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Sechstes Kapitel

»Ehret den König und seid willfährig seinen Geboten und Satzungen, denn der Geist ist in ihm, seine Zunge beflügelt durch den Willen des Schöpfers, der da war, der da ist, der da sein wird bis über das Maß der Ewigkeiten hinaus!«

So predigten Rottmann und seine Prädikanten von allen Kanzeln herunter ... und in dieses Predigen hinein ließ sich die Stimme des vierten Engels vernehmen, der schon begonnen hatte zu posaunen, jetzt aber lauter und eindringlicher, mit dem Rufen einer mächtigen Tuba.

Da erschauerte abermals das Land Westfalen und die Hauptstadt in ihm, die Bischofsstadt mit den vielen Türmen und Kirchen, den schönen Frauen und Jungfrauen, die ihresgleichen nicht hatten.

»Kommet und sehet die große Hure des Weltenalls, der Milchstraße und der Wandelsterne, mit welcher gehuret haben die Könige der Erden und die da wohnen auf Erden, trunken geworden von dem Weine ihrer Hurerei.«

So die Posaune.

Und die Posaune verstummte.

Der Chroniste von Sankt Lamberti aber tat einen tiefen Atemzug und erzählte: »Alles ging seinen geregelten Gang im neuen Jerusalem: Johannes Leydanus führte Zepter und Krone, dazu eine schwere, mehrfältige Kette mit vergüldeter Kugel, die zwei Schwerter durchstießen. Knipperdolling schritt ihm als Sachwalter finsteren Blickes zur Seite und trug die ihm durch Königsgnade überkommene Gewalt und Machtbefugnis. Er wandelte wie ein Großer und Starker durch die Straßen von Münster, und die meisten hatten nicht acht, daß der Mann einen Totengeruch an sich hatte, wenn der Wind kam, den Mantel hob und die Schwertseite freilegte. Krechting blieb Kanzler und der hochstirnige und redefertige Rottmann Sprecher des Königs. Die zwölf Ältesten und Propheten, die früher in schlichter Kleidung einhergingen, legten sich seidene und purpurne Watt zu, auch Ketten und sonstige Kleinodien, die sie den Kirchen und den verwaisten Edelsitzen entnommen hatten. Auch vierundzwanzig Räte hatte der König, dazu Kommandanten und Fähndriche für Fußvolk und Stückknechte, Trabanten und Pauker, reichgekleidet mit grünem und kastanienbraunem Tuch, kurz alles, was erforderlich schien, dem Herrn und Gebieter des neuerrichteten Tempels die Goldfolie eines von Gott gekürten Herrschers zu verleihen. Wie Salomo hielt er Gericht ab, wie Salomo tafelte er, wie Salomo betrat er die höchste Zinne der Stadtmauer, tausend zur Rechten und tausend zur Linken, und höhnte den Gegner, denn obgleich diesem der Erzbischof von Köllen, die Grafen von Schaumburg, von Isenburg und Nassau, von Waldeck, Bentheim und Wied Waffengefolgschaft gegeben – vor der tapferen Stirn der Anabaptisten brachen sich die gegnerischen Anstürme, wurden zunichte gleich Heuschreckenschwärmen, die sich abmühten, einen brennenden Holzstoß mit ihren Leibern auszublasen.

›Wartet nur, ihr Pfaffen und Belialpriester, ihr Fürsten und Gräflein, wie lange noch – und das Wasser der Wiedergeburt wird über euch kommen wie die Wasser des Roten Meeres, da sie Pharao nebst Anhang verschlangen und nichts wieder herausgaben, nicht so viel wie das Schwarze unter dem Fingernagel bedeutet.‹

So der König. Er lachte, und sein feines, schmales Gesicht mit den schweren Lidern und dem gescheitelten Bart blickte zur Seite.

Dort stand einer, geruhsam wie die Stille zwischen den Gräbern, in rotem Wams, in roter Kapuze mit ausgeschnittenen Augenhöhlen. Dessen Hände und Ärmelstauchen ruhten auf der Parierstange des Schwertes. Sein vorgestoßenes Kinn berührte den Knauf.

›Worüber grübelt Ihr?‹ fragte Johannes Leydanus.

›Herr, über vieles.‹

›Was heißt das?‹

›Ich denke, was Ihr denkt.‹

›Ich denke, solches Geschmeiß wird gerichtet.‹

Meister Hans aus der Grünen Stiege stellte sich breit in die Spreite.

›Herr, sollte ich meinen. Nicht lange gefackelt. Kopf ab!‹

Dann kicherte er wie 'ne aufgekescherte Ratte, wobei er zum andern sagte: ›Herr, wird doppelt und dreifach gerichtet‹, und als sich der Wind hob, drang der Totengeruch wieder von Knipperdolling herüber.

Der Cherub aber mit den siebenfältigen Schwingen hub an, mit diesen Schwingen bedrohlich zu rauschen.

Die aus dem Himmelreich übermittelte Botschaft wollte ihre Betätigung haben. Über Münster begann es zu raunen, zu flüstern: ›Die Ähre des Feldes gibt alljährlich eine dreißigfältige Ernte, das menschliche Weib seine Frucht nur einmal im Jahre. Sion aber soll wachsen, soll sich mehren gleich den goldenen Bienenschwärmen unter der Hut des großen Zeidelmeisters. Daher ist nötig: der Mann soll mehreren Frauen beiwohnen, auf daß die Welt und das Reich des neuen Tempels erstarke durch die Kraft und Herrlichkeit ihrer Lenden. Ego conjungo vos in matrimonium. In nomine patris et filii et spiritus sancti.‹

Rottmann und seine Nebenprädikanten waren ausersehen, diese Mission unter die Völker zu tragen. Aber bevor solches geschah, begann es schon unter den ledigen Weibern zu hummeln. Vornehmlich im Nonnenstift Über dem Wasser, dem Ida von Meerfeld als Oberin vorstand, gerecht und weise, gesonnen, den christlichen Mut aufzubringen, den ihr überkommenen Äbtissinnenstab in allen Treuen weiterzuführen, die jungfräuliche Keuschheit zu achten und dem Papste zu geben, was des Papstes, ein Gleiches seinen Kardinälen und Palafrenieren. Sie sprach ihren räudigen Schäfchen mit Engelstimmen zu, verhieß ihnen Zuckerbrot und ähnliche Süßigkeiten, beschwor Himmel und Erde, sich vom Stachel des Fleisches nicht unterkriegen zu lassen. Selbst, als sie in ihrer höchsten Bedrängnis mit ihren Getreuen, die ihr geblieben waren, als sie mit Ludgera von Linteloen und Sophia von Langen dreistimmig zu singen anhub:

›Wir sind im wahren Christentum,
Herr Gott, wir danken dir!
Dein Wort, dein Evangelium,
An dieses glauben wir.
Die Kirche, deren Haupt du bist,
Lehrt einig, heilig, wahr.
Für diese Wahrheit gibt der Christ
Sein Blut und Leben dar ...‹

selbst das fruchtete nicht, brachte die Abtrünnigen nicht in den Pferch zurück, nicht auf den Weg der Einsicht und Bekehrung, fieberte vielmehr dem Satan die Bolzen, so daß die Damen und Laienschwestern des hochadeligen Stiftes ihr Gelübde preisgaben, die Röcke schürzten und mit freigelegten Paradiesäpfeln auf die Straße hinaustanzeten und dorten sich mit einem regelrechten und sündhaften, wenn auch getragenem ›Lirumlarumlöffelstiel‹ ergötzten. Das bisher zur Karenz verurteilte Blut wallte auf, heftiger als das siedende Wasser in einem Kessel unter der Brandreite. Dabei stunden einige aufrecht und schlugen die Hände zusammen; andere hoben sich durch rasende Sprünge, als wenn sie zu fliegen gedächten; weitere warfen sich mit dem Gesicht auf das Pflaster, spreiteten Arme und Beine solcher Art aus, als wären sie Sinnes, ein Andreaskreuz auf den Boden zu zeichnen. Aber alle lärmten und schrieen: ›Seid fruchtbar und mehret euch! Erfüllet die Erde! Auch wir wollen opfern, opfern in der Umarmung des Mannes, teilhaben an den Freuden ehelicher Gemeinschaft. Ehre sei Gott in der Höhe!‹ und item und item ... sie tanzeten weiter, über den Spiegelturm fort, über den Domplatz, die Ludgeristraße entlang, dann wieder zurück und der Jüdenfelder Straße entgegen.«

So der Chroniste in der Leischaft des heiligen Lambertus.

Dann legte er die Feder beiseite. –

Um diese Stunde geschah es ...

Der Mönch räusperte sich.

Er geleitete mich an eine andere Stätte.

Dusentschuer, der Prophet und Goldschmiedemeister aus dem Krummen Timpen, saß breitbeinig, zerstrudelten Kopfes und mit tiefliegenden Augen im ›Krug Über dem Wasser‹, so in der Jüdenfelder Straße gelegen war und von Moppchen Winkelsett, einer fünfundvierzigjährigen Matrone, behaftet mit dem zugehörigen Matronenspeck, geführt und gehalten wurde.

Von seiner Werkstätte aus hatte er nur einen Hirtzensprung zu seinem tagtäglichen Dämmerschoppen zu machen.

Ein Zinnkrug mit münsterischem Altbier stand vor ihm.

Neben ihm thronte die Wirtin, breit und würdig, anzusehen wie eine Sonnenblume auf fettestem Ackerboden, denn der Stuhl, den sie mit ihrer Leibesfülle belegte, war räumig genug, zweien stattlichen Frauenzimmern bequeme Rast und Sitzgelegenheit zu bieten.

Moppchen Winkelsett konnte sich sehen lassen. Ihresgleichen war nicht mehr in Münster noch in seiner weitesten Umgebung aufzutreiben. Zweihundertundvierzig Pfund klevisch Gewicht lasteten auf ihren Schuhen, und ihr seidenes Fürtüchlein barg so ausgesprochene Formen, daß sie geeignet erschienen, einer ganzen Anzahl von gierigen Kindermäulchen als Ressource zu dienen. Ihre Fülle mehrte sich stündlich. Und so kam es denn auch ... denn als sie eines Tages Grünzeug und Geselchtes auf der Fleischbank einhandeln wollte, mußte sie zu ihrem tiefsten Schrecken wahrnehmen: die Haustür weigerte Durchgang und Passierfreiheit, so daß Zimmermann und Mörtelmeister vorsprechen mußten, die Zufahrt wieder gangbar zu machen. Desungeachtet blieb sie ein appetitliches Weibsbild, mit samtbraunen Augen im Kopfe, rosigen Wangen und einem prallen Mäulchen wie Weichselkirschen, frisch und knappig vom ersten besten Baume herunter. Dazu trug sie einen kamelottenen Rock, klingende Ohrgehänge und eine neckische Haube, die mit einer Borte von Perlen geziert war. Ihr Ruf stand begründet. Nichts mangelte ihr an der Gesundheit des Leibes, an der Reinheit der Seele. Früher eifriges Marienkind, war sie zurzeit eine der eifrigsten Anabaptistinnen geworden, hatte durch Rottmann die Wiedertaufe empfangen und dabei so freundlich geschmunzelt, als wäre sie ein Kressenpflänzlein am Bachrand gewesen, das jede neue Berieselung als eine bekömmliche Wohltat hinnimmt und sich dieser erfreuet.

Sie waren allein in der Wirtschaft: Dusentschuer und Moppchen Winkelsett.

Hinter ihnen plauderte ein spärliches Feuerchen. Darüber hing ein Kessel am Sägblatt. Lichte Krüsel stiegen zur Decke, von der ein mächtiger Bartmannkrug niederbaumelte, ein Zeichen dafür: hier wird das echte münsterische Altbier verzapft; bloß Malz und Hopfen, sonder Zutaten.

Tiefe Stille ringsum. Nur ein dickleibiger Brummer betrieb irgendwo sein Brummelgeschäft, bepunktete dann und wann die Spiegelfläche eines blanken Zinntellers und brummelte weiter, indessen Moppchen eifrigst dabei war, etliche Stricknadeln gegeneinander zu sticheln.

Dusentschuer wischte sich den Schaum von den Lefzen, äugelte schief zur Seite, schwer in Gedanken, ob er die weiblichen Reize Moppchens als künstlerische ansprechen könne, bis er nicht umhin konnte, sein Kännlein auf den Tisch zu stoßen und verdrossen zu sagen: »Wir sitzen ja hier, als wenn wir beim Totenbier säßen, 'nen Trauerflor am Arm und 'ne Zitrone mang die Finger. Man sollte sich ja dem leibhaftigen Sauf- und Lustteufel verschreiben, um so 'n bißchen auf seine Kosten zu kommen.«

Der Prophet schnipste mit Daumen und Mittelfinger.

»Freut Euch doch, Moppchen!«

»Freuen? Auf was denn?!«

»Auf die heutigen Tage. Die grauen Fledermäuse revieren im Land daher, um Kirchtürme und Speicherluken. Mehr denn sonst. Die Luftkerfen sind gut geraten. Des freuen sie sich, und das besagt fette und bekömmliche Monatszeiten. Jegliches steht in Schwung und Schwanke. Auch die Guttaten des himmlischen Ernährers. Seine Botschaft ist zu uns gekommen, will über uns her wie die Flämmchen des heiligen Geistes in Jerusalem.«

In seinen Augen begann es zu glimmen.

»Die Mannskerle machen schon feine Gesichter, und den Weibsleuten wird's warm unter den Röcken. Sie werden sein wie die Hirsche und die Hirschkühe, die, die Wildfänge hoch, durch die Gestelle der Loddenheide trenzen und nach Vereinigung schreien ... und wenn ich Euch so im Stillen betrachte, dann muß ich immerhin sagen ...«

Moppchen Winkelsett legte ihr Strickzeug ab, wie im Erstaunen.

Dann klingelte sie mit ihren schweren Ohrgehängen.

»Dusentschuer, was müßt Ihr denn sagen?«

»Allerhand Achtung, Ihr seid lieblich anzusehen, properer als ein Viölchen an der Kanonengräfte. Ihr sitzt schön in der Wolle, ungefähr so wie 'n Hämperlingsweibchen im Rübsamen. Gleichsam aus dem Hohen Lied des Königs genommen, bloß etwas saftiger und mehr in die Breite gehend. Etwa so ...« und er stellte die beiden grapsigen Handflächen rundlich gegeneinander, als wäre er just dabei, 'nen Riesenkürbis, den die Pflanzengelehrten als Cucurbita maxima ansprechen, von irgendeinem Gartenmäuerchen zu heben. »Laßt man, laßt man, mein Täubchen! So was darf nicht im Verborgenen blühen, nicht elendiglich dahinwelken, muß an die Luft, unter Bebauung und Pflugmesser, um Sion und dem neuen Tempel zu dienen.«

Er lachte.

Moppchen Winkelsett streckte ihm entsetzt die Hände entgegen.

»Lasset mich aus – Ihr! Lasset mich aus! Meine Zeit ist um. Mit den Mannskerlen hab' ich nichts mehr zu schaffen.«

»Abwarten, Moppchen! denn wenn Johannes Leydanus es will und der Engel über Euch hinschattet, ich meine, wenn die Gebote es so anordinieren ... Dann aber, Moppchen, denket an mich, auf daß ich Euch zur richtigen Stunde alle Kostbarkeiten und Raritäten über und über vergolde."

»Mensch – Ihr!«

»Laßt gut sein. Der Lateiner sagt: Domine, libera animam meam a labiis iniquis et a lingua dolosa. O Herr! rette meine Seele vor frevlerischen Lippen und einer gleißnerischen Zunge. So richtig, denn ich habe keine frevlerischen Lippen, auch keine gleißnerische Zunge. Ich spreche Wahrheit und Lauterkeit. Drum denket an mich, wenn's nottut. Besonders an die Kostbarkeiten und Raritäten, denn der König hat mich gesetzt über alle Vergolder des neuen Reiches.«

Moppchen warf sich erregt in ihren Lehnstuhl zurück.

Ihr Busen war eine einzige Dünung, wie die Nautiker eine solche Erscheinung zu nennen pflegen.

Ihr Blick bohrte sich tief in den des Propheten.

»Dusentschuer, ich muß Euch was sagen.«

»Men to. Was wollt Ihr denn sagen?«

»Aber Ihr dürft's nicht verübeln.«

»Ich verübele niemals.«

Er hob die Schwurhand: »Niemals! ich nehm's auf die Gabel.«

»Na denn ... Ihr seid das, was sie von Bänatz Derken berichten.«

»Was berichten sie denn von Bänatz Derken?«

»Bloß dieses«, und die würdige Matrone löffelte frisch von der Leber herunter:

»Achter usse aolle Kerken
Liggt begraven Bänatz Derken,
In sien Jugend wass' t 'n Ferken,
In sien Aoller wass 't 'n Swien –
O Här, watt mag he nu woall sien?!«

Da strudelte der Prophet von der Wirtshausbank, als wäre ihm irgendein stechendes Reptil unter das Sitzfleisch geraten.

»Moppchen, dann 'ne Frage.«

»Bitte.«

»Könnt Ihr's mit 'nem Mannsmenschen aufnehmen?«

»Mit zehnen.«

»Auch mit mir?«

»Warum nicht?«

»Ich meine mit den ehrlichen Bettposen und sonstigen Zutaten?«

»Pfui über Euch!«

»Hei, du leckeres Wachtelhühnchen, du Schmalzlerche, du delikater Krammetsvogel, das fehlte mir gerade!« und Dusentschuer, der Prophet, nein, der münsterländische Jamnitzer, der westfälische Benvenuto Cellini, der Mann mit dem Haupt eines Michelangelo Buonarotti umarmte die Wirtin und klebte ihr einen herzhaften Kuß auf die prallen Weichselkirschen, daß es so knallte.

Mit einem Satz war sie auf.

»Fort, Ihr heilloser Schlecker, Ihr Weibsverführer!« und im Entsetzen stand ihre Zunge still, wie die Sonne auf Josuas Geheiß stille stand zu Gideon und der Mond im Tal Ajalon, als er die fünf Amoriterkönige schlug mit der Schärfe des Schwertes, sie trieb über Beth-Horon bis Malkeda und weit darüber hinaus.

Währenddessen hatte Dusentschuer sich in den majestätischen Sessel geworfen, ihr den rechten Arm um die opulente Taille geschlungen.

»Hei, du mein Hühnchen!«

»Lasset mich aus! Ihr seid ja schlimmer wie 'n Miezekater in der Ranzzeit.«

»Bin ich auch, Moppchen! Aber warum diese Umstände? Gott hat es wollen. Der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen erleuchtete mich, wird auch dich noch erleuchten. Ich bin auch nicht so ohne. Habe mein Auskömmliches. Also in Gottes Namen: schmeißen wir einfach unsere Speckseiten und dicken Bohnen zusammen, auf daß es uns wohlergehe und wir noch lange leben auf Erden.«

Moppchen Winkelsett warf ihm einen vielsagenden Blick zu, entblätterte sich gleich einer Pfingstrose, Blättchen um Blättchen, Stielchen um Stielchen, so daß sich ihm ihre Seele splitterfasernackig anpräsentierte.

»Ach du!« seufzte sie schließlich und warf sich ganz durcheinander auf den Schoß des münsterländischen Benvenuto Cellini, als hätte sie endlich für ihr Jungferntum, für ihr Sehnen und Hoffen das richtige Deckelchen, den zuständigen Mann und das einzigwahre Dekoktum gefunden.

»Ja«, rief sie aus, so recht aus tiefstem Herzen heraus, »ja, schmeißen wir unsere Speckseiten und dicken Bohnen zusammen. Der ›Krug Über dem Wasser‹ ernährt seinen Mann. Du dito desgleichen. Also warum nicht?! Ich bin immer offö und allzeit zu haben«, und unter diesem Zusammenschmeißen der Speckseiten und dicken Bohnen erhob sich ein Schnäbeln und Summeln, ein Streicheln und Schmeicheln, so da kein Ende nehmen wollte, bis der Prophet endlich Atem schöpfte und sich gezwungen sah, in die Ferne zu lauschen.

Auch Moppchen Winkelsett wurde aus dem traulichen Gesäusel ihres Minnegärtleins gerüttelt, denn mit einem Male und dem Sturmschritt eines aufziehenden Wetters kam es die Jüdenfelder Straße herauf, unaufhaltsam, mit lautem Geschrei und hellem Weiberlachen dazwischen.

Der Prophet schlug das Fenster zurück, lehnte sich auf die Straße hinaus ...

Mit Zinken und Querpfeifen drängelte es immer näher und näher. Die städtischen Musici bliesen auf.

Fliegende Schleier und tanzende Weiber!

Dusentschuer riß sich mächtig zusammen, zog Moppchen näher heran und lärmte ins Freie hinein: »Hello! das sind ja die Schäfchen von Idachen Meerfeld und Sophiechen Langen aus dem Stift Über dem Wasser! So richtig! Früher hieß das: Schlägt irgendein Nönnchen irgendwo auf andermanns Gartenland sein Wässerchen ab – nach Jahresfrist steht ein prächtiges Klostergewese an der nämlichen Stelle. Jetzt ist die Medaille auf die Butterseite gefallen, jetzt heißt das: 'raus aus dem Stift, wir wollen keine Kloster mehr haben, kein Pläsierchen ohne Mannsleute, denn auch wir fühlen den Stachel, den uns der himmlische Vater unter die Rippchen pflanzte; Freiheit wollen wir haben, Gleichheit und Brüderlichkeit! Und Dusentschuer lachte: »Höre bloß, Moppchen!« und mit hellem Kreischen und Jauchzen tönte es herüber: »Seid fruchtbar und mehret euch! Erfüllet die Erde! Auch wir wollen opfern, opfern gleich den übrigen Weibern, teilnehmen an den Freuden ehelicher Gemeinschaft. Ehre sei Gott in der Höhe!« und item und item ... die abtrünnigen Stiftsfräulein jauchzten und tanzeten näher, ohne Ermüdung, ohne sich durch das Schwelen und Schwallen des warmen Sommerabends irre machen zu lassen. Die Liebesgeister peitschten sie auf, drängten ihre Lustbarkeiten herausfordernd aus Fürtüchlein und Skapulieren, als wollten sie aus ihren marmelweißen Brüstchen die köstlichste Liebfrauenmilch an den Mann bringen.

In Höhe des Kruges begannen sie eine Gaillarde zu tanzen, und als sie sogar auf den Gedanken verfielen, eine saubere Passionesa durch die Jüdenfelder Straße zu hüpfen, da hielt's Dusentschuer nicht mehr aus.

Es kribbelte ihm in Armen und Beinen.

Der Geist kam über ihn mit Brausen, mit der Gewalt eines Boreas.

Seine Haare stellten sich hoch, ähnlich dem Haarwuschel des ägyptischen Gottes Chnum von Elephantine, der sich als Ziegenbock manifestierte.

»Hello Moppchen! machen wir's ihnen nach. Und du – du bist prächtiger anzuschauen, hast mehr herzuzeigen wie die Stiftsfräulein der Ida von Meerfeld. Denke an Aarons Schwester, als sie das Schilfmeer und seine Gefahren hinter sich hatte, denn im 2. Buche Mose, 15. Kapitel, 20. Vers steht also geschrieben: Und Mirjam, die Prophetin, nahm eine Pauke in die Hand und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen. Tue das gleiche, und lasset uns singen und tanzen. Das macht den Herzfleck nicht unruhiger.«

Und Moppchen Winkelsett wurde gleichfalls vom Geist überfallen, ergriff zwei zinnerne Topfdeckel von der Feuerstelle, spreizte sich stolzer als eine Fasanenhenne, wackelte ins Freie, zinndeckelte, was das Zeug halten wollte, und gesellte sich mit Dusentschuer den Pauken am Reigen.

»Ehre sei Gott in der Höhe ...!«

Da gab's Leben in Münster, in Sion, im neuen Jerusalem.

Türen wurden geschlagen, Fenster geöffnet. Was Beine hatte, stolperte über Dielen und Dörpel auf die Straße hinaus, schmierte sein Schuhwerk und sprang in den Reigen.

Man wähnte, im Rosengärtchen Hinter der Mauer zu sein, allwo die fahrenden Fräulein die Viola ziehen, den Herzkönig auf den Tisch knallen, auch sonstige Kurzweil betreiben, so lästerlich wurden die Röcke geworfen, so schamlos stellten die Weibsbilder ihre Reize zur Schau, als seien sie willens, dem Satan zwischen Schierke und Elend die Kerze zu halten, sich von ihm die Hexensalbe benedizieren zu lassen.

»Ehre sei Gott in der Höhe ...!«

Die Passionesa ging weiter.

Schon tanzte man dem Buddenturm und den Wällen zu, allwo die Stückknechte auf der Kreuzschanze bei ihren Mörsern und Feldschlangen hantierten, lauter junges Blut, in überschwellender Kraft und mit rassigen Adern.

»Hello, ihr Kriegsknechte!« rief Dusentschuer sie an, »hello, ihr wackeren Schirmer des Königs der Könige, des Geweihten unter den Geweihten! kommt zu hauf und nutzet die Stunde, denn Gott hat es wollen!«

Und sie ließen es sich nicht zweimal sagen, sprangen herzu und wählten sich ihre Tänzerinnen aus den Stiftsdamen und den sonstigen Schönen.

»Gott hat es wollen! Gott hat es wollen!«

Sehnige Arme packten zu und schwenkten die Weiber.

»Ehre sei Gott in der Höhe!«

Der tollsten eine war Moppchen Winkelsett.

Ihre zweihundertundvierzig Pfund klevisch Gewicht wirbelte im Kreise herum, als wenn es ein Federspiel wäre.

Ihre Brust stürmte, die blanken Augen stielten sich vor wie die von Krustentieren. Dazu sang sie ein Lied, das die Massen begeisterte. Alle fingen es auf und begannen zu singen:

»Loat uß sing'n dat nie Leed,
Nie Leed, nie Leed,
Wat bi Mönster iß passeert:
Von Pastoor sien' Koh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh la loh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh!«

»Heilo Moppchen!« schrie der Prophet, »man immer so weiter, denn Mirjam, die Schwester Aarons, nahm eine Pauke in die Hand, und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen ...« und sie gewahrten es nicht, daß in weiter Ferne eine dumpfe Glocke anschlug, daß sich ein Raunen und schwergefügiges Lallen breit machte, als säße Notker, der Stammler, am Buddenturm und spräche sein ›Media vita in morte sumus‹ in den werdenden Abend hinein, denn plötzlich tat Moppchen Winkelsett einen gellenden Schrei, warf die Arme zum Himmel, um wie ein morsches Stück Holz niederzubrechen... über sie hin aber jauchzten die Stimmen:

»Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh la loh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh!«

Dann aber...

Ein frommer Landsknecht zog den Sturmhut herunter, faltete die Hände und sagte: »Die kann man nicht mehr in den Atem zurückpfeifen, denn sie ist befreit von allen Zinsen, Steuern und Salzgefällen, von allen Brüchten und Zehnten, die uns die Staatskrippensetzer und Parteibonzen aufhalsen. Amen.«

Dusentschuers Herrlichkeit war aus.

Er drückte Moppchen die starren Augen zu.

Unter tiefstem Schmerz beorderte er einige Spießknechte, ersuchte sie um Samariterdienste.

Sie folgten ihm willig.

Unter seinem Geleit trugen sie die nunmehr Verewigte, sein Herzblatt, seine Schmalzlerche und Wachtelkönigin – trugen sie Moppchen Winkelsett dem jetzt verwaisten »Krug Über dem Wasser« entgegen.

Nichts mehr, nichts mehr!

Aus dem satten Schellengeklingel war ein wehes Sterbeglöckchen geworden... und dennoch: bald darauf – die Passionesa ging weiter, als wäre gar nichts geschehen zwischen Erde und Himmelreich.


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