Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Stürmische Wogen mit freundlicher Sonne

Der Untersuchungsprozeß gegen den angeblichen Pasquillanten, den poetischen Schuster Reinhart, ging unterdessen seinen Gang und Kanzlist Schwärzlich führte dabei das Protokoll. Obgleich aber Zeugen in Menge verhört wurden und der Kanzlist nicht unterließ, alle Belastungen in das grellste Licht, dagegen alle Entlastungstatsachen in den dunkelsten Schatten zu stellen, so konnte er sich doch, trotz aller Bemühungen, den Schuster in die Tinte zu tauchen, nicht verhehlen, daß die Inquisition für den Angeklagten eine günstige Wendung zu nehmen drohte.

Die Kartenschlägerin, der er jetzt vollkommen Glauben und Vertrauen schenkte, hatte ihm offenen Krieg gegen den Nebenbuhler angeraten, und so glaubte er nun nicht Anstand nehmen zu dürfen, seiner und der Tante Angelegenheit ein neues kräftiges Triebrad einzusetzen.

Ein Abend fand ihn bei der Tante.

»Der verwünschte Schuster lügt sich heraus,« sprach er, sein Gesicht in bedauernde Falten legend. »Es ist durchaus nötig, daß meine vielgeliebte Tante sich eines Rechtsanwaltes bedient.«

Er hatte befürchtet, daß die Angeredete die Kosten scheuen würde; dieser aber, die auf das tiefste verletzt nur nach Rache dürstete, war kein Opfer zu groß und so schlug Schwärzlich seinen Freund – wie er sagte – den Advokaten Lizentiaten Pankratius Frosch zum Sachwalter vor. Da Jungfrau Wenkbach diesen Vorschlag genehmigte, so erschien am folgenden Morgen, als sie kaum ihren Anzug geordnet hatte, der gedachte Rechtsbeistand.

Frosch führte seinen Namen nicht mit Unrecht. Auf einem kurzen, gestauchten Oberkörper saß ein flach geformter Kopf mit lang und dünn gespaltenen grauen Augen, weit vorstehender Nase und ziemlich breitem Munde, aus dem lange Zähne hervorsahen. Diese Figur trugen lange, an den Knien zusammen und unten weit auseinander stehende dürre Beine. Wenn nun der Inhaber überdies sich noch gerne nach oben mit grün, nach unten aber mit blaßgrün zu bekleiden und eine Lockenperücke zu tragen pflegte, so schien er den Amphibien, von denen sein Name entliehen worden, gar nicht unähnlich.

Schwärzlich hatte die Tante gut unterrichtet, und um in den Augen des Advokaten nicht als parteilich zu erscheinen, sich fern gehalten. Jungfrau Wenkbach erzählte sofort die erlittene Pasquillenunbill sowie die gegen den Schuster vorliegenden Verdachtsgründe, und der Lizentiat nahm eine zuversichtliche Miene an.

»Sorge Sie nicht, wertgeschätzte Jungfer,« sprach er mit schnarrender Stimme, »wir wollen diesem Schuster, der nicht bei seinem Leisten geblieben ist, schon tüchtig auf die Finger klopfen. Ich verschaffe Ihr Satisfaktion.«

Nachdem er schlau seine Augen in der Stube umherlaufen lassen und den gediegenen, obgleich altväterischen Wohlstand zu innerem Behagen recht wohl bemerkt und nachdem er ferner der alten Jungfer manche, obgleich ebenfalls veraltete Artigkeiten zu deren größten Genugtuung vorgesagt hatte, entfernte er sich mit tiefen Bücklingen.

Beide schieden voneinander höchst befriedigt. Er, eine reiche Klientin gefunden zu haben, an deren Prozeß ein Erkleckliches zu verdienen war, sie, daß ihr ein Anwalt geworden, der die verlorene Lebensruhe ihr wiederzugeben hoffen ließ.

Frosch verfügte sich gespreizten Ganges auch sogleich nach dem Römer und sandte nach Einsicht der Akten alsbald eine furiose Schrift gegen Reinhart ab, in der er noch überdies dessen Reimliebhabereien auf das giftigste durchhechelte.

Das Frosch'sche Geistesprodukt ward dem Schuster zur Erklärung mitgeteilt und bei dem sonst so gutmütigen Manne brach das Feuer der Entrüstung in allen Ecken aus. Auf seine gerechte Sache vertrauend, hatte er die Untersuchung seither ruhig ihren Gang gehen lassen, jetzt aber gedachte auch er sich eines juristischen Schwertes zur Abwehr ungerechter Angriffe zu bedienen.

Der Advokat und Doktor der Rechte Paul Kratzeisen war ein langjähriger Kunde von ihm. Zu ihm rannte der Alte und gab ihm die empfangene, ihn so sehr ärgernde Schrift. Er sollte helfen, möchte es auch kosten, was da wolle.

Mit letzterem Ausdrucke war es übrigens nicht so schlimm gemeint. Reinhart hatte den Advokaten immer nur als einen menschenfreundlichen, gar nicht interessierten Mann kennen gelernt und so vermeinte er, daß sein Kundmann, der die Verhältnisse eines Schusters ja kennen mußte, schon billige Rücksicht nehmen würde.

Kratzeisen, der im Gegensätze zu dem Advokaten Frosch seinen Namen ganz mit Unrecht führte und ein dicker, freundlicher Mann war, aus dessen vollem Antlitze Lebenslust und Lebensgenuß strahlte, lachte, daß ihm der Bauch wackelte, als er das Amphibien-Gequake – wie er sich ausdrückte – gelesen hatte.

»Auf den Meister Frosch«, sprach er endlich, »daß ich ihn nämlich einmal spießen könnte, habe ich mich schon lange gefreut. Seine Klienten, der pfennigsuchende Herr Haarwachs – denn dieser gehört ja mit zur Sippschaft – und die zartfühlende holde Madonna, Jungfrau Wenkbach, liefern mir den herrlichsten Stoff dazu. Unbesorgt, Meister Reinhart, wir wollen in Gemeinschaft dem Feinde in die Flanke fallen, ich auf meine Weise und Er liefert mir die Knittelverse dazu.«

»Wird aber doch viel Geld kosten?« meinte der Alte mit schlauem Blicke, indem er sich hinter den Ohren kratzte.

»Ich bin kein beutegieriger Frosch,« entgegnete der dicke Jurist, »der den Leuten die letzte Mücke hinwegfängt. Ich treibe meine Praxis nur zum Vergnügen, con amore, wie die Welschen sagen, weil ich Vermögen genug besitze und nicht auf arme Schlucker zu lauern brauche. – Aber« – setzte er ernst hinzu – »Er muß mich ruhig gewähren lassen und mir nicht in die Zügel fallen wollen, wenn der Themiskarren einmal im Treiben ist. Zu lachen soll es geben, das verspreche ich Ihm. Stört Er mich aber dann in meiner Freude, dann – ja dann muß Er alles bezahlen, andernfalls Ihn der Prozeß keinen Kreuzer kosten soll.«

Reinhart versprach und eilte dann vergnügt nach Hause. Als ihm auf der Straße zufällig Haarwachs begegnete, machte er demselben ein tiefes Kompliment und lachte ihm dabei herzhaft in das Gesicht. Der Metzger aber entfärbte sich darob wie eine Leiche und verging fast vor Arger.

Kratzeisen hielt Wort. Er verfaßte für den Schuster eine Erklärung, in welcher er den Metzger und die alte Jungfer auf solch komische Weise zusammenstellte, daß ihm zwar für die anzügliche Schreibart eine Strafe von fünf Reichstalern andiktiert ward, der Gerichtsschultheiß, Schöffen und die Syndiker aber bei Vorlesung der lustigen Streitschrift vor Lachen bald unter den Tisch fielen.

Indessen mußte die Schrift doch der querulierenden alten Jungfrau zur Gegenerklärung mitgeteilt werden und so erreichte Kratzeisen seinen Zweck. Die Wenkbach ärgerte sich, der Metzger nicht weniger und der Lizentiat Frosch ward vor Unmut, obgleich er es zu verhehlen trachtete, ganz dunkelblau.

Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, ging Reinhart abends in die Herberge Zum Storch, wo viele Metzger ihr Bier zu trinken pflegten, und las die Schrift seines Advokaten dort öffentlich vor, so daß am anderen Morgen unter der Schirne die schönsten Phrasen daraus dem Haarwachs zum Frühstück wiederholt wurden. Daß dieser hierüber bald aus der Haut fuhr, ist leicht glaublich.

Dieser Prozeß konnte aber indessen nur dazu dienen, die Kluft zwischen den Liebenden, Rudolf und Kunigunde, immer mehr zu erweitern. Beide gewahrten es mit dem größten Schmerze und nur der Kanzlist triumphierte, denn jetzt mußte sein Weizen ins Blühen geraten.

Rudolfs Freund, der muntere Student Adalbert, war aber unterdessen auch nicht untätig. Mit juristischen Gründen bestürmte er den rechtsgelehrten Vater ebensosehr als den Syndikus, dem die Untersuchung gegen Reinhart zum Referieren gegeben war, und so erging endlich für den angeschuldigten Schuster ein ganz freisprechendes Urteil, das nur insofern etwas Schmerzliches enthielt, als es den Lehrjungen bei seiner Freilassung noch unzart berührte.

Obgleich die Liebenden, soweit es den Vater Reinhart betraf, das mit größter Freude begrüßten, so war doch in der Hauptsache ihnen damit wenig geholfen, ja es schien, als ob die ihrem Glücke entgegenstehenden Schwierigkeiten sich nun nur noch vermehrt und gehäuft hätten. Denn der alte Schuster stimmte jetzt natürlich Siegeshymnen an, und je mehr er diese laut werden ließ, um so höher stieg die Erbitterung der gegnerischen alten Jungfer und des mit ihr verbündeten geizigen Metzgers.

Jetzt sollte nach der Ansicht der beiden um jeden Preis die Verbindung des Kanzlisten mit Kunigunden zustande gebracht werden, um wenigstens vor den Leuten dem Schuster ebenfalls eins anzuhängen und sich eines Sieges freuen zu können. Allein Kunigunde war nicht zu bewegen. Allen eindringlichen Vorstellungen setzte sie ein kaltes, entschlossenes »Nein« entgegen.

Haarwachs rückte ihr nun mit dem vierten Gebot entgegen. Kunigunde aber, nicht weniger bibelfest, hielt als Schild ihm den Spruch vor: »Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, daß sie nicht scheu werden,« und schlug ihn demnach mit seinen eigenen Waffen.

»Ich verspreche es Ihm,« fügte sie dann noch resigniert bei, »daß ich gegen seinen Willen mich nicht verheiraten will. Dagegen nehme ich auch für mich in Anspruch, daß Er mich zu keiner Heirat zwingt.«

Bleichen Antlitzes, auf dem sich aber die festeste Entschlossenheit ausprägte, ging sie in ihre Kammer und der Alte getraute kein Wort mehr zu sagen.

Der Kanzlist aber wollte verzweifeln. Er hatte gehofft, daß der Prozeß so zerstörend wirken werde, daß seiner Geliebten gar keine Wahl mehr bleibe, als ihm die Hand zu reichen, und nun war er weiter als je vom Ziele entfernt. Finster brütend saß er eines Abends auf seiner Stube, als ihm ein Rettung verheißender Gedanke in dem Gehirn dämmerte, der allmählich zu deutlicheren Bildern sich gestaltete und endlich in schöner, verlockender Gestalt vor seiner Seele stand.

Trennung der Liebenden war die Losung. Wie aber Rudolf aus Frankfurt entfernen, damit er ihm, dem verliebten Kanzlisten, das Feld räume, das war nun die weit schwieriger zu lösende Frage. Er vertraute seinen Plan der Tante, und auch sie hielt ihn für den besten, weniger aber dieses Mal zum Besten ihres Neffen, als, weil sie glaubte, dem satyrischen Schuster hierdurch ein neues Herzeleid zufügen zu können.

Während beide hierüber in der Bendergasse überlegten, ging es in dem Eckhause des Schwertfegergäßchens seufzerhaft und herzbrechend zu.

Rudolf machte dem Freunde Adalbert die bittersten Vorwürfe: »Dein Mutwille hat all das Unheil über mich und meine unglückliche Kunigunde heraufbeschworen!«

»Glaubst denn du,« entgegnete der Geschmähte, »daß der habsüchtige Metzger auch ohne meine Dazwischenkunft dir, einem armen Schlucker, einem Handlungsdiener mit hundert Reichstalern Gehalt jemals sein Töchterlein gegeben haben würde? – Das bildest du dir doch in der Tat nicht ein und so war es einerlei, ob er und die Tante noch ein paar Püffe erhielten.«

»Aber es wäre denn doch,« versetzte Rudolf traurig, »wenigstens nicht so weit gekommen, daß Kunigunde jetzt nicht einmal ein Briefchen von mir annehmen will.«

»Darum rede selbst mit ihr,« war Adalberts kurz angebundene Antwort. »Briefe,« fügte er lachend bei, »sind nur ein unbeholfener Umweg und vermögen nie unseren Seelenzustand ganz auszudrücken. Miene, Blick, Haltung, Sprache, Ton, mit einem Wort der innere Mensch, der sein Leben durch das seelenspiegelnde Auge zutage fördert, willst du wohl dieses alles durch kalte, schwarze Tinte so glühend heiß malen, wie es dein Inneres zu hohen Freuden und tiefstem Schmerze anfüllt?«

»Als ob ich nicht von der Wahrheit deiner Rede gründlich überzeugt wäre,« entgegnete Rudolf gereizt. »Aber wie? Wann? Das sind die Fragen.«

»Du bist und bleibst eben ein unbeholfener Mensch,« versetzte Adalbert, indem er dem Freunde gutmütig die Wange streichelte, »dem man unter die Arme greifen muß, soll er nicht mitten im Überflusse verhungern. Wie es aber für die Kinder Ammen gibt, so haben die Erwachsenen Freunde, die hier die Ammendienste verrichten, und so ein weiblicher Beschützer und Ernährer will ich denn einmal für dich sein.«

»Laß doch die Phrasen,« fiel Rudolf ein, »und denke vielmehr auf Mittel und Wege!«

»Als wenn dies nicht alles schon geschehen!« war die lächelnde Entgegnung. »Künftigen heiligen Abend vor Weihnachten,« fuhr dann Adalbert mit scherzhaftem Pathos fort, »geht das fromme Kind in die Betstunde zu den Barfüßern. – Ich weiß es, genug! – Meister Haarwachs hat um diese Zeit noch an der Schirne zu arbeiten, und so kannst du dein Liebchen ungestört sprechen.«

»In der Kirche etwa, vor allen Leuten?« spottete Rudolf.

»Hat denn die Kirche keinen Kreuzgang,« fuhr Adalbert verweisend fort, »der abends so stockfinster ist? –«

»Nimmermehr wird sich Kunigunde herbeilassen –«, unterbrach ihn der Zuhörende.

»Kunigunde liebt dich,« versetzte der Freund fest und bestimmt, »achtet dich und vertraut demnach auch dir. Auch ihr sitzt das Wasser am Halse und so wird sie dir schon Rede stehen, wenn du nur den Mut hast, sie zu stellen und anzureden.«

Rudolf hatte noch allerhand Bedenklichkeiten; sein Freund wußte sie ihm jedoch alle auszureden, indem er noch zum Schlusse versprach, das Abenteuer mit zu bestehen und namentlich dabei gegen Störungen und Überraschungen Wache zu halten.

Der ersehnte heilige Abend kam endlich mit gar nicht strengem Winterwetter heran, während die Sterne freundlich vom reinen Himmel funkelten, erhellte Lichterglanz das Innere der Barfüßerkirche und zog zahlreiche Menschen heran, um die Predigt des beliebten Kanzelredners, des Herrn Pfarrers Claudy, zu hören.

Rudolf und sein Freund hatten an der Eingangstür zum Schiff der Kirche ihren Stand genommen und harrten Kunigundens. Endlich kam sie auch, aber, o Schreck! an ihrer Seite die verhaßte Tante Wenkbach, der sie der Vater zur Kirche anvertraut hatte.

Das scharfe Auge der Liebe hatte Kunigunden den teuren Gegenstand alsbald wahrnehmen lassen. Ein heißer Stich fuhr durch das Herz und die Jungfrau zitterte. Die Tante aber hatte nur Sinn für einen guten Platz in der Kirche, wozu sie den Schlüssel schon in der Hand hielt und die betretene Begleiterin mit sich fortriß.

Die Orgel brauste, der Pfarrer sprach erhebende Worte, und die Gemeinde hing andächtig an seinem Munde. Nur Kunigunde vermochte nicht, ihr Herz zu beherrschen und ihre Gefühle einem Höheren zuzuwenden.

Noch schlimmer als ihr erging es Rudolf. In dem Heiligtume sah er nur so eine bösartige Gestalt, die ihm die Aussicht in den Himmel wehren wollte und dies gleichsam höllische Wesen war – die Tante.

Adalbert hatte natürlich den Störenfried ebenfalls wahrgenommen und seine Stirn durchzogen Furchen. Bald aber entwichen diese und mit schelmischem Lächeln sah er aus seinen Freund, dessen Antlitz ein Ausdruck des Trost- und Hoffnungslosen verdunkelte.

»Hinweg mit den Befürchtungen,« flüsterte er demselben zu, »und mutig das Auge in die Zukunft! Was ich versprochen habe, pflege ich auch zu halten. Du sollst trotz des wachestehenden Cerberus doch dein geliebtes Mägdlein sprechen.«

Unter Furcht und Hoffnung ging die Betstunde vorüber, und als das letzte Lied gesungen war und die Gemeinde ein andächtiges, stilles Gebet verrichtete, wogte die Menge zu allen Kirchentüren hinaus.

Rudolf und Adalbert stellten sich in dem dunkelsten Kreuzgange nächst der dortigen Kirchentüre auf, allwo sie durch den aus der erleuchteten Kirche fallenden Lichtstrahl die Vorübergehenden deutlich wahrnehmen, selbst aber nicht bemerkt werden konnten.

Nicht lange, so wallte Tante Wenkbach daher, eingemummt in einen großen, pelzverbrämten Wintermantel und über ihrer Spitzenhaube eine mächtige, mit schönem weißem Kaninchenpelz eingefaßte Kapuze. An ihrer Seite ging in trippelndem Schritt, mit einfachen zierlichen Winterkleidern angetan und ein dunkles Tuch über das Samthäubchen geschlungen, Rudolfs geliebte Kunigunde.

Die Jungfrau schlug züchtig die Augen nieder, desto mehr aber flogen die der Tante in dem Gewühle umher, weil sie offenbar jemanden zu suchen schien.

Und so war es auch; denn die Tante hatte den Kanzlisten, der Geschäfte halber die Betstunde nicht besuchen konnte, aufgefordert, sie am Schlusse an der Kirche abzuholen. Ein Ersuchen, das eigentlich mehr Kunigunden als ihr selbst galt.

Dieser Plan aber war dem Anschlage des lustigen Studenten vollkommen günstig. Er glaubte ihn aus den Mienen der Wächterin zu erraten.

Die Tante fühlte sich demnächst im Gedränge des finsteren Kreuzganges plötzlich am Arme berührt, und eine leise Stimme flüsterte ihr einen freundlichen Guten Abend zu. Sei es nun, daß die Stimme wirklich Ähnlichkeit mit der des Neffen hatte, oder bei den umwickelten Ohren und dem Gemurmel der die Kirche Verlassenden sie dieselbe nicht recht beurteilen konnte, genug, sie hielt den Herantretenden für Schwärzlich und überließ ihm um so williger den Arm Kunigundens, als ihr dadurch selbst eine große Genugtuung über das Gelingen ihres Werkes zuteil zu werden schien. Als nun aber der vermeintliche Kanzlist sich sogar mit dem Nachbarskinde in das finstere Menschenmeer verlor und gar nicht mehr gesehen werden konnte, lächelte sie voller Freude und beschloß, den Weg nach ihrer gar nicht fernen Wohnung allein in ungestörter Glückseligkeit fortzusetzen.

Kaum war sie jedoch in der hinter dem Römer herziehenden Wedelgasse angelangt, als aus dem Straßendunkel eine Figur auf sie zutrat, die sich ihr unschwer als die des geliebten Neffen offenbarte.

»Kunigunde schon zu Haus?«

»Ja, wo ist sie denn?«

»Hast du denn nicht –«

»Teure Tante, ich verstehe nicht –«

Diese Reden flogen leise hin und wieder, und mit Schrecken gewahrte die Tante, daß Kunigunde verloren gegangen war.

»Ich komme von der Richtung des Schneidwalles her,« bemerkte jetzt Schwärzlich, »und habe, soviel ich in der Straßendunkelheit wahrnehmen konnte, ein Pärchen bemerkt, das den Entschwundenen ähnlich sah und dorthin seinen Weg nahm!«

Die Umgegend des Schneidwalles aber, vorzüglich die inneren Festungswerke, die man durch das alte Gallentor auch zur Nachtzeit betreten durfte, waren der gewöhnliche Ort verliebter Stelldicheins.

»Hin, geschwind hin!« flüsterte Jungfrau Wenkbach. »Der Vater hat mir das gute Kind auf die Seele gebunden und du, mein lieber Neffe, mußt bei Ausübung dieser mütterlichen Pflicht mein ritterlicher Beistand sein.«

Angst, Sorge und Eifersucht trieben die nächtlichen Wanderer durch den Straßenkot eiligen Schrittes nach dem Gallentor und durch dasselbe in die finsteren Wälle. Die dort aufgestellten Schildwachen bemerkten sie zwar, ließen sie aber unbesorgt gewähren; die Soldaten kannten das.

Wer aber Kunigundens Arm gefaßt und sie der bewachenden Tante entzogen hatte, war niemand anders als der Student.

Die Jungfrau hatte anfangs selbst geglaubt, daß der mißliebige Kanzlist sie entführe, wie aber jetzt, fern von ihrem Wächter, Adalbert den Mund zur Rede öffnete und ihr den ganzen Plan offenbarte, erschrak sie zwar anfangs nicht wenig, ließ es sich aber doch, von dem inneren Feuer getrieben, gefallen, daß ihr Begleiter sie in dem dunkeln Kreuzgange zurückhielt, bis die Menschenmasse sich verlaufen hatte, wo denn plötzlich aus dem schwarzen Flor der Nacht eine wohlbekannte liebe Gestalt hervortauchte und unter zärtlichem Gruße ihre Hand ergriff.

»Ach, Rudolf! – Ach, Kunigunde!« waren die leisen Rufe, welche sich durch das Schweigen des finstern Kreuzganges hindurch stahlen.

»Ach! Ach!« wiederholte Adalbert scherzend. »Jetzt nur geschwind miteinander geredet, was der Augenblick all erfordert. Ich halte unterdessen da unten Wache und, wenn allenfalls der Glöckner kommen sollte, um die Tür des Kreuzganges zu schließen, so werde ich den schon abzuhalten und zu beschäftigen wissen.«

Sittsamkeit trieb zwar der Jungfrau einen leisen Fieberfrost durch die Glieder, allein das in dem Busen so mächtig brennende Feuer der Liebe erwärmte sie wieder und jagte auf ihre Wangen – wie sie deutlich fühlte – eine holde Röte der Freude. So duldete sie, daß Rudolf sie in seine Arme schloß und einen leisen Kuß auf ihre Lippen hauchte.

Plötzlich aber riß sie sich zitternd los.

»Was ist dir,« fragte Rudolf befremdet. »Gehörst du nicht mir an? Wer will mir streitig machen, was der Himmel selbst mir gegeben?«

»O Rudolf,« seufzte die Jungfrau, »sprich nicht solche vermessenen Worte! Ist nicht mein Vater mir vom Himmel vorgesetzt, und muß ich nach den höheren Geboten nicht seinen Befehlen Folge leisten?«

»Ich kann dir, teures Kind,« entgegnete Rudolf mit sanfter Stimme, »nur mit einer Gegenfrage antworten. Gilt nicht das höhere Gesetz der Liebe in der ganzen Natur? Blicke hinaus in des himmlischen Vaters herrliche Schöpfung, wie alle Wesen diesem geheimnisvollen Zuge zu folgen gezwungen sind. Höre die flötende Nachtigall, die girrende Taube, siehe die Blume, welche sich zu der andern neigt, die Rebe, den Efeu, wie sie sich ranken! Was ist es anders, das aus ihnen quillt und gegenseitig sie verbindet, als die das Weltall durchwehende Liebe? – Sie ist den Menschen von höherer Hand gespendet, wie sollten wir undankbar sie zurückweisen und ihr entgegen handeln?«

»Und dennoch,« war Kunigundens seufzende Erwiderung, »ruft eine Warnerstimme aus meinem tiefsten Innersten, der ernsten Lehre eingedenk zu sein, die mir gebietet, des Vaters Wort zu ehren.«

»Sagt denn die Schrift nicht auch,« fiel Rudolf feurig ein: »Du sollst Vater und Mutter verlassen und deinem Manne anhängen?«

»Ach, Rudolf,« antwortete die Jungfrau, mühsam ihre Tränen zurückhaltend, »wer mir den Widerspruch doch lösen könnte! Ich liebe dich so innig, ich könnte selbst mein Leben für dich geben, und doch fehlt mir nicht der Mut, wohl aber die Überzeugung, daß, wie ich eben handle, recht und wohlgetan ist. Es darf nicht mehr geschehen. Bedenke meinen Vater und den deinigen!«

»Was meinen Vater betrifft,« sprach der junge Mann beruhigend, »so sei hierüber außer Sorge. Ich weiß, die harte Rede ist ihm jetzt schon leid, und ein milder Sinn beherrscht sein Wesen. Er wird meinem Lebensglücke nicht entgegen sein.«

»Allein der meine,« antwortete Kunigunde trostlos, »ist hart wie Felsgestein!«

»Und so wolltest du,« rief Rudolf erschreckt, »dich in deines Vaters harten Willen fügen?«

Kunigunde schüttelte wehmütig das Haupt.

»Ich liebe nur dich,« flüsterte sie, »und werde die gelobte Treue dir bewahren. Nie ohne Vaters Segen gebe ich dir meine Hand, aber auch nie einem anderen Manne ohne meine Liebe.«

Rudolf, im Feuer seiner Zuneigung, versuchte hiergegen Einwendungen vorzubringen, allein die Jungfrau schlug sie damit nieder, daß ihnen ja kein anderer Ausweg bliebe. »Dann offenen Krieg deinem Vater!« rief der junge Mann aufbrausend.

»Das kann dein Ernst nicht sein,« war Kunigundens gelassene Erwiderung.

»Wohlan, so fliehen wir!« fuhr Rudolf entschlossen fort.

»Kann ich meiner Pflicht,« flüsterte die Jungfrau, »kann ich dem Fluche entfliehen?«

»O, ich Unglücklicher,« rief jetzt Rudolf, indem er die Geliebte ohngeachtet ihres Sträubens in seine Arme schloß und ihren Mund mit Küssen bedeckte.

Züchtig entwand sie sich ihm.

»O, hättest du,« sprach sie hierauf mit leiser, geschämiger Stimme, »an jenem für uns glückseligen Nikolausabend dich doch im frischen Lebensmute nicht zu jenem bedauerlichen Schritte bei der Tante –«

»Wie?« versetzte Rudolf unter Staunen. »Du bist im Irrtum!«

»Ich weiß –«

»O höre mich –«

In diesem Moment eilte Adalbert herzu.

»Geschwind, geschwind!« flüsterte er. »Der fatale Glöckner läßt sich nicht länger zurückhalten. Ich denke, ihr könnt auf dem Heimwege das allenfalls Versäumte nachholen.«

Wie ein Donnerschlag fielen der Jungfrau diese Worte in das Herz. Sie sah im Geiste schon den nahenden Glöckner, sich erkannt, dieses Stelldichein verraten, ihre Ehre gefährdet, und in Entsetzen erregender Gestalt türmte sich ein Vergehen vor ihr auf, das sie glaubte sich niemals verzeihen zu können. Krampfhaft stieß sie deshalb den Mann der Liebe von sich und suchte zu entfliehen.

Dieser aber hielt sie an der Hand fest.

»Verzage nicht, Teuere,« sprach er mutig. »Ich bin ja bei dir und werde dich sicher in deine Wohnung geleiten.«

»Nie! – Nie!« rief jetzt Kunigunde wie verzweifelt aus. »Wenn du mich wahrhaft liebst, so lassest du mich! – Nie darf man diesen unüberlegten Schritt erfahren!«

Sie riß sich los, verhüllte mit dem über dem Samthäubchen hängenden Tuche das Haupt und eilte durch den dunklen Kreuzgang nach der Straße. Rudolf wollte ihr folgen, sein Freund hielt ihn jedoch zurück.

»Du weißt jetzt, daß sie dich noch treu und innig liebt,« bemerkte er, »dies mag dir für heute genügen. Diese Überzeugung gibt Kraft und Mut.«

»Allein,« fügte Rudolf bei, »sie hält mich für den, der die Tante am Nikolaus Abend –«

»Das ist mein altes Glück,« lachte Adalbert, »das mir so oft schon in der Welt geholfen hat. Aber«, setzte er dann tröstend hinzu, »beruhige dich. Ich werde selbst ihr diesen Irrtum benehmen.«

Langsamen Schrittes waren sie dem Ausgange des Kreuzganges genaht, da kam der Glöckner und schloß unter vielfältigen Verbeugungen gegen den »edlen Junker von Stetten«, wie er sich ausdrückte, die Pforte.

Die Freunde aber wanderten nach der Bendergasse. Dort angelangt, zog ein Pärchen ebenfalls dahin fürbaß. Es war Schwärzlich mit der Tante. Sie hatten am Schneidwalle alles durchsucht, waren von den Soldaten allda mehrere Male für verliebte Abenteuerer gehalten, auch also geneckt und angerufen worden und hatten nun ungeachtet ihres Ungemachs gar nichts gefunden.

Als sie an dem Haarwachsschen Hause vorbeigingen, trat gerade die Dienstmagd daselbst aus der Tür. Die Tante forschte und die Gefragte versetzte: »Die Jungfer ist schon lange zu Hause.« »Hm, hm,« murmelten die Wanderer und gingen nach der Wohnung der Tante.

Dort Reverenz und Handkuß, dann eilte der Kanzlist nach der Faulpumpe, der lauschende Student aber biß sich auf die Lippen, um das laute Lachen zu verhüten.


 << zurück weiter >>