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Siebentes Kapitel

Es geht in Mysterien über mich hin. Ich höre Geigentöne, die sonderlich klingen, widersinnig, als würden sie von Gespensterfingern aus einer kranken Geige hervorgezaubert, als gingen sie über eine unermeßliche und tote Heide, wo Lemuren hinter abgestorbenen Ginsterbüschen kauern und sich grausige Geschichten erzählen. Ich sehne mich aus diesen Geheimnissen fort, aus diesen Schatten und Nebeln, die nichts Frohes und Zusprechendes an sich haben, sondern immer mehr in einen unheilvollen Taumel hineinführen. Nur Schatten und Schattenhände! Ich ersehne lachendes Leben, grüne Weiten, satte Weizenfelder, Frauen mit Blumen im Haar – duftende Blumen, Frühlingsblumen und Sommerblumen: Veilchen an verschwiegenen Bachrändern, Salbei und Tausendgüldenkraut, Rosen im prallen Sonnenlicht, Rosen in schwülen Sommernächten, die von Erinnerungen leben, von einer nordischen Königin erzählen, deren seidengesponnenes Haar in das sanfte Scheinen des Pollichtes hinüberfließt. Aber ich wartete vergebens auf die Veilchen an verschwiegenen Bachrändern, auf Salbei und Tausendgüldenkraut, auf Rosen im prallen Sonnenlicht, auf solche in schwülen Sommernächten. Der Mönch trat wieder in meinen Gesichtskreis. Er trug weißes Gewand, darüber schwarze Kutte und schwarze Kapuze. Jetzt weiß ich: ich hatte ihn noch kürzlich gesehen, aber jünger, viel jünger. Nicht als Dominikaner mit dem zerwühlten und zerrissenen Antlitz, sondern als Jüngling, eine Baldurgestalt mit den sieghaften Blicken eines revierenden Falken. Nur über das Wie und Wo konnte ich mir keine Rechenschaft geben. Es verschwamm mir in Spiegelungen und Spiegelbildern. Aber in diesen Spiegelungen und Spiegelbildern erschien aufs neue die Wachskerze, die schwere Wachskerze auf einem messingenen Leuchter, die klingend abtropfte und sich geheimnisvoll weiter bewegte.

Erst schwelte sie nur, dann flämmerte sie, dann begann sie stärker zu leuchten und eine Lichtgarbe von sich zu geben.

»Kommt«, sagte der Mönch, »wir haben keine Zeit zu verlieren«, und als wenn sich mein geheimes Wünschen erfüllen sollte – ich trat in ein pulsendes Leben hinaus, in Sonnenlicht und Sonnenfreude, die über die tausendjährige Stadt dahinfluteten, als wollten sie den Ernst der Tage und des furchtbaren ›Tut Buße‹ mit ansprechenden Farben und sonstigen Zieraten umkleiden.

Seidenweiße und azurne Bänder flatterten unter dem Himmelreich. Die stolzen Giebelzeilen auf dem Prinzipalmarkt erstickten unter Blumengirlanden, unter Buchengrün, Stechpalmen und purpurroten Rosen, die noch im Tau des jungen Morgens tropften.

Fahnen und Banner gaben sich ein Stelldichein in den lustigen Winden, die von den Feldern herüberwehten, gesättigt vom Überfluß des Sommerertrages und dem Gehummel der einheimsenden Bienenvölker.

Von allen Türmen und Basteien wehten die Feldzeichen. Mit hellem Geknatter begrüßten sie die Loddenheide, die mit ihrem ersten Blütenschmuck aufwartete, als wäre ein Nordlicht über die unabsehbare Niederung gespreitet, höhnten sie die fernen Lagerzelte der Bischöflichen, die schweren Soldknechte, die Partisane bei Fuß standen, aber noch immer nicht wagten, das Kalbsfell rühren zu lassen.

Sion lag so unerschütterlich unter dem Himmelreich, als hätten die streitbaren Cherubim und Seraphim zehnfache Gräben um sein Weichbild gelegt, es mit einem zehnfachen Mauergürtel umzingelt.

»Ehre sei Gott in der Höhe!«

Von allen Gassen und Gäßchen strömten die Auserwählten dem Prinzipalmarkt zu, staunten und sahen: vor dem städtischen Hause, dessen Giebel seinesgleichen nicht auf Erden hatte, prunkte das Wappen des Gewaltherrn Johannes Leydanus, waren die Throne des Königs und der Königin Divara gerichtet, erhoben sich die Sessel der Großen und Machthaber des neuen Staates, hielten Trabanten die Wacht, die Helleparten geachselt, ausstaffiert mit grün und kastanienbraun-geflammten Wämsern.

Aller Augen richteten sich auf zum ersten Stock des städtischen Hauses.

Hier schaute Divara von einem Erker aus auf das Brausen und Wogen zu ihren Füßen. Sie ergötzte sich dessen, winkte mit der ringgeschmückten Hand und ließ ihr silberdurchwirktes Schleierlein wehen.

Sie harrte des Königs.

Auf dem kupferroten Haar trug sie ein Krönlein, reichgefaßt mit edlen Steinen und sonstigen Kostbarkeiten.

Hinter ihr blühte ein Kranz von holdseligen Weibern, die sich der Herr der Welt bereits aus eigener Machtbefugnis als Nebenfrauen zugelegt hatte.

Divara freute sich ihrer nicht, aber sie duldete sie, sah mit gerümpfelten Lippen über sie fort und ließ sie gewähren.

Neben ihr erhob sich die vierschrötige Gestalt des Propheten Dusentschuer, der ihr noch in letzter Stunde den entblößten Nacken vergoldet und mit zierlichen Kettlein umkleidet hatte.

Es geschah mit zitterigen Händen, denn er hatte das böse Geschehnis in der Jüdenfelder Straße und in Nähe des Buddenturmes noch immer so recht nicht verwunden. Daß sein fettes Wachtelhühnchen sich unversehens und auf eine so tragische Weise aus den besten Haferparzellen davongemacht hatte, lag ihm schwer auf der Seele. Selbst das lockende Fleisch der Königin hatte ihm die Sinne nicht aufgeheitert.

Jetzt erst bemerkte sie sein Verstörtsein und fragte: »Was habt Ihr? Ich sehe Euch verstimmt und mißmutig, als wäre Euch Böses geschehen. Ist es um dessentwillen, was Euch in der süßen Herberg der fahrenden Töchter begegnete?«

»In der süßen Herberg der fahrenden Töchter ...?« fragte er mit aufgerissenen Augen. »Herrin, ich bin in keiner süßen Herberg gewesen, selbst nicht in meinen kühnsten Träumen.«

»Aber ich hörte davon. Auch ein Prophet kann straucheln, sich zeitweilig seines ihm von Gott verliehenen Amtes in einer schwachen Stunde entäußern. Man sagte mir: eine besonders umfangreiche und angeregte Dame sei Euch dabei unter den Händen verblieben.«

Ihr Wort war gütig, ähnelte einem sanften Flötenhauch oder dem Pfuitzen der Vögel mit den langen Gesichtern über einsamen Waldgestellen.

»Herrin! es sind lästerliche Zungen, die Euerer Königlichen Majestät solches vermeldeten.«

»Himmel, was ist denn geschehen?«

»Herrin, nur Einwandfreies, wenn auch überaus Trauriges. Viel Leid und Not ist in mein Leben gefallen. Die adeligen Fräulein aus dem Stift über dem Wasser hörten von der Botschaft des Königs. Da kam der Geist über sie, so daß sie die Jüdenfelder Straße freiheitsselig herauftanzten, um eines Mannes teilhaftig zu werden. Desgleichen kam der Geist über Moppchen Winkelsett, denn wir fühlten uns innig verbunden, tanzeten mit, die Jüdenfelder Straße hinauf bis zu den Wällen, die an den Buddenturm und die Kreuzschanze stießen, sie als Mirjam, die Schwester Aarons, und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen ...«

»Und da?« fragte Divara, ein unterdrücktes Kichern zwischen den perlenweißen Zähnen.

»Herrin, und da ...« und der Prophet ließ einen tiefen Seufzer dahingehen, als wäre ihm das gebrannteste Herzeleid angetan worden. »Herrin, und da ... in ihrer höchsten Begeisterung warf sie ihre Arme nach oben, wie in Anbetung zu Gott, und der Herr war barmherzig und geleitete das unberührte Weib, die Jungfrau unter den Jungfrauen und die Braut des Propheten in seine ewige Wohnung.«

So Dusentschuer.

Etwas Nasses tropfte in seinen struppigen Michelangelo- Bart.

»Das lautet anders«, sagte Divara und fügte leutselig hinzu: »So müßt Ihr Euch anderweitig umsehen, um auf Euren Geschmack und Eure Kosten zu kommen, denn ich ließ mir sagen: Ihr liebet die Angereiften unter den Weibern. Solches ist wohl zu verstehen, denn solche sind meist von frommer und stiller Gemütsart. Auch wissen sie das Hauswesen traulich herzurichten, ihm eine freundliche Note zu geben. Schade, sehr schade um die Verblichene!« und die schöne Königin mit dem kupferroten Haar und dem preziösen Krönlein auf dem schmalen Haupt hätte ihm noch des Längeren zugesprochen, wäre nicht in diesem Augenblick ein mächtiges Getöse und Rasaunen von den Wällen herunter gekommen.

›Jans Pumpernickel‹ tat das Maul auf und brüllte.

›Männe Ungeschlacht‹ tat's ihm nach, aber sein Brüllen war wie das Brüllen des Untiers in der Apokalypse.

Die Grundfesten Sions schüttelten wie bei einem Beben.

Es war der Auftakt zur Sitzung des Königs.

»Kommt, Dusentschuer«, sagte Divara. »Wir dürfen nicht zögern. Geleitet mich zu ihm«, und sie hängte sich ein, und von den Nebenfrauen gefolgt, deren dünnes Kleidergespinst die liebe Sonne durchspiegelte, trat sie hinaus in Gottes heilige Morgenfrühe.

Johannes Leydanus harrte bereits auf dem Gesteiger, begrüßte sie und die Nebenfrauen und hieß sie sich setzen zur Linken des eigenen Thronsitzes.

Er selber blieb stehen.

Sein stahlblaues Auge flackerte über die Menge, revierte hierhin und dorthin, faßte seinen Mann und ließ ihn eine geraume Zeit zappeln, um ihm dann wieder Raum und Freiheit zu geben, aber wen es gepackt hielt, dem rieselte es mit Eisnadeln über den Rücken. Und dieses stahlblaue Auge ... es machte Weiberherzen zu verbuhlten und närrischen Herzen, brachte Vernunft in Unrast und lächelte ohne viel Federlesens zu machen, Frauen- und Männerköpfe von den Schultern herunter ... und wie er so stand und seine Blicke flackern ließ: ein brausendes Hosianna schlug ihm entgegen, akkompagniert von allen Kirchenglocken, die von Morgen und Abend, von Mittag und Mitternacht die Macht und Herrlichkeit des Herrschers verkündeten.

Regungslos fußte er auf dem mit Teppichen belegten Gesteiger, umgeben von seinen Getreuen und Ratgebern, als da waren: Knipperdolling in totschwarzem Samt, Krechting, der Kanzler, mit brandrotem Haar und listigen Äugelchen, der Prediger Rottmann, Hermann Wandscherer und noch viele, die zum engeren Ausschuß des hohen Rates gehörten, jeder den geschlagenen Wiedertäuferpfennig auf der Marderfellschaube.

Einer stand abseits, gemieden und doch nicht gemieden, geruhsam, der verkörperte Tod, in rotem Wams und roter Kapuze, mit ausgeschnittenen Augenlöchern, genau so, wie er noch vor kurzem auf der höchsten Zinne der Mauerkrone gestanden hatte, die Fäuste um die Parierstange gelegt, das vorgeschobene Kinn in Höhe des Schwertknaufes.

Meister Hans von der Grünen Stiege blieb der ruhende Pol in der ganzen Bewegung und Hegung.

Der König machte eine kaum wahrnehmbare Geste, und wie auf ein zwingendes Geheiß des Schicksals schwiegen die Glocken in weiter Runde, wurden die Menschen ringsum zu toten Menschen, verstummten ›Jans Pumpernickel‹ und ›Männe Ungeschlacht‹, als hätte ihnen eine frevelhafte Hand die Zungen aus den Mäulern geschält.

Johannes Leydanus ließ sich feierlich nieder.

Mit beiden Händen umgriff er die vergoldeten Lehnen.

In kurzen, abgerissenen Worten und Sätzen rief er mit heller Stimme über die Menge: »Nach alter Sitte und Satzung – ich halte Gericht ab. Hier ist die Stätte, das Gute vom Bösen zu scheiden. Die Wage irrt nicht ab, wiegt mit lauteren Gewichten, denn sie ist eine göttliche Wage. Als Vertreter des Herrn über den Weltenkreisen, ergeht meine Stimme: Wer Unrecht tat, der bekenne. Wer zu klagen hat, der klage, wem das Herz zu enge wurde, der trete vor, wem der häusliche Friede abhanden kam, der weise sich aus, auf daß Recht und Gerechtigkeit und gute Gewohnheit herrsche zwischen den Mauern.«

Der Kanzler erhob sich: »Der trete vor, um Klage zu führen und Recht zu erwirken!«

Und siehe: aus der weiten Hegung trat ein hohes Weib, verhärmt und verbittert, schlohweißen Haares und langsamen Fußes.

Die nun führte einen fünfjährigen feinen Knaben an der Hand, blondlockigen Angesichtes, und schritt mit ihm dem teppichgeschmückten Gesteiger entgegen.

Des Bübleins Augen glänzten groß und herrisch, wenn auch etwas verstört, aus dem trotzigen Kindergesichtchen.

»Weib, was begehrt Ihr?«

Die Ärmste schwieg vor den Worten des Königs.

»Weib, was begehrt Ihr?« fragte der Herr des neuen Tempels zum andern. »Ich sehe: Ihr führt blaue Ringe um die Augen, dazu schneeweißes Haar – trotz Eurer Jugend. Es scheint so: Ihr habt schweres Leid zu ertragen.«

»Ich trug es um meines Mannes willen, des Feldhauptmannes Peter van Kracht, der sich den Wiedertäufern verschrieb, als er erkannte, in ihrer Lehre ist das alleinige Heiltum zu finden.«

»Und nun ...?« fragte der König.

»Er fiel auf dem Felde der Ehre, Zaum an Zaum und Steigbügel an Steigbügel mit dem großen Propheten von Harlem. Mit ihm habe ich alles verloren.«

»Vatti ist tot«, sagte der Kleine.

Sein Mäulchen verzog sich zu einem bitteren Weinen.

Der König stutzte.

»Wie heißt du, mein Kerlchen?«

»Wille van Tracht.«

»So! und hast du deinen Vater gekannt?« fragte er leise.

»Hab' ihn gekannt. Vatti war lieb.«

»Und was willst du denn werden?«

»Was Vatti gewesen: Hauptmann des Tönigs.«

»Her, mein Junge!« und der Herrscher Sions riß den Knaben zwischen die Knie und küßte ihn heiß auf die Stirne. »Das blöde Volk vergißt. Seine Sinne wechseln schlimmer als die eines andalusischen Maulesels. Heute schreit es: Hosianna! anderen Tages bereits: Kreuziget ihn! Tagtäglich verdient es sein ehrliches Galgenholz, und solches Geschmeiß darf seine Stimme in die Schale legen.«

Er packte das winzige Männlein beim rosigen Kinn.

»Auf einen solchen Nachwuchs kann sich ein König verlassen.«

Seine Rechte fuhr sacht über den Scheitel des Kindes.

Die schweren Lider hoben sich wieder und sahen das Weib an.

»Und Ihr – worüber habt Ihr zu klagen?«

»Um Vieles. Um meines Leibes Notdurft und Ehre. Die Hiesigen vergaßen den gefallenen Mann, sperrten mir den Sold einer Witwe und hießen mich betteln gehen.«

»Hunger!« sagte der Kleine.

»Was?!« schrie der König.

Seine stahlblauen Augen schienen blutunterlaufen. Die heißen Blicke suchten den Kanzler.

»Krechting, was sagt Ihr dazu?«

Der zuckte die Schultern.

»Unerhört! Ich werde die Pfennigmeister befragen.«

»Aber befragt sie gründlich, bis in die tiefsten Nieren hinein, daß sie Antwort oder Blut geben. Auch lasset sie wissen: noch einmal solche Hundsfötterei – und ihnen stolpern die Köpfe vom Leibe. Die ihr Leben für Sion ließen, werden erhöht und erhoben. Ihre hinterlassenen Frauen sollen nicht darben«, und zum Weibe gewendet: »Gehet! Das Recht soll Euch werden. Von nun an empfangt Ihr doppelten Witwensold, oder meine Rechte verdorre.«

Noch einmal streichelte er über den blonden Scheitel des Kleinen und sagte: »Du sollst nicht mehr hungern.«

»Danke, Herr Tönig.«

Divara tupfte ihr Mundtüchlein gegen die Augen.

Sie gedachte noch ein trostreiches Wort an die Frau des gefallenen Hauptmanns zu richten.

Die aber war bereits mit ihrem Knaben in der Menge verloren und nicht mehr zu finden.

Das Königsauge jedoch suchte die Stätte ab,wo die Säckel- und Pfennigmeister bei den öffentlichen Tagungen saßen.

Ein Blitzen fuhr über sie hin wie ein Blitz im Gewitter.

Da duckten sie sich, sahen sich an und machten Gesichter, wie sie die Juden bei der Bergpredigt machten.

Und wieder die Stimme des Königs: »Wer Unrecht tat, der bekenne. Wer zu klagen hat, der klage, wem das Herz zu enge wurde, der trete vor, wem die häusliche Freude abhanden kam, der weise sich aus, auf daß Recht und Gerechtigkeit werde in Sion!«

Der Kanzler erhob sich: »Der trete vor, um Klage zu führen und Recht zu erwirken!«

Und siehe: einer löste sich aus einem nahen Menschenknäuel, ein stolzliches Männlein mit Spinnenwebhaaren und dem Gesicht einer Spitzmaus. Dessen Gang ging auf federnden Schuhen, als säße der aufgeblähte Hochmut in ihrem Brandleder. Es knarzte bei jedem Heben des Fußes. Der nun trat erhobenen Hauptes vor das mit Teppichen belegte Gesteiger und sagte: »Herr, ich bin Musikus, soll heißen: königlicher Flötist hier unter dem Bogen. Mein Leben ist dem Irdischen abhold, wohnt vielmehr in den Sphären der Ewigen.«

»Sehr erfreulich zu hören. Und Eure Beschwerde?«

»Herr, neben mir wohnt der Hutmacher Jodokus Schwarz. Der macht in Falbelhüten, Biberhüten und sonstigen Hüten. Das ginge noch an. Aber jede freie Minute, bis spät in die Nachtzeit, benutzt er dazu, leere Reimereien zu schmieden, auch selbige sich lauten Mundes vor die erregten Sinne zu stellen, als wären's Perlen aus dem indischen Meer. Vornehmlich sind's Rätsel und Vierzeiler, die er verfertigt, um sie fünfzigmal hintereinander an den Mann zu bringen. Und item und item ... noch kürzlich: ich war gerade dabei, ein zartes Adagio für die königliche Tafel einzustudieren, da beginnt dieser Schwarz mit einem Rätsel, das er im Kreise herumtrieb, als sollte es tollwütig werden. Natürlich blieb mein Adagio so gut wie verloren, blieb mitten im Dreck stecken, in Morastus und Mistus.«

»Und wie lautete das Rätsel?«

Der Flötist sagte grimmig:

»Wirf mitten in den Ozean
Ein kleines Hilfszeitwort;
Als Herr und Lehrer wird es dann
Erscheinen dir sofort.«

»Und die Lösung davon?«

»Meister.«

»Gar nicht so übel. Und habt Ihr über sonst was zu klagen?«

»Herr, eigentlich nein; denn ich bin ein genüglicher Mann, hause mit allen in Frieden und in erträglicher Selbstverleugnung, wie es sich geziemet für einen Gläubigen aus der Gemeine der neuen Lehre.«

Johannes Leydanus maß ihn von oben bis unten.

»Also sonst nichts zu klagen?! Dann macht Euch sofort auf die Strümpfe, Ihr heilloser Schwätzer, aber tragt Sorge dafür, daß Euer Adagio nicht im Mistus und Morastus stecken bleibt, es könnte immer geschehen, Euch in diesem Mistus und Morastus pfählen zu lassen. Bei nächster Gelegenheit – ich höre genau zu. Keine Note soll mir entgehen. Versagt Ihr – Ihr reitet auf einer räudigen Eselstute rücklings durch Münster, den Schwanz zwischen den Pfoten. Zwei Pauker voraus. Also empfehlt Euch. Ich will kein feiges Geschlecht in der Mauer. Man sollte vor Euch die Kirche verschließen und die Lichter ausblasen – Elendiglicher!«

Ein helles Lachen erhob sich.

Der etwas stolzliche Flötist sackte unter in diesem frohen Gewieher.

»Krechting, was sonst noch?!«

Und wieder die Stimme des Kanzlers: »Wer zu klagen hat, der klage, auf daß Recht und Gerechtigkeit werde in Sion!«

Da trat ein mächtiges Frauenzimmer auf, ein Weib wie aus der Handpostille genommen, kernig und nicht unterzukriegen. Man sah es ihr an: wenn sie redete, so gab es grob Holz, wo sie den Fuß hinstellte, da vergaßen die Maisütchen, sich wieder aus dem niedergetretenen Grase zu heben.

Die nun schob ihre majestätische Weiblichkeit dicht unter den Thronsitz und sagte mit dem ungenierten Gewutze der Säue: »Herr und König! ich bin gläubig bis in die Schlappen hinein, benenne mich Settken Niegentitt aus dem ›Hals‹, gelegen im Ludgerikirchspiel ... und hier ist mein Mann«, und sie schleppte einen Fünfkäsehohen vor Tribunal und Richterstuhl, so einen richtigen Stumpen, mit straffen Ohren, aber gutmütig bis zum äußersten Ertragen.

»Herr und König!« geiferte sie fort und hieb in die nämliche Kerbe: »Diesem nun steigt seit etlichen Tagen der Hafer so in den Kopp, daß er sich bemüßigt fühlt, wie 'n verdammelter Hengst über Stränge und Latierbaum zu schlagen, obgleich ich Weibsbild genug bin, fünf solcher Kerle auf mein eigenes Konto zu nehmen.«

Sie hatte Fett und Funken vor Augen.

Um die feinen, mit zartem Flaum umgatterten Mundecken des Königs legte sich ein kaum wahrnehmbares Schmunzeln.

»Man soll beide Parte hören«, versetzte er nach einigem Nachdenken.

»Na, Niegentitt«, fragte er schließlich, »was habt Ihr auf die üble Nachrede Eures ehrlich angetrauten Weibes zu entgegnen. Aber bleibt bei der Wahrheit. Sie ist das Alpha und Omega der Tage.«

»Herr«, sagte der Stumpen, und der fünfkäsehohe Malefizkerl reckte sich auf wie'n Pfauhahn über dem Eingangstor eines Bauernhofes, »Herr, bei meinem geweihten Buchsbaumzweiglein, mir ist das Frühjahr ins Blut geschlagen. Das ewige Einerlei im ›Hals‹ ist mir über. Immer bloß das Lärmen von Baßviolen und das von Aaskrähen im Hause geht mir über das Schluckzäpfchen. Man will auch mal 'nen munteren Stieglitz hören. Der munteriert einen auf.«

»Weiß Gott«, fiel ihm die Klägerin ins Wort, »das stimmt auf den Tipfel, aber so reichhaltig, daß einem dabei die Haare zu Berge kriechen. Der geht an den ranzigen Speck wie 'n alter Kater an den Ballrian. Was die Großen aufstellen, das bekümmert mich nicht, geht mich nichts an, ist mir vollständig schnupper, denn mit den Großen kann sich unsereins nicht messen, indessen jedoch, was Jans Niegentitt aus dem ›Hals‹ mit mir aufstellen will, das ist aus des Teufels Unterfutter geschneidert. Maßt sich das Mannsmensch an, mir noch ein zweites und drittes Frauenzimmer an die Seite und in die Kammer zu legen, mir das eheliche Recht zu verlausen und Flöhe in meine Nachtjacke zu zaubern, um so den Pascha aller Türkenvölker in Münster spielen zu können. Aber laß ihn man kommen. Ich meine ...«

Vor Grimm und Gram verstummte sie, als wäre ihr der Atem auf und davon gegangen.

Sie schnappte nach Luft wie 'n Spiegelkarpfen zwischen Wasserlilien und Mummelblumen.

Der König hörte über sie fort.

Mit dem Schalk im Nacken wandte er sich an den Malefikanten.

»Niegentitt, habt Ihr schon Umschau gehalten?«

»Herr und König, ich tat es, denn es soll ja wohl 'ne himmlische Botschaft erschienen sein, die so was als gottwohlgefällig betrachtet, und da dachte ich mir: so 'ne mollige Rarität aus dem hochadeligen Stift Über dem Wasser ...«

Er zoppte jählings zurück, als wären ihm alle Felle schwimmen gegangen, denn seine Lebensgefährtin, ein Weib wie aus der Handpostille genommen, war gerade dabei, vom Leder zu ziehen, den rechten Arm zu wuchten und ihm eine wohlassortierte Ohrfeige über die Wange zu striegeln.

»Men to!« schrie sie los. »Immer men to! Aber kommst du mir wie 'n Pfingstvogel mit so 'nem Anhängsel dahergepfiffen, ich sage dir, Männe – Rattengift für dich und die Schlumpe! Ohne dieses sind deine Frühlingsbetrachtungen ...«

»Ruhe!« donnerte der König.

Ein Blitz zuckte von einer Schläfe zur anderen.

»Herr und König, meine Dachpfannen sind heilig und meine Bekömmlichkeit ist ebenfalls heilig. Zwei Schinken in der Räucherkammer genügen. Mehr ist vom Übel. Das ›Mehr‹ holen die Fledermäus, vertragen mir meinen ehrlichen Namen. Was bleibt einem da übrig? Ohne Rattengift kann ich's nicht machen ...« und sie streckte die Arme und schrie in den Himmel hinein: »Nein, kann ich's nicht machen ...«

»Aber ich«, sagte der Herrscher.

Er warf den Kopf in den Nacken, dann führte er ihn langsam zur Seite.

»Die bellt mir gegen 'nen Wind, dem ich nicht gewachsen bin. Redete einer mit Engelszungen dawider, es würde nichts fruchten. Da muß schon ein anderer gegenbellen.«

Er nickte.

»Meister Hans!« sagte er ruhig.

Meister Hans aus der Grünen Stiege trat gemächlich vor, ohne viel Aufsehens zu machen. Mit gespreizten Beinen pflanzte er sich am Gesteiger auf.

Feierlich legte er die Hand an den Griff des Schwertes.

Ein kurzes Zucken – und ein schmaler Strich der Schneide wurde blank.

Er harrte des richterlichen Wortes.

»Dem Weib ist nicht anders zu helfen«, sagte der Herrscher. »Macht kurzen Prozeß und legt ihr den Kopf vor die Füße.«

Die Schneide begann sich langsam zu strecken.

»Kniet nieder!«

»Mein Herr und mein König!«

Die zum Tode Verdammte erstarrte, wurde zur Salzsäule. Gleich darauf stieß sie einen gellenden Schrei aus, strähnte ihr Haar wirr auseinander. Ihr Gesicht war weiß geworden, weißer als das Fleisch einer durchschnittenen Steckrübe.

Dann stürzte sie vor, den Thronsesseln zu.

Hier umklammerte sie den Schoß Divaras.

»Herrin, Königin ...! rettet mich, helft mir ...!«

Das Grauen des Todes senkte sich auf alle, die die weite Hegung umstanden.

Kein Wort wagte es, auf die blutleeren Lippen zu treten.

Nur das knieende Weib jammerte ohn' Unterlaß.

Da sagte Divara: »Herr, vergebt ihr, um des Schreckens willen, den sie erduldete. Nehmt ihr das kalte Eisen aus dem Nacken. Ihr ist genug geschehen, denn sie ist schon dreimal gestorben.«

Ihr Wort stand in Tränen.

Johannes Leydanus erhob sich.

»Das Weib gehorche dem Manne«, gebot er scharf durch die Zähne, »sonst geht jegliches seinen verkehrten Weg, ist kein Leben in der Stadt des heiligen Tempels. Die Tage reihen sich aneinander mit dem Gleichmaß von Kettenschaken. Der Ordnung gemäß. An jedem Tag aber hängen zwei Nächte. Diese Nächte sind nutzbar zu machen. Denn es sind ersprießliche Nächte. Warum es so ist, das wird Euch der Prediger Rottmann verkünden«, und dann zur Klägerin: »Ihr waret nahe daran, auf der Himmelfahrtsleiter in das ewige Dasein zu klettern. Vielleicht ist es besser da droben, vielleicht auch nicht. So Ihr aber gelobet, dem Manne zutunlich zu sein, seiner Kraft auch anderweitig Raum und Freiheit zu geben ...«

»Herr, ich gelobe! Herr ...! Herr ...!«

Es war ein Schrei, ein Befreiungsschrei aus der Umklammerung des Todes.

»Dann gehet, haltet die Satzung und sündigt hinfüro nicht weiter«, und das Haupt des Herrschers wandte sich aufs neue an Krechting.

»Noch sonst was?!«

»Nichts weiter.«

»So hat Rottmann das Wort«, sagte der König und setzte sich wieder.

Und Rottmann erhob sich, legte die Falten seines schwarzen Gewandes zusammen und trat auf die Freiheit des Marktes hinaus.

Seine Pulse hämmerten. Das Herz klopfte ihm bis zum Zerspringen. Aber seine Seele blieb ruhig wie die eines Kindes, das mit Kieseln und Wiesenblumen an einem Bachranft spielt.

Sein Blick suchte den mit Teppichen behangenen Erker eines gegenüberliegenden Hauses ... und fand ihn ... und er sprach still vor sich hin: »Betet, auf daß euer Wunsch sich erfülle.«

Ein feines Medaillengesicht verfolgte von hier aus jeden Schritt des Predigers.

Zwei weiße Hände umspannten die junge Brust in tiefster Erregung.

Und hinter dem Medaillengesicht ...

»Gott schütze euch beide«, kam es von zuckenden Lippen.

Inmitten der Hegung war eine Kanzel errichtet, mit Tüchern umkleidet, mit Sommerblumen geziert.

Die nun bestieg Rottmann, und als er die einzelnen Stufen hinter sich ließ, brauste es ihm mit tausend und abertausend Stimmen zu:

»Und täten sie auch fragen
Mit vielen Worten gut,
Ob Christus auch nicht wäre
Von Maria Fleisch und Blut?
Das hab' ich nie gelesen,
Hab' ich vor ihnen bekannt,
Wie soll der von Erden gewesen,
Den Gott uns hat gesandt!«

 


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