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IX.

Der Hochzeitsmorgen, Julien so furchtbar, und vom Marquis so ungeduldig erwartet, war nun angebrochen. Die Heirath sollte mit einem Glanze gefeyert werden, der die Freude, womit der Marquis sie vollziehen sah, bewies. Das Schloß war mit einer Pracht und Größe ausgeputzt, desgleichen man noch nie darin gesehen hatte. Der benachbarte Adel war zu einem Feste eingeladen, welches mit einem glänzenden Balle und Abendessen endigen sollte und die Thore sollten für alle, die an dem Feste Theil nehmen wollten, weit aufgerissen werden. Der Herzog zog bey guter Zeit, von einem zahlreichen Gefolge begleitet, ins Schloß ein. – Ferdinand hörte aus dem Kerker, worin die Strenge und Politik des Marquis ihn noch immer verhaftete, das laute Klirren der Hufe in dem Schloßhofe über ihm, das Rasseln der Wagenräder und alle das tumultuarische Geräusch, welches der Einzug des Herzogs verursachte. Er errieth die Ursache desselben nur zu wohl, und sie erweckte in ihm Gefühle, denen gleich, welche den verurtheilten Verbrecher durchbeben, wenn der Laut der Schreckenstöne, die seiner Hinrichtung vorher gehen, in seine Ohren dringet. – Wenn er fähig war, an sich selbst zu denken, so wunderte er sich, wie der Marquis seine Abwesenheit bey den Gästen entschuldigen würde. Indessen kannte er den leichtsinnigen Charakter des sicilianischen Adels zu wohl, um zu zweifeln, daß sie jede Geschichte, welche er erfände, bereitwillig glauben, und selbst, wenn sie die Wahrheit wüßten, nicht geneigt seyn würden, es merken zu lassen, um nicht die dargebothne Freude zu unterbrechen. – Der Marquis und die Marquise gingen dem Herzoge bis in die nördliche Halle entgegen, und führten ihn in den Saal, wo er einige Erfrischungen, die für ihn bereit standen, zu sich nahm, und dann in die Kapelle ging. Der Marquis ging hinauf, um Julien zum Altare zu führen, und Emilien war befohlen, sie an der Thüre der Kapelle zu erwarten, in welcher der Priester und eine zahlreiche Gesellschaft bereits versammlet waren. Die Marquise, eine Beute stürmender, einander verdrängender Leidenschaften, frohlockte in der nahen Vollendung ihres Lieblingsentwurfs – indessen war ihr eine Kränkung bereitet, welche auf ein Mahl den Triumph ihrer Bosheit und ihres Stolzes vereitelte. Der Marquis fand Juliens Gefängniß leer! – Wuth und Erstaunen überwältigten beynahe seine Vernunft; er rief alle Bedienten im Schlosse zusammen, und befragte sie um ihre Flucht, aber mit solcher Wuth und Heftigkeit, daß er ihnen keinen Raum zu antworten ließ. Sie konnten indessen nichts weiter sagen, als daß ihr Mädchen sich den ganzen Morgen nicht hätte sehen lassen. Im Gefängnisse fand man die Brautkleider, welche die Marquise selbst den Abend zuvor mit dem Befehle, sich früh Morgens bereit zu halten, an Julien herauf geschickt hatte, und folgende Zeilen, mit Bleyfeder geschrieben, an Emilien: »Lebe wohl, theure Emilie, nie wirst du deine unglückliche Schwester wieder sehen, die vor dem grausamen Schicksale, das jetzt für sie bereitet wird, flieht, überzeugt, daß nie ein noch schrecklicheres ihr zustoßen kann. In Glück oder Elend, in Hoffnung oder Verzweiflung – was auch dein Loos sey, erinnre dich immer meiner mit Liebe und Mitleid. Theure Emilie, lebe wohl! Mögest du, die du ewig die Schwester meines Herzens seyn wirst, nie die Gefährtinn meines Elends werden!« – Während der Marquis diesen Brief las, flog die Marquise, in der Vermuthung, daß irgend ein Widerstand von Julien an der Verzögerung Schuld sey, in das Zimmer. Auf ihren Befehl wurden alle bewohnbaren Plätze des Schlosses durchsucht, und sie selbst war dabey behülflich. Endlich drang die Nachricht, in die Kapelle, und die Bestürzung wurde allgemein. Der Priester stieg vom Altare, und die Gesellschaft kehrte in den Saal zurück. – Als Emilie den Brief erhielt, erregte er Empfindungen in ihr, die sie zu verbergen unmöglich fand, die aber dennoch sie nicht vor dem Verdachte schützten, daß sie um die Sache gewußt habe, und daß diese Zeilen nur Maske waren. – Der Marquis schickte unverzüglich Bediente auf den flüchtigsten Pferden aus seinem Stalle ab, mit Befehl, verschiedene Wege zu nehmen, und jeden Winkel der Insel nach der Flüchtigen zu durchsuchen. Durch diese Veranstaltungen einiger Maßen beruhigt, sann er nun nach, auf was Art Julie ihre Flucht bewirkt haben könnte. Sie war in ein kleines Zimmer in einem entlegenen Theile des Schlosses gesperrt gewesen, in welches niemand gelassen wurde, als ihr Mädchen und Robert, des Marquis vertrauter Bedienter. Selbst Lisette hatte nur in Roberts Begleitung hinein gehen dürfen, in dessen Zimmer seit jener unglücklichen Nacht die Schlüssel regelmäßig gebracht wurden. Ohne die Schlüssel konnte sie unmöglich entflohen seyn; denn die Fenster des Zimmers waren mit Gittern und Stangen verwahrt, und gingen sehr hoch von der Erde in einen innern Hof. Und außer dem allen, auf wessen Schutz konnte sie sich verlassen? Die Gehülfen ihrer ersten Flucht waren ganz außer Stande, ihr nur mit Rathe beyzustehen. Ferdinand war Gefangener, und Hippolytus war leblos an Bord eines Schiffs gebracht, das unverzüglich nach Italien absegelte. Robert, der die Schlüssel in Verwahrung gehabt hatte, wurde von dem Marquis scharf ins Verhör genommen. Er beharrte auf einer einfachen und gleichförmigen Erklärung seiner Unschuld; weil aber der Marquis es für unmöglich hielt, daß Julie ohne sein Mitwissen entwischt seyn könnte, wurde er in Verhaft gelegt, bis er die Sache würde bekannt haben. – Der Stolz des Herzogs war durch diese Flucht schmerzlich verwundet, welche Juliens äußerste Abneigung bewies, und die Schmach der abweisenden Erklärung, die er von ihr erhalten hatte, vollendet. Der Marquis hatte ihm ihren ersten Versuch zu entwischen, und ihre nachfolgende Verhaftung sorgfältig verhehlt; jetzt aber brach die Wahrheit durch die Verschleyerung, und stand in bitterer Nacktheit da. Der Herzog, voll Unwillen über des Marquis Falschheit, ergoß seinen Zorn in übermüthigen, bitteren Schmähungen, und der Marquis, den diese unglücklichen Umstände so schon in Galle gejagt hatten, war nicht in der Stimmung, seinem natürlichen Ungestüme Einhalt zu thun. Er antwortete mit Schärfe, und die Folgen würden sehr ernsthaft geworden seyn, hätten sich nicht die Freunde beyder Parteyen ins Mittel gelegt. Mit vieler Mühe söhnte man die Streitenden aus, und es wurde beschlossen, mit vereintem und unermüdetem Suchen Julien zu verfolgen, und so bald man sie fände, ohne Verzug die Hochzeit zu feyern. Dieses Betragen bestand vollkommen mit dem Charakter des Herzogs. Seine Leidenschaften, von vereitelter Hoffnung entflammt, und durch Widerstand nur erhöht, bothen jetzt allen Hindernissen Trotz; und die Betrachtungen, die in einem feinen, fühlenden Herzen seine ursprüngliche Neigung würden überwunden haben, vermehrten nur die Gewalt der seinigen.

Madame de Menon, die Julien mit mütterlicher Zärtlichkeit liebte, beobachtete mit inniger Theilnahme alles, was im Schlosse vorging. Sie hatte das grausame Schicksal, welches der Marquis seiner Tochter bestimmte, schmerzlich beklagt; doch konnte sie sich kaum freuen, daß Julie durch Flucht ihm entgangen war. Sie zitterte für die Sicherheit ihres Zöglings, und hatte keine Aussicht, die Ruhe, welche Bekümmerniß für das Schicksal anderer trübte, so bald wieder zu erlangen. – Die Marquise hatte längst einen geheimen Groll gegen Madame de Menon genährt, deren Tugend ein stiller Vorwurf für ihr eigenes Betragen war. Der Abstand ihrer Charaktere erregte in der Marquise eine Abneigung, die zur Verachtung gestiegen seyn würde, hätte nicht die Würde der Tugend, welche Madame's ganzes Betragen stämpelte, sie gezwungen zu fürchten, was sie verachten zu können wünschte. Ihr Gewissen flüsterte ihr zu, daß dieß Mißfallen gegenseitig sey, und sie weidete sich jetzt an der Gelegenheit, die sich von selbst darzubiethen schien, Madame's Charakter zu verschwärzen. Sie stellte sich also, als glaubte sie, Madame hätte Ferdinanden zum Ungehorsam gegen seinen Vater aufgemuntert, und wäre bey der Flucht behülflich gewesen; sie klagte sie dieser Vergehungen wegen an, und reizte den Marquis, ihr Betragen zu ahnden. Allein Madame de Menons Rechtschaffenheit durfte nicht ungeahndet geschmäht werden. Ohnedaß sie sich würdigte, auf die Anklage zu antworten, verlangte sie eine Stelle niederzulegen, deren man sie nicht länger würdig glaubte, und wollte ohne Verzug das Schloß verlassen. Dieses konnte die Politik des Marquis nicht zulassen, und er sah sich folglich genöthigt, ihr so reichliche Vergütung zu geben, daß sie sich bewegen ließ, noch für's Erste zu bleiben. – Die Nachricht von Juliens Entweichung kam endlich zu Ferdinands Ohren, dessen Freude darüber seiner Verwunderung gleich war. Er verlor auf einen Augenblick das Gefühl seines eignen Zustandes, und dachte nur an Juliens Flucht. Bald aber kehrte sein Kummer mit erneuter Stärke zurück, wenn er bedachte, daß es Julien vielleicht jetzt an dem Beystande gebräche, welchen ihr zu verschaffen einzig seine Gefangenschaft ihn abhalten konnte.

Die Bedienten, die ihr nachgeschickt waren, kamen ohne befriedigende Nachricht zurück. Woche nach Woche verstrich in fruchtlosem Forschen; dennoch beharrte der Herzog auf seinem Zwecke. Bothen wurden nach Neapel und nach den verschiedenen Gütern des Grafen Vereza geschickt; allein alle kehrten unverrichteter Sache wieder. Man hatte nichts von dem Grafen gehört, seit er von Neapel nach Sicilien ging. Während dieser Nachfragen brach ein neuer Gegenstand zur Unruhe im Schlosse Mazzini aus. In der Nacht, die für Hippolytus und Juliens Hoffnungen so unglücklich war, sah, nachdem der Tumult sich gelegt hatte, und alles still war, ein Bedienter, der vor dem Fenster von der großen Treppe vorbey nach seiner Kammer ging, ein Licht durch den schon erwähnten Fensterladen im südlichen Flügel schimmern. In dem Augenblicke, da er stille stand, um es zu beobachten, verschwand es und erschien bald darauf wieder. Die vorigen geheimnißvollen Umstände mit diesen Gebäuden fielen ihm ein, und von Verwunderung angefeuert, weckte er einige von seinen Kameraden, zu kommen, und diese wunderbare Erscheinung anzusehen. – Als sie in schweigendem Schrecken staunend da standen, sahen sie eine kleine Thür, die in den südlichen Thurm führte, offen, und eine Gestalt mit einem Lichte in der Hand heraus kommen, die längs den Schloßmauern hinschlich, und sich schnell vor ihrem Blicke verlor. Von Furcht ergriffen, liefen sie in ihre Kammern, und dachten sich alle die letzten wundervollen Ereignisse zurück. Sie zweifelten nicht, daß dieses die Gestalt sey, welche Fräulein Julie zuvor gesehen hatte. Die plötzliche Vertauschung von Madame de Menons Zimmern war ihnen nicht unbemerkt geblieben, und sie waren nun nicht länger ungewiß, welcher Ursache sie solche zuzuschreiben hätten. Sie erinnerten sich an alle die mancherley und sonderbaren Umstände mit diesem Theile des Gebäudes; und indem sie dieselben mit dem gegenwärtigen verglichen, wurde ihre abergläubische Furcht bestätigt, und ihr Schrecken zu einem solchen Grade erhöht, daß viele von ihnen sich entschlossen, den Dienst des Marquis zu verlassen. – Der Marquis, über diese plötzliche Verlassung erstaunend, fragte nach der Ursache, und erfuhr die Wahrheit. Voll Verdruß über diese Entdeckung beschloß er dennoch, wo möglich, den nachtheiligen Wirkungen vorzubeugen, die eine Verbreitung eines solchen Gerüchts nach sich ziehen könnte. Zu diesem Zwecke war es nothwendig, die Gemüther seiner Leute zu beruhigen, und sie zu verhindern, aus seinem Dienste zu gehen. Nachdem er ihnen ihre thörichte Furcht strenge verwiesen hatte, sagte er ihnen, um sie von der Ungründlichkeit ihres Argwohns zu überzeugen, wolle er sie in den Theil des Schlosses führen, der den Gegenstand ihrer Furcht in sich schließen sollte, und befahl ihnen, mit einbrechender Nacht sich in der nördlichen Halle zu versammeln. Emilie und Madame, über dieses Verfahren erstaunt, harrten in schweigender Erwartung auf den Ausgang. – Die Bedienten, des Marquis Befehlen gehorsam, versammelten sich Abends in der nördlichen Halle. Das wüste Ansehen dieser südlichen Gebäude, und der Umstand, daß sie seit so vielen Jahren verschlossen gewesen waren, konnten allein schon einen gewissen Schauder erregen, hätte auch nicht die Überzeugung dieser Leute, daß sie die Wohnung eines unruhigen Geistes wäre, sie mit Schrecken erfüllt. Der Marquis erschien jetzt mit den Schlüsseln in der Hand, und jedes Herz schlug von wilder Erwartung. Er befahl Roberten, mit einer Fackel voran zu gehen, und die andern Bedienten mußten ihm folgen. Ein Paar eiserne Thore wurden aufgemacht, und sie gingen durch einen Hof, der mit langem Grase bewachsen war, zu der großen Thür des südlichen Gebäudes. Hier fanden sie einige Schwierigkeit; das Schloß, welches seit vielen Jahren keinen Schlüssel gesehen hatte, war eingerostet. Während dieser Zwischenzeit versiegelte schweigende Erwartung Aller Lippen. Endlich sprang das Schloß auf; die Thür, welche seit so langer Zeit nicht geöffnet war, krachte schwer auf den Angeln, und zeigte die schwarze marmorne Halle, durch welche Ferdinand jene Nacht ging. »Jetzt« – rief der Marquis in spöttischem Tone, als er hinein trat – »erwartet die Geister zu treffen, von denen ihr mir sagtet; wenn es euch aber nicht gelingt, sie zu besiegen, so schickt euch an, meinen Dienst zu verlassen. Die Leute, die bey mir leben, sollen wenigstens Muth und Fähigkeit genug haben, mich vor diesen Geisteranfällen zu schützen. Das Einzige, was ich befürchte, ist, daß der Feind nicht erscheinen wird, und daß ihr keine Probe eurer Tapferkeit werdet ablegen können.« Keiner wagte zu antworten, alle aber folgten in schweigender Furcht dem Marquis, der die große Treppe hinaufstieg, und in die Gallerie ging. »Schließt diese Thür auf!« – sagte er, und zeigte auf eine Thür zur Linken – »und wir wollen bald die Geister aus ihrer Wohnung treiben.« – Robert steckte den Schlüssel hinein, seine Hand aber zitterte so heftig, daß er ihn nicht umdrehen konnte. – »Hier ist ein Bursch,« rief der Marquis, »der es mit einer ganzen Legion Geister aufnehmen kann; Anton! nimm du den Schlüssel, und versuche dein Heil!«

»Verzeihen Euer Gnaden,« antwortete Anton; »ich habe mich nie darauf verstanden, »Thüren aufzuschließen; aber hier Georg wird es können. –

»Halten Sie mir zu Gnaden!« – sagte Georg; – »ich bin wirklich zu ungeschickt; aber hier ist Richard.« –

»Laßt sehn!« sagte der Marquis: – »ich will eure Feigheit beschämen, und es selbst thun.« Mit diesen Worten schloß er auf, und wollte hinein dringen; allein die Thür wollte nicht aufgehen; sie schütterte unter seinen Händen, und es schien, als wenn jemand von der andern Seite sie hielte.Der Marquis wurde befremdet, und machte einige Versuche, zu öffnen; aber umsonst. Er befahl seinen Bedienten, sie aufzusprengen; sie sprangen alle zurück, und schrien mit einer Stimme: »um Gottes willen, gnädiger Herr! gehen Sie nicht weiter; wir sind zufrieden: es sind keine Geister da; lassen Sie uns nur zurück gehen.«

»Jetzt ist die Reihe an mir, zufrieden zu seyn,« antwortete der Marquis – »und bis ich es bin, soll keiner von euch von der Stelle! Öffnet mir die Thür!«

– »Gnädiger Herr!« –

»Nun!« – sagte der Marquis, und nahm eine finstere gebietherische Miene an – »streitet nicht gegen meine Befehle; ich will nicht mit mir spaßen lassen.«

Sie gingen nun vorwärts, und lehnten sich mit aller Gewalt an die Thür, als ein lautes, plötzliches Getöse von innen ausbrach, und durch die hohlen Zimmer wiederhallte. – Die Bedienten starrten erschrocken zurück, und wollten über Hals über Kopf die Treppe herunter stürzen, als des Marquis Stimme ihre Flucht aufhielt. Mit Todesangst klopfendem Herzen kamen sie zurück. – »Merkt, was ich sage,« redete der Marquis sie an – »und betragt euch nicht als Memmen. Jene Thür dort,« er zeigte auf eine entfernte Thür, – »wird uns durch andre Zimmer in dieses Gemach führen. Schließt sie also auf; ich will die Ursache dieses Getöses wissen.« – Voll Entsetzen über diesen Entschluß bathen sie den Marquis aufs neue, nicht weiter zu gehen, und er mußte seine ganze Autorität aufbiethen, um sie zum Gehorsam zu bringen. Die Thür wurde geöffnet, und führte zu einem langen schmalen Gange, in welchen sie durch einige Stufen herunter gingen. Er führte zu einer großen Gallerie, die bis zu einer schwarzen Treppe ging, wo sie verschiedene Thüren sahen, wovon der Marquis eine aufschloß. Oben zeigte sich ein geräumiges Zimmer, dessen verfallene und von der Feuchtigkeit entfärbte Wände einen traurigen Beweis von Verödung darbothen. – Sie gingen durch eine lange Reihe hoher, edler Zimmer, die in eben dem verfallenen Zustande waren, und erreichten endlich das Gemach, aus welchem das Getös hervor gegangen war. – »Geh mit dem Lichte voran!« sagte der Marquis zu Robert, als sie sich der Thüre näherten – »hier ist der Schlüssel.« Robert gehorchte zitternd, und die andern Bedienten folgten stille schweigend nach. Sie blieben einen Augenblick vor der Thür stehen, um zu horchen; aber alles blieb stille. Die Thür wurde aufgemacht, und zeigte ein großes gewölbtes Zimmer, denen gleich, durch die sie gekommen waren, und als sie rings um sich sahen, entdeckten sie auf ein Mahl die Ursache ihres Schreckens. Ein Theil des verfallenen Dachs war eingestürzt, und der Schutt und die Steine, die vor der Galleriethür lagen, versperrten den Weg. Sie sahen nun deutlich, woher das Getös, welches sie in so großen Schrecken gejagt hatte, entstanden war: die losen Steine, die gegen die Thür aufgethürmt lagen, hatten durch den Versuch, sie zu öffnen, einen Stoß bekommen, und waren den Boden hinunter gerollt. Nachdem sie den Ort durchsucht hatten, gingen sie wieder nach der schwarzen Treppe, die sie hinunter stiegen, und durch die Krümmungen eines langen Ganges wieder in die Marmorhalle kamen– »Nun,« – sagte der Marquis – »was denkt ihr jetzt? – Was für böse Geister bewohnen diese Mauern? Seyd also in Zukunft vorsichtiger, leeren Schattenbildern zu trauen; denn nicht immer möchtet ihr einen Herrn treffen, der sich herab läßt, euch die Augen zu öffnen.«

Sie gestanden des Marquis Güte ein, erklärten, daß sie von der Irrigkeit ihres gehabten Argwohns vollkommen überzeugt wären, und bathen, daß er sie nicht weiter möchte suchen lassen. – »Ich will eurer Einbildungskraft nichts übrig lassen,« – antwortete der Marquis – »damit sie euch nicht in der Folge zu einem ähnlichen Irrthume verleitet. Folgt mir! ihr sollt jeden Winkel dieser Gebäude sehen.« – Er führte sie nach dem südlichen Thurme. Sie erinnerten sich, daß die Gestalt, die sie gesehen hatten, aus einer Thüre des Thurms hervor gegangen war, und ungeachtet ihrer eben gegebenen Versicherung, daß ihr Argwohn aus dem Wege geräumt sey, schwebten sie noch immer in tödtlicher Furcht, und würden gern alle weiteren Nachsuchungen eingestellt haben. »Will einer von euch sich entschließen, diesen Thurm hinauf zu steigen?« sagte der Marquis, und zeigte auf die zerbrochene Treppe. »Was mich betrifft, ich bin nur sterblich und fürchte also ein Wagestück; ihr aber, die ihr mit entkörperten Geistern Gemeinschaft haltet, könnt vielleicht etwas von ihrer Natur annehmen, und ohne Furcht gehen, wo der Geist wahrscheinlich vor euch gegangen ist.« – Sie schämten sich über diesen Verweis, und schwiegen. Der Marquis wendete sich nach einer Thüre zur Rechten, und befahl sie aufzuschließen. Sie ging aufs Feld, und die Bedienten erkannten sie für eben die, aus welcher die Gestalt hervor gegangen war. Nachdem er sie wieder zugeschlossen hatte, sagte er: »Hebt die Fallthür in die Höhe! wir wollen in die Gewölbe hinunter steigen.«

»Welche Fallthür, gnädiger Herr?« sagte Robert mit vermehrter Angst; »ich sehe keine.« – Der Marquis zeigte mit dem Finger, und Robert entdeckte eine Thür, die unter den Steinen, welche von der Treppe oben herunter gefallen waren, beynahe verdeckt lag. Er wollte die Steine wegräumen, als der Marquis sich plötzlich umdrehte. »Ich habe eurer Thorheit schon genug nachgesehen,« sagte er, »und bin des Spiels müde. Wenn ihr im Stande seyd, euch durch Wahrheit überzeugen zu lassen, so müßt ihr jetzt überzeugt seyn, daß diese Gebäude nicht die Wohnung eines übernatürlichen Wesens sind; und seyd ihr dieser Überzeugung nicht fähig, so ist es unnütz, weiter zu gehen. Du, Robert, kannst dir also die Mühe sparen, den Schutt wegzuräumen; wir wollen diese Gebäude verlassen.«

Die Bedienten gehorchten freudig. Der Marquis schloß alle Thüren wieder zu, und kehrte mit den Schlüsseln nach dem bewohnbaren Theile des Schlosses zurück.


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