zurück; er bestrebte sich, eine ruhigere Miene anzunehmen, hieß sie aufstehen, und verließ sogleich die Zelle, weil er die Unstätigkeit seines Entschlusses fürchtete. Seine Seele war noch nicht verhärtet genug, die Pfeile des Gewissens zurück zu treiben, und seine Einbildungskraft unterstützte ihre Macht. So wie er durch die einsamen Gänge hinschlich, schienen schauerliche, heimliche Töne aus jedem Rauschen des Windes zu sprechen, der durch die Krümmungen pfiff, und oft starrte er, und sah zurück. – Er erreichte sein Zimmer, verschloß die Thüre, und sah mit ängstlichem Forschen rings umher. Luftgestalten schwirrten vor seiner Fantasie, und zum ersten Mahle in seinem Leben fürchtete er sich allein zu seyn. Nur Scham konnte ihn abhalten, Baptista zu rufen. Die Dunkelheit der Stunde, und das todtengleiche Schweigen ringsum unterstützten die Schrecken seiner Einbildungskraft. Halb bereute er die That, und doch hielt er es jetzt für zu spät, sie zurück zu nehmen. In schrecklicher Erschütterung warf er sich auf sein Bett – sein Kopf schwindelte – eine plötzliche Schwäche übernahm ihn – er zögerte noch – endlich richtete er sich auf, um nach Hülfe zu klingeln, fand sich aber außer Stande, sich aufrecht zu halten. – Nach wenig Augenblicken war er wieder etwas zu sich selbst gekommen, und zog die Glocke; ehe aber jemand kam, befielen ihn wieder so heftige Schmerzen; daß er nach seinem Bette schwankte, und sinnlos darauf hinsank. Hier fand ihn Baptista, der zuerst herein kam, mit dem Tode ringend. Das ganze Schloß wurde sogleich aufgeschreckt, und allgemeine Bestürzung verbreitete sich. Emilie lief durch das Gedränge hin zu ihrem Vater; aber sein schrecklicher Anblick überwältigte sie, und man mußte sie aus dem Zimmer tragen. Durch Hülfe gehöriger Mittel erhielt der Marquis seine Sinne wieder, und seine Schmerzen legten sich auf kurze Zeit. »Ich sterbe!« sagte er stammelnd; »ruft die Marquise und meinen Sohn!«

Ferdinand, der den Banditen entwischte, war aufs neues seinem Vater in die Hände gefallen, der ihn in einem Zimmer des Schlosses verhaften ließ, aus welchem er jetzt befreyet wurde, um dem Rufe des Marquis zu gehorchen. Des Marquis Gesicht war geisterbleich – Ferdinand starrte von seinem Bette zurück, von Entsetzen überwältigt. Der Marquis winkte den Umstehendem das Zimmer zu verlassen, und sie waren im Begriffe, fortzugehen, als die Thür aufgerissen wurde, und der Bediente, der nach der Marquise geschickt war, herein stürzte. Nur sein Blick sprach das Schrecken seiner Seele aus; Worte konnte er nicht hervor bringen. Er starrte wild, und zeigte auf den Gang, aus dem er gekommen war. Ferdinand, von neuem Schauder ergriffen, stürzte den Weg, den er zeigte, hin zu der Marquise Zimmer. Ein grausiger Anblick wartete hier auf ihn! – Maria lag leblos in ihrem Blute gebadet, auf einem Ruhebette. Ein Dolch, das Werkzeug ihrer Zerstörung, lag auf der Erde, und ein Brief neben ihr verkündigte, daß sie von eigner Hand starb. Das Papier enthielt folgende Worte:

 

An den Marquis von Mazzini.

»Ihre Worte haben mein Herz durchbohrt. Keine Macht auf Erden kann den Frieden wieder geben, den Sie zerstört haben. Ich will mich von meiner Qual befreyen; wenn Sie dieses lesen, werde ich nicht mehr seyn. Aber Sie sollen nicht länger triumphiren – der Trank, den Sie nahmen, war von der Hand der beleidigten

Marie von Mazzini.«

 

Es zeigte sich also, daß der Marquis durch die Rache des Weibes vergiftet war, für das er sein Gewissen Preis gegeben hatte. Ferdinands Bestürzung und Schrecken können keine Worte beschreiben. Er eilte in seines Vaters Zimmer zurück, entschlossen, ihm Maria de Vellorno's schreckliches Ende zu verhehlen; allein seine Vorsicht war unnütz. – Die Bedienten hatten in der Verwirrung des Schreckens es bereits entdeckt, und der Marquis lag ohnmächtig da. Wiederkehrende Schmerzen riefen seine Sinne zurück, und die Todesangst, welche er litt, war zu schrecklich für die Umstehenden. Man wendete alle Hülfsmittel an; aber das Gift war zu stark. Endlich ließen seine Schmerzen nach; das Gift hatte das Meiste von seiner Wuth erschöpft, und er wurde leidlich ruhig. Er winkte den Umstehenden nochmahls, das Zimmer zu verlassen, und ließ Ferdinanden, dessen Sinne durch diese gehäuften Schrecken fast betäubt waren, neben sich sitzen. – »Die Hand des Todes liegt jetzt auf mir!« sagte er; »ich wünschte diese letzten Augenblicke zur Enthüllung einer That anzuwenden, die gräßlicher als alle körperlichen Schmerzen, mich foltert. Es wird mir einige Erleichterung gewähren, sie zu entdecken.« – Ferdinand ergriff in sprachlosem Schrecken des Marquis Hand. – »Die Vergeltung des Himmels ist über mich gekommen,« fuhr er fort; »meine Strafe ist die unmittelbare Folge meiner Schuld. Der Himmel hat das Weib, für das ich meine Verbrechen beging, zum Werkzeuge seiner Gerechtigkeit gemacht – das Weib, für das ich Gewissen und Ehre vergaß, dem Laster trotzte – für das ich eine unschuldige Gemahlinn einkerkerte, und dann es mordete.« – Bey diesen Worten erbebten alle Nerven Ferdinands; er ließ des Marquis Hand fahren, und schauderte zurück. – »Siehe mich nicht so feurig an!« sagte der Marquis mit dumpfer Stimme; »deine Augen strahlen Tod in meine Seele; mein Gewissen bedarf dieser neuen Furien nicht!« –

»Meine Mutter?« rief Ferdinand; »O! meine Mutter? reden Sie! sagen Sie!«

»Ich habe keinen Athem mehr!« – stammelte der Marquis; »o! nimm diese Schlüssel! – der südliche Thurm – die Fallthür – es ist möglich – o Jesus!« – Der Marquis that einen plötzlichen Sprung in die Höhe, und mit gräßlicher Verzerrung fiel er leblos aufs Bett. Die Bedienten wurden herein gerufen – er war auf immer dahin! –Seine letzten Worte strahlten mit der Flamme des Blitzes in Ferdinands Seele – sie schienen zu sagen, daß seine Mutter noch leben könnte. Er nahm die Schlüssel, befahl einigen Bedienten, ihm zu folgen, und eilte nach den südlichen Gebäuden; er drang bis zu dem Thurme, und hob die Fallthür unter der Treppe in die Höhe. Sie alle stiegen in einen dunklen Gang hinab, der sie durch verschiedene Kreuzgänge nach der Thür der Zelle führte. Ferdinand in zitternder, schrecklicher Erwartung versuchte den Schlüssel – die Thür ging auf, und er trat hinein – aber wie erstaunte er, als er niemand in der Zelle fand! – Er glaubte, daß er an den unrechten Ort gekommen sey, und verließ ihn, um weiter zu suchen; nachdem er aber den ganzen Weg wieder zurück gegangen war, ohne eine andere Thür zu entdecken, ging er wieder in die Zelle, um sie genauer zu untersuchen. Er bemerkte jetzt die Thür, die nach der Höhle führte, und betrat den Gang; allein niemand war zu finden; keine Stimme antwortete seinem Rufe. Er ging bis zu der Thür der Höhle, die er verriegelt fand, und kehrte in Schmerz verloren, und über die letzten Worte des Marquis nachsinnend, wieder um. Er glaubte nun, daß er den Sinn derselben mißverstanden hätte, und daß die Worte: Es ist möglich – nicht auf das Leben der Marquise gehen sollten. Er schloß, der Mord sey schon lange begangen worden, und nahm sich vor, den Grund der Zelle aufgraben, und die Gebeine seiner Mutter aufsuchen zu lassen. – Als die erste Erschütterung, welche diese letzten Auftritte hervor brachten, vorüber war, erkundigte er sich näher nach den Umständen von Maria de Vellorno's Tode. – Er erfuhr, daß am Tage dieser schrecklichen That der Marquis einige Stunden in ihrem Zimmer zugebracht hatte; man hörte einen lauten Wortwechsel; der Marquis gerieth in heftige Wuth; er warf ihr ihr vergangenes Betragen vor, und drohte, sich von ihr scheiden zu lassen. Nachdem er sie verlassen hatte, hörte man sie laut schluchzend in schnellen Schritten im Zimmer auf und ab gehen; oft stand sie plötzlich stille, und stieß laute, aber unzusammenhängende Ausrufungen aus – endlich warf sie sich auf die Erde, und blieb eine Zeit lang stille. Hier fand ihre Kammerfrau sie, bey deren Eintritte sie eilends aufsprang, und ihr verwies, daß sie ungerufen erschiene. Nach dieser Zeit blieb sie stille und mürrisch. Sie kam zu Tische herunter, wo der Marquis allein mit ihr aß. Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und so bald abgegessen war, schickte sie die Bedienten fort. Man glaubte, daß sie während der Zwischenzeit zwischen dem Abendessen und Schlafengehen Gift unter des Marquis Wein gemischt hätte. Wie sie sich dieses Gift verschaffte, hat man nie heraus bringen können. – Sie zog sich früh in ihr Zimmer zurück, und da ihre Kammerfrau bemerkte, daß sie sehr unruhig schien, fragte sie, ob sie sich nicht wohl befände. Sie antwortete ganz kurz, und schickte bald ihre Kammerfrau fort. Kaum aber hatte sie die Thür zugemacht, als sie sich zurück rufen hörte. Sie kehrte um, erhielt einen unbedeutenden Befehl, und bemerkte, daß Maria ungewöhnlich blaß aussah; auch war etwas Wildes in ihren Augen, das sie erschreckte; doch wagte sie nicht, eine Frage zu thun. Sie ging wieder aus dem Zimmer, und hatte eben das Ende des Ganges erreicht, als ihre Frau klingelte. Sie eilte zurück; Maria fragte, ob der Marquis zu Bett, und alles ruhig sey. – – Nachdem die Kammerfrau dieses bejaht hatte, antwortete sie: »Dieß ist eine stille und dunkle Stunde! – Gute Nacht!« – Die Kammerfrau ging noch ein Mahl aus dem Zimmer, und stand lange vor der Thür stille, und horchte. Da aber alles stille blieb, legte sie sich zur Ruhe. – Wahrscheinlich beging Maria die unglückliche That bald, nachdem sie ihr Mädchen fortgeschickt hatte; denn als man sie zwey Stunden nachher fand, schien sie schon einige Zeit todt gewesen zu sehn. Bey Untersuchung fand man eine Wunde in ihrer linken Seite, die, nach ihrem plötzlichen Tode und dem starken Blutverluste zu urtheilen, gerade ins Herz gedrungen seyn mußte. Diese schrecklichen Begebenheiten erschütterten Emilien so tief, daß eine gefährliche Krankheit sie aufs Bett warf. Ferdinand kämpfte mit männlicher Stärke gegen den Stoß. Allein unter aller Unruhe dieser Auftritte machte vielleicht seine Angst um Julien, die er in den Händen der Banditen zurück ließ, und sie aufzusuchen oder zu erretten bisher verhindert ward, den quälendsten Theil seines Kummers. – – Der verstorbene Marquis von Mazzini und Maria de Vellorno wurden mit der ihrem Range schuldigen Pracht in der Kirche des St. Nicolausklosters beygesetzt. Ihr Leben zeigte eine ungezähmte Befriedigung heftiger, wollüstiger Leidenschaften, und ihr Tod bezeichnete die Folgen derselben, und stellte dem Menschengeschlechte einen wunderbaren Beweis göttlicher Rache dar.


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