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IV.

Hippolytus, der unter einer langen und gefährlichen Krankheit geseufzt hatte, welche seine Wunden erzeugten, und sein Seelenschmerz erhöhte und verlängerte, lag in einer kleinen Stadt an der Küste von Calabrien darnieder, und wußte noch nichts von Corneliens Tode. Er zweifelte kaum, daß Julie jetzt dem Herzoge geopfert sey, und dieser Gedanke war seinem Herzen Gift. So bald er seine Sinne wieder erhielt, schickte er einen Bedienten auf das Schloß Mazzini, um insgeheim Nachricht von dem, was seit seiner Abreise vorgegangen war, einzuziehen. Die Begierde, womit wir nach allem haschen, was uns dem Elende entreißen kann, ließ ihn zuweilen einer entfernten, romanhaften Hoffnung nachhangen, daß Julie noch für ihn lebe. Doch schwand auch diese Hoffnung endlich in Verzweiflung, als die Zeit verstrich, ohne daß sein Bedienter von Sicilien wieder kam. Tage und Wochen schlichen in äußerster Angst für Hippolytus dahin; denn noch immer ließ sein Abgesandter sich nicht erblicken; endlich vermuthete er, daß er von Räubern ergriffen, oder von dem Marquis entdeckt und zurück gehalten sey, und schickte einen zweyten Bothen nach dem Schlosse Mazzini ab. Durch diesen erfuhr er die Nachricht von Juliens Flucht, und sein Herz hüpfte vor Entzücken; schnell aber wurde sein Freude gedämpft, als er weiter hörte, daß der Marquis ihre Zuflucht im St. Augustinerkloster entdeckt hatte. Die Wunden, die ihn noch immer in Verhaft hielten, waren ihm jetzt unerträglich. Julie konnte auf immer für ihn verloren seyn. Allein selbst sein gegenwärtiger Zustand der Furcht und Ungewißheit war Segen, mit der Angst der Verzweiflung verglichen, die seine Seele so lange gefoltert hatte. So bald er hinlänglich hergestellt war, ging er nach Sicilien, in der Absicht, das St. Augustinerkloster zu besuchen, wo vielleicht Julie noch seyn konnte. Um so geheim, als es sein Plan erforderte, überzuschiffen, und den Angriffen des Marquis zu entwischen, ließ er seine Bedienten in Calabrien, und setzte sich allein zu Schiffe. Es war Morgen, als er an einem kleinen Hafen von Sicilien landete, und er machte sich sogleich nach der St. Augustinerabtey auf. So wie er fortritt, ging seine Einbildungskraft in die frühen Scenen seiner Liebe, in Juliens Unglück, in Ferdinands Leiden zurück, und sein Herz schmolz bey der Erinnerung. Er hielt es dann für wahrscheinlich, daß Julie in dem Mitleide des Abts Schutz vor ihrem Vater gefunden hatte; ja er wagte sogar einem schmeichelhaften, süßen Vorgenusse des Augenblicks nachzuhangen, der sie seinem Anblicke wieder gäbe. Er langte im Kloster an, und man denke sich seinen Schmerz, als er den Tod seiner geliebten Schwester und Juliens Flucht erfuhr. Ohne Verzug verließ er die Abtey, ohne einmahl zu wissen, daß Madame de Menon daselbst war, und wollte nach einer Stadt, einige Meilen weit, reiten, wo er die Nacht zuzubringen dachte. Versenkt in schwermüthigen Betrachtungen ließ er seinem Pferde die Zügel, und ritt fort, ohne auf seinen Weg zu achten. Der Abend war weit angebrochen, als er wahrnahm, daß er eine falsche Richtung genommen, und sich in einer wilden, einsamen Gegend verirrt hatte. Er war zu weit von der rechten Straße abgekommen, als daß er hoffen durfte, sie wieder zu erreichen, und hatte außer dem nicht auf die Gegenstände, die er hinter sich ließ, geachtet. Nur eine Wahl zwischen Irrwegen lag vor ihm. Zur Rechten sah er hohe, wilde Gebirge, mit Haide und schwarzem Strauchwerk bewachsen; ihr wildes, ödes Ansehen, und der sichtlich gefährliche Pfad, der sich daran hinauf wand, und die einzige Spur war, die man erblickte, hielt Hippolytus ab, sich hinauf zu wagen. Zur Linken lag ein Wald, nach welchem der Pfad, worauf er jetzt war, führte: er hatte ein düstres Ansehen; doch zog er ihn den Bergen vor, und da er den Umfang desselben nicht wußte, hielt er es für möglich, ihn zu passiren, und vor Einbruch der Nacht ein Dorf zu erreichen. Auf allen Fall mußte ihm der Wald eine Zuflucht vor den Winden verschaffen; und wenn er auch selbst sich in den Irrgängen desselben verirrte, konnte er einen Baum ersteigen, und sicher ruhen, bis das wieder anbrechende Licht ihm den Weg wiese, sich heraus zu finden. Zwischen den Gebirgen konnte er möglicher Weise keine andre Zuflucht finden, als die eine menschliche Wohnung ihm gewährte; und diese anzutreffen, war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden. Noch außer dem drohten ihm dort unzählige Gefahren, vor welchen er auf ebnem Grunde gesichert war. Nachdem er also bey sich beschlossen hatte, welchen Weg er verfolgen wollte, setzte er sein Pferd in Galopp, und erreichte den Wald, als die letzten Strahlen der Sonne auf den Bergen zitterten. Das dicke Laub der Bäume verbreitete rings umher eine Dunkelheit, welche die Schatten des Abends mit jedem Augenblicke vertieften. Der Weg lief ununterbrochen fort, und der Graf verfolgte ihn, bis alle Unterscheidung sich in den Schleyer der Nacht verlor. Gänzliche Finsterniß machte es ihm jetzt unmöglich, seinen Weg fortzusetzen. Er stieg ab, band sein Pferd an einen Baum, und kletterte an den Zweigen hinauf, um bis zum Morgen daselbst zu bleiben. Er war nicht lange in dieser Lage gewesen, als ein verworrener Schall von Stimmen in der Ferne seine Aufmerksamkeit anzog. Der Schall kam von Zeit zu Zeit wieder, ohne daß er aber näher zu dringen schien. Er stieg vom Baume herunter, um besser von der Richtung, woher er kam, urtheilen zu können; allein ehe er den Grund erreichte, hörte das Getön auf, und alles war stille. Er horchte weiter; da aber die Stille ununterbrochen blieb, fing er an zu glauben, daß das Pfeifen des Windes zwischen den Blättern ihn getäuscht hätte, und schickte sich an, wieder hinauf zu steigen, als er ein schwaches Licht von fern durch die Bäume schimmern sah. Dieser Anblick regte die Hoffnung in ihm auf, daß er nahe bey einem menschlichen Wohnorte sey; er band sein Pferd los, und führte es nach der Gegend, woher der Strahl kam. Der Mond war nun aufgegangen, und warf einen gebrochenen Schimmer, hinlänglich ihm zu leuchten, auf seinen Pfad. – Ehe er noch weit gegangen war, verschwand das Licht. Er suchte sich indessen immer so nahe, als möglich, nach dem Orte zu halten, woher es gekommen war, und nach vieler Mühe drang er bis zu einem Orte durch, wo die Bäume rings um einen grünen Platz einen Kreis bildeten. Das Mondlicht ließ ihn ein Gebäude wahrnehmen, welches ehemahls ein Kloster gewesen zu seyn schien, jetzt aber nur einen Haufen von Ruinen zeigte, deren Größe durch den Verfall erhöht, den, der sie sah, mit Ehrerbiethung erfüllte. Hippolytus stand stille, um diesen Anblick anzustarren; die geheiligte Stille der Nacht erhöhte seine Wirkung, und ein geheimes Grausen, er wußte selbst, nicht woher, schlich sich in sein Herz. – Die Stille und das Ansehen des Platzes machte ihn zweifelhaft, ob dieß der Ort sey, den er suchte, und er stand unschlüssig, ob er fortgehen oder umkehren sollte, als er eine Gestalt unter einer Wölbung stehen sah. Sie trug ein Licht in der Hand, und ging schweigend fort, bis sie endlich in einem fernen Theile des Gebäudes verschwand. Hippolytus Muth verließ ihn auf einen Augenblick; dennoch überwältigte eine unüberwindliche Neugier sein Grausen, und er beschloß, wo möglich, den Weg, den die Gestalt genommen hatte, zu verfolgen. – Über lose Steine weg kam er in eine Art von Hof, bis er den gewölbten Gang erreichte. Hier stand er stille; denn seine Furcht kehrte wieder. Er raffte indessen seinen Muth zusammen, und ging weiter, indem er sich bemühte, den Weg, den die Gestalt genommen hatte, zu verfolgen, bis er sich plötzlich in einem eingeschloßnen Platze der Ruinen befand, dessen Ansehen wilder und öder war, als alles, was er noch gesehen hatte. Von unbezwinglichem Grausen ergriffen, wollte er zurück gehen, als die dumpfe Stimme einer bedrängten Person ihm ins Ohr drang. Sein Herz sank in ihm, seine Glieder bebten, und er war außer Stande, sich fortzubewegen – Der Ton, der das letzte Winseln eines Sterbenden zu seyn schien, wurde wiederhohlt. Hippolytus that sich eine plötzliche Gewalt an, sprang vorwärts, als ein Licht aus einem zerbrochenen Fenster des Gebäudes hervor brach, und er zu gleicher Zeit Menschenstimmen hörte. – Er ging leise nach dem Fenster zu, und sah in einem kleinen Zimmer, welches weniger verfallen war, als das übrige des Gebäudes, eine Gruppe von Menschen, die, aus ihren wilden Blicken und ihrer Kleidung zu urtheilen, Banditen waren. Sie umringten einen Menschen, der verwundet, und im Blut gebadet, auf der Erde lag, und von dem, allem Ansehen nach, das Winseln gekommen war. – Die Dunkelheit des Orts, den das Licht nur schwach erleuchtete, und die umringenden Banditen verhinderten Hippolytus, die Züge des Sterbenden zu unterscheiden. Aus dem Blute, das ihn bedeckte, und aus andern Umständen zu urtheilen, schien er ermordet zu seyn; und der Graf zweifelte nicht, daß die Leute, die er sah, seine Mörder wären. Das Schreckhafte der Scene überwältigte ihn ganz; er stand in den Boden eingewurzelt, und sah die Mörder die Taschen des Sterbenden ausplündern, der in kaum hörbarer Stimme, welcher Verzweiflung zu Hülfe zu kommen schien, um Mitleid flehte. Die Mörder antworteten ihm nur mit Flüchen, und setzten ihre Plünderung fort. Sein Winseln und seine Qualen schienen nur ihre Grausamkeit zu vermehren. Sie wollten ihm jetzt ein kleines Miniaturgemählde abnehmen, das an einem Bande um seinen Hals hing, und sich bisher in seinem Busen verborgen hatte, als er sich mit plötzlicher Gewalt von der Erde aufhob, und es aus ihren Händen zu reißen versuchte. Dieses Bestreben half ihm nichts; ein Schlag von einem der Bösewichter streckte den unglücklichen Mann ohne Bewegung zu Boden. Die gräßliche Barbarey dieser That ergriff Hippolytus Seele so gewaltsam, daß er, seine eigne Lage vergessend, laut aufschrie, und mit dem augenblicklichen Vorsatze, den Todten zu rächen, aufsprang. Das Geräusch beunruhigte die Banditen; sie sahen sich um, woher es käme, und erblickten durch das Fenster den Grafen. Flugs verließen sie ihre Beute, und stürzten nach der Thür des Zimmers. Das Gefühl seiner Gefahr war jetzt wieder in ihm erwacht, und er suchte nach dem äußersten Ende der Ruinen zu entfliehen; Schrecken aber verwilderte seine Sinnen, und er verfehlte den Weg. Statt den gewölbten Gang zu erreichen, verirrte er sich in fruchtlosem Wandern, und fand sich endlich tief in den geheimen Behältnissen des Gebäudes verwickelt. – Die Schritte seiner Verfolger waren dicht hinter ihm, und er ermüdete sich noch immer mit fruchtlosen Bemühungen zu entwischen, bis er endlich erschöpft zu Boden sank, und sich in sein Schicksal zu ergeben suchte. Mit finstrer Verzweiflung horchte er, und erstaunte, alles stille zu finden. Als er sich umsah, entdeckte er durch einen Strahl des Mondenlichtes, der von oben herein fiel, daß er in einem Gewölbe war, welches, so viel er urtheilen konnte, von großem Umfange zu seyn schien. – In dieser Lage blieb er eine lange Zeit, dachte über die Mittel zu entkommen nach; und fand keine. Blieb er in dem Gewölbe, so konnte er nur erwarten, gemetzelt zu werden; wollte er aber versuchen sich heraus zu wagen, so mußte er den Banditen in die Hände stürzen. Da er es also für den sichersten Weg hielt, zu bleiben, wo er war, suchte er mit Stärke sein Schicksal zu erwarten, als plötzlich die lauten Stimmen der Mörder in sein Ohr drangen, und er schnell Fußtritte nach dem Orte, wo er lag, heran nahen hörte – Verzweiflung erneute augenblicklich seine Stärke; er sprang von der Erde auf, warf einen Blick gieriger Verzweiflung rings umher, und haschte den Schimmer einer kleinen Thür, auf welche jetzt die Mondstrahlen fielen. Er eilte darauf zu, und ging eben hindurch, als ein Fackellicht auf den Mauern des Gewölbes strahlte. – Er tappte durch einen krummen Gang hin, und kam endlich an eine Stiege. Ungeachtet der Dunkelheit erreichte er sicher den Boden. – Jetzt zum ersten Mahle stand er stille, um zu horchen; er spürte keine Fußtritte mehr; alles war stille. Er wanderte immer weiter in fruchtlosem Bemühen zu entwischen, bis endlich seine Hände kaltes Eisen berührten; er fühlte sogleich, daß es zu einer Thür gehörte, allein sie war verschlossen, und widerstand allen seinen Versuchen, sie zu öffnen. Verzweifelnd wollte er den Versuch aufgeben, als ein lautes Geschrey von innen, worauf ein taubes, schweres Geräusch folgte, seine ganze Aufmerksamkeit erweckte. Er horchte lange an der Thür, seine Einbildungskraft; mit Schreckbildern erfüllt, und in Erwartung, den Schall wiederhohlt zu hören. Er suchte nach einer zerbrochenen Stelle der Thür, wodurch er entdecken könnte, was inwendig vorginge, fand aber keine, und nachdem er einige Zeit gewartet hatte, ohne weiter etwas zu hören, wollte er den Ort verlassen, als er mit dem Arme auf etwas Hartes an der Thür stieß. Er fühlte zu, und fand zu seinem äußersten Erstaunen, daß der Schlüssel im Schlosse steckte. Einen Augenblick über war er unschlüssig, was er thun sollte; Neugier aber überwältigte jede andere Betrachtung; und mit bebender Hand drehte er den Schlüssel um. Die Thür ging in ein großes, wüstes Zimmer, schwach erleuchtet von einer Lampe, die auf dem Tische stand, der beynahe das einzige Möbel im ganzen Orte war. Der Graf war einige Schritte vorwärts gegangen, als er einen Gegenstand wahrnahm, der seine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Auf die Erde ausgestreckt, dem Anscheine nach leblos, lag ein junges Frauenzimmer. Ihr Gesicht war in ihr Gewand gehüllt, und die langen kastanienbraunen Locken, die in schöner Fülle auf ihren Busen fielen, verschleyerten einen Theil der glühenden Schönheiten, welche die Unordnung ihres Anzugs enthüllt haben würde. – Mitleid, Erstaunen und Bewunderung kämpften in Hippolytus Brust, und während er da stand, und den Gegenstand anstaunte, der alle diese Gefühle in ihm erregte, hörte er Fußtritte nach dem Zimmer heran nahen. Er flog zu der Thür, durch die er herein gekommen war, und war so glücklich, sie zu erreichen, ehe die Menschen, deren Fußtritte er gehört hatte, herein traten. Er drehte den Schlüssel um, und blieb außen vor der Thür stehen, um ihrem Verfahren zuzuhören. Er unterschied die Stimmen zweyer Leute, und erkannte sie für die Mörder, die er oben gehört hatte. Gleich darauf hörte er einen durchdringenden Schrey, und zugleich wurden die Stimmen der Mörder laut und heftig. Einer von ihnen rief, daß das Frauenzimmer sterben würde, und klagte den andern an, sie zu Tode geschreckt zu haben, indem er mit schrecklichen Flüchen schwor, daß sie sein wäre, und daß er bis auf den letzten Blutstropfen sie vertheidigen wollte. Der Streit ward heftiger, und keiner von den Bösewichtern wollte seine Ansprüche auf den unglücklichen Gegenstand desselben aufgeben, – Bald nachher hörte man mit schrecklichem Geräusche Schwerter klirren. Das Schreyen wurde wiederhohlt, und die Eide und Flüche der Streitenden verdoppelten sich. Sie schienen nach der Thür zu gehen, hinter der Hippolytus verborgen stand: plötzlich, wurde die Thür mit voller Kraft erschüttert; ein tiefes Brüllen folgte, und gleich darauf kam ein Getös, als wenn jemand mit voller Schwere plötzlich zu Boden sänke. Einen Augenblick über war alles stille. Hippolytus zweyfelte nicht, daß der eine Mörder den andern erlegt hatte, und bald bestätigte dieß das viehische Triumphgeschrey des Siegers über seinen gefallenen Feind. Der Mörder verließ eilends das Zimmer, und kurz darauf hörte Hippolytus die fernen Stimmen verschiedner Personen in lautem Wortwechsel. Der Schall schien aus einem Zimmer über dem Orte, wo er stand, zu kommen; auch hörte er von oben das Trampeln von Füßen, und konnte sogar zu Zeiten die Worte der Streitenden unterscheiden. Aus diesen haschte er genug auf, um zu hören, daß der eben vorgefallene Streit und das Frauenzimmer, das die Veranlassung dazu gegeben hatte, die Gegenstände des Gesprächs waren. Allein die Stimmen schrien oft alle durch einander, so daß man wenig verstehen konnte. – Endlich legte sich der Tumult, und Hippolytus konnte nun unterscheiden, was gesagt wurde. Die Mörder kamen überein, daß das Frauenzimmer dem überlassen werden sollte, der um sie gefochten hätte. – Nach diesem einstimmigen Ausspruche ließen sie ihm seine Beute, und gingen aus, neue zu suchen. – Die Lage des unglücklichen Frauenzimmers erregte in Hippolytus eine Mischung von Empörung und Mitleid, die ihn eine Zeit lang gänzlich beschäftigte; er dachte über das Mittel nach, sie aus einem so kläglichen Zustande zu befreyen, und vergaß über diesen Gedanken beynahe seine eigene Gefahr. Er hörte jetzt ihre Seufzer, und während sein Herz bey diesen Tönen schmolz, wurde die andere Thür des Zimmers aufgerissen, und der Elende, dem sie überantwortet war, drang herein. Ihr Geschrey verdoppelte sich, war aber umsonst bey dem Barbaren, der sie in seine Arme gerissen hatte. Der Graf, der unbewaffnet war, fühllos gegen jeden andern Antrieb als den des edelmüthigsten Mitleids, drang in das Zimmer – und ward zur Bildsäule, als er in den Armen des Bösewichts Julien kämpfen sah. – Sie erkannte Hippolytus und that einen gewaltsamen Sprung, um sich zu befreyen; indem sie aber auf ihn zulief, sank sie leblos in seine Arme. – Muth und Erstaunen funkelten in den Augen des Mörders, und mit wilder Verzweiflung ging er auf den Grafen los. Dieser legte Julien nieder, riß das Schwert des todten Mörders, der auf der Erde ausgestreckt lag, weg, und setzte sich zur Wehre. Das Gefecht war wüthend; aber Hippolytus streckte seinen Gegner sinnlos zu seinen Füßen. Er flog zu Julien, die jetzt wieder auflebte, aber lange nur durch Thränen sprechen konnte. Der Übergang so verschiedener und schneller Empfindungen, die ihr Herz erfuhr, die wunderbar gemischten Regungen von Freude und Entsetzen in Hippolytus Brust kann nur die Erfahrung sich denken. Er hob sie von der Erde auf, und bemühte sich, ihr Fassung einzusprechen, als sie wild nach Ferdinanden rief. Bey diesem Nahmen erstarrte der Graf; er erinnerte sich an den sterbenden Cavalier, dessen Gesicht die Dunkelheit vor seinem Blicke verborgen hatte. – Sein Herz bebte vor gemeiner Angst; doch beschloß er, seine schrecklichen Vermuthungen vor Julien zu verbergen, von der er erfuhr, daß sie mit Ferdinanden auf ihrem Wege von der Villa, wo sie eine so gastfreye Aufnahme nach dem Schiffbruche fanden, von den Banditen überfallen wurden. Sie waren auf dem Wege nach einem Hafen, von wo aus sie sich wieder nach Italien einzuschiffen dachten, als dieses Unglück ihnen zustieß. Julie setzte hinzu, Ferdinand sey sogleich von ihr getrennt worden, und sie selbst sey einige Stunden lang in dem Zimmer eingesperrt gewesen, wo Hippolytus sie fand. – Kaum konnte der Graf seine schrecklichen Besorgnisse um Ferdinanden verhehlen, und vergebens strebte er, Juliens Kummer zu besänftigen. Allein es war jetzt keine Zeit zu verlieren – sie mußten einen Weg aus dem Gebäude suchen, und ehe sie dieß vollbracht hatten, konnten die Banditen zurück kehren. Auch war es möglich, daß ein Theil derselben zurück gelassen war, um diesen ihren Aufenthalt während der Abwesenheit der andern zu bewachen, und dieses war eine neue, gegründete Ursache zur Unruhe. Nach kurzem Hin- und Hersinnen hielt Hippolytus es für das Klügste, einen Ausgang durch eben den Weg, wodurch er herein gekommen war, zu suchen; er nahm also die Lampe, und führte Julien zur Thür. Sie traten in den Gang, schlossen die Thür hinter sich zu, und suchten die Stiege, die der Graf zuvor herunter gegangen war; nachdem sie aber lange den krummen Gang verfolgt hatten, ohne sie zu finden, sah er deutlich: daß er den Weg verfehlt hatte. Sie fanden indessen eine andre Stiege, die sie herab gingen, und in einen so schmalen und niedrigen Gang kamen, daß sie nicht aufrecht gehen konnten. Dieser Gang schloß sich mit einer Thür, die fast ganz von Eisen war. Hippolytus erschrak bey diesem Anblicke, als er sich aber mit voller Stärke dagegen lehnte, gab sie nach; die eingeschloßne Luft drang heraus und löschte beynahe die Lampe aus. Sie kamen jetzt in einen finstern Abgrund, und das Schloß, das eine Springfeder hatte, sprang plötzlich hinter ihnen zu. Als sie rings um sich blickten, sahen sie ein großes Gewölbe, und es ist unmöglich, ihr Entsetzen zu schildern, als sie entdeckten, daß sie in einem Behältnisse der ermordeten Körper der unglücklichen Menschen waren, die den Banditen in die Hände fielen. – Kaum konnte der Graf Juliens sinkende Lebensgeister aufrecht halten; er lief nach der Thür, und suchte sie zu öffnen; allein daß Schloß war so eingerichtet, daß es nur von der andern Seite bewegt werden konnte, und alle seine Bemühungen waren vergebens. Er suchte nun nach einer andern Thür, konnte aber keine gewahr werden. Ihre Lage war die bejammernswürdigste, die man sich nur denken kann; sie sahen sich in ein Gewölbe gesperrt, das mit den todten Körpern der Ermordeten bestreuet war, und mußten die Schlachtopfer des Hungers oder des Schwertes werden. Die Erde war an verschiedenen Stellen aufgeworfen, und bezeichnete die Grenzen neu gemachter Gräber. Die unbegrabnen Leichname waren entweder aus Eile oder Nachlässigkeit zurück gelassen, und zeigten einen Anblick, der zu schrecklich für die Menschheit war: Hippolytus Qual stieg, wenn er Julien anblickte, die vor Entsetzen erlag; er trug sie mehr, als er sie führte, nach einem Theile des Gewölbes, der in eine Höhlung zurück wich, worin eine Bank stand. Noch nicht lange waren sie in dieser Lage gewesen, als sie allmählich ein Geräusch heran nahen hörten, das nicht von dem Gange, den sie passirt hatten, zu kommen schien.Das Geräusch wurde stärker, und sie konnten Stimmen unterscheiden. Hippolytus glaubte, daß die Mörder zurück gekommen wären, daß sie seinen Aufenthalt ausgespürt hätten, und durch einen ihm unbekannten Weg nach dem Gewölbe kamen. Er machte sich auf das Schlimmste gefaßt, zog seinen Degen, und nahm sich vor, Julien bis aufs Äußerste zu vertheidigen. Ihre Furcht wurde indessen bald durch ein Trampeln von Pferden zerstört, die den Lärm verursacht hatten, und jetzt aus einem Vorhofe von oben, nahe bey dem Gewölbe zu kommen schienen. Er hörte deutlich die Stimme der Banditen, nebst dem Flehen und Winseln eines Menschen, den sie zu plündern beschäftigt schienen. Der Ton lautete so sehr nahe, daß Hippolytus erschrak und erstaunte; er sah sich rings in dem Gewölbe um, und nahm hoch in der Mauer ein kleines Gitterfenster wahr, aus welchem man den Ort, wo die Räuber versammelt waren, mußte übersehen können. Es fiel ihm ein, daß sein Licht ihn verrathen könnte, und so schrecklich der Tausch auch war, sah er sich doch genöthigt, es auszulöschen. Er versuchte nun nach dem Fenster hinauf zu klettern, durch welches er sehen zu können glaubte, was außen vorging. Es gelang ihm endlich: denn er konnte auf den rauhen Steinen fußen. Er sah in einem verfallnen Vorhofe, den das Fackellicht zum Theil erhellte, einen Haufen Banditen zwey Leute, die auf ihren Pferden fest gebunden waren, und um Gnade flehten, umringen. Einer von den Räubern bekräftigte mit einem Eide, daß dieß eine goldene Nacht wäre, befahl seinen Kameraden, fortzumachen, und setzte hinzu, daß er selbst gehen, und Paulo und die Dame aufsuchen wolle. Die Wirkung, welche diese letzten Worte auf die Gefangenen im Gewölbe hervor brachten, kann durch keine Worte beschrieben werden. Sie befanden sich jetzt in stockfinsterer Nacht in dieser Wohnung der Ermordeten, ohne Mittel zu entwischen, und in augenblicklicher Erwartung, das schreckliche Geschick der elenden Gegenstände um sich her zu theilen. Julie, von Angst und Entsetzen überwältigt, sank zur Erde, und Hippolytus, der von seinem Gitterfenster herunter stieg, vergaß in Angst um sie seine eigne Gefahr. In kurzem war alles u m sie her in Verwirrung und Aufruhr; der Mörder, der vom Hofe ging, kam mit der Nachricht zurück, daß Paulo ermordet, und das Frauenzimmer entflohen sey. Die Räuber ließen ihre Beute fahren, um der Flüchtigen nachzusetzen, und den Mörder zu entdecken, auf den schreckliche Flüche durch alle Höhlen des Gebäudes wiederhallten. Das Lärmen hatte eine lange Zeit gedauert, welche die Gefangenen in einem Zustande schrecklicher Qual zubrachten, als sie das Getümmel nach dem Gewölbe herannahen hörten, und bald nachher eine Menge Stimmen den Gang herunter schallten. Die Fußtritte wurden schneller; Hippolytus zog aufs neue sein Schwert, und stellte sich dem Eingange gegen über, wo er noch nicht lange gestanden hatte, als ein heftiger Stoß gegen die Thür geschah: sie sprang auf, und ein Haufen Menschen drang in das Gewölbe. Hippolytus behauptete seinen Posten und betheurete, daß er den Ersten, der sich ihm nahte, niederstoßen würde. Bey dem Laute seiner Stimme standen sie still, gingen aber sogleich vorwärts, und befahlen ihm in des Königs Nahmen, sich zu ergeben. Er sah nun, was seine Bewegung ihn früher zu sehen verhindert hatte, daß die Leute vor ihm nicht Banditen, sondern Gerichtsbediente waren. Sie hatten durch den Sohn eines sicilianischen Edelmanns, der in die Hände der Banditen fiel und ihnen nachher entwischte, von dieser Mördergrube Nachricht bekommen. Die Gerichtsdiener kamen in Begleitung einer Wache, und waren auf alle Art gerüstet, diese schrecklichen Höhlen aufs strengste zu durchsuchen. Hippolytus erkundigte sich nach Ferdinanden, und sie verließen insgesammt das Gewölbe, um ihn aufzusuchen. In dem Vorhofe, zu welchem sie jetzt hinauf stiegen, war der größte Theil der Banditen durch eine Zahl von der Wache in Sicherheit gebracht. Der Graf klagte die Räuber an, daß sie seinen Freund, den er beschrieb, verheimlichten, und drang auf seine Befreyung, Mit einer Stimme läugneten sie das Factum, und beharrten entschlossen dabey, daß sie nichts von der beschriebenen Person wüßten. Dieses Läugnen bestärkte Hippolytus in seinem ersten, schrecklichen Verdachte, daß der Cavalier, den er gesehen hatte, kein andrer, als Ferdinand, gewesen sey, und dieser Gedanke machte ihn rasend. Er bath die Gerichtsdiener, ihr Suchen fortzusetzen; sie ließen eine Wache bey den Banditen, die sie in Sicherheit gebracht hatten, zurück, und folgten ihm in das Zimmer, wo der letzte schreckliche Auftritt vorgegangen war. Das Zimmer war dunkel und leer, aber Spuren von Blute klebten noch auf dem Fußboden, und Julie, ob sie gleich den nähern Grund von Hippolytus Besorgniß nicht wußte, sank bey dem Anblicke beynahe in Ohnmacht. Aus dem Zimmer wanderten sie eine Zeit lang zwischen den Ruinen fort, ohne etwas Außerordentliches zu entdecken, bis, als sie in den gewölbten Weg traten, durch den Hippolytus zuerst in die Ruinen gelangt war, ihre Fußtritte einen dumpfen Schall zurück gaben, der sie überzeugte, daß der Raum unten hohl war. Auf nähere Untersuchung entdeckten sie bey dem Fackellichte eine Fallthür, die sie mit einiger Schwierigkeit in die Höhe hoben, und unter derselben eine schmale Stiege fanden. Sie stiegen alle in einen niedrigen, krummen Gang hinab, wo sie noch nicht weit gekommen waren, als sie von oben ein Pferdegetrappel und ein lautes, plötzliches Getümmel hörten. Die Gerichtsdiener fürchteten, daß die Banditen sich los gerissen, und die Wache überwältigt hätten, und eilten nach der Fallthür zurück, die sie kaum aufgehoben hatten, als sie Schwerter klirren, und ein Gewühl unbekannter Stimmen hörten. Sie blickten gerade aus, und sahen durch die Wölbung in einer Art innern Vorhofe eine große Anzahl Banditen, die eben angekommen waren, ihre Kameraden befreyen und wüthend mit der Wache kämpfen. Bey diesem Anblicke sprangen einige der Gerichtsdiener vorwärts, um ihren Freunden beyzustehen, und die übrigen, von Feigheit überwältigt, eilten die Stiege wieder herunter, und ließen die Fallthür mit donnerndem Getöse hinter sich zufallen. Sie benachrichtigten Hippolytus von dem, was oben vorging, und er trieb Julien eilends den Gang hinunter, um einen andern Ausweg oder Verbergungsort zu suchen. Sie konnten keines von beyden finden, und waren noch nicht lange aus den Krümmungen des Wegs fortgegangen, als sie die Fallthür aufheben, und Leute herab kommen hörten. Verzweiflung gab Julien Stärke, und beflügelte ihre Flucht. Jetzt aber hielt eine Thür sie auf, die den Gang verschloß, und entfernte Stimmen murmelten längs den Mauern. Die Thür war mit starken eisernen Riegeln befestigt, welche Hippolytus umsonst aufzuziehen versuchte. Die Stimmen drangen näher. Nach vieler Mühe und Anstrengung wichen die Riegel; die Thür ging auf, und Licht dämmerte durch die Öffnung einer Höhle, die sie jetzt betraten. Als sie die Höhle verließen, sahen sie sich im Walde, und erreichten in kurzer Zeit die Grenzen. Nun erst wagten sie stille zu stehen; sie blickten zurück, und wurden niemand gewahr, der sie verfolgte.


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