Johannes Richard zur Megede
Trianon
Johannes Richard zur Megede

 << zurück weiter >> 

Zehntes Kapitel

Mich hat vor vielen Jahren einmal ein junges Ding sehr leidenschaftlich geliebt. Ich erinnere mich kaum noch des Gesichts. Sie war mir eigentlich lästig, weil ich absolut nichts für sie empfand. Aber Leutnant und zwanzig Jahre! Da schlägt man so leicht keinem hübschen Mädchen einen frommen Wunsch ab. Man führt vielleicht Buch über die Zahl seiner Flammen, jedenfalls nie über die Qualität, die Masse muß es bringen – und man besitzt ja auch selbst noch so 162 unvernünftig viel. Später sagt man: »Alter Verschwender!« Geiz in der Zeit würde man genau ebenso bereuen.

Also diese Numero 92 oder 192 – ich weiß nicht mehr, ich weiß nur, daß die Zahl meiner Beziehungen und meiner Pferde übereinstimmte damals. Vier Gäule im Stall, das Chargenpferd natürlich ausgenommen, und vier Geliebte im Herzen, die kleine Comtesse natürlich ausgenommen. Im Kasino wurde diese Thatsache viel belacht. Also 192 glaubte, mich einmal ganz besessen zu haben und sagte in dem Augenblick: »So möchte ich sterben!« Ich lachte. Entweder las das Mädchen überspannte Romane, oder sie war verrückt. Jetzt weiß ich, daß das arme Ding stark und echt fühlte. Hinter jedem großen Glück sollte ungesehen der Scharfrichter stehen – Kopf ab! Dann wär's ein Glück . . . Die Franzosen haben nicht umsonst die Todesangst vor dem lendemain. Und wenn's einen Himmel giebt, so ist er nur darum ein Himmel, weil er nicht Vergangenheit noch Zukunft kennt, nur Gegenwart. Trotzdem weiß ich nicht, ob der ewige Schlaf nicht doch die beste Gegenwart ist.

Mein Lieber, es war ein himmelhoher Berg, auf dem wir standen – und vor dem Abstieg schwindelte mir. Es lag alles so tief unter uns. Ich hätte heute morgen nicht aufwachen sollen! . . . Ich habe alles von der Frau, was ich wünschte. Aber warum hat nun gerade das Niebesessene den unsagbaren Reiz? – Vielleicht weil unser Geist die Ruhe nicht ertragen kann, ewig wandern muß, wie Ahasver, der das einzige Sinnbild jedes Strebens ist . . . Ich bin nicht etwa enttäuscht, ich scheue mich nur vor dem engen, tiefen Thal, das uns von dem nächsten Berg trennt . . . Es ist zu dumm! . . . Wenn ich wenigstens eifersüchtig wäre, den Argwohn der Liebe hätte. Aber nach jenem, der Isas Leben, wenn auch nur für kurze Zeit, doch 163 vergiftete, fragt mein Herz nichts. Ist das die wahre Liebe? Oder ist's vielmehr eine Art Schuldbewußtsein? – Wer von den Schatten seiner Vergangenheit so wenig loskommen kann wie ich, der hat allerdings das Recht verscherzt, nach andern Schatten zu schielen. Mein Frauenschatten, mein lächelnder Frauenschatten verläßt mich nicht. Wenn dieser Schatten wenigstens weinte oder wütete, wenn mich dies einst geliebte Gesicht traurig oder empört anstarrte! Gewissen sind dehnbar, Gewissen beruhigen sich. Und eben weil dieser Schatten lächelt, ist er kein Geschöpf meiner Phantasie, er ist die Frau mit ihrer Freundschaft, ihrem Nichtverstehen selbst.

Das wird und muß sich geben. Ich habe kein Gesetz verletzt, keine Todsünde begangen, ich kann nur sagen, was jeder zwischen den Zeilen lesen kann –, daß kein Mensch ehrlicher und verzweifelter gerungen hat, um wieder frei zu werden. Ich hab's erreicht, ich bin frei – und da steht der Schatten und hält die Fessel in der Hand.

*

Heute ist die adlige Schulvorsteherin zurückgekehrt. Und Trianon, das mit Recht erzürnt ist, daß ich diese drei Tage nicht zu einer regelrechten Verlobung benutzt habe – wenn es von der Gräfin Eycks wüßte und von unsrer Sünde, dann würde es wahrscheinlich noch mehr zürnen, obgleich dieser Zorn nicht ohne einen angenehmen Beigeschmack von Sensation wäre . . . Trianon hat Pythia reuevoll, fast zerknirscht empfangen. Es liegt in den Gläsern dieser Tugendbrille eine hypnotische Kraft, die mich immer mehr von der Wahrheit des Darwinismus überzeugt. Auch das neue Trianon stammt mit wenigen Ausnahmen vom Affen ab. Wenn der alte Gartenwärter spazieren gegangen ist, ohne den Käfig zu schließen, tanzen die 164 Freigewordenen wie besessen und klettern auf ihrem Affenhaus recht sündig vergnügt herum – aber kaum ist der Mann mit der Peitsche zurückgekehrt, so kriechen sie flugs in ihr Gefängnis, fletschen demütig, und höchstens ein ganz alter, verbissener Orang-Utan knurrt süßen Urwaldsträumen nach. Aber einmal im Leben eine eigne Meinung, ein eignes Herz unter allen Umständen zu haben, das geht über die Natur. Sie fühlen sich ja auch alle viel wohler als Affen wie als Menschen. Pythia ist wieder so frisch und thatkräftig wie je zuvor. Sie wenigstens hat ihre Zeit ausgenutzt. Sie hat halb Deutschland durcheilt, eine adlige Freundin interviewt.

»Sagen Sie, Fräulein von Isenberg, ist Ihr Herr Onkel, der Graf Eycks, eigentlich verheiratet?«

»Allerdings.«

»Glücklich?«

»Das weiß ich nicht.«

»Die Herrschaften leben aber doch getrennt . . .«

»Nach ihrer beider freiem Willen.«

Die adlige Schulvorsteherin kichert jungfräulich und macht ein spitzes Mäulchen. »Es ist ein ganz seltsames Zusammentreffen. Diese Gräfin Eycks nämlich . . .«

Isa, die das Gespräch zu enden wünscht, sagt rasch: »Es ist auch eine Isenberg, eine nahe Verwandte von mir, und ich kenne ihr Schicksal so genau wie meins.«

Pythia wackelt darauf etwas mit dem Kopf und scheint zu überlegen. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als wenn unsre Bändigerin alles wüßte. Und wie ich die unbestechliche Moral dieser Dame kenne, würde sie nie gestatten, daß eine getrennte Frau, wes Namens oder Standes sie auch sei, unter diesem heiligen Dache auch nur eine Stunde länger weilte. Vielleicht ist es nur vom Schicksal bestimmt, die hohe 165 Schule noch heut auf dem grünsten Tiger zu reiten. Das wäre doch noch eine Tragikomödie! – Glücklicherweise handelt es sich nur um einen Moment jungfräulicher Gêne. Sie fährt fort:

»Meine Freundin, die lange Zeit in einem evangelischen Vereinshaus an der Riviera weilte, erzählte mir nämlich von dieser Gräfin Eycks. Sie kennt die Frau zwar nicht persönlich, hat sie aber öfters auf Promenaden gesehen. Und denken Sie, wie Mißverständnisse entstehen können! Sie beschrieb mir die Gräfin – sehr schlank, sehr elegant, wunderschönes schwarzes Haar, auch von Juwelen war die Rede . . . kurz und gut, bis auf den kleinsten Zug waren Sie es, Fräulein von Isenberg. Selbst der Vorname Isa ist meiner Freundin bekannt . . . Es war wirklich zu komisch! – Erst war ich ganz perplex, nachher mußte ich laut auflachen: ›Aber das ist ja ein junges Mädchen, die Nichte vom Grafen Eycks, sie lebte den ganzen Sommer bei uns, und Excellenz besuchte sie auch . . .‹ Natürlich mußte mir meine Freundin zugeben, daß es eine Verwechslung sei. Aber gesetzt den Fall, daß ich Sie nun nicht so intim gekannt hätte, gnädiges Fräulein, wenn ich nicht wüßte, daß unsre Ansichten über Moral so vollständig übereinstimmen . . . Es thut mir leid, daß Sie eine solche Verwandte haben. Denn eine Frau, die ihren Mann verläßt, einen solchen Mann, ist schlecht . . . Was Gott zusammengeführt hat . . .«

»Soll der Mensch nicht trennen,« unterbricht Isa kurz. »Aber daß Sie diese Frau ohne weiteres schlecht nennen – schlecht . . .« Sie zuckt die Achseln. »Sie kennen die Frau doch nicht!« Isa lag es wohl auf der Zunge, dem Versteckenspiel ein Ende zu machen und der Gesellschaft zu sagen: ›Diese Gräfin Eycks bin ich, und ich möchte den in Trianon kennen, der über sie den Stab zu brechen wagt.‹ – Ihre 166 Lippen zuckten, aber sie schwieg. Sie saß so steif und unbeweglich da, sah so mit dem verletzenden Stolz der großen Dame auf diese kleine Tischrunde herab, daß jeder wohl sein Teil denken mußte. Vornehmheit liegt allerdings im Blute. Und Trianon, das auch jetzt noch nicht zu denken wagt, hatte wohl die ungemütliche Empfindung, daß sein kranker Schützling sich zu einer recht hochmütigen Protektorin entwickelt habe.

Und wie neben der Tragik immer die kleine Komik herläuft, so ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen, die da sagte:

»Ich finde das Urteil unsrer verehrten Präsidentin nicht zu hart, aber ich muß doch zugeben, daß Fräulein von Isenberg für eine Verwandte keinem andern Rechenschaft schuldig ist. Rechenschaft ist man nur seinem Gott und seinem König schuldig.«

Trianon atmete auf. Obgleich dieser letzte Ausruf in gar keinem Zusammenhang mit der Frage stand, so empfand doch jeder höchst angenehm, ein wie adliger Kreis hier versammelt war. Es war auch wirklich erhebend. Isa und ich mußten aber leider Gottes lächeln.

*

Solche Zwischenfälle tragen natürlich nicht dazu bei, unsre Popularität in Trianon zu erhöhen. In dem jungfräulichen Busen der adligen Schulvorsteherin mögen darum wohl manchmal bittere Gefühle wogen, der nicht unberechtigte Argwohn: ›Solltest du vielleicht wieder Schlangen an deinem treuen Herzen genährt haben?‹ – Die gute Dame hat von der großen Welt, dem wirklichen Leben nicht den blassen Schimmer, und ihre Tugendideale wohnen hoch bei den Sternen in einem fabelhaften Eden, wo die Engel über einem Zauberwald voller Stammbäume schweben – adlige Engel, die eine bibellesende, 167 ranglistenerfüllte, handarbeitsfrohe Menschheit beständig segnen. Dies Paradies hat mit den sonstigen Himmelsvorstellungen nur die geistige Armut gemein. Denn darüber war sich das verflossene Trianon ganz einig, daß Wissen Wahn und Denken eine höllische Erfindung sei. Man strickt sich in den Himmel, das ist wie alle großen Wahrheiten einfach . . . Isa wird allmählich zum gefallenen Engel. Schade, jammerschade! Was hätte aus ihr im Guten nicht alles werden können, wenn dieser Anarchist, dieser Ramingshoven, sie nicht auf seine Seite gezogen hätte.

Ueber meinen Sündenfall später. Er hat ein zum Lachen komisches und ein zum Weinen ernstes Gesicht.

Uns beiden Sündern thut diese allmähliche Isolierung nur wohl. Wir sind viel zusammen, immer. Es scheint, als wenn wir schon jetzt nicht ohne einander leben könnten. Aber – ein rätselvolles, unbekanntes Etwas zieht uns zu einander, trennt uns voneinander. Ich bin Grübler – ich grüble vergeblich . . . Wir beide verstehen uns, haben uns lieb. Und doch ist's ein Herabsteigen, soviel tröstende Hügel auch dazwischen liegen. Dies Herabsteigen kostet Kraft, beste Kraft. Mit dem Zukunftsblick, der auch Thoren zuweilen die Schleier des Kommenden lüftet, sehe ich die Hügel kleiner und kleiner werden und die Thäler sanfter, länger, bis vor dem müden Wanderer die Wüste liegt, die dürre, arme Wüste, wo die Kraft so sicher versiegt, wie der Strom im Sand. – Nimm's nicht wörtlich! Denn noch jede menschliche Prophezeiung trog . . . Aber denke dir zwei Menschen, die immer erst heiß werden müssen, um sich selbst zu finden. Natürlich meine ich damit nur mich allein. – Wir beide haben manchen Hügel erklommen, spürten manches Lächeln des Glücks, aber immer mußten wir wieder hinunter, immer ging's wieder bergab. Es ist zum Tollwerden! – Auf den 168 Höhen der Rausch, das Vergessen, Schatten und Wirklichkeit eins – und immer der rettende Gedanke, das Frohlocken: Nun ist's erreicht, die Vergangenheit tot, das Leben hat sein Recht . . . Jawohl! Da kommt schon der Abstieg, das Thal, und neben mir gleitet wieder der Schatten, der lächelnde Schatten. Warum lächelt er nur? – Will er mir sagen: ›Siehst du, wie schnell das Vergessen geht, und wie recht ich hatte, als ich dich vor einer schönen Gegenwart bewahrte, der schöneren Zukunft zulieb?‹ – Oder lächelt er nur, weil er weiß, daß es kein Lethe giebt, daß Vergessen Sterben heißt? . . . Alles, was mir diese holdlächelnde Frau war, wird mir lebendig, malt sich in Rosenrot; der Schatten erzählt mir die fast vergessene Geschichte meiner ersten Liebe noch einmal, die toten Lippen lassen nichts aus – kein liebes Lächeln, keinen verstohlenen Augengruß, keinen jener qualvoll schönen Augenblicke, wo ich alles gab für ein Nichts. Und ich komme mir jämmerlich vor, ich verstehe mich nicht: ein Mann soll doch auch aushalten auf dem verlorensten Posten! Wenn sie treulos war, warum bin ich's? . . . Wähne nicht, daß dieser freundliche Schatten nur wie ein täuschender Schleier über einer traurigen Gestalt wallt! – Im Leben giebt's Schleier, im Schattenreich nicht. Dies Lächeln ist Wahrheit, ist die Frau selbst. Es lächelt über meine Thorheit, meinen Wahn, es will mir in aller Freundschaft klar machen, daß es mich zu dem Glücke führt, das sie mir nicht gewähren konnte. Es wird in dem Augenblick, wo es mich glücklich weiß, verschwunden sein wie dieser Schatten selbst, weil ich dann seiner sanften Ueberredung nicht mehr bedarf. Es will mein guter Ekkehard sein, will das Beste für mich, wie es auch die Lebende wollte . . . Aber ich lasse den Schatten nicht, ich lasse ihn nicht! Es ist meine Schuld, wenn er immer größer wird. Aus 169 einem läppischen unbegreiflichen Widerspruch heraus lockt mich die Zauberburg, die ich nie gewann, das Herz, das ich nie besaß: ich kann nichts dafür. Das Streben nach dem Unerreichten ist mein Fluch. O, das sind Augenblicke, wo man stöhnend stehen bleibt, Mordgedanken wälzt. Eine muß sterben – eine mir gehören! Und ich weiß genau, warum ich den Dolch immer zuerst nach dem Schatten zücke. Ich stoße auch zu – ich stoße ins Leere. Der kalte Schweiß überrinnt mich. Der Schatten wächst wie ein Märchen, er drängt sich an mich, umfängt mich, lähmt mich, wendet mit Geisterarmen meinen Kopf der andern lebenden Frau zu: ›Da ist ja das Glück! Nimm doch, armer Thor!‹ . . . Nach der Lebenden habe ich noch nie den Dolch gezückt. In dem Augenblicke, wo es am trostlosesten in mir ist, weiß ich auch instinktiv, daß der Aufstieg wieder nahe, die Höhe. Das keuchende, rasende Klimmen beginnt, die Kraftvergeudung, die gerade bis zum Gipfel langt. Und oben das alte Spiel: ich umfange heiß das Lebendige, und das Lebendige umfängt mich. Ich bin frei. Aber gerade in dem Moment wird mir auch wieder klar, daß der Abstieg kommt, das Thal, und daß der Rauhreif der Vergangenheit auch ewig über unsrer Zukunft liegen wird.

Es kann unmöglich so weiter gehen! Wenn nur Betäubung Glück schafft, dann greife ich doch lieber gleich zur Schnapsflasche oder zum Morphium . . . Und was das schwerste ist: die Frau darf von diesem inneren Widerspruch nichts merken. Isa liebt mich, ich habe tausend Beweise für einen – sonst wäre ich dem Schatten schon längst erlegen.

*

Es ist wirklich Herbst geworden. Kahle Bäume, Regenböen. Wenn der Laubwald sein buntes Kleid 170 abgestreift hat, ist eine Wüste trostreich gegenüber solchem Baumfriedhof. Der kalte Regen rinnt, die schwarzen Aeste starren. Alles in der Welt, alles in der Natur sagt: bleib daheim und störe uns nicht in unserm Todesschlaf.

Jetzt kommen auch die Nebel, die dicken schweren Nebel. Die Häuser in ewigem Grau, das enge Thal griesgrämig, vor Kälte schaudernd. Nur wenige Pensionäre halten noch aus. Auch ich würde längst zum Aufbruch geblasen haben, wenn wir nicht tagtäglich die Antwort erwarteten vom Grafen Eycks auf einen gewissen Brief, den Isa noch verschieben wollte, auf den ich aber durchaus drang. Merkwürdiges Geschöpf! Während doch jeder Frau soviel an der Ehe, an der Sanktion ihrer Liebe liegt, behandelt Isa diese Frage wie ein Nichts, eine Bagatelle: »Ich kann frei werden, wann ich will; du kannst dich beruhigen.« Und dann umarmt sie mich, sieht mir tief in die Augen und sagt: »Bin ich dir auch alles, Ernest, alles?«

»Alles, alles, mein Schatz!« Ich habe auf der Höhe, im Sinnenrausch, in der Leidenschaft der Frau so heiße und köstliche Dinge gesagt, daß ich jetzt lügen müßte, selbst wenn ich nicht wollte . . . Lüge? – Welch häßliches Wort ihr gegenüber, der Einzigen! Sie ist das beste, selbstloseste Geschöpf, keine verstand mich wie sie. Wir könnten, wir müßten glücklich sein, wenn nur der Schatten nicht wäre, der lächelnde Schatten . . .

*

Die Zeit vergeht. Der gute Graf schreibt nicht. Ist der alte Kerl verrückt? – Was mir nie gehört, das suche ich doch nicht mit allen Mitteln zu halten. Ich will die Frau nun einmal. Ich bin ein anständiger Mensch, und was für Schatten mich auch umtanzen, ich halte, was ich versprach. Und wenn 171 ich's bis zu offenem Ehebruch forcieren sollte! Es wäre nur Notwehr. Denn etwas in Isas Art schließt jede platte Gemeinheit aus.

*

Neulich bei Tisch wanderte ein Zeitungsblatt. Die Damen gaben es stumm weiter und bekreuzigten sich wohl im Geiste. Trianon bekreuzigt sich auch bei ganz natürlichen Dingen. Ich nahm das Blatt arglos – und vermochte keinen Bissen mehr 'runterzubringen.

»Heute fand ein Pistolenduell unter schwersten Bedingungen zwischen dem Rittmeister Grafen von S. und dem als geistreichen Künstler bekannten Herrn v. O . . . statt. (O . . . ist der Maler, mein Freund.) Herr von O . . . fiel beim neunten Kugelwechsel, in den Kopf getroffen und starb nach wenigen Minuten auf dem Platz, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben. Unser kleiner idyllischer Ort, der sonst nur friedliche Sommerfrischler kennt, befand sich in begreiflicher Aufregung. Ueber die Duellursache kursieren die widersprechendsten Gerüchte. Wir enthalten uns jeder Wiedergabe und konstatieren nur, daß die junge Gräfin, eine höchst sympathische Erscheinung, die lange hier zur Kur weilte, am gleichen Tag einer unbegreiflichen Verwechslung zum Opfer fiel. Sie leerte ein Fläschchen Laudanum, und der Arzt konnte nur den augenblicklichen Tod bescheinigen. Von dem Herrn Grafen geht uns die Mitteilung zu, daß es sich thatsächlich nur um ein unseliges Versehen handelte, und daß das Duell in einem sehr alten Zwist der beiden Herren seine Ursache hätte. Wir geben dieser Berichtigung um so lieber Raum, als ein Fall dieser Art in unsern Badeannalen allein steht und die Sittlichkeit niemals etwas zu wünschen übrig ließ.«

Ich gab das Blatt nicht weiter, ich dachte nicht 172 einmal daran. Es war der dumpfe Hammerschlag auf die Schädeldecke, der nicht schmerzt, der aber betäubt. Ein Mann – der Mann – im Duell erschossen, tot! Es giebt schrecklichere Abgänge von der Schaubühne dieses Lebens. Man trinkt sein Glas Wein auf einen Zug herunter und sagt: Amen. Das Leben rollt ja doch weiter . . . Hier ist es etwas ganz andres. Ein halb miterlebtes Schicksal, ein Stück von mir selbst. Ja, ein Stück von mir selbst! Die Disharmonie von Liebe und Leben, aufgelöst in dem Fläschchen Laudanum. Sie hatten ein ganzes Schicksal verdient, darum hatten sie auch ein ganzes Schicksal – der Tod vereinte, er schied nicht.

Der Tisch schweigt und löffelt seine Suppe weiter. Diese kümmerlichen Reste von Trianon sind wie die Reste jeder Gesellschaft: stutzende Schafe. Ihr Schweigen die Herdenangst vor einem eignen Gedanken. Etwas von der tragischen Wucht solches Schicksals dämmert denen nicht. Die adlige Schulvorsteherin starrt wie eine Norne. Ich sehe mir das Pack an – Pack und nochmals Pack!

Da sagt eine Stimme: »Gottes Mühlen mahlen langsam.«

Und in dem Augenblick reißt mir das Schicksal die höfliche Maske vom Gesicht: »Blasphemien gehören nicht hierher.«

Darauf dieselbe Stimme: »Ich werde in diesem Hause doch wohl noch sagen dürfen, daß er ein sittenloser Mensch war, den das Strafgericht ereilte. Ueber die Frau brauche ich wohl erst recht kein Wort zu verlieren.«

»Meine Gnädigste,« erwidere ich eisig, »solange ich an diesem Tische sitze, kein Wort gegen den Mann noch gegen die Frau! Der Mann war mein Freund, mein sehr guter Freund – das genügt. Sie mögen denken, was Sie wollen, wenn Sie es aussprechen, 173 wie eben, so muß ich vergessen, daß ich hier nur Gast bin.«

»Allerdings Gast . . . Das meine ich auch!«

»Zahlender Gast . . . Gesegnete Mahlzeit.« Ich stand natürlich schnell auf mit einer Verbeugung nur gegen Isa.

Was auf solche Scene folgt, ist sonnenklar. Entweder bekomme ich einen Brief, daß es nicht so schlimm gemeint war, oder einen Brief, der meine Abreise binnen vierundzwanzig Stunden wünscht.

Das Zeitungsblatt hatte ich in der Erregung mitgenommen. Ich ging in den Salon, um Isa zu erwarten. Sie kam nach wenigen Minuten nach, so blaß und aufgeregt wie ich.

»Gieb mir das Zeitungsblatt, Ernest.«

Sie las es und las es noch einmal. Dann gab sie mir's ruhig zurück: »Du hast recht, Ernest, vollkommen recht.«

Dann küßten wir uns nach alter lieber Gewohnheit.

Mein Junge, es ist schon heute endgültig aus mit den Thälern und Höhen, wir sind bereits in der Wüste. Was ich fürchtete, ist – der Schatten wird allmächtig: ich habe heut zum erstenmal die andre Frau geküßt, nur die andre . . .

In drei Tagen werde ich reisen. Ich habe mich mit Pythia in aller Güte geeinigt. Trianon-Stadt soll nicht wissen, was in Trianon-Schloß vorgeht. Es war auf Pythias Seite nur eine praktische Erwägung – aber zum ersten Male that mir die stolze alte Jungfer leid. Sie kann auch nicht aus ihrer Haut, so wenig wie ich aus der meinen. Sie thut, was sie denkt, und muß sich doch ducken. Das ist eine bittere und nicht mal ganz gerechte Medizin vom Schicksal.

Den Nachmittag blieb ich auf meinem Zimmer. Es war mir wahrlich nötig. 174

Dir brauche ich nicht zu detaillieren, was ich fühle. Schlemihl verzagte fast am Leben, weil er seinen Schatten verlor – und ich preise nur Menschen ohne Schatten glücklich. Damit ist eigentlich alles gesagt. – Der Tod der beiden Menschen hat mir zurückgerufen, was ich fast vergaß: es giebt nur eine Liebe, ein Gefühl, ob thöricht oder nicht, das dauert! So wie der Mann habe ich eine Frau geliebt, und so wie der Mann möchte ich geliebt worden sein. Es war ein Wahnsinn, noch einmal lieben zu wollen. Ich gab nur Sinne, weiter nichts als Sinne. Daher die Qual. Die Erkenntnis kommt nun zu spät. Bettler sind Bettler, und der beste Wille vermag nichts zu geben, wenn die Tasche leer . . . Aber diese Erkenntnis hat mich nicht etwa unglücklicher gemacht, nur klarer. Ich weiß, was mir zu thun noch bleibt. – Ich werde die Frau heiraten, unbedingt – und was an mir liegt, soll sie glücklich sein. Einer großen Lüge kleine Wahrheiten zu opfern, es ist das Schlechteste noch nicht . . . Der Aufstieg war langsam, der Abstieg schnell. Das hat das Leben so an sich. Wer immer nur eigenwillig strebte Hammer zu sein und sich schließlich als Amboß vorfindet, der wird, wenn er vernünftig ist, sich doch bescheiden. Besser etwas als nichts . . . Ich hätte freilich stutzig werden sollen, schon bei der Thatsache, daß ich ohne Eifersucht bin, daß mich die Vergangenheit dieser Frau kaum interessiert. Das ist nicht Güte, das ist Schwäche. Mir wäre dann die traurige Erleuchtung erspart geblieben, die das Schicksal, der andre Tod mir heute giebt. Gleichviel, ich bereue nichts und werde nichts bereuen. Und die Tiefen jedes Lebens aufwühlen, heißt oft einen klaren Strom trüben, dessen Schlamm längst auf den Grund sank. Isa ist und bleibt eine vornehme Frau – und sie liebt mich!

Freilich, wenn sie mich nicht liebte, wenn das 175 Gaukelspiel des Lebens ihr meine Liebe täuschend vorspiegelte und als Wiederschein nur ihr Mitleid weckte? . . . Das wären zwei Lügen, die auch der willigste Rücken nicht trägt, und der Rest wäre dumpfes Schweigen . . . Aber nein – sie liebt mich! Ich weiß es. Gerade heute, wo die Erinnerung allmächtig, wo das schrecklichste Wehgefühl mir fast die Nerven zerreißt, würde ich sonst unsicher werden, schwanken. Ich rufe mir die Geschichte meiner zweiten Liebe zurück – den Rausch, den Wahn, die Betäubung. Der Dürstende belog sich und trank nie – die Dürstende glaubte und trank. Ihr war's ein Zauberkelch – und das will ich nie vergessen! . . . Und je mehr ich denke, grüble in diesem einsamen Zimmer, um so lichter wird mir Isas Gestalt, ein Schimmer von der tröstenden Leidenschaft, die sie mir einhauchte, kehrt zurück. Ich fühle, was ich von Anbeginn fühlte, daß wir etwas Gemeinsames besitzen, trotz alledem, daß wir darum zu einander gezwungen werden, vielleicht wie zwei Verbrecher, die dieselbe Bagnofessel kettet. Nein, Isa, du sollst wenigstens glücklich sein – du gewiß!

Es mag sein, daß ich in diesen drei Tagen, wo die Wüste begann, auch die Leidenschaft der Sinne verlor. Aber ich bin viel herzlicher, viel gleichmäßiger zu ihr – sie ist es auch. Als wenn derselbe magnetische Strom uns verbände! Niemals mehr die thörichte, leidenschaftliche Frage: »Liebst du mich mit der ganzen Seele? Bin ich dir alles?« – Nur noch der warme, stumme, liebe Kuß. So ist's besser, viel besser – der Schatten weicht, mit ihm die Qual. Der Strom des Lebens fließt ruhig dahin. Aber jetzt merke ich doch auch, wie sehr sie unter diesem sinnlosen Auf und Ab meiner Gefühle gelitten hat, körperlich. Sie ist beinahe alt geworden, diese dreiundzwanzigjährige Frau. Der Gluthauch ließ versengte Fluren zurück. 176 Die Fluren werden schon wieder blühen – aber es werden andre Blumen sein.

Und ein Unglück kommt nie allein. Ich habe bei einem großen Bankkrach weit über eine halbe Million verloren. Was mir sonst noch bleibt, ist für einen so verwöhnten Menschen fast ärmlich. Es ist wahrhaftig nicht das Geld – zu guter Letzt muß mancher Graf mit viel weniger auskommen –, es ist die Abhängigkeit, in die ich ungewollt zu Isas großem Vermögen komme, da ich die Grandseigneurgepflogenheiten doch gerade in dieser Ehe nicht ablegen mag. Ich heirate eine dreiundzwanzigjährige Excellenz, und ein junger Titel verpflichtet. Ich denke dabei nur an sie. – Aber wenn sie mich doch nicht so leidenschaftlich liebte? Jetzt könnte es beinahe so aussehen, als heirate ich ihr Geld . . . Solche Erwägungen bringen herunter. Ich wollte, wir wären zehn Jahre älter, und hätten einen großen Jungen – wo mein und dein in diesem dritten zusammenfließt!

Ich gebe dir peinlich genau Rechenschaft. Eigentlich gebe ich sie mir selbst. Ich habe meine guten Gründe.

Also, am Montag war die Scene gewesen, und wir hatten abgemacht – Isa und ich –, daß wir am gleichen Tage abreisten, mit dem gleichen Zuge. Mittwoch abend ein letztes Rendezvous in dem Gartenhaus hinter Trianon-Schloß, wo wir damals Kaffee tranken und wo sie mir die Erdbeere gab. Da begann das wirkliche Gefühl doch eigentlich erst durchzubrechen – und ich möchte Isa zeigen, daß mir jede Erinnerung an unsre Liebe teuer. Das Rendezvous sollte spät sein, erst gegen Mitternacht. Wir müssen uns jetzt sehr gesittet benehmen. Trianon will uns nicht mehr wohl und sieht scheeläugig. – Es konzertieren allnächtlich die Katzen im wilden Weine, und ein Dienstmädchen Alma aus der Nachbarschaft, das ich noch nie mit Augen schaute, empört durch sanftes 177 Kreischen und laute Freier im Nebengarten alle reinen Gefühle. Pythia unternimmt darum öfter Inspektionsreisen in die Mägdekammern und revidiert auch vielleicht die Gesellschaftszimmer zur Nachtzeit.

Als Alma und die Katzen sich beruhigt hatten, schlichen wir in das Gartenhaus. Es war nebelig, die Büsche tropften. Eine graue Stimmung, die niederdrückt, auch der Herbstwind hub leise zu klagen an.

Wir sitzen Hand in Hand, Erinnerungen schweigen. Da – ich habe keine Thür knarren gehört und keinen Schritt – steht vor uns, wie aus der Erde gewachsen eine Gestalt, und eine erregte Stimme sagt: »Ich muß doch sehr bitten, daß fremde Dienstmädchen –« dann erstarrte die Stimme plötzlich, und die Gestalt verschwand im Nebel. Sie hatte uns natürlich erkannt. Es war eine widerliche Sitnation.

Wir sprachen auch anfangs kein Wort. Ich bin aufgestanden und promeniere. Endlich sage ich:

»Sag mal, Isa, warum antwortet eigentlich dein Mann auch auf den letzten dringenden Brief nicht?«

»Weil ich ihn nicht abgeschickt habe.«

»Isa!«

»Ernest?«

Dann sagt sie leise: »Setz dich wieder zu mir!« Ich bin gehorsam und taste auch instinktiv nach derselben Stelle, wo vorhin Isas Hand lag. Die Hand ist weg.

»Sag mal, Ernest, geht's dir auch so? Ich kann nämlich die Geschichte mit deinem Freunde nicht los werden.«

»Ja, ja . . .«

»Sag mal, Ernest, hast du jemals für eine Frau genau so gefühlt?«

Ich schweige.

Da beugt sie sich zu mir und sieht mir in die Augen: »Sag! Ich bitte dich darum.« 178

»Aber Isa.«

»Ich will's! Sprich!«

»Liebes Kind, ich habe einmal eine Frau sehr heiß geliebt – das weißt du.«

»Und ich einen Mann, das weißt du auch.«

Wir schwiegen wieder. Es war wie auf einem Schafott.

»Und glaubst du, Ernest, daß es eine zweite Liebe giebt?«

»Isa, ich beschwöre dich!«

»Gut, ich will für dich antworten: Nein, es giebt keine zweite Liebe.«

Wir sind beide aufgestanden.

»Es war ein Traum,« sagt sie leise.

Ich wende mich ab! Ich war allein.



 << zurück weiter >>