Johannes Richard zur Megede
Trianon
Johannes Richard zur Megede

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Sechstes Kapitel

Liebt sie dich? Was hat sie hinter sich?

Du fragst wieder mal als praktischer Mensch, der fünfzig Jahre ungetrübtes Eheglück für das Normale hält. Die Ehe ist ein stiller Hafen – und ich habe doch wohl mehr Anlage, bei einer stürmischen Segelbootfahrt unterzugehen. Ob diese blasse Isa mich liebt, ahne ich nicht, und was sie hinter sich hat, 90 erst recht nicht. Was interessiert's mich schließlich? Ich will sie ja nicht heiraten! Wer seine Vergangenheit leicht nimmt, dem ist die Gegenwart süß, und die Zukunft wird ihm nicht schwer sein. Man spielte mit meinen Gefühlen – warum sollte ich nicht mit andrer Leute Gefühlen spielen? Es giebt nämlich in jeder sogenannten zweiten Liebe zwei Strömungen: eine flache, lächelnde, die die Vergangenheit wegschwemmt, und eine schwere ölige, die sie wiederbringt. Wer über die Liebe wirklich hinauskommt, der hat nie wirklich geliebt. Das steht mir bombenfest. Und ich mache mich nicht zum zweitenmal unsterblich lächerlich.

Zur Sache. Was das schlanke Geschöpf auch hinter sich hat – etwas Entwürdigendes ist es nicht. Sie ist wohl einer leidenschaftlichen Sünde, aber keines kleinen Fehltritts fähig. Das schützt mich, und das schützt sie.

In drei Wochen sehen wir uns jedenfalls wieder. Bis dahin laß alles Predigen! Wächst der bewußte Strohhalm durch ein unbegreifliches Wunder zum Balken, so werde ich mich auf ihm ans Ufer retten, aber der Balken mag dann weiter treiben, wohin er will. Ich kann nicht anders, und Not macht gemein.

In der Zwischenzeit . . .

Jedenfalls interessiert sie mich, sie reizt mich sogar. Sie ist eben das einzige Weib in Trianon.

*

Das Neueste: Trianon mausert sich. Aeußerlich, indem der Artustisch langsam abbröckelt; die fertigen Mumien kriegen ihren Skarabäus unter die Zunge gelegt und werden in die Pyramidengruft geschafft. Innerlich, indem alles Lebendige schüchtern aufwacht – die reizende blonde Kapitänsfrau verteidigte sogar neulich eine etwas gottlose Satire auf Trianon-Stadt. Die Brillengläser der adligen Schulvorsteherin blinkten 91 darauf unheilvoll – im Mittelalter hätten sofort Scheiterhaufen geflammt – aber der modernen Jämmerlichkeit nachgebend, sagte die stolze Dame nur mit etwas unnatürlichem Lächeln: »Die Ansichten scheinen sich in der letzten Zeit sehr geändert zu haben!« worauf der Revolutionär an der Thür höhnisch echote: »Jawohl, seitdem die Luft rein ist.« Ich meinerseits vermisse die flachshaarige Matrone mit dem kleinen Kopf etwas. Sie war doch der reinste Trianontypus – des Tempels Eckstein und des Adels Säule. Mir sagte sie freundlich und mit einem ermutigenden Blick auf die blasse Isa: Ade! Den Maler beehrte sie mit einem ungezogenen Backfischknicks im Salon, und der gute Mann war, glaube ich, in der stärksten Versuchung, ihr nachzueilen und zu sagen: »Gnädige Frau, das letzte Kompliment sei das beste Kompliment. Wie fabelhaft jung Sie doch noch sind, so jung, daß ein kleiner Anstandskursus wirklich nicht schaden könnte!« In Wahrheit lächelte er aber nur sardonisch: »Kommt auch mit auf die Wiese mit dem Storch und dem Unschuldsknicks.« Und so geht einer nach dem andern: die Excellenz, die Comtesse, die kurzsichtige Dame mit dem Doppelkinn und den unerbittlichen Tugendohren, und viele andre, die ich herzlich liebgewonnen. Ueber ein Kleines – und die adlige Schulvorsteherin wird den säuselnden Lüsten dieses stillen Thals den letzten Vers aus des Sängers Fluch ernst klagend anvertrauen dürfen (Uhland hat das Gedicht verbrochen, wenn du dich vielleicht nicht mehr erinnern solltest). Hier geht man nämlich in der Geschichte ungern über die Kreuzzüge hinaus und in der Litteratur niemals hinter das »Gänseliesel« zurück. Neulich allerdings schlenderte der Kaiser Rotbart lobesam mit einer Schrotflinte gemütlich durch den Wald. Es war bei Tisch und die Stimmung herbstlich ernst – aber du hättest die Taubenaugen von dem Maler sehen sollen, 92 wie er sich gewissenhaft nach dem Gewehrsystem erkundigte: »Lefaucheux oder Dreyse?« – Endlich brach ich in ein unpassendes Gelächter aus. Barbarossa war gewiß ein adliger Herr, und warum sollte er nicht das Pulver früher erfunden haben als dieser plebejische Berthold Schwarz?

Das ist doch nicht zum Lachen!

Der Nachwuchs für den Artuskreis stellt sich spärlich ein, er hat auch die besten Absichten, aber der große historische Zug fehlt, seitdem die flachshaarige Matrone ging. Es sind: eine starkknochige Dame, die einen guten Witz liebt, aber der streitenden Kirche so zugethan ist, daß sie widerspenstige Negerkinder zu Bekehrungszwecken in Eiskübeln schwitzen lassen würde: dem Maler hat sie eine ansprechende Aehnlichkeit mit dem seligen Chingachgook, der großen Schlange der Delawaren, die unter den Blaßgesichtern so schrecklich aufräumte, aber im milden Alter zu einer Brandyflasche humorvolle Beziehungen begann. Die andre ist eine ältere Jungfrau mit einer eleganten Figur und nicht ganz angenehmen Katzenaugen; sie hat keine Ahnen und umarmt darum eine ältere adlige Freundin beständig aufs herzlichste. Mit der dritten, einer vielgereisten, jedoch männlichen Schönheit (kräftige Hüften und kräftige Moral) hatte der Maler eine Kremserpartie auf den Kyffhäuser unternommen, der der Baronessentisch sich teilweise anschloß. Der Maler ist ja leider für Pietät schwer zu haben und blickt bei lauter Begeisterung immer etwas schieläugig, doch auch ihm hat es einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, wie die männliche Schönheit schon auf der Terrasse des Riesendenkmals patriotische Zuckungen bekommen und Begeisterungsblitze geschleudert habe, bis sie, das Gefühl gewaltig steigernd, beim Anblick des erwachenden Staufen in einen hysterischen Jubelruf ausgebrochen sei. »Die sinkenden Säulen des 93 alten und die jung erstandene Herrlichkeit des neuen Reiches, o, ich vermag es nicht auszudrücken!« Nur eine ganz dicke Eisenstange schützte den ehrwürdigen Barbarossa vor einer heißen Umarmung und die patriotische Dame selbst vor einem schmerzlichen Sturz in die Tiefe. In drei Sprachen sollen, wie der Maler beschwört, die Begeisterungshymnen geklungen haben. Eine herzlich liebenswürdige Baronesse neuesten Datums verlor vor Entsetzen darüber zwei schon beschriebene Ansichtspostkarten, und der Künstler kriegte Angst, daß das Bronzeroß des großen Wilhelm von der Denkmalshöhe mit einem Schlachtgewieher plötzlich herabspringen könnte; die Nüstern blähten sich bereits, und der alte Held faßte die Zügel fester. Die Isenberg stand während der ganzen Scene von der Seite, kalt, nur die Augen blitzten hochmütig. Sie liebt ihren Kaiser und ihre Heimat gewiß, aber die schallende Phrase ist ihr ein Greuel.

Sie ißt übrigens nicht mehr an der Pensionstafel, sondern auf ihrem Zimmer. Das geht keineswegs gegen mich. Sie hat mir ganz vernünftig erklärt, daß sie nach dem Nervenchoc neulich diese Sitzungen nachgerade nicht mehr ertragen könne. Ich verstehe das vollkommen. Ich verstehe nur nicht, warum sie eigentlich bleibt – dabei könnte ich mich allerdings an meiner eignen Nase zupfen.

*

Indes jagen sich in Trianon-Stadt die Feste: Wegeinweihungen, Vogelschießen, Reunions; die sinkende Saison macht krampfhafte Anstrengungen. Sonntag gab's sogar eine Missionspredigt im Freien. Ich war allein hingegangen. Waldgottesdienste sah ich noch nie, und sie müssen auch auf Ungläubige einen Maiandachtszauber üben.

Ein herrlicher Nachmittag – das Wirtshaus in 94 der Nähe. Unter mächtigen Buchen plumpe Bänke, eine improvisierte Kanzel. Viel Volk: Neugierige, Gläubige. Ein untersetzter Zelot hämmert gerade mit wuchtigen Schlägen die krummen Seelen wieder ins Lot. Die Landstraße geht dicht vorüber – Wagen rattern, bestaubte Touristen bleiben horchend stehen. Sonntäglich betrunkene Kutscher hauen mit einem Fluch auf die müden Pferde, die Kremsergesellschaft drinnen leiert ihre Lieder weiter. Der grüne Betplatz – die staubige Straße – das lustige Wirtshaus: sie liegen alle dicht beieinander und haben alle ihre grundverschiedene Moral. Ich stehe zwischen ihnen, an einer Weißdornhecke allein. Ich kann den Betplatz übersehen, wo Trianon vollzählig in frommer Ergebung zu Boden starrt, wo geputzte Mädchen sich heimlich ihre bunten Bänder zurechtzupfen und zappelnde Kinder bald nach den hüpfenden Waldvögeln schielen, bald auf das ferne Geklapper der Kaffeetassen horchen, wo der Missionar einen treulosen, kurmainzischen Erzbischof mit schallender Stimme brandmarkt – es kann ganz gut ein Ramingshoven gewesen sein – so 'ne Art Ahnherr. Ich kann nach dem Wirtshaus äugen, wo der Herbergsvater gerade gemütlich ein Faß rollt, wo der Kellner schwitzend klappernde Seidel schleppt, wo unser bayrischer Hauptmann einen Himbeer bedächtig ins Weißbierglas gießt. Ich kann die Landstraße entlang schauen, wo die Touristen enttäuscht weiter trollen, wo ein Leiterwagen mit schwankenden Lampions soeben in einer Staubwolke entschwindet. Kein schlechtes Bild des Lebens: mit dem Kinderglauben beginnt man, in die Kneipe tritt man, und eine unbekannte Straße führt uns wer weiß wohin! Es ist ein kurioses Gefühl, aus weichem Bedauern und kühler Verachtung gemischt. Eine Art Einkehr auch, ein »In-sich-schauen«. Wer glaubte nicht gern? Wem ward freiwillig das allabendliche Vaterunser zu 95 einer leeren Gewohnheit? Ich denke an meine Mutter, die du ja auch flüchtig kanntest, an die strenggläubige kluge Frau, die mir den Glauben aufzwingen wollte und nur Murren erntete; sie führte seltsamerweise immer das Bibelwort: »Ich habe mit einem Löffel Honig mehr Fliegen gefangen, als mit zwanzig Tonnen Essig« im Munde und gönnte allen seine weise Moral, nur nicht dem geliebten Sohn. Ich denke an die Kreuzzüge und Peter von Amiens, an diese junge, gläubige, dürstende Menschheit, die das Kreuzesbanner des Bettelmönches wie ein Heer zu vielen Tausenden umgab – und die Begeisterungswoge zog verheerend über eine ganze Welt. Es weht ein finsterer klösterlicher Geist uns jetzt darüber, ein dicker Brodem von Blut und Kasteiung, der wie schrecklicher Opferdampf das lichte Kreuz umwallt – aber es liegt auch eine Kraft darin, eine Jugend, die wunderbare Naivität einer abgöttischen, einer ersten Liebe. Und jetzt? – Das Priesterwort hallt mächtig, aber mir scheint's Schall und Rauch; es weckt nur Widerhall in alten oder engen Herzen. Leider! – Ein neuer Messias thäte not, ein neuer Kinderglaube . . . Und ich sehe gleichgültig über diese stumpfe Versammlung hinweg, über diesen kurzstirnigen Eiferer, der auch den Kreuzzug predigt, die Auferstehung. Wieder fällt mir der andre Kreuzzug ein bei diesem Waldgottesdienst, dieser Volksfeier, dieser Heidenbekehrung. Wie anders damals, als Knecht und Herr in gleicher Ekstase vor dem Mönch die besten Gaben häuften, – die güldenste Spange, den verborgensten Heller – derselbe wunderkräftige Opferschilling! Und wie sie sich um das Kreuz drängten, wie sie zu Boden stürzten, sich gelobten, alles zu verlassen, alles herzugeben – und wie der glühende Steppensand diese verschwendende Jugendkraft unersättlich durch Jahrhunderte trank. Hier wandert auch der Gabenteller, die hübschen 96 Superintendententöchter eilen geschwind, danken freundlich, doch nur der Kupferpfennig fließt verschwenderisch, der Nickel klirrt sparsam, das Silber kommt zögernd, der leitende Staatsminister allein spendet pures Gold. Ich fürchte, im Wirtshaus nebenan gab's vollere Kassen. Ja, mein Freund, die Welt ist alt, und der Glaube eine bröckelnde Burg.

Ich bin bald weggegangen. Eine geschlagene Stunde unter allen Sünden des Katholizismus gewissermaßen mitzustöhnen, und eine zweite geschlagene Stunde unter den Segnungen des Protestantismus wieder aufzuatmen – nein! Ich liebe krasse Atheisten gar nicht. Sie sind mir widerwärtig mit ihrer rationellen Hoffart, und der Glaube hat, denke ich, in dieser Zweifelswelt immer noch mehr Recht als der Unglaube – aber nach dem bittersten Wermut schmeckt eben der süßeste Zucker für den Denkenden etwas aufdringlich. Es meldet sich bei mir der Aristokrat: ich habe meinen Gott allein, und das ist nicht der Gott dieser Herde.

Auf dem Rückwege fand ich den Maler am Straßenrand im Grünen sitzend – der Bach murmelte, zwei junge Hunde spielten, und er sah höchst interessiert zu.

»Tag.«

»Tag.«

Er streckt mir lässig die Hand hin: »Von der Missionspredigt?«

»Allerdings.«

»Ich war auch da, hielt mich aber nicht lange. Ich habe wohl viele Sünden abzubeten, große und kleine, aber dieses Mannes Glaube ist nicht mein Glaube. Da habe ich denn lieber im Walde meinem Herrgott allein gebeichtet. Seine Sonne lächelte freundlich, und eine blonde Sünderin lächelte auch. Sie denken nämlich da oben gar nicht so streng, und ein junges Gefühl freut auch den alten Himmel. Im 97 übrigen . . .« Darauf murmelte er noch etwas Unverständliches, erhob sich und ging mit. Bei der roten Prachtvilla blieb er stehen und sagte: »Eigentlich doch ein hübsches Haus – viel Licht, viel Farbe! Wenn der Park erst eingegrünt ist, tauscht der Mann wahrscheinlich nicht mit dem Schloß. Früher mochte ich's nicht leiden, war mir zu grell und neu, jetzt bete ich's beinahe an aus Opposition gegen das winklige Trianon. Sind Sie auch bald so weit, Ramingshoven?«

Ich lächle nur. Ich bin thatsächlich bald so weit!

Er aber schüttelt ungläubig den Kopf. »Wenn Ihr Absolutismus ins Wackeln gerät, dann guckt gleich der Anarchist aus der Kellerluke – und Anarchisten halten sich doch am liebsten in der Nähe von Schlössern und Schlößchen auf. Addio!«

»Wohin?«

»Zurück in den Wald. Gehen Sie nur Ihre Straße weiter, mein teuerster Baron! Seit einiger Zeit sind wir uns jeder allein übergenug. Und wenn Sie es noch nicht wissen sollten – wir jagen beide Schatten nach, thörichten Schatten. Das hat die Menschheit zuweilen so an sich. Halten Sie den Ihrigen nur recht fest – er ist unheimlich körperlos. Ich gedenke den meinigen anzuketten, damit er nicht immer davonfleucht . . . Was würden Sie zu meiner Verlobungsanzeige sagen – der Name ist sehr gut, das Herz noch besser? Ich verschwöre übrigens nichts. Aber vielleicht hat dieser Missionssonntag doch einen schlimmen Heiden bekehrt.«

Ich jage also einem Schatten nach. Kann sein. Aber ich bin nicht eilig. Wer Schatten fangen und ketten will, der muß Flügel haben. Ich hatte sie einmal.

In Trianon wird die Angelegenheit »Ramingshoven-Isenberg« mit äußerster Spannung, aber auch 98 mit äußerster Delikatesse beäugt. Man ließe uns so gerne stundenlang im Salon allein, wenn wir nur wollten. Liebelei und Standesamt bedeuten ja bei zwei so korrekten Menschen wie der Baronesse und mir das Gleiche. Ich fürchte nein. Aber trotzdem, was bei einer Erzieherin empört, ist bei einem edeln Fräulein reizend.

Ich will dir im Vertrauen zugeben, daß der Strohhalm thatsächlich wächst. Auf gut gepflegte Gräber pflanzt man ja gern bunte Blumen. Die Blumen vergehen, das Grab bleibt.

Heute auf dem Rückweg lag der Kleinstadtfrieden gar liebenswürdig über dem Nest – die Häuser freundlich, die Menschen festlich, das weiße Schloß auf grüner Höhe feierlich. Bei solchem Anblick sehnt man sich gern nach frohem, festem Grund. Ich steige den Schloßberg hinauf. Trianon schien wie ausgestorben, die grünen Tiger schlummerten, aber im Vorgarten saß die blasse Isa allein und las. Sie las in der Bibel. Ich wollte lautlos vorbeigehen, doch beim ersten Schritt sah sie auf. Sie wurde rot und dankte meinem Gruß verlegen. Es fiel mir auf, wie chic und elegant sie in Schwarz aussieht – die geborene Aristokratin; der schmalste Fuß, die schmalste Hand.

»Wollen Sie nicht bleiben, Herr von Ramingshoven?« rief sie mir nach.

»Gern, Baronesse.«

Nur verheiratete Frauen dürfen eigentlich so mit Männern verkehren. Und gerade diese Frauensicherheit steht ihr.

Da haben wir stundenlang gesessen.

Sie klappte ihre Bibel zu, ich spielte mit dem Stock im Kies. Wir unterhalten uns auch. Und da ich gern im Munde führe, wovon mein Herz nichts weiß, beginne ich über den Sonntag zu spotten, die 99 Missionsfeier, den Glauben überhaupt. Sie sieht mich aufmerksam an, aber die Augen, die noch eben warm geleuchtet hatten, verschleiern sich. Endlich sagt sie: »Warum sprechen Sie eigentlich so? Ehrlich gesagt, ich bin nicht in der Stimmung, Spott zu vertragen. Höhnen Sie lieber! Da sind Sie – ja, da sind Sie ehrlich, es ist Ihr wirkliches Gesicht. Spott kommt immer aus dem Kopf, Hohn aus dem Herzen.«

Und ich höhne, ich gieße von dem Gift aus, das ich stets reichlich bei mir führe, ich gieße es über Trianon aus mit seiner lendenlahmen Moral, seiner impotenten Tugend. Aber es ist doch etwas Gezwungenes darin. Der Feiertag will eine andre Sprache.

Sie sieht lange zu Boden. Dann schaut sie mir plötzlich gerade ins Gesicht: »Kann Ihre Natur darüber nicht hinaus?«

»Und die Ihre, Baronesse?«

Sie schweigt, die Augen blicken kalt.

»Ich habe Ihnen doch gegeben, was ich eigentlich noch niemand gab, Baronesse. Und Sie verlangen noch mehr? – Denken Sie an das Gewitter!«

»Und denken Sie an den Rosenkranz, das Lied, die Waldwiese.«

»Sie gaben nur, was Sie wollten.«

»Ich gab seit Jahren niemand mehr.«

Ein schwüles Schweigen – wir stehen an der Pforte der Vertraulichkeiten. Sie bricht's zuerst: »Nein, Herr von Ramingshoven, seien wir ehrlich! Wir wissen genau, warum wir uns verstehen. Wir haben etwas Gemeinsames, und das heißt wohl Schicksal. Wir können nicht darüber hinaus, wir wollen auch nicht darüber hinaus. Ich weiß nicht, was hinter Ihnen liegt, aber ich weiß, was hinter mir liegt, und mein Leben ist seit langem ein 100 schrecklicher, qualvoller Kampf, ein trostloses »Hin und Her«, was mich erniedrigt und erhöht, mich einsam macht inmitten der Menschen. Sie leiden auch, aber Sie leiden anders. Sie sind eben ein Mann. Ich wollte Ihnen das schon lange sagen, auch neulich bei dem Gewitter. Aber ich konnte nicht. Im letzten Moment verschließt sich bei mir immer etwas, die Zunge ist wie gelähmt. Hat Sie nicht manchmal seltsam berührt, was ich sagte und was ich that? – Meine Nerven sind gesund, aber etwas andres ist krank.«

Das hat sie so hübsch gesagt, so ohne Phrase! Und vielleicht gerade darum zieht sich mein Herz zusammen. Sie soll nicht hineinsehen, ich will nicht zum zweitenmal lächerlich werden! – Ich fühle auf einmal so nüchtern und kann weise antworten: »Es sind bei Ihnen auch wohl nur Nerven, Baronesse, nur Nerven.«

Sie schüttelt den Kopf: »Wenn's bei Ihnen nur Nerven sind, wohl Ihnen! Mir haben die berühmtesten Aerzte auch dasselbe gesagt und rieten mir Einsamkeit, Ruhe, gute Luft. Wer gesunden will, gesundet da vielleicht. Und Sie haben ja auch selbst gesehen, wie ich mich mühte. Ich habe lange ein Traumleben geführt ganz nach dem Rezept, und dieses Traumleben war grauer als die graueste Wirklichkeit. Doch ich mag nicht mehr, ich will heraus, auf irgend eine Weise, um jeden Preis, gleichviel wie.«

»Es wird schon werden, Baronesse! Im Leben geht alles langsam, und Sie sind ja noch so jung.«

»Sie sprechen wieder wie ein Arzt. Und die verstanden mich nie, weil sie kalt sind, vernünftig, weil die Seelenkunde dem Besten doch nur Geschäft ist.«

Da bin auch ich des trockenen Tones satt: »Ich verstehe Sie, Baronesse. Niemand versteht Sie besser!« 101 Wir haben nachdem eine lange Weile geschwiegen. Ringsum die Buchenhöhen lagen im weichen Licht, in Sabbatstille. Die Sonnenstrahlen gleißten auf dem goldenen Kreuz der alten Kirche.

Die blasse Isa hat die Kinderhand auf die alte Bibel gelegt. Es weht so ein warmer, milder Glaube mit dem Abendsäuseln durch die sonntägliche Natur. In dem Frauenherzen arbeitet etwas, und auch mir schmilzt das Eis. Lächerlich!

Plötzlich sagte sie: »Glauben Sie?«

»Ich antwortete Ihnen schon einmal.«

»Ich möchte wieder glauben.«

»Wer möchte das nicht?«

Und sie fährt nachdenklich fort: »Ich habe den ganzen Nachmittag in der Bibel gelesen. Ich that's lang nicht mehr. Doch heute war mir wunderlich ums Herz – ich spürte wieder einmal den heißen Durst nach den Quellen des Lebens, nach einem großen Glück und fühlte auch dabei die Sehnsucht nach Ruhe, nach Frieden.«

»Und was sagt Ihnen die heilige Schrift?«

»Daß ich eine schlimme Egoistin bin. Man lebt nicht, um glücklich zu sein, man lebt, um glücklich zu machen.«

Dazu kann ich nur lächeln. »Barmherzige Schwester-Moral.«

»Und doch ist sie vielleicht die einzige im Leben, wobei unsereiner nicht enttäuscht wird, auch das Herz auf seine Kosten kommt.«

»Frommer Wunsch! Entsagung heißt ›Sterben‹.«

»Entsagung heißt ›Leben‹,« antwortet sie eigensinnig.

Du lieber Gott, als ob nicht jeder mal so gefühlt hätte, am frühen Morgen auf dem Nachhauseweg nach einem wüsten Bankett der eine, nach einer großen Enttäuschung der andre. Wie oft ertappte ich mich 102 nicht auf dieser Albernheit! Selbst im Eisenbahncoupé, wenn ein junges hübsches Ding trübselig träumend saß, oder wenn eine »Gereiftere« so schüchtern hoffnungsvoll lächelte bei der Quadrille. Glücklich machen hätt' ich schon oft können – glücklich, selig durch nichts, durch Namen, Geld, Stellung, vielleicht sogar durch mich selbst. Es ist beinahe zum Lachen, wie viel glückliche Temperamentlosigkeit in unsrer Gesellschaft steckt, wie viel beim Tennisspiel leidenschaftlich gerötete Wangen, wie viel im Tanz entzückend wirbelnde Füßchen, wie viel sehnsüchtig glänzende Augen einem Mephisto nur die Geschichte kühler oder kleiner Herzen erzählen würden. Und so was soll man vielleicht rite glücklich machen, da doch ein goldenes Kalb, ein kahler Excellenzenkopf genau denselben Effekt erzielen dürften! Ich danke unterthänigst. Aber wenn's auch Schwarzseherei ist, wenn's auch noch so viel heiße Sinne gäbe und tiefe Herzen unter uns, soll ich uneigennützig einen Holzstoß entflammen, um in seiner Glut noch mehr zu frieren? Nein. Nicht glücklich machen, glücklich sein ist die Devise. Mein ganzes Selbst lehnt sich wie immer gegen diesen Thorenwahn auf. Brennender Egoismus, brennende Leidenschaften bauen die Welt auf, stürzen die Welt in Trümmer, bauen sie wieder auf. Es ist etwas zu Heiliges um ein eigenes großes Gefühl, als daß man einen fremden gleichgültigen Holzstoß aus Mitleid oder schwächlicher Resignation damit entflammen dürfte. Ich hab's auch der blassen Isa gesagt, daß hinter so armselig milder Weltanschauung sich die Pforten des Lebens schließen und die Thüren des Klosters sich aufthun. Wäre die Gruft das Glück, dann wäre ja das Leben Sünde. Du wirst darauf natürlich sagen: Papier, mein Junge, grüner Tisch! Wer so spricht wie du, der will nur den brennenden Wunsch nach Zärtlichkeit, Liebe, einem wirklichen Gefühl betäuben. Mag sein. Aber wem 103 der Fittich brach, der kann beim besten Willen nicht mehr fliegen. Er macht nur urkomische Versuche – die Bösen lachen, und den Guten thut der traurige Phantast leid.

Und heute findet meine Philosophie leider keine gelehrige Schülerin. Sie ist eigensinnig. Sie will nicht glücklich werden, sondern glücklich machen. Weißt du, was sie antwortete auf alle meine Weisheit: »Ach, sprechen Sie doch nicht so! Heute ist ja Sonntag, und ich las in der Bibel. Sagen Sie mir doch etwas Warmes, Herr von Ramingshoven, irgend etwas, was mir zeigt, daß auch Ihnen die Sonne heut nicht vergeblich lacht, der Himmel heut nicht vergeblich blaut.«

Und Schwachheit, dein Name ist Mann! Zu allen Zeiten hat leider so etwas Junges, Schlankes, Schwaches nur mit weicher Stimme zu bitten brauchen, und der Saulus bekehrte sich schleunig zum Paulus. Ich habe ihr etwas Warmes gesagt, vielleicht etwas Zärtliches, weil sie's verdient, weil sie anders ist als die Menge, und weil in ihr trotz aller Entsagungsgelüste zu viel echte Leidenschaft steckt, als daß sie in Klostermoral jemals verkommen könnte.

Es war ein hübscher Nachmittag. Die Frau jedenfalls war in der Stimmung, alles zu beichten, weil irgend ein närrischer Zufall die Seele weich machte, das Herz öffnete. Ich lasse es aber nicht zu. Ich möchte nicht mehr wissen, als ich schon weiß. Zu starke Vertraulichkeiten sind eine Kette. Wozu sich noch intimer verbrüdern?

Am Abend darauf machte ich mir Vorwürfe über meine Geschwätzigkeit. Sieht das blasse Geschöpf wirklich durch den täuschenden Vorhang? Natürlich. Sie weiß, daß ich liebte. Aber ahnt sie auch, daß ich allem Haß zum Trotz noch liebe? Das ist ja das Widersprechende in mir, das Unbegreifliche. Aber 104 ich muß heraus, um jeden Preis! Dieses alte Leben ist wie Trianon. Man will immer gehen – und geht doch nicht. Ach, hinab mit dir, Vergangenheit! Laß die Toten ihre Toten begraben.



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