Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Siebenzehntes Kapitel

Pfingsten, Pfingsten ...!

Das hohe Fest der Pfingsten war nahe.

Trotz der Not und den Gebresten und dem furchtbaren Sterben in Sion – die Linden auf dem Domplatz schmückten sich gleich Bräuten, legten sich brabantische Spitzen an und dufteten in Wohlgerüchen gleich Balsamstauden im fernen Schiras. Sie säuselten und nickten sich zu, wie sie immer gesäuselt und sich zugenickt hatten, und trugen kein Leid um das fernere Geschick der Anabaptisten und das der Andersgläubigen ... und Pfingsten war nahe.

Fünf Tage vor dem Fest, an dem die Flämmchen vom Himmelreich züngelten und die Apostel in der Gebethalle zu Jerusalem sprachekundiger denn Salomo wurden, pochte es wiederholt gegen die Tür des Hauses im Kirchspiel Über dem Wasser.

Es war um die Zeit zwischen Mittagsmahl und Abendwerden.

Ein Trabant in den königlichen Farben stand draußen.

Ihm ward aufgetan, und er fragte nach Raban von Bischopink von und zur Getter.

Bald darauf stand er vor dem Erbmann.

»Was bringt Ihr?« fragte der Bakkalaureus der sieben freien Künste.

»Im Namen des Königs«, sagte dieser, »morgen um die erste Mittagsstunde möchte Johannes Leydanus, der Herr über den neuen Tempel, Euch sehen. Ihr seid zur Tafel geladen.«

Dem also Gebotenen wurde es schwarz vor den Augen.

»Wer wurde sonst noch befohlen?« fragte er mit schleppender Stimme.

»Der Sprecher des Königs, sein Kanzler und alle Herren des näheren Umstandes.«

Raban hielt sich kaum auf den Füßen.

»Um welche Stunde geladen?« fragte er fahrig.

»Ich sagte schon, Herr, um die erste Mittagsstunde, wenn die Trommel pocht wie gebräuchlich. Herr, und die Antwort?«

»Ich komme und danke der Gnade.«

Da ging der Trabant.

Aber Raban ... Aus seiner Schwäche heraus wuchs es auf mit der Größe und Stärke eines Herrn von und zur Getter. Schon oft hatten die Bischopink in schweren Nöten und Bedrängnissen gestanden, lagen am Boden, die Faust des Gegners am Eisenkragen, aber immer wieder rafften sie sich auf, ein Stück Erde zwischen den Zähnen, brachen der Ehre willen andermanns Schädel, wenn auch letzten Endes mancher von ihnen um eben dieser Ehre willen in den Sand beißen mußte.

Jedenfalls – sie warfen Panier auf.

Mit den goldenen Lilien im Wappen, zwei Rabenfittiche als Helmzimier – sie hielten die Fahnenwacht, stündlich, täglich, Monate hindurch, Jahre hindurch, bis sich die Jahre zu Jahrhunderten auskreisten.

Das Panier entfiel ihnen nicht, es sei denn, sie deckten es mit ihrem eigenen Leibe, ihren eigenen Panzerringen.

Heute jedoch ... ein solcher Ruf, eine solche Kampfansage war noch niemals ergangen. Es war ein Tasten ins Dunkle hinein, ein bevorstehendes Ringen mit diabolischen Mächten, die im Hintergrund lauerten, ein ungewisses Spiel mit den Pranken einer Pantherkatze.

Oder waren es die eines Tigers? schleichende, grausame, entsetzliche Pranken. Packten sie zu, um ihn seinem verlorenen Weibe hinzuwerfen, langsam ihm und ihr die Krallen in die noch immer offenen Wunden zu schrauben? Dachte der Tiger daran, sich an ihren Qualen und Martern zu weiden, bevor er zuschlug und dem Trauerspiel ein Ende machte? und siehe und siehe: feierlich senkte sich ihm der düstere unheimliche Vorhang herunter, hinter dem sich die Leere austat und das letzte Seufzen zweier Menschenkinder spurlos in dieser Leere hinaussickerte.

Und dennoch: der Jüngste seines Geschlechtes – Panier warf er auf.

Er ballte die Fäuste.

»Gut denn ... mit Rosen im Haare ... Johannes Leydanus, ich komme und danke der Gnade.« –

Anderen Tages ...

Der Mönch und ich sahen und hörten.

Vor dem Hause des vertriebenen Herrn von Büren, nunmehr die Pfalz des Herrn der Welt und des Himmelkreises, standen zwei in geflammter Watt.

Die rührten die Trommeln.

Ihr lautes Gerumpel und Gepoch drang vom Domhof bis weit in die benachbarten Kirchspiele.

Noch drei langgezogene Wirbel, und die Trommeln verstummten.

Von allen Seiten strömte das Volk zu, hieß es doch, der König würde zu ihm sprechen, ihm Baumkuchen und Moppen an Stelle von verrotteten Dickwurzen oder sonstigen Abfällen darbringen, ihm endlich den heißersehnten Tag der Erlösung und den des allgemeinen glorreichen Gottesreiches verkünden.

»Hosianna dem König!«

»Hosianna dem Gesalbten des Herrn und Ehre sei Gott in der Höhe!«

Wie ein Geheul von Tieren, die um des Hungers willen die Häuser der Menschen umlagerten, stieß es gen Himmel, durchlärmte es diese sonnenschöne Mittagsstunde. Dazwischen aber auch drohende Rufe, Schreie nach Recht und Vergeltung, das dumpfe Hämmern von Kammerbüchsen und Wallkartaunen aus dem Felde und von den Schanzen herunter, eine furchtbare Mahnung dafür: jemand steht draußen, einer, der mit eisernem Fäustling anpocht, schon Wochen um Wochen, schon Monde um Monde, der Einlaß begehrt und nicht mehr gesonnen ist, länger zu warten.

Das Gewühl drängte vor, und wurde einer unter die Schuhe getreten, so war es nicht anders, als hätte man einen mistigen Strohhalm zertrampelt.

»Gebt Raum dem Träger des Schwertes!«

Von zwei Spießknechten begleitet, schritt Knipperdolling der königlichen Pfalz zu. Wie immer dunkel gekleidet, den güldenen Wiedertäuferpfennig auf der mit Marderfell verbrämten Schaube, ging er stumm und ernst über den Domplatz, betrat er die Vorhalle des königlichen Palastes.

Hier stieß er auf Raban.

»Erbmann, auch Ihr ...?!«

»Träger des Schwertes, ich wurde geladen.«

»Seltsam ...!« und eine schwere Falte furchte sich über die Stirne des Mannes in todschwarzem Tuch.

»Viele, die geladen sind«, sagte er mit verschleierter Stimme, »werden des Tages nicht froh. Ich rede mit dem Heimgesuchten aus dem Lande Uz: Ihre Denksprüche sind Aschensprüche, ihre Bollwerke werden wie Lehmhaufen sein. Ich möchte Euch stärken mit meinem Munde und mit meinen Lippen trösten. Aber wenn ich schon rede, so schonet mein der Schmerz nicht; lasse ich's anstehen, so geht er nicht von mir.«

»Gewaltherr, das Schlimmste kam über mich, so mag auch das Ende über mich kommen. Ich fürchte mich nicht und harre auch dieser Stunde.«

»Lobenswert«, nickte Knipperdolling ihm zu. »Aber das stolze, fast zu rasche Vorwärtsdrängen der Jugend spricht aus Euch ... und ich frage mich immer: Wo ist die Stätte der Weisheit? Niemand weiß, wo sie liegt, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen. Die Tiefe spricht: Sie ist nicht in mir, und das Meer spricht: Sie ist nicht bei mir. So schwanken wir wie Schatten zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Torheit und klugem Wollen. Man muß Kind bleiben, um die Weisheit zu erfassen.«

Er legte ihm die Hand auf.

»Jedenfalls Erbmann, laßt Euch nicht irremachen, festigt Herz und Nieren, spielt nicht augenfällig mit dem Weibe, das das Eurige war, und hütet Wort und Zunge. Versteht Ihr?«

»Ich verstehe, Träger des Schwertes.«

Ein Kämmerling trat zu ihnen.

Sein Gesicht war das eines Totenkopfes. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Nur spärliches Haar legte sich über den bräunlich angelaufenen Schädel, dessen Naht sich bis zur Stirn und den Schläfen verfolgen ließ. Er schien nach der Gruft zu riechen, ein Ansager und Vorbote aller Vernichtung zwischen den Mauern zu sein, ein Würger der Städte und ein Bevölkerer der Friedhöfe.

Der nun nahm ihnen Waffe und Wehrgehäng ab und geleitete sie auf weichen Schuhen in das Vorgemach der goldenen Halle.

Johannes Leydanus stand bereits inmitten des engeren Umstands und des Rates der Zwölfe.

Er war in blütenweißer Seide gekleidet, die güldene Kette mit der Weltkugel um Hals und Nacken geschlungen, gekrönt und mit dem Schwert umgürtet.

Er sprach mit Krechting, dem Kanzler.

Über das feine bleiche Gesicht mit dem kurzverschnittenen Vollbart zuckten eilige Lichter. Sie gingen von einem zum andern, obgleich er eifrigst mit dem Kanzler redete. Dabei durchforschte er Herz und Nieren eines jeden, um der Seele und ihrer Tiefe näher zu kommen.

Als er Knipperdolling gewahrte, trat er eiligst auf ihn zu, ohne Rabans zu achten.

»Na Statthalter des glorreichen Tempels, ich hörte bereits. Diese verfluchte Geschichte vor einigen Tagen ... Doch Ihr seid besser beraten. Laßt mich wissen ...«

»Herr, in einer ihm günstigen Nacht ging Gresbeck über die Mauer, ein sonst ehrlicher Mann und Anhänger des reinen Glaubens. Und dieses ...«

Der König fiel ihm ins Wort: »Wirft das eine Stadt aus den Angeln?«

Er lachte.

»Sein Mütchen wollte er kühlen, der Viechskerl, von wegen der ihm genommenen Hausehre. Ein grobes Versehen seitens meines Marschalls. Das Weibsbild wertet keinen Rader albus, kaum tauglich zur Gürtelmagd ... und nun macht sich der Tugendbold auf, dem Infulierten das ›Sesam, öffne dich‹ in die Hand zu spielen.«

»Das ist es.«

»Tragt Ihr Bedenken?«

»Herr, ein Verräter wertet viel im gegnerischen Lager.«

»Blast mir keine giftigen Seifenblasen über die Seele. Sie zerplatzen, bevor sie noch ihr Ziel erreichen. Der Geist eines Spießknechts bricht keine Mauern und Torburgen. Aber der eines Hauptmannes ... Sein Name?«

»Eberhard Schmising.«

»Diesem Eberhard Schmising, der es geschehen ließ, einen der Seinen, einen der ihm Anvertrauten über die Gräben springen zu lassen ...«

»Herr, ihm wurde sein Recht.«

»Durch unseren gemeinsamen Freund?«

»Nein, Herr, ich selber ...«

»Was – Ihr?!«

»Herr, die Sache war dringlich. Ich legte ihm den Kopf vor die Füße, und dieser Kopf stiert jetzt auf Telgte zu. Daran mag sich Heinrich Gresbeck erfreuen. Ich setzte ein Beispiel. Das hilft. Die übrigen Hauptleute werden klare Köpfe behalten, zudem nicht auf Augen und Ohren sitzen. In nomine patris

»Knipperdolling, Ihr verdientet, an meiner Statt Recht zu sprechen und das Zepter zu führen.«

Langsam wandte Johannes Leydanus das gekrönte Haupt.

Sein Blick fiel auf Raban.

Der begegnete ihm mit offener Stirne, ohne mit einer Fiber zu zucken.

»Erbmann von und zur Getter, Ihr wißt Blut zu behalten. Das seh' ich. Es geht Euch nicht auf und davon, wie so vielen.«

Er musterte ihn mit eingekniffenen Lichtern.

»Ihr hörtet die Geschichte von Heinrich Gresbeck?«

»Ich hörte sie, Herr.«

»Gut so. Ihr habt die Probe bestanden. Ich verstehe jetzt manches. Erbmann bleibt Erbmann. Trotz Eures Leids – Ihr seid nicht über die Mauer gegangen ... und daher willkommen. Ich habe Euch eine Freude zugedacht. Sie wird heute bei der Tafel erscheinen und zu meiner Linken sitzen.«

Er bot ihm die ringgeschmückte Hand.

»Erfreut Euch ihrer und vergeßt, was Euch angetan wurde durch ein Gesicht des Vaters im Himmelreich.«

Zwei Trompetenstöße gellten herüber.

Die Türen zur goldenen Halle öffneten sich.

Der Kämmerer mit dem Totenkopf erstattete Meldung: »Die Königinnen und die übrigen Damen des Hofes!« und ein Spielen hub an von Flöten und Zinken, ein solches von Harfen und Psaltern, die mit ihren Harmonien die Sinne betörten, die Herzen weit machten, ähnlich dem Spiel der Harfen- und Psalterträger Davids vor der Lade Gottes, als sollte Sion sich noch einmal an diesem unermeßlichen Wohllaut satt und genug trinken.

Unter diesem Getön trat man in die goldene Halle, setzte man sich, Johannes Leydanus inmitten der Tafel, ihm zur Rechten Divara, ihm zur Linken Elisabeth Wandscherer, schön wie Bath-Seba, die Tochter Eliams, das Weib Urias, des Hethiters ... ihr Antlitz jedoch war weiß wie gebleichtes Leinen hinter Klostermauern, und ihre Augen brannten unter den zusammengerückten Brauen, als wenn sie die Anschauung des ewigen Lichtes herbeisehnten.

Nur einmal stießen diese auf Raban, zur Rechten Knipperdollings, aber kaum drei Herzschläge hindurch. Dann suchten sie wieder die Spuren des ewigen Lichtes.

Der Erbmann verkrampfte die Hände.

»Behaltet Blut«, sagte sein Nachbar.

Hinter dem König stand der Kämmerling mit dem bräunlichen Schädel, steif wie ein Galgenholz.

Zeitweilig zeigte er die schadhaften Zähne.

Der nun waltete als Mundschenk.

Nach dem dritten Gang hielt ihm Johannes Leydanus den Becher hin, in dem früher sich der Wein in das Blut Christi verwandelte, den Becher des Tabernakels und des heiligen Geschehens.

»Schenkt ein!«

Der Kämmerling tat, was ihm geheißen ... und der Blick des Königs fiel auf den Erbmann von und zur Getter.

Er umgriff den Kelch und sagte: »In schlaflosen Nächten blättere ich des öfteren in den Mären und Geschichten des fernen Ostens. In einer solchen Nacht las ich: Geht zu den Edlen, ihr Söhne der Edlen! denn es bestimmten Natur und Gesetz: Edle nur glänzen in den Taten des Edlen. Meidet jedoch die Niederen aus niederem Samen! Denn es bestimmten Natur und Gesetz: Niedere Taten kommen von Menschen aus niederem Blut und niederer Saat. Ihr nun seid edel geboren. Ich trinke Euch zu, Raban von Bischopink.«

Und er trank ihm zu und hielt ihm den Becher hin.

Da tat ihm Raban Bescheid, sah aber aus, als sei er aus der Marterkammer getreten.

»Tut Buße ...! Tut Buße ...!«

Draußen erhob sich ein Geschrei von Tausenden, die die königliche Pfalz immer wilder umdrängten. Die Söldner hatten kaum Macht, das schiebende Volk von den Toren zu halten.

»Herr der himmlischen Heerscharen! Herr der Güte und der Barmherzigkeiten ...!«

Der Lärm pochte gegen die Scheiben, brachte die Balken ins Schüttern, und diese Spanne des Tobens und des Dröhnens der ausgemergelten Dulder und Hungerleider benutzte Knipperdolling, seinem Nachbar zuzuraunen: »Traut seinen Worten nicht. Haltet die Augen klar und lasset Euer Herz zu Eis werden«, denn er sah, wie Raban und die junge Königin Blicke tauschten, die das Unheil heraufbeschworen.

»Habt Ihr verstanden?«

Ja, er hatte verstanden, konnte jedoch sein Wort nicht anbringen, denn das graue rasende Elend da draußen ergriff ihn. Immer herausfordernder klang es herüber. Unter dem Wolfsgeheul der Zugeströmten und Besessenen verstummten die Psalter- und Harfenspieler, klirrten dafür die kostbaren Gefäße auf der weiten Tafel.

»Erhöre uns, o Herr!«

Immer lauter und drohender: »Erbarme dich unser, o Herr!«

Dann eine brüllende Stimme: »Unsere Weiber verhungern! Wir haben kein Brot. Selbst die Ratten in den Rattenlöchern sind alle geworden.«

Eine zweite darauf: »König, wo bleibt das verheißene Reich, das Land, wo Milch und Honig fließen?! Dusentschuer predigte schon, aber wir glauben dem Propheten nicht mehr, denn seine Worte stolpern, als wären sie vom Weine trunken!«

»Herr, wir fressen schon Unflat«, drohte es von einer anderen Stelle, »wie sollen wir da das verheißene Reich gewinnen?! Unter Unflat und faulen Kadavern gibt es kein Leben für die Anabaptisten. Hilf uns, sonst müssen wir glauben: der Bischof ist stärker als du, seine Macht reicht weiter als deine Macht!«

»Erhöre uns, o Herr!«

»Erbarme dich unser, o Herr!«

Der Lärm tobte weiter, rüttelte an den Festen des Hauses.

Das Galgenholz rührte sich nicht. Stand wie ein Pfahl. Nur zwischen seinen schadhaften Zähnen blenkerte ein häßliches Grinsen.

Da warf Divara ein verstörtes Auge auf ihn und dann auf den König.

Johannes Leydanus saß mit entstelltem Gesicht, wenn auch furchtlos und mit der Selbstbeherrschung eines Großen unter den Großen.

Mit starker Hand umgriff er den Kelch. Der beulte sich aus und schrie unter den Fingern.

Dann sprach er in sich hinein: »Brot wollen sie haben, die ewig Hungrigen. Ich kann ihnen kein Brot geben, wenigstens jetzt nicht. Aber Spiele, die hab' ich. Vielleicht wird ein solches noch fällig. Geduld sollen sie zeigen, die Palmesel.«

Jemand war an seine Seite getreten.

Der Kanzler.

Der sagte: »Herr, wollt Ihr nicht sprechen. Euer Wort ist wie Öl auf einen wirren Tobel.«

»Meint Ihr? Oder wären Pulver und Eisenbrocken nicht besser? Ein paar Handvoll genügen. Die sind immer zu haben.«

Krechting verfärbte sich: »Herr«, versetzte er mit einer gewissen Unrast, »spottet jetzt nicht. Redet mit ihnen. Ihr versetzt Berge und laßt im Winter die Felder grünen.«

Da erhob sich der König. Gemessenen Fußes begab er sich auf den freien Laubengang der goldenen Halle hinaus ... und als wäre ein Mirakel geschehen: der Sturm ebbte zurück, wurde zu einem einzigen Schweigen, als hätten sich Hof und die weite Umhegung mit Karpfen und Saiblingen des Meeres bevölkert.

Lächelnd sah er auf die lautlose Menge, in das sonnenfrohe Scheinen des Tages.

Alle Köpfe entblößten sich, alle Hände legten sich friedlich zusammen. Hätte sich ein Blättchen von den Lindenästen gelöst, sein Fallen wäre zu einem leisen Klingen geworden.

Und Johannes Leydanus erhob seine Rechte.

Da funkelte der Stein seines Ringes über die tausend und abertausend Häupter mit dem Leuchten des ewigen Gottesauges.

»Geliebte, was steht ihr, was harrt ihr und blökt wie die Schafe an den Hängen des Berges Gilead?! Ihr wollt gute Weide. Wo aber ist gute Weide während böser Kriegsläufte zu finden?! Jetzt gilt's, das Maulwerk mit dem Sperrholz zu sperren. Wartet ab. Seid nicht verblödet. Wo Niedergang ist, da ist auch strahlender Aufgang, und euch wird ein strahlender Aufgang, der euch führt aus dem grauen Land des Entbehrens in das lachende Land der Erfüllung.«

Ein einziger Schrei: »Erbarme dich unser, o Herr! Wir hungern, und unsere Kinder sterben uns an den Brüsten fort!«

Des Königs Stimme rollte dahin: »Was schreit ihr, ihr Zweifler?! Oder wollt ihr wieder unter die Gerichtsbarkeit des bischöflichen Dominiums? Wenn ja, dann sagt es, ihr Strumpfwirker und Narren! Haltet euch fest an den Schwänzen eurer Stuten und reitet zu, reitet zu. Aber schon besser: ehret die Deuter des Landes, sonst wird euch das höllische Feuer. Was Dusentschuer verkündete, ist lautere Wahrheit, die Leuchte der Leuchten, zudem das Gesicht aus meinen verflossenen Nächten, die Verheißung der Thronen und Herrschaften. Ich bin wie Samuel, der da nahm ein Lämmlein und es dem Ewigen darbrachte. Ich schrie zu ihm für Israel, und er erhörte mich. Ich nahm einen Stein und setzte ihn zwischen Mizpa und Sen, hieß ihn Eben-Ezer und sprach: Bis hierher hat uns der Herr geholfen in seiner Güte und Weisheit, und er wird weiter helfen, wenn auch seine Prüfungen über uns kamen. Die heiligen Wasser, die aus der Ewigkeit fließen, versickerten. Aber ich werde sie zu neuem Leben erwecken. Sie werden eure Äcker befruchten, eure Wiesen berieseln mit dem Tau der Erquickung, sie werden euch fette Weide geben, reich bestellt mit saftigen Kräutern und schmackhaften Gräsern. Ich weiß es: Sankt Michael mit seinen Seraphim und Cherubim stehen mit ihren Schwertern bei Fuß, aber ein Zeichen von mir – und sie brechen los mit der Kraft ihrer Panzer, mit der Gewalt ihrer Zweihänder ... und herfallen sie über den Priester ... und würgen werden sie seine Stückknechte und Reitersleute, so daß ein Sterben sein wird, wie niemals gesehen auf Roter Erde, aber zugleich ein Jubel in Sion, an dem die Herzen fast brechen und der Verstand sich verwirret.«

Und er holte zum Schluß aus: »Und wann es geschiehet?! Der Herr sprach aus der Wolke zu mir, und sein Wort war ein Rauch vom Ofen, seine Stimme ein überfließendes Gefäß aus den Gärten des Paradieses: Johannes Leydanus, wenn die Pfingststunde anhebt, wenn es züngelt zwischen Staub und Himmelreich – frei ist dein Volk wie der Vogel in den Lüften, und schwelgen wird es in den Genüssen des Lebens, wird sein das Volk über den Völkern und dem Herrn, seinem Gott, ein Wohlgefallen. Das sage ihm und sage es in meinem Namen, im Namen des Vaters, der da ist von Anfang der Dinge bis in das unermeßliche Reich der Ewigkeiten.«

Da brach es los um ihn her, bevor es noch zu Ende gekommen: Tausende beugten die Knie, Tausende küßten den Boden unter ihren Füßen, Mausende rangen die Hände ihm zu, Tausende und Abertausende schrien und jauchzten:

»Pfingsten! Pfingsten ...!«

»Ehre sei Gott in der Höhe und heil unserm König!«

»Heil dem Gesalbten!«

»Pfingsten! Pfingsten! Heilige Pfingsten ...!« und es wogte zu Füßen des Herrschers mit den Wassern des Meeres, mit den Halmen des Kornfeldes, während er fühlte: unter ihm schwankten die Balken ... neigten sich die Mauern ... begannen die Ziegelbrocken zu stürzen und immer weiter zu stürzen.

»Pfingsten! Pfingsten! Heilige Pfingsten ...!«

Vor Johannes Leydanus neigte sich noch einmal das eigene Geschick, küßte sein Volk noch einmal die Erde, glaubten noch einmal die Großen seines Thrones an ihn und alle, die er erhöht und erhoben hatte ... und dennoch begann schon die Hand zu schreiben ... für ihn zu schreiben ... die nämliche Hand, die bereits dem babylonischen Könige geschrieben hatte, als er inmitten seiner Fürsten und Herzöge aus dem Becher des Tempels zu Jerusalem trank und den heiligen Namen Jehovas lästerte.

»Pfingsten! Pfingsten! Heilige Pfingsten ...!«

»Schon gut«, mahlte er zwischen den Zähnen.

Er irrte sich nicht.

Er sah das Verhängnis der kommenden Tage, genau so wie er den weißen Leib Divaras durch den feinen Dunst und Nebel ihrer Schleier erschaute.

Hierauf streckte er sich.

Er war wieder Johannes Leydanus geworden.

Umdüsterten Sinnes trat er zur Tafel, das Auge starr und verzehrend auf die junge Königin gerichtet.

Die zuckte auf unter ihrem goldenen Krönlein.

Der Kämmerling rückte ihm den Sessel zurecht.

Da wandte er sich: »Mann – du, du mit dem Leichentuch unterm Arm, gib mir zu trinken.«

Der brachte ihm einen neuen Becher zu und füllte ihn mit Wein aus Burgund, leuchtender denn böhmische Granaten.

Dann stand er wieder als ein starres Galgenholz hinter dem König, während die Spielleute aufs neue zu spielen begannen, gedämpft und mild, mit dem Säuseln von Aeolsharfen ... und durch dieses Säuseln hindurch die Stimme des Gastgebers: »Bevor wir scheiden – nochmals Dank, Erbmann von und zur Getter ... Ihr machtet mir die Tage und Nächte schwarz, schwärzer als das Buch, in dem der Satan seine schwarzen Taten verzeichnet. Es waren Tage und Nächte, an denen die Schnecken unterwegs sind. Das scheint behoben zu sein, denn Umstände walten ob, nach denen es kein Forschen gibt. Ihr kamt und seid nicht über die Mauer gegangen. Das ehrt Euch. Drum, so schwer es mir ankam, ich machte Euch Freude. Ihr saht sie und werdet jetzt das Vergessen wohl finden. Auch sie. Der böse Geist wird von ihr lassen, der gute Geist der Nachgiebigkeit und der ehelichen Gemeinschaft sich aber mir zuneigen. Auf daß es geschehe ...!« und er hielt ihm den Kelch hin: »Auf Freundschaft!«

»Gebt keine Antwort, Erbmann«, raunte sein Nachbar.

Da schwieg Raban, hielt ihm aber sein Kelchglas entgegen.

Der König erhob sich.

Mit ihm die anderen, die Königinnen und Nebenfrauen und alle, die zur Tafel geladen waren.

»Gott segne den Tag!« sagte Johannes Leydanus.

Festen Schrittes begab er sich zu der geheimnisvollen Ebenholztafel, die sich seitwärts des Einganges der goldenen Halle befand.

Divara erbleichte.

»Mein Gott!« stöhnte sie auf und nahm die Hand des Gekrönten.

»Heut' gibt's kein Erbarmen mehr«, rief der Herrscher sie an. »Zur Nacht muß ein Sternlein herunter«, und er nahm das silberne Zäpflein und bohrte es langsam und umständlich unter den silbernen Namen der Wandscherer.

»Königin Elisabeth, ich warte und harre der Stunde.«

Da tat sie einen entsetzlichen Wehschrei: »Ach du, mein Ärmster ...!«

Raban sprang vor.

»Bleibt!« gebot eine Stimme ... die Knipperdollings.

Aber der Verstörte ließ sich nicht halten.

Da stand sie, das Weib seiner Tage und Nächte, die Augen geweitet, die Hände auf den jungen Brüsten gekreuzt, gekrönt und mit diabolischen Kettlein umknistert ... und doch die Gebenedeite am Fuße des Kreuzes, bleich wie das Sterben und siebenfältig Herz und Seele durchstoßen.

»Geliebte!«

»Geliebter!«

»O du – mein Weib du ...!« und er lag ihr zu Füßen, umschlang ihre Knie, tastete sich höher mit der Wut eines Irren, umfing sie und preßte ihr einen heißen Kuß auf die Lippen ... und beide standen, als verlören sie sich in dem Nichts des Geschehens.

Eine Verlähmung ging durch die goldene Halle.

Der König trat näher.

Keine Fiber in seinem Gesicht gab sein Inneres wieder.

Er höhnte: »Laßt das. Keine Narrenpossen an der königlichen Tafel.«

Das Weib im Arm, fuhr Raban ihn an: »Mensch – Ihr ...!«

»Nur Ruhe, Erbmann von und zur Getter. Ihr denkt an Plündergut. Solches schiebt Ihr mir in die Schuhe. Ich weiß es. Aber Ihr irrt Euch. Was ich besitze, ist ehrlich erworben. Ihr habt kein Anrecht daran. Ich gedachte Euch eine Freude zu machen, und muß nun sehen: Ihr habt mir die Freude bitter vergolten.«

»Sie ist mein Weib vor Gott und den Menschen!«

»So – Euer Weib vor Gott und den Menschen?! Eine neue Post. Königin, wie denkt Ihr darüber?«

Da wurden die Blicke der Angerufenen zu leuchtenden Strahlen.

»Ja, König der Zeit, sein Weib vor Gott und meinem Gewissen. Er erkannte mich in der Nacht, die mich beseligte; es war für mich die Nacht aller Nächte.«

Sie lächelte wie diejenigen lächeln, die das ewige Glänzen erwarten.

»Weib, das Urteil habt Ihr Euch selber gesprochen«, und zu Raban gewendet: »Und Ihr ...?«

»Die Bischopink von und zur Getter wissen zu sterben.«

»Sterben?!« lachte Johannes Leydanus. Aber es war ein Lachen aus Moder heraus. »Sterben?! Ihr? – und das durch meine Hand?! Daß ich ein Narre wäre! Daß ich meine eigene Rache nicht kennte! Leben sollt Ihr ... sehen sollt Ihr ... hören sollt Ihr wie die Vögel der Lüfte, die Fische der Tiefe. Ich versprach Euch ritterliche Freiheit. Dies Wort wird auch heute und später gehalten ...« und seine Stimme dröhnte: »Spießknechte vor!«

Und die Spießknechte traten unter die fiebernden Menschen.

»Den nehmt. Aber kein Haar wird ihm gekrümmt, kein Fetzen seines Kleides geht ihm verloren«, und den Nebenfrauen gebot er: »Die da, die eine Königin war, geleitet und führt sie, so wie sie ist, ohne Erbarmen und Mitleid. Ich habe dem Volk ein Schauspiel zu geben. Sein Wort muß man halten.«

Knipperdolling und Krechting hoben die Hand.

»Herr und König ...!«

»Wagt es, mir den Tag zu verkümmern und das Recht zu beugen. Keine Vergrämung. Recht muß sein, oder Sion ist eine Stätte der Trauer. – Kämmerling, her ...!«

Und das Galgenholz kam.

Dem flüsterte er etwas Hastiges zu.

»Herr, Dein Wille geschehe.«

Und der Mann mit dem Totenkopf verließ mit häßlichem Grinsen die goldene Halle.

 

Um die vierte Nachmittagsstunde dröhnte von Sankt Lamberti eine dumpfe Glocke herunter.

Alle fünf Minuten schlug sie an, dann verstummte sie wieder.

Gleich darauf pochten vor dem städtischen Hause zwei Trommeln. Die riefen das Volk zusammen. Auch die Herren des Zwölfer-Rates waren entboten. Widerwillig hatten sie dem Rufe Folge geleistet.

Einer von ihnen sagte, als er die Zurüstungen sah: »Wär' ich nicht Heinrich von Schwerdrup, den sie den Beherzten nennen, ich könnte Raban von Bischopink um seinen Mut und seine Sprache beneiden.«

»Schweigt,« versetzte sein Nachbar, »die Steine hören, und die Mauern erzählen es weiter«.

»Soll mir egal sein. Der Salto mortale wird letzten Endes trotzdem gesprungen.«

»Mensch – Ihr ...!«

Das Weitere verhallte im Waffenklirren.

Hundertundfünfzig Knechte in Eisenkrebsen und Schulterflügen umkreisten die Hegung, in deren Mitte das Blutleder ruhte.

Zwischen den beiden Laubenzeilen des Prinzipalmarktes lag es gerichtet.

Immer mehr strömten zu. Nur einer fehlte unter den vielen: der Prediger Rottmann. Der kniete in seiner Kammer auf dem Estrich, die Stirne am Boden und flehte gen Himmel. Es war zu spät. Auch das Gebet des Reinsten unter den Reinen hatte nichts mehr zu sagen.

Das Blutleder redete eine zu herrische Sprache.

Neben ihm harrte Meister Hans aus der Grünen Stiege, wie immer in Rot, das blanke Schwert zwischen den Händen, die Kapuze mit den starrenden Sehlöchern übergezogen.

Er wartete.

Das Galgenholz hatte ihn richtig gefunden.

Bald darauf ...

Von seinen Trabanten umgeben, erschien Johannes Leydanus, Knipperdolling zur Rechten, Krechting zur Linken, umbraust von dem Jubel der Zugeströmten. Aber wer genauer zuhörte, der fühlte: der Jubel war nicht mehr der frühere Jubel. Es war ein gemachter Jubel, ein Jubel, der bereits eine schleichende Krankheit in sich hatte und absterben wollte.

Der König schien heiter.

Er plauderte mit seinen Begleitern.

Aber Knipperdolling und Krechting blieben vielfach die Antwort schuldig, schwiegen zumeist und zählten die Pflastersteine, die unter ihren Füßen fortschlichen.

Die Glocke von Sankt Lamberti dröhnte noch immer.

Alle fünf Minuten schlug sie an, dann verstummte sie wieder.

An Ort und Stelle gekommen, überschaute der König die Hegung. Er freute sich des ihm zugetanen Volkes, das Kopf an Kopf stand und alle Fenster der umliegenden Arkadenhäuser besetzt hielt.

Eine Bewegung entstand.

Die Menge gab Raum. Inmitten des Waffengefolges kam einer gegangen. Des Antlitz war kalkig. Die Blicke aber hatten nicht an Leuchtkraft verloren. Sie waren wie Falkenlichter.

Der Herrscher gewahrte den Mann.

Er stieß einen verhaltenen Laut aus und zeigte das Weiße in seinen Augen. Es ging ins Gelbliche über.

»Ihr seid pünktlich, Raban von Bischopink. Das ist Edelmannsart. So geziemt es Königen, aber auch Erbmännern, die bei Hofe verkehren. Kommt näher. Recht nahe. Ich will Euch ehren. Hier, mir zur Seite. Ich möchte Tuchfühlung mit Euch ...« und zu den Spießknechten mit einer kurzen Geste: »Fort mit euch! Als freier Mann soll er neben mir stehen. Der freie Mann neben dem freien Mann. So mein Gelöbnis ... und Fürsten haben ihr Gelöbnis zu halten.«

Er wies die Zähne, die kleinen spitzigen Raubtierzähne.

Raban begegnete ihm mit offener Stirn.

»So kann ich wohl gehen, wenn Ihr nicht vorhabt, mich dem Nachrichter zu überliefern? Ein Freier hat das Recht, seine freien Wünsche zu äußern.«

»Das ist nicht meine Absicht. Ihr bleibt. Später vielleicht. Aber jetzt: wie dem Volk, so habe ich Euch das versprochene Schauspiel zu bieten. Es wird Euer Gedächtnis stärken. Dazu Reue und Buße erwecken.«

»Herr, ich habe Reue und Buße nicht nötig.«

»Ihr habt es. Das müßt Ihr schon mir überlassen. Königswort geht über Edelmannswort.«

»So soll ich mit eigenen Augen ...?«

»Ihr sollt. Brüderlein, Ihr sollt. Sonst wäre mein Tun das Spiel eines Kindes, das sich ein Kartenhaus baut, um mit kindlichem Lachen die aufgerichteten Blätter fallen zu sehen. Mein Spiel ist ein furchtbares Spiel, eine danza macabre

»So freßt das Wort ›Bluthund‹ herunter – Ihr Puppenspieler von König!«

»Erbmann, bleibt ruhig. Ihr solltet von Königen lernen. Ich lernte es lange. Seht nur: meine Seele ist ruhiger als die Erde im Munde eines Toten. Diese Eigenschaft fehlt im Stammbaum und Wappen derer von Bischopink von und zur Getter.«

Und seine Stimme schwoll an: »Ihr seid schuldig und dennoch nicht schuldig. Ihr liebtet das Weib, dem ich auf Geheiß des himmlischen Vaters meine Neigung zuwandte. Daß Ihr es liebtet, war Euer gutes Recht. Daran ist nicht um Haaresbreite zu rütteln. Aber Ihr wußtet: die Klaue des Löwen lag auf dem Leib dieses Weibes, und trotzdem: Ihr wagtet es, diesen Leib zu betasten. Ich gedachte eine Unberührte zu finden und fand eine Geschwächte. Ich gedachte reinen Herzens ein reines Fest zu begehn, und Ihr hattet den Mut, die Sabbatkerzen zu löschen.«

»Mein Recht!« schrie der Erbmann.

»Schon möglich, wenn Ihr im Büchlein herumblättert, das von Liebe winselt. Ich aber blättere in einem anderen Buche. In dem der Geschichte. Da geht Macht vor Recht ... und Ihr habt es gewagt, mir dieses Buch zu verelenden – Ihr Narre! Ihr seid mir entgegengetreten vor all meinen Großen – entgegengetreten in der goldenen Halle, um mich in der Gekrönten zu kränken, mir das Blut in Eis zu verkehren, und ich ließ Euch das Haupt auf dem Rumpfe, weil ich sah: Ihr wäret das Werkzeug und das blinde Spiel dieses Weibes. Ich kenne das Leben, seine Tiefen und seine Untiefen. Nicht der Mann verführet, sondern die Kehrseite ist hier Trumpf in der Karte. Ihr fordert das Weib als Eures, vor Gott und Eurem Gewissen ...?«

»So ist es!«

»Dann sollt Ihr sehen, zur Buße der Schuld, wie ich Euch in dieser Stunde zum Witwer mache. So geschehe wie Rechtens.«

Ein langgezogener Wirbel verschlang die letzten Worte.

Er kam vom nahen Domhof her.

Dann pochten zwei Trommeln.

Das Pochen kam näher, und unter dumpfen Schlägen nahte der Zug, der die dem Tode Geweihte, inmitten der Nebenfrauen, zur Stätte geleitete.

Zwölf gleißende Weiber!

Nur Divara war zu Hause geblieben.

»Königin, Königin!« schrie es im Volke auf, aber aus beklemmter Brust, mit dem Schrei eines einzigen Menschen.

Und die Königin kam, ein beinernes Kreuzlein zwischen den schneeweißen Händen.

Mit der Ruhe der Schmerzensreichen betrat sie das Blutleder. Dabei verlor sie ihren linken goldenen Pantoffel. Das Sonnenlicht spielte mit ihm, als wäre er aus dem Glanz des Himmels gewoben.

Ihr letzter Blick fiel auf Raban, und dieser Blick hatte noch ein herzgewinnendes Lächeln, als wollte es sagen: »Weine nicht, errege dich nicht um mich und mein Sterben.

Ich gedenke der Nacht, der einen Nacht ... und diese Nacht ist für mich die Nacht aller Nächte gewesen.«

Von einer Kammerfrau geführt, kniete sie nieder.

Meister Hans trat vor und machte sich fertig.

Das Schwert legte sich breit und glänzte in dem warmen Scheinen des Tages.

Da geschah Unerhörtes, ein noch niemals Erschautes.

Johannes Leydanus entriß dem Meister das Richtzeug.

»Hund, du verfluchter! Weißt du noch nicht, was Satzung in Sion, im reinen Sion?! Königinnen, selbst unwürdige, werden nur durch den König gerichtet. Erbmann, sieh hin – du. Hinsehen sollst du!« – und dann ein Blitzen und Leuchten ...

Vornübergestürzt, hielt Elisabeth Wandscherer ihr schönes und bleiches Haupt zwischen den Händen.

Raban streckte sich, als hätte ihn eine Partisane durchlaufen. Dann sank er wie eine geborstene Säule. Stirne und Mund stürzten auf die Steine, die mit ihrem Blute bespritzt waren.

Johannes Leydanus jedoch, der König der Könige, trat unter seine Kebsweiber, reichte zweien die Hände und gebot allen anderen ein gleiches zu tun.

»Auf zum Tanz ...!« und unter dem Gesang ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ tanzete er und die Frauen einen getragenen Ringelkringelrosenreigen um das Blutleder, um die Gerichtete, deren Seele längst bei den Ewigen weilte, und alle die ihm wohlgesinnt waren, folgten ihm nach mit Pauken am Reigen.

Schleier senkten sich nieder. Barmherzig legten sie sich über die Stätte des bösen Geschehens.


 << zurück weiter >>