Johannes Richard zur Megede
Trianon
Johannes Richard zur Megede

 << zurück weiter >> 

Siebentes Kapitel

Zur Abwechslung regnet es. Grauer, sprühender Nebelregen. Das Nest liegt unter einem unbeweglichen Schleier. Wo der Buchenwald durchschaut, scheinen die schwarzen Stämme vor Nässe zu frieren. Es ist so trostlos einsam. Alle Sünden fallen einem ein. Und die Aussicht, in weniger als drei Wochen wieder Arbeit zu haben, nur Arbeit, und das ein ganzes Leben lang – wirkt auch nicht gerade als Balsam. Dazu heute noch dein Brief! Das klingt wie ein Widerhall zu gestern: ›Jene Frau liebte dich genau so lange, als sie dich sah, als du ihr schmeicheltest – vielleicht liebte sie dich auch nie. Ihr Herzensinteresse nachher dauerte jedenfalls nicht länger als die Nervenangst, du könntest dich totschießen.‹ Du mußt demnach meine Nerven für sehr gekräftigt halten, daß du mir so gallebittere Medizin verabreichst. Stimmt auch zu manchem nicht, was du früher sagtest. Ich will aber nicht rechten. Bin ich doch beinahe selber so weit! Ich werde, wie mir seit Sonntag klar geworden ist, doch nie ohne bessere Frauen auskommen, ohne wenigstens ein leichteres Herzensengagement. Wenn mir ein gewisses blasses, schlankes Geschöpf nicht näher stände als der liebe Durchschnitt und wär's nicht ein edleres Gefühl, das sie mir einflößt, ich würde wohl nicht so lange zögern, das hohnlächelnde: Nimm und wirf weg! zur Thatsache 105 zu machen. Wer es so oft sagte, wie ich in den zwei letzten Jahren . . .

Ich will dir auch gern weiter rapportieren. Aber thu mir den Gefallen: Denk nicht an die Ehe oder so etwas! Wir zwei Sterne von Trianon haben allerdings viel mehr füreinander, als das vage Einsamkeitsverhältnis – wir haben etwas tief innerlich Gemeinsames. Doch das muß mehr in unsrer Natur liegen als in unserm Schicksal. Für ein Schicksal wie das meine ist die Frau doch noch zu jung. Es ist ja auch schließlich egal, was wir aneinander finden. Laß mich nur meine Straße ziehen!

*

Sie ißt, wie gesagt, allein. Sie drängt sich auch mir wahrhaftig nicht auf. Heute traf ich sie auf der Treppe. Es war draußen grau, langweilig drinnen.

»Warum sieht man Sie eigentlich so selten, Baronesse?«

»Mich vermißt niemand.«

»Es vermißt Sie doch jemand,« sagte ich leise. Unten schreibt die adlige Schulvorsteherin bei angelehnter Thür Briefe, und die Tugend ist so unheimlich hellhörig wie das Ohr des Dionys.

»Wer?« fragt sie zurück.

»Ich.« Sie weiß es sehr genau und hört's doch gern noch einmal. Eine hübsche Frau, die man fast zwei Tage nicht sah, ist auch in der That viel reizender beim Wiedersehen. »Kommen Sie doch wieder zu Tisch, Baronesse!«

»Soll ich wirklich kommen?«

»Ach, ich bitte . . . Man fühlt sich wirklich so allein.«

»Vielleicht. Ich weiß noch nicht.«

Wir trennen uns mit einem stummen Händedruck. Sie wird kommen! Nur, weil ich's gern möchte. 106 Und ein warmes Prickeln schleicht mir durch die Adern.

Seitdem essen wir wieder vis-a-vis. Wir sind gesprächig, wir sind sogar lustig. Ihr blasses, schmales Gesicht ist rosig, die Augen haben den warmen Glanz, den ich bei Frauen liebe.

Einmal sah sie mich bei dem Dankgebet mittags ernst, fast böse an. Ich begriff das nicht. Ich war besonders herzlich gewesen an dem Tage. Absichtlich zögernd verließ sie dann als letzte das Eßzimmer. Im Gang wandte ich mich unwillkürlich nach ihr um. Sie machte mir ein stummes Zeichen und sagte gleich darauf heiser flüsternd: »Erwarten Sie mich nach zehn Minuten im Salon! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

Ich war gehorsam zur Stelle. Die Ahnenbilder starrten, der stahlbeschiente Wappenarm drohte. Das lebendige Trianon hält um diese Zeit seinen Mittagsschlaf. Die schlanke Gestalt tritt ein, bleibt an der Thür zaudernd stehen, horcht, dann geht sie, wie von einem Impuls getrieben, rasch auf mich zu und reicht mir einen beschriebenen Briefumschlag: »Lesen Sie!«

Ihrer Excellenz
        Frau Gräfin Isa von Eycks
                geb. Baronesse von Isenberg.

Ich sehe sie an.

»Das bin ich.«

»Noch heut?«

»Ja, noch heut.«

»Aber meine gnädigste Gräfin . . .«

Sie hebt die Hand: »Kein Wort! . . . Es hat hier niemand eine Ahnung. Aber Ihnen glaubte ich die Wahrheit schuldig zu sein.«

Nebenan knarrte ein Schuh. Sie zeigt nach dem Rauchzimmer. Auf Zehen schleiche ich ihr nach. 107

Dort sagt sie gepreßt: »Ich liebe die Lüge nicht, aber ich bin nun einmal zu ihr verdammt. Man hat mich nämlich mit noch nicht achtzehn Jahren an einen alten Mann verheiratet. Mit Vernunftgründen, mit Schmeicheleien, mit Thränen überredete man mich. Ich war ein Kind und folgte. Er ist ein vornehmer guter Mensch, der that, was er thun konnte, um mich glücklich zu machen. Ein Jahr hielt ich's aus. Seitdem leben wir getrennt. Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um frei zu werden, aber ich bin Katholikin, und der Brauch unsrer Kirche scheidet nicht. Nicht mal der Papst selbst. – Und umsatteln, Protestantin werden – nein! Mit zwanzig Jahren verlor ich den Glauben – und ein Maskenwechsel, was diese Religionsänderung doch nur sein könnte, widerstrebte mir. Vielleicht gab's auch eine Zeit, wo ich darüber anders dachte. Vielleicht kommt noch einmal diese Zeit. Seitdem lebe ich auf Reisen, mit einer Gesellschaftsdame früher, jetzt nicht einmal mit einer Kammerjungfer. Ich habe meinen Mädchennamen wieder angenommen, weil der mir gehört, weil ich mit dem schließlich machen kann, was ich will.«

»Der Herr, der damals abreiste, war also doch ihr Gatte?«

»Ja. Er kommt von Zeit zu Zeit, um den fruchtlosen Versuch zu machen, mich nach Cannes mitzunehmen, wo er nach seiner Verabschiedung aus dem diplomatischen Beruf lebt. Er könnte mein Vater sein, so gut meint er's mit mir. Und immer wiederholt er das eine: ›Thu, was du willst, Isa – etwas wirklich Schlechtes wirst du nie thun –, aber ich will dich nicht lassen, du sollst die Heimat nicht verlieren, in die du zu jeder Stunde zurückkehren kannst.‹«

»Ich ahnte so etwas immer, Baronesse.«

»Sie haben scharfe Augen, und darum mochte ich Sie anfangs nicht leiden.« 108

Wir wurden übrigens gestört. Die grau melierte Baronesse trat ahnungslos herein und machte auch sofort Miene, diskret zu verschwinden, als sie uns so dicht bei einander stehen sah. Als korrekte Leute erlaubten wir das natürlich nicht und zwangen sie höflich zum Bleiben. Unsre Tralali-Nachtigall hatte in den Salon schlüpfen wollen, um dort zwischen den Ahnen ein bißchen zu schlummern. Sie hätte etwas später kommen sollen!

Und doch war, was mir diese Frau gab, eigentlich genug. Sie gab freiwillig, und das thut wohl.

*

Der Kaffee wird an Regentagen in einem versteckten Gartenhaus genommen. Der eigentliche Garten, in den niemand sonst geht, steigt nämlich terrassenartig hinter dem fürstlichen Witwensitz empor. Die Gartenpforte liegt brüderlich neben der Kellerthür und dem Dachbodenfenster – getreu den Grundsätzen, nach denen sich auch Trianon-Stadt am Schloßberg aufbaut. Wir saßen eng bei dieser Mahlzeit, fast gepfercht. Doch es war warm und heimlich und anders, ach, so anders als sonst! Sie errötete bis ins Haar, als sich unter dem Kuchenteller unsre Finger wie zufällig streiften, und mir wurde es stechend heiß, als mein Kopf beim Bücken ihr Kleid berührte. Wir sprachen kaum ein Wort; eigentlich wurde der Beichtvater von seinem Beichtkind schlecht behandelt, aber er konnte sich vielleicht gerade darum von den reizenden Linien dieses Frauenprofils nicht trennen, das sich in weniger als zwei Stunden verwandelt zu haben schien.

Sie stand bald auf und promenierte im Sprühregen auf der erdbeerbepflanzten Terrasse vor dem Gartenhaus. Ich hörte aufs andächtigste eine Unterhaltung über altes Porzellan und einen englischen 109 Lord an, der nach den Erzählungen der männlichen Schönheit halb England unterminiert haben mußte, um seine zahllosen Tellerschätze aus allen Zeiten und Zonen in Milchkellern, ausgerechnet Milchkellern, aufzuspeichern. Ich war ganz bei der Sache und bewunderte den klugen Lord sehr. Aber endlich stieg ich doch unter beständigen Ausrufen der Bewunderung die holperige Steinterrasse zu Isa hinunter. Sie beugte sich gerade über einen Erdbeerstrauch, und ich sagte leise: »Sind Sie mir böse?«

»Warum sollte ich?« Sie haschte eine letzte kümmerliche Monatserdbeere und hielt sie, sich aufrichtend, mir hin. »Wollen Sie?« fragte sie laut, indem unsre Hände sich leicht berührten, um dann flüsternd fortzufahren: »Ich bin Ihnen nicht böse! Im Gegenteil – ich fühle mich freier. Mir war lange nicht so wohl wie jetzt.«

»Mir auch.« Es ist die Wahrheit, mein Bester. Aber kleinlich ist unsereiner doch. Im Hinaufsteigen frage ich lauernd: »Wie alt ist er eigentlich?«

»Ich sagte Ihnen doch, es ist ein alter Mann.«

»Ein alter Mann!« Das ist Musik. Alte Männer lehren die Liebe nicht. Aber wer lehrte sie die Liebe? Kennt sie das einzige Gefühl, das nie zurückkehrt?

Ich hätte noch mehr fragen sollen – viel mehr!

*

Nein, es ist nicht wahr, – ich hätte nicht mehr fragen sollen. Das letzte war beinahe schon zu viel gefragt. Nein, Ernest, nicht kleiner scheinen, als du wirklich bist! Ich kenne keinen gewöhnlichen Zug in dieser vornehm leidenschaftlichen Natur. Hinter jeden Vorhang mißtrauisch gucken, das ist Kammerdienermanier – und das ängstliche Wägen rächt sich am Wägenden am bittersten . . . Eine Geliebte, die beim Küssen zögert, streiche aus deiner Rechnung! Sie 110 wird dir vielleicht eine exemplarische Frau werden, aber sie wär's tausend andern Männern auch.

Ich habe dann einen großen Spaziergang gemacht an diesem Regenabend. Es ging ein freier und befreiender Luftzug durch das enge, abgeschiedene Thal.

Ich will nicht mehr feige zurücksehen, ich will einmal wenigstens mutig vorwärts schauen. Ich will meine Schiffe verbrennen, wie ich jene Briefe verbrennen werde – nicht nach Frauenart, die noch jeden einzelnen rührselig gewissenhaft durchlesen, um ihr Herzchen zu salvieren, um desto leichter zu vergessen, wenn die legitime Ehehaube höchst ehrbar wieder aufgesetzt wird. Nein, ich will mit geschlossenen Augen den Papierstoß im Kamin schichten – obgleich das berühmte Zimmetholzfeuer der Fugger ärmlich ist gegen dies Autodafé –, aber ich will dann mit fester Hand den Wachsstock an das Opfer halten, mit festem Blick zusehen, wie dies Heiligste knistert, flammt, bis auch der letzte Aschenrest aufglimmend zusammensinkt. Ich werde nicht auf dem Hocker vor dem Kamin sitzen bleiben nachher, mit einem entgeisterten Lächeln, ich werde sofort aufstehen mit einem gefluchten Gott sei Dank!

Wer frei sein will, muß eben seine Ketten brechen. Ist's Liebe? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß die Naivität eines ersten Gefühls so wenig zurückkehrt wie die Glut einer ersten Sünde. Die Reue wird auch nachkommen, die sentimentale Schwäche, das Rückwärtsschauen – die Lichtreflexe in unserm Innern dauern bekanntlich viel länger als das Licht selbst. Jedoch eine Kraft, die rätselhaft wieder in mir aufsteigt, muß ich nützen. Warum gegen eine Strömung kämpfen, die uns ins lebendige Meer wieder hinausführen will? Wirft mich die Brandung nachher doch ans öde Land zurück – ich habe meine Pflicht gethan! 111

Als ich sehr verspätet von meiner Promenade zurückkehrte, war das Souper bereits vorüber. Trianon wallte gerade unter dem Vorantritt der obersten Hauschargen in den Salon. Isa wallte mit; sie hatte die kleine Erzieherin mit den hübschen grauen Augen, die morgen abreist, um die Taille gefaßt und sprach freundlich leise auf das etwas genierte Mädchen ein. Als sie mich sah, löste sich wie zufällig ihr Arm – du verstehst?! Wir grüßten uns nur flüchtig mit den Augen. Ich aß dann schnell mein Rührei nach, freilich ohne eine Spur von Appetit trotz des langen Bummels.

Heute zum erstenmal während meines Hierseins erschienen mir der Salon freundlich und die Ahnenbilder friedlich. Auch alle Leute zeigten sich liebenswürdig, sprachen herzlich. Ich selbst war lebhafter denn je, erzählte von meinen Reisen. Isa und ich sahen uns nicht an. Sie saß wieder in ihrer dämmrigen Nische am Fenster, wie so manches Mal, das Gesicht von einer staubigen Palme verdeckt, nur ihren Fuß hielt sie ins Licht, den schmalen, feinbeschuhten Fuß, der aus dem hellen Saum eines seidenen Unterrocks hervorlugte. Ich liebe aristokratische Glieder und diskrete Eleganz. Einen Augenblick ließ sie sich die Bewunderung gefallen, dann zog sie plötzlich den Fuß zurück, als ob mein Blick brenne. – Noch vor der gewöhnlichen Stunde erhob sie sich und gab allen höflich zum Abschied die Hand: »Ich werde morgen pünktlich an der Post sein,« sagte sie zu der Erzieherin.

Das treulose Trianon rief: »Wir auch!«

Selbst die adlige Schulvorsteherin räusperte sich: »Ich auch – vorausgesetzt natürlich, daß ich kann.«

Der Maler lächelte fein. Er feierte auch in der That einen Triumph: Trianon ging mit klingendem Spiel zum Feinde über. Mich vergaß augenscheinlich die Frau, für die ich mein Heiligstes opfern will, 112 beim Händedruck. Ich blätterte gerade in Photographien, und es machte sich so. Aber ich sah ihr doch lange nach, wie sie wieder mit ihrer ruhigen Vornehmheit durch das Spalier schritt. Sie kann mir jetzt nicht mehr ganz fremd werden, diese reizende Gestalt. Isa ist gegangen, und ich fühle mich thatsächlich einsam. Nach einigen Minuten kam sie noch einmal zurück, sie vermißte ein Taschentuch, das sich aber nicht fand.

»Gute Nacht, Herr von Ramingshoven, gute Nacht!« und sie reichte mir mit raschem Druck die Hand, doch ihre Augen ruhten dabei auf einem gleichgültigen Bild.

Du wirst verstehen, daß ich diese Nacht überhaupt nicht schlief. Ich hatte, glaube ich, Fieber. Dennoch oder gerade deshalb schrieb ich an dich. Sag, ist's nicht doch ein thörichter Wahn, in den ich mich hineinsteigere? Es fiel allerdings noch kein Wort, ich kann zurück, wann ich will. Wer wie ich in den letzten Jahren soviel wohlüberlegte Schritte zurückthat, begeht vielleicht eine unsagbare Thorheit, mit dem einzigen mutig unbedachten, den er vorwärts zu thun im Begriff steht. Ich möchte ihn dennoch thun . . . ich werde ihn thun! Ich fühle bestimmt, daß die einzige Möglichkeit einer wirklichen Rettung darin liegt. Ich werde dir auch ganz sicher nicht folgen, wenn du zur Ueberlegung rätst. Trotzdem schreibe mir sofort, telegraphiere meinetwegen, wenn dein gesunder Menschenverstand wieder, wie damals, eine unübersteigliche Felswand sieht! Aber Felsen öffnen sich, und Quellen springen aus dem dürrsten Gestein, wenn nur der rechte Mosestab anklopft. Ich habe die Frau von Herzen gern – vergiß das nicht!

*

Indessen ist der Artuskreis wirklich nur noch ein schöner Traum geworden. Die letzte und vielleicht 113 schärfste Sittenrichterin fuhr heute im Morgengrauen ab. Sie war ein gefährlicher Tugendblock, so grau und verwittert wie ein altes Riff. Sie sagte nicht einmal mir Adieu. Wo sie auch immer junge Gefühle ahnt, empört sich in ihr alles, und sofort wird der unzertrennliche Stickrahmen mit einer Energie bearbeitet, als wäre es sündiges Fleisch.

Gegen zehn reiste die Erzieherin. Wir waren ziemlich vollzählig auf dem Marktplatze versammelt, die adlige Schulvorsteherin auch. Doch stand sie da wie eine Norne, und die Brillengläser leuchteten tot. Sonst war's wie immer – Hunde strichen umher, der Einhorn-Provisor grinste gutmütig. Ein frischer froher Herbstwind blies, während das Tugendopfer in den Marterkasten von Journaliere kletterte. Der Maler brachte noch Konfituren, lachte viel und zeigte auch sonst keine Zerknirschung. Isa kam erst im letzten Moment die Treppe am Rathaus hinabgeeilt, in einer seidenen Matinee, mit flüchtig aufgestecktem Haar, angeregt, rosig von der Eile, doch unter den dunkeln Augen lagen tiefe Schatten. Der Kutscher schnippte schon ungeduldig mit der Peitsche über die Pferdeohren, ein dicker Tourist, den unvermeidlichen Bergstock aufgestemmt, blickte feindlich auf die Uhr und räusperte sich. Isa konnte noch gerade die Hand zwischen den Journalierenvorhang durchstecken und herzlich sagen: »Ich hätte mich um ein Haar verspätet, liebes Fräulein, und das hätte mir sehr, sehr leid gethan. Leben Sie wohl, recht wohl!«

Dann rumpelte das Vehikel durch die lebensgefährliche Passage am alten Turm. Trianons Taschentücher wehten, der Ministerhund, der auch zum Abschied gekommen war, bellte; ein übereifriger Hotelpiccolo trat mir auf den Fuß. Die adlige Schulvorsteherin lächelte und wehte auch – die herbste Tugend muß sich verleugnen, wenn sie so allein steht. 114

»Sie war doch ein nettes Mädchen!«

»Ein sehr nettes Mädchen.«

»Ich glaube, man hat sie etwas zu hart beurteilt.« Aber ich erinnere mich, daß dieselbe Baronesse sehr lebhaft zugestimmt hatte, als es im Tugendrat hieß, das junge Mädchen benähme sich recht merkwürdig, und »das gnädige Fräulein« vom Maler stiege ihr positiv in den Kopf. Der Maler war sofort nach dem Abschied in die Post gegangen, um nach Briefen von »ihr« zu fahnden. Wir andern zerstreuten uns bald. Isa und ich wurden diskret allein gelassen. Es ist doch ein eigner Reiz, wenn einer Frau auch das Negligé so gut steht!

Ich machte ihr aber sofort liebevolle Vorwürfe wegen ihres Leichtsinns. »Sie sind so dünn angezogen, und es ist so frisch! . . . Wenn Sie der Dame schließlich auch nicht Adieu gesagt hätten.«

»Aber ich wollte ihr Adieu sagen – gerade ihr! Ich bin nämlich eigentlich schuld, daß sie so lange noch blieb nach dem kindischen Skandal. Eine plötzliche Abreise, wozu sie die größte Lust hatte, wäre eine Art stummen Schuldbekenntnisses gewesen. Mir ist Trianons Meinung in Liebe oder Haß sehr gleichgültig geworden – aber dieses junge Mädchen kann sich den Luxus nicht gestatten. Stoßen Sie sich vielleicht an meinem Kostüm? Ich schlief erst gegen Morgen ein und schlief dann so unnatürlich fest. Mir blieb also keine Wahl.«

Wir steigen gerade den Schloßberg hinan, und ich antworte nach längerem Hinschauen: »Wir sind ja in einer Sommerfrische, und gerade diese Matinee steht Ihnen reizend – aber leichtsinnig war's doch! Frieren Sie auch nicht? Sie dürfen nicht frieren, krank werden!«

Und seltsam – erst jetzt beginnt der schlanke Körper wirklich zu frösteln. Es sind meine Worte, die es weckten, und es ist wohl vielmehr ein 115 zärtliches Rieseln, aus Scham und Freude innig gemischt. Mich entzückt's. Denn es ist doch ein rührend hübsches Geschöpf, das zur Liebe geboren ist, zur weichen Umarmung. So was zu hegen, zu pflegen, glücklich zu machen, und sich selbst wiederzufinden in dem warmen Blick liebender Augen! Ich phantasiere nicht etwa, es ist ja Vormittag, Herbst . . . Aber was ich auch sagte und schrieb, vergiß es! Der kalte Stahl wird stumpf am warmen Blütenzweig. Es muß wunderbar sein, gerade in diesem vornehmen Geschöpf die hingebende Schwäche zu wecken und die leidenschaftliche Glut. Ja, sie soll warm werden in meinen Armen, und die Erwärmte soll mich wieder wärmen! Glücklich zu machen und dadurch glücklich zu sein, es ist gerade das Entgegengesetzte von dem, was ich neulich so leidenschaftlich verfocht. Ein Wunder, wenn du willst . . . Aber darf überhaupt ein moderner Mensch an Wunder glauben? Wirft das Missionsfest, das ich im Grunde meines Herzens verlache, seine lichten Schatten bis zu mir? Eine heiße Flamme, auflodernd aus einem kümmerlichen Aschenrest! Ich werde beinahe sentimental. Aber die Güte der menschlichen Natur muß doch wirklich unendlich groß sein, wenn ihre Keimkraft solche Winter wie den meinen überdauert.

Ja, mein Lieber, es ist eben in dieser Welt alles, wie es ist, und jedes Menschenschicksal darum ein kunterbuntes Buch, das der Logik spottet. Und ich würde mich hüten, gegen einen Strom zu schwimmen, der das ausgetrocknete Rinnsal langsam wieder mit warmen Fluten füllt. Ich gedenke mich fest an den Strohhalm zu klammern, der zur Planke wächst, zum Boot, zum seetüchtigen Schiff. Und dies Wachsen zu beobachten – dies wunderbare Wachsen!

Ich glaube, Isa empfindet wie ich, wir erhitzen uns eben langsam, systematisch. Auch ihr Gefühl 116 wächst. Ich kann das kontrollieren an dem alten Spiel von Erröten und Erblassen. Ueber so zarte Gesichter gleitet's wie ein anmutiger Hauch.

Jetzt, wo Trianon auf seine Alterstugend verzichten muß, können wir alle auch wieder oft und harmlos zusammen sein. Es sind auch jüngere Menschen da, ein frischeres Geschlecht, das nicht nur stickt und mit zusammengesteckten Köpfen klatscht; jetzt dürfen auch andre als Isa und ich einen Abendspaziergang in die Stadt machen, ohne den Verlobungsring wenigstens in der Tasche zu tragen. Bei dem Wort Verlobungsring werde ich wieder stutzig. Band – Fessel – Ehe: lieber nicht! Wir wollen den Augenblick genießen und nur thun, was uns der befiehlt. Was kommen soll, kommt ja doch. Eine gewisse Blüte entfaltet sich indessen unter dem erfrischenden Tau. Große dunkle Augen haben das warme Flimmern, vielleicht auch das zärtliche Aufleuchten gelernt. Sie ist eben eine Frau, und Frauen können nun einmal nicht über sich selbst hinaus, die besten gerade leben von der Liebe und empfinden es köstlich, wenn wir ihnen diesen Lebensodem einhauchen – sie glauben auch einem Lügner gern, daß er wirklich liebt. Wir beide wären vielleicht viel weiter, viel intimer, ich säße im einsamen Nachmittagssalon wohl dicht bei ihr auf einem Sofa und nicht fern von ihr auf einem Fauteuil – wenn nicht urplötzlich ein gewisses Etwas zwischen uns aufstände, ein grauer Schatten, der auch ihre Augen wie ein Schleier deckt. Ohne Grund kann sie auf einmal vor sich hinstarren, die Wangen fahl, die Lippen gepreßt, und der aufschauende Blick erzählt dann von stummer Qual, von tiefer Traurigkeit. Sie nimmt das Leben nicht leicht, auch die Liebe nicht.

Neulich stand sie inmitten eines Gesprächs auf und ging weg. Ich war jedenfalls unschuldig. Ich 117 erzählte gerade von meinen Reisebekanntschaften – einem mir widerlichen, aber interessanten Kerl, der bis zum Stumpfsinn in Monte Carlo am Trente-et quarante-Tisch saß und kaum aufsah, wenn sich ein reizendes, junges, etwas leidendes Geschöpf über seine Schulter beugte. Es war seine eigne anbetungswürdige Frau, deren fabelhafte Revenüen er jahraus jahrein in den ekeln Fingern der Croupiers läßt. Die Ehe ist sprichwörtlich unglücklich. Warum? Die Liebe, die Güte, die Schönheit sind stets mit offenen Armen bereit daheim – und dabei sitzt der Mensch von morgens elf bis abends elf, vom Spielteufel gepackt, am grünen Tisch und macht sich und andre unglücklich. Der Hang zur Sünde scheint doch das einzig Unsterbliche in uns . . . Isa kann übrigens meinen »Freund« nicht gekannt haben. Er rührt sich nicht aus Monte Carlo, und sie war meines Wissens nie da.

Eigentlich müßte ich solchen Frauenlaunen grollen. Ich grollte mit einer andern so oft, war so kindisch manchmal. Die heißesten Gefühle scheinen das so an sich zu haben. Hadert nicht auch der Gläubige gerade am kleinlichsten mit Gott? Aber ich nehme dem blassen lieben Geschöpf hier nichts übel, ich bin so viel milder in meinem Gefühl trotz steigender Hitze.

Die Laune neulich dauerte übrigens bis über den Abend hinaus. Sie kam nicht zurück. Es verdaut eben jeder die Liebe auf seine Art.

Und gerade an diesem einsamen Abend habe ich meine Briefe verbrannt. Ich zögerte lange genug. Dafür rüstete ich auch das Autodafé rasch, entschlossen, es ging mir nicht schnell genug mit der Zerstörung, und ich trat den letzten Funken mit dem Fuße aus. Roh, herzlos, so recht Männerart! Ich verstehe mich da auch nicht ganz. Als wenn diese kleinen Billets mir nie eine Welt, ein Heiligtum bedeutet hätten! Aber ich konnte nicht anders. Ich 118 mußte etwas mir und allen Unverständliches thun. Der Fußtritt bedeutete vielleicht nur die letzte erbärmliche Schwäche eines großen Gefühls.

Am andern Morgen frühstückten wir wieder einträchtig zusammen. Isa war übernächtig und totenblaß, aber ihre Augen leuchteten tief . . .Wenn auch sie in jener Nacht ihre Schiffe verbrannt hätte, wie ich?



 << zurück weiter >>