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Eine Brautfahrt

Die großen Böden oder Speicher hoher alter Häuser haben für den mit einiger Einbildungskraft Begabten sehr oft etwas Unheimliches und Schauerliches. Die steil anlaufenden Dachsparren, die vom Rauch geschwärzten Balken und Bretter, die mit Spinnweb und Staub bedeckten dicken Schornsteine und dergleichen verleihen dem Gemälde schon ein düsteres Kolorit, und die Stille, die dort herrscht, versetzen den einsam zu dieser Höhe wandernden noch außerdem unwillkürlich in eine ernste Stimmung. Alles dieses aber ist schon an und für sich mehr als genug, um den Glauben an etwas übernatürliches zu wecken und, wenn derselbe einmal erwacht ist, ihn auch noch zu nähren. Darum fanden die Erzählungen von Kobolden, Gespenstern und sonstigen spukhaften Wesen, die unter Dachsparren Hausen sollten, so gerne ein geneigtes Ohr, und von gar manchem Hause trug man sich in dieser Beziehung heimlich schauerliche Sagen zu.

So ging auch im Jahre 1719 das Gerede, daß es aus dem Boden eines Hauses in der Bendergasse zu Frankfurt am Main, das dem Metzgermeister Abraham Haarwachs gehörte, gar nicht geheuer sei.

Erwähntes Haus war ein sozusagen himmelhohes, hölzernes Gebäude von kunstvoller Zimmerarbeit und mit dickbauchigen Überhängen, das unter einem hohen, spitzen Dache viele übereinander liegende Böden mit einzelnen wenigen Kammern umfaßte. An einem der Böden öffnete sich gegen die Straße hin eine Tür, über welche ein Katzenzug – ein mit einer Rolle versehener Balken – weit den Arm hinausstreckte.

Der Eigentümer des Hauses wohnte zwei Stiegen hoch, und die unteren Stockwerke hatten Mieter im Besitz. Die weitläufigen Böden aber wurden wenig oder gar nicht in Anspruch genommen, weil, wie schon erwähnt worden, man allgemein munkelte, daß es dort spuke. Dabei hieß es jedoch, daß das Gespenst seine geheimnisvolle Tätigkeit nur auf die Speicher beschränke und die Bewohner des Hauses in ihren tiefer gelegenen Räumlichkeiten gar nicht behellige.

Es war am 1. Adventssonntage 1719, der damals auf den 3. Dezember fiel, als die den Tag hindurch über der Stadt gelagerten feuchten Nebel am Abend mit einzelnen Windstößen und dicken Regentropfen sich zu entladen begannen. Der Sturm trillte die Giebelfahne des Haarwachsischen Hauses im Kreise herum und machte, indem er durch die offenen Dachluken strich, auch mit der Rolle des Katzenzuges spielte, in dem hohen Gebälk ein gar unheimliches Getöse.

In die mit Latten abgeschlossene Küche des Metzgers, wo die Dienstmagd saß und dem Lärm auf dem Boden mit Grausen zuhörte, trat jetzt aus der anstoßenden Stube ein junges Mädchen und zündete eine bereitstehende messingene Lampe an. Auch von dieser Herzugekommenen flog ein bedenklicher Blick nach dem mit Geheul erfüllten Dachwerke; doch wendete sie sich, schnell gefaßt, wieder nach der Stube, in die sie, während ihre vorgehaltene Hand die Lichtflamme schützte, eintrat.

Freundlich bot sie hier Guten Abend. Die durch den Luftzug bewegte Flamme hatte anfänglich nichts erkennen lassen; als sie aber nach und nach ruhiger ward und ihren Schein in alle Winkel hinstrahlte, zeigte sich, hinter einem Tische sitzend, eine andere Frauengestalt, die in der Dämmerung zum Besuche gekommen war und den an sie ergangenen Gruß in gleicher Weise erwiderte.

Die Eingetretene zog nunmehr die grünen wollenen Vorhänge über die mit kleinen runden Scheiben besetzten Fenster, trug sich dann einen hölzernen Stuhl herbei und setzte sich dem Besuche gegenüber.

Die Lichtflamme beleuchtete jetzt zwei in ihrem Äußeren sehr verschiedene Personen. Hier eine vielleicht neunzehnjährige Jungfrau von frischer Farbe mit blauen Augen und schwarzen Haarflechten, auf denen ein dunkles Samthäubchen zierlich thronte, dabei von schlanker, doch kräftiger, mittelgroßer Gestalt, deren Ebenmaß durch ein einfaches dunkles Tuchgewand recht vorteilhaft zutage trat. Dort eine hagere, alte Figur mit ins Graue spielendem und einer Spitzenhaube geschmücktem Haupthaar, aus deren länglichem Gesicht eine dünne und gebogene Nase sich hervorbohrte, und um deren schmale Hüfte ein mausfarbenes, seidenes, schönes, wiewohl etwas nach veraltetem Zuschnitte gearbeitetes Gewand schlotterte. Granatenschnüre mit Demantschloß, welche sie um den Hals, an dem die Sehnen stark hervortraten, trug, sowie die funkelnden Ringe an den klapperdürren Händen ließen auf Wohlhabenheit schließen, und der stechende Blick aus den grauen Augen, womit sie das junge Mädchen fixierte, auf bedeutendes Selbstgefühl und Anmaßung, obgleich wiederum ein leichter, freundlicher Zug um den halb zahnlosen Mund etwas Gutmütigkeit verraten wollte.

Die jüngere Frauengestalt hatte vor dem widerlichen, fast schauerlichen Anblick ihres Besuches bescheiden das Auge gesenkt, während dieser in dem durchbohrenden Anschauen beharrte.

So saßen beide, unterdessen von der Straße her der Regen plätschernd an die Fenster schlug, eine Weile schweigend einander gegenüber, bis endlich das ältere Frauenbild das Wort ergriff.

»Wie ich dir schon gesagt habe«, sprach sie mit näselnder Stimme, indem ihre langen Finger demonstrierend in der Luft herumfuhren, »eine bessere Verheiratung als mit meinem Neffen, dem Schöffengerichtskanzlisten Dietrich Schwärzlich, triffst du in deinem ganzen Leben nicht mehr.«

Kunigunde, die einzige Tochter des Hauseigentümers, dessen Ehehälfte schon vor langer Zeit gestorben war, hob nunmehr den Blick nachdenkend in die Höhe. In ihrem schönen, seelenvollen Auge malte sich zwar kein Widerwille, doch war ebensowenig etwas von einer freudigen Zustimmung darin wahrzunehmen. Also voll gleichgültiger Ruhe entgegnete sie:

»Liebe Jungfer Base Wenkbach, Ihr Antrag mag ganz gut gemeint sein; aber der Herr Kanzlist Schwärzlich flößt mir denn doch gar keine Teilnahme ein und ich meine immer, wenn man einen Mann heiraten soll, so müßte derselbe uns Frauen doch ein wenig anregen können.«

Die Angeredete lächelte verächtlich.

»Komme ich da«, versetzte sie mit kaum verhaltenem Ärger, »diesen Abend bei dem schlechten Wetter aus meinem Hause da neben« – sie zeigte hierbei auf die Seitenwand der Wohnstube –, »um dir in Abwesenheit deines geizigen, halb verhungerten Vaters eine trostverheißende Zukunft zu eröffnen und du antwortest mir mit solchen nichtssagenden Firlefanzen. – Was willst du denn mehr als einen Mann aus dem Römer, dem der Weg zu Ehren und Ämtern bis zum kaiserlichen Rat hinauf jetzt offen steht? – Darum gehe auf meinen Vorschlag ein. – Dein Vater ist übrigens alt, wie leicht nimmt ihn der Tod hinweg, dann stehst du, außer voll Sorgen und Not, auch noch da ohne Beschützer, den du dir an meinem Neffen erwerben kannst.«

»Nun, so gefährlich«, antwortete die Jungfrau ein wenig gereizt, »steht es mit mir denn doch noch nicht!«

»Noch nicht?« wiederholte die Base spöttisch. »Du weißt denn doch,« setzte sie hierauf beißend hinzu, »daß dein Vater außer diesem Hause kein Vermögen besitzt und jenes sozusagen gar keinen Wert hat. Jedes Vierteljahr ziehen euch ja die Mietsleute aus, weil sie um die Spukgeschichte da oben auf dem Boden gar nicht bleiben können.«

Kunigunde blickte bei dieser Bemerkung plötzlich scheu in allen Winkeln der trüberleuchteten Stube umher.

»Sie hat recht, Jungfer Base,« erwiderte sie eingeschüchtert, »es ist ein Unglück mit unserm Hause. Spukt und wandert es doch zuweilen auf unsern weitschichtigen Böden, daß man vor Angst vergehen möchte. Das tappt, das rumort, das heult und rasselt mit Ketten – ach, Sie sollte so etwas nur einmal hören!«

»Der Himmel wolle mich davor in Gnaden bewahren!« rief die Base erschrocken aus, indem sie mit angsterfüllter Miene an der Zimmerdecke umhersah. »Euer Metzgerknecht hat ja diesen Gespensterunfug nicht aushalten können, wie magst du mir, einer zarten Jungfrau, solche Anmutungen machen!«

»Unsere Magd hat sich ebenfalls aus ihrer Bodenkammer herabgeflüchtet,« setzte Kunigunde betrübt hinzu.

»Warum aber geschieht denn nichts,« fragte jetzt Jungfer Wenkbach, indem jedoch ihre Blicke voll Besorgnis über ihre vermessene Frage umherliefen, »daß diese Geister gebannt werden?«

»Ich habe es unserm Herrn Pfarrer geklagt,« antwortete die Gefragte unter Seufzen, »und da hat mir dieser einige Sprüche aufgeschrieben, die aber nichts geholfen haben. Da bin ich in meiner Angst in den Antoniterhof gelaufen, wo etliche Kapuziner wohnen, die mit Gespensterbannen sehr vertraut sein sollen. Die frommen Pater haben mir auch etliche geweihte Wurzeln und Kräuter gegeben, welche nach eingetretener Dunkelheit auf unsern Boden getragen und dort an den Dachgauben aufgehängt werden sollen. Es will aber kein Mensch diese schützenden Dinge weder hinauftragen, noch dort anheften.«

»Wäre nur mein Neffe hier im Hause,« nahm nunmehr die Base ermutigt das Wort, »so würde der gewiß nicht anstehen, dir diesen Liebesdienst zu erweisen!«

Diese letztere Bemerkung entschied in dem Busen der Jungfrau zugunsten des Freiers. Die Hoffnung, die lästige Spukgeschichte endlich einmal loszuwerden, ließ denselben in einem rosigeren Lichte erscheinen, und so sprach sich Kunigunde über den Vetter Kanzlisten allmählich geneigter aus.

Die besuchende Base frohlockte in ihrem Innern. Sie hatte nämlich auf diesen Abendgang am heiligen Adventssonntage ihren Plan gebaut und säumte nunmehr bei den besser sich gestaltenden Aussichten nicht, mit gewandter und geschwätziger Zunge ihren Empfohlenen in das bestmöglichste Licht zu stellen.

Der Neffe Kanzlist war aber auch ihr, der vereinsamten alten Jungfrau – die indessen der zeitlichen Güter gar viele besaß – einziger Trost und Rat, mit dem ganz allein sie sich gut vertragen konnte, weil er nämlich ihr nie widersprach und ihr in allen Stücken Recht ließ, auch ihren Anordnungen sich allerwegen fügte. Wie sollte sie ihm deshalb nicht eine Jungfrau zum Ehegemahl zu gewinnen suchen, die er liebte und die ferner nach Anleitung ihres geizigen Vaters eine sparsame Hausfrau zu werden versprach?

Sie hatte daher aus ihrem nebenanliegenden Hause, das sie mit einer alten Magd und einer Katze ganz allein bewohnte, den Abendbesuch bei dem schönen Nachbarskinde unternommen und spähte nun, bei den glückverheißenden Aussichten, gespannt und erwartungsvoll nach der Stubentür.

Kunigunde hatte sie hierüber schon mehrere Male betreten angeschaut, als das Rätsel sich plötzlich lösen sollte. Denn auf der dunklen Treppe draußen entstand auf einmal ein Gekrabbel und Gestolper, worauf die Magd ein Rufen vernehmen ließ, dem ein Zurechtweisen folgte und endlich, Einlaß verlangend, an die Stubentür geklopft wurde.

Die junge Jungfrau erschrak; denn die Gespenstergeschichte trat ihr drohend vor das innere Auge. Die alte Jungfrau aber lächelte pfiffig und rief, da Kunigunde zögerte, selbst ein freundliches Herein.

Alsobald tat sich die Stubentür langsam auf, gewissermaßen feierlich, um auf die nachfolgende Erscheinung vorzubereiten, und herein trat mit zierlichen, gemessenen Schritten eine hagere Gestalt. Ein schwarzer Rock mit weit abstehenden Schößen und kurzen Ärmeln, an denen große Aufschläge und mächtige Manschetten prangten, schmückte sie und eine feine weiße Atlasweste, aus der oben eine Niederländer Spitzenkrause quoll, umspannte schmeichelnd ihre Taille. Um das imposante Bild zu vollenden, zierten braune, samtene, kurze Beinkleider sowie weiße seidene Strümpfe ihr nicht sehr muskulöses Untergestell und funkelte ein niedlicher Degen an ihrer schlanken Hüfte.

Der Eingetretene verbeugte sich mit vieler Grazie und hob dann das mit einer schneeweiß gepuderten Haarbeutelperücke bedeckte Haupt empor, wodurch bei dem Lampenlichte ein bleiches, längliches Gesicht, das die Familienähnlichkeit mit der besuchenden Base nicht verkennen ließ, sichtbar ward.

Kunigunde staunte, Base Wenkbach aber ergriff mit gewandtem Mundwerk das Wort: der eingetretene Neffe Kanzlist habe sie in ihrer Wohnung besuchen wollen, um ihr etwas Wichtiges mitzuteilen und da sie ihrer Magd aufgetragen, denselben hierher zu senden, so habe sich der Neffe in schuldiger Ehrerbietung die Freiheit genommen.

Neffe Dietrich bestätigte diese Darstellung mit devotem Kopfnicken und fügte mit süßflötender Stimme hinzu, wie er gerne diesem Befehle, der ihn zu einer so holden Jungfrau geführt, Folge geleistet und wie er weder Regen noch Dunkelheit gescheut, seinem eigenen Herzensdrange nachzugeben. Er habe in der Küche seinen nassen Regenmantel abgelegt und stehe jetzt hier, der Befehle seiner Tante gewärtig, indem er sich auch erkühne, die Hoffnung zu nähren, daß die holdselige Jungfrau Kunigunde den dreisten Schritt ihm nicht verübeln werde.

Diese, welche sich von der Überraschung wieder erholt hatte, dankte in ebenfalls freundlichen und wohlgesetzten Worten und so spann sich, da der Kanzlist ein nicht ununterrichteter Mann war, und die Base gehörig in die Kohlen blies, ehe man sich dessen versah, eine lebendige Unterhaltung an.

Der Neffe Dietrich merkte hierbei gar bald, daß seine angebetete Kunigunde an den Männern eine gewisse Kraft und Ritterlichkeit schätzte. Ludwigs des Vierzehnten galanter Hof und heroische Liebesabenteuer an demselben waren nämlich auch in der Frauenwelt nicht unbekannt geblieben, um so weniger, als die in der Schlacht bei Höchstädt 1703 gefangenen französischen Offiziere längere Zeit in Frankfurt sich aufgehalten hatten. Desto mehr suchte daher Kanzlist Schwärzlich sich den Anstrich eines mutigen, entschlossenen Mannes zu geben, der für eine Jungfrau alles zu wagen bereit sei.

Kunigunde nickte wohlgefällig und die Base Wenkbach triumphierte. »Der Weizen ist reif, er harrt der Sichel!« so rief es in ihrem Innern und eben wollte sie zu ihrem Siegeswerke den Mund öffnen, als die Magd atemlos und mit leichenblassem Gesicht in die Stube stürzte.

»Ach, das Gespenst!« waren die wenigen Worte, welche sie mit bebender Kinnlade hervorstammeln konnte.

Entsetzt fuhren beide Frauen von ihren Sitzen in die Höhe und selbst der mutvolle Kanzlist konnte sich einer Blässe auf seinen ohnehin bleichen Wangen nicht erwehren.

Kunigunde war indessen die erste, welche sich vom jähen Schreck wieder erholte.

»Sie jagt uns da ganz unnötig ein Entsetzen ein«, schmälte sie die zitternde Dienstmagd. »Das Gespenst hat sich bis jetzt nur um Mitternacht auf dem Boden verlauten lassen.« –

»Es ist aber heute Adventssonntag,« unterbrach sie die Base mit besorgtem Antlitze und wichtig tuenden Gebärden. »Um Adventszeit haben die Gespenster mehr Gewalt als sonst. Da gilt für sie keine Beschränkung der Zeit!«

Der Kanzlist lächelte, man wußte nicht recht, ob aus Geringschätzung oder aus Verlegenheit, während die Frauen zu ihm aufblickten als einem, von dem sie Schutz zu erwarten berechtigt seien und mancherlei Äußerungen in dieser Beziehung laut wurden, kam der Metzgerknecht Florian, aus Butzbach gebürtig, mit dem großen Fanghunde des Meisters nach Hause.

Der Ankömmling, von der Spukgeschichte unterrichtet, vertraute auf seinen großen Hund.

» Ohne Begleitung auf dem Boden,« sprach er, »getraue ich mir gegen das Gespenst nichts zu unternehmen. Da ich aber jetzt hier meinen treuen Greif an der Seite habe, so nehme ich es mit dem Teufel selber auf!«

Die Base und Kunigunde verwiesen ihm die frevelhafte Rede, Schwärzlich aber froh, jemanden gefunden zu haben, der ihn eines gefährlichen Ritterdienstes überhob, bestärkte ihn in seiner Ansicht, wonächst auch Florian sogleich die Stube verließ, um mit seinem Greif dem Gespenste zu Leibe zu rücken.

Ein Grausen hielt die übrigen zwar zurück, doch war bei den Frauen die Neugierde mächtiger als jenes. Die Dienstmagd mußte mit der Lampe voran auf das kleine Vorplätzchen, und zitternd vor Angst folgten die Base und Kunigunde, deren Rücken der nachtretende Kanzlist Dietrich deckte.

Kaum an der Bodentreppe angelangt, vernahmen sie auch schon die festen Tritte des Metzgerknechtes, der den Speicher zu gewinnen suchte, während sein Hund schnaubend und schnüffelnd vor ihm her tappte.

»Faß, Greif!« tönte es jetzt auf einmal schauerlich vom Boden herab. »Hierher, packan!« und ein Knurren des Hundes war die Antwort, dem aber gleich ein Gewinsel, dann ein lauter Schrei folgte, wonächst er Hals über Kopf die Treppe herabpolterte und mit eingezogenem Schweife Schutz unter den weitbauschigen Röcken der Frauen suchte. Starr vor Schreck hatten die auf dem Vorplatze Harrenden den Jammerton des treuen Greifes gehört. Als dieser aber jetzt, selbst ein Flüchtling, seine Haut in Sicherheit zu bringen suchte und gleich darauf der vermessene Metzgerknecht nicht weniger das Hasenpanier ergriff, da stürmten auch die Base und der Kanzlist in wilder Hast in die Stube zurück. Indem sie hier Kunigunden, die der Magd die Lampe abgenommen hatte, umwarfen, erlosch die Lichtflamme und alles wurde in tiefe, schauerliche Dunkelheit vergraben.

Die Stubentür war, aus dem dunklen Triebe der Selbsterhaltung, ebenfalls zugezogen worden, und so fand sich denn die arme Dienstmagd, die auf dem Vorplatze geblieben war, dem Gespenste preisgegeben. Unterdessen sie jammerte, und der Neffe Dietrich den erschütterten Frauen kein Wörtchen des Trostes zu sagen wußte, weil er nämlich selbst vor Angst mit den Zähnen klapperte, entstand auf dem Vorplatze neuer Rumor, in welchem jedoch des Vaters Stimme sich bemerklich machte.

Jetzt schöpfte Kunigunde frischen Atem, mit gewandtem Finger schlug sie Feuer und zündete ein Licht an, worauf in die erhellte Stube ein ältlicher Mann mit griesgrämlichem, bleichem Gesicht und scheu umherblickenden Augen trat, dessen schmächtige Gestalt ein brauner Rock mit schwarzen Knöpfen und schwarz ausgenähten Knopflöchern, das kahle, grau eingesäumte Haupt aber eine dunkle Filzmütze deckte.

Scheltend über Unfug und Unordnung war er eingetreten, als er jedoch den Besuch wahrnahm, strebte er, sich zu mäßigen, indem er mit grinsender, ärgerlicher Freundlichkeit die Base und den Kanzlisten grüßte.

Die Spukgeschichte wurde ihm jetzt mitgeteilt, und Schwärzlich gab sich als denjenigen an, welcher den Einfall gehabt, den Poltergeist mit dem Metzgerhunde anzugreifen.

»Das hätten Sie sollen bleiben lassen«, bemerkte Meister Haarwachs, indem er unzufrieden den Kopf schüttelte. »Wäre das zufälligerweise ein anderer Hund als der meine gewesen, so – so – – fremder Hund, so – so – – das Gespenst hat hier offenbar Rücksicht auf das Haustier genommen.«

Das Gespräch über die leidige Spukgeschichte dauerte nun noch einige Zeit fort, bis endlich der Vater damit endigte, daß er vor dem Besuche des Bodens warnte.

»Es hat niemand da oben etwas verloren,« sprach er. »Laßt das arme Gespenst in Ruhe, es wird euch hier unten auch nicht behelligen.«

Nachdem Angst und Schreck einigermaßen beseitigt waren, brachte Base Wenkbach das Gespräch wieder auf ihr Lieblingsthema. Kanzlist Dietrich war dem Vater Haarwachs nicht unbekannt, um so leichter fiel es der gewandten, altjüngferlichen Zunge, denselben als Eidam zu empfehlen, zumal der Alte recht gut wußte, daß seine nachbarliche Base, ohngeachtet ihrer einfachen, fast spärlichen Lebensweise, ansehnliches Vermögen besaß und der Neffe einen großen Stein bei ihr im Brette hatte, der ihn als den alleinigen Erben mit Recht vermuten ließ.

Während aber der Vater dem Kanzlisten immer geneigter wurde, nahm in dem Busen Kunigundens die günstige Stimmung mehr und mehr ab. Die Jungfrau wollte gern an den Männern hinaufblicken, und nun schrumpfte der ihr Zugedachte durch sein jämmerliches Benehmen bei der Geisterbeschwörung immer mehr und mehr zusammen, so daß sie endlich nur mit Mitleid auf ihn herabschauen konnte. Mitleid aber bläst nicht leicht eine Liebesflamme an, zumal, wenn plötzlich aus einem nahen Nachbarhause die Töne eines Klaviers durch die Nacht hinschwirren und eine schöne Männerstimme ein ergreifendes Lied erklingen läßt.

Die übrigen in der Stube Anwesenden hörten zwar nicht auf den Gesang, desto eindringlicher aber vibrierte derselbe in dem Herzen Kunigundens und machten ihr den früher gleichgiltigen freienden Kanzlisten jetzt geradezu verhaßt. Schatten und Licht heben einander. So schien es auch hier; der Schatten ward schwärzer und das vordem weniger beachtete Licht nur glänzender, um so mehr, als es jetzt ausgelöscht werden sollte.

Wie endlich Vater Haarwachs den Vorschlag der Base ganz annehmbar fand und von der Tochter eine Erklärung forderte, machte diese leere Einwendungen, die zum Schlusse dahin führten, daß der bedrängten Jungfrau Bedenkzeit gegeben wurde.

»Zeit gewonnen, alles gewonnen«, dachte Kunigunde, allein auch ebenso der Vater, die Base und selbst der verliebte Kanzlist. Die Hoffnung kann aber auch täuschen.

Die nahe Römeruhr schlug endlich neun und der Base, welche noch die Neuigkeitsberichte einer alten Näherin anzuhören, sodann ihre Katze Mintsch zu füttern und einen sehr langen Abendsegen zu lesen hatte, bevor sie ihr hochaufgetürmtes Himmelbett besteigen konnte, schien es geraten, dem Abendbesuch ein Ende zu machen. Zierliche Reverenzen und feine, weitschweifige Redensarten flossen nun von ihrem und des manierlichen Neffen Munde, worauf Dietrich der Tante den Arm bot und beide, nachdem sie noch die Regenmäntel um die Schultern geworfen, unter Vorantritt der leuchtenden Magd die Treppe zu gewinnen suchten, indem Vater Haarwachs und dessen Tochter sie komplimentierend bis dahin geleiteten.

Als letztere in die Stube zurückgekehrt waren, erging sich der Alte in Lobpreisungen über den manierlichen Kanzlisten. Kunigunde wollte aber nicht einstimmen, wogegen der Vater im entschiedenen Ton das Wort nahm: » Das ist ein Mann, wie ich ihn mir zum Schwiegersohn wünsche, von feinen Sitten, gelehrt und – die Hauptsache – reich, was aber bei mir noch höher steht, ist, daß er ein Mann aus dem Römer ist. Das gibt ihm, dir und auch mir Ansehen. Ein armes Mädchen wie du kann bei einem solchen Juwel von Manne von Glück sagen!«

»Wenn man Ihn also reden hört,« entgegnete jetzt Kunigunde fast verdrossen, »so sollte man meinen, daß wir aus dem Almosenkasten Unterstützung erhielten. – Meine selige Mutier, eine geborene Schneeweiß, hatte doch Vermögen, und er, mein Vater, verdient doch auch viel Geld.«

»Was weißt denn du, Naseweis?« fuhr der Alte auf.

»Sitze ich ja doch oft genug an unsrer Schirne«, antwortete die Tochter mit festem Blicke, »und verkaufe von den Würsten, die Er so vorteilhaft zu machen versteht.«

»Der hochedle Rat hat die Taxe jetzt so sehr herabgesetzt«, entgegnete der Alte voll Ärger und Heftigkeit, »daß gar nichts mehr zu verdienen ist. Kalbfleisch sechs Kreuzer das Pfund, Rind- und Hammelfleisch fünf und Schweinefleisch nur sechs Kreuzer, wie kann das Handwerk dabei bestehen?«

»Er bringt aber doch«, fuhr Kunigunde befremdet fort, »jeden abend viel Geld mit nach Haus?«

»Wandert alles wieder in den Viehhof auf der Zeil«, versetzte der Vater achselzuckend. »Kaum bleibt so viel übrig, daß ich die Haushaltungskosten bestreiten kann. – Darum wirst du den Kanzlisten zum Manne nehmen!«

»Ich mag ihn nicht«, war Kunigundens rasche und feste Entgegnung.

»Was?!« rief der Alte zornig aus. »Keinen Mann aus dem Römer! – Und ich sage dir«, setzte er dann mit vor Eifer keuchender und pfeifender Stimme hinzu, »daß ich keinem andern meine Zustimmung gebe. Das schwöre ich dir. Entweder« – hier klopfte er vor Eifer zitternd mit dem Finger heftig auf den Tisch – »einen Mann aus dem Römer oder – gar keinen!«

Erschüttert fuhr die Jungfrau zusammen. Ihr Vater war, bei all seinem Geize, doch, wie er meinte, ein guter evangelischer Christ und eifriger Kirchengänger, der um aller Welt Güter keinen falschen Eid geschworen, viel weniger aber einen aufrichtig geschworenen gebrochen haben würde. Nach seinen jetzigen Reden waren daher ihre Aussichten getrübt, ihre Hoffnungen verhagelt und niedergetreten.

Traurig trat sie in die Nähe des Fensters. Durch den plätschernden Regen drangen jetzt wiederholt die schwirrenden Saitentöne des nachbarlichen Klaviers und die sonore, wohlklingende Männerstimme sang:

»Mut, o Herz, verzage nicht!
Treue Liebe kann nur siegen.
Nie Gefahren unterliegen.
Sei ihr Ziel auch noch so fern,
Tosen Stürme durch die Räume,
Wolken fliehen hin wie Träume
Und durch Nebel dringt ein Stern.«

Auch in dem Busen der aufhorchenden Jungfrau riefen diese Worte ein Hoffnungslichtchen wach, das die Trauer ihr von dem Angesicht wischte und solches mit freundlichem Strahle übergoß.

Vater Haarwachs wurde aufmerksam.

»Singt der gottlose Schustersbube,« begann er mit bedauernder frommer Miene, »wiederum seine Schelmenlieder? – So etwas sollte ein hochwürdiges Konsistorium am heiligen Adventssonntage geradezu verbieten. In der Kirche wird der leichtfertige Handlungsdiener heute nicht gesungen haben!«

»O, er war heute in der Barfüßerkirche,« entgegnete Kunigunde gleichsam empfindlich.

» Der?« versetzte der Alte spöttisch. »In einem Wirtshause wird er gewesen sein!«

»Ich habe ihn selbst gesehen«, fuhr die Tochter gereizt fort. »Er hat mich bei der Kirchentür am Kreuzgange gegrüßt.«

»So?« war des Vaters überraschte Entgegnung. »Dann hätte er aber auch«, setzte er dann wieder auffahrend hinzu, »die erbauliche Predigt des Herrn Seniors Doktor Pritius besser beherzigen und heute seine Seele nur frommen Betrachtungen zuwenden sollen. Bei ihm aber ist der ausgestreute Samen nicht allein auf felsiges Gestein gefallen, sondern der böse Feind hat auch sein Unkraut in den Weizen gestreut. – Indessen wie der Vater, so der Sohn. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Schuster Reinhart ist auch so ein Schlemmer, der Schelmenliedlein in den Wirtshäusern singt und sogar selber solche verdammlichen Poetereien fertigen soll. Ich bin froh, daß wir mit diesen gottlosen Menschen nicht zu verkehren haben.«

Kunigunde hatte früher oft solche tadelnde Äußerungen des Vaters über den Nachbar gehört, ohne denselben eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Heute aber bemerkte sie nicht allein diese bittern Ausbrüche, sondern sie schnitten ihr auch noch recht tief in das Herz. Warum war ihr freilich nicht ganz klar. Der Schuster und sein Sohn gingen sie ja nichts an; aber der Kanzlist schien doch zwischen sie und den jungen Handlungsdiener treten zu wollen, und das veränderte freilich die Sache. Jetzt waren ihr auch die ungünstigen Gesinnungen des Vaters nicht mehr gleichgültig, die sie weder gerechtfertigt fand, noch überhaupt billigen konnte. Mißmutig, gewissermaßen bedauernd zuckt sie daher die Achseln und sandte den Blick zur Höhe.

»Laß dich durch den Belials-Gesang«, fuhr der Vater eifernd fort, »in deiner Feiertagsstimmung nicht beirren, wandle damit in dein Bettlein und suche unter dem Schutze der lieben Engelein dein Ohr zu verstopfen und ruhig einzuschlafen.«

Die Tochter versprach und der Alte ging, nach noch manchen erbaulichen Ermahnungen, um das Licht zu sparen, dunkel in die Nebenstube zu Bette.

Kunigunde wollte dem Beispiel des Vaters folgen; aber die aus dem Nachbarhause tönende Musik ward immer holder, reizender, ja verführerischer und zog sie am Ende wieder zum Fenster. Konnte sie denn aber auch dem wunderbaren Drange widerstehen? – Konnte sie schlafen, da mit einem Male in ihrer Brust eine ganze Welt voll Seligkeiten erwachte? – Der Sänger schien ihr früher gleichgültig. Nun sie aber Vergleiche zwischen ihm und dem Kanzlisten aufzustellen gewissermaßen genötigt war, hoben sich die Vorzüge des ersteren in das glänzendste Licht und strahlten in einem Feuer, das ihr lichterloh ins Herz brannte.

Träumerisch, sich selber ein Rätsel, stand sie noch lange am Fenster, bis endlich die letzten Töne des Klaviers verhallten. Da schwankte sie zu ihrem Lager und als sie das Köpfchen auf das Kissen senkte, entfloh statt des Abendgebets dem halbgeöffneten Munde ein leises: »Ach, Rudolf!«


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