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Sechsunddreißigstes Kapitel.
Schluß

Ich war immer der Ansicht, daß es unverantwortlich von Freddy war, wieder stark und gesund zu werden, nachdem er in der eben beschriebenen Weise unsere innersten Gefühle erregt hatte. Indessen, die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen, daß er selber sich seines Betragens gebührend schämte. Als er überzeugt war, daß er doch wohl noch nicht sterben sollte, war das erste, was er that, daß er den bewußten braunen Hengst an Oberst Finch und den Grauschimmel an Doktor Soames schickte. Herrn Gervis suchte er so vollen Schadenersatz zu geben, als in seinen Kräften stand, indem er ihm einen Brief schrieb, worin er sein Bedauern aussprach, daß er auf falsche Vorspiegelungen hin seine Tochter geheiratet habe, was ihm indessen nur eine sarkastische Antwort von seiten seines Schwiegervaters zuzog, der ihm nachwies, daß ein solches Bedauern entweder unaufrichtig und also sehr tadelnswert, oder aufrichtig und dann wenig schmeichelhaft für die Dame sei.

Dies geschah aber erst lange nach dem im vorigen Kapitel Erzählten, erst als Genoveva schon anderthalb Jahre lang Lady Croft war; denn daß Freddy nicht in einem Tage wiederhergestellt wurde, braucht nicht erst gesagt zu werden. Lange, lange Wochen hindurch hing sein Leben an einem Faden. Er wurde besser und schlechter und wieder besser, und die Aerzte hatten viel mit ihm zu schaffen. Nicht eine Seele außer Genoveva glaubte, daß er je das Haus lebendig verlassen – noch viel weniger, daß er jemals wieder Cricket spielen würde, wie ich es ihn gestern mit aller Gelenkigkeit habe thun sehen. Er erklärt bis auf diesen Tag, daß nur Genoveva ihm das Leben gerettet hat.

»Meine arme alte Mutter,« sagte er, »hätte mich in acht Tagen unter die Erde geweint; aber Genoveva hielt daran fest, daß ich schon wieder gesund werden würde. Es dauerte nicht lange, da sagte ich mir: ›Zum Henker! ich kann sie doch nicht unaufhörlich peitschen und spornen lassen, ohne einen kräftigen Anlauf zu nehmen,‹ und so fing ich an, mich wieder aufzuraffen.«

Dies ist denn auch die Ansicht der alten Lady Croft, deren Liebe und Bewunderung für Genoveva keine Grenze kennt. Es ist mir auch eine besondere Befriedigung, betonen zu dürfen, daß meines Wissens bis heute noch nicht die hergebrachte schwiegermütterliche und -töchterliche Kälte zwischen ihnen entstanden ist.

Ob es nun wirklich das »Peitschen und Anspornen« der jungen Gattin zuwege brachte, oder ob des Patienten gute Konstitution ihm darüber hinweghalf, oder ob endlich die »schwere Verletzung der Wirbelsäule« sich als nicht ganz so schwer erwies – Thatsache ist, daß, ehe der Frühling weit vorgeschritten war, der Verunglückte auf einem Krankenwagen von einem Zimmer in das andere und bald darauf eine bis zwei Stunden täglich in die frische Luft gebracht werden konnte. Das war schon viel gewonnen, aber es war für Genovevas Streben noch lange nicht genug. Noch immer sahen alle Leute in Freddy einen Sterbenden, der nur unvernünftig lange Zeit zum Sterben brauchte. Als die Tage immer länger und wärmer wurden, entschloß sie sich zu einem kühnen Schritt. Trotz aller Einwendungen ihrer Schwiegermutter und des Arztes brachte sie ihren Kranken in ein deutsches Bad und hatte die Freude, schon nach kurzer Zeit einen triumphierenden Bericht nach Hause schicken zu können.

Den nächsten Winter verlebte das junge Paar in Wien, wo ein berühmter Specialist seine Kunst an dem armen Freddy bewies, was freilich Doktor Soames beharrlich ableugnet. Im zweiten Sommer nach seinem unglücklichen Fall spazierte Freddy in den Alleen von Franzensbad umher und zwar ohne Hilfe von Stock oder Krücke. Damals war es, wo er seine verspätete Entschuldigung an Herrn Gervis schickte, der gütig genug war, mir diesen Brief sowohl wie seine bereits erwähnte Antwort zu zeigen.

Zu der Zeit, wo ich dies schreibe, hält sich der alte Gervis nicht viel in Southlands auf. Er hat sich ein kleines Haus in London zu seinem Daheim eingerichtet (soweit bei ihm von einem Daheim die Rede sein kann), worin er durch Wasserheizung unausgesetzt eine Art Treibhaustemperatur unterhält. Von da unternimmt er nur von Zeit zu Zeit eine kleine Kreuzfahrt in seiner »Sirene«, wobei er dann in der Regel auch in Beachborough vorspricht und einige Tage in Southlands zubringt.

Graf Ponetzky starb in Nizza, einige Monate nachdem er seinen wahren Namen und Titel wieder angenommen hatte. Zur Ehre der Prinzessin muß berichtet werden, daß sie während seiner letzten Krankheit ihn in ihre Wohnung nahm und mit allem Komfort umgab, der nur für Geld zu haben ist. Durch sie vermachte er seiner jungen Freundin Genoveva das einzige Wertstück, das er in seinem Besitz hatte – einen sehr großen, schönen Türkis, den sie sich in einen Ring setzen ließ, und den sie immer trägt.

Sobald die Nachricht seines Todes nach England kam, trat Gervis eine längere Reise an, deren Ziel und Zweck niemand je sicher erfuhr. Unter der Hand bin ich dahinter gekommen, daß er nach dem Süden Frankreichs gegangen ist und der Prinzessin trotz allem und allem zum zweitenmal seine Hand angeboten hat. Diese jedoch war großmütig oder vernünftig genug, dieses Opfer von seiner Seite nicht anzunehmen.

Varinka ist nach Paris zurückgekehrt und hat ihren Salon im Boulevard Malesherbes wieder geöffnet. Sie hat die Erfahrung gemacht, daß General Karakows unbedachtes Betragen sie ihrer Freunde nicht beraubt hat, und daß die Welt von einem Geschlecht bewohnt ist, das zu vergeben und zu vergessen geneigt ist – wenigstens denen gegenüber, die Ueberfluß an Geld haben. Da die Prinzessin damit noch immer gesegnet ist, so schließen wir daraus, daß auch ihre Reise nach Petersburg befriedigend abgelaufen. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie zum viertenmal an den Altar geführt würde, denn sie ist reich und hübsch und dem Anschein nach noch immer jugendlich.

Ihr früherer Gemahl verfehlt nie, im Boulevard Malesherbes vorzusprechen, so oft er in Paris ist. Claud erzählt mir, daß sein Vater und die Prinzessin die besten Freunde sind, und daß beide häufig Ereignisse ihres früheren Lebens berühren, ohne im geringsten verlegen zu werden.

Indessen stattet der alte Diplomat nicht deshalb so häufig Paris seinen Besuch ab, weil er mit der Prinzessin ein paar Stunden zu verplaudern liebt, sondern weil er seinen Sohn sehen will, der dort lebt und der ihn gern dazu bereden möchte, eine Wohnung in seinem Hause einzunehmen, so oft er der französischen Hauptstadt die Ehre seines Besuches erweist. Gervis aber nimmt diese Gastfreundschaft nie an, sondern zieht stets die Unabhängigkeit eines Hotels vor, wie ich überzeugt bin nur deshalb, um nicht mit Nina unter einem Dache wohnen zu müssen. Denn bis auf den heutigen Tag ist es dieser jungen Dame noch immer nicht gelungen, das Herz ihres Schwiegervaters zu erobern, so sicher sie dieser Eroberung im voraus gewesen war.

Claud hat sowohl als Theaterdichter wie als Feuilletonist einen hohen Ruf erworben. Er ist immer beschäftigt und hat einen ausgedehnten Freundeskreis. In der Nähe der Champs Elysées hat er einen Haushalt eingerichtet, der weit mehr kosten muß, als er mit seinen litterarischen Arbeiten verdienen kann. Im Sommer verlebt er mit seiner Frau gewöhnlich drei bis vier Monate in Southlands, da der Eigentümer des Gutes sich so einrichtet, für diese Zeit meist abwesend zu sein. Ihre häufigen Gesellschaften und rege Mithilfe bei allen wohlthätigen Unternehmungen haben beide, namentlich aber Nina, äußerst beliebt gemacht – in Paris sowohl wie in Beachborough. Meiner Meinung nach muß die junge Dame vollkommen zufrieden sein. Sie hat die Erlaubnis, sich so kostspielig, wie sie will, zu kleiden, und von dieser Erlaubnis macht sie einen ausgedehnten Gebrauch; sie hat außerordentlich viele Zerstreuungen; sie sieht sich allgemein bewundert, hat aber ihrem Gatten nie wieder Grund zum Mißfallen gegeben. Die schreckliche Lektion, die sie damals durchgemacht, ist nicht ohne Wirkung bei ihr geblieben, so daß selbst Beachborough das Lob ihrer Tugend singt.

Was Claud anbelangt, so kann ich nicht anders als glauben, daß auch er zufrieden ist. Jedenfalls hat er so viele Ursache dazu, daß es unverständig wäre, wollte er es nicht sein. Ich setze nicht voraus, daß er übermäßig glücklich ist; aber wir dürfen auch in Romanen nicht ein Uebermaß von Glückseligkeit erwarten. Es ist gewiß hinreichend, wenn man am Ende der Geschichte auf eine Stätte irdischer Glückseligkeit hinweisen kann, und so, denke ich, kann man Croft Manor ohne Uebertreibung bezeichnen. Freddy und Genoveva lieben einander so zärtlich, wie an ihrem melancholischen Hochzeitstage. Allem Anscheine nach wird es auch bei ihnen so bleiben. Die Verschiedenheit ihres Geschmacks und Charakters ist eher alles andere als unglücklich für sie gewesen. Es hat beiden einen neuen Horizont eröffnet, und keines von beiden wünscht das andere auch nur in der winzigsten Kleinigkeit verändert zu sehen. Ihre Lebensweise ist weit ruhiger als die ihrer Freunde in Southlands; doch ist sie in keiner Weise eintönig. Genoveva hat eine große Vorliebe dafür, das Haus mit Musikliebhabern zu bevölkern; Freddy seinerseits sorgt für das Vorhandensein eines weniger geist- und kunstvollen Elementes in der Gesellschaft und diese zwei Parteien haben sich zu gegenseitigem Wohlbehagen miteinander vermischt.

Fräulein Potts ist häufig in der Nachbarschaft von Croft Manor zu finden. Man lud sie dringend ein, das Herrenhaus selbst als ihre Heimat anzusehen. Nach einigem Schwanken entschied sie sich indessen für ein paar stille Stübchen in London, die seit langen Jahren der Gegenstand ihrer wachen Träume gewesen waren. So oft sie eine Abwechselung nötig hat, findet sie sich bei den Crofts ein, wo sie immer mit offenen Armen empfangen wird. Sie ist glücklich beim Anblick des Glückes ihrer Genoveva.

Wenn Claud Gervis mit seiner jungen Frau nach Southlands kommt, so nehmen die Besuche zwischen den beiden Familien kein Ende. Freddy hegt für Claud eine warme Zuneigung und hohe Verehrung und stellt ihn in eine Reihe mit Homer, Shakespeare, den Verfassern der Witze im Punch und ähnlichen großen Männern! Claud seinerseits hat seinen kleinen, schlichten, gutmütigen Schwager so lieb wie nur jemanden in der Welt. Ihre Freundschaft wird mit den Jahren immer stärker, und keiner gibt zu, daß sie irgend wodurch gestört wird.

Ob auch ihre Frauen durch eine ähnliche Zuneigung aneinander gekettet werden, ist eine andere Frage. Die Beobachtung habe ich gemacht, daß die beiden Damen nie zusammenkommen, ohne sich herzlich zu küssen, und daß nach dieser schwesterlichen Begrüßung das Gesicht einer jeden von jenem ruhigen Frieden erstrahlt, den nur das Bewußtsein einer erfüllten unangenehmen Pflicht und eines dadurch erzeugten guten Gewissens geben kann.

Die letzten Nachrichten, die ich von Beachborough erhalten habe, berechtigen mich übrigens zu der Hoffnung, daß unser Freund Claud nahe daran ist, als Vertreter des Ortes einen Sitz im Parlamente zu erringen. Wenn ihm dies glückt, woran ich gar keinen Zweifel habe, so wird er auch in kurzer Zeit in den vordersten Reihen des politischen Lebens zu finden sein. Seine Talente, sein unermüdlicher Fleiß und seine angenehme Redegabe lassen mich dies sicher voraussehen. Und vielleicht wird er dann sein gutes Geschick segnen, das ihm eine Frau von Ninas gesellschaftlichen Talenten zur Seite stellte.

Ende.

 


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