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Neuntes Kapitel

Mit dem heutigen Tage erklomm der König des neuen Jerusalems den äußersten Gipfel seiner Gewalt und Machtstellung.

Die Stadt lag ihm zu Füßen, und in Kraft seines Willens sandte er noch in selbiger Stunde seine Apostel nach allen Seiten der Windrose, um die neue Lehre auch in die äußersten Ecken seines ihm vorschwebenden Reiches zu tragen. Nach Soest oder der Mittagsgegend zu: Joachim Kosser, den Weber, Philippus Butendick, Lorenz Vischer und Thyß Ummegrove. Nach Osnabrück oder auf die Seite gen Mitternacht: Heinrich Brentrup, den Metzgergesellen von der Liebfrauenstraße, Dionysius Vinne aus Freckenhorst und andere mehr. Nach Coesfeld oder auf die Seite gen Abend: den Heribert Beckmann, einstmals Küfermeister in den Domkellereien, Bernard Focke aus Münster und sonstige Männer, die sich auf das Wort und die Bibel verstanden. Nach Warendorf oder auf die Seite gegen Sonnenaufgang: Jans Klopris, den Bartholomäus Neteler, im übrigen der ›Faule‹ aus Holland genannt, den Anton Taschenmacher, der als Faxenmacher und Komödienspieler die Märkte absuchte, auch sonstige Auserwählte, reich an Gaben des Verstandes und der zusprechenden Rede.

Der Bischof blieb machtlos. Ihm fehlten die Kräfte, die Stadt völlig zu umzingeln, ihr die Zufuhr abzuschneiden. Aus- und Eingang zu unterbinden. Er raste in ohnmächtiger Wut und schalt die ihm benachbarten Kirchenfürsten, daß sie ihm gegenüber mit dem schofelsten Rader albus geizten, auch nicht entfernt daran dachten, die ihm zugesprochenen Fußvölker und Reiterfähnlein marschieren zu lassen. Zudem umschlich die Pest seine Zelte, stündlich bereit, sich das erste Opfer aus seiner Umgebung und den zunächst gelegenen Lagerstätten zu greifen.

Die weite Stadt durchraste ein Freudentaumel, und wenn auch vielfach die verheirateten Weiber ob der neuen Botschaft Zeter und Mordio schrieen, sich auflehnten gegen Gesetz und Satzung, sich zuschworen, den Männern von nun an die eheliche Gemeinschaft zu versagen – über sie hin peitschte das Gelächter und Schellenklingen einer entblößten Mänade, die das Fleisch aufgeiferte, das junge Frauenvolk und die Mannswelt wirbelsinnig machte, mit Tollkirschkränzen um Schläfen und Schultern, alle Straßen des heiligen Münsters durchjubelte.

Da saßen sie nun wie im sündigen Babel – die Mannstollen, und harrten der Dinge. Sie saßen unter glühender Sonne, in schattigen Lauben, in heimlichen Verstecken. Sie lächelten süß, sie streckten die Hände, sie lösten die Schnürengürtel, um das ewige Opfer zu bringen, im Namen Istars, der Großgünstigen, der Fruchtbringenden, der Beherrscherin der Sterne und des Himmelreiches.

Der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen schlug mit seinem Flammenschwert Feuer und Funken.

Die hatten es in sich.

Mit hellem Gestieb knisterten sie in die Herzen der Menschen, ließen die Sinne sich in ihrer eigenen Lohe verzehren.

Bis spät in den Abend hinein wogte es in den Straßen bis in die kleinsten Winkel hinein.

Weiber und Männer fanden sich, gingen zusammen, lachten und weinten.

Dazwischen begeisterte Rufe.

»Der Himmel steht offen!«

»Was Gott vereinigt, das soll der Mensch nicht trennen!«

»Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde!«

Waren auch viele dazwischen, die riefen: »Tut Buße! Tut Buße!« aber die entsandte Mänade peitschte unter hellem Gelächter und Schellenklingen die Büßerrufe hinweg, erstickte sie unter dem heißen Duft ihrer Tollkirschkränze, ließ Feuerpfannen und Ehrenlichter in den Straßen herrichten und aufzüngeln.

In den Schenken, Herbergen und Garküchen war reges Leben. Ein stetiges Kommen und Gehen.

Der Tag mußte gefeiert werden, denn der Glanz Sions stieg immer höher und höher, gleich vergoldeten Lerchen, die sich vom ersten Licht des jungen Morgens umschauern ließen.

Bloß in der Jüdenfelder Straße stand der Krug der heimgegangenen Inhaberin verwaist und einsam. Kein Krüsel erhob sich über dem Rauchfang, kein Lichtschein spiegelte mehr durch die mit Blei gefaßten Scheiben; nur eine einsame Ratte saß auf der Anrichte und äugelte sehnsüchtig nach dem Brotspind herüber, ob's nichts zu beißen und zu brocken gäbe. Aber das Spind blieb verschlossen, denn Moppchen Winkelsett hatte sich nach dem erregten Tanz beim Buddenturm still auf die Socken gemacht und thronte nun fromm und weißgekleidet an den ewigen Tischen, um dann und wann 'ne Kyrieleissemmel in die Dickmilch zu stippen oder 'ne getragene Passionesa zu tanzen, wenn's an der Zeit war ... und hätte doch noch so gerne die irdischen Freuden einer gottwohlgefälligen Ehe durchkostet ...

Aber wie dem auch sei: Moppchen war glücklich zu preisen, denn gleich nach ihrem Hinscheiden hatte Dusentschuer zwar eifrigst getrauert, der Verewigten nachgeweint, dann aber den saftigen Krammetsvogel und das leckere Wachtelhühnchen aus der Tabulatur seines weiten Herzens gestrichen.

Am Abend nach der einschneidenden Tagung auf dem Prinzipalmarkt zu Münster verlegte er seinen Stammtisch in die Wirtschaft ›Zum halben Mohrenkopf‹, in der Marievengasse gelegen.

Hier führte Bänatz Tenkhoff, auch der ›ägyptische Joseph‹ geheißen, das Amt eines selbstlosen Zapfers, ein Männchen wie Milch und Blut, rein in Gedanken und Werken, ein Junggesell aus dem lautersten Spiegel gepurzelt und mit einem Haarschopf behaftet, als wäre er frisch von der Flachshechel gekommen. Sein Wandel war einwandfrei, und als eines Tages der Prediger Rottmann vorsprach, ihm die Taufe zu geben, sträubte er sich mit Armen und Beinen, immerzu schreiend: »Wenn du mich wiedertaufen willst, so tu's im Namen des Satans, des Fliegenherzogs, denn im Namen Gottes habe ich schon längst das heilige Wasser empfangen.« Aber Rottmann ließ sich nicht irre machen, taufte ihn dennoch, taufte mit einer so herzgewinnenden Strenge und Hingebung, daß der Zapfer ›Zum halben Mohrenkopf‹ in die Knie sank und unter heißen Tränen gelobte, Gott und der neuen Lehre zu dienen, einer der Getreuesten unter den Getreuen des Königs zu werden, und siehe: seit dieser Stunde war der ›ägyptische Joseph‹ ein gemachter Mann. Sein Anwesen florierte, seine Kundschaft mehrte sich gleich den Geschwadern der gelblichen Prozessionsraupen, wenn sie gierigen Maules ihre Wanderungen beginnen. Nur der Anblick eines Weibes blieb ihm ein Greuel, denn er wußte mit dem besten Willen nicht, was er mit einem solchen Geschöpf von der anderen Fakultät aufstellen sollte.

Aber treten wir ein!

 

Die drei Posaunenstöße von Sankt Lamberti herunter waren längst verhallt, gingen dahin, als hätten sie ›Männe Ungeschlacht‹ und ›Jans Pumpernickel‹ mit ihren unersättlichen Mäulern verschlungen.

Ich fühlte mich taumelsüchtig von all den Geschehnissen, die ich wachen Ohres gehört und wachen Auges gesehen hatte.

Als wir den Marktplatz verließen, der Mönch und ich, in die zunächst gelegenen Gassen einbogen, um dem Gewühl zu entrinnen, klangen mir noch immer die entsetzlichen Worte zu: »Wenn die Blätter fallen.«

Auch der Mönch mußte sie hören, denn ein herzzerreißendes Schluchzen ging von ihm aus, das meine Seele zermarterte.

»Wenn die Blätter fallen ...«

Was hieß das alles, was sollte das alles?!

Ich sehnte mich fort aus dem Bereich dieser schlichten und doch furchtbaren Worte. Immer nur fort von all diesen schrecklichen und unlösbaren Dingen, in deren Schatten ein tiefes und großes Trauerspiel schlummerte.

Ohne Zweck und Ziel irrten wir scheinbar durch die vielfach gewundenen Straßen von Münster. Willenlos ließ ich mich führen.

Die Himmelsbläue verlor sich, dunkelte ein.

Ein diesiger Nebel umgeisterte uns.

Die Uhren riefen von den Türmen herunter, als wenn ihre Stimmen auf Baumwollsocken gingen.

Für Raum und Zeit hatte ich jegliche Besinnung verloren.

Wo wir uns befanden – ich wußte es nicht.

Wie spät es war – mir fehlte jeglicher Anhalt, und wenn ich die Turmuhren, die über uns laut wurden, befragte, so meldeten sie stets die nämliche Stunde, und diese Meldung erging sich in zwölf bis einundzwanzig abgemessenen Schlägen. Nur war es mir so, als begännen die Nebel sich aufzuteilen, vereinzelte Pünktchen sich in den klaren Flächen zu zeigen. Gleich spitzen Nadeln stichelten sie vom Himmel herunter.

Der Mönch schluchzte nicht mehr.

Er hatte sich wiedergefunden.

Fest und herrisch ging sein Fuß über das Pflaster.

Einzelne Weiber begegneten uns, Hübschlerinnen in grünen Wylen und andere Frauen. Unter ihrem Zeug brannte die Liebe mit der Inbrunst einer Lampe in einer frischzugerichteten Hochzeitskammer.

Spießknechte zogen vorüber, gefolgt von Feldschlangen und Viertelskartaunen, die auf den Wällen in Stellung gingen.

Bald darauf war das Himmelsgewölbe voller Lichter und Sterne.

»Wenn die Blätter fallen ...«

Ich dachte kaum noch daran, gelähmt von all den Dingen, die ich während dieses Tages durchlebt hatte.

Der Mönch machte eine stumme Bewegung, bog in eine schmale Gasse ein, hielt den Fuß an und sagte: »Hier sind wir zur Stelle.«

Wir befanden uns vor einem schmalbrüstigen Haus mit hoher Fassade.

Über der zweiteiligen Tür brannte eine rote Laterne.

In ihrem Schein schälten sich die Worte aus der Wand heraus: ›Zum halben Mohrenkopf‹, ›Wirtschaft von Bänatz Tenkhoff.‹

Rechts und links vom Eingang brannten die Fenster in heller Beleuchtung.

Ein fröhliches Gewieher von Männer- und Weiberstimmen drang ins Freie, verstärkte sich unter dem lauten Getöse von Zupfgeigen und Narrenschellen.

Die Marievengasse stand unter dem Zauber der Freude.

»Treten wir ein«, sagte der Mönch.

Alsbald saßen wir in einer verlorenen Ecke, unbemerkt von den Gästen, die hier die ihnen gewordene Botschaft und ihre Erfüllung hochhielten und in aller Feier begingen.

Inmitten des gekalkten Raumes, der seine Decke durch zwei Stockwerke hindurchschob, thronte Dusentschuer mit seinen Getreuen an einer mächtigen Rundtafel.

Von seinem Binsenstuhl aus sah er auf das laute Treiben der Zugeströmten, die nicht müde wurden, den heutigen Tag festlich zu begehen. Herren und Knechte, Hörige und Freie, Frauen aus den besseren Ständen, auch solche, die bisher die Not des Lebens durchkostet hatten, wirrten, sangen und plauderten hier bunt durcheinander.

Neben ihm saß Jans Niegentitt, der Stumpen aus dem ›Hals‹, dessen Weib noch vor wenigen Stunden nahe daran war, vor dem königlichen Tribunal den Kopf zu verlieren.

Er blähte sich wie ein Bronzeputer, immer dabei, Umschau zu halten, um aus den anwesenden Jungfern, die sich's ringsumher bequem gemacht hatten, eine regelrechte Wahl für sein liebebedürftiges Herz zu treffen. Aber schön mußte sie sein, feiner noch als die Töchter Israels im Reigen Davids, des Königs der Könige.

Seine Äugelchen flinzelten hierhin und dorthin, gleich Glühwürmchen in schwülen Juninächten.

Er flüsterte Dusentschuer sein Anliegen zu.

Der lachte.

»Men to!« rief er lustig über die Tafel hin, »schon bloß aus dem Grunde heraus, deiner Alten den Brotkorb höher zu hängen«, und mit stillem Behagen goß der angeheiterte Prophet sein Glas Altbier hinter die Binde.

Die Wirtschaft ›Zum halben Mohrenkopf‹ hatte heute ihren glorreichen Abend.

Der ägyptische Joseph feixte wie 'n selbstzufriedener Igel, dem es gelungen war, ein Mausenest mit sieben fetten, piepsenden, langschwänzigen Mäuschen aufzustöbern, wenn es ihm auch offenkundig gegen den Strich ging, so viele Weibsbilder in seiner Schenke zu wissen.

Aber was half es?! Sie ähnelten den Rinder- und Pferdebremsen, die sich nicht mehr fortscheuchen ließen. Sie klebten, als hätten sie Fichtenharz an Schuhen und Hinterbacken. Mit seinen Zapfjungen hatte er alle Hände voll zu tun, frische Bullenköppe herbeizuschleppen, geleerte Gläser zu füllen, Schinken und westfälische Mettwürste aufzuschneiden.

Er überkugelte sich, wirbelköpfig von dem heillosen Getöse, den lauten Zurufen und dem immerwährenden Rasseln der Narrenschellen, dem minnesüßen Lautenieren der Zupfgeigen.

Unauffällig verkrümelte er sich in eine verschwiegene Ecke, willens, sich dort ein halbes Stündchen Ausspannung und Ruhe zu gönnen.

Die Zapfjungen konnten ja inzwischen die nötigen Geschäfte besorgen.

Aber sein ruhender Zustand währte nicht lange.

Eine dröhnende Stimme bellte ihn auf.

»Wo steckt der ägyptische Joseph?!«

Dusentschuer hatte gerufen.

»Hier, Herr, hier!«

»Zum Kuckuck noch mal!« legte Dulentschuer los, »du solltest dich schämen, der Frauengemeinschaft allzeit aus dem Wege zu schwänzeln. Aber warte nur ab: irgend 'ne Potiphar wird dich schon bald beim Kanthaken fassen – du Lellbeck, infamer! Dir werden noch Beine gemacht. Das übrige folgt. Siehst du denn nicht?! Immer men to und schnäuze die Räuber von den Kerzen herunter, sonst kann Jans Niegentitt seine Auserwählte nicht richtig unter Beaugenscheinigung nehmen. Holla! men to!«

»Gleich,Herr, gleich!« und während Tenkhoff und seine Gehilfen mit den Lichtputzscheren hantierten, wo's not tat, neue Kerzen aufsteckten und schließlich dem ›Halben Mohrenkopf‹ wieder zu einer freundlichen Helle verhalfen, ließ sich der Prophet mit dem Michelangelokopf also vernehmen: ›Na, Niegentitt, wo ist denn die Auserwählte aus dem hochadeligen Stift zu finden?«

»Herr, da drüben an der äußersten Tafel.«

»Welche denn von all den Raritäten und Kostbarkeiten? Ich sehe wenigstens sechs nebeneinander.«

»Die zweite von links, Herr, die mit dem leckeren Schnäuzchen.«

»Dann, Niegentitt, los denn dafür! Nur Mannskerle wie der ägyptische Joseph lassen so 'n Fettnäpfchen stehen.«

Der ›Halbe Mohrenkopf‹ dröhnte. Eine mörderische Lustigkeit setzte ein. Mit Kirmestrubel, Babel und Bibel zog es vorüber. Die Frauenzimmer wollten sich schütteln vor Lachen, denn Jans Niegentitt aus dem ›Hals‹, der Stumpen mit den blankgeputzten Äugelchen, der Mann mit den ausgesprochenen Frühlingsgefühlen, ging straff und stramm der äußersten Tafel entgegen und brachte wirklich und wahrhaft den herostratischen Mut auf, sich kurzerhand neben die mollige Rarität zu setzen, ihr den Arm um die Hüfte zu legen, von artigen Dingen und den anheimelnden Sächelchen des täglichen Lebens zu sprechen.

Anfangs sträubte sie sich.

Dann ließ sie gewähren.

Wie die Weiber so sind ... und Jans Niegentitt aus dem ›Hals‹ drückte ihr einen saftigen Kuß auf das appetitliche Mäulchen.

»Heilo! Heilo!«

Im ›Halben Mohrenkopf‹ begann es aufs neue zu toben. Gläser klirrten zusammen, Hochs wurden ausgebracht, die Kostbarkeit aus dem hochadeligen Stift emporgewuchtet und feierlichst durch Stube und Küche und wieder an Ort und Stelle getragen ... unter Hosiannarufen und dem Absingen eines Psalms des königlichen Tänzers vor der Bundeslade – eines Psalms der Kinder Korah, vorzusingen auf der Gitthit mit acht Saiten.

Der ägyptische Joseph versalzte, als er das Draufgängertum Niegentitts gewahrte.

Ihm war es, als sähe er durch einen hänfenen Strick, dessen Schlinge sich jeden Augenblick zuziehen mußte.

Vor eitel Entsetzen ließ er einen frischen Bullenkopp, den er irgendwo zubringen wollte, auf den Estrich stolpern, daß er in hundert und aberhundert Teilchen zerscherbelte.

»Niegentitt, Niegentitt«, schrie er mit aufgerissenen Lichtern, »wenn das Settken Niegentitt wüßte!«

»Laß sie man wissen«, hielt ihm Jans stolzlich entgegen. »Der König selber hat mir das mit der Auserwählten verstattet, gewissermaßen unter Beistand des Engels mit den siebenfältigen Schwingen sein Siegel darunter gewächsnet.«

»Hat er«, bestätigte Dusentschuer, »und mir liegt es ob, der Hochzeiterin, wenn es so weit ist, Hals und Brust zu vergolden, auf daß sie würdig werde, dem Reiche des neuen Tempels Frucht und Fülle zu geben.«

»Soll sie, soll sie!« schrie es laut durcheinander. Kasserollen und Kannen deckelten gegeneinander, ein Spießknecht trommelte auf den Tisch, dabei das Lied der Bischöflichen zwischen den Zähnen. Alle sangen mit:

»Wir zogen in das Feld,
Wir zogen in das Feld,
Da hatten wir weder Seckel noch Geld –
Strampede mi
A la mi presente al vostra signori

Der Mann übertrumpfte sie alle. Er sang falsch, aber gediegen, und in diesen Höllenspektakel hinein, bei welchem der bocksfüßige Satan selber den Taktstock führte, schrie der ägyptische Joseph wie ein hingestrecktes Kalb, dem das Messer des unbarmherzigen Schächters bereits an der Kehle herumkitzelte: »Christus, Christus! soll mein ›Halber Mohrenkopf‹ zu 'nem Sodom und Gomorrha werden?! Nein, diese Welt, diese Weiber ...! 'raus mit dem Weibervolk!«

»Halt!« donnerte der Prophet.

Alles Blut schoß ihm zu Kopf.

Mit beiden Händen fuhr er in seinen struppigen Bart, zerwuschelte ihn noch weiter und hob sich breit aus dem Sessel.

Wie ein Pfahl streckte er sich; wie ein Pfahl im Schleusenwasser übersah er die Umwelt.

Alles verstummte, denn jedereins wußte: der Prophet war eine verträgliche Haut, ein Mann, der mit sich reden ließ, auch ein Auge zudrückte, wenn es die Umstände erheischten; aber wenn ihn der Hafer stach, ihm eine widerborstige Ansicht entgegenstolperte, dann war es 'ne ungemütliche Sache, gemeinsam mit ihm durchwachsenen Speck und dicke Bohnen zu essen.

»Bänatz Tenkhoff, tritt vor«, sagte er so ruhig wie möglich. »Tritt vor, du Bangbux, du Gottes Ebenbild, das die Rockschöße zusammennimmt, wenn ihm ein vollgemessenes Frauenzimmer begegnet und so zum Gespött wird von allen, die 'nen kurzen Verstand, aber lange Haare besitzen. Tritt vor, oder dich soll der leibhaftige Satan ...« und der Ärmste trat vor, dicht vor die Rundtafel, in Reichweite Dusentschuers, der ihm die derbe Künstlerpratze auf die Schulter legte und ihn mit seinen tiefliegenden Buonarottiäugelchen durchstichelte.

»Tenkhoff, was heißt das: 'raus mit dem Weibsvolk?! Ohne dieses wäre die Welt, in der wir leben, ein elendig Ding, rettungslos dem Untergange verfallen. Mensch, versteife dich endlich, denn Zeit ist kommen, sich auf sein Mannestum besinnen zu müssen. Sonst: das Gericht kommt über dich mit der Schärfe des Schwertes.«

Seine Stimme rollte.

Der Blick Dusentschuers ging schon ins Prophetische über.

»Herr, was begehrt Ihr von mir?« stammelte Tenkhoff.

Sein Gesicht wandelte sich in graue Asche.

»Dein erbärmlich Tun sollst du ablegen, den ägyptischen Joseph mit Haut, Haaren und Schwarte ausklinken, denn dieser ist vor Gott und den Weibern ein Greuel. Du aber bist noch schlimmer als der ägyptische Joseph. Selbiger ist doch wenigstens Vizekönig, so 'ne Art von Pharao bei den Pyramiden geworden, und du ... bloß Zapfer in der Marievengasse, und wenn die Wirtschaft auch gängig ist – mit 'nem ägyptischen Vizekönigtum läßt sich der ›Halbe Mohrenkopf‹ doch niemals vergleichen.«

»Herr, was soll ich denn aufstellen?« jammerte Tenkhoff und hielt sich sein Bäuchelchen fest, als wenn sich 'ne richtige Pferdekolik im Anmarsch befände.

»Ein Kerl sollst du werden«, rief der Prophet, »ein Kerl mit Marks in den Knochen. Sieh dir bloß Jans Niegentitt an. Obgleich er sich in schönen ehelichen Umständen befindet – kaum war die Botschaft heraus, kaum fand Johannes Leydanus es nötig, dem Reiche Sion hinsichtlich seiner Vermehrung sachlicher auf die Strümpfe zu helfen, gleich war er dabei, unter den sprudelfrischen Frauenzimmern seine Auswahl zu treffen. Brav so, Jans Niegentitt! und du ... und du ... und du ...«

»Herr ...! Herr ...!«

Im ›Halben Mohrenkopf‹ begann es zu wiehern.

»Was Herr ...?!« wetterte der Prophet. »Keine Ausflüchte mehr. Dein Junggesellentum lamentierte schon längst durch die Wolken, gab Ärgernis bei allen, die sich in die Weste werfen und mit dicken Zöpfen aufwarten können. Heute ist deine Stunde gekommen. In deinen vier Pfählen und der Marievengasse wimmelt's von artigen Dirnen. Wähle, denn heute ist Wahltag. Strecke die Hand – und an jedem Finger klebt dir ein munteres Frauenzimmer. Wenn nicht – Botschaft ergeht an den König, an den Zwölfer Rat, und Meister Hans aus der Grünen Stiege weiß deinen Hals zu finden. Also wolle oder wolle nicht...«

»Ich will!« wimmerte Tenkhoff.

Das sonst so tapfere Männlein wie Milch und Blut war ein Zerrbild seines früheren Ichs geworden.

»Heilo! wie ist mir?«

»Ganz trefflich!« hielt ihm Dusentschuer entgegen und rief über Tische und Bänke hin: »Holla, heda! wer von euch, ihr ehrsamen, großgünstigen und herzerquickenden Jungfern, wagt es, sich mit den eigenen Schinken auf die Binsenstühle des ›Halben Mohrenkopfes‹ zu setzen, selbstverständlich als Zapferin und biedere Hausfrau?!«

Er klatschte laut in die Hände.

»Zum ersten, zum zweiten ...!«

Er lachte.

»In der Marievengasse haust sich's gut beim ägyptischen Joseph. Also zum dritten und ...«

Vier dralle, mannhafte und quicke Weiber kamen auf den ersten Anhieb gesprungen: die erste etwas allzu sehr in die Länge geraten, die zweite sanft, dazu lieblich anzuschauen, die dritte rassig wie 'n Angorakarnickel, die vierte aber, die vierte ...

»Eine genügt vor der Hand«, erklärte der Prophet, »denn mit vieren auf einmal wird er nicht fertig. Sie kehren ihn und seinen inneren und äußeren Menschen von oberst zu unterst, lassen ihm kein ganzes Haar mehr am Leibe. Dem ist Rechnung zu tragen«, und mit salomonischer Weisheit, indem er auf die vierte deutete, entschied er: »Hier diese, sonst keine«, und siehe: eine stattliche Jungfer, blond wie ein eben aufblühendes Rapsfeld, mit blanken Kulleraugen und Waden, die keine zwei Mannshände umspannen konnten, präsentierte sich eine ländliche Schönheit, die verliebt den ägyptischen Joseph von der Seite beäugelte.

Die gab sich so wohlgestaltet, daß selbst die Steinesel wieherten, wenn sie sich durch die Dorfstraße bemühte, denn ihre Hinterbacken waren voller denn zwei Säcke mit Sand, ihre sonstigen Zutaten eine besondere Laune des Schöpfers.

Auf ihren Wangen, rund und rot, direkt aus dem Bungert gebrochene Paradiesäpfelchen, thronte die Unschuld eines aufgehäufelten Bauernmistes, von dem ein stattlicher Gockelhahn lauthalsig in die Landschaft hinauskrähte.

»Wie heißt du?« rief der Prophet und kniff die Äugelchen wie 'n lausternder Ferkelpascha sacht gegeneinander.

»Anna Flintrup, gewissenermaßen dem Schulten Flintrup die seine.«

»Woher?«

»Von Roxel.«

»Passable Gegend ...! und wo in Stellung gewesen?«

»Beim Herrn Generalvikarius, gewissenermaßen achter die Domkurie. Doch als dieser ausritschte, weil's ihm zu sengerig unter die Pfannen wurde, habe ich mich anderweitig in Münster benommen.«

»Warum das?«

»Weil das Münsterke mir zusteht und ich nicht willens bin, mich anderweitig unterzustellen.«

»So! und ist Hoffnung vorhanden, etwas in die Ehe zu bringen?«

»Jau, jau!« und Anna Flintrup wurde hochmütig und verfiel plötzlich in ihr Roxelsches Hochdeutsch: »Vatter is en eislick knickerigen Rentmeister, well bi'n eene schrappede, wat he kratzen un kriegen konn, un Mutter gewissenermaßen dito desgleichen.«

»Also auch Wutztierchen am Schweinskofen?«

»In Masse.«

»Und westfälische Würste und Schinken in der Räucherkammer?«

»Aber ich bitte ...!«

»Und kannst du auch Pottast machen und Knabbels, um selbige in die frische dicke Milch zu stippen?«

»Gewissenermaßen auch dieses.«

»Das paßt für den ›Halben Mohrenkopf‹!« rief der Prophet ... und mit einer Stimme, die daherrumpelte mit der Gewalt eines Gemeinde- und Körullen, verkündigte er: »Im Namen des himmlischen Vaters, ich werde dir die Montur vergolden. Du und der ägyptische Joseph, ihr seid ehegelüstig und herzenseinig geworden. Morgen meldet ihr euch beim Prediger Rottmann, auf daß er das Weitere veranlasse, der König das Zepter über euch strecke und eure Brautschaft gesegne. Und nun: 'nen frischen Ausschank heran, auf daß auch wir unsere Pflicht und Schuldigkeit tun und den beiden Paaren unsere Ehrerbietung erweisen, auf daß sie wachsen, sich mehren und keine Nestelknüpferin oder ähnliches Geschirr über sie kommen möge.«

»Men to! Men to!« jubelte es Jans Niegentitt, Bänatz Tenkhoff und ihren Auserkorenen aus allen Ecken und Kanten der Wirtschaft entgegen, und wiederum: die Schenke in der Marievengasse dröhnte. Eine mörderische Lustigkeit setzte ein. Mit Kirmesmusik, Babel und Bibel zog es vorüber. Die Frauenzimmer wollten sich schütteln vor Lachen, denn Anna Flintrup aus Roxel sprang auf den ersten besten Tisch, daß ihr die Beiderwandröcke bis zu den prallen Schenkeln emporwirbelten.

»So, nu wollen wir gewissenermaßen unsere Brautschaft begehen!«

Sie lachte aus vollem Halse. Dann sang sie das altmünsterische Volkslied, das noch vor kurzem Moppchen Winkelsett in Nähe des Buddenturmes angestimmt hatte:

»Laot uß sing'n dat nie Leed,
Nie Leed, nie Leed,
Wat bi Mönster iß passert:
Von Pastoor sien' Koh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh la loh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh!"

Dusentschuer wurde gerührt wie'n preziöser Pfingsttag, dem so aus heiterem Himmel herunter ein unvorhergesehenes Unwetter seinen ganzen Blust- und Blütenreichtum mit Hagelschloßen benedizierte.

Er konnte nicht anders, er mußte Moppchens und ihres glanzvollen ›Kruges Über dem Wasser‹ gedenken.

Die Tränen wollten ihm kommen.

Diese Gelegenheit benutzte Jans Niegentitt, an ihn eine vertrauliche Frage zu richten.

»Herr«, sagte er heimlich, »wird auch der glorreiche König mir und dem entsprungenen Nonnenkittelchen die Ehe verstatten?«

»Warum nicht?«

»Auch dem ägyptischen Joseph und Anna Flintrup aus Roxel mit all ihren westfälischen Schinken und Mettwürsten?«

Dusentschuer sah ihn groß an.

Dann schnäuzte er sich mit der Allgewalt eines Weitsichtigen, den Lärm überhörend, der sich mästete vom Weibergequiekse und dem Getrommel des Spießknechtes, der dabei wieder zu singen anhub:

»Strampedi mi
a la mi presente al vostra signori.«

»Warum nicht?« rief der Goldschmied zum andern.

»Ja aber Herr, dem Erbmann von Bischopink und der ehrsamen Jungfer Elisabeth Wandscherer ...«

Ein Schlag rumpelte auf den Tisch, daß ein Bullenkopp umkippte und mehrere Gläser zerscherbelten.

Da stand der Prophet, weltentrückt und in höhere Regionen gehoben.

Um seine Mundecke flackerte es, als wäre ihm ein siebenfältiges Schwert durch Leber und Nieren gestoßen.

»Du Narre!«

Das Wort polterte wuchtiger seines Weges als ein Pulverkarren von der schweren Arkeley.

Alles verstummte. Keine Fliege wagte es, durch den ›Halben Mohrenkopf‹ zu summeln, geschweige sich in ihrem schamlosen Liebesspiel zu zeigen.

»Jans Niegentitt, bist du etwa der Erbmann Raban von Bischopink von und zur Getter?«

»Das weniger, Herr.«

»Oder ist Anna Flintrup aus dem benachbarten Roxel mit Elisabeth Wandscherer in ein und demselbigen Atem zu nennen?«

»Auch das nicht.«

Jans Niegentitt wurde es schwül unter dem Sitzfleisch.

»Na denn«, donnerte der Prophet noch etwas lauter daher, » manum de tabula. Hand von der Bibel, und vermeßt Euch nicht, den Erbmann und Elisabeth Wandscherer in Euren gemeinsamen Pott mit Geselchtem und Steckrüben zu werfen. Ihr reicht ja beiden nicht bis zum Nabel.«

»Herr, ich meine man bloß ...«

»Hier ist gar nichts zu meinen.«

»Ja, aber das mit dem König ...!«

»Der tut, was er will, und wer sich dawider in Spieß und Harnisch wirft, für den ist die hölzerne Dreifaltigkeit auf dem Galgenberg bei der Kanonengräfte errichtet. Euch Lumpenpack gibt er blindlings zusammen, ohne seine Zunge auf die andere Seite zu legen; aber mit dem Erbmann und der Elisabeth Wandscherer ... Herr!« rief er plötzlich, »Herr! Herr ...!« und sein Mund schäumte über, seine Augen begannen sich in ihren Höhlen zu drehen, als wären sie voll des süßen Weines geworden: »Ich sehe Strahlen, geweihte Strahlen, überirdische Strahlen ... und in diesen Strahlenbündeln versinkt ihr Erdenwürmer wie die Frösche in Laich und Kalmus, fahrt ihr in 'nem Teufels Schäschen ins klägliche Elend hinein ... aber Elisabeth Wandscherer ...« und über Dusentschuer kam sein Prophetentum in der üppigsten Fülle.

Er wühlte sich durch das Gewirr seiner widerborstigen Haare, bekam Zustände gleich den Fallsüchtigen, um dann ruhig zu werden und mit erhobenen Händen über die anabaptistischen Männer und Frauen zu sprechen: »Strahlen nur Strahlen! und diese Strahlen gelten bloß ihr! Was Bischopink?! Was von und zur Getter?! Was die lange Reihe der Erbmänner?! Gewißlich ein braves und stolzes Geschlecht! aber immer noch nicht wert und würdig genug, der Elisabeth Wandscherer die Riemen zu lösen. Strahlen nur Strahlen! Strahlen fallen über sie her, diamantene Strahlen, Strahlen aus dem Himmelreich ... und mir wurde die Botschaft, diese Strahlen einzufangen, aus ihnen goldene Schuhe zu wirken, sie an die schmalsten Füßchen zu legen, aus ihnen die unschätzbarsten Kettlein zu treiben, selbige um den rosigsten Nacken zu schmeicheln ... denn höret und wisset: Alle himmlischen Erzengel und Cherubim, alle himmlischen Fürstentümer, Thronen und Seraphim sind sich herzenseinig geworden: Elisabeth Wandscherer soll Königin werden, sitzend zur Linken des Herrschers, erhöht und erhoben, schöner denn Divara, schöner denn alle die anderen. Königin ... Königin ... Königin ...!«

Lallend fiel er in seinen Sessel zurück.

Die weitgeöffneten Augen stierten ins Leere.

Der Mann war ehrfurchtgebietend.

Zwei Überirdische schienen an seiner Seite zu stehen, sonnenlicht-umkleidet, mit züngelnden Schwertern.

»Königin ...!«

Noch einmal stieß der Prophet das beseligte Wort von den blutleeren Lippen, dann fuhr er sich über die Augen, langsam und feierlich, und begann wieder nach seinem Glase zu tasten.

Die Wirtschaft ›Zum halben Mohrenkopf‹ verharrte noch immer in Schummern und Schauern. Die Marievengasse war heilig geworden.

Nur Anna Flintrup aus Roxel suchte heimlich nach der Hand des ägyptischen Joseph.

Als sie diese gefunden hatte, ihr im übrigen Elisabeth Wandscherer, die prophezeite Königin, völlig gleichgültig war, summelte sie sacht die letzte Strophe des münsterischen Volksliedes vor sich hin, aber nur wie ein Flötenhauch, mit dem kaum wahrnehmbaren Pfuitzen der grauen Vögel, wenn sie um Okuli über die laulichen Waldblößen hinstreichen:

»Äs de Magister nix mehr wuß,
Sunk he Trialo tom Schluß
Von Pastoor sien' Koh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh la loh!
Trialo, trialo,
Von Pastoor sien' Koh!«

 


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