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XI.

Die Nacht wurde stürmisch. Hohl pfiff der Wind über die Berge, und blies Kälte und Frost um sich her; Wolken überzogen schnell das Antlitz des Mondes, und oft hüllte gänzliche Dunkelheit den Herzog und sein Gefolge ein. Schweigend und niedergeschlagen waren sie einige Stunden fortgeritten, und hatten sich in den Wildnissen verirrt, als sie die Glocke eines Klosters zum mitternächtlichen Gebethe läuten hörten. Ihre Herzen lebten auf bey dem Schalle, dem sie zu folgen suchten; allein sie waren noch nicht weit gegangen, als der Wind ihn verwehte, und sie der ungewissen Leitung ihrer eigenen Vermuthungen überlassen blieben. – Sie hatten eine Weile den Weg verfolgt, der ihrer Meinung nach zum Kloster führte, als das Geläute der Glocken mit dem Winde zurück kehrte, und ihnen zeigte, daß sie den Weg verfehlt hatten. Nach langem Umherirren und Beschwerden kamen sie, von Müdigkeit überwältigt, vor den Thoren eines großen, dunklen Gebäudes an. Die Glocke schwieg, und alles war stille. Durch das Mondlicht, das durch zerbrochene Wolken jetzt auf das Gebäude strahlte, wurden sie überzeugt, daß es das Kloster war, welches sie suchten, und der Herzog klopfte selbst laut an das Thor. – Einige Minuten verstrichen. Niemand erschien, und er wiederhohlte das Klopfen. Alsobald hörte man von innen gehen; das Thor wurde aufgeschlossen, und eine hagre, klappernde Gestalt trat hervor. Der Herzog bath, eingelassen zu werden, wurde aber abgewiesen, und erhielt einen Verweis, das Kloster in der heiligen Stunde des Gebethes beunruhigt zu haben. Er gab nun seinen Rang zu erkennen, und bath den Mönch, dem Prior zu sagen, daß er um eine Zuflucht auf die Nacht bitte. Der Mönch, der einen Betrug fürchtete, und dem vor Räubern bange war, weigerte sich standhaft, und wiederhohlte, daß das Kloster im Gebethe begriffen sey; er hatte das Thor beynahe wieder zugemacht, als der Herzog, den Hunger und Ermüdung verzweifelnd machte, neben ihm hinschlüpfte, und in dem Hof drang. Es war seine Absicht, sich dem Prior zu zeigen, und er war noch nicht weit gegangen, als Gelächter und viele Stimmen in lautem, fröhlichem Jubel seine Schritte lenkten. Er folge dem Schalle, und kam durch verschiedene Gänge zu einer Thür, durch deren Spalten er Licht sah. Er stand einen Augenblick stille, und hörte innerhalb ein wildes Gewühl von Gesang und Freude. Erstaunen ergriff ihn, und kaum konnte er seinen Sinnen trauen. – Er öffnete die Thür, und sah in einem großen, hell erleuchteten Zimmer eine Gesellschaft Mönche in ihrem Ornate, rings um einen Tisch sitzen, der verschwenderisch mit Wein und Früchten besetzt war. Der Prior, den seine Kleidung von seinen übrigen Gefährten auszeichnete, prangte an der Spitze der Tafel; er hob einen großen Pocal an seine Lippen, und rief, gerade als der Herzog in's Zimmer trat: »Verschwendung und Verwirrung!«« – Des Herzogs Eintritt verursachte eine allgemeine Zerstörung. Diejenigen von der Gesellschaft, die noch nicht zu arg betrunken waren, hoben sich von ihren Sitzen auf, und der Prior, der seinen Pocal aus der Hand fallen ließ, bemühte sich, eine finstre Miene anzunehmen, welche sein frostiges Gesicht Lügen strafte. Der Herzog erhielt einen Verweis, der in den lallenden Tönen der Trunkenheit ausgesprochen, und durch öftere Unterbrechungen von Rülpsen verschönert wurde. Er machte seinen Stand, seine Bedrängniß bekannt, und bath um ein Nachtquartier für sich und seine Leute. Als der Prior den hohen Rang seines Gastes vernahm, erschlafften seine Muskeln in ein freundliches Bewillkommungslächeln; er nahm den Herzog bey der Hand, und setzte ihn neben sich. Der Tisch wurde schnell mit leckern Gerichten besetzt, und Befehl gegeben, daß des Herzogs Leute eingelassen und versorgt würden. Man setzte ihm eine Menge feiner Weine vor, und endlich, hoch gelaunt durch klösterliche Gastfreyheit, zog er sich in sein angewiesenes Zimmer zurück, indem er den Prior in einer Verfassung zurück ließ, die alle Ceremonie ausschloß. Früh Morgens reiste er ab, höchlich erbaut von den bequemen Grundsätzen klösterlicher Religion. Man hatte ihm gesagt, daß der Genuß der Annehmlichkeiten des Lebens der sicherste Beweis unsrer Dankbarkeit gegen den Himmel sey, und es schien, daß diese Vorschrift und die Ausübung derselben mit gleicher Stärke in den Mauern eines sicilianischen Klosters regierten. Er wußte jetzt nicht, welchen Weg er nehmen sollte; denn er hatte keinen Faden, ihn zu dem Gegenstande seines Suchens zu leiten; doch stärkte Hoffnung ihn noch immer, und trieb ihn zur Beharrlichkeit an. Er war nicht weit mehr von der Küste entfernt, und es fiel ihm ein, daß die Flüchtlinge vielleicht, in der Absicht nach Italien zu entwischen, ihren Weg dahin nehmen könnten. Er beschloß also, nach der See zu reisen, und längs dem Ufer fortzugehen. – In dem Hause, wo er, um Mittag zu machen, stille hielt, hörte er, daß zwey Personen, die seiner Beschreibung gleich kamen, ungefähr eine Stunde vor seiner Ankunft daselbst abgetreten waren, sich aber bald in großer Eile wieder davon gemacht hatten. Sie hatten ihren Weg nach der Küste zu genommen, woraus der Herzog schloß, daß sie sich einzuschiffen dachten. Er wollte sich nicht aufhalten, die aufgetragne Mahlzeit zu verzehren, sondern stieg sogleich wieder aufs Pferd, um seine Verfolgung fortzusetzen. Eine Zeit lang erhielt er auf seine Fragen an die Personen, welche der Zufall ihm in den Weg führte, günstige Antworten; endlich aber wurde er in Ungewißheit verwickelt, und ritt einige Stunden durch nach einer Richtung, welche mehr Zufall als Urtheil ihn nehmen hieß.

Der einbrechende Abend verwirrte aufs neue seine Aussicht, und vernichtete seine Hoffnungen. Die trüben, schweren Wolken, welche den Horizont einhüllten, und die tief blasende Luft verkündigten ein Ungewitter. Der Donner rollte in der Ferne, und die gehäuften Wolken wurden dunkler. Der Herzog und seine Leute befanden sich auf einer wilden, öden Haide; vergebens blickten sie rings um nach einer Zuflucht, die Aussicht endigte von allen Seiten in eine traurige Wüste. Sie ritten so schnell, als ihre Pferde sie tragen wollten, und endlich spürte einer aus dem Gefolge am Ende der Wildniß ein großes Gebäude aus, wohin sie sogleich ihren Lauf richteten. – Der Sturm überfiel sie, und in eben dem Augenblicke, als sie das Gebäude erreichten, brach ein Donnerschlag, der die Grundpfeiler zu erschüttern schien, über ihren Häuptern los. Sie befanden sich nun in einem großen, antiken Gebäude, das ein verödetes Ansehen hatte, und zu verfallen anfing. Dieses Gebäude zeichnete sich durch eine Pracht aus, die mit der Gegend umher schlecht zusammen stimmte, und einige Verwunderung bey dem Herzoge erregte, der indessen den Eigenthümer vollkommen rechtfertigte, einen Ort verlassen zu haben, welcher dem Auge nur Aussichten in eine rohe verheerte Natur darboth. – Der Sturm vermehrte sich mit großer Heftigkeit, und drohte den Herzog die Nacht über in seinem jetzigen Aufenthalte gefangen zu halten. Die Halle, von welcher er und sein Gefolge Besitz genommen hatten, trug allenthalben das Gepräge von Verfall und Verödung. Das marmorne Pflaster war an manchen Stellen zerbrochen, die Wände zerfallen, und rings um die hohen, durchlöcherten Fenster wehte ein einsames Lüftchen im langen Grase. Neugier trieb ihn an, die Gemächer des Gebäudes zu untersuchen. Er verließ die Halle, und ging in einen Gang, der ihn zu einem entlegenen Theile des Gebäudes führte. Im finstern Nachdenken wanderte er durch die wüsten, geräumigen Zimmer, und stand oft stille, um mit Verwunderung die Rudera von Pracht, die er vor, sich sah, zu betrachten. Das Gebäude war wüst und unregelmäßig, und er verwickelte sich in den Irrgängen desselben. In dem Bestreben, den Rückweg zu finden, verirrte er sich nun immer mehr, bis er endlich vor einer Thür ankam, die seiner Meinung nach in die erste Halle führte. Er öffnete sie, und, statt der Halle sah er bey dem schwachen Lichte des Mondes einen großen Platz, von dem er nicht wußte, ob er ihn für ein Kloster, für eine Kapelle, oder Halle halten sollte. Er zog sich in langer Aussicht in Schwibbögen fort, und endigte in einem großen, eisernen Thore, das aufs offne Feld stieß. Die Blitze, die blau und hell rings umher flammten, der Donner, der das weite Gewölbe des Himmels zu zerreißen schien, und das traurige Ansehen des Orts flößten dem Herzoge einen solchen Schauder ein, daß er unwillkürlich sein Gefolge herbey rief. Nur das tiefe Echo, das murmelnd durch den Saal lief, und in einiger Entfernung verhallte, antwortete seiner Stimme, und der Mond, der jetzt hinter eine Wolke sank, ließ ihn in finstrer Nacht zurück Er schrie lauter, und hörte endlich Fußtritte heran nahen. Nach einigen Minuten wurde er aus seiner Angst errettet, und seine Leute erschienen. Der Sturm brüllte noch laut, und der schwere, mit Schwefel angefüllte Dunstkreis ließ nicht hoffen, daß er sich bald legen würde. Der Herzog ergab sich darein, die Nacht in dieser Lage zuzubringen, und ließ ein Feuer an dem Orte, wo er war, anzünden, welches mit vieler Schwierigkeit geschah. Er warf sich nun vor demselben aufs Pflaster hin, und suchte sich in die Enthaltsamkeit zu schicken, die er den Abend vorher im Kloster so schlecht beobachtet hatte. Zu seiner großen Freude aber hatten seine Leute, vorsichtiger als er, sich kein Bedenken gemacht, einen reichlichen Mundvorrath, der ihnen im Kloster angebothen wurde, anzunehmen, und leerten jetzt ihren Quersack auf dem Pflaster aus. Der Herzog labte sie, und gab ihnen den Überrest Preis. Nachdem er ihnen befohlen hatte, abwechselnd vor dem Thore zu wachen, hüllte er sich in seinen Mantel, und legte sich zur Ruhe.

Die Nacht verstrich ohne Störung. Frisch und glänzend stieg der Morgen auf; das Gewölbe des Himmels war hell, und ohne Wolken; selbst die wilde Haide lächelte, vom Regen erquickt, und sandte mit dem Morgenlüftchen einen Strom von Wohlgeruch herauf. Der Herzog verließ das Gebäude, und setzte, von dem fröhlichen Morgen neu belebt, seine Reise fort. Er konnte keine Nachricht von den Flüchtlingen einziehen. Um Mittag fand er sich in einer schönen romantischen Gegend, und nachdem er den Gipfel eines jähen Felsens erreicht hatte, hielt er stille, um die mahlerische Landschaft unten zu betrachten. Ein schattiges, eingeschloßnes Thal schien tief zwischen den Felsen begraben, und im Grunde desselben zeigte sich ein Teich, in dessen heller Fläche die überhangenden Felsen und der Schatten der hervor ragenden Gesträuche sich spiegelte. Bald aber wurde seine Aufmerksamkeit von den Schönheiten der leblosen Natur auf noch interessantere Gegenstände gezogen: er bemerkte zwey Personen, die er sogleich für eben diejenigen erkannte, welche er zuvor über das Thal verfolgt hatte. Sie saßen am Rande des Sees, unter dem Schatten einiger hohen Baume am Fuße der Felsen, und schienen ein kleines Mahl zu verzehren, das auf dem Grase ausgebreitet war. Zwey Pferde graseten in der Nähe. Der Herzog erkannte in dem Frauenzimmer Juliens Wuchs und Anstand, und sein Herz klopfte bey dem Anblicke. Sie saßen mit dem Rücken gegen den Felsen, worauf der Herzog stand, und er konnte sie also ungestört betrachten. Sie waren beynahe in seiner Gewalt; die einzige Schwierigkeit nur, die Felsen herab zu klimmen, deren ungeheuere Höhe und rauhe Spitzen sie ungangbar zu machen schienen. Er untersuchte sie mit forschendem Auge, und entdeckte endlich an einem Orte, wo der Fels zurück wich, einen schmalen, krummen Pfad. Er stieg ab, und einige von seinen Leuten folgten ihm die Klippen hinab mit leisem Schritte, damit nicht ihre Fußtritte sie verriethen. In eben dem Augenblicke, da sie den Grund betraten, nahm die Dame sie wahr, floh zwischen die Felsen, und wurde sogleich von des Herzogs Leuten verfolgt. Der Cavalier hatte nicht Zeit zu entwischen, zog sein Schwert, und vertheidigte sich gegen den wüthenden Angriff des Herzogs. – Das Gefecht wurde an beyden Seiten einige Minuten lang mit gleichem Muthe und Behendigkeit geführt, als der Herzog die Spitze von seines Gegners Degen auffing, und umsank. Der Cavalier, der zu entwischen suchte, wurde von des Herzogs Leuten ergriffen, die jetzt mit der schönen Fliehenden erschienen – aber wer kann die Kränkung; die Wuth des Herzogs mahlen, als er in der Person des Frauenzimmers eine ganz Fremde sah! Das Erstaunen war gegenseitig, allein die damit verbundenen Gefühle waren in den verschiedenen Personen von ganz entgegen gesetzter Art. Bey dem Herzoge wurde Erstaunen durch Verdruß erhöhet, durch vereitelte Hoffnung erbittert; bey der Dame ward es durch die Freude einer unerwarteten Befreyung gemildert. – Diese Dame war die jüngste Tochter eines sicilianischen Edelmanns, dessen Geiz oder Bedürfnisse sie für ein Kloster bestimmt hatten. Um das angedrohte Schicksal zu vermeiden, floh sie mit einem Liebhaber, an den Neigung sie lange gefesselt hatte, und dessen einziger Fehler selbst in den Augen ihres Vaters ein jüngeres Geschlecht war. Sie waren jetzt auf dem Wege nach der Küste, von wo sie nach Italien überzugehen dachten, woselbst die Kirche die Bande befestigen sollte, welche ihre Herzen bereits geknüpft hatten. Dort wohnten die Anverwandten des Cavaliers, und bey ihnen glaubten sie eine sichere Zuflucht zu finden. – Der Herzog, der nicht wesentlich verwundet war, ließ, nachdem der erste Ausbruch seiner Wuth sich gelegt hatte, sie abreisen. Von ihrer Furcht befreyet, machten sie sich freudig auf den Weg, und überließen ihrem Verfolger den Schmerz seiner Niederlage, und seines fruchtlosen Bemühens. Er wurde wieder auf sein Pferd gebracht, und nachdem er zwey von seinen Leuten abgeschickt hatte, um ein Haus aufzusuchen, wo er einige Hülfe erhalten könnte, trat er langsam seinen Rückweg nach dem Schlosse Mazzini an. – Er war noch nicht lange geritten, als ihm ein Umstand beyfiel, an den er in der ersten Bestürzung seines Verdrusses nicht gedacht hatte, der aber in so wesentlicher Beziehung mit dem ganzen Gebäude seiner Hoffnungen stand, daß er aufs neue unschlüssig wurde, wie er verfahren sollte. Er bedachte, daß dieses zwar die Flüchtlinge nicht waren, die er über die Thäler verfolgt hatte, daß sie aber vielleicht auch nicht die wären, die sich in der Hütte verborgen hatten, und daß Julie dennoch die Person seyn könnte, welche sie von dortaus verfolgten. Dieser Gedanke erweckte seine Hoffnung aufs neue; eben so schnell aber ward sie wieder zerstöret, als er bedachte, daß die einzigen Personen, welche ihm Aufschluß geben konnten, schon ich weiter Entfernung waren. Julien zu verfolgen, wo keine Spur von ihrer Flucht übrig blieb, war ungereimt, und er sah sich also genöthigt, eben so unwissend, und hoffnungsloser, als er ihn verlassen hatte, zum Marquis zurück zu kehren. – Mit großer Beschwerde erreichte er das Dorf, welches seine Abgesandten für ihn ausgespürt hatten, und fand zum Glücke einen Chirurgus daselbst. Seine Unpäßlichkeit zwang ihn, hier liegen zu bleiben; – der Schmerz seiner Seele kam seinem körperlichen gleich. Die ungestümen Leidenschaften, welche seinen Charakter bezeichneten, waren zu einem solchem Grade gereizt und hinauf getrieben, daß sie mächtig auf seinen Körper wirkten, und ihm die gefährlichsten Folgen drohten. Die Unruhe seiner Seele erhöhte die Wirkung seiner Wunde, und ein Fieber, welches schleunig ein sehr ernsthaftes Ansehen gewann, trug bey, sein Leben in Gefahr zu setzen.


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