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V.

Eines Abends, da Emilie und Julie durch Gesellschaft länger, als gewöhnlich in feyerlichem Zwange gehalten waren, verführte sie Madame de Menons angenehme Unterhaltung, und das Vergnügen, welches eine Zurückkehr zur Freyheit nie zu erzeugen verfehlt, die Stunde der Ruhe zu verschieben, bis die Nacht weit vorgerückt war. Sie waren eben in einem interessanten Gespräche begriffen, als Madame, die gerade das Wort führte, von einem dumpfen Geräusche unterbrochen wurde, das unter dem Zimmer hervor stieg, und wie das Zumachen einer Thür lautete. In Schweigen geschreckt, horchten sie, und hörten es deutlich wiederhohlt. Furchtbare Ideen drängten sich um ihre Einbildungskraft, und erfüllten sie mit einem Schrecken, das ihnen kaum zu athmen erlaubte. Das Geräusch dauerte nur einen Augenblick, und tiefe Stille folgte. Ihre Betäubung ließ endlich nach, und sie wollten eben in Madame's Zimmer gehen, als sie das Geräusch nochmahls hörten. Halb wahnsinnig vor Furcht stürzten sie in das Zimmer, wo Emilie halb ohnmächtig aufs Bett sank. Lange Zeit verstrich, ehe Madame ihre Sinnen wider hervorrufen konnte. Sie mußte nun alle ihre Überredung aufbiethen, beyde Fräulein einiger Maßen zu beruhigen, und sie abzuhalten, das ganze Schloß in Aufruhr zu bringen. Von furchtbaren dunklen Zweifeln umringt, behauptete sie Herrschaft genug über sich, ihre Gefühle zu unterdrücken, und sich ein ruhiges Ansehen zu geben. Das neuliche Betragen des Marquis hatte sie überzeugt, daß er bey dem Geheimnisse, welches über diesem Theile des Schlosse hing, nahe interessirt war, und sie fürchtete seinen Zorn reger zu machen, wenn sie fernere Besorgnisse blicken ließ, die vielleicht Täuschung waren, und deren Wirklichkeit sie auf keine Art beweisen konnte. Durch diese Betrachtungen geleitet, suchte sie Emilien und Julien zu bewegen, schweigend eine Bestätigung ihrer Zweifel abzuwarten; allein ihre Furcht machte dieß zu einem sehr schweren Geschäfte. Endlich gaben sie so weit nach, daß sie ihr versprachen, diese Umstände vor jedermann, außer vor ihrem Bruder, zu verbergen, ohne dessen beschützende Gegenwart es ihnen unmöglich sey, noch eine Nacht in den Zimmern hinzubringen. Den Rest von dieser Nacht beschlossen sie durchzumachen. Um die langweilige Zeit zu beschleichen, suchten sie eine Unterhaltung anzuknüpfen; aber ihre Seelen waren zu voll von diesem schrecklichen Gegenstande, als daß sie an etwas Anderes denken konnten. Sie stellten diesen Umstand mit der Erscheinung der Gestalt und des Lichts, das sie vormahls gesehen hatten, zusammen; ihre Einbildungskraft schuf wilde Träume, und sie bathen Madame inständigst, ihnen aufrichtig zu sagen, ob sie glaubte, daß es entkörperten Geistern vergönnt sey, diese Erde zu besuchen. – »Meine Kinder,« sagte sie, »ich will es nicht unternehmen, euch zu überreden, daß die Existenz solcher Geister unmöglich sey. Wer darf sagen, daß der Gottheit irgend etwas unmöglich ist? Wir wissen, daß er uns, die wir bekörperte Geister sind, geschaffen hat, er kann also auch unbekörperte Geister machen. Wenn wir das Daseyn solcher Geister nicht begreifen können, so sollten wir die beschränkte Kraft unsers Verstandes erwägen, der manches nicht fassen kann, was unwiderleglich wahr ist. Niemand weiß, warum die Magnetnadel sich nach Norden richtet, und dennoch steht ihr, die ihr nie einen Magnet sahet, keinen Augenblick an, diese Eigenschaft desselben zu glauben, weil es euch in Büchern und mündlich versichert ist. Da wir also gewiß sind, daß Gott nichts unmöglich ist, und daß solche Wesen existiren können, ob wir gleich nicht zu sagen vermögen, wie; so müssen wir uns darauf beschränken, durch was für Zeugen ihr Daseyn behauptet wird. Ich sage nicht, daß Geister erschienen sind, allein wenn mehrere vorsichtige, uneingenommene Personen mich versicherten, daß sie einen Geist gesehen hätten, so würde ich nicht stolz und anmaßend genug seyn, zu antworten: es ist unmöglich! – Lasset also eure Gemüther durch solche Gedanken nicht beunruhigen. Ich habe so viel gesagt, weil ich nicht gern euern Verstand irre führen wollte; jetzt liegt es euch ob, eure Vernunft zu gebrauchen, und das unerschütterliche Vertrauen der Tugend beyzubehalten. Solche Geister, wenn sie je erschienen sind, können nur auf ausdrückliche Erlaubniß Gottes, und zu ganz besondern Zwecken erschienen seyn. Seyd versichert, daß es keine Gattung von Wesen gibt, die ungesehen von ihm handelte, und daß es folglich keine geben kann, die der Unschuld Leides zufügten.«

Keine unterirdischen Töne beunruhigten sie für dieß weiter, und ehe der Morgen anbrach, überwältigte unmerklich Müdigkeit ihre Furcht, und senkte sie in Ruhe.

Als Ferdinand die Umstände von dem südlichen Flügel des Schlosses hörte, fing seine Einbildungskraft begierig den Anschein eines Geheimnisses auf, und flößte ihm ein unwiderstehliches Verlangen ein, die Mysterien dieses verödeten Gebäudes zu durchdringen. Er versprach ohne Anstand, mit seinen Schwestern in Juliens Zimmer zu wachen; weil aber das seinige in einem entfernten Theile des Schlosses lag, so hatte es einige Schwierigkeit, unbemerkt zu ihnen zu kommen. Sie machten also aus, daß er, wenn alles zu Bette wäre, den Versuch machen sollt – und Emilie und Julie erwarteten nun mit rastloser bebender Ungeduld die Zurückkunft der Nacht. – Endlich hatte sich das ganze Haus zur Ruhe gelegt. Die Schloßglocke hatte eins geschlagen und Julie begann, zu fürchten, daß Ferdinand entdeckt sey, als sie an der Thür des Vorsaals klopfen hörte. Ihr Herz schlug von einer Furcht, welche die Vernunft nicht rechtfertigen konnte. Madame stand auf, und auf ihre Frage, wer da sey, antwortete Ferdinands Stimme. Freudig öffnete sie die Thür. Sie zogen ihre Stühle dicht um ihn, und suchten die Zeit mit Gespräch hinzubringen; allein Furcht und Erwartung zogen alle ihre Gedanken auf Einen Gegenstand, und Madame allein behielt ihre Fassung bey. Die Stunde war nun gekommen, wo sie in der Nacht zuvor die unterirdischen Töne gehört hatten, und alles war Ohr. Indessen blieb alles ruhig, und die Nacht verstrich ohne weitere Störung. – Der größte Theil verschiedener folgenden Nächte wurden auf gleiche Art durchwacht; aber kein Laut unterbrach die Stille. Ferdinand, in dessen Gemüthe die letzten Umstände einen Grad von Verwunderung und Neugier rege gemacht hatten, der gewöhnliche Hindernisse überstieg, nahm sich fest vor, sich, wo möglich, Eingang in diese Gemächer des Schlosses zu verschaffen, die seit so vielen Jahren vor dem menschlichen Auge verborgen gewesen waren. Dieß Vorhaben war indessen schwer auszuführen; denn die Schlüssel zu diesem Theile des Gebäudes waren in des Marquis Händen, dessen Betragen er nur zu richtig beurtheilte, um sich mit der Erwartung zu schmeicheln, daß er sie würde öffnen lassen. Er spannte seine Einbildungskraft auf die Folter, um Mittel auszusinnen, sich Zugang zu derselben zu verschaffen; endlich erinnerte er sich, daß Juliens Zimmer einen Theil dieser Gebäude ausmachte, und es fiel ihm ein, daß nach der Bauart in vorigen Zeiten vielleicht vormahls eine Gemeinschaft zwischen beyden gewesen seyn könnte. Er schloß nun weiter, daß vielleicht gar eine verborgene Thür darin zu finden wäre, und beschloss, in der folgenden Nacht sorgfältig alles zu durchsuchen. – Das Schloß war in Schlaf begraben, als Ferdinand wieder zu seinen Schwestern in Madame's Zimmer kam. Mit ängstlicher Neugier folgten sie ihm in das Zimmer. Es war mit Tapeten behangen. Ferdinand untersuchte sorgsam die Wand, welche an den südlichen Flügel stieß. Sie gab an einer Stelle einen Schall zurück, der ihn überzeugte, daß etwas weniger Solides als Stein daselbst sey. Er räumte behuthsam die Tapeten weg, und entdeckte zu seiner unaussprechlichen Freude eine kleine Thür. Mit einer Hand, die vor Begierde zitterte, schob er die Riegel auf, und wollte vorwärts dringen, als er sah, daß ein Schloß seinen Durchgang hemmte. Vergebens versuchte er alle Schlüssel der Madame und seiner Schwester, und mußte in eben dem Augenblicke, wo er sich des glücklichen Erfolgs freute, ihn vereitelt sehen; denn er hatte keine Werkzeuge bey sich, das Schloß zu sprengen. Er starrte die Thür an, schmerzlich sein Mißgeschick beklagend, als ein dumpfes Geräusch von unten gehört ward. Emilie und Julie ergriffen seinen Arm, und beynahe überwältigt von Schrecken, horchten sie schweigend. Sie hörten deutlich einen Fußtritt, als wenn es durch das untere Zimmer ginge, worauf alles still ware. Ferdinand durch diese Bestätigung seiner eignen Sinne noch mehr befeuert, drang aufs neue gegen die Thür an, und versuchte nochmahls, sich einen Weg zu bahnen; allein sie widerstand aller Anstrengung seiner Kraft. Die Frauenzimmer freuten sich jetzt über einen Umstand, den sie kurz zuvor beklagt hatten; denn der Schall hatte ihr Schrecken erneuet; und obgleich die Nacht ohne weitere Beunruhigung verstrich, konnten sie sich doch von ihrer Furcht nicht wieder erhohlen. – Ferdinand, dessen ganze Seele mit Erstaunen erfüllt war, konnte kaum die Wiederkehr der Nacht erwarten. Emilie und Julie waren nicht minder ungeduldig; sie zählten jede Minute, und so bald das Haus zur Ruhe war, eilten sie mit klopfendem Herzen in Madame's Zimmer. Ferdinand kam bald zu ihnen; er hatte sich mit Werkzeugen versehen, das Schloß zu sprengen. Sie blieben einige Augenblicke in furchtvollem Stillschweigen, aber kein Ton unterbrach das Schweigen der Nacht. Ferdinand nahm ein Messer, und brachte bald das Schloß herunter, die Thür gab nach, und öffnete einen großen finstern Gang. Er nahm ein Licht; seine Schwestern, die sich allein im Zimmer zu bleiben fürchteten, wollten ihn begleiten; jede ergriff einen Arm von Madame, und schweigend folgten sie ihm. Der Gang war an manchen Stellen eingefallen, das Tafelwerk zerbrochen, die Fensterladen zerschmettert, welches mit der Feuchtigkeit der Mauern zusammen genommen, dem Orte ein wildes, verwüstetes Ansehen gab. Sie schlichen leise fort, denn ihre Schritte liefen in flüsternden Echo's durch den Gang, und oft warf Julie einen furchtsamen Blick um sich her. Die Gallerie ging bis zu einer breiten, alten Treppe, die zu einer Halle hinunter führte; zur Linken sah man verschiedene Thüren, die in abgesonderte Zimmer zu führen schienen. Während sie sich besonnen, welchen Weg sie nehmen sollten, schimmerte ein schwaches Licht die Treppe herauf, und verschwand einen Augenblick nachher; zugleich hörten sie in der Ferne einen Fußtritt. Ferdinand zog sein Schwert, und sprang vorwärts; seine Begleiterinnen schrien vor Schrecken, und liefen in Madame's Zimmer zurück. Ferdinand stieg eine lange gewölbte Halle hinab; er ging quer durch eine Thür, die halb offen stand, und durch die ein Lichtstrahl flimmerte. Die Thür ging in einen engen gewundenen Gang; er trat hinein; das Licht wich zurück, und verlor sich schnell in den Krümmungen. Er ging immer weiter; der Gang wurde enger, und die vielen herunter gefallenen Steine erschwerten den Weg. Eine niedrige Thür, die der gleich sah, durch welche er herein gekommen war, verschloß den Zugang. Er öffnete sie, und entdeckte einen viereckigen Platz, von welchem eine Windeltreppe hinaufstieg, die in den südlichen Thurm führte. Ferdinand stand stille und horchte; kein Fußtritt ließ sich mehr hören, und alles war in tiefem Schweigen. Er entdeckte eine Thür zur Rechten, versuchte sie zu öffnen; allein sie war inwendig befestigt. Er schloß also, daß die Gestalt, wenn wirklich ein menschliches Wesen das Licht, das er sah, getragen hatte, den Thurm hinauf gegangen sey. Er stand einen Augenblick bey sich an, und beschloß muthig, die Treppe hinauf zu steigen; aber ihr verfallener Zustand machte dieß zu einem sehr gewagten Unternehmen. Die Stufen waren eingesunken und zerbrochen, und die losen Steine mußten jeden Fußtritt unsicher machen. Durch einen unwiderstehlichen Trieb fortgerissen, ließ er sich nicht abschrecken, und versuchte hinaus zu steigen. Er war noch nicht weit gegangen, als die Steine von einer Stufe, die er eben verlassen hatte, durch seine Schwere los gerissen, nachgaben, und indem sie die angrenzenden Stufen mit fortrissen, eine Lücke in der Treppe machten, welche selbst Ferdinanden erschreckte, der mit unsicherm Tritte auf der schwankenden Hälfte der Treppe blieb, und augenblicklich erwarten mußte, mit dem Steine, worauf er stand, zu Boden zu sinken. In dem Schrecken, der sich jetzt seiner bemächtigte, wollte er versuchen, sich zu retten, und nach einem Balken greifen, der über die Stufen hervor ragte, als das Licht ihm aus der Hand fiel, und er in stockfinsterer Nacht zurück blieb. Entsetzen verdrängte nun alle anderen Empfindungen; er wußte nicht mehr, was er that. Er konnte nicht weiter gehen, weil er fürchten mußte, daß die obern Stufen, eben so los als die untern, nachgeben würden; – zurück zu gehen, war unmöglich; denn die Dunkelheit verhinderte ihn zu sehen, wo er hintrat. Er beschloß also, in dieser Lage zu bleiben, bis das Licht durch die schmahlen Ritzen in den Mauern dämmerte, und ihn in den Stand setzte, ein Mittel auszufinden, wieder herab zu kommen. Über eine Stunde war er auf seinem schrecklichen Platze geblieben, als er plötzlich eine Stimme von unten hörte. Sie schien aus dem Gange zu kommen, der nach dem Thurme führte, und drang immer näher. Seine Unruhe stieg jetzt aufs höchste; denn er hatte keine Mittel sich zu vertheidigen, und während er in dieser qualvollen Erwartung blieb, fiel ein Lichtstrahl auf die Treppe unter ihm. Gleich darauf hörte er sich bey Nahmen nennen; seine Furcht verschwand; denn er kannte die Stimme der Madame und seiner Schwestern. In tödtlicher Angst hatten sie sein Zurückkommen erwartet, bis endlich alle Furcht für sie selbst sich in Besorgniß um ihn verlor, und sie, die noch vor einer Stunde um keinen Preis diesen Theil des Schlosses würden betreten haben, gingen jetzt unerschrocken hinein, um Ferdinanden aufzusuchen. Welches Gefühl, als sie seine gefährliche Lage entdeckten! – Das Licht setzte ihn jetzt in den Stand, den Ort genauer zu übersehen. Er sah, daß einige Steine von den herab gefallenen Stufen noch an der Mauer hingen, fürchtete sich aber, sich auf sie allein zu verlassen. Die Mauer war indessen zum Theile verfallen, und die Ecken halb abgebrochener Steine ragten an derselben hervor. An diese kleinen Stücke hing er sich mit Hülfe der halb abgebrochenen Stufen, und erreichte endlich sicher die untern Stiegen. Es wäre schwer zu sagen, wer von der Gesellschaft sich am meisten über seine Rettung freute. Der Morgen dämmerte an, und Ferdinand stellte fürs erste seine weitern Nachforschungen ein.


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