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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Die Rue d'Amsterdam und der Boulevard Malesherbes

»Ob wohl schon jemals zwei Menschen so glücklich gewesen sind, wie wir?«

Der Fragesteller war einer aus dem langsam dahinziehenden Strom der Müßiggänger auf dem Boulevard des Italiens. In dem brillanten Licht der Straßenlaternen und der Schaufenster konnte er jede kleine Einzelheit an der liebreizenden Gestalt neben sich unterscheiden. Vielleicht las er in dem glücklichen Lächeln des ihm zugekehrten Gesichtchens die Antwort auf seine Frage, denn er wartete keine Antwort ab, sondern fuhr fort: »Es ist ein verwirklichtes Ideal – oder vielmehr etwas noch Schöneres, als ich es jemals erträumt habe. Wir brauchen nun keine Luftschlösser mehr zu bauen. Wenn jetzt noch Feen existierten, so wüßte ich nicht, was ich von ihnen erbitten sollte.«

»Etwas mehr Geld vielleicht?«

»Ei nun, ja, ein wenig Geld möchte nicht zu verachten sein. Dennoch wäre ich ihnen nicht dankbar, wenn sie mich des Vergnügens beraubten, es selbst zu verdienen, und noch viel weniger, wenn sie an unserer Lebensweise etwas änderten. Ich bin absolut zufrieden. Und wenn ich mir nun vorstelle, daß es Narren in der Welt gibt, die unserem Leben alles echte Glück absprechen!«

»O, die Leute, die solche thörichten Dinge sagen, können ganz sicher nichts gewußt haben von dem freien Leben, welches man in einem vierten Stockwerk zu Paris führen kann. O, was für eine köstliche Zeit haben wir gehabt! Was für Spaß haben wir durchgemacht!«

Noch war der »Spaß« an der Sache für Frau Claud Gervis, wie unsere Nina Flemyng sich jetzt mit stolzer Betonung nannte, nicht abgeschwächt worden. Nach drei Monaten ehelichen Glückes hatte sie noch dasselbe kindische Entzücken an der Neuheit ihres Loses, wie am Tage ihrer Ankunft in Paris. Sie durfte gehen, wann und wohin sie wollte. Die Theater konnten von Unbemittelten sehr wohl zu Fuße und in gewöhnlicher Straßentoilette besucht werden. Ihre kleinen Diners nahmen sie in einem Restaurant ein und entgingen dadurch den »vulgären« Haushaltungssorgen. Ob sie ganz so weit ging, wie ihr Gatte, und jede Veränderung ablehnte, das muß bezweifelt werden; aber gewiß war zu dieser Zeit ihr Glück ebenso vollkommen wie das seine.

Und wie ehrgeizig sie geworden war, daß er sich einen Namen als Schriftsteller machen sollte. Wie bewundernd sah sie ihm zu, wenn er an seinem Schreibtische saß und arbeitete. Und wenn dann eine hervorragende Zeitschrift einen Artikel aus seiner Feder annahm, so war sie so befriedigt durch diese Ehre, daß der vorläufige Mangel an jeglichem Honorar gar nicht beachtet wurde. Zuweilen dachte sie, dieses abgeschlossene, unabhängige Leben sei doch eigentlich das Allerwünschenswerteste, sie thäte am besten, gar keine Aufmerksamkeit und Bewunderung mehr zu suchen, sondern sich nur in Clauds Lichte zu sonnen.

Indessen war dies kaum mehr als eine müßige Phantasie. Nina wußte sehr wohl, daß sie seiner Zeit ihren Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen, eine Versöhnung mit ihren beiderseitigen Vätern anbahnen und in den Genuß des ihnen dann ohne Zweifel angebotenen Vermögens treten müßten. Mit ihrem eigenen Vater war die Versöhnung schon zustande gekommen. Flemyng war ein zu gründlicher Philosoph, um Unabänderliches lange zu beklagen. Er hatte einen sehr ausführlichen Brief geschrieben, in dem er dem jungen Paare ankündigte, daß er zwar unfähig sei, ihm pekuniäre Unterstützung zukommen zu lassen, daß er namentlich ausstehende Rechnungen nicht bezahlen könne (stark unterstrichen!), daß er aber gern bereit sei, ihnen den Trost seines väterlichen Segens zu gewähren. Gervis hatte sich nicht so willfährig gezeigt – mehrere an ihn abgeschickte Briefe hatten noch nicht eine Zeile der Erwiderung aus ihm herausgepreßt; allein Claud erklärte, daraus könne man noch nichts schließen, da sein Vater niemals Briefe beantwortete, und Nina zweifelte nicht daran, daß sie zu seiner Zeit schon sein Herz überwinden werde. Im Grunde ihres Herzens hielt sie sich für unwiderstehlich, und Claud war ganz derselben Ansicht.

Man muß auch zugeben, daß sie Grund hatte, den Zauber ihres Wesens hoch anzuschlagen. Seit ihrem Hochzeitstage hatte sie unaufhörliche Triumphe gefeiert. Alle, mit denen sie in Berührung kam, hatte sie im Fluge erobert, vom Konsul l'Hérisson an bis zu dem Portier des Hauses in der Rue d'Amsterdam, wo sie ihr Quartier aufgeschlagen hatten.

Zu den leichtesten Eroberungen, die sie gemacht hatte, gehörte die Prinzessin Uranow. Diese, in ihrer beweglichen Natur, fühlte sich stets von neuen Gesichtern angezogen, ganz besonders wenn sie hübsch waren, und hatte sich also mit förmlicher Leidenschaft an Nina angeschlossen. Wahrscheinlich trug das Entzücken über den Streich, der ihrem Manne von dem jungen Paar gespielt worden war, nicht wenig zu dieser Leidenschaft bei. Die angenehmen Manieren und die tadellose Toilette ihrer neuen Stieftochter vollendeten den Sieg. In Varinkas Gesellschaft lernte Nina Paris und seine Läden kennen. Varinka war es, die den jungen Eheleuten vorrechnete, daß sie weit wohlfeiler leben könnten, wenn sie außer dem Hause speisten, als wenn sie außer dem Hausmädchen auch noch eine diebische Köchin halten, und zu Hause kochen lassen würden, wo das ganze Logis den Qualm der zu bereitenden Speisen mit abbekomme. Varinkas lebhaftem Zureden entgegen hatte Claud es durchgesetzt, daß sie ihre jetzige sonnige Wohnung im vierten Stock der Rue d'Amsterdam gemietet hatten; denn die Prinzessin erklärte es für unumgänglich notwendig, daß man gerade in betreff der Wohnung nur »höchst fashionabel« wählen dürfe.

Die Prinzessin besuchte ihre Schützlinge in ihrer bescheidenen Häuslichkeit, sobald sie nur eingezogen waren. Die Räumlichkeiten gefielen ihr auch ganz gut; die Möbel waren zwar alt, aber nicht ohne Geschmack. Wenn man noch einige Kleinigkeiten dazu kaufte, meinte sie, so könnte der Platz ganz wohnlich werden.

Die fraglichen »Kleinigkeiten« erwiesen sich als etwas ziemlich Großes, denn sie schlossen Sofas, Lehnstühle, Teppiche, Gardinen, Nippsachen, Bilder, Bücher und ähnliche Dinge ein. Als Claud eines Abends nach einer längeren Verhandlung mit dem Herausgeber der schon erwähnten Zeitschrift nach Hause zurückkehrte, fand er alles fertig aufgestellt. Nina und die Prinzessin saßen sehr behaglich auf den neuen Möbeln und schlürften ihren strohgelben russischen Thee. Sie schienen über seine befremdete Miene sehr ergötzt, noch mehr über die mit trübseliger Stimme an sie gerichtete Frage, wie und wann denn das bezahlt werden sollte.

»Du thörichter Junge!« lachte die Prinzessin. »Wer denkt denn ans Bezahlen? Wir haben diese unentbehrlichen Kleinigkeiten bei meinem eigenen Möbelhändler bestellt. Das ist ein wohlerzogener Mann, der es als eine Beleidigung auffaßt, wenn du in den nächsten zwei, drei Jahren von Bezahlung redest!«

Claud drückte seine Zweifel aus. »Ich wünsche keine Schulden zu machen,« sagte er. »Mein Grundsatz ist, alles bar zu bezahlen.«

Ueber dieses harmlose Geständnis lachten beide Damen mit bezaubernder Herzlichkeit. Bar bezahlen! Das war nicht bloß lächerlich, das war buchstäblich unausführbar. Was sollte denn aus der Welt werden, wenn jeder nicht eher etwas kaufte, als bis er das Geld dazu hätte?

»Jeder Mensch hat Schulden,« sagte die Prinzessin heiter. »Sieh mich an. Ich bin alles schuldig, was ich besitze: Pferde und Wagen, Hüte und Handschuhe – mit einem Worte: Alles! Und ich versichere dir, daß ich mich ganz wohl dabei befinde.«

Claud glaubte ihr nicht. Varinka erging es wie Metternich: sie log immer und betrog doch niemanden. Diesmal aber sagte sie zufällig die schlichte Wahrheit. Die Silberbergwerke in Sibirien, die das Gerücht der Prinzessin beilegte, erschlossen ihr unbegrenzten Kredit. Wenn auch Gervis regelmäßig eine stattliche Summe bei ihrem Banquier einzahlte, so mußte er doch oftmals Extraforderungen bewilligen, und da auch diese Summen nicht ausreichten, so hatte sich die Prinzessin mit Leidenschaft dem Spiel ergeben. In ihrer Wohnung im Boulevard Malesherbes hatte sie ein reizendes Spielzimmerchen eingerichtet, in dem sie mit mehreren vertrauten Freunden sich fast jeden Abend nach der Oper oder einem Ball versammelte, und in dem oft bis nach Sonnenaufgang die Lichter nicht verlöschten.

Mit unverstellter Freude bewillkommte die Prinzessin ihre Genoveva in Paris. Mit noch größerer Freude nahm sie die Ueberzeugung auf, daß ihre Pflegebefohlene mit freiem Herzen zu ihr zurückkehre. Denn Genoveva hielt es in ihrer gewohnten Zurückhaltung nicht für nötig, ihrer Stiefmutter die Geheimnisse ihres Herzens anzuvertrauen. Sie gab ihr nur die Versicherung, daß sie nicht mit dem jungen Baron verlobt sei, über den sie so viel ausgefragt wurde. Nachdem die Prinzessin so beruhigt worden, reichte sie Fräulein Potts die Hand zur Versöhnung, die von dieser eifrig ergriffen wurde. Fräulein Potts wurde zu Gnaden wieder angenommen, umarmt und – ausgefragt. Dabei kam denn der wahre Stand der Dinge zu Tage und eine stürmische Scene folgte, die erst wieder mit einer Versöhnung endigte, als Fräulein Potts so gut wie beweisen konnte, daß kein ernstes Unheil angerichtet worden war.

»Zwei Jahre sind eine lange Zeit!« überlegte die Prinzessin. »Sie müssen nur daran gehindert werden, irgend eine Verbindung zu unterhalten, und das werde ich schon übernehmen. Uebrigens ist dieser Engländer der erste, der ihr bis jetzt seine Liebe erklärt hat. Da ist es natürlich, daß ihre Phantasie lebhaft angeregt wurde. Nach allem, was Sie mir sagen, liebe Potts, ist an dem jungen Mann nichts, was einen dauernden Eindruck auf Genoveva machen kann. Worauf es jetzt ankommt, ist, daß wir einen Mann für sie finden, dessen Disposition mit ihrer eigenen in etwas übereinstimmt. Wir müssen entschieden die Liste unserer vornehmen Musikliebhaber gründlich studieren.«

»Denken Sie nicht,« warf die alte Erzieherin bescheiden ein, »daß das Glück unseres geliebten Kindes unser Hauptaugenmerk sein sollte?«

Die Prinzessin stampfte ungeduldig mit ihren kleinen Füßen. »Potts, Sie sind von einer Stupidität, die unerträglich ist! Was denken Sie denn, was ich sonst im Auge hätte? Habe ich etwas dabei zu gewinnen, wenn ich Genoveva verheirate und von mir schicke? Ehe ich sie unglücklich sähe, wollte ich sie lieber morgen schon diesem Engländer übergeben. Wenn ich aber einen guten Mann und ein glückliches Daheim hier in Paris für sie entdecken könnte, wo ich sie sehen und bei mir haben kann, so werde ich thun, was sich thun läßt. Das würde jede andere Mutter ebenso machen.«

Wir sind nicht berechtigt, die Aufrichtigkeit der Sprecherin in diesem Punkt in Zweifel zu ziehen. Sie liebte wirklich Genoveva so warm, als es ihr möglich war zu lieben, und sie wußte sehr wohl, daß unter allen ihren »guten Freunden« auch nicht einer war, auf den sie sich in Widerwärtigkeiten verlassen konnte.

»Nimm einmal an,« sagte sie zu Genoveva in diesen Tagen, »es geschähe mir ein großes Unglück, ich fände mich plötzlich von allen verlassen – du würdest mir doch dein Haus nicht verschließen, nicht wahr?«

»Du weißt, Varinka, daß ich das nicht thun würde. Wie kommst du nur auf so etwas? Wenn ich je mein eigenes Haus habe, so soll es dein Heim sein, so oft und so lange du es dazu machen willst.«

»Ah bah!« lachte die Prinzessin, »wenn du ein Haus hast, wirst du auch einen Gatten haben, und Gatten versorgen nicht gern die Verwandten ihrer Frau mit einem Heim. Was ich von dir begehre, ist nur, daß du mir erlaubst, dich von Zeit zu Zeit zu besuchen. Versprich mir, daß du mich niemals, was auch geschehen möge, ganz aus deinem Leben verbannen willst.«

Das Mädchen gab das Versprechen, aber mit Verwunderung. Sie konnte keinen Grund sehen zu einer so eigentümlichen Bitte. Gern hätte sie freilich hinzugefügt, daß, wenn sie je in einem Hause als Gattin gebieten solle, es nur Croft Manor sein könne, daß für sie die Zukunft nur zwei denkbare Fälle stelle: entweder die Heirat mit dem Manne ihrer Liebe oder Ehelosigkeit, und daß es daher absolut nutzlos sei, aus allen Vierteln von Paris junge Männer mit langem Haar und Violinen unter dem Arm zusammenzuladen. Allein Varinka war so ungehalten, wenn man ihr widersprach, und erregte so langweilige Scenen, wenn man ihr nicht ihren Willen that, daß es noch das Weiseste war, sich schweigend zu unterwerfen.

Um ihr Vorhaben auszuführen, arrangierte die Prinzessin für die Wintermonate eine Reihe kleiner musikalischer Gesellschaftsabende, bei denen sowohl ihre alten Freunde als auch neu einzuführende Dilettanten willkommen waren. Genoveva fand diese Gesellschaften nicht wenig langweilig. Gegen Freddy Croft mit seinem vollkommen natürlichen, anspruchslosen Wesen schienen ihr diese »Künstler« mit den gewichsten Schnurrbärten, den langen, weißen Fingern und der affektierten Grazie unausstehlich. Die Komplimente, die man auf sie regnen ließ, sobald sie nur ihre Geige berührte, mißfielen ihr, und wenn die Herren selber spielten, hätte sie sich am liebsten die Ohren zugehalten. Sie sehnte sich nur danach, allein zu sein, um an den Abwesenden zu denken und zu fragen, ob er jetzt wohl auch an sie denke. Die Prüfung war härter, als sie es erwartet hatte. Mit niemandem konnte sie über ihre Liebe sprechen, Nina gegenüber hatte sie bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, und Fräulein Potts hielt es für ihre Pflicht, weder durch ein Wort noch durch ein Zeichen die Wahl ihres Exzöglings zu beeinflussen.

Nur Claud war von Herzen auf ihrer Seite, und hatte ihr wohl schon ein paar ermutigende Worte gesagt. Er aber widmete natürlich seiner Frau jede Minute, die er von seinen litterarischen Arbeiten erübrigen konnte, und diese nahmen ihn jetzt fast Tag und Nacht in Anspruch. Denn es war nunmehr eine bekannte Thatsache, daß Claud eifrigst an einem Schauspiele arbeitete, mit dem er das Publikum entzücken, die Kritik zur Bewunderung hinreißen und sich selbst auf den Pfad zu Ruhm und Vermögen heben sollte. Von einem Manne, der so dem Tempel des Ruhmes zusteuerte, konnte man doch nicht wohl verlangen, daß er mit den Gefühlen einer jungen Schwester Mitleiden haben sollte.



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