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Die Verschwörung

Am folgenden Neujahrstagmorgen läuteten die Glocken, und die Einwohner der Stadt wallfahrteten zu den Kirchen. Nur die Nachbarschaft des Reinhartschen Hauses zählte nicht zu diesen Andächtigen; hier lag noch der Schreck der vergangenen Nacht in allen Gliedern, vorzüglich war dies bei Jungfrau Wenkbach der Fall, die aus Schreck kein Auge geschlossen hatte.

Auch jetzt, am frühen Morgen, war sie noch ganz aus allen Fugen und wich sogar noch um so mehr daraus, als ihre Dienstmagd erzählte, was alles die Reinhartsche Dienstmagd im Vertrauen an dem Ziehbrunnen mitgeteilt hatte.

»Was«, eiferte sie, indem sie ihre Nachthaube auf den ungeordneten Haaren hin und wiederschob, »der Lump, der Trunkenbold hat ein Siegesfest gefeiert? – Nicht allein, daß er ehrbare Personen dabei mit seinen miserablen Reimsprüchen beleidigt, so hat er auch noch aus lauter Übermut sein Haus angesteckt! – Aber es soll ihm übel bekommen! – Wenn nur mein Dietrich bald käme!«

Der bescheidene Wunsch ging – kaum hatte sie sich in eine reizende Morgentoilette geworfen – schleunigst in Erfüllung. Neffe Kanzlist, der auch in der Schreckensnacht nicht gefehlt hatte, mit dem aber wegen drohender Gefahr nichts geredet werden konnte, erschien in sauberem Winteranzuge und stattete der Tante in salbungsreichem Sermon die Neujahrsgratulation ab.

Die Beglückwünschte erzählte nun die durch die Dienstmagd erfahrene Märe, und Schwärzlich war pflichtschuldigst außer sich vor Entrüstung.

»Wie aber verlief,« forschte nun die Wenkbach, »dein Unternehmen gegen den Schusterssohn?«

Der Gefragte blickte vorsichtig in alle Winkel, dann raunte er der Tante ins Ohr:

»Das Geld, was Sie zu spenden so gütig war, hat den Seelenverkäufern Mut gemacht und – der Dummkopf vom jungen Reinhart ging auch in die Falle. Ich habe aufgelauert und sah ihn selbst in das Haus am Holzpförtchen schlüpfen. Da kam aber der fatale Feuerlärm und die Quartieroffiziere stürmten in die Stube, fanden den bereits mit Schlaftrunk widerstandslos gemachten und trugen ihn fort.«

»Es hat dich doch niemand wahrgenommen?« war der Zuhörenden besorgte Frage.

»Alles mit größter Vorsicht,« lachte Schwärzlich. »Wie mein Uriasbrief, so auch die Ausführung. – Mag nun aber auch diese Feuersbrunst mir einen Strich durch meine Rechnung gemacht haben, so denke ich, wird sie uns bei unseren Plänen hinwiederum sehr förderlich sein, ja, wage ich zu behaupten, uns zum glorreichsten Ziele zu bringen.«

Die Tante sperrte neugierig den Mund auf, zog dann den Redenden neben sich auf einen Sessel, blickte ihm fragend in die Augen und indem sie quecksilbern hin- und herwitschelte, bat sie dringend um Aufklärung.

»Der Schuster«, fuhr jetzt Schwärzlich mit wichtiger und geheimnisvoller Miene fort, »hat sich mit dieser Brandgeschichte einen bedeutenden Schnurrbart gemalt und wenn derselbe nicht schon in allen Farben vorhanden ist, so werde ich mit geschickter und dienstbeflissener Hand dem Fehlenden schon nachhelfen. Als Schlemmer und Prasser, der in der Sorglosigkeit, vielleicht gar Bosheit die Häuser anzündet, steht er schon da. Einem solchen übel beleumdeten Manne kann aber doch ein ehrbarer Bürger wie Meister Haarwachs keine tugendhafte Jungfrau Kunigunde anvertrauen«

»Nein, gewiß nicht!« fiel die Tante ein, mit plötzlich frommer Miene nach oben schauend.

»Dann aber,« sprach der Kanzlist weiter, indem seine Gesichtszüge etwas Boshaftes und Schadenfrohes blitzten, »hat sich Reinhart durch seine heraufbeschworene Feuersbrunst in eine Stellung gebracht, die ihm unfehlbar – bei gehöriger Nachhilfe von meiner Seite – den Hals brechen muß. Sein altes Haus ist durch Feuer, mehr aber noch durch Wasser so beschädigt, muß so beschädigt sein, daß es verschwinden muß. Die alte Baracke aber ist sein einziger Reichtum, verschwindet dieser, so ist er – ein Lump!«

Die Zuhörende blinzelte mit den Augen und lächelte.

»Ein Kapital zum Wiederaufbau«, bemerkte sie höhnisch, »erhält er auf den leeren, in der engen Straße garnichts werten Platz nicht.«

»Dann haben wir ihn in der Hand,« fiel Schwärzlich mit siegesfreudigem Blicke ein, »und können ihm den Frieden nach unserem Belieben diktieren.«

»Ja, was soll denn aber das alles?« war jetzt die verwunderte Frage der Tante.

»Ei, ei,« lachte der Kanzlist, »der Schüler ist der Meisterin über den Kopf gewachsen! Hat denn meine kluge Beschützerin die Kartenschlägerin in der Stelzengasse vergessen? Was sagte die verschrumpfte Sibylle? Von dreien Häusern sprach sie und das eine, das Herzas, müßte fallen. Ich habe zwar immer noch einiges Mißtrauen gegen diesen Orakelspruch gehabt, wie aber die Sachen jetzt sich gestalten, muß dasselbe nicht allein ganz verschwinden, sondern auch mein vollstes Vertrauen in die Weissagung gerechtfertigt erscheinen. Das Haus des Schusters muß fallen und aus ihm erblühet – nach den Worten der Kartenschlägerin – Glück und Reichtum.«

»Wenn es aber nicht fällt!« bemerkte die Zuhörende, unter Zweifeln den Kopf schüttelnd. »Wenn die Bauherren nicht auf den Abbruch bestehen! Willst du es da abreißen?«

»Unsere Prophetin sagte ferner,« nahm der Kanzlist wieder zuversichtlich das Wort, »daß ich für die Niederreißung sorgen müßte. Sie hat also meine Tätigkeit und daß sie mit Erfolg gekrönt sein würde, vorausgesehen, also –«

Die Zuhörende war noch nicht im klaren.

»Wie? – Wie? – Wie? Das ist die Frage,« versetzte sie.

»So! – So! – So!« war des Neffen Antwort, indem er mit der Hand die Bewegung des Geldzählens machte und dabei verschmitzt lächelte. – »Die vom Rate aus seiner Mitte bestellten Bauherren tun doch nur, was der Stadtbaumeister sagt, und dieser verläßt sich auf das Gutachten der Handwerksmeister. Letzteren will ich schon eine dem Schuster günstige Absicht vorspiegeln und sie mit Geld zu dessen Ruin bestimmen. Lasse Sie mich nur gewähren, so etwas lernt man aus den Akten schon. Aber Tantchen, karg muß Sie sich nicht finden lassen. So eine Nasenbrille, die da sieht und auch wieder nicht sieht, will im Feuer vergoldet sein!«

Die von dem Kanzlisten angehetzte Tante atmete auf. Ihre Zweifel waren verschwunden und ihre Zuversicht glänzte hell wie der Sirius am Himmel.

»Wenn es sonst nichts ist,« rief sie frohlockend aus, »da kann ich helfen, verspotten wolltest du pasquillantischer Schuster mich; nun will ich dir auf den Nacken treten und mich an deinem Klagegeheul erlaben. Ach, es muß herrlich sein, wenn einer so arg, so spitzbübisch mißhandelten guten Seele, wie die meine doch ist, endlich die langersehnte Genugtuung, nach der sie, wie der Hirsch nach kühlem Wasser, gedürstet, zuteil wird!«

Ihr ganzes Wesen schien in Gift und Galle aufgelöst. In solch angeregter Stimmung eilte sie zu dem eisernen Wandschranke, öffnete ihn mit einem raschen Rucke und nahm daraus einige Röllchen Gold, die sie dem aufspannenden Neffen einhändigte.

»Da nimm,« sprach sie mit vor Eifer bebender Stimme, »und wenn es nicht auslangen sollte, so darfst du wiederkommen und Nachhilfe verlangen.«

Schwärzlich streckte den Hals und blickte begierig in das ihm eben erschlossene Heiligtum. Dort lag noch mehr dergleichen wirksames Geschütz von verschiedenem Kaliber angehäuft und harrte – wie er meinte – kampfbegierig auf Mobilisierung. Sollte er da die Kriegslust nicht noch mehren?

Und er säumte nicht, dem nachzukommen und blies gehörig in die Glut, daß die Tante immer erbitterter, immer giftiger ward und den Schuster gleich vernichtet hätte, wenn demselben jetzt das Unglück widerfahren wäre, in ihre Hände zu fallen.

»Aber Tantchen,« suchte jetzt Schwärzlich die Umhertobende mit scheinheiliger Miene, in welcher jedoch etwas Ironisches sich abspiegelte, zu beschwichtigen. »Sie muß nicht gar zu unchristlich sein. Bedenken Sie doch, daß meine Verheiratung eigentlich die Hauptsache ist. Durch den Reinhart selbst muß diese ermöglicht werden. Darum die Saiten nicht zu straff gespannt. Sie muß ihm in dem rächenden Engel auch zugleich den versöhnenden zeigen.«

Die Angeredete stutzte, die Benennung »Engel« aber schmeichelte ihr und so ließ sie sich besänftigen, indem sie den Redenden um nähere Erklärung ersuchte.

»Ist ganz einfach,« gab Schwärzlich mit spöttischer Miene zur Antwort, »zuerst werfen wir ihn in den Morast, und nachher reichen wir ihm helfend die Hand.«

»Ihm wieder helfen!« rief die Tante empört.

»Versteht sich,« lächelte der Kanzlist, indem er der Aufgebrachten beschwichtigend die Hand küßte, »unter Bedingungen.«

»Die ich ihm vorschreibe,« fiel jene ein.

»Sie hat mich verstanden,« war die Antwort.

In diesem Augenblicke klopfte es an die Tür. Die Tante war auch jetzt noch so im Zuge, daß sie ihrer einfachen, für fremden Besuch keineswegs angepaßten Bekleidung uneingedenk ein kräftiges »Herein!« erschallen ließ, worauf die Stubentür sich langsam auftat und der Metzger Haarwachs sonntäglich aufgeputzt, Stock und Dreispitz in der Hand, in das Zimmer trat.

Feierliche Neujahrsgratulation war der Eingang zu einem Gespräche über die Feuersbrunst der heutigen Nacht und dabei ausgestandene Angst und Schreck, woran sich weiter der Tante Erzählung reihte von Siegesfesten, beleidigenden Reimsprüchen, Saufgelagen und anderen ganz entsetzlichen Unanständigkeiten.

»Unerhört,« sprach der Metzger, indem er scheinheilig die Augen verdrehte, »vor solchen Menschen muß man sich hüten.«

Diese Äußerung war Wohlklang für den Kanzlisten. Noch einen ähnlichen Griff in die Saiten und ein voller Akkord tönt durch die Lüfte.

»Auch Ihn, werter Meister,« begann er mit erheuchelter Teilnahme, »haben sie in ihr Spottbereich gezogen. Einen schmutzigen Hungerleider nannten sie Ihn, der zu dem Gespenste in seinem Hause recht gut sich eigne.«

»Wa– was ist das?« rief Haarwachs entrüstet.

»Es habe sich einmal einer,« fuhr Schwärzlich fort, »in Seinem – er deutete hierbei auf den Metzger – »Hause aus lauter Geiz den Hals abgeschnitten, wofür derselbe jetzt wandern müsse, da ginge Er, Haarwachs, zuweilen auf den Boden und tanze mit dem Gespenste.«

»Daß mich der Himmel davor bewahren möchte!« rief Haarwachs schaudernd aus. »Aber,« setzte er dann vorsichtig und scheu hinzu, »was ist denn das für eine Geschichte mit dem Halsabschneiden?«

»Ich weiß es selbst nicht genau,« war des Gefragten verlegene Entgegnung. »Indessen man sagt. Es wird aber wahrscheinlich Ihm nur zum Spotte nachgeredet worden sein.«

»Hm, hm, Halsabschneiden!« murmelte der Metzger. Die Sache schien ihm doch gar zu unheimlich. Da brachte aber Jungfer Wenkbach wieder das Gespräch auf die Verheiratung Kunigundens und jetzt entwichen ihm auch die schauerlichen Bilder, die seinen Geist seither gefangen gehalten hatten.

»Es wird unnötig sein,« fuhr dann die Redende mit geläufiger Sprache fort, »Ihm noch weiter auseinander zu setzen, daß die hirnlosen Ideen seiner Tochter, wenn auch schon früher nicht ausführbar, nach dem jetzigen Benehmen des Schusters völlig verdammenswert sich darstellen. Seine Pflicht als Vater ist es daher, nunmehr mit kräftiger Faust in die Zügel zu greifen, der Tochter den Teufel der Widerspenstigkeit auszutreiben und sie zu zwingen, dem Manne die Hand zu reichen, den Seine Weisheit und Fürsorge ihr auserkoren hat.«

»Wenn sie aber nicht will?« bemerkte der Metzger kleinlaut.

»Dann führt Er das wirksamste Geschütz gegen sie auf,« entgegnete die Tante voll Eifer und Bestimmtheit. »Er droht ihr mit Enterbung und mit seinem Vaterfluche.«

Der Zuhörende schauderte. »Es wäre doch ein wenig gar zu stark,« meinte er.

»Er soll ja nur drohen,« fiel da der Kanzlist mit leichter, freundlicher Rede ein. »Zwischen Androhen und Ausführen ist ja noch ein weiter Weg, ein großer Unterschied.«

Haarwachs überlegte noch eine Weile, dann gab er die Notwendigkeit der herben Maßregel zu und versprach, sie in Anwendung zu bringen.

»Bedenke Er,« fügte endlich die Wenkbach noch bei, »Seine Tochter wird eine reiche Frau, die Sein wenig Erspartes nicht in Anspruch zu nehmen hat, die Notpfennige für Seine alten Tage.«

Diese Bemerkung entschied. Fest entschlossen, bei seiner Tochter jetzt das mit Gewalt zu erzwingen, was er seither mit allen Ermahnungen nicht hatte erreichen können, empfahl er sich.

Tante und Neffe jubilierten.

»Die gerechte Sache siegt,« frohlockte die erstere, »der Schuster und sein Sohn werden vernichtet und meine beleidigte Ehre wird gerochen!«

»Und ich,« setzte der letztere hinzu, »erhalte aus den Händen meiner lieben Tante eine brave Frau und,« setzte er in Gedanken hinzu, »das Geld einer einfältigen alten Jungfer. Aber,« fuhr er dann laut fort, »noch ist vieles zu tun, ich werde jetzt gleich gehen und handeln.«

»Und der Himmel schenke dir hierzu seinen Segen,« entgegnete die Tante, indem sie die Hände segnend auf sein Haupt legte.

Der also Geweihte küßte die gütigen Hände und ging. Ein überaus freundlicher Blick folgte ihm und der leise Ruf:

»Das ist ein Mann, wie sie alle sein sollten!«


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