Johannes Richard zur Megede
Trianon
Johannes Richard zur Megede

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Viertes Kapitel

Liebes Fräulein, Sie haben Anstoß erregt – schweren Anstoß bei uns allen!«

»Aber, gnädiges Fräulein – ich bitte Sie inständigst – ich bin mir nicht der geringsten Schuld bewußt.«

»Um so schlimmer, wenn Ihnen das Gefühl dafür abgeht . . . Ich kann Ihnen nur sagen, wenn die adeligen Herrschaften, in deren Hause Sie junge Mädchen erziehen sollen, auch nur eine Ahnung hätten, sie wären tief unglücklich, und ich glaube, daß Sie nicht einen Moment länger . . . Meine Nichte, die Comtesse, hat Ihnen schon einmal angedeutet, daß Sie auf abschüssiger Bahn sind – und es ist mir jetzt eine unendlich traurige Pflicht, Ihnen das im Namen sämtlicher Damen wiederholen zu müssen. Wir sind in tiefster Seele empört! . . . Ueber den betreffenden Herrn kann ich Ihnen nur so viel sagen, daß er leider ein Mann ist, wie Gott sei Dank nicht viele Männer sind. Er gehört eben nur äußerlich unserm Stande noch an. Dazu ist er ein sogenannter Künstler und sehr verwöhnt. Seine Gedanken sind wahrscheinlich noch pietätloser als seine Gespräche. Solche Menschen soll ein achtbares junges Mädchen nicht aufsuchen, sondern meiden . . .«

»Aber ich habe doch nun einmal nichts verbrochen, nicht einmal in Gedanken! . . . Er ist eben der einzige jüngere Herr hier . . . mein Tischnachbar . . . und war immer freundlich gegen mich. Ich kann Ihnen bei allem, was mir heilig ist, schwören . . .«

»Liebes Fräulein, das möchte ich Ihnen sehr gern glauben. Aber bis jetzt war Ihr Verhalten nicht derart . . . Nehmen Sie sich noch in der zwölften Stunde ein Beispiel an Fräulein von Isenberg, die 52 in der Tischunterhaltung mit dem sicher ganz einwandsfreien Baron von Ramingshoven sich auf das Allernotwendigste beschränkt!«

»Aber sie geht doch sogar in stockfinsterer Nacht allein spazieren.«

»Liebes Fräulein, lästern Sie nicht! Wenn Ihnen daran liegt, daß wir schweigen, den Mantel christlicher Liebe über eine hoffentlich nur vorübergehende Verirrung breiten – dann zeigen Sie wenigstens Reue!«

Der weibliche Großinquisitor hat danach auf dem kränklichen, zarten Dinge so lange und so energisch herumgekniet, bis das Unglückswurm ganz zermalmt war und für die mütterliche Fürsorge beinahe noch dankte. (N. B. Ich wohne nämlich in Hörnähe auch des Salons.)

Diese Unterredung zwischen der adeligen Schulvorsteherin und der kleinen Erzieherin mit den hübschen grauen Augen fand im Salon statt – eine Stunde nachdem der Maler in Liebesangelegenheiten verreist war. Und die Ahnenbilder und Wappenkissen haben sicher voll schöner Befriedigung zugeschaut . . . Die Brillengläser mögen in wahrhaft eisiger Nächstenliebe gefunkelt haben! . . . Ich verstehe nun freilich nicht, warum die Tugend gerade diesen Moment wählte oder warum sie sich nicht lieber an den Maler direkt wandte – denn vorläufig verführen doch immer noch Männer die Frauen und nicht umgekehrt. Der Maler würde allerdings in ein schönes Hohngelächter ausgebrochen sein – und auch die Tugend steigt lieber über niedrige Zäune.

Ich lächle nur. Meine Zeit kommt auch noch.

Trianon befindet sich seitdem in etwas gedrückter Stimmung, und die gleichfalls sittlich entrüsteten Baronessen des lustigen Tisches wagen gar nicht aufzusehen. Die kleine Sünderin bleibt verschüchtert in 53 der Dachstube und wird nächstens noch Fehltritte gestehen, die sie nie beging. Die Tugend hat, wie gesagt, glänzend gesiegt. Aber daß die Isenberg sich auch an dieser Entrüstungsadresse beteiligen konnte, das paßt nicht zu der Rosenkranzgeschichte, das ist nicht nur adelige Heuchelei, das ist schlecht.

*

In der Residenz giebt's übrigens auch Feste.

Jeden Donnerstag Nachmittag dringt eine ohrenzerreißende Blechmusik aus den Tiefen der Stadt zu unserm Schloßberg empor. (Auf dem Schloßberg darf übrigens immer noch nicht geküßt werden, und der gesetzeskundige Maler besorgt dies Geschäft, um nicht täglich arretiert zu werden, lieber außerhalb, dort aber um so ausgiebiger.) Besagte Blechmusik heißt Kurmusik und spielt auf dem Markt. Bis jetzt verhielt sich Trianon gegen dieses Volksvergnügen sehr ablehnend. Heute glüht die Sonne, und das enge Thal wallt in Hitzdunst. Da drückt anständige Langweile unerträglich. Wenigstens ein Teil des lustigen Tisches hatte sich zu einer Vergnügungsexpedition nach unten entschlossen. Ich bummle etwas später nach, und die Blicke des Handarbeitstisches folgen mir vom Vorgarten aus recht wohlwollend. Ich wandle nämlich auf den Spuren der blassen Isa, die fünf Schritte vor mir ein weißes, reizend durchbrochenes Sommerkleid den Schloßberg hinab spazieren führt. Vornehmen Geschmack hat sie, und darum traute ich ihr eigentlich die andre unvornehme Geschmacklosigkeit nicht zu. Einmal drehte sie sich um – der Teufel ist hinter ihr – und nun muß sie doch liebenswürdig grüßend warten, bis ich an ihrer Seite bin.

Zwischen hohen, alten Holzhäusern und an einem Blödsinnigen, der rosa Strümpfe strickt, vorüber, geht die Promenade. Wir unterhalten uns sogar. Ich spiele natürlich auf unsre Skandalaffaire an, aber 54 kühl ironisch, – auf welcher Seite ich stehe zu erraten, ist unmöglich. Erst versteht sie nicht. Ich muß schon deutlicher werden.

»Baronesse, ich habe doch aber ganz bestimmt gehört, als wenn diese kleine Erzieherin bei sämtlichen Damen Anstoß erregt hätte, – vor allem bei Ihnen.«

»Bei mir?« Sie sieht mich groß an. »Seit wann sehen Sie Gespenster am hellen Tage, Herr von Ramingshoven?«

»Aber Baronesse, ich bin meiner Sache ganz sicher!«

»Welcher Sache?«

»Baronesse, ich bin baff – Sie haben doch mit ganz Trianon offiziell Anstoß genommen an dem Verhalten der jungen Erzieherin zu dem Maler.«

»Ich habe keinen Anstoß genommen!« unterbricht sie kurz.

»Haben Sie die Gnade, sich zu besinnen! Sie haben doch immer bei den alten Damen gesessen, als diese Frage diskutiert wurde. Ich bin selbst einmal unfreiwilliger Zeuge gewesen von einem derartigen Gespräch.«

Da errötet sie leicht. »Dabeigesessen werde ich dann wohl haben. Aber ich habe die schlechte Gewohnheit, selten zuzuhören. Die Unterhaltung ist nicht sehr amüsant, ich habe Eigenes genug zu denken, und die Handarbeit ist bei mir mehr ein Vorwand . . . Sie sehen, ich komme auch nicht recht weiter . . . Es ist gewiß eine häßliche Angewohnheit, sich innerlich so zu isolieren – und wenn Schweigen zustimmen heißt, so werde ich wohl schon zu vielem meine Zustimmung ahnungslos gegeben haben . . . Direkt gefragt hat mich aber sicherlich wegen dieses jungen Mädchens niemand, sonst hätte ich wohl ehrlich geantwortet, daß ich sie kaum kenne . . . Hat sie wirklich etwas Unpassendes gethan? – Dann sollte sie mir leid thun. Denn sie 55 sieht nicht aus, als ob sie das Schicksal bis jetzt verwöhnt hätte.«

Ich zuckte die Achseln. »Unpassendes? – Gott, wie man's nimmt! . . . Die älteren Damen sollten doch am Ende wissen . . .«

»Bitte, erzählen Sie!«

Ich habe darauf eine sehr sachliche Darstellung gegeben. Trianon kann mit meiner feigen Objektivität zufrieden sein.

Wir bleiben endlich an einem Bäckerladen stehen. »Es ist gut, Herr von Ramingshoven, daß Sie mich orientieren . . . Aber der Ritterlichste waren Sie bei der Gelegenheit auch nicht! Das Mädchen hat danach doch nichts gethan . . . ein paar leere Vermutungen, weiter nichts . . . Nein, ich habe keinen Anstoß genommen – ich zuletzt! . . . Und wenn wirklich etwas dran wäre – sie ist dreiundzwanzig Jahre, genau so alt wie ich, und ihre Liebe soll man ihr doch wenigstens lassen . . .« Sie spricht rasch, zuckend, es ist ein lichtleidenschaftlicher Augenblick in diesem Traumleben, wie damals an den drei Thronen. »Nein, das darf nicht sein! So etwas empört mich, wird mich immer empören . . . Unsre Liebe gehört uns, uns allein. Es hat niemand ein Recht, niemand . . .« Und dabei gleiten die heißen Dunkelaugen über mich weg und schweifen in ungemessene Weiten. – Sie liebt! – Ich sehe sie lauernd und unverwandt an. Der Mitwisser eines Geheimnisses hat schon halbgewonnenes Spiel. Aber als wenn bei diesem selbstvergessenen, sehnsüchtigen Schauen der heiße Strom langsam erkaltete, so legt sich allmählich wieder der matte Schleier über das blasse, schmale Heiligengesicht. Und die Stimme der Erwachenden sagt langsam, müde: »Die alten Damen meinen es mit dem jungen Mädchen doch nur gut. Sie wollen sie vor einer schweren Enttäuschung bewahren . . . Freilich, Anstoß – das 56 ist ein liebloses Wort. Ich würde es auch dem verworfensten Geschöpf nicht sagen. Damit bessert man nichts, damit reizt man nur! . . . Und ist denn ein Mensch überhaupt so frei von Sünde, daß er Anstoß nehmen darf in seinem Herzen? Ich werde nachher selbstverständlich zu dem jungen Mädchen gehen und freundlich mit ihr sprechen. Sie darf sich nichts in den Kopf setzen. Sie ist doch wohl sehr weltfremd, und er ist sicher sehr gewissenlos.«

»Unsre Liebe gehört uns, uns allein!« wiederhole ich sarkastisch. Sie zuckt leicht zusammen – das unsichere Flimmern – aber sie wünscht nun einmal keinen Vertrauten. »Das fuhr mir nur so 'raus,« entschuldigt sie. »Ich folge leider zu oft solchen Augenblicksimpulsen.«

»Der Impuls, Baronesse, ist das Beste in uns – er ist unsre Jugend!«

»Meinen Sie auch, was Sie sagen, Herr von Ramingshoven?«

Darauf kann ich nur gelassen die Achseln zucken.

Aber sie läßt sich nicht irre machen. »Ich traue Ihnen doch nicht recht! Sie scheinen jedenfalls eine kalte, beobachtende Natur, die andre Schwächen sofort wittert, aber selbst niemals einem leidenschaftlichen Impulse folgt. Ich erkannte Sie vom ersten Augenblick, wo wir uns sahen, und es ist mir gerade darum unbegreiflich, daß Sie mich in zwei Momenten des Impulses beobachten durften . . . Sie haben über die Rosenkranzgeschichte zu niemand gesprochen – kleine Indiskretionen traue ich Ihnen auch nicht zu – aber ich habe den Abend erst recht nicht vergessen. Ebenso wenig wie ich unsre heutige Unterredung vergessen werde. Ich vergesse überhaupt nicht leicht – und das ist ein großes, großes Unglück . . .« Sie sieht mich an. »Nicht wahr, Sie möchten gern herausbekommen, was ich eigentlich bin?« – Ich bin wohl nur krank, 57 recht krank. Und in einer kranken Wallung habe ich den Rosenkranz zerrissen, – vielleicht habe ich auch ein gutes Recht, nichts mehr zu glauben, obgleich ich es doch so gern möchte . . . In einer kranken Wallung habe ich vorhin gesprochen, – vielleicht weil jemand, der meinem Herzen sehr nahe steht, durch eine große Leidenschaft auf Momente glücklich und dann fürs ganze Leben tief unglücklich geworden ist . . . Einsame, kranke Menschen, zu denen ich mein Lebtag gehörte, sind eben seltsam.«

Durch Worte wird man nicht klüger, lieber Freund!

Wir sind inzwischen bis zum Markt gekommen. Der lustige Tisch erwartet uns dort bereits. Im Nähergehen sagt die Isenberg noch wie scherzend: »Ich werde mich jetzt auch zu bessern versuchen, hören und sehen, was um mich vorgeht, wie gewisse andre vernünftige Leute. Es wird mir wohl Mühe kosten, ganz in diesem kleinen Kreis zu leben . . . Sie lächeln skeptisch? – Ich werde vielleicht eine große Enttäuschung dabei erleben. Gleichviel! – Sie lieben ja den Impuls, und ich will ihm jetzt zum drittenmal folgen.«

Ich verbeuge mich. »Glück auf, Baronesse!«

»Vogue la galère, Herr von Ramingshoven!«

Da sitzen wir nun auf dem Markt. Es ist ein enger Platz mit einem wunderlichen Rathaus und einem alten Turm. Die Kirche und das Schloß sehen gekränkt auf diese Sündenwelt hinab. Vor dem Hotel auf dem holprigen Pflaster stehen Tische, Bier schäumt, der Limonadenlöffel klirrt. Freundliche Piccolos irren umher, das spärliche Kurpublikum amüsiert sich. Eine jugendliche Musikbande spielt stehend auf Marktes Mitte. Hunde kläffen, Kinder spielen, die roten Hüte einer Mädchenpension leuchten festlich. Wenn man den Markt mit den heruntergeworfenen Noten der Kapelle 58 pflastern wollte, es gäbe eine etwas bizarre, aber sehr ausreichende Mosaik. Es ist stickend heiß, obgleich auf diesem historischen Punkt drei Thäler münden, doch sobald ein Sommerwind fächelt, wühlt er auch alle Kleinstadtgerüche auf, die Gossenatmosphäre. Ich sitze beschaulich. Mottenburg ist am Ende gar nicht so übel! Das vielfensterige Rathaus hat innen keine Treppen – man schlängelt sich seitwärts hinauf; und in die Keller gelangt man am besten durch die Dachluke – so eng schmiegt sich das Nest an seinen Schloßberg. Zum Apothekenfenster sieht zuweilen der mehr als phantastische Kopf des Einhornprovisors heraus, – beim Nachbar Kaufmann flaniert die sehr dicke und darum sehr gutmütige Tochter. Touristen kommen und gehen mit grauen Brillen und riesigen Bergstöcken, obgleich niemand diesen beschwerlichen Luxus angesichts der sanft aufsteigenden Buchenhöhen verstehen kann. Eine Kuhherde trottet anmutig läutend, rote freundliche Tiere mit mildem Brüllen und sanft gebogenem Horn; der Hirt schreitet ernst, der hagere Schäferspitz keucht atemlos. Vom Nachbartisch hat sich träumerisch ein Kurgast erhoben, die blöden Augen schauen voll Sanftmut. Die Herde, die ihn arglos streifte, ist fast vorüber. Da naht der letzte der Schar. Der Tierfreund vermag seine Gefühle nicht länger zu beherrschen und liebevoll gleitet die Hand über den glatten, roten Rücken. Es war ein Ochse. Und ich verstehe den Mann so gut! Erlag ich doch bei einem Haar derselben Versuchung. Es treibt eben jeder den Ahnenkultus auf seine Art. Die Musik, die rücksichtsvoll pausiert hatte, uns den schönsten Kurgenuß nicht zu verkümmern, setzt wieder mit einem schmetternden Marsch ein. Von der Schloßtreppe steigt gerade der verantwortliche Ministerpräsident dieses Traumstaates hernieder, ein tiefschwarzer, ernst nervöser Herr von einer unbegreiflichen Jugend für so viel 59 Würde. Der Maler behauptet, man müsse ihn »Euer Excellenz« anreden – aber der Maler behauptet ja vieles. Die Comtesse ist ihm bekannt, und der hohe Beamte tritt an unsern Tisch, spricht einige Worte – sehr höflich, aber doch mit einer gewissen ironischen Ueberlegenheit. Ich werde auch vorgestellt – und glaub mir's oder glaub mir's nicht, der Autoritätenglaube liegt uns nun einmal im Blute – daß ich nur Thörichtes stammeln kann und wie der junge Heine vor der alten Excellenz Goethe die Regung verspüre, in ein Mauseloch zu kriechen und von da aus die roten Kirschen zu rühmen, die mir unterwegs begegnet.

Die Musik hat geendet – der letzte Marsch war wohl nur ein Huldigungsmarsch für Excellenz. In der Hoteleinfahrt spannen die Journalieren an, müde Hufe klappen. Die Kurgäste trollen sich, die Hunde und die Kinder auch. Noch einmal leuchten an der schmalen Passage des alten Turmes die roten Strandhüte der Pension. Einer der aufregendsten Momente in meinem Leben ist wieder einmal vorüber.

Wir bleiben. Der reifere Jugendtisch ist, angeregt durch die Musik, recht lustig gewesen, hat gelacht, sich sogar mokiert, die Comtesse sagte ihre trockenwitzigen Naivitäten. Nun wollen wir alle noch ein wenig ausruhen. Isa von Isenberg stumm wie gewöhulich . . . Und jetzt – eigentlich thut mir leid, was ich geschrieben – die Töne sind verstummt, das kleine Leben verrauscht – ein so köstlicher Abendfrieden beginnt hernieder zu rieseln, eine milde Ruhe, ein sanftes Ausruhen. In den alten Erkerfenstern des wunderlichen Rathauses spielen die Sonnenlichter, die winkligen Häuser ringsum schauen freundlich drein. Das weiße große Schloß blickt auf dieses Feierabendbild schützend herab, ein guter Wächter. Von den Höhen starrt feierlich stumm der dunkle Buchenwald. 60 Es ist nicht mehr heiß, stickend – ein wonnig kühles Abendsäuseln streicht aus den Thälern. Es ist eben keine wunderliche Residenz mehr, keine enge Stadt – es ist ein großes Dorf, das sich zur Dämmerungsruhe ausstreckt. Ich sehne mich auf einmal nach einem Glase Milch und horche dem verhallenden Läuten der bunten Herde nach. Ich will nichts Böses reden – ich will gutmütig träumen . . . Auch Isa von Isenberg scheint ihre Vorsätze vergessen zu haben. Das verschleierte Heiligenauge schweift wieder in weiten, weiten Fernen. Ich kenne das. Es ist so thöricht – das Glücksphantom, dem man nachjagt, zeigt uns doch nur den täuschenden Saum. Aber das blasse Geschöpf paßt zur weichen Dämmerung. Das durchbrochene weiße Kleid verrät so kindlich anmutige Formen, der Hals so zart, die Haut so durchsichtig . . . Ich möchte sie vielleicht lieben, aber ich kann nicht – sie thut mir nur leid . . . Und so was wollte man nun kalt zur Sünde verführen? – Es ist ein so zwiespältiges Gefühl – fast als sei sie der Schatten jener andern, dem ich folgen sollte. Das Glück ist ja auch nur ein Schatten . . . Und zugleich erwachen alle bösen Geister. Die Frau, die mich so unglücklich machte, war gewiß nicht weniger zart, und in der heißen Umarmung schrie sie angstvoll auf. Sie war so schwach – und sie machte mich doch elend . . . Ich hab's hinter mir, und was ich begraben mußte, begrub ich . . . aber der Heiligenschein und die Schwäche reizen dafür, empören. Was sie mir thaten, das möcht' ich ihnen auch thun! . . . Wen sein bestes Gefühl betrog, der hat keine Pflichten mehr . . . Ich habe das gewisse Gefühl, daß ich von jetzt an verführen kann, wen ich will, eben weil ich nicht mehr empfinde. Und dennoch zögere ich. Wenn unter dieser täuschenden Hülle nicht der kranke Impuls wohnte, sondern die abgrundtiefe Leidenschaft? – Was mache ich dann 61 mit der Glut? . . . Denn trotz allem, das blasse Geschöpf ist mir noch heute ein vollkommenes Rätsel. Wird sie's auch bleiben?

Gegen acht steigen wir wieder zum Schloßberg hinauf. Aus einem Seitenwege tauchte da plötzlich die kleine Erzieherin mit den hübschen grauen Augen auf, verschüchtert, gedemütigt. Sie hatte sich wohl auf einem einsamen Spaziergang für niemals gedachte Thatsünden kasteit. Der lustige Tisch fühlte sich bei ihrem Anblick geniert – wollte nicht verdammen, aber auch nicht ermutigen. Uns allen liegt ja an unserm guten Rufe so viel! So gingen wir truppweise, und das sonderbare Gemisch von heuchlerischem Gleichmut und schuldbewußter Freundlichkeit lag über der Unterhaltung der Frauen. Die blasse Isa ging abseits, aber sie träumte nicht, sie schaute unverwandt und forschend auf die Sünderin. Sie kann scharf schauen, und dann hat sie das wissende Auge der Frau.

Bei den Tigern des Eingangs machen wir Halt. Der Berg steigt zwar sanft, aber wir sind alle nicht mehr die Jüngsten. Da geht die Isenberg plötzlich und rasch auf die Kleine zu und drückt ihr beide Hände. »Liebes Fräulein, wenn man Ihnen gesagt hat, ich hätte an irgend etwas in Ihrem Benehmen Anstoß genommen, so ist das einfach nicht wahr. Ich weiß von nichts. Und die Entrüstung der Pension verstehe ich nicht. Aber da es ein öffentliches Geheimnis zu sein scheint, so möchte ich Ihnen auch öffentlich sagen, daß ich Ihnen unbedingt vertraue.«

Ich war, weil ich so etwas witterte, weit genug zurückgeblieben, um hören zu können und doch nicht hören zu müssen. Die reifere Jugend blieb einen Augenblick ganz starr. Dann entstand ein stummes Händeschütteln, an dem ich mich insofern auch beteiligte, als ich, ein vollendeter Heuchler, feierlich näher trat und sagte: »Falls heute für Sie ein besonderer 62 Glückstag ist, gnädiges Fräulein, so gestatten Sie mir wohl, daß auch ich Ihnen meine Gratulation zu Füßen lege.« Trianon kann noch immer auf meine Diplomatie stolz sein.

Gleich nachher muß zwischen der adeligen Schulvorsteherin und der blassen Isa ein ernster Speech sich ereignet haben, denn beim Abendessen flogen die unterschiedlichsten Engel durchs Zimmer. Die Tugendwogen gingen unter dem glättenden Oel der Isenbergschen Erklärungen verborgen, aber schwer. Ja, das Leben ist nicht leicht, mein Bester! . . . Apropos, – warum guckt eigentlich die wahre Moral mit Vorliebe in Lasterbetten, warum behandelt wahre Frömmigkeit Tiere meistens schlecht, und warum verzeiht wahre Nächstenliebe so schwer? – Wenn ich der alte Herrgott wäre, ich würde mich um die feierlichsten Tischgebete und die längsten Wappentischläufer viel weniger kümmern, als um das bißchen wirkliche Herzensgüte, das ich zu Trianon in einem Meer von Tugend bis jetzt leider noch nicht entdeckt habe.

Seitdem fliegen in Trianon beständig Engel über die Hufeisentafel, oder die in hiesiger Schätzung fast noch höher bewerteten Leutnants bezahlen unheimlich oft ihre Schulden. Und, wunderbar – die blasse Isa, die diesmal doch wirklich das Karnickel war, ist nicht etwa von ihrem Piedestal herabgestiegen, die andächtigen Opferflämmchen zu ihren Füßen brennen vielleicht noch heller. Aber jetzt heißt es zur Abwechslung: ›Fräulein von Isenberg ist eben zu gut. Sie kennt keine Laster, darum sieht sie überall nur Tugenden‹ – das liebe gute Kind! – Und man sorgt sich um ihr Befinden noch zärtlicher und lebt in beständiger Angst, sie könne urplötzlich zwischen Suppe und Braten zu den Engeln und Leutnants einer besseren Welt lächelnd emporsteigen.

Mich empört das ganze Trianon längst nicht mehr, 63 es ist mir nur langweilig. Ich habe auch die Tischgespräche aufgegeben. Wozu die ewig gleiche Phrase? – Ich sitze und lächle und verspeiste neulich in schöner Selbstvergessenheit einen halben Zander. Wo der Geist darbt, will der Körper schlemmen. Meine Hochschätzung im Artuskreise ist jetzt einer Steigerung nicht mehr fähig. Aber es ist wie überall im Leben, wenn die Novize eingekleidet ist zu ewiger Entsagung, stürzt der verlorene Geliebte in die Gruftkapelle, und wenn der Bettler tot ist, kommt die Millionenerbschaft. Die blasse Isa sucht nämlich jetzt das Gespräch mit mir. Ich ahne nicht, ob sie in den letzten acht Tagen wirklich erwacht ist, oder ob sie den schlappen Teufel neben sich nun endlich erkannt hat – aber ihre Augen suchen den beharrlich Schweigsamen oft. Forschende Augen, mit einem unsicheren Schimmer – sie stickt auch nicht mehr, sie kürzt das adelige Plauderstündchen nachmittags merklich, und der Abendspaziergang beginnt meist direkt nach dem Souper . . . »Sie ist doch noch krank, recht krank!« tönt der Refrain. Und ich finde sie im Gegenteil gesunder, zielbewußter, die Augen träumen selten mehr.

*

Neulich Abend, Regen, Nebel; das Thal im trübseligsten Grau.

Da liebe ich den Salon, da hat er etwas Gemütliches, Warmes, und die Handarbeitsrunde vollendet ein behagliches Bild. Wir sind alle vollzählig versammelt, es soll musiziert werden. In der äußersten Fensternische sie, in der Ofenecke ich. Rosiges Dämmerlicht flutet. Es sind die alten Gesichter und die alten Stimmen. Die graumelierte Baronesse singt. Löwe, Schubert – sehr hübsch! Ich habe die Augen halb geschlossen – die Sommerkleider der reiferen Jugend leuchten weich, die blonde Kapitänsfrau auf ihrer Chaiselongue liegt regungslos. 64

Die Lotosblume. Ich schließe die Augen ganz. Der vaterlandslose Judenbengel in seiner Matratzengruft war doch der größte Dichter. Das Lied ist so kurz. Ich horche den verhallenden Tönen nach . . . Nur jetzt kein Laut mehr! – Vor drei Jahren sang in einem strahlenden Palais die Sembrich dasselbe Lied, und ich saß neben einer Frau, unsre Hände berührten sich.

Und da tönt auch schon der fade Jubel, das Beifallsklatschen.

»Wie reizend!«

»Das ist aber wundervoll!«

»Das Lied liegt Ihnen gut,« sage ich mechanisch.

Und als die Alltagsstille wieder anheben will und die Baroneß mit hübschem Dankeslächeln sich im Kreise umsieht, sagt eine Dame so recht wohlwollend: »Nicht wahr, nun singen Sie uns aber auch unser Lieblingslied: Phyllis? Die Herrschaften mögen es alle zu gern!« Es war die Matrone mit dem kleinen Kopf.

Ich hole schwer Atem.

Das Echo tönt: »Ach ja, Phyllis! Tralali . . .«

»Es ist wirklich zu reizend. Tralali!«

Nur die adelige Schulvorsteherin schweigt, und das soll ihr unvergessen bleiben. Die Baronesse wendet sich gehorsam zum Flügel, schlägt einen Ton an . . . Jetzt der Gassenhauer? – Unmöglich! – Und wenn Trianon mir ewig zürnt. Ich stehe langsam auf, gehe langsam durch den Salon und spüre die verwunderten Blicke in meinem Rücken. Aber ich bin noch nicht an der Thür, da entsteht eine Bewegung, ein Flüstern.. – Ich gehe rasch die steile Treppe hinab zum Vorgarten. Ich will allein sein.

Bei den grünen Tigern des Eingangs halte ich. Ein rascher Frauenschritt kommt mir nachgeeilt, und eine bebende Frauenstimme sagt:

»Nehmen Sie mich mit!« 65

»Wohin, Baronesse?«

»Wohin Sie wollen! – nur nicht mehr zurück.«

Die blonde Isa und ich sehen uns stumm an, vielleicht dämmert uns beiden jetzt ein wahres Erkennen.

Dann zeige ich auf den wallenden Regennebel.

Sie lächelt. »Sie haben recht.« Eine Pause, als wenn sie nach einem Ausdruck suchte, dann, atemlos: »Ich wollte Ihnen nur sagen . . .«

»Sind Sie endlich erwacht?« frage ich lauernd zurück.

»Gott sei Dank!«

»Und wie gefällt Ihnen Trianon jetzt, Baronesse?«

Sie macht eine kurze Bewegung nach dem Hals: »Bis hierher.«

»Das ging schnell.«

»Aber ich fühlte es längst kommen.«

»Dann sind Sie noch besser dran als ich, Baronesse.« Ich markiere, wie wenn über einem Ertrinkenden das Wasser zusammengurgelt.

»O glauben Sie nicht, Herr von Ramingshoven, daß es Ihnen allein so geht – ich ringe schon Jahre lang mit dem Ertrinken . . . es ist ja nicht etwa Trianon . . . es ist . . . Ach Gott, Sie haben keine Ahnung.« Sie sieht so leidenschaftlich unglücklich aus, wie sie das hastig hervorstößt.

Aber bei mir regt sich doch nur der Mephisto. Ich trete ganz nahe zu ihr heran, so daß wir uns fast berühren, und sage heiser flüsternd:

»Warum sagen Sie das gerade mir?«

Sie antwortet mühsam: »Ich weiß nicht.«

»Sie wissen doch, Baronesse! – Weil ich vielleicht der einzige Mensch bin, der Sie ganz verstehen kann.«

Da weicht sie langsam zurück. »Der einzige Mensch . . . Das haben Sie schon einmal einer andern gesagt. Einmal war's Phrase.« 66

Ich zucke vor so viel unfehlbarem Fraueninstinkt zusammen und mache, fast ohne es zu wollen, einen Schritt in die Nacht hinaus.

Da greift ihre Hand nach der meinen hinüber: »Nein, gehen Sie jetzt nicht – Verlassen Sie mich wenigstens in diesem Augenblicke nicht! . . . Ich bin ja so bettelarm.« Und diese schlanke, fiebernde Kinderhand preßt meine Finger. Es ist etwas Wunderbares um so unbegreifliche, leidenschaftliche Kraft – der Lebensstrom fließt hinüber. »Ich kenne Sie jetzt,« fährt sie fort, »ich glaube es wenigstens, daß auch Sie dieselbe Maske tragen wie ich. Ich habe in dieser Wüste einen Freund so nötig, einen wirklichen Freund. Ach, wenn Sie ahnten . . .«

»Einen Freund?« Unsre Hände gleiten auseinander. Etwas stechend Heißes rieselte. Ob sie es auch fühlte? – Mephisto! – Sollte denn immer im Leben nur das Böse stark sein und das Schwache gut? Ich wollte . . . Nein, ich wollte doch lieber nicht.

Jedenfalls, was sie auch sei, was auch geschieht, eine Sünde ist diese blasse Heilige schon wert, vielleicht sogar eine Todsünde.

*

»Freund?« – Ich glaube, wir beide werden das Wort fürs erste nicht los. Es war der gewisse Ton, das gewisse Rieseln. Und Frauen mit Gefühl weichen instinktiv davor zurück, wie vor einem häßlichen Reptil. Schade! Es wäre so hübsch gewesen: ein bißchen Liebe, ein bißchen Vergessen. Trianon mit seiner Tugend dörrt jeden Schwamm so gründlich aus, daß er sich erst recht nach Feuchtigkeit sehnt.

Ich schlafe wieder schlecht, fiebere.

Du kannst dir denken, daß zwischen mir und der blassen Isa seit jenem Abend ein peinliches Schweigen 67 liegt. Wir sind uns nicht gerade gram, es ist auch kein Todesschweigen – es ist eine schwüle, gewitterhafte Stimmung, wo man jeden Bissen kontrolliert, jedes Lippenzucken, jeden Atemzug. Wer wird den Bann zuerst brechen? Das wirkt lähmend auch auf den Appetit. Unklare Verhältnisse haben das an sich. Heimlich beginnende Liebelei? – Ach nein. Weit eher das Gegenteil. Jeder wünscht nur freundlich in seinem Herzen, der andre wäre, wo der Pfeffer wächst. Aussprechen werden wir uns wohl noch einmal. Sie ist nicht feige, und ich möchte erst recht nicht in den Verdacht kommen.

Für dieses unangenehme Interregnum muß ich eigentlich wiederum Trianon mit seiner grandiosen Langweile verantwortlich machen. Denn nur in der künstlichen Vereinsamung giebt's solche Jugendwogen, springen solch unmotiviert heiße Quellen unmotiviert plötzlich. Frauen bringen sie schlechterdings nur die peinlichste Gene und den dauernden Katzenjammer.

Das währt fast eine Woche.

Ich bin wirklich neugierig.



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