Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neunundzwanzigstes Kapitel.
Unter den Hügeln am Strande

Es war nicht unaufrichtig gewesen von Nina, wenn sie Freddy zu verstehen gegeben, daß die augenscheinliche Gleichgültigkeit ihres Gatten sie unglücklich mache. Konnte das derselbe Claud sein, der damals ein so langes Gesicht machte, als sie ihm die Liste ihrer früheren Liebschaften herzählte? Absichtlich schrieb sie ihm einen Bericht über ihre erneute Verbindung mit Freddy Croft, und die Folge war nur ein hastig geschriebenes Briefchen von Claud, worin er ihr sagte, er sei mit Arbeit überbürdet und habe wenig Zeit zum Briefschreiben, doch freue er sich zu hören, daß sie sich gut amüsiere und daß sie mit Freddy zusammen sei. Ihr beide, schrieb er, habt euch ja immer gut verstanden, und ich sollte denken, wenn ihr zusammen seid, stelltet ihr ganz Lincolnshire auf den Kopf.

Als Nina diese Worte las, ballte sie das Papier zusammen und schleuderte es weit von sich. »Nun, dann gehe es so fort, wenn du nicht anders willst!« rief sie, und hätte in diesem Augenblick Freddy ihr eine Entführung vorgeschlagen, so würde sie ohne Bedenken eingewilligt haben.

Der junge Mann war indessen von so anstößigen Vorschlägen weit entfernt. Nina hatte erreicht, daß sein Aufenthalt ihm ein höchst angenehmer geworden war; wenn sie sich aber einbildete, ihn so zu fesseln, daß er um ihretwillen seine Abreise auch nur um einen Tag aufschob, so irrte sie sich sehr. Am 28. September mußte unser junger Gentleman beim Wettrennen in Newmarket erscheinen, und von Newmarket hätte ihn nur ein Weib in der Welt zurückhalten können – und dieses Weib war Nina nicht. Als der Tag des Meetings sich näherte, war er höflich genug, den Wunsch auszusprechen, daß es auf acht Tage später verlegt werden möchte.

»Es wird mir gräßlich leid thun, von hier wegzugehen; wir hatten eine so vergnügte Zeit zusammen, und das hat nun alles ein Ende!«

Nina sah ihn an und lachte.

»Geben Sie sich keine Mühe, eine so melancholische Miene aufzusetzen! Sparen Sie sich das für die nächste Woche auf, wenn Sie auf den Sieg eines verlierenden Pferdes gewettet haben. Es ist noch kein Grund, niedergeschlagen auszusehen, wenn wir uns trennen müssen. Wir werden uns bald wiedersehen, wenn nicht gerade einem von uns etwas passiert; sollten wir aber unser jetziges Leben lange fortsetzen, so würde einer des anderen überdrüssig werden. Morgen wird unser letzter Tag sein, nicht wahr? Was gedenken Sie zu thun?«

»Was Sie befehlen,« gab Freddy zurück.

Nina stand am offenen Fenster und sah ins Weite hinaus, wo ein Silberschein am Horizont die ferne Nordsee andeutete.

»Ich würde sehr gern noch einen letzten Ritt mit Ihnen unternehmen – einen wirklich langen Ritt. Halten Sie es für möglich, daß man von hier bis an die See gelangen könnte? Es sieht aus, als wäre es jenseits des Weltendes.«

»O bewahre, nein, es sind nur rund vierzehn Meilen und man könnte einen ziemlich geraden Weg nehmen. Ich sehe nicht ein, warum wir nicht dorthin gelangen sollten. Nur müßten wir früh aufbrechen, damit die Pferde ausruhen könnten.«

»Wir könnten ja gleich nach dem Frühstück aufbrechen und uns irgend eine Stärkung in Gestalt von belegten Butterbroten oder etwas Aehnlichem mitnehmen.«

»Ja, das könnten wir. Das wäre ein Hauptpläsir!«

»Nur würden dann vielleicht einige von den anderen Gästen sich uns anschließen wollen.«

»Ich werde ihnen sagen, daß wir ihre Begleitung nicht wünschen,« meinte Freddy heiter, und es ist nicht zu bezweifeln, daß er seine Absicht ganz trocken ausgeführt hätte.

Nina erklärte ihm jedoch, daß er es in so dürren Worten nicht auszudrücken brauche. »Sie müssen es ihnen nur zu verstehen geben,« sagte sie lachend.

Freddy mußte dieser Aufgabe gewachsen gewesen sein, denn der nächste Morgen sah unsere beiden Freunde ohne Begleitung ihren Ritt antreten, zu dem die Herrin vom Hause ihnen aus dem Fenster noch allerhand Anweisungen mitgab.

Ihr Weg führte sie einen Hügel hinab durch herbstlich gefärbte Waldungen, an Feldern vorbei, wo die Schnitter noch bei der Arbeit waren, und so hinaus auf die große Ebene. Da beide auf dem Lande erzogen waren, hatten sie ihre Lust an den ländlichen Umgebungen und fanden hunderterlei zu bemerken, wo dem Städter kaum das Geringste aufgefallen wäre.

Im weiteren Verlauf ihrer Tour aber war über Ernte und Landbau wenig mehr zu sagen; bald hörte das bebaute Land auf, und an seine Stelle traten elende, sandige Weideplätze, auf denen halbverhungerte Pferde grasten. Und dann hemmte plötzlich eine lange Reihe niedriger Sandhügel die Dahinreitenden, und sie wußten, daß sie die See erreicht hatten. Freddy gab seinem Pferde die Sporen und galoppierte das natürliche Bollwerk hinan; Nina folgte ihm, und in dem losen schweren Sande gelangten die Pferde atemlos auf dem Gipfel des Hügels an. Als sie behutsam an der anderen Seite heruntergeritten waren, sahen sie sich plötzlich mitten vor dem vollen bewegten Leben des Meeres.

»Das ist glorreich!« rief Nina aus und sog den würzigen Meeresodem ein. »Wie ich die See liebe! Und was für ein Platz für einen ordentlichen Galopp!«

Freddy sah zweifelhaft aus.

»Wenn es meine Pferde wären, die wir ritten, mit tausend Freuden; aber wir haben schon eine mächtige Strecke zurückgelegt, und meinen Sie nicht –?«

»Daß man seines Nächsten Vieh nicht malträtieren soll? Vielleicht haben Sie recht. Nun, dann lassen Sie uns gemächlich die Pferde in einen Stall bringen. Wie abscheulich, daß amüsante Dinge immer unrecht sind. Es mag wohl die Wirkung der Seeluft sein, aber ich muß gestehen, daß ich ein verzweifeltes Gelüst empfinde, etwas recht Ungebührliches zu begehen. Fühlen Sie nicht auch zuweilen etwas Aehnliches?«

»Sehr oft. Und in der Regel thue ich es dann auch.«

»Ja, das dürft ihr Männer euch erlauben. Wir Frauen müssen immer eingeschnürt gehen. Trotzdem, daß ich in dieser Beziehung so starke Impulse habe, habe ich doch nur einmal in meinem Leben den Leuten wirklich Stoff zum Klatschen gegeben. Und selbst da, wenn ich es ein bißchen länger überlegt hätte – aber was geschehen ist, ist geschehen. Ich möchte wohl wissen, ob Genoveva auch einmal das Gelüst fühlt, etwas Greuliches zu begehen?«

»Ja, das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.«

»Nun freilich, Sie nicht. Sie hat eine viel zu erhabene Ansicht vom Leben und seinen Pflichten, um sich solcher Leichtfertigkeit schuldig zu machen. Ich glaube nicht, daß sie mir je vergeben wird, daß ich ohne ein Myrtenzweiglein Hochzeit gehalten habe. Ihre eigene Hochzeit wird jedenfalls in Gegenwart einer großen Versammlung, unter dem feierlichsten Ritus und voller Orchesterbegleitung gefeiert werden, meinen Sie nicht auch?«

»Wissen Sie, Nina – wenn Sie es nicht übelnehmen, so möchte ich bitten, daß Sie nicht über meine Braut sprechen.«

Aus dem Munde des jungen Baronets, dessen gute Laune gewöhnlich allen Sticheleien Trotz bot, war das schon eine ziemlich strenge Zurechtweisung. Nina aber nahm sie nicht übel. Sie lachte nur, gab ihrem Pferde einen Schlag mit der Peitsche und sagte: »Sehr wohl, sie soll nicht durchgehechelt werden. Wir wollen an ihrer Stelle ein paar Hammelskoteletten durchhecheln, wenn man hier welche zu produzieren versteht. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, aber ich habe einen Wolfshunger.«

Sie hatten währenddem Mablethorpe erreicht, einen kleinen Badeort, in dem, wie sich herausstellte, Erfrischungen für Mensch und Tier zu erlangen waren. Nina eroberte das Herz der schwerfüßigen Bäuerin, die sie bediente, indem sie deren Kinder zu sehen wünschte und jedem einen Sixpence schenkte. Aus einem oder dem anderen Grunde war Nina höchst übermütig. Sie spielte mit den schmutzigen Kindern Versteck. Sie ahmte, als sie allein waren, Gang und Dialekt der Mutter nach. Sie plapperte unaufhörlich und machte so viele Witze, daß länger als eine Stunde Freddys lustiges Lachen durch das Haus widerhallte.

Nina war indessen, wie wir ja wissen, unberechenbaren Veränderungen der Laune unterworfen. Als sie mit ihrem Begleiter noch einmal vor ihrem Wegreiten an den Strand ging, wo allerdings die Sonne untergegangen und die ganze Scenerie traurig verändert war, da wurde sie plötzlich zerstreut und niedergeschlagen in einem solchen Grade, daß sie nicht einmal auf Freddys Bemerkungen Antwort gab.

»Ich bin müde,« sagte sie nach längerem Schweigen, »setzen wir uns hier ein wenig.«

Sie setzte sich auf eine Düne, schlang die Hände um ihre Kniee und starrte über das grau werdende Meer hinaus. Freddy streckte sich zu ihren Füßen hin, stützte das Kinn auf die Hand und betrachtete sie – diese anmutige Gestalt in dem herrlich sitzenden Reitkleide.

»Nun,« sagte sie endlich, »warum sprechen Sie denn nicht? Woran denken Sie?«

»Ich dachte an gar nichts,« war Freddys aufrichtige Antwort. »Ich sah Sie an.«

»So? Wundert mich, was Sie da gesehen haben. Haben Sie schon je das Gefühl gehabt, als sähen Sie sich selbst, wenn Sie einen anderen ansahen?«

»Ich wüßte es nicht.«

»Mir passiert es zuweilen, und ich fühle dann jedesmal ein unaussprechliches Mitleiden mit mir selber.«

Auch dies Gefühl ging anscheinend weit über Freddys Erfahrung hinaus.

»Ich sehe mich dann vor mir sitzen und denke: Armes Mädchen! es ist nicht viel Schlimmes an ihr; aber es wird auch im Leben nicht viel Gutes von ihr kommen – und was kann sie dafür? Können wir für etwas getadelt werden, was uns angeboren ist? Sie kennen die Fabel von der Grille und der Ameise? Was konnte die Grille dafür, daß sie den Sommer über ihr Bestes that im Zirpen, und wie kann man es der Ameise anrechnen, daß sie der Weise der Ameisen folgte und sich Vorräte sammelte für den Winter?«

»Wir sind alle menschliche Wesen,« bemerkte Freddy, der nicht verstand, wohin seine Gefährtin zielte.

»Grille und Ameise waren beide Insekten. Meinen Sie nicht, daß es so verschiedene Arten menschlicher Wesen als Insekten in der Welt gibt? Sie und ich gehören zum Stamme der Grille; wir können zirpen, aber ich wüßte nicht, daß wir viel anderes könnten. O Freddy! lassen Sie uns nicht versuchen, etwas anderes aus uns zu machen, als was wir von Natur sind. Leute wie Claud und Genoveva ragen weit über unsere Häupter hinweg und wir können uns nicht mit ihnen verbinden. O Freddy, Sie wollen sich nicht warnen lassen; Sie werden böse, wenn ich auch nur ihren Namen zu nennen wage. Ich würde mir das aber gern gefallen lassen, wenn ich Ihnen nur in Zukunft Schmerzen ersparen könnte. Sehen Sie nicht ein, daß, was mir geschehen ist, unvermeidlich Ihnen auch geschehen muß? Daß ihr früher oder später mancherlei an Ihnen fehlen wird? Daß sie auf Sie herabblicken wird? Daß es Ihnen so unmöglich sein wird, mit ihr glücklich zu leben, als – als es mir ist, mit Claud glücklich zu sein?«

Ihre Stimme brach; in ihren Augen standen Thränen; in nervöser Aufgeregtheit zupfte sie einen Grashalm nach dem anderen aus dem Sandhügel und warf sie ins Meer. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sie in diesem Augenblick jedes Wort meinte, wie sie es sagte, und daß sie selber von ihrer Uneigennützigkeit überzeugt war.

Freddy in seiner großen Gutherzigkeit war sehr betroffen und wußte nicht, wie er die schöne Frau trösten sollte. »Es thut mir herzlich leid,« murmelte er und streichelte ihre Hand, wie man ein weinendes Kind tröstet.

Sie entzog sie ihm nicht. Sie wandte ihm ihre schönen, in Thränen schwimmenden Augen zu und sagte: »Um mich grämen Sie sich nicht. Mein Schicksal ist entschieden. Denken Sie an sich selbst. Fragen Sie sich, solange es noch Zeit ist, ob Sie nicht einen Mißgriff gethan haben. In der letzten Woche habe ich schon manchmal gedacht, daß Sie und ich – daß wir beide einmal einen Mißgriff gethan haben.«

Damit zog sie ihre Hand weg und fing leise zu weinen an. Und dann (es thut mir leid, daß ich es berichten muß, aber Wahrheit ist die erste Pflicht eines Erzählers), dann legte Freddy seinen Arm um ihren schlanken Leib und – küßte sie.



 << zurück weiter >>