Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Feiertagsstimmungen

Tante Wenkbach hatte am folgenden ersten Weihnachtsfeiertage in prachtvollem, wiewohl überladenem und sonderbarem Winterstaate wiederum die Barfüßerkirche zur Morgenandacht besucht und auch Kanzlist Schwärzlich hatte nicht unterlassen, die Emporkirche allda, den sogenannten Lettner, zu besteigen und seinen Platz also zu nehmen, daß er die hochverehrte Tante und diese wiederum ihn gewahren konnte, wenn aber bei beiden für heute keine besondere Andacht eintreten konnte, so lag dies einmal in der Erinnerung an die gestrigen Ereignisse, die ihnen gerade in der Kirche vor die Augen treten mußten, zum andern aber darin, daß die Tante dieses Gotteshaus vorzüglich besuchte, um zu sehen und gesehen zu werden und der Kanzlist, weil er sich der Beschützerin durch seine Anwesenheit wohlgefällig machen wollte.

Unter Musterung der vielen zur Schau getragenen Weihnachtsgeschenke und dann und wann einiger Aufmerksamkeit auf die gewichtigen Worte des Predigers, ging der Jungfrau Wenkbach die Kirchenzeit dahin, und als die Gemeinde nach Hause wandelte, zog auch sie mit hochgehobenem Kopfe und feierlicher Miene an der Seite des stattlich geputzten Neffen zur Bendergasse, wo er in ihren Räumen ein feines Mittagsmahl mit ihr einnehmen sollte.

Eine schmackhaft gebratene Gans mit Kastanien und Rosinen gefüllt war das Hauptstück der Tafel, und der Kanzlist ließ sich die zarten vorgelegten Bissen bei einem Glase guten Rheinweins recht vortrefflich schmecken. Als nun zum Nachtisch seine liebenswürdige Jungfer Wirtin noch einen über und über gezuckerten Radankuchen aufsetzte und dazu eine Flasche alten Hochheimer kredenzte, entflogen auf seiner Stirn alle Wolken, die das gestrige verdrießliche Abenteuer hervorgerufen hatte, und in seinen Mienen prägte sich eine gewisse Schlauheit aus, der man einen schlimmeren Namen zu unterlegen veranlaßt werden konnte.

»Tantchen«, flüsterte er, indem er sie mit schwimmenden Augen recht zärtlich anblickte und ihr dabei warm die Hand drückte, »wir haben neulich wegen der Entfernung des lästigen Schustersohnes überlegt. Nun weiß ich, wie es anzufassen ist. Wir bringen ihn an die Seelenverkäufer.«

Die Wenkbach erschrak; so grausam und bösartig wollte sie doch vor sich selbst nicht erscheinen. Schwärzlich wußte ihr jedoch soviel Beruhigendes und ihren Abscheu Beseitigendes vorzuplaudern, daß sie endlich ein solches Verfahren nur als eine dringende Notwehr ansehen konnte.

»Aber in welcher Weise willst du dies ausführen,« bemerkte sie dann, ihren Schützling ansehend. »Du weißt! – Du weißt!« –

»Laß Sie mich nur sorgen,« entgegnete der Angeredete, dem der Wein das Antlitz rötete, »die Kunst, einem andern etwas aufzubinden und den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, verstehe ich.«

»Du bist ja ein Blitzjunge,« versetzte die Tante, indem sie ihm die Wange streichelte.

»Am Holzpförtchen«, flüsterte er jetzt, geheimnisvoll nickend, »ist eine alte Herberge, wo Niederländer Schiffer einzukehren pflegen, und bei diesen befinden sich die von den Holländern angestellten Seelen- – nicht Verkäufer – sondern Käufer. Im Trunke werden die dorthin Gelockten zum Handgelde verleitet, dann auf das Schiff gebracht und nach Holland transportiert, wo sie später nach Ostindien geliefert werden. Der Schusterssohn gibt einen vortrefflichen Rekruten!«

Die Tante schauderte.

»Bedenke! Bedenke!« warnte sie.

»Er kann ja auch sein Glück machen,« beschwichtigte Schwärzlich. »Er ist Kaufmann. Wie leicht erwirbt er in diesem reichen Ostindien ein fabelhaftes Vermögen wie diese reichen Amsterdamer und Rotterdamer Handelsherren.«

Der Zuhörenden wollte dieser Plan doch nicht so recht in den Kopf; der überzeugenden Rede des Neffen gelang es jedoch am Ende, ihre Bedenklichkeiten zu beseitigen, daß sie zur Ausführung des Vorhabens die Geldmittel bewilligte.

»Ich locke ihn schon in das Haus,« sprach Schwärzlich. »Mit Hilfe eines Briefchens will ich das schon möglich machen. Ist er einmal in der Spelunke, so kommt er nicht mehr zum Vorschein. Für uns ist er verschwunden und für sein Herzliebchen tot. Sie wird ihn betrauern und zum Schlusse mir die Hand reichen.

Während hier volle Tafel war, ging es im Nachbarhause bei Meister Haarwachs sehr frugal zu. Der Mittagstisch war spärlich besetzt und der Vater lobte die Mäßigkeit, wobei man gesund bleibe. Kunigunde achtete nicht auf diese Reden. Ihre Gedanken hingen an dem gestrigen Abend, ihr Geist war bei dem Manne ihres Herzens.

So schweigsam das Mahl bei dem Metzger eingenommen wurde, so munter, ja ausgelassen ging es bei dem Schuster zu.

Dieser hatte seinen Tischgenossen, unter denen sich natürlich die Schuhknechte und der Lehrling befanden, ebenfalls eine gebratene Gans aufgesetzt und bewirtete, wie es das Herkommen für den ersten Feiertag wollte, mit Wein.

Lächelnd hielt er jetzt sein Römerglas in die Höhe und sprach:

»Alle Bosheit ist zerronnen,
Ich habe den Prozeß gewonnen.
Fürchtet drum kein Zöpfchen,
Als heraus m'em Tröpfchen!«

»Heraus mit dem Tröpfchen!« fügte er dann den Reimen bei: »Heraus mit dem Tröpfchen!« riefen die Gesellen, indem sie klirrend mit dem Meister anstießen und die Römer bis auf den Grund leerten.

Als das Mittagsmahl beendet war, entfernten sich die Gesellen sowie der Lehrling, und der Meister blieb mit seiner Frau Abigail und dem Sohne Rudolf allein.

Bei letzterem wollte die heitere Laune seines Vaters nicht zünden. Auch seine Gedanken lebten im gestrigen Abend und vor seinen Augen stand ebenfalls ein liebes Bild, seine holde Kunigunde.

»Rudolf,« begann jetzt der Alte mit freundlichem Tone, »vergälle mir doch meine heutige Feiertagsfreude nicht durch dein saures Gesicht! – Wenn ich auch neulich im Unmute über den alten geizigen Metzger etwas sagte, so war das nicht so im Ernste gemeint. Als mich gestern morgen das herzige Gundchen so treulieblich und bescheiden aus seinem Fenster heraus grüßte, sieh, da war es mir, als ob die liebe Sonne in mein Herz schiene und alle bösen Nebel dort vertriebe. – ›Das holde Kind solltest du von dir stoßen!‹ rief es in mir, ›das anmutreiche Mägdelein, das gewiß deines Alters Glückseligkeit ausmachen wird! Und sieh, da ward ich wieder der Alte und nahm mir vor, alle Stränge anzuziehen, damit dir dein Herzallerliebstes an den Busen sinke.‹

»O, mein guter Vater!« rief Rudolf, indem er den Alten, welcher sich jetzt der Rührung nicht erwehren konnte, in seine Arme schloß.

Auch Mutter Abigail traten die Tränen in die Augen. Da riß sich aber der Schuster plötzlich gewaltsam in die Höhe.

»Ei was,« rief er, mit feuchten Augen lachend aus »Weinen an Weihnachten paßt nicht zusammen, wenn es auch Klangähnlichkeit hat. Heute wollen wir lustig sein und in der frohen Hoffnung leben, daß die Silvesternacht dir, mein lieber Rudolf, etwas Gutes beschere.«

Mutter und Sohn wollten wissen, mit welchen Plänen und Entwürfen sich der Alte herumtreibe; dieser aber lachte geheimnisvoll und pfiffig.

»Man muß auch,« sprach er, mit den Augen blinzelnd, »etwas Geheimes für sich haben. Den Kindern sagt man ja auch nicht, was ihnen der heilige Christ bringen wird. Desto größer ist dann die Überraschung und die Freude. Und seht, also will ich es auch mit euch halten. Darum fragt nicht mehr, ihr erfahrt doch nichts.«

Die Bittenden mußten endlich von ihrem Andringen ablassen und der Alte zog seinen Rock an, setzte Perücke und Dreispitz auf und ging an das Mainufer spazieren.


 << zurück weiter >>