Johannes Richard zur Megede
Trianon
Johannes Richard zur Megede

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Zweites Kapitel

Ich muß gestern etwas betrunken gewesen sein von Mondlicht und Tradition. Heute präsentiert sich alles wesentlich anders. Ueber dem Thal – es sind eigentlich vier Thäler, die höchst verschmitzt sich aufthun und geheimnisvoll im Waldgrün sich verlieren – liegt grauer, nüchterner Alltagsdunst. Die Luft rieselt feucht, der Rauch streicht tief. Von oben gesehen, hat das unordentlich eingezwängte Nest gar keine Geschichte, hat nie eine gehabt, kann auch nie eine haben. Es ist nüchtern philisterhaft, und die Buchenwildnis ringsum thäte mir einen großen Gefallen, wenn sie diese schäbige Residenz erstickte, überwucherte . . . Das Schloß über uns ist ein Schloß wie jedes andre, nur größer, langweiliger; seine Bewohner sind ruhige, vornehme Leute, die in der Stille Gutes thun und es partout nicht leiden können, wenn die Oeffentlichkeit sich mit ihnen befaßt.

Und Trianon? – Trianon ist ein großer, weißer, regelmäßiger Kasten, dessen Baumeister noch nachträglich gehängt werden müßte, weil er so viel alte, poetische, unpraktische Winkel und Ecken in eine 22 Fremdenpension hineinheimste. Ich werde hier vorzüglich schlafen, sehr viel essen, und meine Nerven werden stark und gefühllos werden wie die Stränge . . . Und die Gesellschaft ist keineswegs langweilig, sie ist nur gediegen. Ich schlage das Alter von uns sechzehn Pensionären zusammen auf etwa zweitausend Jahre an. Eine schöne stolze Zahl! Denke mal, zurückzureichen bis vor Christi Geburt, bis zu den Cimbernkriegen und Marius und weiter. Ich gürte mich nächstens mit einem Steinschwert und setze mir Urhörner auf . . . Wenn ich zum Größenwahn veranlagt wäre . . . Zweitausend Jahre! Ich werde die Zahl nicht los. Bei jeder Mahlzeit auf eine Zeit zurückblicken zu dürfen, wo auch der uradligste deutsche Edelmann nicht angeben kann, in welcher Höhle seine Ahnen hausten und in welchem Fels die Steine seiner Burg noch ungebrochen lagen.

Du, sie vierteilen mich, wenn sie meine Ketzereien wittern. Ich habe Angst. Denn es giebt hier drei sehr verschiedene Altäre, vor denen abwechselnd gekniet wird: die Bibel, die Rangliste und die Handarbeit. Die Zwischenzeit füllen Moralgespräche und Geschlechtsgeschichte aus. O, daß doch Tugend gesund und Stammbaumklettern stark machte! Ich passe auch durchaus in den Kreis. Ich bin Protestant, war Gardekavallerist und habe mir mal einen Hosenknopf höchstselbst angenäht. Auf der Schule nannten wir doch schon ahnungsvoll unsre Trinkverbindung Tugendbund, und mein Adel ist sicher so betagt wie ein ausgegrabener Brakteat.

Es giebt vier Mahlzeiten.

Morgenkaffee im Vorgarten: »Guten Morgen, gnädige Frau!« – »Guten Morgen, Herr General!« – »Wie geschlafen, gnädige Frau?« – »Schlecht. Es kam wieder ein Mensch gegen zehn den Schloßberg rauf. Aber ich habe einen Brief von Kara« . . . 23 Ich liege dann noch zu Bett, aber der Prolog unsers alltäglichen Schauspiels dringt durch die geöffneten Fenster zu mir herauf. Das regt mich so angenehm an, daß ich einen kleinen Vormittagsbummel unternehme. Erst wird die Leichenpredigtenluke neugierig umschlichen – es riecht infam nach Urkunden und Moder. Dann gehe ich hinunter in die Stadt und esse die knusprigsten Zwiebacke von der Welt.

Um ein Uhr das Diner. Die adlige Schulvorsteherin betet zweimal eindringlich. Leises Stuhlrücken, frommes Kopfnicken. Eine Dame hat den Kirchenprinzen glücklich bekurknickst. Ich esse wie ein Wolf.

Um vier Uhr Kaffee – wieder im Vorgarten. Die Handarbeitenrunde formiert sich und löst sich gewöhnlich erst gegen Abend auf. Dann schließe ich aber meine Fenster, weil man am Nachmittag vernünftigerweise doch nicht zweimal schlafen kann.

Um halb acht Uhr das bereits erwähnte Souper mit anschließendem Salongespräch. Ich schlafe wie ein Klotz.

Und die sehr junge, sehr schlanke Frau von neulich Nacht, die dich und mich natürlich am meisten interessiert? Wird vorläufig nicht gezeigt. Migräne. Sie heißt Isa von Isenberg und ist – nicht verheiratet. Der alte Herr war ihr Onkel. Graf X. X. – es giebt so viele Grafen, und er war ja nur einen einzigen Tag hier. Aber weil er auch nicht ein Wort gesprochen hat und auch nicht einen Bissen gegessen, findet man ihn vorzüglich unterrichtet, fabelhaft gut aussehend – ein Kavalier der alten Schule, der seine alleinstehende hübsche Nichte mit der ritterlichsten Zärtlichkeit umgiebt . . . Seit wann nennen sich übrigens Onkel und Nichte gegenseitig mit dem Vornamen, seit wann sprechen sie so kühl gemessen, seit wann will ein so junges Ding für einen alten Herrn 24 nicht einmal um fünf Uhr morgens aufstehen? . . . Sie soll unverheiratet sein – meinetwegen. Aber ich bin nun einmal Skeptiker. Verheiratete Frauen haben den gewissen freien Schritt, die gewisse wissende Stimme. Ich will nichts behaupten, aber mein Ramingshovenscher Falkenblick betrog sich noch nie. Das dunkle Frauenauge, das neulich durch die Mondnacht müde irrte, hat Mannesliebe schon gekostet, die schlanke Frauenhand, die damals über den grünen Tigerkopf glitt, hat schon einmal einen Ehering getragen. Wenn nicht – dann um so schlimmer für sie! Aber vielleicht strich sie ihn verächtlich ab, vielleicht löste ihn ein Geliebter kosend von den willigen Fingern. Ernest von und zu Ramingshoven, du sahst schon als Junge durch Mauern – und alle diese Tugendaugen sollten am Tage besser sehen als dein sündiges in der Nacht? – Blague! . . . Jedenfalls ist dies dreiundzwanzigjährige Edelfräulein der Verzug der Pension und ihr Migränesofa das wechselnde Lever einer jungen Prinzessin; soviel ältere Damen bemühen sich um sie. Isa ist eine so anmutige Abkürzung von der feierlichen Isabella – nur schade, daß sie gar nicht gesund sein soll, gar nicht lebenslustig. Sie ist schon Monate hier und soll noch Monate bleiben. Die Füße können nicht weit gehen, die Lunge nicht hoch steigen. Armes, krankes Ding! Ich habe genug von der Liebe, die Frauen thun mir nur noch leid . . . Und dann giebt's bei mir noch ein andres Gefühl – ach, pfui!

*

Alles Neue ist interessant. Seit drei Tagen steht neben mir ein leerer Stuhl. Ich starre unentwegt auf diesen leeren Stuhl und harre fiebernd auf die schlanke Isa, deren undeutliche Silhouette ich nur aus jener lauschenden Mondnacht kenne – und die 25 mir als Tischdame erkoren ist . . . Du kannst denken, wie solches Warten aufregt! . . . Immer soll sie kommen, und immer kommt sie nicht – und ich sitze höflich lächelnd, aber allein auf dem Platze des Grafen X. X. und esse, esse, weil die Hausmannskost wirklich gut ist. Zuweilen muß ich diese bekömmliche Beschäftigung anstandshalber unterbrechen, ein Glas Rotwein nachdenklich zu schlürfen, Umschau zu halten im Artuskreis. Es ist, wie gesagt, eine Hufeisentafel, in deren Mitte die adlige Schulvorsteherin präsidiert – ich kann ihre Brillengläser freundlich-strenge blinken sehen. Ihr zur Rechten und zur Linken der Uradel – wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt. Zuerst eine flachshaarige Matrone – kleiner Kopf, lange Beine –, dann eine würdige Sechzigerin, die schlecht sieht und beharrlich schweigt; ferner eine reizende blonde Kapitänsfrau, die gerne lachen möchte, aber nicht darf. Weiter ein paar alte unverheiratete Damen, die Parzen genannt, die sehr böse aussehen, aber sehr gutherzig sind – gemieden, das Schicksal so vieler alter Jungfern . . . Und dann . . . und dann . . . Es sind alles hohe und höchste Semester, Leute, die ungestraft tugendhaft sein dürfen . . . Der ganze Tisch ist völlig sünden- und geschlechtslos. Wenn ich mein Traditionsgefühl etwas ducken will, schaue ich auf den Glasschrank in der Ecke, wo altes Familiensilber traulich blinkt und wo der Schattenriß einer uralten liebenswürdigen Excellenz in den Spiegelscheiben zittert – Kinn und Nase scheinen sich während des Essens zu berühren, eine merkwürdig ungeölte Stimme knarrt . . . Und sie war sicher einmal eine schöne Frau! Bin ich aber wieder bösartig in meinem Herzen gewesen, dann schaue ich auf unsern Alterssenior, den General, – ein feines, kluges, verschmitztes Gesicht, das immer in liebenswürdiger Schelmerei zuckt. Wenn man sich doch auch so den Jugendmut und den hellen Horizont 26 bis in die hohen Siebzig hinüber retten könnte! . . . Ich habe ihn schon längst nicht mehr, ich bin innerlich schon recht alt.

Trotzdem – das Parfüm dieses Tugendtisches ist mir verhaßt. Und ich glaube kaum, daß irgend eine Brücke von seinen Lebensanschauungen zu meiner modernen Sündhaftigkeit hinüberführt. Vielleicht, wenn ich länger hier bin . . . Man lebt sich in vieles hinein und mag es dann nicht missen. – Vorläufig verspüre ich eine viel stärkere Hinneigung zu dem mit dem meinen korrespondierenden Quertisch. Da wird fröhlich gelacht, da geht ein kichernd-mokantes Gewisper. Mein Jugendkonkurrent herrscht dort, der Maler, ein häßlicher, salopp-eleganter Kerl, der immer auf der äußersten Gesellschaftsgrenze balanciert, aber unbedingt sicher und mit einem sardonischen Lächeln, das dennoch gutmütig ist. Ich weiß nicht, ob er Geist hat, ich weiß nur, daß er die täuschendsten Karikaturen im Augenblick zeichnet – und daß er fraglos der kecke Revolutionär dieser Tafelrunde ist, der mit seinem Spott auch die bereits versteinernden adligen Jungfrauen aufkitzeln möchte, die seine sehr exponierte Stellung (er sitzt direkt an der Thür, und Trianon wird wohl wissen, warum) ziemlich reizlos flankieren. Zuweilen gelingt's. Dann rollt höchst pläsierlich ein Salzwagen zwischen den Tellern durch – die Comtesse, die rührende Tochter einer alten Mutter, sagt ihre trocken-witzigen Naivitäten und lächelt mit harmloser Mokerie dem bürgerlichen Hauptmann a. D. zu, einer blondbärtigen Unteroffizierschönheit mit dem bayrischen Dienstkreuz und dem gutherzigsten Baß von der Welt. Er ist schon lange da, aber man hat noch immer nicht herausbekommen, bei welchem Regiment er stand, und die Comtesse erklärte zuletzt nachdenklich, daß es wahrscheinlich ein Hauptmann von der Feuerwehr sei. Am Ende rechnet mich auch der 27 Malerwitz zur Fußbombe, obgleich ich doch fünf volle Jahre den vornehmsten Kürassierhelm trug. Meinetwegen. Aber ich möchte trotzdem hinüber zu dem lustigen Tisch. Ich habe lange genug gravitätisch dagesessen, allen Hohn höchst ernsthaft in mich hineingefressen. Ich habe es satt, immer nur den lächelnden Wiederschein über die Gesichter da drüben gleiten zu sehen. Es muß doch wirklich lustig sein dort! Wenn selbst die graumelierte Freiin, deren Haarfülle ich nicht recht traue, lächelt, und die alte Excellenz, wenn sie zuweilen ein Wort erhascht, und die kleine Erzieherin mit den hübschen grauen Augen, die kaum vom Teller aufsieht und dennoch unfehlbar des Interesses für den Maler beschuldigt werden wird. Armes, bürgerliches Opferlamm altadliger Tugend! Ich überraschte mich gestern auf dem verbrecherischen Wunsche, einen Weinkork in die Lüfte zu schmeißen, bloß um etwas Leben an meinen Quertisch zu bringen. Heute möchte ich ein Soldatenlied singen, ein ganz tolles, wie es die Kürassiere im Biwak johlen . . . ich möchte . . .

*

Nein, alter Junge, ich möchte doch nicht!

Wir sind bereits beim zweiten Gang. Die Thür öffnet sich. Die langweilige Sonne aus dem Lichthof versucht zu blinzeln, der Haussegen über dem Mahagonibüffett lächelt . . .

»Aber gnädiges Fräulein!«

»Das ist ja reizend!«

»Das nenne ich mutig!«

Ein allgemeiner Aufstand, in dem meine Wenigkeit vergessen wird . . . Ich weiß zwar nun nicht, was besonders Mutiges dabei ist, wenn eine Migräne vorüber, oder warum es reizend, wenn eine junge Dame sich wieder zum Essen entschließt. 28

Isa, Baronesse von Isenberg, du bist gar nicht mein Geschmack – aber wer bist du?

Denke dir etwas sehr Junges, sehr Schlankes – ein Körper ohne Knochen, wie Fischbein, ein Armgelenk, das auch der dünnste Goldreif drückt, eine Kinderhand, über die auch der kleinste Trauring gleitet. Darüber ein schmales Gesicht, weiß, blutlos, mit großen, dunkeln Augen und dunkelm, schlichtem Haar, der Nacken anmutig gebeugt. Kalte Vornehmheit und müder Reiz merkwürdig gemischt: wie alte Bilder mutet es mich an, denen beim langen Hinsehen der fahle Heiligenschein wächst . . . Frau? – Jungfrau? Diese Hände verraten bei Tageslicht nichts, dieser Schritt ist nur müde . . . Ich bin ratlos. Man sagt, daß der Anfang des Interesses das Rätsel sei. Ich stehe hier vor einem. Ich ahne nicht, ob diese Frau oder dieses Mädchen eine Vergangenheit hat, ob sie jemals eine haben kann . . . Und sie hat doch eine – muß eine haben! Meine Sinne wittern das. Solch schlanke Hände können in der Leidenschaft pressen, daß das Blut unter den Nägeln spritzt, solch heilige Augen können leuchten, brennen, wenn ihnen nur erst der täuschende Schleier genommen ist, der kalte Schimmer . . . Mir passen solche Frauen nicht mehr in den Kram. Vielleicht, weil ich zu inbrünstig, zu thöricht einmal vor einer solchen Heiligen kniete. Idol, was hab' ich an dich für Herzblut verschwendet, unverstanden, ungeliebt, die unermeßliche Leidenschaft mit dem kleinlichen Zollstock gemessen! . . . Ich habe genug, ich will keine Heiligen mehr, die unter ihrem engen Heiligenschein nur das Alltägliche anerkennen. Ich suche keine Erinnerung, ich suche Vergessen – ich will starkes, junges Leben, heiße, leidenschaftliche Sünde . . . Du siehst, wie die Erinnerung wieder kocht, schäumt, überschäumt! Aber ich kenne mich jetzt. Wenn der Sprudel ausgewallt, bleibt nur eine 29 häßliche, trübe Flüssigkeit, der Bodensatz eines tödlich verletzten Gefühls . . . O, sie war so klein, so unverständlich klein, ihr letztes Wort war eine kleinliche Anklage für etwas, was ich nicht mal gethan! . . . Weiber – ihr ließt mir nur das Böse, den kaltschillernden Blick, das dumpfe Rachegefühl. Ich will verderben, verführen! Das ist das scheußliche Gefühl, über das ich nicht mehr hinauskomme und über das ich auch nicht mehr hinaus will.

Der leere Stuhl wäre also besetzt.

Und sofort entsteht auch eine andächtige Pause. Ein sehr adliger Regierungsassessor, eine reizende Reichsfreiin – wenn das kein Fingerzeig des Schicksals ist! Die guten, alten, adligen Damen . . . Auch der lustige Tisch horcht neugierig. Wie werde ich wohl die Stürmung dieser Zauberburg beginnen? – Ich beginne sofort, aber ich beginne auf meine Weise.

»Gnädige Frau sind schon lange hier?«

»Fast zwei Monate.«

Darauf ein Lachen, ein Kopfschütteln – der Tugendtisch verschluckt sich, und das Zwerchfell der alten Excellenz gluckst bedenklich. Wenn dieser Aufregung nur keine Verdauungsstörungen folgen! – Die sylphenhaft schlanke Isa vermählt, womöglich Mutter . . . Es ist zu komisch! – Wie reizend naiv doch verflossene Kürassieroffiziere sind, und wie kindlich blöde doch zukünftige Oberpräsidentenaugen blicken!

Nur zwei bleiben in dem Tumult ernst. Ich, weil ich nur über meine eignen Sarkasmen zu lachen pflege, sie, weil sie gerade die Augen auf dem Teller hat. Den Nacken steigt's rosig empor . . . Wenn ich sie sofort entlarvt hätte? – Du kannst dich beruhigen. Die Augen, die jetzt aufsehen, haben vielleicht einen Moment unsicher geflimmert, um dann sofort mit vornehmer Gleichgültigkeit über mich wegzugleiten. Sie scheint den unvergleichlichen Witz gar nicht verstanden 30 zu haben. Oder sie kann ebensowenig lachen wie ich weinen.

»Fräulein von Isenberg, aber das müssen Sie Ihrem Herrn Onkel schreiben!« ruft die Matrone mit dem kleinen Kopf.

»Aber das ist ja vorzüglich!« Die kurzsichtige alte Dame hat endlich begriffen und das ganze Doppelkinn wackelt.

Aber ich – und mich verblüffen lassen! »Verzeihung, Baronesse, ich sah Ihren Marquisenring nur von der Innenseite und bildete mir steif und fest ein, der Herr, der neulich morgen fortgefahren, sei Ihr Herr Gemahl.«

»Dann müßte ja aber Fräulein von Isenberg Gräfin sein und Excellenz,« erklärt kichernd die adlige Schulvorsteherin.

Jetzt fürchte ich aber, daß an dem Artustische wirklich eine Mumie vom Stuhl fällt! Den einen Erfolg hat's wenigstens, daß die schlanke Isa wirklich lächelt – ein verschwiegen-müdes Lächeln.

Genug des Scherzes! Ich gelte von jetzt an als braver junger Mann, der auch die älteste adlige Tochter schon allein durch seine köstliche Unbefangenheit glücklich machen könnte . . . Und Isa? Bleibt, wie sie war: hübsch, stumm, liebenswürdig. Und ich verstehe jetzt, warum sie so allgemein geliebt wird – ein Jungfrauenjuwel, das vor jeder Herzensaffaire erst höchst korrekt Mama fragen würde. Sie ist wohl ein Blender und gehörig langweilig. Jedenfalls mag sie mich nicht. Das fühlt man sofort heraus. Hat sie mich durchschaut, wittert sie instinktiv hinter der glatten Phrasenlarve den verwitterten Roué, den kalten Verführer? Ja, schönes, blasses Kind – jeder giebt sich eben so vorteilhaft, wie er kann! Ich bin seicht – man kann das im Leben nie genug sein; ich schmeichle – keine Eloge ist grob genug für eine 31 Frau. Und im übrigen: ich bin gleichmäßig höflich, ich wechsle zweimal am Tage meine Toilette, ich bin mit meinem Namen, meiner Zukunft, meinem Vermögen gewissermaßen prädestiniert für eine kalt-glücklich legitime Ehe . . . Wer sieht durch, wer kennt die hohnlächelnde Leere, die sich unter dieser tadellosen Hemdenbrust dehnt?

Nach Tisch klopfte mir der Maler lachend auf die Schulter: »Ramingshoven, Sie sind ein Vokativus!« Er ist von tadelloser Familie und hat es glücklich bis zum Dragonerfähnrich gebracht.

»Wie meinen Sie das, Verehrtester?«

»Na, daß sie sich alle fürs Leben gern gnädige Frau schimpfen lassen, wenn sie auch noch so jungfräulich sind.«

»Da haben Sie es wohl schon vor mir versucht?«

»Leider nicht. Außerdem bin ich für die Isenberg viel zu gottlos.«

Darauf zeigte er mir ganz ungeniert eine Masse intimster Skizzen aus Trianon. Der Artustisch wird sich höllisch wundern, wenn er sich nächstes Jahr im Ausstellungspalast und in Oel wiederfindet . . . Ein hohes Ecarté schlug er mir auch vor. Dankte vorläufig. Muß erst noch langweiliger werden. Für die blasse Isa hegt er recht sündhafte Männergefühle, obgleich er selbst irgendwo in den Bergen hier eine heimliche blonde Geliebte sitzen hat. Sagt auch ganz ungeniert: »Kann ums Verenden nicht länger als vierundzwanzig Stunden treu sein. Ist mir nicht gegeben.« . . . Der gute Mann dürfte danach einen recht netten Ehemann abgeben. Und wie vorteilhaft präsentiere ich mich daneben – mit meiner bewährten Moral! . . . Der durchsichtige Eiszapfen wird uns beiden aber schwerlich hier das Leben versüßen wollen.

Langweiliges Frauenzimmer! Da sitzt sie nun vom Kaffee ab zwischen den alten Tanten im 32 Vorgarten und stichelt, stichelt, und Gott weiß, ob diese Jugenddecke jemals fertig wird. Ich bemerke jedenfalls beim besten Willen nicht den geringsten Fortschritt. Aber die Pension findet gerade diese Stichelei reizend und hat die Isenberg bereits kniefällig gebeten, die zarten Fingerchen nur ja nicht zu überanstrengen. Dabei stichelt sie nur ganz mechanisch und außerdem schlecht – die Hände sinken ihr bei jedem dritten Stich ganz von selbst. Und sie entschuldigt sich keineswegs für ihre Ungeschicklichkeit, sie geniert sich nicht vor diesen strengen Handarbeitskünstlerinnen, die, die Tugendbrille auf der Nase, emsig über die Arbeit gebeugt, auch nicht eine Masche fallen lassen, auch nicht eine Familienhistorie vergessen . . . Weißt du übrigens, was mir langsam klar wird? Die blasse Isa ist überhaupt gar nicht da, sie lebt ganz wo anders, ihre Gedanken weilen mindestens hundert Meilen entfernt, und die lasche Fingerbewegung, das matte Lächeln sind die unwillkürlichen Reflexzuckungen einer Nachtwandlerin. Der Stern von Trianon ist vierte Dimension. – Wo weilt dieser entrückte Geist? Was träumt er? Sicher etwas korrekt Thörichtes, uradlig Privilegiertes. Sie klettert wahrscheinlich auf etwas abgelegenen Stammbäumen – und die schlanken Arme sind doch nicht eines Klimmzuges fähig! Viel eher könnte sie in einer Familienchronik blättern, einer uralten, heiligen, wo die vergilbte Seite wie ein welkes Herbstblatt raschelt. Jedenfalls weiß ich es nicht, und jedenfalls liegt in diesem Nichtwissen ein geheimer Reiz.

Bei dem Abendessen beobachte ich sie jetzt aufs genaueste. Sie ißt wie ein Vogel, und es kostet ihr wohl unendliche Mühe, auch den kleinsten Bissen hinunterzuschlucken. Der arme müde Vogel thut es nur aus Pflichtgefühl, aus einem mir unbegreiflichen Willen zum Leben. Und sie mag dieses 33 gesellschaftliche Pflichtgefühl manchmal verwünschen, wenn sie meiner seichten Unterhaltung wenigstens scheinbar lauschen muß. Von Zeit zu Zeit fröstelt sie, der ganze zarte Körper bebt, und der Atemzug entgleitet ihr wie ein unterdrückter Seufzer. Wem gilt er? Liebt sie unglücklich? Ist sie schwer krank? – Ich hätte Angst, mit dieser Frau durch einen tiefen Wald zu gehen, weil ich jeden Augenblick befürchten müßte, sie könne sich vor meinen Augen langsam in die vierte Dimension auflösen. – Aber sie wird nicht schlapp, sie hält sogar merkwürdig aus.

Bei der Schlafkonversation im Salon fehlt sie niemals. Ich habe mich an diese Unterhaltung gewöhnt, sie ist mir fast ein Bedürfnis, wie die Ahnenbilder, die Wappenkissen, der hyperloyale Klatsch. Denn der Artustisch bildet auch hier eine Welt für sich. Ich widme mich darum mit Vergnügen der reizenden blonden Kapitänsfrau, die immer in Decken gehüllt auf der Chaiselongue ruht. Sie lacht jetzt auch, ist lustig, sie erzählt so liebenswürdig von ihrem Regiment, von ihren Brüdern, ihrer Vermählung in der alten Dorfkirche des Familiengutes, wo der würdige Geistliche von den vielen Tausenden predigte, über die der Bräutigam gebiete, und wie bei der Gelegenheit ein Leutnant losgeplatzt sei, und wie sie selbst trotz aller Feierlichkeit habe lächeln müssen, weil der gewaltige Generalfeldoberst und Herr eben erst Compagniechef geworden war über ein Heer von zwei Leutnants, zehn Unteroffizieren, vier Spielleuten und hundertzweiundzwanzig Mann. Ich horche voll Andacht, wie die Reichsfreiin singt, nach vielen schweigend hingenommenen Schumanns das unausstehliche flachsinnliche Trallalilied von Phyllis und den süßen Mutterküssen. Sie singt recht hübsch. Und auch ich bewege klatschend die Hände zu dem unbegreiflichen Jubel, der gerade diesem Liede folgt. 34

Als der verstummt und nur noch die Häkelnadeln klappern, sagt der Maler höchst monoton seinen Schüttelreim: »Gieb mir einen Mutterkuß, weil ich auf den Kutter muß«. Es ist auch eine Kritik, sogar eine recht bösartige. Aber als wohlerzogener Mann verziehe ich dazu nur säuerlich den Mund. Ich verstehe die flachshaarige Matrone so gut, wie sie eisig den siebenhundertunddreiundachtzigsten Faden ihrer Stickerei einfädelt – ich wünsche jetzt auch keine Sarkasmen, ich will mich lieber der Ahnenbilder und Wappenkissen würdig zeigen, standesgemäß langweilig sein – hauptsächlich weil es direkt nach Tisch und ich viel esse und sanft zu schlafen gedenke . . . Und ich bin dann aufs höchste verwundert, wenn sich aus dem Lehnsessel am Fenster eine Dame erhebt, die nicht gelacht, nicht gesprochen, nicht Beifall geklatscht hat. Ich hatte die blasse Isa ganz vergessen . . . Sie bleibt nie länger als bis neun, und dann sagt sie »Gute Nacht«. Aber gerade bei diesem frühen Abschied, wo aller Augen doch etwas verwundert auf sie gerichtet sind, gefällt sie mir. Sie ist so schlank, so elegant, sie hat auf einmal die eiskalte Sicherheit einer ganz großen Dame, die ihren Hofstaat verabschiedet. Sie geht ohne irgend ein weiteres Wort.

»Sie könnte sehr wohl Reichsgräfin sein und Excellenz,« meint der Maler, ihr nachschauend, ganz laut. Er nimmt mir dabei das Wort von der Zunge. Der Artustisch ignoriert seine Bemerkungen stets.

»Sie ist doch reizend! Fast wie Kara . . .« Die flachshaarige Matrone – ich spüre das Walten höchster Tugendmächte.

»Ja, sie hat etwas sehr Vornehmes – aber auch was recht Krankes.« Das ist die blonde Kapitänsfrau.

»Und sie hat sich sehr erholt hier – sehr!«

»Ja, die gute Luft . . .« 35

»Und die Ruhe . . .«

»Und auch wieder die Anregung . . .«

»Wer sollte sich auch hier nicht erholen!«

Der Artustisch spricht damit seine heiligste Ueberzeugung aus. Die adlige Schulvorsteherin verbeugt sich lächelnd nach allen Seiten. Dabei stößt mich der Maler heimtückisch in die Seite und macht ein so nichtswürdiges Gesicht, daß die kleine Erzieherin mit den grauen Augen den Schlucken bekommt und schrecklich husten muß.

»Ja, was ist denn los?« fragt befremdet der Artustisch.

»Ja, was ist denn los?« fragt der Maler mit ganz heiligen Augen.

Aber man kennt ihn bereits zur Genüge. Es entsteht eine unangenehme Pause, und ich ahne schon mit Schrecken, daß wiederum das Trallalilied versöhnend erschallen wird. Aber was zu viel ist, ist zu viel! Und weil ich ja so brav, so reizend naiv, und weil ich doch ganz sicher Isa von Isenberg heiraten werde, getraue ich mir, die Gefahr abzulenken.

»Geht eigentlich Fräulein von Isenberg schon so früh zur Ruhe?«

»O nein!« rufen alle. Die blasse Ida ginge jeden Abend um die Zeit noch eine halbe Stunde spazieren.

»Allein?« frage ich.

»Allerdings.«

»Das ist aber merkwürdig!«

»Nein, das ist gar nicht merkwürdig!« Der Artustisch sagt's beinahe pikiert.

Ja, alter Freund, da behaupte einer, daß es keine Wunder mehr giebt! Denn wenn auch die achtzigjährigste Maid von Trianon diesen Nachtspaziergang riskierte, so würde über sie der Stab gebrochen als eine lasterhafte, leichtsinnige Person, die auf 36 Männerfang ausgeht. Isa von Isenberg thut's ungestraft! Sie hat sicher nichts gesagt, nichts erklärt – sie ist nur eines Tages gegangen. Und Trianon sagte wie aus einem Munde: »Ach, wie reizend! – Ach, wie mutig!«

Erkläre mir, Graf Oerindur . . .

*

Einmal bin ich ihr gefolgt. Es war einfach geboten. Wenn Trianon die Sittenkontrolle seiner Schutzbefohlenen so schmählich vernachlässigt . . . Sie könnte ja trotz aller Heiligkeit einen recht unheiligen Galan haben. Die Nächte sind zurzeit warm und dunkel, der nahe Wald verschwiegen. Ihre einsame Abendpromenade ist bekannt. Sie geht immer zu den drei Thronen, einem idyllischen Aussichtspunkt auf der Höhe des Schloßberges. Ich folgte ihr wie ein Detektiv auf einem Parallelweg, von Busch und Tann gedeckt. Sie sieht mich nicht, aber ich kann immer den schlanken Schatten müde und doch rasch dahingleiten sehen . . . Plötzlich ist sie verschwunden. Ich horche – kein Laut. Ich schleiche näher – die drei Throne liegen im undurchdringlichsten Schatten einer Riesenbuche. Ich bleibe unentschlossen stehen. Gerade gegenüber ragt das Schloß weiß und tot, im Thal lugt aus feuchten Sommernebeln ein einziges verschlafenes Licht . . . Da bin ich endlich als ahnungsloser Wanderer direkt losgegangen auf diesen berühmten Aussichtspunkt. Die Nachtwandlerin war wohl da, aber allein, sie stand in tiefsten Träumen. Erst als mein Arm sie fast streift, fährt sie mit einem leisen Aufschrei zusammen. Sie hat sich übrigens sehr in der Gewalt und verrät sich selten. Und da haben wir fünf Minuten geplaudert. Ich so leise und weich, wie's ein Nachtrendezvous verlangt, sie pointiert, laut, – sie hat auch nicht eine Spur von 37 Dialekt. Wir hatten bald genug. Ich biete ihr höflich meine Begleitung an, sie nickt nur. Wie wir auf den hellen Kiesweg heraustreten, sehe ich etwas an ihrer Hand baumeln. Auch blödere Augen würden diese plumpe Kette sofort erkannt haben – ein Rosenkranz, ein alter, heiliger, wahrscheinlich vom Papst selbst geweiht. Sie muß gebetet haben. Ich schaue schweigend – ich liebe ja den Dom zu Köln und fromme Frauen. Sie fühlte sich wohl entlarvt und antwortete ungefragt: »Meine Mutter war Katholikin, und ich liebte sie sehr.«

»Heut ist Sankt Johann.« Ich blätterte gestern nämlich im Kalender.

»Ja. Meine Mutter starb heut.«

»Ist's lange her?«

»Ich war noch ein Kind . . .« Nach einer Pause: »Glauben Sie?«

»Nein – nichts – leider . . . Aber ich habe den Kinderglauben der Frauen gern.«

Sie sieht ins Leere und wiederholt langsam: »Den Kinderglauben der Frauen . . . Ich habe ihn längst nicht mehr.«

»Und dieser Rosenkranz, Baronesse? Warum wollen Sie scheinen, was Sie nicht sind? Es ist Sankt Johann heute!«

Da tritt sie einen Schritt zurück, beißt die Zähne auf die Lippen – noch nie habe ich heilige Dunkelaugen so leidenschaftlich erregt durch eine Sommernacht blitzen sehen. Sie vergißt sich völlig selbst . . . Und sie hat Rasse, bei Gott . . . »Ja, heute ist Sankt Johann! Es ist gut, daß Sie mich daran erinnern!« Die Stimme vibriert . . . »Und wissen Sie, was dieser Rosenkranz bedeutet? Ein elendes Gaukelspiel, wie alles im Leben, eine schwachherzige Erinnerung, mit der ich mich selbst betrüge, und von der ich doch nicht los kann . . . Ich glaube nichts, nichts! . . . 38 Wollen Sie sehen?« Und im Augenblick faßt sie die geweihte Kette mit beiden Händen, zerreißt sie, die Perlen hüpfen über den Abhang, an dem wir stehen. »Ja, heute ist Sankt Johann!«

Sie ist dann allein weitergegangen. Ich werde ihr auch kaum wieder in thörichter Neugier folgen.

Die Nacht schlief ich schlecht. Man wird doch nie die Weiber los! Die hier stößt mich ab und zieht mich wieder an. Sie ist eine unheimliche Heilige – und ich möchte doch . . . Diese Nacht drückt Trianon unerträglich.

Zwei Stunden hab' ich gelegen. Dann bin ich aufgestanden – der Maler hat in seiner Mansardenstube noch Licht. Er ist ein Nachtvogel. Ich habe ihn heruntergeholt. Er saß gerade in Hemdärmeln auf einer Chaiselongue und döste über einem Bild, das er nachlässig pfeifend versteckte. Es war ein bildhübscher, leidenschaftlicher Frauenkopf. Das heilige Trianon weckt nicht bei mir allein sündige Phantasien. Dann sind wir in den Salon gegangen, haben alle fünf Leuchtarme des Kandelabers angedreht, die Thüren zum Rauchzimmer weit geöffnet und auch da entflammt, was zu entflammen war. Es war eine unerhörte Lichtverschwendung, und das tote Nest unten und die Wappenkissen und Ahnenbilder ringsum mögen gestöhnt haben über diese tageshelle Unterbrechung eines vielhundertjährigen Schlafes. Den Cognac zu unserm Fest gab ich, die Zigaretten er. Und so haben wir regelrecht gejeut, bis das Kunstlicht sich mit der Morgensonne herumzubalgen begann. Mir hat er tausend Mark nach langen Kämpfen abgejagt – und ich fühle mich nach dieser Ausschweifung heute ordentlich frei trotz Fusel und Nikotinkaters. Wenn die adlige Schulvorsteherin und der Artustisch unsre Sünden ahnten! . . . Sie schnupperten zwar alle höchst bedenklich am andern Morgen und konnten gar nicht 39 begreifen, daß der Cognacgeruch von meinem Zimmer und der Zigarettendampf von seiner Mansarde boshaft bis in die roten Plüschmöbel des Salons gekrochen waren. Der Maler bemerkte dazu höchst ernsthaft: »Ich verstehe auch nicht – es riecht sogar nach Cognac fine Champagne, ausgerechnet Hennessy, trois étoiles ans dem Jahr 1850 . . . Gestern war Sankt Johann, und da ereigneten sich schon zu alten Zeiten Zeichen und Wunder.«

Darauf konnte die flachshaarige Matrone natürlich nur schweigend wieder einen Faden einfädeln. Sie ist jetzt gerade bei der linken Wappenfeder eines altertümlichen Küchentuchs für Kara.

Die Isenberg hat wieder Migräne. Aber sie will niemand um sich haben, und die alten Damen horchen darum nur angstvoll an der Zimmerthür. Sie ist doch wohl ein hysterisches Persönchen, mit deren Nervenzufällen man nicht streng ins Gericht gehen darf.



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