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Zweyter Theil.

[I]

Mit Tagesneige kam Madame in einem kleinen Dorfe zwischen Gebirgen an, wo sie die Nacht zuzubringen dachte. Der Abend war außerordentlich angenehm, und die romantische Schönheit der umliegenden Gegend lud sie zu einem Spaziergange ein. Sie folgte den Krümmungen eines Baches, der sich in einiger Entfernung zwischen üppigen Kastanienwäldern verlor. Die reiche Farbe des Abends glühte durch das dunkle Laub, und die düstre Stille dieser Schattengänge, die mit der gegenwärtigen Stimmung ihrer Seele harmonirte, lockte sie hinein zu gehen. Ihre Gedanken weilten auf den Gegenständen rings um sie her, und versenkten sie nach und nach in eine süße, behagliche Schwermuth. Unmerklich schritt sie immer weiter fort, und folgte dem Laufe des Bachs, bis die tiefen Schatten sich zurück zogen, die Gegend sich dem Tageslichte wieder öffnete, und ihr eine so mannigfaltige, erhabne Aussicht zeigte, daß sie in entzücktem Staunen da stand. – Eine Gruppe wilder, grotesker Felsen, deren fantastische Gestalten die Natur in ihren erhabensten, wunderbarsten Stellungen zeigten, stiegen im Halbzirkel auf. Hier hob die weite Pracht der Schöpfung die Seele des Anschauenden zu hoher Begeisterung empor: Fantasie haschte das schwirrende Gefühl auf, und durch ihre Berührung wurden die aufgethürmten Stufen mit unwirklicher Dunkelheit umschattet; finstrer runzelten die Klüfte ihre Stirnen; die hervorragenden Klippen blickten furchtbarer, und das wild überhangende Gesträuch wehte in tieferm Gemurmel in die Lüfte. Schauder und Ehrfurcht durchdrangen Madame de Menon; unwillkürlich stiegen ihre Gedanken von der Natur zu der Natur Schöpfer auf. Der letzte, sterbende Schimmer des Tages röthete die Felsen, und strahlte auf das Wasser, das sich durch einen rauhen Canal zurück zog, und sich in der Ferne zwischen den weichenden Klippen verlor. – Während sie seinem fernen Gemurmel zuhörte, stieg eine süße, melodische Stimme zwischen den Felsen auf, und sang ein Lied, dessen schwermüthiger Ausdruck alle ihre Aufmerksamkeit rege machte, und ihr Herz durchdrang. Die Töne schwollen, und starben leise hinweg in den hellen und doch sanften Echo's, die mit einer der Bezauberung gleichen Wirkung von den Felsen wiederhallten. Madame sah sich nach der süßen Sängerinn um, und entdeckte in einiger Entfernung ein Bauernmädchen, das auf einem kleinen Abhange des Felsens, von herab hängendem Geißblatt beschattet, saß. Sie ging langsam nach dem Orte zu, und hatte ihn beynahe erreicht, als der Laut ihrer Schritte die kleine Syrene erschreckte, und zum Schweigen brachte; sie stand auf, als wollte sie von dannen eilen. – Madame's Stimme hielt sie zurück; sie kam näher – und welche Sprache kann Madame de Menons Empfindung ausdrücken, als sie in der Verkleidung einer Bäuerinn Juliens Züge erkannte, deren Augen mit plötzlicher Erinnerung sich aufschlagen, und die, von Freude überwältigt, in ihre Arme sank. Als der erste gegenseitige Ausbruch ihrer Empfindungen sich gelegt, und Julie auf ihre Fragen nach Ferdinanden und Emilien Antwort erhalten hatte, führte sie Madame nach ihrem heimlichen Aufenthalte. Es war eine einsame Hütte, in einem eingeschloßnen Thale von Bergen umgeben, deren Klippen jedem menschlichen Fußtritte unzugänglich zu seyn schienen. Die tiefe Einsamkeit der Scene zerstreute auf ein Mahl Madame's Verwunderung, daß Julie so lange unentdeckt geblieben war; und sie erstaunte nur, wie Julie einen so tief verborgenen Platz hatte auffinden können. Mit tiefem Kummer aber bemerkte sie, daß auf Juliens Gesichte nicht länger das Lächeln der Gesundheit und Freude strahlte. Ihren schönen Zügen war nicht nur der Eindruck der Schwermuth, sondern tiefen Schmerzens aufgeprägt. Madame seufzte, als sie sie anblickte, und las zu deutlich die Ursache dieser Veränderung. Julie verstand den Seufzer, und beantwortete ihn mit Thränen. In wehmüthigem Stillschweigen drückte sie Madame's Hand an ihre Lippen; eine Carminröthe überzog ihre Wangen. Endlich faßte sie sich. – »Ich habe Ihnen viel zu erläutern, meine mütterliche Freundinn,« sagte sie; »ehe Sie mich wieder in die Achtung aufnehmen werden, welche einst mein gerechter Stolz war. Ich hatte keine Hülfsmittel vor dem Elende, als Flucht, und von dieser konnte ich Sie nicht zur Vertrauten machen, ohne unedel Sie in die Schmach derselben zu verwickeln.»

»Sagen Sie nichts weiter darüber, meine Liebe! ich habe Ihr Betragen in Rücksicht meiner bewundert, und schmerzlich Ihre Lage beklagt. Lassen Sie mich lieber hören, durch welche Mittel Sie Ihre Flucht bewirkten, und wie es Ihnen seit dem gegangen ist?«

Julie schwieg einen Augenblick, als wollte sie ihre aufsteigende Bewegung ersticken, und fing dann ihre Erzählung an: – »Sie wissen bereits das Geheimniß der Nacht, die für meinen Frieden so unglücklich war. Ich rufe die Erinnerung daran mit einem Schmerze zurück, welchen zu verhehlen nicht in meiner Macht ist; und warum sollte ich ihn auch verhehlen, da ich um einen klage, dessen edle Eigenschaften meine ganze Anbethung rechtfertigten, und mehr verdienten, als mein schwaches Lob gewähren kann; der Gedanke an ihn wird der letzte seyn, der in meiner Seele dämmert, bis der Tod diese traurige Scene schließt.« – Ihre Stimme bebte; sie hielt inne. Nach einigen Augenblicken setzte sie ihre Erzählung fort. – »Ich will mir den Kummer ersparen, zu Auftritten zurück zu gehen, die Ihnen nicht unbekannt sind, und eile lieber zu dem, was Ihre Theilnahme unmittelbar erregen wird. Sie wissen, daß mich mein treues Mädchen, Catharine, in meinen Verhaft begleitete; ihrer Freundschaft verdanke, ich meine Flucht. Sie erhielt von ihrem Liebhaber, einem Bedienten im Schlosse, den Beystand, der mir die Freyheit verschaffte. Eines Nachts, als Carlo, der zu meiner Wache ernannt war, schlief, kroch Nicolo in seine Kammer, und stahl ihm die Schlüssel zu meinem Gefängnisse. Er hatte zuvor eine Strickleiter angeschafft. – O! nie werde ich meine Bewegung vergessen, als ich in der Todesstunde eben der Nacht, die meinem Opfertage vorher gehen sollte, die Thür meines Kerkers aufschließen hörte, und mich zur Hälfte in Freyheit sah! Kaum konnten meine zitternden Glieder mich tragen, als ich Catharinen in den Saal folgte, dessen niedrige und auf die Terrasse stoßende Fenster unserm Vorhaben günstig waren. Wir erreichten ohne Mühe die Terrasse, wo Nicolo uns mit der Strickleiter erwartete. Er befestigte sie auf der Erde, und nachdem er die Spitze der kleinen Geländermauer erstiegen hatte, ließ er sie geschwinde an der andern Seite herunter. Er hielt sie, während wir hinauf und herunter stiegen, und bald athmete ich wieder die Luft der Freyheit. Allein die Furcht, eingehohlt zu werden, wirkte noch immer zu stark, um mir einen vollen Genuß meiner Flucht zu vergönnen. Mein Plan war, nach meiner treuen Catharine Geburtsorte zu gehen, wo sie mich einer sichern Zuflucht in der Hütte ihrer Ältern, vor denen ich leicht meinen Stand verhehlen konnte, da sie mich nie zuvor gesehen hatten, im voraus versicherte. Dieser Ort, sagte sie, sey dem Marquis ganz unbekannt, der sie erst vor einigen Monden zu Neapel gemiethet hatte, ohne sich nach ihrer Herkunft zu erkundigen. Sie hatte mir gesagt, daß das Dorf viele Meilen weit vom Schlosse entfernt läge, daß sie aber den Weg sehr gut wüßte. Am Fuße der Mauer verließen wir Nicolo, der, um allem Verdacht vorzubeugen, ins Schloß zurück gehen, und die Schlüssel wieder an Ort und Stelle legen wollte, sich aber vorsetzte, es zu einer weniger gefährlichen Zeit zu verlassen, und nach Farrini zu seiner guten Catharine zu kommen. Ich schied mit vielem Dank von ihm, und schenkte ihm ein kleines diamantenes Kreuz, das ich zu dem Ende von den Juwelen, die mir zum Brautschmucke geschickt wurden, genommen hatte. – Ungefähr eine Viertelstunde weit von den Mauern standen wir stille, und ich zog die Kleidung an, worin Sie mich jetzt sehen. Meine eigenen Kleider banden wir an einen schweren Stein, und Catharine warf sie in den Strom, dessen Rauschen Sie so oft bewundert haben. Die Strapaze und das Ungemach, welches ich auf dieser Reise zu Fuße erduldete, würde zu jeder andern Zeit mich umgeworfen haben; allein meine Seele war so ganz mit der Gefahr, der ich entfloh, beschäftiget, daß ich geringere Übel nicht fühlen konnte. Wir kamen wohlbehalten in der Hütte an, die in einiger Entfernung von dem Dorfe Farrini stand, und wurden von Catharinens Ältern mit einiger Verwunderung zwar, aber mit mehr Freundlichkeit noch aufgenommen. Ich sah bald ein, daß es unnütz, und sogar gefährlich seyn würde, wenn ich die Rolle, welche ich angenommen hatte, fortspielen wollte. Ich las in den Augen von Catharinens Mutter ein gewisses Staunen und Bewunderung, welche zeigten, daß sie mich von höherm Range glaubte. Ich hielt es für klüger, ihre Treue durch Anvertrauung meines Geheimnisses zu gewinnen, als es durch Verhehlung ihrer Neugier oder ihrem Scharfsinne Preis zu geben, und entdeckte ihr also meinen Stand und mein Unglück, und erhielt starke Versicherungen ihrer Treue und Hülfe. Um noch sicherer zu seyn,; begab ich mich an diesen verborgenen Ort. Die Hütte, worin wir jetzt sind, gehört einer Schwester von Catharinen, auf deren Treue ich mich mit Recht bisher verließ. Allein auch hier bin ich nicht furchtfrey, weil man vor einigen Tagen Leute zu Pferde von sehr verdächtigem Ansehen nahe bey Marcy bemerkt hat, das nur eine halbe Stunde von hier liegt.«

Hier endigte Julie ihre Erzählung, welcher Madame mit einer Mischung von Erstaunen und Mitleid, daß sich sichtlich in ihren Augen mahlte, zugehört hatte. Der letzte Umstand beunruhigte sie ungemein. Sie erzählte Julien, daß der Herzog ihr nachgesetzt hatte, und zweifelte nicht, daß die Reiter, deren Julie erwähnte, ein Theil seines Gefolges waren, Sie rieth ihr dringend, ihre gegenwärtige Lage zu verlassen, und sie verkleidet in das St. Augustinerkloster zu begleiten, wo sie eine sichere Zuflucht finden würde, weil, wenn man auch selbst ihren Aufenthalt entdeckte, die höhere Autorität der Kirche sie schützen würde. Julie nahm den Vorschlag mit Freuden an; weil es aber nothwendig war, daß Madame in dem Dorfe schlief, wo sie ihre Bedienten und Pferde gelassen hatte, so wurde ausgemacht, daß sie mit Tages Anbruche nach der Hütte zurück kehrte, wo Julie sie erwarten wollte. Madame nahm einen zärtlichen Abschied von Julien, deren Herz, Trotz der Vernunft, in ihr sank, als sie für den kurzen Zwischenraum der Ruhe sie fortgehen sah. – Mit der Tagesdämmerung stand Madame auf. Ihre Bedienten, die sie zur Reise miethete, kannten Julien nicht, die also nichts von ihnen zu fürchten hatte. Madame ließ ihre Leute in einiger Entfernung zurück, und erreichte noch vor Sonnenaufgang die Hütte. Ihr Herz weissagte ihr nichts Gutes, als sie an die Thür klopfte, und keine Antwort erhielt. Sie klopfte nochmahls, und alles blieb stille. Durch das Fensterloch konnte sie in der grauen Dämmerung des Tages keinen Gegenstand unterscheiden; sie öffnete endlich die Thür, und fand zu ihrer unaussprechlichen Bestürzung die Hütte leer. Sie ging weiterhin ein kleines, inneres Zimmer, wo einige Kleidungsstücke von Julien lagen. Es schien nicht, als wenn jemand in dem Bette geschlafen hätte, und jeder Augenblick erhöhte und bestärkte ihren Verdacht. Während sie ihr Suchen weiter fortsetzte, hörte sie plötzlich Fußtritte vor der Hüttenthür, und gleich nachher kam jemand herein. Ihre Besorgnisse für Julien wichen nun der Angst um ihre eigene Sicherheit, und sie war unschlüssig, ob sie sich zu erkennen geben, oder sich verbergen sollte, als Juliens Erscheinung sie aus ihrer Unschlüssigkeit riß. – Als die gute Frau zurück kam, die Madame am Abend zuvor nach dem Dorfe begleitet hatte, ging Julie nach der Hütte zu Farrini. Ihr dankbares Herz erlaubte ihr nicht fortzugehen, bevor sie Abschied von ihren treuen Freunden genommen, ihnen für ihre Güte gedankt, und sie von ihren künftigen Aussichten unterrichtet hatte. Sie bathen sie, die wenigen Zwischenstunden in dieser Hütte zuzubringen, aus welcher sie eben gekommen war, um Madame zu treffen. – Sie eilten jetzt nach dem Orte, wo die Pferde standen, und traten ihre Reise an. Einige Meilen weit reisten sie schweigend und gedankenvoll durch ein wildes, romantisches Land. Die Landschaft war mit reichen, mannigfaltigen Farben tingirt, und der herbstliche Glanz, der von den Hügeln strahlte, machte eine schöne und lebhafte Wirkung auf die Scene. Alle Pracht der Weinberge stand vor ihrem Blicke da: die Purpurtrauben blickten durch das dunkle Grün der Blätter, und die Aussicht glühte von reicher, üppiger Fülle. – Sie stiegen nun in ein tiefes Thal herab, welches mehr einem Feenplatze, als der Wirklichkeit glich. Auf dem Grunde hin rollte majestätisch ein heller Strom, dessen Ufer mit dicken Lustwäldern von Orangen und Citronenbäumen geschmückt waren. Mit stillem Wohlgefallen überschaute Julie die Gegend; bald aber traf ihr Auge auf einen Gegenstand, welcher augenblicklich den Ton ihrer Gefühle erschütterte. Sie nahm einen Haufen Reiter wahr, die sich einen Hügel hinter ihnen herab wanden. Ihre ungewöhnliche Eile beunruhigte Julien, und sie setzte ihr Pferd in Galopp. Als sie sich umsah, bemerkte sie deutlich, daß sie verfolgt wurde. Bald nachher erschienen die Leute plötzlich hinter einem dunklen Gehölze in kleiner Entfernung von ihnen, und als sie näher kamen, sank Julie, von Furcht und Ermüdung überwältigt, athemlos vom Pferde. Einer von den Verfolgern fing sie in seine Arme auf. Madame nebst den übrigen wurde schnell eingehohlt, und so bald Julie wieder zum Leben kam, wurden sie gebunden und nach dem Hügel geführt, von dem sie herunter gekommen waren. Nur die Einbildungskraft kann sich Juliens Schmerz mahlen, als sie sich so der Gewalt ihrer Feinde ausgeliefert sah. Madame erkannte unter dem Haufen keinen von des Marquis Leuten, und sie waren also allem Anscheine nach in des Herzogs Händen. – Nachdem sie einige Stunden lang gereiset waren, verließen sie die ordentliche Straße, und lenkten in einen kleinen, krummen Weg, von hohen Bäumen überschattet, welche beynahe das Licht ausschlossen. Die Dunkelheit des Orts flößte schreckliche Bilder ein. Julie zitterte, als sie hinein trat, und ihre Bewegung wurde erhöht, als sie in einiger Entfernung durch die lange Reihe von Bäumen ein großes, verfallenes Gebäude wahrnahmen. Die düstern Schatten ringsum verbargen es zum Theil vor ihrem Blicke; als sie aber näher kam, enthüllte sich nach und nach jeder verlaßne und verfallene Theil des Gebäudes, und erfüllte ihr Herz mit einem Grausen, das sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Die zerbrochenen Zinnen, mit Epheu überwachsen, verkündigten die gefallene Größe des Ortes, während die zerschmetterten, leeren Fensterrahmen seine Verödung anzeigten, und das hohe Gras, welches über der Thürschwelle hervor ragte, zu sagen schien, daß seit langer Zeit kein sterblicher Fuß sie betreten hatte. Der Ort schien nur zu Zwecken der Gewaltthätigkeit und Zerstörung brauchbar zu seyn, und die unglücklichen Gefangenen fühlten, als sie die Thore desselben betraten, die ganze Gewalt seiner Schrecknisse. – Sie wurden von ihren Pferden gehoben,und nach einem innern Theile des Gebäudes gebracht, der, wenn er einst ein Zimmer gewesen war, nicht länger den Nahmen verdiente. Die Wache sagte ihnen hier, daß ihr befohlen sey, sie bis zur Ankunft ihres Herrn, der diesen Ort zur Zusammenkunft bestimmt hätte, hier zu behalten. Er wurde in wenig Stunden erwartet, und dieses waren Stunden unaussprechlicher Qual für Julien und Madame. Von den wüthenden Leidenschaften des Herzogs, die durch öftre Vereitelung nur noch heftiger gereizt waren, hatte Julie alles zu fürchten, und die Einsamkeit des Orts, den er gewählt hatte, setzte ihn in den Stand, jedes noch so gewaltthätige Unternehmen zu vollbringen. Zum ersten Mahle bereute sie, ihres Vaters Haus verlassen zu haben. Madame weinte über sie; Trost aber hatte sie nicht zu geben. Der Tag neigte sich; der Herzog erschien nicht, und Juliens Schicksal schwebte noch in gefahrvoller Ungewißheit. Endlich sah sie aus einem Fenster des Zimmers, worin sie war, Fackeln durch die Bäume schimmern, und gleich nachher überzeugte sie das Klappern von Hufen, daß der Herzog heran nahte. Ihr Herz sank bey dem Schalle; sie schlug ihre Arme um Madame's Hals, und gab sich der Verzweiflung hin. Bald schreckten einige Leute, welche die Ankunft ihres Herrn zu verkündigen kamen, sie auf. Nach wenig Minuten hallte der Ort, in welchem bis jetzt tiefe Stille herrschte, von Getöse wieder; eine plötzliche Lichtflamme erleuchtete das Gebäude, und zeigte nur stärker die Schrecknisse desselben. Julie lief ans Fenster, und sah in einer Art von Vorhofe einen Haufen Menschen von ihren Pferden steigen. Die Fackeln verbreiteten ein theilweises Licht, und während sie sich ängstlich nach der Person des Herzogs umsah, trat die ganze Gesellschaft ins Haus. Sie horchte einem verworrnen Gewühle von Stimmen zu, die aus dem Zimmer unten herauf tönten, und bald nachher in ein leises Gemurmel sanken, als wenn ein Punct von Wichtigkeit verhandelt würde. Einige Augenblicke saß sie in folternder Todesangst da, als sie Fußtritte auf das Zimmer zuschreiten hörte, und ein plötzlicher Schimmer von Fackeln Licht auf die Wände blitzte.

»Elende! hab' ich dich endlich in Sicherheit gebracht?« – sagte ein Cavalier, der jetzt ins Zimmer trat. Er fuhr zurück, als er Julien wahrnahm, und wendete sich zu seinen Leuten, die außen standen.

»Sind dieses die Flüchtlinge, die ihr gefangen nahmt?« –

»Ja, gnädiger Herr!» –

»Dann habt ihr euch betrogen und mich irre geführt: dieses ist nicht meine Tochter.«

Diese Worte strahlten das plötzliche Licht der Wahrheit und Freude in Juliens Herz, welche Schrecken zuvor beynahe leblos gemacht hatte, und die nicht sah, daß der Hereinkommende ein Fremder war. Madame nahm nun das Wort für ihren Zögling, und es erfolgte eine Erklärung, woraus sich zeigte, daß der Fremde der Marquis Murani war, der Vater der schönen Flüchtigen, welche der Herzog zuvor für Julien hielt. Juliens Ansehen und augenscheinliche Flucht hatten die Banditen, deren dieser Herr sich bediente, glauben gemacht, daß sie der Gegenstand ihres Suchens sey, und ihr diese unnöthige Qual verursacht. Allein die Freude, die sie jetzt fühlte, sich so unerwartet in Freyheit zu finden, übertraf, womöglich, ihre vorher gehende Angst. Der Marquis gab Madame und Julien allen Ersatz, der nur in seiner Macht war; er erboth sich, sie sogleich wieder auf den ordentlichen Weg zu führen, und sie bis zu einem Sicherheitsorte für die Nacht zu begleiten. Dieses Anerbiethen wurde dankbar und freudig angenommen, und so erschöpft sie auch von Angst, Ermüdung und Mangel an Nahrung waren, bestiegen sie doch freudig ihre Pferde wieder, und verließen bey Fackellicht das Gebäude. Nach einem Ritte von einigen Stunden kamen sie in einer kleinen Stadt an, wo sie sich die ihnen so nöthige Bequemlichkeit verschafften. Hier verließen ihre Führer sie, um ihr Suchen weiter fortzusetzen. Mit der Dämmerung standen sie auf, und setzten ihre Reise fort, in unaufhörlicher Angst, des Herzogs Leute zu treffen. Um Mittag erreichten sie Azulia, von wo das Kloster, oder die St. Augustinerabtey nur eine Stunde entfernt lag. Madame schrieb an den Padre Abbate, mit dem sie etwas verwandt war, und erhielt bald nachher eine sehr günstige Antwort. An eben dem Abende noch verfügten sie sich in die Abtey, wo Julie, noch ein Mahl von der Furcht vor Verfolgung befreyt, ein Gebeth der Dankbarkeit zum Himmel schickte, und ihren Kummer durch Andacht zu besänftigen suchte. Der Abt nahm sie mit einer väterlichen Zärtlichkeit, und die Nonnen sie mit dienstfertiger Freundschaft auf. Erheitert durch diese Behandlung und durch das friedliche Ansehen von allem, was um sie war, legte sie sich zur Ruhe, und brachte die Nacht in friedlichem Schlummer hin. Sie fand in ihrer gegenwärtigen Lage viel Neues, das sie, unterhalten, viel ernsthaften Stoff, der ihre Seele beschäftigen konnte. Durch Kummer weich gemacht, fügte sie sich gern in die stillen Sitten ihrer Gesellschafterinnen, und in die friedliche Einförmigkeit eines klösterlichen Lebens. Sie mochte gern durch die einsamen Kreuzgänge und durch die hohen Kirchenwölbungen wandeln, deren lange Aussichten sich in einfacher Größe endigten, und heilige Ruhe ringsum verbreiteten. Sie fand viel Vergnügen im Umgange mit den Nonnen, worunter einige außerordentlich liebenswürdig waren, und über deren Wesen eine milde Würde einen unwiderstehlichen Reiz goß. Die sanfte Schwermuth, die ihrem Gesichte eingedrückt war, mahlte den Zustand ihrer Seelen, und erregte in Julien eine interessante Mischung von Mitleid und Achtung. Sie verschwendeten an Julien die liebevolle Benennung Schwester, und alle die fesselnde Zärtlichkeit, die sie so ganz in ihrer Gewalt hatten, und so gut ihre Wirkung kannten, in der Hoffnung, sie für ihren Orden zu gewinnen. Durch Madame's Gegenwart, durch die Freundschaft der Nonnen und durch die Stille und Heiligkeit des Ortes gesänftigt, erlangte ihre Seele nach und nach einen Grad von Ruhe wieder, den sie lange nicht nicht gekannt hatte. Doch drängte, Trotz alle ihrem Bemühen, oftmahls Hippolytus Bild mit einer Gewalt, die plötzlich ihre ganze Stärke zu Boden warf, sich in ihre Seele, und senkte sie in eine vorübergehende Verzweiflung. Unter den heiligen Schwestern unterschied Julie eine, deren auszeichnend heiße Andacht und schwermüthiger Blick, durch mattes Kranksehen gemildert, ihre Neugier anzog, und einen starken Grad von Mitleid in ihr erregte. Die Nonne schien ebenfalls durch eine gewisse Sympathie zu Julien hingezogen zu werden, welche sie durch unzählige Handlungen der Zuneigung an den Tag legte, die das Herz schnell versteht und erkennt, obgleich die Beschreibung sie nicht erhaschen kann. Im Gespräche mit ihr suchte Julie, so sehr es die Delicatesse verstattete, eine Erklärung des mehr als gewöhnlichen Kummers zu erhalten, welcher diese Züge beschattete, aus denen Schönheit, durch Duldung rührend gemacht, durch Religion geadelt, mit mildem, süßem Glanze hervor strahlte. –

Der Herzog von Luovo, den das Fieber, welches seine Wunden hervor brachten, und seine aufgereizten Leidenschaften verlängerten, einige Wochen verhaftet hatte, kam nun auf dem Schlosse Mazzini an. Als der Marquis ihn zurück kommen sah, und sich an die Fruchtlosigkeit der Schritte erinnerte, wodurch er so prahlerisch Julien wieder zu bekommen versprochen hatte, trotzte die natürliche Heftigkeit seines Temperaments der Kunst der Verstellung, und brach in verächtlichen Spöttereyen über die Tapferkeit und den Scharfsinn des Herzogs aus, die alsobald mit gleicher Bitterkeit zurück gegeben wurden. Wahrscheinlich würden die Folgen sehr unglücklich gewesen seyn, hätte nicht des Marquis Ehrgeiz das plötzliche Aufbrausen seiner untergeordneten Leidenschaften überwunden, und ihn vermocht, die Strenge seiner Beschuldigungen zu mildern und sie zurück zu nehmen. Der Herzog, dessen Leidenschaft für Julien durch die Schwierigkeit, welche sich ihr entgegen setzte, erhöhet ward, ließ eine Zurücknahme Statt finden, die er unter andern Umständen würde verworfen haben; und so unterwarf sich jeder, durch die herrschende Leidenschaft des Augenblicks besiegt, der Sclave seines Widersachers zu seyn. Emilie wurde endlich aus dem Verhafte, der ihr so ungerechter Weise auferlegt war, befreyt. Sie bekam den Gebrauch ihrer alten Zimmer wieder, wo einsam und niedergeschlagen ihre Stunden schwerfällig hinschlichen, durch unaufhörliche Angst um Julien, und durch Kummer um die verlorne Gesellschaft der Madame de Menon verbittert. Die Marquise, deren Vergnügen durch die gegenwärtige Verwirrung im Schlosse auf einige Zeit unterbrochen ward, ließ alle mürrischen Launen, welche Verdruß und lange Weile in ihr erzeugten, an dem einzigen übrig bleibenden Gegenstande aus. Emilie war verurtheilt zu leiden, ohne daß sie selbst die Freyheit zu klagen behielt. Wenn sie in die Begebenheiten der letzten wenigen Wochen zurück blickte, so sah sie die, welche ihr am theuersten waren, verkannt oder verhaftet durch den geheimen Einfluß eines Weibes, in deren Charakter jeder Zug das Gegenbild der liebenswürdigen Mutter war, deren Stelle sie ersetzen sollte. Das Suchen nach Julien wurde immer fortgesetzt, und blieb immer fruchtlos. Des Marquis Erstaunen wuchs mit seinem vereitelten Bemühen; denn wo konnte Julie, die des Landes unkundig, von Freunden entblößt war, möglicher Weise eine Zuflucht gefunden haben? Er schwor mit einem schrecklichen Eide, wenn er je sie wieder fände, die Unruhe, den Verdruß, den sie ihm gemacht hatte, an ihrem Haupte zu rächen. Allein er kam mit dem Herzoge überein, das Nachforschen auf eine Weile einzustellen, damit Julie dreister würde, und wenn sie anfinge, sich vor Verfolgung sicher zu glauben, sich nach und nach aus ihrem verborgnen Aufenthalte hervor wagte. –

Während dessen strebte Julie, in den dunklen Behältnissen des St.Augustinerklosters verborgen, sich einen Grad der Ruhe zu eigen zu machen, welche so auffallend die Gegenstände um sie charakterisirte. Die St. Augustinerabtey war eine große, prächtige Masse von gothischer Bauart, deren düstre Martern und majestätische Thürme in stolzer Erhabenheit zwischen den finstern Schatten ringsum hervor ragten. Sie war im zwölften Jahrhunderte gegründet, und stand da, ein stolzes Monument von mönchischem Aberglauben und fürstlicher Pracht. In den Zeiten, wo Italien durch innerlichen Aufruhr zerrissen, durch fremde Verheerer verfolgt wurde, gewährte dieses Gebäude manchen italiänischen Emigranten, die den Rest ihrer Tage hier der Religion weihten, eine Zuflucht. Bey ihrem Tode bereicherten sie dann das Kloster mit den Schätzen, welche zu retten es sie in den Stand gesetzt hatte. – Der Anblick dieser Gebäude regte in der Seele dessen, der sie sah, die Erinnerung an vergangne Zeitalter auf. Die Sitten und das Gepräge, welche sie auszeichneten, erhoben sich vor seiner Fantasie, und durch den langen Zwischenraum von Jahren erblickte er die Gebräuche und Sitten, welche einen so auffallenden Contrast mit den Gebräuchen seiner eignen Zeiten machten. Die rohen Sitten, die stürmenden Leidenschaften, der kühne Ehrgeiz, der vernunftwidrige Ablaß, welche vormahls den Priester, den Edelmann und den Monarchen charakterisirten, begannen jetzt der Gelehrsamkeit, den Reizen verfeinerter Unterhaltung, politischen Intriken, und geheimen Ränken Platz zu machen. So verändern sich die Scenen des Lebens mit den herrschenden Leidenschaften des Menschengeschlechts und mit den Fortschritten der Cultur. Die Sonne der Wissenschaft durchbricht die dunklen Wolken des Vorurtheils, und nach und nach sich zertheilend, lassen sie die erleuchtete Hemisphäre dem Einflusse ihrer Strahlen frey. Jetzt aber schienen nur noch wenige gebrochne Strahlen, die nur stärker die großen, schweren Massen zeigten, welche die Form der Wahrheit verhüllten. Vorurtheil, nicht Vernunft hielt hier den Einfluß der Leidenschaften zurück, und scholastische Gelehrsamkeit, mystische Philosophie und Wunderglaube herrschte statt Weisheit, Einfalt und reiner Andacht. – In der Abtey traf Einsamkeit und Stille mit dem feyerlichen Ansehen des Gebäudes zusammen, um die Seele mit heiligem Schauder zu erfüllen. Das trübe Glas der hoch gewölbten Fenster, mit den Farben mönchischer Dichtungen bemahlt, und beschattet von den dicken Bäumen, welche die Abtey umgaben, verbreiteten ein heiliges Dunkel rings umher, das dem Anschauenden gleichförmige Gefühle einflößte. Wenn Julie durch die Kreuzgänge schlich, und dieses weite Monument barbarischen Aberglaubens überschaute, erinnerte sie sich oft an eine Ode Im Original handelt es sich, anders als in der Übersetzung, tatsächlich um einen lyrischen Text:

Superstition

An Ode


High mid Alverna's awful steeps,
   Eternal shades, and silence dwell.
Save, when the gale resounding sweeps,
   Sad strains are faintly heard to swell:
Enthron'd amid the wild impending rocks,
   Involved in clouds, and brooding future woe,
The demon Superstition Nature shocks,
   And waves her sceptre o'er the world below.
Around her throne, amid the mingling glooms,
   Wild – hideous forms are slowly seen to glide,
She bids them fly to shade earth's brightest blooms,
   And spread the blast of Desolation wide.
See! in the darkened air their fiery course!
   The sweeping ruin settles o'er the land,
Terror leads on their steps with madd'ning force,
   And Death and Vengeance close the ghastly band!
    Mark the purple streams that flow!
    Mark the deep empassioned woe!
    Frantic Fury's dying groan!
    Virtue's sigh, and Sorrow's moan!
Wide – wide the phantoms swell the loaded air
With shrieks of anguish – madness and despair!
   Cease your ruin! spectres dire!
    Cease your wild terrific sway!
   Turn your steps – and check your ire,
   Yield to peace the mourning day!
des Hippolytus, die sie mit schwermüthigem Gefühle wiederhohlte.

 

Aberglaube.

»Hoch zwischen Alverna's schauerlichen Felsenstufen wohnen ewige Schatten und Dunkelheit und Schweigen; sicher, wenn das einsame Lüftchen den Wiederhall herbey weht, traurige, feyerliche Melodien schwach empor schweben zu hören. – Thronend zwischen den wild herab hangenden Felsen, in Wolken gehüllt, über zukünftigem Weh brütend, erschüttert der Dämon Aberglaube die Natur, und schwenkt sein Zepter über die unten liegende Welt. – Rings um seinen Thron, durch die Mischung der Schatten hin, gleiten langsam wilde, scheußliche Gestalten. Er gebiethet ihnen zu fliegen, um der Erde glänzendste Blüthen zu verdüstern, und die Flamme der Verheerung weit umher zu verbreiten. – Sieh in der verdunkelten Luft ihren feurigen Flug! Verwüstung läßt auf der Erde sich nieder; Schrecken leitet mit wüthender Kraft ihre Schritte, und Tod und Rache schließen den Geisterzug. – Sieh die Purpurströme fließen! Höre das tiefe Brüllen des Schmerzens! der wahnsinnigen Furie Todtengeheul, der Tugend Seufzen, des Kummers Winseln! Weit, weit schwellen die Phantome, Raserey und Verzweiflung, die geschwängerte Luft mit Angstgeschrey! – Hört auf, ihr Verwüster! sterbt, bleiche Schreckbilder! Wendet eure Schritte weg! hemmt euren Grimm! gebt dem trauernden Tage Frieden wieder!«

Sie weinte über dem Gedächtnisse vergangener Zeiten, und eine wollüstige, unbeschreibliche Schwermuth bemächtigte sich ihrer Gefühle. Madame bezeugte ihr die zärtlichste Aufmerksamkeit, und suchte ihre Gedanken von ihrem traurigen Gegenstande abzuziehen, indem sie den Geschmack an Lesen und Musik wieder hervor rief, welche ihren Talenten so angemessen waren; allein ein ernstlicher, interessanter Gegenstand beschäftigte jetzt die Aufmerksamkeit, welche bloße Vergnügungen nicht anziehen konnten. Juliens geliebte Nonne, für die ihre Liebe und Achtung täglich wuchs, schien dem Drucke ihres geheimen Kummers zu erliegen. Julien ging ihre Lage tief zu Herzen, und ob sie es gleich nicht in ihrer Macht hatte, ihrem Kummer Tröstung darzubiethen, suchte sie doch ihren körperlichen Leiden Linderung zu verschaffen. Sie pflegte sie mit unermüdeter Sorgfalt, und schien begierig, diese Gelegenheit zu ergreifen, ihrem eignen Kummer zu entwischen. Die Nonne schien sich vollkommen mit ihrem Schicksale ausgesöhnt zu haben, und zeigte während ihrer Krankheit so viel Sanftmuth, Geduld und stille Ergebung, daß sie alle, die um sie waren, mit Mitleid und Liebe erfüllte. Ihre engelgleiche Milde, ihre standhafte Festigkeit schienen mehr die Verklärung einer Heiligen, als den Tod eines sterblichen Wesens zu verkündigen. Julie lauschte mit ängstlicher Bekümmerniß auf jede Wendung ihrer Krankheit, und endlich belohnte Corneliens Wiedergenesung ihre Sorgfalt; nach und nach besserte sich ihre Gesundheit, und sie schrieb diese Besserung der unermüdeten Wartung und Zärtlichkeit ihrer jungen Freundinn zu, gegen die ihr Herz sich in warmer, unverhaltner Liebe ergoß. Endlich wagte es Julie, sie um das zu bitten, was sie so lange und inständig gewünscht hatte, und Cornelia eröffnete ihr die Geschichte ihres Leidens. – »Es ist mehr als gerecht,« sagte sie, »daß Sie die Begebenheiten des Lebens erfahren, welches Ihre Sorgfalt verlängert hat. Zwar sind diese Begebenheiten weder neu noch auffallend, und wenig vermögend, diejenigen zu interessiren, die nicht darin verwickelt waren. Indessen sind sie in der Wirkung unerwartet schrecklich für mich gewesen, und mein Herz versichert mich, daß sie Ihnen nicht gleichgültig seyn. werden. – Ich bin die unglückliche Abkömmlinginn eines alten, erlauchten italiänischen Hauses. In früher Kindheit ward ich der Vorsorge meiner Mutter beraubt; allein die Zärtlichkeit meines zurück gebliebenen Vaters ließ mich ihren Verlust kaum fühlen. Lassen Sie mich hier dem Charakter dieses edlen Vaters Gerechtigkeit erzeigen. Er vereinigte in hohem Maße die sanften Tugenden des geselligen Lebens mit dem festen, unbiegsamen Geiste der alten Römer, seiner Vorfahren, von welchen seinen Ursprung herzuleiten er stolz war. In der That wohnte ihr Verdienst stets auf seiner Zunge, und er bestrebte sich unaufhörlich, ihre Handlungen nachzuahmen, so weit es mit dem Charakter seiner Zeiten und mit der beschränkten Sphäre, worin er sich bewegte, bestehen konnte. Die Erinnerung seine Tugenden erhebt meine Seele, und erfüllt mein Herz mit einen edlen Stolze, den selbst die kalten Mauern eines Klosters nicht haben auslöschen können. – Meines, Vaters Vermögen war seinem Range nicht angemessen. Um seinen Sohn in den Stand zu setzen, einst die Würde seiner Familie zu behaupten, wurde mir der Schleyer bestimmt. Ach! das Herz, welches bereits einem irdischen Gegenstande sich geweiht hatte, war unwerth, dem Himmel zur Wohnung angebothen zu werden! Der jüngere Sohn eines benachbarten Edelmannes, dessen Character und Vorzüge meine frühe Liebe anzogen, meine spätere Achtung befestigten, hatte längst mein Herz gefesselt. Unsre Familien waren vertraut, und unser jugendlicher Umgang erzeugte eine Zuneigung, welche sich mit unsern Jahren erweiterte und erhöhte. Er hielt bey meinen Vater um mich an; aber hier stand ein unübersteiglicher Schranken unsrer Verbindung im Wege: – die Familie meines Geliebten seufzte unter eben so eingeschränkten Glücksumständen, als die unsrige. – Sie war edel, aber arm! Mein Vater, der die Stärke meiner Zärtlichkeit nicht kannte, und eine in Armuth geknüpfte Verbindung als zerstörend für die Glückseligkeit betrachtete, schlug seine Bewerbung ab. Von Verdruß und Kränkung durchdrungen, ging er sogleich bey Sr. neapolitanischen Majestät in Dienst, und suchte im Getümmel des Ruhms Zuflucht vor den Qualen betrogner Liebe. Bey mir, deren Stunden in einem ewigen Kreise langweiliger Einförmigkeit hinschlichen, die keinen Zweck zu verfolgen, keine Abwechslung ihre sinkenden Lebensgeister aufzurichten hatte, blieb aller Versuch zur Vergessenheit unwirksam. Angelo's geliebtes Bild stieg unaufhörlich vor meiner Einbildungskraft auf, und seine Zauberkraft, durch Abwesenheit, ja vielleicht durch Verzweiflung erhöht, verfolgte mich mit unablässiger Pein. In tiefem Schweigen verbarg ich die Angst, die an meinem Herzen nagte, und gab mich zum willigen Schlachtopfer klösterlicher Strenge hin. Aber ein neues, schreckliches und unerwartetes Übel drohte mir jetzt. Ich war so unglücklich, die Aufmerksamkeit des Marquis Marinelli auf mich zu ziehen, der bey meinem Vater um mich anhielt. Er war groß von Geburt und Vermögen, und seine Besuche konnten nur mir unwillkommen seyn. Schrecklich war der Augenblick; als mein Vater mir seinen Antrag entdeckte. Mein Schmerz, den ich vergebens zu unterjochen strebte, enthüllte den wahren Zustand meines Herzens, und rührte meinen Vater tief. Nach einer langen, schauderlichen Pause erlöste er mich großmüthig von meinem Elende, und ließ es mir frey gestellt, des Marquis Hand oder den Schleyer zu wählen. Ich fiel zu seinen Füßen, überwältigt durch die edle Uneigennützigkeit seines Betragens, und nahm augenblicklich den Schleyer an. Dieser Vorfall zog die Decke weg, womit ich bisher mein Herz verhüllt hatte. Mein Bruder – mein edelmüthiger Bruder erfuhr den wahren Stand seiner Neigungen. Er sah den Schmerz, der an meiner Gesundheit nagte; er eröffnete ihn meinem Vater, und verlangte großmüthig, um meine Glückseligkeit wieder herzustellen, einen Theil des Vermögens abzutreten, das bereits als Erbrecht von seiner Mutter auf ihn gekommen war. Ach Hippolytus! deine Tugenden hätten ein besseres Schicksal verdient!«

 

»– Hippolytus?« rief Julie bebend – »Hippolytus, Graf von Vereza?« –

»Eben der,« erwiederte die Nonne mit Verwunderung.

Julie war sprachlos; Thränen kamen ihr zu Hülfe. Corneliens Erstaunen überstieg einige Augenblicke lang allen Ausdruck; endlich blitzte ein Strahl von Ahndung in ihre Seele und sie verstand nur zu wohl den Auftritt vor ihr. Nach einiger Zeit kam Julie wieder ins Leben, und Cornelia näherte sich ihr zärtlich. – »Umarme ich also meine Schwester?« sagte sie, »Vereint durch Empfindung müssen wir es auch im Unglücke seyn?«

Julie antwortete nur durch Seufzer, und ihre Thränen mischten sich in zärtlicher Sympathie. Endlich setzte Cornelia ihre Erzählung fort: – »Mein Vater, gerührt durch Hippolytus Betragen, dachte über sein Anerbiethen nach. Die Erschütterung meiner Gesundheit war zu sichtlich, um seiner Bemerkung zu entwischen. Kampf zwischen Stolz und väterlicher Zärtlichkeit machte ihn eine Zeitlang unschlüssig; endlich aber überwältigte die letzte jedes entgegensträubende Gefühl, und er gab seine Einwilligung zu meiner Verbindung mit Angelo. Der plötzliche Übergang von Schmerz zur Freude war für meinen schwachen Körper beynahe zuviel; urtheilen Sie also, was die Wirkung des schrecklichen Umsturzes seyn mußte, als die Nachricht anlangte, daß Angelo in einer auswärtigen Schlacht gefallen sey! Lassen Sie mich, wo möglich, den Eindruck so schrecklicher Empfindungen auslöschen! der Schmerz meines Bruders, dessen großmüthiges Herz so zart für andrer Leiden fühlen konnte, war kaum geringer, als der meinige. –Nachdem das erste Toben meiner Verzweiflung sich gelegt hatte, verlangte ich von einer Welt mich zurück zu ziehen, die mit Trugbildern von Glück nur meiner gespottet hatte, und Scenen zu verlassen, welche die Erinnerung aufregten, und mein Elend verlängerten. Mein Vater billigte meinen Entschluß, und ich wurde sogleich als Novize in dieses Kloster aufgenommen, mit dessen Prior mein Vater in früher Jugend vertraut war. Nach Ablauf des Jahrs nahm ich den Schleyer. O, ich erinnere mich noch ganz, mit welcher vollkommenen Ergebung, mit welcher ruhigen Freude ich die Gelübde ablegte, die mich an ein Leben der Abgeschiedenheit und des heiligen Friedens binden! Die hohe Wichtigkeit des Augenblicks, das Feyerliche der Ceremonie, die heilige Dunkelheit, welche mich umwallte, das schauerliche Schweigen rings umher, als ich das unwiderrufliche Gelübd' aussprach – alles traf zusammen, meine Einbildungskraft zu erhitzen, und meine Blicke gen Himmel zu heben. Als ich vor dem Altare kniete, glühte die heilige Flamme der Andacht in meinem Herzen, und trug auf hohen Fittichen meine Seele empor. Die Welt und alle ihre Erinnerungen schwanden aus meinem Herzen, und überließen es ganz einer reinen, heiligen Begeisterung, welche keine Worte beschreiben können. Bald nach meiner Aufnahme hatte ich das Unglück, meinen Vater zu verlieren. Doch fand in der Ruhe dieses Klosters, in der tröstenden Freundschaft meiner Gefährtinnen und in geistlichen Übungen mein Schmerz Linderung, und der Stachel desselben stumpfte sich ab. Meine Ruhe war von kurzer Dauer. Ein Umstand ereignete sich, der das Elend erneuete, welches jetzt nur in dem Grabe mich verlassen kann, nach dem ich hinblicke, nicht mit ängstlicher Furcht, nein, als nach einer Zuflucht vor Leiden, fest vertrauend, daß die Macht, deren Güte ich anbethete, als sie mich beugte, das Mangelhafte meiner Andacht, und das zu ofte Abschweifen meiner Gedanken nach den einst so theuren Gegenständen verzeihen wird.« – So, wie sie sprach, schlug sie ihre Augen, die von Wahrheit und süßer Zuversicht strahlten, zum Himmel, und der Strahl der Andacht von ihrem Gesichte schien die Schönheit einer begeisterten Heiligen zu versinnlichen. – »Eines Tags,« fuhr sie fort, »nie werde ich ihn vergessen, ging ich wie gewöhnlich zum Beichtstuhle, ein Bekenntniß meiner Sünden abzulegen Mit zur Erde gesenkten Augen kniete ich vor dem Vater, und sagte mit leiser Stimme meine Beicht. Ich hatte nur ein Verbrechen zu bejammern, die zu zärtliche Erinnerung an den, um welchen ich klagte, und dessen meinem Herzen eingeprägtes Bild es zu einer befleckten Opfergabe für die Gottheit machte. Der Laut eines tiefen Schluchzens unterbrach meine Beicht; ich schlug die Augen auf, und o Gott! mit welchem Gefühle erkannte ich in den Zügen des heiligen Vaters meinen einst so geliebten Angelo! Sein Bild stand wie ein Traum gegen mir über, und leblos sank ich zu seinen Füßen hin. Als ich wieder erwachte, fand ich mich auf meiner Matte, und eine Schwester bey mir, aus deren Gespräche ich merkte, daß sie die Ursache meiner Erschütterung nicht wußte. Krankheit hielt mich einige Tage im Bett; als ich wieder aufstand, sah ich Angelo nicht mehr, und hätte beynahe meinen Sinnen gemißtrauet, und geglaubt, daß eine Erscheinung vor mir vorüber gegangen sey, als ich eines Tages ein beschriebenes Papier in meiner Zelle fand. Ich erkannte auf den ersten Blick Angelo's Züge, diese wohl bekannten Züge, die so oft mich zu andern Empfindungen erweckt hatten! Ich zitterte bey dem Anblicke – mein klopfendes Herz erkannte die geliebten Züge an; ein kalter Schauder durchbebte mich; halb athemlos ergriff ich das Papier. Bald aber besann ich mich – ich stand an – Pflicht gab endlich der stärkern Versuchung nach, und ich las die Zeilen, o diese Zeilen, von Verzweiflung eingehaucht – von meinen Thränen bethaut! jedes Wort gab meinem Herzen einen neuen Stich, und schwellte seine Todespein über das Vermögen der Menschheit an. Ich las, daß Angelo in einer auswärtigen Schlacht schwer verwundet als todt auf dem Felde blieb; daß die Menschlichkeit eines gemeinen feindlichen Soldaten, der einige Zeichen des Lebens an ihm wahrnahm, und ihn in ein Haus brachte, sein Leben rettete. Man verschaffte ihm schleunige Hülfe; allein seine Wunden hatten den gefährlichsten Anschein. Einige Stunden lang schmachtete er zwischen Leben und Tod, bis endlich seine Gesundheit und Jugendkraft den Kampf überstanden, und er nach Neapel zurück kehrte. Hier sah er meinen Bruder, der bey seinem Anblicke vor Erstaunen und Schmerz außer sich gerieth, und ihm alles, was vorgegangen war, und die Gelübde, die ich auf das Gerücht von seinem Tode abgelegt hatte, erzählte. – Es wäre überflüssig, die unmittelbare Wirkung dieser Erzählung zu erwähnen; die endliche Wirkung derselben legte einen seltnen Beweis seiner Liebe und Verzweiflung an den Tag. – Er widmete sich dem Klosterleben, und wählte diese Abtey zum Orte seines Aufenthalts, weil sie den theuersten Gegenstand seiner Zärtlichkeit in sich faßte. Er benachrichtigte mich in seinem Briefe, daß er absichtlich vermieden, sich mir zu entdecken, und sich damit begnügt hätte, mich von Zeit zu Zeit im Stillen zu sehen, bis der Zufall jene unglückliche Zusammenkunft herbey führte. Da aber die Wirkungen davon so gegenseitig schmerzhaft gewesen wären, so wollte er mich von der Furcht eines ähnlichen Auftritts durch die Versicherung befreyen, daß ich nie ihn wieder sehen würde. Er blieb seinem Versprechen treu; ich habe ihn von diesem Tage an nicht wieder erblickt, und weiß gar nicht einmahl, ob er noch in diesen Mauern wohnt. Das Aufbiethen aller Kraft der Religion, und die gerechte Besorgniß, Aufsehen zu erregen, haben mich vom Nachfragen abgehalten. Allein der Augenblick unsers letzten Sehens ist gleich zerrüttend für meinen Frieden und für meine Gesundheit gewesen, und ich hoffe, bald von den qualvollen, ohnmächtigen Kämpfen erlöst zu werden, womit das Bewußtseyn unvollkommen erfüllter heiliger Gelübde und irdischer, nicht ganz unterjochter Empfindungen diese Brust zerreißt.«

Cornelia schwieg, und Julie, die mit tiefer Aufmerksamkeit ihrer Erzählung zugehört hatte, bewunderte, liebte und beklagte sie zugleich. Als Hippolytus Schwester neigte ihr Herz sich zu ihr hin, und unverbrüchlich ketteten die feinen Bande sympathetischen Kummers es an sie. Gleichförmigkeit der Empfindungen und Leiden vereinigte sie mit den festesten Banden der Freundschaft, und so floß aus Erwiederung der Gedanken und Gefühle ein reiner, süßer Trost. Julie hing gern dem traurigen Vergnügen nach, von Hippolytus zu reden, und in dieser Beschäftigung schlichen unmerklich die Stunden vorüber. Tausend Fragen wiederhohlte sie von ihm; allein auf die, welche am meisten sie interessirte, erhielt sie keine befriedigende Antwort. Cornelia, die von der unglücklichen Begebenheit auf dem Schlosse Mazzini gehört hatte; bedauerte mit ihr die nur zu gewisse Folge derselben. –Julie gewöhnte sich, an schönen Abenden, unter den Schatten der hohen Bäume, die rings um die Abtey standen, spazieren zu gehen. Die unzähligen Rosenfarben, welche die erlöschenden Sonnenstrahlen an die Felsenhöhen warfen, der Purpurglanz, der sich über die romantische Gegend unten ergoß, und die sanft vor dem Auge erlosch, so wie die Nachtschatten herab fielen, erregten ein süßes Gemisch von Empfindungen in ihr, und senkten ihren Kummer in kurze Vergessenheit. Die tiefe Einsamkeit des Orts ertödtete ihre Besorgnisse, und eines Abends wagte sie es, mit Madame de Menon ihren Spaziergang zu verlängern. Sie kehrten nach der Abtey zurück, ohne ein menschliches Wesen gesehen zu haben, außer einen Mönch aus dem Kloster, der in der benachbarten Stadt Lebensmittel eingekauft hatte. Am folgenden Abende wiederhohlten sie ihren Spaziergang, und im Gespräche verwickelt, entfernten sie sich weit von der Abtey. Die entfernte Glocke des Klosters, die zur Vesper läutete, erinnerte sie an die Stunde; sie sahen sich um, und sahen die äußerste Spitze des Waldes. Sie kehrten um, und wollten wieder nach der Abtey gehen, als einige majestätische Säulen, die zwischen den Bäumen hervor ragten, ihnen ins Auge fielen. Sie standen stille. Neugier reizte sie zu untersuchen, zu welchem Gebäude Säulen von so prächtiger Bauart in einer so rauhen Gegend gehören konnten. – Auf der Spitze eines Felsens, der über das Thal herab hing, zeigten sich die Rudera eines Pallastes, dessen Schönheit die Zeit nur verheeret hatte, um seine Erhabenheit zu erhöhen. Ein Schwibbogen von auszeichnender Pracht, hinter welchem wilde Klippen in weiter Ferne zurück wichen, war noch beynahe ganz geblieben. Die eben untergehende Sonne warf einen zitternden Glanz auf die Ruinen, und vollendete die Wirkung der Scene. Sie starrten in stummer Verwunderung den Anblick an; allein das schwindende Licht, und die thauige Kühle der Luft mahnte sie zurück zu kehren. Als Julie den letzten Blicks auf die Gegend warf, sah sie in einiger Entfernung zwey Leute im eifrigen Gespräche begriffen an die Ruinen gelehnt. So wie sie sprachen, richteten sie so aufmerksam ihre Blicke auf sie, daß sie nicht zweifeln konnte, sie selbst sey der Gegenstand ihres Gesprächs. Beunruhigt ging sie eilends mit Madame nach der Abtey zurück. Sie gingen schnell durch das Holz, dessen Schatten durch die Dunkelheit des Abends verdickt, sie verhinderte zu bemerken, ob sie verfolgt würden. Sie erstaunten, als sie wahrnahmen, wie weit sie sich vom Kloster verirrt hatten, dessen dunkle Thürme sie nur verworren durch die Bäume, welche die Aussicht schlossen, aufsteigen sahen. Beynahe hatten sie die Thore erreicht, als sie zurück blickten, und eben die Leute langsam heran kommen sahen, nicht als ob sie die Absicht hätten, sie zu verfolgen, sondern bloß, als wollten sie den Ort, nach welchem sie zurück gingen, beobachten. Dieser Umstand beunruhigte Julien aufs höchste. Sie mußte nothwendig glauben, daß diese Leute Spione des Marquis wären; – war dieses gegründet, so war ihre Zuflucht entdeckt, und sie hatte alles zu fürchten. Madame glaubte nunmehr, daß es für Juliens Sicherheit nothwendig sey, dem Abt ihre Geschichte zu eröffnen, und ihm zu entdecken, daß sie eine heilige Zuflucht in seinem Kloster gesucht hatte, und ihn anflehte, sie vor väterlicher Tyranney zu schützen. Dieß war ein gewagter, aber nothwendiger Schritt, um der gewissen Gefahr vorzubeugen, worein sie gerathen mußte, wenn der Marquis seine Tochter von dem Abte forderte, und der erste war, der ihn mit ihrer Geschichte bekannt machte. Handelte sie anders, so mußte sie befürchten, daß der Abt, dessen Großmuth sie sich nicht vertraute, dessen Mitleid sie nicht angefleht hatte, sie aus stolzer Empfindlichkeit ausliefern, und daß sie so das gewisse Schlachtopfer des Herzogs von Luovo werden würde. Julie billigte diese Eröffnung, ob sie gleich für den Ausgang derselben zitterte, und bath Madame, bey dem Abt ihre Sache zu führen. Am folgenden Morgen also hielt Madame um eine Audienz bey dem Abt an; sie erhielt Erlaubniß, ihn zu sehen, und mit zitternder Angst begleiteten Juliens Augen sie nach seinem Zimmer. Die Conferenz war lang und jeder Augenblick schien Julien eine Stunde zu seyn, die in furchtvoller Erwartung mit Cornelien auf den Ausspruch horchte, der ihr Schicksal entscheiden mußte. Sie war jetzt Corneliens unzertrennliche Gefährtinn, deren abnehmende Gesundheit ihr Mitleid anzog, und ihre Zärtlichkeit verstärkte. Indessen eröffnete Madame dem Abte Juliens traurige Geschichte. Sie pries ihre Tugenden, lobte ihre Vorzüge, und beklagte ihre Lage. Sie schilderte ihm die Charaktere des Marquis und Herzogs, und schloß damit, ihm nachdrücklich vorzustellen, daß Julie in diesem Kloster eine letzte Zuflucht vor Ungerechtigkeit und Elend gesucht hätte, und ihn anzuflehen, ihr sein Mitleid und seinen Schutz zu gewähren. – Der Abt beobachtete, während sie sprach, ein finstres Stillschweigen; seine Augen waren zur Erde gestreckt, und seine Miene nachdenkend und feyerlich. Als sie ausgeredet hatte, folgte eine tiefe Stille, und sie saß in ängstlicher Erwartung da. Sie suchte aus seinem Gesichte seine Antwort voraus zu lesen, konnte aber keinen Trost daraus schöpfen. Endlich richtete er den Kopf auf, und aus seiner tiefen Träumerey erwachend, sagte er ihr, daß ihr Gesuch Überlegung fordere, und daß der Schutz, den sie für Julien verlangte, ihn in sehr ernsthafte Folgen verwickeln könnte, da man von einem so entschlossenen Charakter, als der Marquis besäße, sehr gewaltsame Maßregeln erwarten müßte. »Sollte seine Tochter ihm verweigert werden,« so schloß er, »so könnte er es sogar wagen, dieß Heiligthum zu verletzen.« Madame, von der finstern Gleichgültigkeit seiner Antwort betroffen, schwieg einen Augenblick. Der Abt fuhr fort: »Wozu ich mich auch entschließen mag, so hat das junge Frauenzimmer immer Ursache, sich Glück zu wünschen, in diesem heiligen Hause aufgenommen worden zu seyn; denn ich will jetzt sogar wagen, ihr zu versichern, daß, wenn der Marquis sie nicht zurück fordert, ihr unbelästigt in diesem Heiligthume zu bleiben vergönnt werden soll. Sie, Madame, werden diese Nachsicht und den Werth des Opfers fühlen, welches ich durch die Gewährung derselben bringe; denn indem ich also ein Kind vor seinem Vater verhehle, bestärke ich es im Ungehorsam, und opfre folglich mein eigenes Gefühl von Pflicht dem auf, was mit Recht eine schwache Menschlichkeit genannt werden kann.«

Madame hörte mit schweigendem Kummer und Unwillen diese pomphafte Deklamation an. Sie machte noch einen Versuch, den Abt für Julien zu interessiren; allein er beharrte auf seiner finstern Unbiegsamkeit, wiederhohlte, daß er die Sache in Überlegung nehmen, und ihr die Entscheidung kund thun wollte, stand mit großer Feyerlichkeit auf, und verließ das Zimmer. Sie bereuete nun beynahe, Vertrauen auf ihn gesetzt, und sein Mitleid angefleht zu haben, da er Eine Seele zeigte, die unfähig war, das eine zu schätzen, und den Einfluß des Andern zu fühlen. Mit schwererm Herzen kehrte sie zu Julien zurück, die in ihrem Gesichte, so wie sie herein trat, Neuigkeiten von keinem glücklichen Inhalte las. Als Madame ihr die nähern Umstände der Unterredung mittheilte, ahndete Julie nur Elend vorher, gab sich für verloren, und brach in Thränen aus. Sie bejammerte heimlich das Vertrauen, wozu sie sich hatte bereden lassen; denn sie sah sich jetzt in den Händen eines von Natur strengen, fühllosen Mannes, dem sie, wenn er es für gut hielte, sie zu verrathen, auf keine Weise entwischen konnte. Allein sie verhehlte die Angst ihres Herzens, und um Madame zu trösten, stellte sie sich, als ob sie hoffte, wo sie nur verzweifeln konnte. Einige Tage verstrichen, und keine Antwort vom Abte erschien. Julie verstand nur zu gut dieses Schweigen. Eines Morgens kam Cornelia mit ängstlicher, unruhiger Miene in ihr Zimmer, und sagte ihr, daß Abgesandte vom Marquis im Kloster wären; daß sie am Sprachgitter nach dem Abte gefragt hätten, bey dem sie wichtige Geschäfte zu haben gesagt hatten. Der Abt hatte ihnen sogleich Audienz gegeben, und sie waren jetzt in tiefem Gespräche mit ihm begriffen. Bey dieser Nachricht verließen Julien ihre Lebensgeister; sie zitterte, erblaßte, und stand in stummer, starrer Verzweiflung da. Madame, obgleich kaum weniger geängstigt, behielt ihre Gegenwart des Geistes bey. Sie kannte jetzt den Charakter des Priors zu gut, um zu zweifeln, daß er ohne Bedenken Julien des Marquis Händen ausliefern würde. An diesem Augenblicke also hing die Krisis ihres Schicksals! – Diesen Augenblick konnte sie noch entwischen; im nächsten war sie Gefangene. Sie rieth also Julien, den Zeitpunct zu benutzen, und aus dem Kloster zu fliehen, bevor die Conferenz geendigt sey, weil man alsdann die Thore vor ihr verschließen würde, und versprach ihr zugleich, sie auf ihrer Flucht zu begleiten. Madame's großmüthiges Betragen lockte Thränen der Dankbarkeit aus Juliens Augen, die jetzt aus dem Zustande der Betäubung, worein Schrecken sie gestürzt hatte, erwachte. Ehe sie aber ihrer treuen Freundin danken konnte, kam eine Nonne herein, und rief Madame auf, unverzüglich zum Abte zu kommen. Madame rieth Julien zu entwischen, während sie den Abt im Gespräch aufhielte, weil es nicht wahrscheinlich war, daß er bereits Befehl, sie zurück zu halten, ertheilt hätte. Sie überließ sie der Ausführung dieses Vorsatzes mit der Versicherung, ihr so bald als möglich aus der Abtey zu folgen. Ihre kalte Entschlossenheit verließ sie, als sie sich des Abts Zimmer näherte, und sie wurde ungewisser über die Ursache seines Befehls. Der Abt war allein. Sein Gesicht war bleich vor Ärger, und mit langsamen, aber unruhigen Schritten ging er im Zimmer auf und ab. Die finstre Strenge seines Blicks erschreckte sie. – »Lesen Sie diesen Brief,« sagte er, und reichte die Hand dar, worin er einen Brief hielt; »lesen Sie, und sagen Sie mir, was der Sterbliche verdient, welcher unsern heiligen Orden zu schmähen und unserm geweihten Vorrechte Trotz zu biethen wagt!« Madame erkannte die Handschrift des Marquis, und die Worte des Priors setzten sie in das äußerste Erstaunen. Sie nahm den Brief. Er war von dem Geiste stolzer, rachsüchtiger Wuth eingegeben, welcher so stark den Charakter des Marquis stämpelte. Da er Juliens Aufenthalt entdeckt hatte, und glaubte, daß das Kloster ihr eine willige Zuflucht vor seiner Verfolgung gewährte, klagte er den Abt an, daß er sein Kind in offenbarer Auflehnung gegen seinen Willen bestärkte. Er belud ihn und seinen geheiligten Orden mit Schmähungen, und drohte, wofern er nicht unverzüglich Julien den wartenden Bothschaftern auslieferte, in Person eine Macht herbey zu führen, welche die Kirche zwingen sollte, der höhern Gewalt des Vaters zu weichen. Des Abts Stolz war durch diese Drohung aufgereizt; und Julie erhielt von seinem geistlichen Hochmuthe den Schutz, welchen weder seine Grundsätze, noch seine Menschlichkeit ihr gewährt haben würden. »Der Mann soll zittern,« rief er, »welcher unsrer Macht Trotz zu biethen, unsre heilige Obergewalt in Zweifel zu ziehen wagt. Donna Julie ist sicher. Ich will sie vor diesem stolzen Schmäher unsrer Rechte beschützen, und ihn wenigstens die Macht zu verehren lehren, welche er nicht überwältigen kann. Ich habe mit dieser Antwort seine Bothschafter zurück geschickt.«

Diese Worte strahlten plötzliche Freude in Madame de Menons Herz; allein sie besann sich sogleich, daß Julie jetzt bereits die Abtey verlassen hätte, und daß eben die Vorsicht, welche ihr Sicherheit verschaffen sollte, sie wahrscheinlich in die Hände ihres Feindes gestürzt haben würde. Dieser Gedanke verwandelte ihre Freude in Angst, und in wilder Hoffnung, daß Julie vielleicht noch nicht fort sey, wollte sie aus dem Zimmer stürzen, als des Abts finstre Stimme sie zurück hielt.

»Nehmen Sie so die Ankündigung unsers großmüthigen Entschlusses auf, Ihre Freundinn zu beschützen? Verdient solche herab lassende Güte keinen Dank? – ist sie nicht werth, erkannt zu werden?« Madame kehrte um, in tödlicher Angst, daß ein Augenblick Verzug Juliens Unglück seyn könnte, wenn sie das Kloster noch nicht verlassen hätte. Sie fühlte, daß sie sich den Schein eines Mangels an Dankbarkeit gegeben hatte, und daß ihr plötzliches Fortgehen, welches sie nicht entschuldigen konnte, ohne ein Geheimniß zu verrathen, das seine ganze Rache entflammt haben würde, den Abt sehr befremden mußte. Indessen verlangte sein Zorn ein Sühnopfer, und diese Umstände setzten sie in die peinlichste Verlegenheit. Sie brachte eine kurze Entschuldigung hervor, und nachdem sie ihren Dank für seine Güte ausgedrückt hatte, versuchte sie wieder fortzugehen, als der Abt in tiefem Unwillen die Stirn runzelte, und mit Zorn funkelnden Augen von seinem Sitze aufstand. »Bleiben Sie!« sagte er; »woher diese Ungeduld, vor ihrem Wohlthäter zu fliehen? – Wenn meine Großmuth keinen Dank erregen konnte, so soll wenigstens mein Zorn Furcht erregen. Seit Donna Julie fühllos gegen meine Herablassung ist, ist sie meines Schutzes unwerth, und ich will sie dem Tyrannen, der sie fordert, überantworten.«

Mit fürchterlicher Ungeduld hörte Madame auf diese Rede, wodurch der Abt, dessen beleidigter Stolz alles Gefühl von Gerechtigkeit überwältigte, Julien für den Fehler ihrer Freundinn zu strafen drohte. Jedes Wort, das sie zurück hielt, stach Todesqual in ihr Herz; allein das Schlußurtheil verursachte ihr neuen Schrecken, und sie bebte vor demselben zurück. In Todesqual fiel sie dem Abt zu Füßen. – »Hochwürdiger Vater!« sagte sie; »strafen Sie nicht Julien für die Beleidigung, welche ich allein beging; ihr Herz wird ihren großmüthigen Beschützer segnen, und auch ich, genehmigen Sie die Versicherung, ich fühle aufs vollkommenste den Werth Ihrer Güte.«

»Schicken Sie Donna Julie selbst zu mir!« sagte der Abt.

Dieser Befehl vermehrte Madame's Bestürzung, die nicht zweifelte, daß ihr unfreywilliges Zögern für Julien unglücklich gewesen sey. Endlich durfte sie fort gehen, und zu ihrer unaussprechlichen Freude fand sie Julien in ihrem Zimmer. Die Furcht, des Marquis Leuten in die Hände zu fallen, hatte ihren Entschluß, zu fliehen, überwältigt. Sie wurde durch Cornelien in dieser Furcht bestärkt, die ihr sagte, daß eben jetzt einige Leute zu Pferde vor dem Thore auf die Zurückkunft ihrer Gefährten warteten. Dieses war eine schreckliche Nachricht für Julien, welche nun einsah, daß es ganz unmöglich war, das Kloster zu verlassen, ohne sich in gewisses Verderben zu stürzen. Sie bejammerte ihr Geschick, als Madame herein trat, und ihr den Inhalt ihrer Unterredung und den Befehl des Abts hinterbrachte. – Sie mußten nun die Wirkung der zärtlichen Angst fürchten, welche sein Zorn aufgereizt hatte, und Julie, die bey seinem ersten Entschlusse in freudiges Entzücken gerieth, sank plötzlich bey seiner letzten Erklärung in Verzweiflung. Sie erbebte vor der bevor stehenden Unterredung, obgleich jedes Augenblicks Zögern, das ihre Furcht erflehte, den Zorn des Abts erhöhen, und nur die gefürchtete Gefahr vermehren mußte. – Endlich that sie sich eine plötzliche Gewalt an; sie rief ihren Muth auf, und eilte nach des Abts Zimmer, um ihr Urtheil zu empfangen. Er saß in seinem Stuhle, und sein finstrer Blick machte ihr Herz gefrieren. – »Tochter!« hob er an; »du hast dich abscheulicher Verbrechen schuldig gemacht. Du hast die gesetzmäßige Autorität deines Vaters nicht nur zu bestreiten, nein, dich öffentlich dagegen aufzulehnen gewagt. Du bist dem Willen desjenigen ungehorsam gewesen, dessen Vorrecht nur dem unsrigen weicht. Du hast sein Recht in einem Punkte in Zweifel gezogen, der unter allen der entscheidendste ist: das Recht eines Vaters, über die Heirath seines Kindes zu bestimmen. Du bist sogar aus seinem Schutze geflohen, und hast es gewagt, hinterlistig und niederträchtig hast du's gewagt, deinen Ungehorsam hinter diesem heiligen Obdache zu beschirmen. Du hast durch dein Verbrechen unser Heiligthum entweiht; du hast Schmach auf unsern geweihten Orden gebracht, und unserm hohen Vorrechte frevelhaften Trotz zugezogen. Welche Strafe ist einer Schuld, gleich dieser, gemäß?«

Der hochwürdige Vater hielt inne, seine Augen fest auf Julien gerichtet, die blaß und zitternd kaum sich aufrecht halten konnte, und nicht zu antworten vermochte.

»Ich will barmherzig, und nicht gerecht seyn,« sagte er; »ich will die Strafe, die du verdientest, mildern, und dich bloß deinem Vater überantworten.«

Bey diesen schrecklichen Worten brach Julie in Thränen aus, sank zu den Füßen des Abts, zu dem sie flehend ihre Augen aufschlug, war aber unfähig zu sprechen. Er ließ sie in dieser Stellung bleiben.

»Deine Falschheit,« fuhr er fort, »ist nicht die kleinste deiner Beleidigungen. Hättest du dich um Vergebung und Schutz an unsere Großmuth gewendet, so würde dir vielleicht Nachsicht gewährt seyn: allein du verbargst deine Laster unter der Maske der Tugend, und deine Bedürfnisse wurden unter dem Schleyer der Andacht verhehlt.«

Diese falschen Anklagen regten in Julien den Stolz geschmähter Tugend auf; mit einer Würde, die selbst den Abt betroffen machte, sagte sie: »Hochwürdiger Vater, mein Herz verabscheut das Verbrechen, dessen Sie erwähnen, und läugnet alle Gemeinschaft damit ab. Was auch meine Beleidigungen seyn mögen, von der Sünde der Häucheley weiß ich mich wenigstens frey, und Sie werden

mir verzeihen, wenn ich Sie erinnere, daß mein Vertrauen stets so war, daß es vollkommen meine Ansprüche auf den Schutz, um welchen ich ansuche, rechtfertigt. Wenn ich in diesen Mauern Zuflucht suchte, so geschah es in der Vermuthung, daß sie mich vor Ungerechtigkeit beschützen würden; und gewiß, hochwürdiger Herr! würden Sie das Betragen des Marquis mit keinem andern Ausdrucke benennen, wenn nicht die Furcht vor seiner Macht die Gebothe der Wahrheit überwältigte.«

Der Abt fühlte die ganze Stärke dieses Vorwurfs; weil er aber zu stolz war, es sich merken zu lassen, hielt er seine Empfindlichkeit zurück. Da sein verwundeter Stolz so aufgereizt, und alle bösartigen Leidenschaften seiner Natur so zur Thätigkeit aufgerufen waren, fühlte er sich in der That zu der grausamen Auslieferung geneigt, die er zuvor nicht ernstlich beabsichtet hatte. Sein hochmüthiger Geist trieb ihn an, die unabsichtliche Beleidigung der Madame de Menon zu strafen, und er fand ein Wohlgefallen daran, einen Schrecken zu erregen, den er nie zu verwirklichen dachte, bloß um sich noch weiter um den Schutz anflehen zu lassen, den zu gewähren er bereits entschlossen war. Allein dieser Vorwurf von Julien traf ihn auf seiner empfindlichsten Seite, weil er sich der Wahrheit desselben bewußt war, und der kurze Triumph, den er nach seiner Meinung ihr gewährte, zündete seine Empfindlichkeit zur Flamme an. Er sann in unbeweglicher Stellung in seinem Stuhle nach. – Sie sah in seinem Gesichte das tiefe Arbeiten seiner Seele – sie bildete sich das Schicksal ab, das er ihr bereitete, und stand in zitternder Angst, ihr Urtheil zu empfangen. – Der Abt erwog jeden erschwerenden Umstand von des Marquis Drohung, jedes Wort von Juliens Rede, und seine Seele erfuhr, daß das Laster nicht nur mit der Tugend, sondern mit sich selbst unbestehend ist – er sah, daß er, um seine Boßheit zu befriedigen, seinen Stolz aufopfern mußte, da es unmöglich war, den Gegenstand der ersten zu strafen, ohne sich die Befriedigung des letzten zu versagen. Diese Betrachtung hielt seine Seele in einem qualvollen Zustande, und er saß da in finstres Schweigen gehüllt. – Der Muth, welcher kurz zuvor Julien beseelte, war mit ihren Worten verschwunden – jeder Augenblick des Stillschweigens vermehrte ihre Angst; das tiefe Brüten seiner Gedanken bestärkte sie in ihren traurigen Ahndungen, und mit aller kunstlosen Beredtsamkeit des Schmerzes suchte sie ihn zum Mitleide zu besänftigen. In mürrischem Stillschweigen hörte er ihren Bitten zu. Jeder Augenblick kühlte jetzt die Gluth seines Zorns gegen sie ab, und verstärkte sein Verlangen, sich dem Marquis entgegen zu stemmen. Endlich nahmen die herrschenden Grundzüge seines Charakters ihren gewohnten Einfluß wieder an, und überwältigten die Anreizungen untergeordneter Leidenschaften. Stolz auf seine geistliche Gewalt, beschloß er, nimmer das Vorrecht der Kirche dem des Vaters nachzusetzen, und der Gewalt des Marquis mit gleicher Gewalt zu begegnen. – Er ließ sich also herab, Julien von ihrer Angst zu befreyen, und sie seines Schutzes zu versichern; allein dieses geschah auf eine so unholde Art, daß die Dankbarkeit, welche das Versprechen heischte, beynahe dadurch vernichtet wurde. Julie eilte mit der fröhlichen Nachricht zu Madame de Menon, die, Thränen gerührter Freude an ihrem Halse weinte.


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