Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vierundzwanzigstes Kapitel.
Clauds Streben und seine Erfolge

Nina war in hohem Grade befriedigt, als sie hörte, nach welcher Richtung hin die hervorragenden Talente ihres Gatten sich verwerten sollten, als er selbst ihr nämlich mitteilte, er beabsichtige ein Drama zu schreiben und auf einer der größten Pariser Bühnen zur Aufführung zu bringen. Daß Clauds Ruhm so lange auf sich warten ließ, war ihr schon eine schwere Geduldsprobe gewesen. Auch regte sich in ihr bereits das Verlangen nach Vergnügen und Erregung, das einen Teil ihrer Natur bildete. Das Theater mit seinen scenischen Effekten, seinen sichtbaren und hörbaren Triumphen bot für dieses Bedürfnis die vollständigste Befriedigung dar.

Hierin fand sie Teilnahme und Verständnis bei der Prinzessin. Für Clauds Bücher und Zeitungsartikel hatte diese wenig Sinn und konnte Ninas Interesse daran durchaus nicht verstehen; aber die Bühne lag innerhalb ihres Horizonts. Sie hatte die Idee, daß für ein Unternehmen dieser Art die Bekanntschaft mit den Meistern seiner Kunst dem Anfänger von größtem Vorteil sein müßte. Da setzte sie denn alle Hebel an, um aus ganz Paris litterarische Männer zusammenzuschaffen. Mit einigen, die sie schon länger kannte, machte sie Claud sogleich bekannt und forderte ihn dringend auf, jetzt ihre Gesellschaftsabende nicht länger zu versäumen.

Claud, der seine Abende zum Arbeiten brauchte, konnte ihr aber gerade diesen Gefallen nicht thun. Nur zufällig traf es sich, daß, als Nina eines Tages am Boulevard Malesherbes diniert hatte, er spät am Abend kam, um sie abzuholen, und sogleich von Varinka mit Beschlag belegt wurde, die ihm sagte: »Wenn du heute nicht gekommen wärest, so hätte ich es dir nie verzeihen können. Ich habe heute abend jemanden hier, den du absolut kennen lernen mußt. Siehst du den Herrn dort bei der Dame in schwarzem Sammet? Es ist Poinsot – der große Eugène Poinsot! Komm, ich will dich ihm sogleich vorstellen.«

So machte Claud die persönliche Bekanntschaft des berühmten Kritikers und dramatischen Schriftstellers, der ihm freundschaftlich die Hand entgegenstreckte und sich glücklich pries, die Bekanntschaft des Verfassers von »Hier und dort« zu machen.

Von dieser Stunde an nahm Poinsot den jungen Schriftsteller unter seine Flügel, führte ihn in einen fashionablen Klub ein und machte ihn mit einem größeren Kreise litterarischer Männer bekannt, als die Prinzessin sie zusammenrufen konnte, zuletzt stellte er ihn Herrn Leroux, dem Direktor des Théâtre du Colisée, vor, indem er diesem ankündigte, daß sein Freund ein Dichter sei und binnen kurzem mit einem neuen Stück vor das Publikum treten wolle.

»Hoffentlich kein Stück in Versen?« bemerkte Leroux.

Claud beeilte sich, ihn über diesen Punkt zu beruhigen; sein Stück sei ein Stück aus dem alltäglichen Leben und werde in einfacher, guter Prosa geschrieben.

»Gut. Recht aus dem Leben, und vor allen Dingen keine schönen Phrasen!«

Wenn einem Werk dadurch der Erfolg gesichert würde, daß dessen Verfasser sich unendlich Mühe gibt, so hatte Clauds Stück die glänzendsten Aussichten. Um Leroux' Rat befolgen und recht aus dem Leben schreiben zu können, besuchte Claud viele französische Gesellschaften und machte sich durch aufmerksames Beobachten mit Denk- und Redeweise der Menschen bekannt, die er zu schildern gedachte. Er strich mit großer Entschlossenheit alles, was extravagant aussehen konnte; er brütete über jedem Satz; er opferte die Arbeit vieler Tage, wenn sie ihn beim Durchlesen nicht befriedigte. Es war eine schwierige Aufgabe; aber seine ganze Zukunft beruhte darauf.

Alle diese Beschäftigungen brachten nun allerdings dem idyllischen Leben in der Rue d'Amsterdam nach und nach den Todesstoß bei. Führte das thätige Leben den jungen Gatten hinaus in die Welt, so mußte doch die Gattin zu Hause sitzen und den bevorstehenden Erfolg abwarten. Gab es aber irgend eine Aufgabe, für die Nina von Natur nicht befähigt war, so war es gerade die, zu Hause zu sitzen und abzuwarten. Als sie inne wurde, daß die Zeit der Flitterwochen vorüber war, daß sie mit ihrem Claud nicht mehr ganze Tage unter den Bäumen von St. Germain oder Versailles verleben sollte, daß es keine reizenden kleinen Diners außer dem Hause mehr gab – denn das alles ließ sich mit einer strengen geistigen Arbeit nicht vereinigen, und unser junges Pärchen hatte schließlich doch eine Köchin engagiert –, als sie mit einem Wort fand, daß ihr Traum zerronnen war, da entschloß sie sich ohne großes Seufzen, durch so viel Vergnügen, als sie nur erreichen konnte, sich für das verlorene Liebesglück zu entschädigen. Sie war nicht so thöricht, ihren Gatten an die Prophezeiung zu erinnern, die sie vor so langer Zeit in dem herbstlichen Wäldchen ausgesprochen. Zuweilen sah Claud von seiner Schreiberei auf, um ihr auszumalen, wie angenehm sie es sich machen wollten, wenn der Frühling käme und er seine Arbeit vollendet habe. Wenn er bei seinem Werk Erfolg habe, so wolle er sich eine sechswöchentliche Erholung gönnen und diese in dem Wäldchen von Fontainebleau verleben. Sie lächelte, widersprach ihm aber nicht. Sie wußte sehr wohl, daß kein Wäldchen sie mit ihrem Gatten mehr allein sehen werde. War es denn nicht bezeichnend genug, daß er sie ohne Widerrede mit der Prinzessin Abend für Abend in Konzerte, Bälle, Gesellschaften aller Art gehen ließ, von wo sie erst mit dem dämmernden Morgen zurückkehrte? Er schien ganz zufrieden, wenn er am anderen Tage ihre Beschreibung von all den Herrlichkeiten hörte, und kein Bedauern darüber zu fühlen, daß er nicht dabei sein konnte.

So führte Nina ein sehr lustiges Leben während dieser Wintermonate. Bei den Gesellschaften, die sie mit der Prinzessin besuchte, war sie von noch mehr Bewunderern umringt, als Varinka selbst. Ihre Toilette, ihre Manieren, alles an ihr, sogar ihr englischer Accent wurde reizend gefunden. Ihr einziger Fehler war, daß sie schon verheiratet war.

Es herrschte zwischen beiden Damen keine Eifersucht. Eine diente der anderen zur Folie. Selbst im Punkt der Jugendlichkeit brauchte Varinka mit ihrem zarten Teint und ihrem niedlichen Gesicht nicht auf Nina eifersüchtig zu sein. Genoveva wurde von den beiden Damen vollständig in den Hintergrund gedrängt – und dieser Umstand war dem jungen Mädchen nur angenehm. Die Gesellschaft, welche Nina so anziehend fand, ließ Genoveva kalt, wenn sie diese geschniegelten und gebügelten jungen Herren mit einem gewissen jungen Baron jenseits des Kanals verglich. Ihre liebsten Abende waren die, die sie zu Hause bei Fräulein Potts verleben durfte. Dann holte sie auch wieder ihre Violine hervor und spielte solch wunderbare Phantasieen, wie sie ihre musikalischen Freunde nie zu hören bekamen.

Eines Nachmittags saßen die vier Damen um ein lustiges Feuer, Nina und die Prinzessin noch mit Hüten und Handschuhen. Sie hatten verschiedene ceremoniöse Besuche gemacht und bekrittelten nun die Damen, die sie zu Hause getroffen hatten. Genoveva starrte träumerisch in die glühenden Kohlen und beteiligte sich nicht an der Unterhaltung. Auch Miß Potts saß schweigend und steif auf ihrem Stuhl. Die würdige Dame öffnete in Gegenwart Ninas nur selten den Mund, denn sie trug Clauds Frau nicht nur die »skandalöse Flucht aus ihres Vaters Hause«, sondern auch ihre jetzige »Vernachlässigung aller häuslichen Pflichten« bitter nach. In diesem Augenblick wurde am entgegengesetzten Ende des Zimmers eine Thür geöffnet, und über den dicken Teppich näherte sich mit dem Hut in der Hand eine männliche Gestalt.

Die Prinzessin erhob sich, und als der Ankömmling nahe genug war, um im Zwielicht erkannt zu werden, kreischte sie laut auf und rief erschreckt: »Sie!?«

»Ich, Madame. Der Marseiller Expreßzug brachte mich heute morgen hierher, und wie Sie sehen, habe ich keine Zeit verloren, mich bei Ihnen vorzustellen.«

Genoveva glaubte, diese Stimme schon einmal gehört zu haben; doch fiel der Lichtschein nicht auf das Gesicht des Sprechers.

»Ich verließ,« hub er an, doch ein lang anhaltender Husten zwang ihn, aufzuhören und sich in den ihm zunächst stehenden Stuhl fallen zu lassen. Nun wurden die Züge Glymnos erkennbar.

»Bitte unterthänigst um Entschuldigung, daß ich solchen entsetzlichen Lärm mache,« sagte Glymno schwach, sobald er wieder sprechen konnte. »Ich kann Sie nur bitten, zu glauben, daß ich es nicht zum Vergnügen thue. Die ganze letzte Woche meines Lebens war eine fortwährende Bitte um Entschuldigung; denn ich habe vom Morgen bis zum Abend kaum mit Husten aufgehört.«

»Und in diesem Zustand haben Sie den Süden verlassen! Welche Unvorsichtigkeit!« rief die Prinzessin.

»Teuerste Frau, Sie wissen, daß die Vorsicht nie eine von meinen zahlreichen Tugenden gewesen ist. Aber sehe ich nicht da Fräulein Gervis?«

Genoveva stand auf und gab dem Mann die Hand, den sie zuletzt in so üblem Zustand gesehen hatte. Dem Anschein nach hatte seitdem Fortuna dem armen Glymno gelächelt, denn er trug eine ebenso elegante als modische Toilette, ein Ring mit einem prachtvollen Türkis schmückte seinen kleinen Finger, und der Stock, auf den er sich lehnte, zeigte einen schweren goldenen Knopf.

»Wie? Sie sind schon bekannt?« rief Varinka. »Ach ja, freilich,« fügte sie hinzu, »das hatte ich vergessen.«

Eine kurze Pause trat ein.

»Das gnädige Fräulein war sehr gütig gegen mich, als ich in England war. Ich habe Ihre Güte nicht vergessen,« sagte Glymno mit warmer Herzlichkeit, die gegen seine sonstige ironische Sprechweise grell abstach.

Eine abermalige Pause trat ein. Weil sie nichts Besseres zu sagen wußte, fragte Genoveva endlich: »Sie kommen also aus dem Süden?«

»Aus Nizza, meine Gnädige.«

»Von wo Sie durchaus nicht hätten fortgehen sollen,« wandte die Prinzessin vorwurfsvoll ein.

»Von wo die Verhältnisse mich fortgetrieben haben. Nizza ist ein entzückender Ort. Man atmet dort eine balsamische Luft, man hat vor sich ein immer blaues Meer, über sich eine immer warme Sonne, um sich eine kosmopolitische Gesellschaft, alles, was das Menschenherz nur begehren kann. Unglücklicherweise liegt der herrliche Ort nur eine bequeme Spazierfahrt von Monaco entfernt. Monaco aber ist mir verhängnisvoll geworden,« setzte Glymno mit eigentümlichem Grinsen seufzend hinzu, »und deshalb sehen Sie mich wieder hier.«

»Ach!«

Diese vielsagende Silbe entschlüpfte Varinkas Lippen.

»Leider Prinzessin! Es ist die alte Geschichte. Ich habe nie in meinem Leben Glück gehabt!«

»Sie haben also die Bank nicht gesprengt?«

Varinka fragte es gleichgültig, doch fiel es Genoveva auf, daß ihre Stimme ein wenig zitterte.

»Im Gegenteil, die Bank hat mich gesprengt. Rein ausgebeutelt, teure Lady, – rein ausgebeutelt!« Er machte eine Bewegung, als wolle er seine Taschen umkehren, allein ein abermaliger, furchtbarer Hustenanfall hinderte ihn daran. Sobald dieser überstanden war, fuhr er fort: »Da ich nun dort nicht leben kann, ohne zu spielen, und da ich nicht spielen kann, ohne Geld zu besitzen, so bin ich nach Paris zurückgekehrt, was zum Sterben ein ebenso guter Ort ist, wie jeder andere. Ich will zu Ihren Füßen sterben, meine Fürstin!« Dabei wandte er sich Varinka zu mit einer Verbeugung und einem Grinsen. Dieser schauerliche Scherz erhielt durch Glymnos eingesunkene Wangen und zerfallene Gestalt so viel Nachdruck, daß Nina die Situation unerträglich fand. Es schien ihr nicht unmöglich, daß er seine Drohung ausführen und gleich auf der Stelle sterben dürfte. Sie sprang auf und zog sich nach einem hastigen »Guten Abend« zurück. Aber nicht, bevor Glymno den höflichen Wunsch ausgedrückt hatte, seine Bekanntschaft mit ihrem Gatten zu erneuern.

»Ich habe,« sagte er, »von seiner wachsenden Berühmtheit als Schriftsteller viel gehört und es soll mir eine große Freude sein, der Vorstellung seines ersten Schauspiels beizuwohnen und dem allgemeinen Applaus meinen schwachen Tribut beizufügen.«

Nach Glymnos Erscheinung zu urteilen, war es nicht zu erwarten, daß er in drei Monaten noch einem irdischen Schauspiel beiwohnen sollte, und vor dieser Frist konnte Clauds Stück unmöglich auf der Bühne erscheinen. Nina kehrte nach Hause zurück und berichtete ihrem Gatten, der zerlumpte Mann, den sie im vorigen Sommer in Southlands gesehen hätten, sei plötzlich wieder aufgetaucht, aber ohne einen Heller Geld und im letzten Stadium der Schwindsucht. Sie sei überzeugt, daß er nur nach Paris gekommen sei, um ein anständiges Begräbnis von der Prinzessin zu erbetteln.

Nun aber zeigte es sich bald, daß Glymno weder so krank noch so mittellos sein konnte, als er sich dargestellt hatte. Er fuhr fort, aufs schrecklichste zu husten, schien aber dem Tode nicht näher zu kommen. Dabei mußte er doch noch ausreichende Mittel haben, denn er mietete Zimmer in einem kostspieligen Hotel und hielt sich einen bequemen Wagen, in dem er sich regelmäßig jeden Tag ein- bis zweimal nach dem Boulevard Malesherbes fahren ließ. Ehe er zehn Tage in Paris war, erkannte man ihn schon als zugehörig zum Haushalt der Prinzessin an, und niemand behandelte ihn als bloßen Besucher oder hielt es für nötig, ihn zu unterhalten. Er hatte am Kamin seinen eigenen Stuhl, und da saß er oft einsam und unbeschäftigt einen ganzen Nachmittag lang, die abgemagerten Hände lose auf den Knieen, die kleinen farblosen Augen nach den Flammen gerichtet. Er hatte dann einen Ausdruck von Geduld und Unterwerfung, der seinem Gesicht einen pathetischen Hauch verlieh. Wenn Genoveva ihn in einem solchen Zustande überraschte, so schlug ihr Herz in tiefem Mitleiden, und sie richtete ein paar freundliche Worte an ihn, für die er fast lächerlich dankbar war. Varinka, so unverkennbar sie ihn auch als einen alten Freund behandelte, fühlte sich offenbar in seiner Gegenwart nicht wohl und benutzte jede Gelegenheit, ihn zu drängen, er solle nach einem für seine Gesundheit geeigneteren Klima zurückkehren.

Für alle neugierigen Frager hatte die Prinzessin sich eine mysteriöse Geschichte über Glymno zurechtgelegt. Sie kannte ihn von Kindheit an. Er gehörte einer vornehmen russischen Familie an, hatte aber viel Unglück gehabt. Uebrigens war er ein würdiger, vorzüglicher Mann, nur etwas unberechenbar, wenn es sich um politische Fragen handelte. »Wenn bei uns jemand demokratischen Grundsätzen anhängt, so werden Sie ja wissen … Sie würden sich wundern, wenn ich Ihnen sagte, wie viele Glieder unserer vornehmsten Familien unter angenommenen Namen in der Welt umherirren. Aber es ist nicht gut, über solche Dinge viel zu sprechen. Ich für meine Person liebe meine Landsleute, wo ich sie finde, ob ihre Meinungen nun die meinen sind oder nicht. Ich würde mich schämen, wenn ich einen alten Jugendfreund von meiner Schwelle weisen wollte, weil er das nicht mehr ist, was er früher war.«

Diese Sprache rechneten viele der Prinzessin zur hohen Ehre an, und sie hatte sich wirklich stets ihrer unterdrückten Landsleute bereitwilligst angenommen. So wurde denn Glymno von allen, wenn auch nicht gern gesehen, so doch als ein notwendiger Zuwachs mit in den Kauf genommen.

Die Tage und Wochen gingen dahin; der Winter wich den Regenschauern und Sonnenblicken des Frühlings. Endlich eines schönen Morgens, als Nina in ihrem Wohnzimmer mit dem Ordnen soeben gekaufter Pflanzen beschäftigt war, trat mit triumphierender Miene Claud herein, warf ein umfangreiches Manuskript auf den Tisch und rief: »Es ist vollendet!«

Es war vollendet. Das Stück Arbeit, das so viele Stunden gekostet hatte, das so viel verändert, korrigiert und revidiert worden war, lag nun endlich vollendet und zierlich kopiert da vor ihnen. Nina fühlte ihr Herz stärker pochen, als sie dieses Paket eng geschriebener Blätter ansah, an deren Geschick das Geschick dieser beiden Menschen hängen sollte.

»Bist du zufrieden damit?« fragte sie eifrig. »Hältst du es für gut?«

Claud schüttelte den Kopf.

»Ich habe nicht die entfernteste Idee. Ich habe mir mit dem schrecklichen Dinge so viel zu schaffen gemacht, daß ich jedes Wort auswendig weiß, und nun kann ich absolut kein Urteil darüber abgeben. Manchmal denke ich, es könnte wohl Erfolg haben, manchmal bin ich überzeugt, daß noch nie etwas Dümmeres geschrieben ist. Nun, wir werden noch heute aus unserer Ungewißheit gerissen werden. Varinka hat mir für heute abend die Benutzung ihres Salons versprochen, um es einer Anzahl Leuten vorzulesen. Wenn die ein günstiges Urteil darüber haben, so ist schon viel gewonnen.«

Es war Herr Poinsot, der einflußreiche Kritiker, der auf dieser ersten Feuerprobe bestanden hatte, welcher Claud sich von Herzen gern entzogen hätte. »Es wird Ihnen Mut machen,« hatte der ältere Mann gesagt. »Später werden Sie Ihr Werk einem weniger freundschaftlichen Auditorium vorlesen müssen, und da werden Sie es bedeutend leichter haben, wenn Sie die Nervosität schon überwunden und die Erinnerung an ein paar ›Bravo‹ im Herzen haben.«

Ein paar Stunden später saß Claud an einem kleinen Tischchen im Salon der Prinzessin. Auf dem Tischchen befanden sich ein paar Leuchter, ein Glas Wasser und das bewußte Schauspiel. Clauds Nervosität wuchs von Minute zu Minute. Und doch war die Versammlung keine sehr einschüchternde. In der vordersten Reihe saß Poinsot neben der Prinzessin und nickte ihm ermutigend zu. Außer Genoveva und Nina waren nur noch wenige Damen da. Dann hatten sich einige berühmte Schriftsteller und eine Anzahl Sterne vierter und fünfter Größe eingefunden, und hier und dort verstreut sah man die gewöhnlichen Freunde der Prinzessin. Alle waren dem Anfänger freundlich gesinnt und gern bereit, ihrer freundlichen Gesinnung auch Ausdruck zu geben. Claud fürchtete sich auch nicht sowohl vor ihnen als vor dem Klange seiner eigenen Stimme. Jetzt indessen, wo die Sache soweit gediehen, war kein Zurücktreten mehr möglich. So stürzte er sein Glas Wasser hinunter und fing an zu lesen: »Liebe und Freundschaft, Drama von Claud Gervis.«

Das Auditorium im Salon der Prinzessin war gemischt genug, um einen Einblick in die endliche Entscheidung des großen Publikums zu gewähren. Die Aufnahme, die das neue Stück hier fand, konnte daher nur zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Der Applaus kam freilich nicht immer genau bei den Stellen, wo Claud ihn erwartet hatte, aber er kam doch und war offenbar echt. Als der Leser mit seiner Aufgabe zu Ende war, wurde er mit einem solchen Schauer von Komplimenten überschüttet, daß er ganz betäubt davon wurde und kaum wußte, ob er auf den Füßen oder auf dem Kopfe stände.

»Herrlich!« »Wundervoll!« »Prächtig gezeichnet!« »Lebenswahr!« »Ein neuer Alexander Dumas!« so tönte es durcheinander, und des jungen Schriftstellers Glück erreichte seinen Gipfelpunkt, als auch Poinsot – der gefürchtete Kritiker – sich ihm näherte und mit warmem Händedruck sagte: »Mein Freund, Sie sind ein wahrer Dichter! Sie brauchen keine Furcht mehr zu haben vor den Brettern, die die Welt bedeuten!«



 << zurück weiter >>