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III.

Der Abend sank nun in Dunkelheit, und die Stunde nahte heran, welche Juliens Schicksal entscheiden sollte. Zitternde Angst überwältigte jetzt jedes andere Gefühl, und so wie die Minuten verstrichen, nahm ihre Furcht zu. Endlich hörte sie die Thüren des Klosters für die Nacht verschließen; die Glocke läutete das Signal zur Ruhe, und die vorüber gehenden Fußtritte der Nonnen sagten ihr, daß sie dem Rufe derselben zu gehorchen eilten. Kurz nachher war alles stille; Julie wagte sich noch nicht hervor; sie benutzte diese Zwischenzeit zu einem interessanten zärtlichen Gespräche mit Madame de Menon, der ihr Herz ungeachtet ihrer Lage ein trauriges Lebewohl sagte. Die Glocke schlug zwölf, als sie aufstand, um fortzugehen. Nachdem sie ihre treue Freundinn mit Thränen der Angst und des Kummers umarmt hatte, nahm sie ein Licht in die Hand und stieg mit leisem, furchtsamem Schritte durch die langen Windeltreppen zu einer geheimen Thür herab, die in die Klosterkirche führte. Die Kirche war finster und einsam, und die schwachen Strahlen der Lampe, die sie trug, ertheilte gerade Licht genug, die schauerliche Größe derselben zu unterscheiden. So wie sie schweigend durch die gewölbten Gänge ging, warf sie ängstlich forschende Blicke umher; allein Ferdinand war nirgends zu sehen. Sie stand in ängstlichem Zweifel stille, furchtsam die düstre Finsterniß vor ihr zu durchdringen, und eben so voll Furcht zurück zu kehren. Als sie da stand, den Ort überschaute, vergebens sich nach Ferdinanden umsah, und doch sich fürchtete zu rufen, damit nicht ihre Stimme sie verriethe, stieg ein dumpfes Winseln nicht weit von ihr auf. Ihr Herz erbebte, und sie blieb auf dem Flecke eingewurzelt stehen. Sie wendete ihr Auge ein wenig zur Linken, und sah ein Licht durch die Ritzen eines Grabmahls in einiger Entfernung schimmern. Das Gewinsel wurde wiederhohlt – ein tiefes Murmeln folgte, und während sie noch staunte, kam ein alter Mann mit einer brennenden Kerze in der Hand aus dem Gewölbe hervor. Schrecken überwältigte sie, und sie stieß einen unwillkürlichen Schrey aus. Den Augenblick darauf ließ sich ein Geräusch in einem entlegenen Theile des Gebäudes hören. – Ferdinand sprang aus seinem verborgenen Aufenthalte hervor, und eilte ihr zu Hülfe. Der alte Mann, der ein Mönch zu seyn schien, und an dem Grabmahle eines Heiligen Buße gethan hatte, näherte sich jetzt. Sein Gesicht drückte einen Grad von Schrecken und Erstarren aus, der beynahe dem Juliens gleich kam, die jetzt in ihm Vincents Beichtvater erkannte. Ferdinand ergriff den Pater, legte die Hand an den Degen, und drohte ihm mit dem Tode, wenn er nicht augenblicklich schwöre, auf immer zu verschweigen, was er jetzt gesehen, und ihnen beystände, aus der Abtey zu entwischen. – »Undankbarer Jüngling!« antwortete der Mönch mit ruhiger Stimme; »steh von dieser Sprache ab, und füge nicht zu den Thorheiten der Jugend das Verbrechen hinzu, einen vertheidigungslosen alten Mann zu morden oder zu erschrecken. Deine Heftigkeit würde mich reizen, dein Feind zu werden, wenn nicht frühere Neigung mich zur Freundschaft gegen dich stimmte. Ich bemitleide Donna Juliens Lage, die mir nicht unbekannt ist, und will ihr freudig allen Beystand, der in meiner Macht ist, leisten.« – Bey diesen Worten lebte Julie wieder auf, und Ferdinand, beschämt durch die Großmuth des Mönchs, und seiner eigenen Kleinheit sich bewußt, fuhr zurück. – »Ich habe keine Worte, Ihnen zu danken,« sagte er »oder Vergebung für ein ungestümes Betragen zu erbitten; meine Lage allein, die Ihnen bekannt ist, muß für mich sprechen!«

»Sie thuts!« antwortete der Mönch; – »aber wir haben keine Zeit zu verlieren – folgt mir!«

Sie folgten ihm durch die Kirche in die Kreuzgänge, an deren Ende eine kleine Thür war, die der Mönch aufschloß. Sie stieß auf die Wälder. »Dieser Weg,« sagte er, führt durch einen entlegenen Theil des Waldes zu den Felsen, die zur Rechten von der Abtey empor steigen; in ihren Klüften könnt ihr euch verbergen, bis ihr zu einer längern Reise gefaßt seyd. Aber löschet euer Licht aus; es könnte euch des Marquis Leuten verrathen, die in dieser Gegend vertheilt sind. Lebt wohl, Kinder! Gottes Segen geleite euch!«

Juliens Thränen sprachen ihre Dankbarkeit aus; zu Worten hatte sie nicht Zeit. Sie betraten den Weg, und der Mönch schloß die Thür zu. Aus dem Kloster waren sie jetzt befreyt; allein von außen erwartete sie eine Gefahr, welche zu vermeiden ihre ganze Vorsicht erforderte. Ferdinand wußte, daß der Weg, den der Mönch ihnen angewiesen hatte, eben der war, der nach den Felsen führte, wo seine Pferde standen, und verfolgte ihn schweigend und mit schnellem Schritte. Julie, deren Furcht mit der Dunkelheit der Nacht zusammen traf, alle Gegenstände um sie her zu vergrößern und umzuformen, bildete bey jedem Schritte, den sie that, sich ein, Menschengestalten zu sehen, und hielt jedes Rauschen des Windes für Fußtritte, die sie verfolgten. Sie ging schnell fort, bis Julie athemlos und erschöpft nicht weiter konnte. Noch nicht lange hatten sie geruht, als sie in einiger Entfernung zwischen den Gebüschen rauschen hörten, und gleich darauf einen Schall von Stimmen unterschieden. – Ferdinand und Julie setzten so gleich ihre Flucht fort, und glaubten, daß sie noch immer Stimmen mit dem Winde heran nahen hörten. Dieser Gedanke wurde bald bestätigt; die Töne drangen näher, und sie unterschieden Worte, die nur ihre Furcht erhöheten, als sie das Ende des Holzes erreichten. Der Mond, der jetzt am Himmel stand, ging plötzlich hinter einer dunkeln Wolke hervor, und ließ sie verschiedene Leute wahrnehmen, die ihnen nachsetzten, so wie er auch den Verfolgern den Weg der Flüchtlinge zeigte. Sie bemühten sich, die Felsen zu erreichen, wo ihre Pferde verborgen standen, und die sie jetzt vor sich liegen sahen. Sie erreichten sie, als die Verfolger sie beynahe eingehohlt hatten – aber ihre Pferde waren fort; – die einzige übrig bleibende Möglichkeit zu entwischen war, in die tiefen Felsenhöhlen zu fliehen. Sie gingen also in eine krumme Höhle, aus welcher verschiedene unterirdische Wege ausgingen, und standen an dem Ende des einen stille. Die Stimmen von Menschen tönten jetzt in zitternden Echo's durch die verschiedenen, geheimen Höhlen des Orts, und immer dichter hörten sie Fußtritte heran nahen. Julie bebte vor Schrecken, und Ferdinand zog sein Schwert, entschlossen sie bis aufs äußerste zu beschützen. Ein verworrnes Gewühl von Stimmen scholl jetzt zu dem Theil der Höhle herauf, wo Ferdinand und Julie verborgen waren. Nach wenig Augenblicken nahmen die Schritte der Verfolgenden eine andre Richtung; die Töne starben allmählich hinweg, und wurden nicht mehr gehört. Ferdinand horchte eine lange Zeit aufmerksam zu; allein die Stille des Orts blieb ungestört. Es war nun gewiß, daß die Leute den Felsen verlassen hatten, und er wagte sich an die Mündung der Höhle hervor. Er überschaute die Wüste rings umher, so weit sein Auge dringen konnte, und erblickte kein menschliches Wesen; in den Pausen des Windes aber glaubte er noch immer einen Laut entfernter Stimmen zu hören. So wie er in ängstlichem Schweigen horchte, fing sein Auge einen Schatten auf, der sich nicht weit von ihm bewegte. Er sprang in die Höhle zurück, wagte sich aber nach einigen Minuten wieder hervor. Der Schatten blieb auf seinem Platze; nachdem er aber eine Zeit lang gewartet hatte, sah er ihn fortgleiten, bis er hinter einer Felsenspitze verschwand. Er zweifelte nunmehr nicht, daß die Höhle bewacht würde, und daß dieß der Schatten von einem ihrer letzten Verfolger gewesen sey. Er kehrte also zu Julien zurück, und hielt sich über eine Stunde in den tiefsten Felsenklüften verborgen; endlich, als kein Laut die Stille des Orts unterbrach, wagte er sich noch ein Mahl an die Mündung der Höhle hervor. Er warf einen ängstlichen Blick rings um sich, unterschied aber keine menschliche Gestalt. Die sanften Mondstrahlen schlichen auf die bethaute Landschaft herab, und die feyerliche Stille der Mitternacht hüllte die Welt ein. Furcht erhöhte den Flüchtlingen das Schauderliche der Stunde – Ferdinand führte nun Julien hervor, und schweigend schlichen sie längs dem schroffen Fuße der Felsen hin. – Sie setzten ihren Weg ohne weitere Unterbrechung fort, und entdeckten zu ihrer unaussprechlichen Freude in einiger Entfernung ihre Pferde, die sich los gerissen und hierher verirrt hatten, wo sie ruhig an der Erde lagen. Ferdinand und Julie stiegen unverzüglich auf; sie ritten die Ebene herab, nahmen den Weg, der nach einem kleinen, nahe gelegenen Seehafen führte, von wo aus sie sich nach Italien einschiffen konnten. – Einige Stunden weit ritten sie durch dunkle Wälder von Buchen und Kastanien, und ihr Weg wurde nur schwach vom Monde erleuchtet, der einen zitternden Schimmer durch das dunkle Laubwerk warf, und nur unterbrochen gesehen ward, wenn die vorüber ziehenden Wolken der Nacht seinen Strahlen wichen. Endlich erreichten sie den Saum der Wälder; die graue Dämmerung brach nun an, und die kühle Morgenluft schnitt empfindlich. Mit unaussprechlicher Freude sah Julie die entzündende Atmosphäre, und bald berührten die Strahlen der aufsteigenden Sonne die Spitzen der Berge, deren Seiten in dunklem Nebel gehüllt lagen. – Ihre Furcht zerstreute sich mit der Dunkelheit. Die Sonne ging zwischen Wolken von unbeschreiblichem Glanze hervor, und enthüllte eine Scene, welche zu jeder andern Zeit Julie mit Entzücken betrachtet haben würde. Zur Seite des Hügels, den sie hinab ritten, lag ein Thal, aus welchem wilde, hohe Gebirge aufstiegen, deren Seiten mit herab hangenden Wäldern bekleidet waren, ausgenommen wo hier und da ein Vorgebirge seine kühne, gefurchte Stirn empor hob. Hier hingen einige halb verwelkte Bäume aus Felsenritzen, und gaben der Gegend eine mahlerische Wildheit; dort verschönerten Reihen von halb versenkten Hütten, die aus dicken Gesträuchen hervorragten, den grünen Rand eines Stroms, der auf dem Grunde hinschlich, und seine Wellen in das ferne, blaue Meer trug. – Der Morgen hauchte seine Kühle über die Gegend und belebte jede Farbe der Landschaft; die glänzenden Thautropfen hingen zitternd an den Zweigen der Bäume, die hier und da die Straße beschatteten, und der fröhliche Gesang der Vögel begrüßte den aufsteigenden Tag. Aller ihrer Angst ungeachtet goß die Scene eine süße Wollust in Juliens Herz. Um Mittag erreichten sie den Hafen, wo Ferdinand so glücklich war, ein kleines Schiff zu bekommen; allein der Wind war ihnen entgegen, und es war Mitternacht vorüber, ehe sie sich einschiffen konnten.

Als die Dämmerung anbrach, ging Julie wieder aufs Verdeck, und sah mit einem Seufzer unerklärlichen Schmerzens die zurück weichende Küste von Sicilien. Mit hoher Bewunderung aber bemerkte sie das Licht; welches nach und nach sich über die Atmosphäre verbreitete, und einen schwachen Strahl auf die Oberfläche des Wassers schoß, das in feyerlichem Murmeln an den fernen Ufern hinrollte. Feurige Strahlen bezeichneten nun die Wolken, und der Osten glühte von wachsendem Glanze, bis plötzlich die Sonne über den Wellen aufstieg, sie mit einer Fluth von Strahlen erhellte, und Freude und Fröhlichkeit rings umher strahlte. Das kühne Gewölbe, der Himmel, mit der weiten Fläche des Oceans vereint, bildete einen hinreißenden, erhabenen Anblick. Die Pracht der Scene flößte Julien Entzücken ein; ihr Herz schlug von hoher Begeisterung, und sie vergaß, daß Kummer sie niedergebeugt hatte. – Einige Stunden lang trieb der Wind das Schiff sanft fort; dann aber trat plötzliche Stille ein. Kein Lüftchen kräuselte die glatte Oberfläche des Wassers, und schwer zog sich das Schiff auf der Tiefe hin. Sicilien war noch zu sehen, und dieser Aufenthalt erfüllte Julien mit wilder Angst. Gegen Abend sprang ein leichtes Lüftchen auf; allein es blies von Italien, und dicke Nebel gingen aus der Fläche des Horizonts hervor, und schwollen nach und nach, bis die Himmel sich ganz umzogen. Der Abend fiel plötzlich ein; der sich aufmachende Wind, die schweren Wolken, welche die Atmosphäre beluden, und die Donner, die von weitem brüllten, erschreckten Julien, und drohten einen heftigen Sturm. Der Sturm kam heran, und der Capitän warf vergebens das Senkbley nach einem Ankerplatze aus; es war hohe See, und das Schiff wurde wüthend vom Winde fortgetrieben. – Nur zu Zeiten ward die Dunkelheit von flammenden Blitzen unterbrochen, die auf dem Wasser zitterten, die tobenden Wellen erleuchteten, und die nachfolgende Finsterniß nur schrecklicher machten. Der Donner, der mit schrecklichem Gekrache oben losbrach, das laute Brüllen der Wellen von unten, das Geschrey der Matrosen, und das plötzliche Krachen und Stöhnen des Schiffs erhöhte vereint die furchtbare Erhabenheit der Scene. Im Original schließen sich hier folgende Verszeilen an:

Far on the rocky shores the surges sound,
The lashing whirlwinds cleave the vast profound;
While high in air, amid the rising storm,
Driving the blast, sits Danger's black'ning form.
– Julie lag ohnmächtig von Schrecken und Krankheit in der Kajüte, und Ferdinand, obgleich selbst beynahe hoffnungslos, versuchte dennoch sie aufzurichten, als ein lautes schreckliches Krachen von oben gehört ward. Das ganze Schiff schien von einander gerissen zu seyn. Die Stimmen der Matrosen erhoben sich zugleich, und alles war Verwirrung und Aufruhr. Ferdinand lief auf das Verdeck, und hörte, daß der große Mast vom Winde fortgerissen, auf das Verdeck gefallen, und von da über Bord gerollt sey.

Es war nun nach Mitternacht, und der Sturm dauerte mit unablässiger Wuth fort. Vier Stunden lang war das Schiff vom Sturme gewaltsam fortgetrieben, und der Capitän erklärte jetzt, es sey unmöglich, daß es noch länger laviren könnte, und befahl, das große Boot bereit zu halten. Kaum war sein Befehl vollzogen, als das Schiff an einer Felsenklippe scheiterte, und die ungestümen Wellen herein drangen – ein allgemeines Geheul erscholl von allen Seiten. Ferdinand flog herbey, seine Schwester zu retten, die er in das Boot trug, welches von dem Capitän und dem größten Theile seines Schiffsvolkes beynahe angefüllt war. Die Fluth war so hoch, daß es unmöglich schien, das Ufer zu erreichen; allein das Boot war noch wenige Klafter weit fortgerudert, als das Schiff in Stücken riß. Der Capitän wurde nun bey dem Leuchten des Blitzes eine hohe, felsige Küste nicht weit davon gewahr; die Matrosen arbeiteten aus voller Kraft bey den Rudern; allein fast so oft, als sie die Spitze einer Welle erreichten, wurden sie wieder zurück getrieben, und ihre Arbeit vereitelt. Nach vieler Schwierigkeit und Ermüdung erreichten sie endlich die Küste, wo eine neue Gefahr sich zeigte. Sie sahen ein wildes, felsiges Ufer, dessen Klippen unzugänglich schienen, und alle Möglichkeit anzulanden verhinderten. Doch fanden sie zuletzt einen Landplatz, und nach vielem Suchen entdeckten die Matrosen eine Art von Fußweg, der in den Felsen gehauen war, und den sie alle glücklich hinauf stiegen. Schwach schimmerte die Dämmerung, und sie übersahen die Küste, konnten aber keine menschliche Wohnung entdecken. Es schien ihnen, als wenn sie an der Küste von Sicilien wären; allein es gebrach ihnen an Mitteln, diese Vermuthung zu bestätigen. Schrecken, Krankheit und Ermüdung hatten Juliens Kräfte und Lebensgeister überwältigt, und sie sah sich genöthiget, sich auf den Felsen nieder zu setzen.

Der Sturm legte sich nun plötzlich, und die gänzliche Stille, die auf das wilde Toben der Winde und Wellen folgte, brachte eine große erhabene Wirkung hervor. Die Luft war in Todtenstille gewiegt; allein die Wellen waren noch in heftiger Bewegung, und bey dem zunehmenden Lichte sah man Stücke von dem gescheiterten Schiffe weit auf der Wasserfläche hinschwimmen. Auch einige Matrosen, die das Boot verfehlt hatten, sah man an Breter sich klammern, und nach dem Ufer hinarbeiten. Bey diesem Anblicke stiegen ihre Schiffskameraden sogleich in das Boot, stießen in die See, und erlösten sie aus ihrer gefährlichen Lage. – So bald Julie sich wieder einiger Maßen erhohlt hatte, gingen sie tiefer ins Land, um sich nach einer Wohnung umzusehen. Sie waren noch nicht weit gegangen, als das wilde Ansehen des Landes sich milderte, und sich nach und nach in die mahlerische Schönheit einer sicilianischen Gegend veränderte. Sie entdeckten in einiger Entfernung eine Villa, die auf einem mit Waldung gekrönten Hügel lag. Es war die erste menschliche Wohnung, die sie erblickt hatten, seit sie sich nach Italien einschifften, und Julie, die vor Mattigkeit fast erlag, sah sie mit Entzücken. Der Capitän und seine Leute eilten darauf zu, um ihre Noth kund zu thun, und Ferdinand und Julie folgten langsam nach. Sie sahen die Gesellschaft in die Villa gehen, und einer davon kam schnell zurück, um ihnen die gastfreye Aufnahme seiner Kameraden zu erzählen. Mit vieler Mühe erreichte Julie das Gebäude, und wurde an der Thür von einem jungen Cavalier empfangen, dessen angenehme, geistvolle Gesichtsbildung sie augenblicklich für ihn einnahm. Er bewillkommte die Fremden mit einer wohlwollenden Höflichkeit, die auf ein Mahl jedes unangenehme Gefühl, welches ihre Lage erregt hatte, austilgte, und ihnen ein augenblickliches Zutrauen einflößte. Durch eine helle, zierlich gebaute Halle, die in einen Dom aufstieg, den Pfeiler von weißem Marmor unterstützten, und der mit Büsten verziert war, führte er sie in ein prächtiges Gartenzimmer, das auf einen freyen Rasenplatz stieß. Hier nöthigte er sie, sich an einen Tisch mit Erfrischungen niederzusetzen, und ließ sie dann in Freyheit, die Pracht und Schönheit des Orts zu bewundern. Der Rasenplatz, der an jeder Seite von Gehölze eingezäumt war, glitt allmählich in einen schönen See hinab, in dessen glatter Fläche sich die umringenden Schatten spiegelten. Über denselben hinaus zeigte sich das ferne Land, das zur Linken in hohe, romantische Gebirge aufstieg, und zur Rechten eine sanfte, glühende Landschaft darstellte, deren ruhige Schönheit einen auffallenden Contrast mit der wilden Erhabenheit der gegen über liegenden Felsenhöhen bildete. Der blaue, ferne Ocean schloß die Aussicht. In kurzer Zeit kam der Cavalier zurück, und führte zwey Damen von sehr einnehmendem Ansehen herein, die er ihnen als seine Frau und Schwester vorstellte. Sie bewillkommten Julien mit entgegen kommender Gefälligkeit; allein Ermüdung nöthigte sie, sich zur Ruhe zu legen, und eine nachfolgende Unpäßlichkeit nahm so schnell zu, daß es ihr unmöglich war, ihren jetzigen Aufenthalt heute zu verändern. Der Capitän und seine Leute setzten ihren Weg fort, und ließen Ferdinand und Julien in der Villa, wo ihnen alle mögliche gütige und zärtliche Aufmerksamkeit bezeugt ward.

Der Tag, der Julien dem Kloster zu widmen bestimmt war, wurde in der Abtey mit den gewöhnlichen Ceremonien angefangen. Die Kirche wurde ausgeschmückt, und alle Bewohner des Klosters rüsteten sich zur Begleitung an. Der Abt frohlockte in dem glücklichen Erfolge seines Anschlags, und weidete sich im Voraus an der Wuth und Kränkung des Marquis, wenn er erführe, daß seine Tochter auf ewig für ihn verloren sey. Die Stunde der Feyer nahte nun heran, und mit stolzem, festem Schritte, und einem Gesicht, das seinen innern Triumph abmahlte, betrat er die Kirche. Er schritt zum Hochaltare fort, als man ihm sagte, daß Julie nirgends zu finden sey. Erstaunen verdrängte auf eine Weile alle andern Empfindungen – doch hielt er es für unmöglich, daß sie entflohen seyn konnte, und befahl, jeden Theil des Klosters zu durchsuchen – und vor allem die unterirdischen Gewölbe, die unter dem Walde hinliefen, nicht zu vergessen. Nachdem allenthalben gesucht war, und er an ihrer Flucht nicht langer zweifeln konnte, gohren seine betrognen Leidenschaften in eine Wuth auf, die alle Grenzen überschritt. Er schmetterte die schrecklichsten Flüche auf Julien herab, ließ Madame de Menon rufen, und klagte sie an, ihre heilige Religion durch Hülfleistung bey Juliens Flucht geschmäht zu haben. Madame ertrug diese Vorwürfe mit ruhiger Würde, und beobachtete ein standhaftes Stillschweigen; insgeheim aber beschloß sie das Kloster zu verlassen, und in einem andern die Ruhe zu suchen, welche sie in diesem nimmer zu finden hoffen durfte. Das Gerücht von Juliens Verschwinden breitete sich schnell über die Mauern aus, und drang zu des Marquis Ohren, der sich darüber freute, weil er glaubte, daß sie nun unfehlbar in seine Hände fallen müßte. Nachdem seine Leute auf seinen Befehl die umliegenden Wälder und Felsen sorgfältig durchsucht hatten, nahm er sie von der Abtey weg, vertheilte sie in verschiedene Wege, um Julien nachzuspüren, und kehrte auf das Schloß Mazzini zurück. Hier erwartete ihn ein neuer Verdruß; denn er erfuhr jetzt, daß Ferdinand aus seinem Gefängnisse entwischt war. Das Geheimniß von Juliens Flucht war nun aufgeklärt: es war augenscheinlich, durch wessen Hülfe sie solche bewerkstelligt hatte, und der Marquis stellte Befehl an seine Leute aus, sich Ferdinands zu bemächtigen, wo sie ihn auch fänden.


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