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Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Stürme in der Rue d'Amsterdam

Bald kam ein Tag, an dem die Prinzessin in Begleitung ihres ganzen Haushalts (und dazu gehörte auch Glymno) ihrem geliebten Paris für eine Zeitlang lebewohl sagte und sich zur sommerlichen Erholung nach Bagnères begab. Claud und Nina hatten den Abfahrenden das Geleit gegeben, und der Abschied, den die Damen im Wartezimmer nahmen, war ein äußerst ergreifender.

»Warum kommt ihr nicht mit?« rief die Prinzessin thränenden Auges ihrer Freundin zu. »Wir könnten eine so reizende Familie bilden und ihr würdet unsere Einsamkeit in den dortigen Wildnissen beleben. Claud würde so viel Muße zum Schreiben haben, als er nur wünscht, und du und ich könnten so hübsche Partieen in die Berge arrangieren. Man führt in Bagnères zwar kein sehr lustiges Leben; aber man kann es sich lustig machen. Sobald ich selber eingerichtet bin, werde ich mich sofort nach Zimmern für euch umsehen. Ja, ganz entschieden, ihr müßt kommen.«

Es lagen jedoch vollwichtige Gründe vor, die Nina verhinderten, mit nach den Pyrenäen zu gehen, und diese Gründe konnten der Prinzessin nicht unbekannt sein. Es zogen sich über der Rue d'Amsterdam Wolken zusammen, Wolken böser Schulden, die die häusliche Atmosphäre mit Elektricität anfüllten. Wenn jemand das neuvermählte Paar nach dem Mißerfolg von »Liebe und Freundschaft« belauscht, wenn er die angstvolle Höflichkeit beobachtet hätte, die sie sich einander bewiesen, die Abneigung beider, allein beisammen zu bleiben, die besorgten Blicke, die jeder von Zeit zu Zeit auf den anderen heftete – der hätte leicht genug erkannt, in wie tödlicher Angst jeder war, den Funken fallen zu lassen, der die Explosion hervorbringen mußte. Die Dinge waren thatsächlich so weit gediehen, daß Claud beim Schall der Klingel zitterte und nie ohne Furcht die Briefe öffnete, die neben seinem Teller auf dem Frühstückstisch lagen. Nicht nur, daß die Kosten des Haushalts groß und scheinbar nicht zu verringern waren, sondern es liefen auch eine Unzahl von den bekannten »kleinen Rechnungen« ein – Rechnungen für Handschuhe, Stiefeln und Schuhe, Parfümerieen, sogar eine viele Seiten lange vom Friseur, der den ganzen Winter in der Woche meist an sechs Abenden seine Kunst an Ninas goldig braunen Locken bewährt hatte. Claud bezahlte alle diese Rechnungen nicht nur ohne Vorwürfe, sondern selbst ohne ein Wort der Ermahnung gegen Nina. Es war allerdings unmöglich, daß seine Frau sie von ihrem geringen Taschengelde bezahlen sollte, und was hätte er mit Vorwürfen auch erreicht? Zu ändern war da doch nichts, höchstens ließ sich hoffen, daß mit dem Ende der Saison vielleicht mancherlei Einschränkungen eingeführt werden konnten.

Nun aber war Varinka fort und Ninas einzige Unterhaltung mit ihr. Kein Wunder, daß unser junges Paar den Bahnhof mit sehr ernsten Gesichtern verließ und nicht viel auf dem Heimwege zu sagen wußte.

Paris im Juni ist wie Oxford in den Hundstagsferien: kein Mensch sollte sich darin aufhalten, der nicht eine hinreichende Entschuldigung dafür hat, sich keine Kugel durch den Kopf zu schießen.

Nina war es, die zehn Tage nach der Abreise der Prinzessin vor Langeweile und Abspannung zu diesem Ausspruch getrieben wurde. Claud sah von seinem neuen Drama auf und seufzte. Dieser Seufzer aber brachte Ninas lange zurückgehaltenen Grimm erst recht zum Durchbruche.

»O, für dich ist es ja ganz erträglich,« sagte sie. »Du hast etwas zu thun.«

»Ich kann mir allerdings vorstellen, Nina, daß du unser jetziges Leben fast unerträglich finden mußt; aber vielleicht dauert es nicht lange. Wenn ich nur ein wenig Glück habe, so muß ich es doch heute über ein Jahr schon zu etwas gebracht haben, und dann werden wir imstande sein, hinauszuziehen in die freie Natur, wie andere Leute. Ich wünschte, ich könnte dir jetzt ein Vergnügen verschaffen; aber ich weiß wirklich nichts.«

»Musard gibt Abendkonzerte,« schlug Nina vor. »Sie sind nicht sehr aufregend; aber man sieht doch wenigstens menschliche Wesen, und alles ist besser, als so langweilig zu Hause zu sitzen und nicht die mindeste Abwechselung zu haben.«

»Hm! die Abende sind nun gerade meine beste Arbeitszeit.«

»O, wie ich dieses Schreiben hasse!« rief Nina erregt aus. »Wie ich es verabscheue, dieses Kritzeln der Feder auf dem Papier zu hören! Ich wünsche, es gäbe in der Welt weder Federn noch Tinte und Papier! Ich bin sicher, daß kein Mensch viel daran verlöre!« Da aber besann sie sich, trat hastig zu ihm und strich ihm mit der Hand liebkosend über das Haar. »Nein, nein, das meine ich nicht. Armer, armer Mann! Es ist grausam von mir, zu murren, wenn du so schwer arbeitest. Aber es ist langweilig.«

Das war es allerdings. Ninas sämtliche Bekannte waren fort, keine Seele besuchte sie, noch konnte sie jemanden besuchen. Die südliche Lage ihrer Wohnung in der Rue d'Amsterdam, durch die ihnen dieselbe anfänglich so einladend erschien, machte die Zimmer jetzt heiß und dumpf; den ganzen Tag aber hinter geschlossenen Fensterläden zu sitzen und Romane zu lesen, ist unleugbar dazu angethan, das fröhlichste Gemüt niederzudrücken. Es kann niemanden überraschen, daß Ninas Gedanken oft mit Bedauern nach dem schattigen Grasplatz und dem ausgespannten Netze in ihres Vaters Garten wanderten, sowie zu den Nachbarn, deren sie vor nicht langer Zeit so überdrüssig gewesen war.

Daß es indessen noch Schlimmeres geben kann als ein niedergedrücktes Gemüt, das erfuhr Claud noch an diesem Abend, als er von seinem Banquier die Anzeige empfing, daß er bereits über vierhundert Pfund mehr von ihm erhoben habe, als sein Guthaben betrage, nebst dem Ersuchen, freundlichst die Bilanz sobald als möglich auszugleichen. Und da ein Unglück selten allein kommt, so wurde jemand angemeldet, »der Herrn Gervis zu sprechen wünschte«, und der sich unter vielen Verbeugungen und Entschuldigungen als Abgesandter des Möbelhändlers entpuppte, bei dem Nina vor sechs Monaten ihre Sofas, Sessel und Teppiche bestellt hatte, für die nun die Bezahlung gefordert werden sollte.

Das war genau das, was Claud seit längerer Zeit befürchtet hatte. Zu Anfang des Jahres hatte er von dem Manne eine Rechnung empfangen, die natürlich an Höhe seine kühnsten Erwartungen überstieg. Da er sie aber nicht bezahlen konnte, so hatte er sie vorläufig beiseite gelegt und war nur immer von der Furcht gepeinigt worden, was er anfangen sollte, wenn der Mann auf Bezahlung dränge. Jetzt geschah das Schreckliche: Clauds Angst verwirklichte sich.

Trotzdem versuchte er es, seine Bewegung hinter einem vornehmen Ton zu verstecken. Er wäre sehr befremdet, daß man ihn in dieser Weise belästige. In diesem Augenblick sei er zufällig nicht imstande, eine so große Summe zu bezahlen. Die Empfehlung der Prinzessin Uranow sei doch wohl eine hinreichende Bürgschaft für seine Zahlungsfähigkeit. Daß man so kurz nach Ausführung der Bestellung schon das Geld einfordere, sei doch höchst ungewöhnlich.

Der Mann unterbrach ihn. »Ich bitte um Entschuldigung, das ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Unsere Firma hat es sich zur unabänderlichen Regel gemacht, alle Rechnungen halbjährlich einzuziehen. Bei alten Kunden machen wir wohl eine Ausnahme; aber in Paris herrscht solch ein fortwährendes Kommen und Gehen und so viele Fremde verschwinden nach ein paar Monaten, leider oft, ohne eine Adresse zu hinterlassen – da werden Sie begreifen, daß wir eine strenge Regel aufstellen müssen.«

Der arme Claud wußte nicht, wie er mit diesem lästigen Dränger verfahren sollte.

»Angenommen nun, ich kann mich Ihrer Regel nicht unterwerfen?« fragte Claud.

»In dem Fall – aber ich gebe mich der Hoffnung hin, daß wir in solche unangenehme Lage nicht kommen werden …«

»Lassen Sie Ihre Hoffnung beiseite – angenommen, wir kommen hinein?«

»Mein Gott, wir können unser Eigentum ebensowenig verschenken wie andere Geschäftsleute. Die letzte Art der Regelung wäre, daß wir, wenn auch höchst widerstrebend, gesetzliche Maßregeln ergreifen müßten.«

»Wohl,« sagte Claud nach einer Pause, während der er Zeit hatte, sich der quälenden Vorstellung seines Bankerotts hinzugeben, »so sagen Sie Ihrem Prinzipal, daß ich mich binnen kurzem bei ihm einfinden werde. Er verursacht mir viele Unannehmlichkeiten; aber er wird sein Geld bekommen.«

Der Mann entschuldigte sich mit großer Redefertigkeit. Monsieur müsse einsehen, daß er nur ein Bote sei und nur den Anweisungen anderer folge. Ob er nicht einen Tag für Monsieurs Besuch angeben dürfe?

»Wir wollen sagen, heute über vierzehn Tage. Daß ich augenblicklich die Summe nicht flüssig habe, habe ich Ihnen gesagt.«

Zu seiner großen Erleichterung wurde dieser Aufschub ihm ohne Einwand bewilligt.

Eine halbe Stunde später fand Nina ihn mit aufgestütztem Kopfe, ein Bild stummer Verzweiflung, und es kostete ihr viele Mühe, ein Lachen zu unterdrücken, als sie den Grund seiner Betrübnis vernahm.

»Mein lieber Claud!« rief sie. »Du bist so unerfahren wie ein kleines Kind! Glaubst du wirklich, daß die Leute zweimal im Jahre ihre Schulden bezahlen? Dann könnte man das Geld ja ebensogut gleich auf den Ladentisch legen. Das Beste, was du thun kannst, ist, daß du morgen zu dem Mann gehst und ihm sagst, wenn er die Unverschämtheit besäße, dich vor Jahresfrist noch einmal zu mahnen, werdest du ihn nie wieder beschäftigen.«

Claud schüttelte verzweiflungsvoll den Kopf.

»Leute, die Geld in der Tasche haben, können hochfahrend sein; wenn man aber nicht bezahlen kann, so wird man feige. Ich weiß, daß ich diese Rechnung bezahlen muß; wie aber, das ist mehr, als ich mir vorstellen kann.«

»Je nun – wenn du denn die Geschäftsleute so demoralisieren willst, indem du dich durch ihre Unverschämtheit zum Bezahlen drängen läßt, so gibt es allerdings ein Mittel und zwar ein sehr einfaches.«

Claud sah sie befremdet an.

»Welches Mittel wäre das, ich bitte dich?«

»Du müßtest an deinen Vater schreiben und ihn bitten, daß er uns heraushilft. Ich bin gewiß, daß er es thun würde.«

»Und ich bin vollkommen gewiß, daß er es nicht thun würde.«

»Dann sehe ich nicht ein, warum wir bezahlen sollen. Schulden beißen ja nicht.«

Sie lehnte am offenen Fenster, pflückte die welken Blatter von ihren Topfpflanzen und beobachtete, wie sie auf die Straße hinunterwirbelten. Ihre Stimme und Haltung waren so gleichgültig, daß Claud zu besonderer Wärme erregt wurde, als er entgegnete: »Beißen nicht? – O, sie beißen doch! sie beißen gräßlich! Ist es möglich, daß du die Entwürdigung nicht fühlst, die darin liegt, wenn man mit dem Hut in der Hand zu einem Gewerbetreibenden geht und ihn um Aufschub bittet?«

Nina wandte ihm mit einem seltsamen Blick ihr hübsches Gesicht zu und schüttelte leicht den Kopf.

»Ich fühle nichts von der Art. Ich verstehe nicht einmal, was du meinst. Es muß mir die Fähigkeit dazu ganz abgehen. Das ist es ja eben, was ich von Anfang an gewußt habe – du bist zu gut für meinesgleichen, und jetzt geht dir endlich die Erkenntnis auf. Es ist ein großer Jammer, daß ich mich von dir heiraten ließ.«

»Von dem Augenblick an, wo du das denkst, ist es natürlich so,« gab Claud zurück.

Nina antwortete nicht sogleich. Sie pflückte immer noch die welken Blätter ab und ließ sie in der Luft tanzen.

»Es ist nun jedenfalls nichts daran zu ändern,« bemerkte sie endlich und fügte nach einer Weile hinzu: »Claud!«

»Nun?«

»Hältst du es nicht für hohe Zeit, daß wir nach England zurückgehen, uns mit unseren Verwandten aussöhnen und sie veranlassen, ihr gemästetes Kalb für uns zu schlachten? Papa ist ganz bereit dazu. Er hat es sogar schon geschlachtet. Ich habe heute morgen Nachricht von ihm erhalten.«

Sie griff in die Tasche und zog einen Brief heraus, den Claud schweigend entgegennahm.

Es war eine lange, nicht unfreundliche Epistel in Flemyngs hochtrabendem Stil. Der langen Rede kurzer Sinn war, daß, solange er ein Haus sein eigen nenne, seine Tochter darin willkommen wäre, daß die ganze Familie sie aufs höchste vermisse, und daß er hoffe, sie werde, wenn sie komme, auch recht lange bleiben. Lynshire sei jedenfalls bis zum Herbst ein angenehmerer Aufenthalt als Paris.

Zweierlei fiel Claud beim Durchlesen dieses Briefes besonders auf: erstens, daß es augenscheinlich eine Antwort war, nicht eine selbständige Einladung, und zweitens, daß von seiner Existenz darin kaum die Rede war. »Ich werde entzückt sein, dich hier zu sehen – und deinen Gatten, wenn er geneigt ist, sich inmitten seiner litterarischen Beschäftigungen einen Feiertag zu gönnen.« Das war alles, was von ihm in dem Briefe zu lesen war. Er gab ohne ein Wort der Erwiderung den Brief an seine Frau zurück, sah sie aber ziemlich ernst dabei an. Ein leichtes Rot zeigte sich auf ihren Wangen.

»Ja,« beantwortete sie seine unausgesprochene Frage, »ich hatte an ihn geschrieben. Ich dachte, du würdest nichts dagegen haben, und – und es ist hier so heiß und so eintönig. Nun kommt noch dazu dieses Mahnen um Geld, und es wäre ganz wünschenswert, daß wir eine Zeitlang sparten. Wirst du mitkommen?«

»Ich glaube nicht,« antwortete Claud mit einem traurigen Lächeln. »Ich habe hier meine Arbeit und kann sie nicht gut verlassen, – abgesehen von dem Einspruch, den mehrere unserer Lieferanten gegen meine Abreise erheben würden. Ich sehe aber gar keinen Grund, weshalb du nicht gehen solltest. Gewiß ist es, wie du sagst, sehr wünschenswert, daß wir sparen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß es in Paris heiß und langweilig ist. Du solltest deinem Vater schreiben, daß du in einigen Tagen bei ihm sein wirst.«

Wenn er einen Protest dagegen erwartete, daß Nina allein nach England gehen sollte, während er die Schlacht mit den Gläubigern allein auszufechten hatte, so irrte er sich. Sie griff mit beiden Händen zu, und ihr Gesicht zeigte alle seine Grübchen, ein so glückliches Lächeln überzog es.

»O wie reizend von dir!« rief sie. »Ich fürchtete, du würdest Schwierigkeiten machen. Wie spät ist es? Wird mein Brief heute noch abgehen, wenn ich sogleich schreibe?«

Sie öffnete ihre Schreibmappe und setzte ein Billet auf, plauderte aber dabei fortwährend.

»Es wird das Allervorteilhafteste sein, siehst du. Wir hätten doch nicht viel länger so fortleben können, wie wir es gethan haben.«

»Das meine ich auch,« bemerkte Claud trocken.

»Wenn ich fort bin, wirst du wer weiß wie viel billiger leben. Und nach einiger Zeit, wenn du nicht mehr so viel zu thun hast, mußt du herüberkommen und dir auch eine Erholung gönnen. Sehnst du dich nicht danach, das Meer wiederzusehen? Wir wollen Seefische fangen und Lawn-tennis spielen und allen möglichen Spaß treiben, wenn du kommst. Es wird herrlich werden, gerade wie im letzten Jahr. O, was für eine Ewigkeit das her zu sein scheint.«

Ihre Aufgeräumtheit dauerte den ganzen Abend über, ihre Zunge ging ohne Aufhören. Ob wohl Clauds Vater in Southlands sein würde? Wenn das wäre, so wollte sie hingehen und ihn erobern. Er würde doch nicht so ein alter Schelm sein, sie Hungers sterben zu lassen, während er selber so reich war, und während Claud so schwer gearbeitet hatte, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben.

»Weißt du,« schloß sie ihre Rede, »ich dachte wirklich, wir würden heute einen ernsthaften Zank haben.«

Claud war tief beleidigt, aber zu stolz, es zu zeigen, und was er trotzdem zeigte, entging ihrer Beobachtung. Er hörte ihr in stummem Erstaunen zu. War das dieselbe Nina, um die er in dem Wäldchen bei Beachborough geworben und die erst vor wenigen kurzen Monaten erklärt hatte, es könne nicht zwei Menschen geben, die glücklicher seien als sie beide?

Um elf Uhr ging sie, noch immer frohlockend, zu Bett, während Claud nach seiner Gewohnheit noch eine oder zwei Stunden arbeiten wollte. Er saß an diesem Abend länger auf als gewöhnlich, aber die Litteratur gewann von dieser Nachtwache nichts. Die Sorge, von langen Zahlenreihen unterstützt, nahm seine Gedanken in Anspruch, und das Ergebnis war, daß er gegen zwei Uhr morgens ein Blatt Papier nahm und in Zorn und Verzweiflung folgende lakonische Botschaft darauf niederschrieb:

 

»Rue d'Amsterdam, Paris, 29. Juni.

»Lieber Vater!

»Ich bin in großer Sorge. Ich habe ein Schauspiel geschrieben, das ausgezischt worden ist. Ich habe bereits jeden Schilling meines halbjährigen Einkommens aufgebraucht, und soweit ich es übersehen kann, bin ich noch ebensoviel schuldig. Es wird im ganzen achthundert Pfund erfordern, um mich wieder flott zu machen. Willst Du mir das Geld vorschießen? Es ist möglich, daß ich es Dir ratenweise zurückzahlen kann; allein ein bestimmtes Versprechen kann ich Dir nicht geben. Mit mir geht alles schief. Ich habe nicht den Mut, noch mehr zu sagen. Bitte, lasse mir eine Zeile Antwort zukommen! Ja oder Nein!

Dein Dich liebender Sohn
Claud Gervis.«

 

Claud schrieb dieses Billet sehr hastig, steckte es dann, ohne es auch nur durchzulesen, in ein Couvert, adressierte es und begab sich dann zu Bett. Der Brief ging ab, und so entschieden Claud überzeugt war, daß er keinen Erfolg haben werde, so wußte er doch sehr genau, wann die Post imstande wäre, ihm eine Antwort zu bringen und war nicht wenig enttäuscht, als keine kam. Die Enttäuschung wiederholte sich am nächsten und am darauffolgenden und an jedem Tage. Zweimal an jedem Tage litt er eine wahre Todesqual, wenn der Briefträger kommen sollte und dann an der Thür vorüberging oder ein Päckchen Briefe abgab, unter denen der ersehnte sich nicht befand.

Er wußte, daß sein Vater selten sein Wort zurücknahm, und er erinnerte sich nur zu deutlich, daß ihm gesagt worden war, siebenhundert Pfund, aber nicht mehr, sollten ihm ausgesetzt werden. Aber er wußte auch, daß seines Vaters Herz nicht so hart war, als man es gewöhnlich annahm, und es gab für ihn keine Hoffnung, wenn nicht die, daß er dieses Herz gerührt habe. Es konnte gar keine Rede davon sein, daß er den an ihn gestellten Forderungen gerecht werden könnte, wenn ihm nicht von dieser Seite Hilfe kam; denn die Dinge standen schlimmer mit ihm, als er es selbst vorausgesehen hatte.

Während dieser schauerlichen Tage betrieb Nina in freudigem Eifer die Vorbereitungen zu ihrer Abreise. Sie war nicht ganz so gefühllos, als ihr Benehmen es zu verraten schien; allein in derartigen Gemütskämpfen mit ihrem Gatten zu sympathisieren, ging über ihre Kräfte. Im Grunde ihres Herzens fühlte sie eine spöttische Verachtung – nicht gegen den Mann, sondern gegen seine lächerlichen Ideen. Indessen behielt sie ihre Gedanken für sich und bemühte sich nur, den untröstlichen Mann damit aufzurichten, daß sie ihn auf die schöne Zeit verwies, die ihnen bevorstand, wo sie in der Bai von Beachborough auf ihrer Jacht fahren, die Dünen von Lynchester entlang reiten und sich so angenehm zerstreuen würden wie im letzten Sommer. Zuletzt gelang es ihr, ihm ihre frohe Laune so weit mitzuteilen, daß er ihr im Herzen keine Vorwürfe mehr machte. Jedenfalls verstand keines der beiden das andere.

Und dann kam ein Morgen, an dem Claud einsam und trübselig von dem Nordbahnhof zurückwanderte. Noch klangen Ninas letzte Worte in seinen Ohren wider: »Vergiß nicht, daß du bald nachkommen mußt.« War es wirklich ihr Wunsch, daß er bald nachkommen sollte? Sie hatte zum Abschied ein paar Thränen vergossen und sogar das etwas verspätete Bedauern ausgesprochen, daß sie von ihm gehen müsse; dennoch konnte Claud ihre Abreise nicht anders als mit der Flucht eines gefangenen Vogels aus dem Käfig vergleichen. Er kehrte zurück in seine einsame Wohnung, wo alle Thüren offen standen, die leeren Schubladen herausgezogen waren und der Fußboden von Resten des Packpapiers vollgestreut lag. Das Dienstmädchen, das mit dem ihrer Klasse eigenen Instinkt entdeckt hatte, daß zwischen den beiden Eheleuten nicht alles stimmte, sah ihn mit nicht allzu freundlichen Augen an, denn natürlich lag doch die Schuld an Monsieur allein. Sie strafte ihn denn auch sogleich damit, daß sie ihm kalten Kaffee vorsetzte. Er fühlte sich gräßlich einsam. Der Vogel war weggeflogen, sein anheimelndes Zirpen war verstummt. Wer konnte sagen, wann er es wieder hören würde? Wer wußte, ob er ihm in kurzem auch nur ein Nest anbieten konnte?

Von diesem Augenblick an verfiel Claud in einen Zustand der Apathie, der nichts anderes als ein qualvolles Erwarten des unvermeidlichen Zusammensturzes war. Er legte seine Arbeit beiseite, denn seine Phantasie versagte ihm den Dienst, und wenn er auch noch mechanisch seine Artikel für die Zeitung schrieb, mit der er in Verbindung stand, so hatte er doch schon nach einer Stunde kaum eine Ahnung davon, worüber er geschrieben hatte.

Es war am zehnten Tage, nachdem Claud an seinen Vater geschrieben hatte, und er hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, noch eine Antwort darauf zu empfangen. Da überbrachte das Mädchen ihm einen Brief mit des Vaters zierlicher kleiner Handschrift. Er riß das Couvert auf, und das Herz stand ihm still – es enthielt keine Geldanweisung! Dies war der Inhalt:

 

»Jacht Sirene, Plymouth, 7. Juli.

»Mein lieber Claud!

»Dein Brief ist mir zugegangen. Ich hatte schon gehört, daß die Pariser es abgelehnt hatten, Dich mit Lorbeeren zu krönen, und es that mir leid um Dich, obschon ich nicht den leisesten Grund sehe, ihre Entscheidung für eine ungerechtfertigte zu halten. Wo zum Kuckuck hast Du denn einen Theaterdirektor aufgetrieben, der Dein Stück angenommen hat? Wenn ich einmal nach Paris komme, mußt Du mich doch mit dem Manne bekannt machen; es ist immer tröstlich, einen verwandten Narren zu finden. Daß ich nämlich ein Narr bin, das ist mir längst klar, und ich nehme wahr, daß es auch anderen kein Geheimnis ist. Um jeden etwanigen Zweifel über diesen Punkt zu entfernen, habe ich soeben achthundert Pfund bei Deinem Banquier einzahlen lassen.

»Ich höre, daß Deine Frau sich zum Besuch bei ihrem geistreichen Vater befindet. Aus diesen und anderen Gründen bin ich entschlossen, vorläufig von Beachborough wegzusegeln.

»Ich leide an einem Anfall von Rheumatismus, der mir das heiße Verlangen einflößt, irgend jemand zu plagen. Das einzige Opfer, das mir zur Hand ist, ist nun aber mein alter Kammerdiener, auf den mein bitterster Sarkasmus keine Wirkung übt. Es ist mir eingefallen, daß Du unter den obwaltenden Umständen nicht berechtigt bist, auch die abgefeimteste Grausamkeit übelzunehmen. Daher habe ich mir vorgenommen, Dich auf eine kleine Jachtfahrt mitzunehmen. Setze mich durch ein paar Zeilen in Kenntnis, ob dieser Vorschlag Dir zusagt und ob ich Dich von Cherbourg oder von Havre abholen soll.

In Treue: V. G.«

 

Als Claud mit dem Durchlesen dieses Schriftstückes fertig war, brach er in ein Lachen aus, das einem Schluchzen nicht unähnlich war.

»Mein treuer alter Vater!« rief er laut. »So gut wie er ist doch keiner in der Welt. Ob sein Vorschlag mir zusagt? Natürlich sagt er mir zu. Und er mag mich plagen nach Herzenslust; aber ich weiß wohl, er thut es nicht. Er will nur glühende Kohlen auf mein Haupt sammeln. O, lohnte es sich nicht, die höllische Tortur durchzumachen, die ich durchgemacht habe, wenn ich dadurch entdeckt habe, was für ein prachtvoller alter Kamerad mein bärbeißiger Papa für mich ist.«

Um Claud Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir sagen, daß seines Vaters Brief nicht weniger zu seinem Glück beitrug, als seine achthundert Pfund. Nie hatte er sich die Ueberlistung verzeihen können, die er gegen seinen Vater ausgeübt; die Erinnerungen vergangener Tage waren als eine beständige Anklage wider ihn aufgestanden; die durch seine Heirat verursachte Trennung zwischen ihm und seinem Vater hatte ihm genug innerlichen Schmerz verursacht. Daß jetzt eine Wiedervereinigung stattfinden sollte, erfüllte ihn mit solcher Freude, daß er voll heißer Sehnsucht nach einem Herzen, dem er sein Glück mitteilen konnte, singend und jubelnd im Zimmer auf und ab ging, und am liebsten dem Dienstmädchen Geld zu einem neuen Kleide gegeben hätte, wenn er sich nicht vor ihr gefürchtet hätte.

Mitten in seinem fröhlichen Triumphgesange überhörte Claud das mehrmalige Klopfen an seiner Thür, diese öffnete sich also und ein dicker Kopf mit einem großen gutmütigen Gesicht guckte durch die Thürspalte, schob sich aber sogleich nebst einem stattlichen Körper in das Zimmer hinein.

»Ei sieh da,« rief der Eindringling in komischem Erstaunen, »es scheint, als hebe sich hier der Mut, wenn die Sorge auf der Schulter sitzt. Was für ein Original Sie sind!«

»Was, Poinsot, sind Sie es? Sehen Sie einmal her – lesen Sie diesen Brief! Ah, Sie können ihn nicht lesen, ich werde ihn übersetzen. Das ist ein Vater, wie Sie ihn für Ihre Schauspiele brauchen können! Meinen Sie wohl, daß es viele von der Art geben mag? Ach, aber Sie wissen nicht, wie ich ihn behandelt habe und wovon er mich gerettet hat.«

» Tiens, tiens!« murmelte Poinsot. »So besitzen wir also einen wohlwollenden Vater mit einer offenen Börse, wie? Und ich komme hierher und schmeichle mir, daß ich die Rolle des barmherzigen Samariters spiele! Sehen Sie nur nicht so bestürzt aus – ich wollte mir durchaus keine Freiheiten nehmen. Aus manchen Gerüchten, die zu mir gedrungen sind, entnahm ich nur die Ansicht, daß Ihnen mit einer einträglicheren Beschäftigung gedient sein dürfte, als der beim Petit Voyou; mit einem Wort, ich überbringe Ihnen ein Anerbieten von dem Herausgeber einer Zeitung, die ihre Mitarbeiter anständig zu bezahlen vermag.«

Und Poinsot nannte eine Zeitung von festbegründetem Rufe und erklärte Claud, was er für dieselbe zu leisten und was er als Gegenleistung zu erwarten habe.

Claud sank in einen Stuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Wieder alles auf einmal!« rief er. »Ach, Poinsot, mag man sagen, was man will; aber das Leben hat auch noch schöne Augenblicke.«

Poinsot sah bewegt auf den jungen Mann. Vielleicht schämte er sich seiner späten Hilfe.

»Ich hätte schon früher kommen sollen; aber ich war eine Zeitlang auf dem Lande, und als ich zurückkam, hatte ich zuerst keine Ahnung, daß – daß –«

»Ich weiß schon – ich weiß! Woher sollten Sie auch ahnen, daß ich mich durch meine Dummheit an den Bettelstab gebracht hatte? Ich bin ja durch meinen Vater jetzt gerettet, und dank Ihrer freundlichen Vermittlung werde ich auch nun den Kopf über Wasser behalten, hoffe ich. Ich habe nicht viel Worte gemacht, aber ich denke, Sie verstehen, wie dankbar ich bin.«

»Wofür? Mein Freund, der Verleger der Zeitung, von der ich Ihnen sprach, hat gerade so viel Ursache, mir dankbar zu sein, als Sie. Ich habe Ihnen nicht gerade eine Goldmine eröffnet, aber vielleicht hilft es Ihnen doch so lange durch, bis Sie etwas Besseres gefunden haben. Wie steht's denn nun mit dem neuen Schauspiel? Denn natürlich haben Sie doch ein neues angefangen.«

»Wie kommen Sie darauf? Ich hätte nicht gedacht, daß jemand mir so viel Eigendünkel zutraute. Aber es ist wahr, ich habe ein zweites Drama fast zur Hälfte fertig. Da Sie nun einmal hier sind, wäre es Ihnen vielleicht nicht zu ungelegen, einen Blick in das Manuskript zu werfen und mir Ihre Meinung darüber zu sagen?«

Der gutherzige Poinsot weigerte sich nicht. Er widmete den Rest des Vormittags einem sorgfältigen Studium von Clauds neuer Arbeit. Danach gingen die beiden Freunde zusammen aus, bezahlten den bei Anblick des Geldes überhöflichen Möbelhändler und begaben sich dann nach dem Redaktionsbureau, das eine so wichtige Hilfe in Clauds Leben bringen sollte. Hier kam man überein, daß in vierzehn Tagen der neue Mitarbeiter sein Werk beginnen solle, und dann beschloß man den Tag mit einem Diner im Café Anglais, wo Poinsot, der nie vorher in seinem Leben sich so innerlich glücklich gefühlt hatte als bei dieser Gelegenheit, die Kosten auf sich nahm.

Auch Claud Gervis genoß seine vierzehntägige Jachtfahrt zwischen den Inseln des Kanals beinahe so vollkommen, als er es verdiente. Als seine Ferienzeit um war, ging er direkt nach Paris, ohne Beachborough auch nur zu berühren. Nina schickte ihm eine Fülle zärtlicher Briefe, gab ihm aber vollständig recht darin, daß er die kurze Ferienzeit, die ihm gegönnt war, seinem Vater ganz allein widmen müsse. Ihr eigener Vater, schrieb sie, wolle nichts davon hören, daß sie ihn vor Eintritt des Winters verlassen solle.

So ging Claud allein nach Paris zurück und nahm seinen Platz unter den ständigen Arbeitern in der Stadt ein, die er bisher nur vom äußeren Anschauen kannte.



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