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Kühne Taten

Der Kanzlist verfügte sich nach der Tante Gebot am nächsten Sonntag nachmittag, angetan mit seinen besten Feierkleidern und mit dem zierlichen Degen an der Seite, sogar noch mehr geschmückt als er schon einmal aufgetreten war, in die Wohnung des Metzgermeisters. Worte standen ihm zu Gebot, und so überreichte er mit feinen und auserlesenen Redensarten der Jungfrau seines Herzens den kostbaren Demantschmuck und dem Vater die Ringe.

Kunigunde, welche nur zögernd das verschlossene Schmuckkästchen angenommen hatte und es auf Befehl des Vaters endlich öffnete, fuhr überrascht zurück, als sie die blendenden Herrlichkeiten gewahrte. Ein feines Lächeln spielte demnächst um ihren Mund und ihre leicht verzeihliche Eitelkeit ließ sie sich in diesem Glanze erblicken, der ihre jugendlichen Reize nur erhöhen mußte.

Schwärzlich hatte dies bemerkt und ein triumphierendes Lächeln der Befriedigung spielte auch über seine Züge, da traten zu seinem Unglück andere entzückende und glückverheißende Bilder vor Kunigundens inneres Auge: die lieblichen Züge des ihrem Herzen Teueren, sowie seine weit mehr als alle Juwelenpracht blitzenden Augen, und mit schnell über sie gekommener Gleichgültigkeit, die sich nach und nach bis zum Abscheu steigerte, reichte sie dem betretenen Kanzlisten die Kleinodien zurück.

In diesem Augenblicke aber öffnete auch Haarwachs die ihm überreichten beiden kleinen Kästchen und als er die blitzenden Steine gewahrte, zogen sich seine Augen in eine weite Kreisform, welche prismatisch in allen Regenbogenfarben schillerte.

»Da – da – was – was –« stotterte er in größter Verwirrung, »das ist der Mann – welcher – deiner allein würdig. – Das sind ja königliche Geschenke! – Herr, Sie müssen unendlich reich sein!«

»Reich werde ich nur,« entgegnete Schwärzlich mit eleganter Verbeugung gegen Kunigunden, »durch die Hand dieses Engels.«

»Wenn Sie sonst keinen Wunsch haben,« fuhr jetzt der Alte mit freudestrahlendem Gesichte auf, »dem können wir genügen. Künftigen Sonntag ist Aufgebot und nach Neujahr Hochzeit!«

Ein Fieberfrost flog der Jungfrau bis ins innerste Mark. Sie wollte Einwendungen machen, der Vater ließ sie jedoch nicht zu Worte kommen.

»Ja, ja,« fuhr er fort, freudig die Hände reibend und dabei die blinkenden und blitzenden Ringe an seinen Fingern mit gierigen Augen betrachtend, »dabei bleibt es. Wenn auch meine Kunigunde noch nicht geredet hat; so zweifeln Sie ja nicht an ihrer freudigen Zustimmung. Sie ist eine viel zu fromme Tochter, als daß sie den Wünschen ihres Vaters nicht gerne entgegenkommen, viel weniger« – und dieses betonte er sehr scharf – »denselben entgegen handeln sollte!«

Der Alte hatte mit diesen Worten – ob aus eigener Erfindung oder nach eingeholtem Rat Sachverständiger, ist nicht ermittelt – in Kunigundens Busen den Ton angeschlagen, welcher am wirksamsten vibrierte. Die Jungfrau, aus angeeigneter Selbstbildung wohl unterrichtet, ermangelte zwar nicht der weiblichen Gewandtheit und, wenn nötig, auch Schlauheit, doch war sie auch eine fromme Tochter, welche der Kindesliebe aus innerster Überzeugung huldigte. Daß sie unter solchen Umständen, in Gegenwart des ihr von dem Vater Erkorenen, diesem nicht geradezu verneinend entgegentreten konnte, ist klar, und mit unterdrücktem Seufzer duldete sie daher, daß der verliebte Kanzlist ihre Hand faßte, solche mit Feuer der Inbrunst küßte und ihr endlich einen Ring an den Finger steckte.

Haarwachs zitterte vor Lust und hätte gern einen seiner eben empfangenen Edelsteinringe der Tochter gegeben, um ihn dem Bräutigam ebenfalls an den Finger zu drängen, damit durch den Ringwechsel das Verlobungswerk gleich vollbracht gewesen wäre, wenn – er sich von dem Juwelenschmucke hätte trennen können, und wenn ihm sein Geiz nicht zugeraunt hätte, daß mein besser wie unser ist, und die schönen Ringe einen viel zu hohen Wert besäßen, als daß sie nicht besser durch andere, weniger teure ersetzt werden könnten.

Er begnügte sich also, den freudetrunkenen Kanzlisten mit einigen Bibelsprüchen zu beschenken und war eben daran, auch seiner Tochter mit gleicher Freigebigkeit zu gedenken, als ein anderer, von gegenwärtiger Verhandlung ganz abwegiger, ihm aber in sein geheimstes Innere noch weit tiefer eingreifender Gedanke sein Hirn durchzuckte und seinen Mund von weiteren salbungsreichen Reden verstummen ließ.

»Ein dringendes Geschäft,« brach er daher ab, »fordert meine Abwesenheit auf wenige Zeit. Ehe die kurzen Tage zu Ende gehen, muß es getan sein, Kunigunde«, hier wandte er sich an diese mit gemachter Zärtlichkeit, »du wirst bis dahin den Herrn Kanzlisten bestens unterhalten. Ich zweifle nicht im mindesten daran, da – wie ich mir noch aus meiner Jugend erinnere – Brautleuten immer sehr damit gedient ist, wenn – sie allein sind.«

Er lächelte pfiffig und entfernte sich dann mit einem selbstgenüglichen Blicke durch die Tür.

Die tiefste Verlegenheit und auch wohl Entrüstung, sie – da auch die Dienstmagd ausgegangen war – mit dem Unausstehlichen so ganz allein zu lassen, malte sich in allen Zügen Kunigundens. Ihr klarer Blick zeigte ihr alsbald, wie der Vater von Geiz und Habsucht bestochen, dem unwillkommenen Bewerber freies Spiel zu lassen gedachte. Mit dieser Wahrnehmung empörte sich ihr Stolz und erwachte in ihr die Lust, dies – wie es ihr schien – abgekartete Spiel zu verderben. Frauenschlauheit sollte hier helfen.

Während sie hierüber nachsann und unbemerkt den Ring abstreifte, den ihr Schwärzlich aufgedrungen hatte, gedachte dieser das heiße Eisen zu schmieden. Mit gewandter Zunge begann er daher, seine Persönlichkeit in das schönste Licht zu setzen, die Verhältnisse einer Frau eines Beamten seinesgleichen rosig zu malen und endlich die heiße Flamme in seiner Brust derart zu schildern, daß an einen Himmel auf Erden an seiner Seite für eine Jungfrau gar nicht mehr gezweifelt werden konnte.

Kunigunde hörte nur mit halbem Ohr. Von den Umständen gedrängt, war ihr Sinnen auf Ausführung ihres Planes gerichtet. Allein es schien, als ob das Glück ihr heute keinen fruchtbringenden Gedanken zuführen wollte und – die Verlegenheit, die bald in Ängstlichkeit überzugehen drohte, begann aufs neue, ihr das Blut nach dem Kopfe zu treiben. Da trat, wie schon einmal geschehen, die Dienstmagd mit verstörter Miene wiederum in die Stube und verkündete mit zitternder Stimme, wie das Gespenst bei der eben eintretenden Abenddämmerung auf dem oberen Boden sich abermals deutlich vernehmen lasse.

»Es heult, brüllt und klirrt mit Ketten,« setzte sie dann hinzu, »daß einem die Haare zu Berge stehen. Ich kehre eben heim, fürchte mich so allein in der Küche und habe mir deshalb die Freiheit genommen, hier herein zu treten.«

Kunigunde hieß die sich Fürchtende zu bleiben, froh, durch deren Anwesenheit einen Dämpfer für des Kanzlisten Liebeselegien gefunden zu haben, und das Mädchen schmiegte sich bebend in eine Ecke. Schwärzlich aber, uneingedenk seiner früheren Heldentat, redete von Mut und Herzhaftigkeit und dies zündele in Kunigunden – obgleich dieser selbst bei der Spukgeschichte unheimlich zumute war – den leuchtenden und Rettung verheißenden Gedanken an.

»Sie geben vor, mich zu lieben,« wandte sie sich daher plötzlich entschlossen an den Kanzlisten, und als dieser mit Hand und Mund seine heißeste Neigung bestätigte, reichte sie demselben ihre Hand, indem sie ihn aufforderte, sein möglichstes zu tun, damit der unheimliche Poltergeist aus dem Hause verbannt, wenigstens dessen störendem Treiben ein Ziel gesetzt werde. Schwärzlich machte große Augen. Indessen was blieb ihm übrig? Er mußte sich dazu bereit erklären und Kunigunde fuhr also fort:

»Die Kapuziner haben mir Wurzeln und Kräuter –«

»Tante Wenkbach hat mich davon unterrichtet,« unterbrach sie der Zuhörende.

»Die Abenddämmerung beginnt bereits einzutreten,« sprach die Jungfrau weiter, »und es wäre wohl jetzt die rechte Zeit, diese schutzbringenden Dinge auf dem Boden aufzuhängen. – würden Sie wohl den Mut haben, mir zu Liebe dieses Wagstück zu unternehmen?«

Das Gesicht des Kanzlisten verzog sich zu einem Lächeln, dem man wiederum ebensogut Verlegenheit als Geringschätzung unterstellen konnte.

Als nämlich der kombinierte Angriff mit dem Fanghunde gegen das Gespenst zu einem so schmählichen Rückzuge geführt hatte, und er sich die Sache ruhig überlegte, stiegen doch Bedenken und Zweifel in ihm auf, ob diese ganze Spukgeschichte nicht am Ende auf ein unrichtiges Erkennen und auf Täuschung hinausliefe. Man hatte doch Beispiele, daß derlei Gespensterunfuge durch Katzen, Ratten oder Mäuse hervorgebracht waren, und wenn man der Sache beherzt näher trat und sie beim Lichte betrachtete, sich als ganz natürliche Ereignisse darstellten. Insofern schien ihm nun die Zumutung seiner Auserwählten gar nichts Bedenkliches zu enthalten, wenn ihm aber von der andern Seite erinnerlich wurde, wie ferner schauerliche Berichte von Nachtwächtern über gesehene und gehörte nächtliche Muhkälber und Kettenesel sogar im Römer vorlagen, und wenn er schließlich den Fanghund Greif, der heulend vor dem Gespenste geflohen war, in Erwägung zog, so konnte er sich des Gedankens nicht entschlagen, daß über die Existenz der Gespenster doch ein vollkommener Gegenbeweis nicht vorliege, und es mit denselben immerhin eine mißliche Sache sei.

Darum sein zweideutiges Lächeln. Indessen fühlte er doch, daß er bei dem früheren Angriffe eine lächerliche Rolle gespielt hatte und daß von seinem jetzigen Benehmen aller Erfolg seiner Liebesbewerbungen abhänge und so entschloß er sich, das Abenteuer zu bestehen, möge auch daraus erwachsen, was da wolle.

Kunigunde hatte gehofft, daß er ihre Bitte ablehnen würde; nicht wenig war sie daher erstaunt, als Schwärzlich Zusage erteilte und am Ende wirklich ein mutiges Aussehen gewann, vorzüglich, als er bemerkte, wie sein heldenmütiges Benehmen die Jungfrau seines Herzens mit Staunen erfüllte.

Mit erhobener Stimme forderte er jetzt die geweihten Kapuzinerkräuter und Wurzeln und als sie ihm Kunigunde behändigt, schritt er festen Fußes nach der Bodentreppe, zog dort seinen Degen und begann unverweilt die schmalen, staubigen Stufen hinaufzuklimmen.

Während Kunigunde und die Dienstmagd auf dem Vorplätzchen der Wohnung lauernd stehen blieben, gewann Schwärzlich in der Tat den ersten Boden, der ihn mit seinen weiten rauchgeschwärzten, leeren Räumen recht unheimlich angähnte und in dessen entfernteren finsteren Winkeln, vorzüglich hinter den dunkelgrauen Schornsteinen, es gar nicht geheuer zu sein schien.

Lauernd stand er jetzt still; er vermeinte einen dumpfen Ton gehört zu haben, aber nur das laute Pochen seines Herzens, das in den Schläfen den Widerhall fand, hatte die tiefe Stille unterbrochen und ihn, wie er sich zu seiner Freude gestehen mußte, geäfft. Er schärfte jetzt nochmals sein Gehör und – Grabesstille strich durch das finstere, spitz anstrebende Gebälk.

»Es ist nichts!« lockte nun in ihm verführerisch eine süßflötende, beruhigende Stimme. »Eitles Ammengeschwätz, erfunden, um Kinder damit zu schrecken. Du, als Mann, wirst das bodenlose Gerede verachten und dir auf diese leichte Weise die Palme erringen!«

So wuchs sein Mut und seine Zuversicht und also gerüstet, betrat er kühn die zweite Bodentreppe, um höher hinauf zu gelangen und die Wünsche der Geliebten zu erfüllen.

Eben wollte er den Fuß auf den gewonnenen Dielboden festsetzen, als von der Seite eines Bretterverschlages her, an dessen Tür ein schweres Vorhängeschloß baumelte, ein seltsames Stöhnen und Ächzen laut zu werden schien.

Betreten hielt der Wanderer inne und schaute mit weit aufgesperrten Augen nach dem rätselhaften Behälter. Da wiederholten sich die abenteuerlichen Laute, die nach und nach an Stärke zunahmen, bis sie endlich in ein Brüllen und Heulen ausarteten.

Der Sprache nicht mehr mächtig, mit ausgetrockneter Zunge und bebenden Lippen, starrte der verwegene Kanzlist nach der Tür mit dem Vorhängeschloß, und seine Augen erweiterten sich zu einem großen Ringe, aus dessen Umfange der Augapfel wie eine matte Glaskugel phosphorartig schimmernd hervortrat.

»We – wer da?« brachte er endlich mühsam aus der wie eine Sandwüste vertrockneten Kehle, indem er zitternd den blanken Degen weit vor sich hinstreckte und die schlotternden Knie in Festigkeit zu bringen strebte. Aber ein neues Gebrülle, zu welchem sich auch jetzt noch deutliches Kettengerassel gesellte, raubte ihm sofort vollends die wenige ihm gebliebene Fassung. Wild jagte ihm das Blut durch die Adern, die aufgeregten Nerven trieben ihm die Haare zu Berge und zauberten ihm auf die Netzhaut seines Sehens seltsame Figuren, die unter dem Gebälk und hinter den Schornsteinen hervor die Zähne nach ihm fletschten und die mit langen Nägeln bewaffneten Finger krallend nach ihm ausstreckten.

Er wollte nunmehr fliehen; aber die Beine versagten ihm den Dienst. In entsetzlicher Verzweiflung blickte er nach den unheimlichen Gestalten in den düstern Winkeln, da schienen diese plötzlich zu verschwinden; allein – o Schreck und Graus! – Die Tür des Bretterverschlages tat sich auf und eine Gestalt, für deren Form er keinen Namen fand, grau, schwarz, mit struppigem Haar und fürchterlichem, feuerspeiendem Blicke, trat, rollte und kugelte – er vermochte es nicht zu unterscheiden – über den Dielboden daher, gerade auf ihn los, unter fürchterlichem Kettengerassel und drohte ihn an der Gurgel zu fassen. Da flammte alle erloschene Spannkraft plötzlich neu belebt in ihm auf, und mit einem kräftigen Satze sprang er zur Bodenstiege zurück, warf Kräuter und Wurzeln weit von sich weg und eilte mit seinem Degen die Stufen hinunter.

Hier vergingen ihm die Sinne. Als er sich endlich wiederfand, lag er auf einem Bette und die Geliebte samt der Dienstmagd bestrichen ihm mit Essig die Schläfe.

Lange dauerte es, bis er seine Gedanken wieder zusammenfinden und ordnen konnte. Als ihm dies endlich gelungen, traten die kaum erlebten Ereignisse in schauerlicher Form wiederum vor seine Seele und trieben seine Augen voll Grausen in alle Winkel der schon mit der Abenddämmerung beflorten Stube.

Kunigunde, geängstet und besorgt, fragte, und nun erzählte der sich nach und nach von dem Schrecken Erholende eine haarsträubende Geschichte von Dingen, die er auf dem berüchtigten und verrufenen Boden gesehen haben wollte. Das Gemälde, welches er entwarf und zu dem Furcht und Entsetzen ihm die Farbe geliehen, war so schaudererregend, daß Kunigunde und die Dienstmagd ebenfalls vor Angst vergehen wollten.

Da nahten vor der Stubentür wohlbekannte und diesmal Trost verheißende Tritte eines Kommenden, nämlich die des Vaters.

Mit mürrischen Blicken trat er ein und als er den immer noch auf dem Bette liegenden Kanzlisten gewahrte, blitzte mühsam verhaltener Zorn aus seinen Augen.

»Wer hat den Herrn Schwärzlich auf den Boden geschickt?«

Mit diesen Worten wandte der Vater sich zur Tochter und der Dienstmagd, beide streng und durchbohrend anschauend.

»Wie, mein Vater, Er weiß schon?« war Kunigundens erstaunte Antwort.

»Alles!« entgegnete Haarwachs voll Bestimmtheit.

»Alles?« wiederholte die Tochter mit wachsendem Befremden. »Also war Er –?«

»Reine vorlauten Bemerkungen!« fiel ihr der Alte rasch ins Wort, indem eine Röte der Verlegenheit in seinem Gesicht aufstieg, die er indessen schnell zu bemeistern suchte. »Genug ist es«, setzte er dann stotternd hinzu, »daß ich es weiß, weil – weil ich ja von meinen häuslichen Angelegenheiten hinlänglich unterrichtet bin und daher – mir leicht denken kann, was hier vorgegangen ist.«

Der Kanzlist erhob sich jetzt und erzählte, nachdem er sich endlich ganz zurechtgefunden hatte, dem zukünftigen Schwiegervater die erlebte grausige Geisterbeschwörung mit allen Zutaten der ihm von seiner erhitzten Phantasie ausgemalten wunderbaren gräßlichen Figuren und Tönen.

Haarwachs bezweifelte und wollte die Sache nicht als so gefährlich gelten lassen. Allein je mehr er zu mildern suchte, um so heftiger steigerte Schwärzlich das Kolorit seines Erlebnisses.

»Nein,« rief er endlich sich schüttelnd aus, »um diesen Preis der Gespenstervertilgung – so sehr auch Jungfrau Kunigunde mir am Herzen hängt – nein! – nein! – da –«

Der Alte sah sein Lieblingsschiff auf eine gefährliche Klippe hintreiben. Das Scheitern zu verhüten, fiel er daher dem Redenden rasch in das Wort.

»Keine Verheißungen! Wenigstens jetzt nicht. Begeben Sie sich nach Haus; schlafen Sie heute nacht recht wohl und morgen, ja morgen wollen wir weiter darüber reden!«

Der Kanzlist wollte noch einige Erklärungen machen, allein der Alte ließ ihn nicht dazu kommen, sondern drängte ihn – der über diese sonderbare Höflichkeit die Augen weit aufriß – zur Tür hinaus.

Als auch, auf Geheiß des Vaters, die Dienstmagd sich entfernt hatte, wandte sich jener, vor innerer Erregung bebend, mit strenger Miene zu der Tochter.

»Ich verstehe und begreife dein ganzes Gespinste, so kunstvoll es auch deine schlaue Hand gefertiget hat. Aber das sage ich dir: mit der Bewerbung des Schustersohnes ist es nichts – nichts – gar nichts. Du heiratest den Mann aus dem Römer und das bald – sehr bald – in kurzer Zeit. – Hier hast du meine Meinung, wonach sich zu achten und vor Schaden zu hüten!«

Er blickte Kunigunde nochmals vernichtend an und polterte dann zur Tür hinaus.

Da stand nun die arme Jungfrau, als ob ein Wetterstrahl plötzlich über sie seine Helle entladen hätte. Jetzt schien es dem Vater bitterer Ernst, und sie mußte den harten Befehlen desselben folgen, wollte sie nicht mit ihrem Pflichtgefühl in Widerstreit geraten und eine ungehorsame Tochter werden. Mit wirren Blicken ging sie endlich zu ihrem Schlafkämmerlein und mit fast gebrochenem Herzen legte sie sich zu Bett. Nur eines hielt sie in der trostlosen Lage noch aufrecht. Es war das Gestirn, das auch im wildesten Sturme nicht untergeht – die Hoffnung.


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