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Teufelskünste

Fast zu gleicher Zeit, als die Tante Wenkbach in das Haus des Metzgers Haarwachs einschlich, um dort ihre giftigen Pfeile in das arglose Herz Kunigundes zu schießen, eilte der muntere Student Adalbert über den Römerberg, um seinen Freund Rudolf, von dem er wußte, daß dieser heute früher das Kontor verlassen würde, in dem neuen häuslichen Kreisen der Schneiderwohnung aufzusuchen.

Schuster Reinhart hatte aus der Not eine Tugend machen und seinen einzigen Hoffnungsvollen in eine Giebelkammer einweisen müssen.

Adalbert schritt die engen und dunkeln Stufen der Treppe wohlgemut hinauf und stand bald in dem beschränkten, aber wohnlich eingerichteten Behälter, der jetzt seinen Rudolf zum Lust- und Luftschlosse dienen sollte.

Der Heimgesuchte war mit Ordnen von Kleidungsstücken und Weißzeug, sowie mit Zusammenlegen, auch Vernichten mancherlei Papiere beschäftigt. Adalbert gewahrte die ihn befremdende Tätigkeit und fuhr schließlich erschreckt, dann aber aufgebracht zurück.

»So wäre es denn wirklich wahr,« rief er, »was mir die Fama geheimnisvoll zugetragen?«

Der Angeredete blickte ihn schmerzlich bewegt an, dann reichte er ihm unter kaum verhaltenen Tränen die Hand.

»Mein Schicksal will es,« entgegnete er. »Die Anerbietungen sind zu vorteilhaft und die Aussicht, meinem armen Vater wieder zu seinem Hause, das seine ganze Seligkeit ausmacht, verhelfen zu können, fiel für mich zu schwer in die Wagschale, als daß ich nicht gerne der Pflicht des Sohnes die Neigung des Herzens – wenigstens für jetzt – hätte opfern sollen.«

»Armer Freund,« rief Adalbert, jenen in seine Arme schließend, »dessen großes Glück sein noch größeres Unglück ausmacht! – Indessen«, fügte er jetzt, wie von einer plötzlichen Eingebung erleuchtet, nachdrücklich hinzu, »beflügle mir nur nicht gar zu schnell deine Schritte. Die Welt dreht sich um ihre Achse und mit ihr die Ordnung der Dinge. Ein kleiner Umstand hat schon mächtige Reiche erschüttert, warum sollten nicht unbeachtete Dinge deinen geringen Wirkungskreis umgestalten und dich selbst zu einem ganz anderen machen können?«

Er sprach noch lange in diesem Sinne, vermochte aber ebenso wenig des Freundes Herz mit Trost zu erheitern, als dessen Busen mit Hoffnung zu erfüllen.

»Und ohne Abschied willst du von der Teuren scheiden?« fügte er am Ende unwillig hinzu.

»Wozu ihr und mir den Schmerz?« war die gepreßte Antwort. »Ich weiß, sie wird mich verstehen und mir verzeihen.«

»Ei, so soll ja der Donner«, fuhr jetzt Adalbert los. »Das kann und darf nicht sein. Ich selbst will hinüber zu dem guten Kinde, ihr deine letzten Grüße zu überbringen. Ich habe ohnehin sie über manches noch aufzuklären, was meinen Mutwillen betrifft und dabei erfahre ich denn auch, wie es eigentlich mit euch beiden steht, von dir Träumer und Schlafmütze ist ja doch nichts ins Klare zu bringen. Darum hinüber.«

»Wenn dich ihr Vater bemerkte,« wendete Rudolf besorgt ein, »du würdest ihr nur Unangenehmes bereiten.«

»Der Harpax ist zu dieser Zeit an der Schirne,« versetzte der Student, indem er schon den Mantel um die Schultern warf, »ich weiß das ganz genau und darum die Gelegenheit bei dem Schopfe gefaßt! Heute noch, vielleicht aber auch erst morgen früh hast du Antwort und so lange wirst du noch in Frankfurt bleiben.«

Er wartete eine Erwiderung gar nicht ab, sondern eilte mit leise auftretendem Fuße zur Stiege hinunter.

Der Abend war unterdessen herangezogen und der Mond, von leichten Wolken umflort, streute sein Dämmerlicht umher.

Indem er über das kleine Plätzchen zwischen den hohen Häusern flüchtig dahinschritt, machten die seinen Kopf durchkreuzenden Gedanken in murmelndem Selbstgespräche sich Luft:

»Jetzt, wo alles so gut sich anläßt, will mir der Schwachmatikus durch sein Ausreißen den Sieg über diese Schreiberseele aus den Händen winden! Weiß der Geier, wie diese tausend Reichstaler überhaupt als feindliche Hilfstruppen aufmarschiert sind! Wenn auch dahinter eine List der Gegner steckte und wir übertölpelt würden – es wäre ja zum Rasendwerden. – Darum alles angespannt. Ich bin jetzt gerade in der rechten Stimmung, um tüchtig ins Zeug zu gehen. Gebe mir das Schicksal nur Gelegenheit, heute will ich dreinfahren wie ein Kannibale. Es soll mir eine Wollust sein, so alles mit den Köpfen recht tüchtig widereinander zu rennen!«

Unter solchen kaum hörbar geflüsterten Reden war er durch den engen und finsteren Gang unter dem Hause des Haarwachs in die Bendergasse gelangt und stand nun vor der Wohnung, indem er sich gegenüber in den Schatten eines Türpfeilers stellte und nach den schwach erleuchteten Fenstern des Metzgers sah.

Nicht lange mochte er allda, über die geeignetste Art seines Eintrittes nachdenkend, Posto gefaßt haben, als die Tante Wenkbach, nach Beendigung ihres Besuches bei Kunigunde, aus der Haustüre trat und schnell in ihr nebenan liegendes Haus eilte.

»Jetzt reicht dir die Gelegenheit ihre helfende und unterstützende Hand!« so rief es laut in ihm und ohne weitere Umstände schlüpfte er zur Haarwachsschen Haustür hinein.

Die Beschaffenheit des Ortes war ihm bekannt, das schwache Mondlicht aber, das von den Fenstern auf die ziemlich gute Stiege fiel, erleichterte ihm die Ein- und Übersicht und das übrige ergänzte seine Verwegenheit, von dieser gehoben, schlich er die Stufen hinauf. Als er jedoch hier lauschend still stand, vernahm er auf einmal das leise Aufklinken der Haustür und als diese langsam, gewissermaßen vorsichtig aufging, gewahrte sein scharfes Auge in der matten Beleuchtung einen Mann, den er unschwer als den alten Haarwachs erkannte.

»Was beginnen? Vorwärts, dem Feind entgegen? Rückwärts?« Diese Gedanken durchkreuzten wie feurige Blitze sein Hirn; doch auch ebenso schnell durchflammte ihn die Ansicht, daß der alte Störenfried wieder ebenso rasch verschwinden könne, als er unwillkommen in die Szene getreten und also war der Beschluß, nicht zu weichen, sondern sich zurückzuziehen und den Verlauf der Dinge abzuwarten.

So leise wie eine lauernde Katze flüchtete er daher zur Stiege hinauf bis zum zweiten Stockwerke, allein ebenso unhörbar der Metzger ihm nach. Es blieb ihm jetzt keine andere Wahl, als seinen Fuß nach dem Boden zu wenden, allwo es aber, wie ihm von Rudolf erzählt worden war, gar nicht geheuerlich sein sollte. Einen Augenblick überlegte er die Sache, aber auch nur einen einzigen Augenblick, als er auch sich selbst schon verspottete. »Alberne Märchen!« dachte er, »mit der Ammenmilch eingesogen, die aber der kräftige Mann verlachen muß!« Mit diesem rasch gewonnenen Entschlusse war er mit leichtem Fuße die weitere Stiege hinauf, wo die durch die Gaupen hereinstreichende kühle Nachtluft ihn umwehte.

Hier gedachte er zu warten, bis der Alte in seine Wohnung eingetreten oder sich vielleicht wieder entfernt habe. Mit angestrengtem Ohr horchte er daher in die Tiefe, aber betreten fuhr er zurück, als die auf der Bodentreppe im dürren Holze leis ächzenden Schritte näher kamen und deutlich verrieten, daß der Metzger ebenfalls seine Richtung auf den Boden gelenkt habe. – Was tun? »Immer höher hinaus,« rief es in ihm, »unter die Firste wird er dir doch nicht folgen!« und bis zu den äußersten Dachsparren nahm er den Rückzug.

Jetzt endlich hielt sein Verfolger an und vorsichtig schritt er nun näher und reckte den Kopf, um den Zweck der rätselhaften nächtlichen Bodenbesteigung des Alten zu erkennen.

Wie schon erwähnt, war Mondlicht, was indessen Wolken dämpften. Auf dem weiten Boden herrschte daher soviel Helle, daß Adalbert, hinter einem Schornstein verborgen, forschend umherlugen konnte. So blickte er denn auch, wie eine lauernde Eule, von seiner Höhe hinab, und so gewahrte er den leise und vorsichtig auftretenden Haarwachs, wie er jetzt unter seinem weiten Rocke hervor eine Blendlaterne zum Vorschein brachte und mit dem Lichte derselben das dicke Vorhängeschloß einer Kammer beleuchtete, es aufschloß und abnahm, hierauf aber in den festen Verschlag selbst eintrat.

Mit Staunen hatte der Student diesem vorsichtigen Treiben zugeschaut, sein Erstaunen sollte aber noch vermehrt, ja bis zu einem kleinen, aber schnell vergehenden Schreck gesteigert werden, als aus dieser Kammer plötzlich ein entsetzliches Geheul, Gestrampfe, Klopfen, Stöhnen und endlich sogar ein Kettengerassel laut wurde.

»Also er selbst!« flog es durch des Lauernden Sinn. »Und warum?« fügte sich eben so unverweilt die Frage an. »Denn aus Lust oder Mutwillen wandelt der Alte nicht die nächtliche Straße. Das mußt du ergründen!«

Dem Vorsatze folgte die Tat auf dem Fuße. Behende und leise schlich er herab und an die nur angelehnte Kammertür. Indem er hier unter dem fortwährenden Gespensterlärm durch die Spalte blinzelte, gewahrte er bei dem Laternenschein den Metzger in einer sonderbaren Beschäftigung.

Ein altes Bett stand in einem Winkel und in diesem wühlte derselbe mit den Händen umher, indem er das Deckbett und die Kopfkissen umherschleuderte, aus denselben aber weiße Nachtmützen und Strümpfe hervorzerrte, sie befühlte und mit gierigen Augen betrachtete, wobei er jedoch nicht unterließ, fortwährend zu heulen und zu tappen, auch zeitweise eine an der Bettlade hängende eiserne Kette zu ergreifen und damit zu rasseln.

»Sollte der Mann an zeit- und teilweisem Wahnsinne leiden?«

Diese Frage drängte sich dem Lauschenden auf, indem sich Bedauern bei ihm regte. Aber nun sollte er weiteren Aufschluß erhalten, indem Haarwachs jetzt ein ganzes Tuch voll Geldstücke aus seinem Busen zog und es nach einem gewissen Ermessen in die Nachtmützen und Strümpfe verteilte, diese dann aber wieder in die Bettstücke zu verbergen begann.

Jetzt war es Adalbert klar. Schmutziger Geiz hatte ihn diese Erfindung machen lassen und ihn gelehrt, Gespensterfurcht als den Wächter seines Mammons aufzustellen.

War er früherhin schon in der Stimmung, Händel anzufangen und Gefährliches zu wagen, so wurde diese durch das jetzt Erlebte gewißlich nicht vermindert. Aber klaren Kopfes, wie er war, begriff er auch ebenso schnell, daß er diese Sachlage benützen müsse, und sie seinem armen Rudolf von den ersprießlichsten Folgen sein könnte.

Heller Sinn und verwegener Mut fackeln nicht lange, Plan und Ausführung fallen da ineinander. Und so sprang jetzt Adalbert wie ein Raubtier in die Kammer, faßte den Alten im Genicke und drückte ihn mit dem Gesicht in die Bettdecke hinein.

Der also Angefaßte wollte schreien, da ihn aber Adalbert mit Jugendkraft niederhielt, so konnte die Stimme in den Federn zu keiner Geltung kommen, um so weniger, als jetzt der Student selbst gespensterhaft zu heulen begann und mit der schnell gefaßten Kette ganz fürchterlich rasselte.

»Ich bin der Teufel,« brüllte er hierauf in gedämpften, abenteuerlichen Tönen, »und gekommen, dir für den Eingriff in meine Rechte den Hals umzudrehen!«

»Ach, ach, Barmherzigkeit,« stöhnte der Festgehaltene. »Ich habe ja nicht gewußt –«

»Die Gespenster stehen unter meinem Befehl,« war die barsche Erwiderung, »ohne meine Genehmigung wird nichts gewandert und keiner darf spuken. Wer dagegen handelt, dem breche ich das Genick!«

Hierbei schüttelte er den unter seiner Hand sich Krümmenden, als ob er seine Drohung sogleich ins Werk setzen wollte und dieser ließ ein klägliches »Au, Au!« erschallen.

Als Adalbert merkte, daß der Alte die ganze Teufelsgeschichte für bare Münze nahm, ließ er sich zu Verhandlungen bereit finden und der Geängstigte versprach, allen billigen Bedingungen gerne nachkommen zu wollen.

»Wohlan denn,« brummte der Student, »du willst deine leibliche Tochter einem meiner Gesellen, der sich schon längst mir verschrieben hat, dem langbeinigen Kanzlisten Schwärzlich verhandeln. Das darf nicht sein, ich gebe dazu nicht meine Einwilligung. Willst du dazu die deinige ebenfalls versagen?«

Haarwachs erbebte und schauderte.

»Dein Geselle?« stöhnte er. »Ach, nun und nimmermehr soll er die Hand meiner Tochter haben!«

»Willst du ferner versprechen,« fuhr Adalbert im nämlichen Tone fort, »deine Kunigunde dem jungen Rudolf Reinhart nicht ferner vorzuenthalten und diesen beiden jungen Leuten ein Dritteil deines Mammons hier zur Aussteuer zu geben.«

»Ich kann ja nicht,« stotterte der Gefragte neuerdings sich windend, »denn ich habe einen Eid geleistet und ehe ich mich von meinem ersparten Gelde trenne, lieber mag mich« – »der Teufel holen!« brüllte der Student.

Der Niedergedrückte gab keine Antwort, aber aus seinen Anstrengungen bemerkte Adalbert, daß ihm sein Geld zu sehr ans Herz gewachsen war, und er andernteils einen Bruch seines Gelöbnisses zu sehr fürchtete, als daß mit einfachen Drohungen ein Mehr hätte erpreßt werden können. Dieses erwägend und ferner berücksichtigend, daß ein weiteres Vorgehen mit dieser Komödie am Ende eine Entdeckung derselben herbeizuführen vermöchte, und ihm das bereits Errungene wieder hätte entgleiten können, ließ Adalbert daher von weiteren Andringen gegen Haarwachs ab, indem er jetzt von ihm strenge Erfüllung des Versprochenen und Geheimhaltung des ganzen Vorfalles verlangte.

Der Alte gelobte und Adalbert ließ seine Hand von ihm los.

»Rühre dich nicht,« befahl er indessen, »siehe dich auch nicht um, bis ich verschwunden bin. Handelst du dem entgegen oder brichst du deine Zusage, so kostet es deinen Hals und dein Geld wandert sämtlich in die Hölle!«

Warum hätte Haarwachs so billigen Anforderungen des leibhaftigen Satans widerstreben sollen? Froh, so wohlfeilen Kaufes davon zu kommen, schwur er, gehorsam zu sein, und als er nach einiger Zeit sich aufzurichten und umzusehen wagte, war der böse Feind verschwunden, sein Geld aber noch vorhanden.

Getröstet hierüber, schlich er, nachdem er wieder alles fest verschlossen hatte, zur Bodenstiege hinab. Als er in seine Stube trat, war Kunigunde auf das höchste über sein bleiches Aussehen erschrocken, er schützte jedoch Unwohlsein vor und ging in seine Schlafstube zu Bett.

Adalbert aber hatte sich schon längst aus dem Staube gemacht, voll Hoffnung, daß der jetzt gespielte Mummenschanz seinem Freunde keinen Schaden bringen werde, eilte er nach seiner Wohnung. Noch aber hatte er sie nicht erreicht, als ein neuer Gedanke ihm durch den Kopf fuhr. Er überlegte einen Augenblick, allein der heutige glänzende Erfolg seiner lustigen Gaukeleien hatte ihm soviel Zuversicht, Kühnheit und sogar Verwegenheit verliehen, daß alle Zweifel an dem Gelingen des neu ausgesonnenen Streiches entweichen mußten.

So verließ er die bis jetzt eingeschlagene Richtung und wanderte nach einem bewußten Hause.


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