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Fünftes Kapitel

Draußen ging der Sommerabend durch das Kirchspiel über dem Wasser. Die hohen Giebel ruhten im hellen Licht des Mondes. Millionen von Flimmerteilchen taten sich zu einem einzigen Filigrannetz zusammen, ein magischer Schleier, der alles umsilberte. Ein Stück davon geisterte ins Zimmer, vereinigte sich mit dem Leuchten der immer tiefer brennenden Kerzen.

Langsam tropfte das Wachs auf die Schalen.

Elisabeth Wandscherer stand an Raban gelehnt, dicht neben dem Vater.

Sie trug ihre blonde Schönheit mit dem Ausdruck der Trauer, so wie sie Herzeleids tragen mochte, als sie über die Heide ging, um das atlasfarbige Band, das ihr die Himmelskönigin geschenkt und das sie verloren hatte, zu suchen.

Über die einsamen Menschen senkte sich das Schweigen des Alleinseins.

Keiner wagte es, die Stille zu brechen.

Jeder war mit sich selber beschäftigt. Eine Bilderflucht löste die andere ab, eine Frage hetzte die andere, aber jeder fühlte auch, wie die Kettenglieder des Unheimlichen und Unabweislichen sich immer enger um Herz und Sinne legten ... und sie vernahmen nicht die drei einzelnen Schläge, die dumpf und schwer verlautbar wurden.

Sie wiederholten sich nochmals.

Sie waren gegen die Planken des äußeren Tores gerichtet.

Dann Stille.

Bald darauf ließen sich weiche Schritte vernehmen.

Die Schaffnerin des Hauses trat ins Zimmer, grau gekleidet, in weißer Flügelhaube, deren Kinn- und Stirngebände das schmale Gesicht mit starrem Linnen umzingelte.

Die weiten Augen richteten sich ernst auf Wandscherer.

»Joseph ...!«

»Herr«, sagte sie tonlos, »ich weiß nicht, ob ich noch gelegen komme, denn ich möchte nicht stören. Aber ich kann mir nicht helfen: einer steht draußen und wartet.«

»Wer ist es?«

»Der Sprecher des Königs.«

Das Gesicht des Tuchers entfärbte sich für eine Gedankenspanne. Nicht länger. Dann sagte er, völlig Herr über seinen inneren und äußeren Menschen: »Mein Haus wird gesegnet durch den Fuß dieses Mannes. Lasset ihn eintreten. Er ist mir und den Kindern willkommen.«

Die Schaffnerin ging.

»Und wir ...?« fragte die Tochter. »Sollen auch wir gehen? Ihr habt gewiß mit Rottmann allein zu verhandeln.«

»Bleibt. Was nötig erscheint, wird die Stunde erbringen«, und er trat dem Prediger entgegen, der noch dieselbe düstere Gewandung trug, die er bereits im Hause Knipperdollings getragen hatte.

Er hielt sein Barett zwischen den weißen Fingern.

»Ich heiße den Abgesandten Gottes und den Sprecher des Königs willkommen.«

Rottmann gab ihm die Hand.

»Ich danke der Güte. Ich weiß: die Türe Wandscherers steht jedem offen, sowohl in freudigen Tagen, wie in solchen, die mit den Tränen zu kämpfen haben. Man klopft an, und es wird aufgetan. Es ist wie im Hause von Bethanien, in dessen Krautgärtlein die silbrigen Ölbäume stehen. Dort ist wohl sein. Man befindet sich allzeit unter gleichgesinnten Menschen. Ein gutes Zeichen. Aber entschuldigt. Es ist spät unter dem Monde geworden.«

»Wann Ihr auch kommt, die Stunde war für uns immer eine gesegnete Stunde.«

»Immer?« fragte der Prediger und winkte lächelnd ab.

Man sah es: in den eisengrauen Augen des gefürchteten Mannes wohnten nicht nur die Lichter des Unerbittlichen, sondern auch die der Versöhnung und die der Barmherzigkeiten.

»Wartet«, sagte er nach einiger Weile, »der gute Hirt weiß seine abwegigen Schafe zu finden, sie wieder auf ergiebige Weidegründe zu führen.«

Sein Blick schweifte zur Seite.

Er gewahrte die Tochter des Hauses und Raban von Bischopink.

Ein feines Lächeln spielte um seine Mundecken.

Er trat auf sie zu.

»Elisabeth Wandscherer«, fiel es ihm sacht von den Lippen, »erinnert Ihr Euch noch der Worte, die ich eines Tages an Euch richtete und die da lauteten: Gesegnet bist du unter den Anabaptistinnen und gebenedeit unter den Jungfrauen des Landes, denn du bist wie eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal, o Fürstentochter, und das Ebenmaß deiner jungen Glieder vermeldet die Kunst des Meisters, der sie bildete?«

»Meister, ich erinnere mich.«

»Ihr seid ein Kind meiner Grundsätze und Betrachtungen. Ihr sperret Euch nicht wider besseres Wissen. Ich sah Euch in meinen Predigten, wo es auch sein mochte: in der hohen Domkirche, in Sankt Mauritz, Sankt Lamberti, in der Kirche über dem Wasser, und wo ich Euch sah: die neue und gottwohlgefällige Lehre fand fruchtbares Erdreich in der Ackerkrume Eures jungen Herzens.«

»Meister, so ist es.«

»Und keine Hemmnisse bedrängten Euch?«

»Meister, wenn ich sprechen darf ...«

»Ich verstehe.«

Eine leichte Handbewegung Rottmanns ließ die Anabaptistin verstummen.

»Ihr werdet mir Scharfes entgegnen. Manches nicht billigen, was meines Amtes. Es ist besser, ich spreche zuvor mit dem Vater, denn ein rasch hingeworfenes Wort könnte die Suche nach dem irregegangenen Schäflein erschweren, wenn nicht hinfällig machen ... und das würde mir leid tun, um Euretwegen und um Eures Vaters willen, denn er und Ihr verdient es, im Licht zu wandeln. Denket daran. Eure Hand schmückt das goldene Reiflein. Auf Euch passen die Worte Salomonis: Ein tugendsam Weib ist edler und besser denn Perlen und Geschmeide. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, an Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig. Ihr Mann lobet sie. Sie ist ein fruchtbarer Weinstock an der Wand ihres Hauses. Wie lange noch, und also wird es geschehen, denn Euer Herz ist vergeben ...«

»So ist es. Aber wenn ich sprechen darf, Meister ... Ich hätte ein dringliches Anliegen.«

Und wieder winkte der Prediger ab, denn was in den Tiefen ihrer Seele aufbegehrte, gefiel ihm nicht, machte ihn zurückhaltend und störte die Kreise seiner Erwägungen.

»Mag es genug sein. Später vielleicht. Ich spreche mit dem Vater darüber.

Sein Blick siel auf Raban.

Dessen Lippen lagen hart zusammen, die Brauen scharf gegeneinander geriffelt.

Rottmann trat näher heran. Seine Augen begannen zu suchen, als müßten sie etwas Verborgenes finden.

»Ihr seid ein Bischopink, Herr?«

»Ein Bischopink von und zur Getter.«

»Aus dem Geschlecht der Erbmänner?«

»Ihr sagt es.«

»Einer von ihnen trug in hiesiger Diözese dereinstmals den Bischofsstab. So ließ ich mir sagen.«

»Besteht zu Recht.«

«Und Euer Besitz liegt vor dem Ägidiitor, in der Dawert da draußen, wo sich die Füchse gute Nacht sagen?«

»Ja, in der Dawert. Wir sind stolz darauf.«

»So?! und war vor Jahren kein Familienzwist im Hause der Bischopink?«

»Nein. Im Hause des Bischopink gibt es keine Familienzwiste. Lilien und Rabenfittiche waren stets ein und desselben Sinnes. Da gibt es kein Hadern. Ihr irrt Euch. Unsere Devise lautet: Pro domo. Unter den Erbmännern stützt einer den anderen. Jeder fühlt sich dem Hause verpflichtet.«

»Ein löbliches Tun, Herr. Aber irgendein Konflikt wollte die Grundfesten des Geschlechtes erschüttern.«

»So richtig«, und über der Nasenwurzel Rabans feilte sich eine tiefe Furche.

Dann sagte er, indem er die rechte Hand zur Faust ballte, sie aufhob und wieder fallen ließ, als wäre sie ein Waschholz gewesen: »Es war um die Zeit, als der päpstliche Stuhl eine erledigte Dompräbende dem aus dem Erbmännergeschlecht stammenden Wilderich von Vischopink zu übertragen hatte. Das hochnäsige Domkapitel tat Einspruch dagegen, willens, seine Kraft zu erproben. Es bestritt die rechtlichen Vorbedingungen und sprach jedem Erbmann die Ritterbürtigkeit ab. Da aber Wilderich Vischopink von und zur Getter ... Unter dem Beistand der Droste, der von der Tinnen und Clevorn trat er unter die Fetthämmel, Weiberverwüster und Pfründenschlucker, stülpte den rechten Ärmel zurück und hielt der Pfaffheit die starre westfälische und ritterbürtige Faust unter die Nase: Entweder ihr beugt euch, oder der rote Hahn kräht von euren Dächern herunter, daß die Diözese Mordio und Brand ruft, um der Macht und Herrlichkeit der Vischopink willen. Und sie duckten den Nacken wie die Schermausfänger, wenn eine starke Hand sie auf nichtsnutzigen Wegen ertappt, riefen nach Feder und Tinte ...und schrieben ...und erkannten die Ritterbürtigkeit an, langsam und widerborstig, aber sie erkannten sie an ... und der Kaiser setzte sein Siegel darunter.«

Rottmanns Gesicht wurde schmal. Die weißen Lippen schrumpfelten ein.

»Nicht übel«, sagte er nach einigem Besinnen. »Aber trotz der bösen Erfahrung halten noch viele Geschlechter und Edelsitze zum Bischof und den Unzuträglichkeiten seines Handelns. Auch die Bischopink. Wir mußten Front gegen sie machen.«

»So ist es, Sprecher des Königs. Der Geist der neuen Lehre hat in seinen Heilswahrheiten noch wenig Eingang bei ihnen gefunden. Sie zögern noch und warten die Stunde ab.«

»Und Ihr?«

»Ich hoffe auf dem richtigen Wege zu sein, um den Geist zu erfassen.«

Der Prediger sah ihn mit großen Augen an.

»Und Ihr lebt auf der Getter?«

»Ja, bei Vater und Mutter, um später nach dem Willen des Herrn das Erbe in eigene Verwaltung zu nehmen, ihm den alten Glanz und die alte Glorie zu erhalten, wenn ich es nicht vorziehen sollte, Magister der freien Künste zu werden.«

»Sieh, sieh! ein Ritterbürtiger Magister der freien Künste! Das lobt seinen Mann ... und wo seid Ihr wissend geworden?«

»Auf der Dreikönigen-Burse in Köllen.«

»Wer waren Eure Magister und Doktoren?«

»Ortwin Gratius aus Holzwick bei Coesfeld, der die Episteln Ciceros und dessen ›Buch von der Freundschaft‹ herausgab. Dann Jakob Sobius und Agrippa von Nettesheim, der von Maximilian in den Adelstand und zum eques auratus erhoben wurde.«

»Vortrefflich! und was lest Ihr zur Zeit?«

»Des wackeren Hermann von dem Busche ›Vallum humanitatis‹, ediert bei dem geschickten Herrn Quentel Unter vier Winden.«

»Brav so! Dieses Büchlein ließ sein Fähnlein tapfer im Winde wehen und knatterte dem Dominikaner und Ketzermeister Jakob von Hoogstraten die furchtbare Kapuze von der furchtbaren Tonsur herunter.«

Rottmann streckte die Hand aus: »Raban von Bischopink, seid mir willkommen in Münster. Im Namen des Herrn – möge Euer Dasein an der Seite der Auserwählten ein gesegnetes werden.«

»Meister, wenn ich sprechen darf und es zu sprechen erlaubt ist ...«

Elisabeth Wandscherer stand hoch vor dem düsteren Eiferer, anzusehen wie aus den Chören der überirdischen getreten, nicht mit holder Jungfräulichkeit umkleidet, sondern angetan mit dem Gewand der Herbe und der Bitternis.

»Meister ...« und ihre Augen wurden starr und kalt wie geschliffene Steine.

Rottmann begegnete den geschliffenen Steinen mit der gleichen Kälte.

Seine Stimme nahm einen verdrossenen Ton an.

Er sagte: »Das Weib läßt nicht ab, zu fordern und zu feilschen ... und wäre ihm geboten worden, zehnmal zu schweigen. Das Weib ist spröder denn Akazienholz. Es geht allzeit seine eigenwilligen Pfade, obgleich es wissen sollte, biegen ist vielfach besser als brechen. Wollt mich doch endlich begreifen, Jungfer Wandscherer. Wenn ich Euch gegenüber meine Zunge versiegele, so geschieht es lediglich zu Eurem Nutz und Frommen, denn du bist eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal, o Fürstentochter, und das Ebenmaß deiner jungen Glieder vermeldet die Kunst des Meisters, der sie bildete. Ich sagte dieses schon zu wiederholten Malen, weil mein Herz Euch umschließt, weil ich aufbauen will und nicht niederreißen, weil ich Euch glücklich sehen und nicht ins Elend verweisen möchte, Euch nicht und den nicht, mit dem Ihr die Ringe wechseltet.«

Er hob die Hand und senkte sie wieder.

»Mein Amt ist ein schweres Amt, und es reut mich fast, Stadtlohn verlassen zu haben, um das Wort Gottes zu lehren. Im Hause des Vaters regierte das ehrsame Handgewerk, und er selber war der zufriedensten und besten einer unter den Schmieden in der weiten Grafschaft. Sein Folger zu werden, hätte mir Ruhe und Sässigkeit verliehen, wo ich jetzt nicht aus dem Sielengeschirr herauskomme. So auch heute nicht. Drum laßt mich. Ich habe mit dem Vater zu sprechen.«

Da verstanden sie ihn, grüßten und verließen das Zimmer: die Anabaptistin und Raban von Bischopink, indessen Wandscherer den Prediger ersuchte, sich niederzulassen und des Tages Last und Mühe zu verwinden.

»Recht werdet Ihr haben«, versetzte Rottmann, stülpte sein Barett über ein Zapfenholz, legte die Schöße seines dunklen Gewandes auseinander und ließ sich schwer in die Lehnen des dargebotenen Sessels fallen.

»Ich bin müde«, sagte er mit verhaltenem Atem, »und trotzdem drängte es mich, noch zu später Stunde über Eure Schwelle zu treten, denn als Richtmann habe ich Winkelmaß und Kelle nicht aus der Hand zu lassen. Also ich kam, und warum ich es tat, mögt Ihr billig ermessen.«

Der Tucher nickte und fühlte: die verhängnisvollen Begebnisse liefen aufs neue durch sein Gesichtsfeld. Aber einer war da, seinem Geschick eine andere Wendung zu geben.

Der Prediger schwieg. Er sah lange in die sterbenden Kerzenflämmchen.

»Es wird düster um mich«, sagte er endlich, ohne mit seinem Stieren innezuhalten ... und sah: es war ein schweres Tropfen und Fallen ... und hörte: das überschüssige Wachs pochte sacht auf die Silberschalen. Das erste Licht erlosch, das zweite; auch das dritte war dem Erlöschen nahe.

Wandscherer erwachte aus seiner Betäubung. Er stellte neue Kerzenschäfte auf, entzündete sie und setzte sich gleichfalls.

Die eisengrauen Augen Rottmanns erhoben sich langsam, erschlossen sich, wanderten in die des Hausherrn, um dort Fühlung zu nehmen und vor Anker zu gehen.

Dann hub er an, unzusammenhängende Sätze zu sprechen, und redete stumpf vor sich hin: »Wer nicht mein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolget, der ist mein Jünger nicht – und wenn du zum Leben eingehen willst, so halte die Gebote. Gottes Segen steht über der Rechten, Gottes Fluch über der Linken der Stadt. Gog und Magog beginnen ihren Kampf, und die Hölle jubelt. Viele sind da, die da kommen in Schafskleidern, um sich als Propheten auszugeben, sind aber nichts weiter im Herzen denn reißende Wölfe.«

Er wischte sich schwer über Stirne und Schläfen.

»Ich habe die Gebote und die Satzung befolgt«, fuhr er gleichsam im Dämmerzustande fort, »stets die alleinseligmachende Lehre gepredigt. Ich halte mich einzig und allein an die heilige Schrift. Wer irgendeinem Bilde einen göttlichen Namen beilegt, selbiges in seinen Nöten anruft, unter dem Vorwand, sein Herr wolle es so, der ist ein gottloser Abgötterer. Die Kindertaufe ist vor dem himmlischen Vater ein Greuel. Wir wollen in dieser Hinsicht keine Gemeinschaft haben mit den Ansichten der Chorherren und Domizillaren. Ich verwerfe sie bis in die tiefste Tiefe der ewigen Brandscheite. Nur der mit Vernunft Begabte kann das heilige Wasser empfangen, und wehe dem, dem es beikommt, die geweihte Hostie auf den Tisch des Herrn zu setzen, denn er tut nichts anderes, als den großen Baal auf die Tafel zu stellen und ihm das Opfer zu bringen.«

Dann fragte er mit schwerer Zunge: »Wandscherer, Ihr seid doch im Bilde?«

»Ich bin völlig im Bilde, denn so habe ich es nach kurzer Einkehr allzeit gehalten. Aber warum fragt Ihr mich solches?«

Rottmann stieß einen heiseren Laut aus.

»Es ist immer gut, sich den Katechismus vor Augen zu stellen, Reue und Leid zu erwecken in ernsten Tagen, denn der Mensch hat seine Anfechtungen und schwachen Augenblicke im Leben«, und sein Wort nahm an Heftigkeit zu: »Ich will den Nasiräer Simson in seiner Stärke, in der Fülle der Haare, und nicht den geschorenen Simson im Nachthemd, dem sein Buhlweib Delila mit ihrer Schere die Kraft nahm und ihn also entmannte, daß die Philister über ihn kamen, wo es mehr denn je an der Zeit war, nochmals mit dem Eselskinnbacken dreinzuschlagen. Noch vor wenigen Stunden – ich bin an Euch irre geworden und hatte das Unterbewußtsein: Knipperdolling befaßt sich bereits damit, die Schärfe des Schwertes zu prüfen.«

»Rottmann ...«

Der Tucher wuchtete sich schwer aus dem Sessel.

»So kommt Ihr, mir das Urteil zu sprechen? Ist es Gottes Wille, so geschehe es in seinem Namen.«

Der Prediger schüttelte das Haupt.

»Ihr irrt Euch. Wie käme ein Rottmann dazu? Ich bin eines Schmiedes Sohn, und meine Sinne sind lauter wie das Feuer auf der Esse meines Vaters. Es war ein friedfertiges Feuer. Meines Amtes ist es, den Frieden in die Häuser der Menschen zu tragen, und wo's not tut, böse Schatten hinwegzunehmen. Nur wollt Euch erinnern: wir sind gemeinsam in geheimer Sitzung bei Knipperdolling gewesen.«

»Ja, ich erinnere mich.«

Wandscherer sprach es mit aller Bedachtsamkeit.

Rottmann fuhr fort: »Dann wißt Ihr auch: Johannes Leydanus hatte in der verflossenen Nacht hohe Gesichte, empfing den Cherub von den höchsten Thronen mit den siebenfältigen Schwingen, der ihm gebot, die Männer in Sion anzuhalten, sich mehrere Weiber an die Seite zu legen, sich ihrer in traulicher Gemeinschaft zu erfreuen, auf daß die Liebe ihr Genüge finde und der Acker des Herrn nicht elend verkümmere? Ihr erinnert Euch doch?«

»Ja, Herr, ich erinnere mich.«

»Und daß Ihr Zweifel hegtet, von Ninive und Babel redetet, von Belialswirtschaft, von der Unzucht in Amathont, wo die Weiber unter den Ölbäumen ihre Gürtel lösen und die Fremdlinge im Namen Melittas erwarten? und schließlich in die Worte ausbrachet: Der Satan hat die Botschaft des Cherubs verstört und Falsches in die Ohren des Königs getragen? Wandscherer, auch dessen erinnert Ihr Euch?!

»Ja, ich erinnere mich.«

»Mensch – Ihr ...!« und Rottmann erhob sich und legte beide Hände auf die Schultern des insichgekehrten Mannes, dessen Gedanken sich abmühten, die Spreu vom Weizen zu sondern. »Nein Ihr – dann wundert Euch nicht, daß das Schwert Knipperdollings in seiner Scheide unruhig wurde.«

»Rottmann, geschrieben steht, es sollen nur zweie in einem Fleisch sein.«

»Ruhe – Ihr! Ich will Eure Tochter nicht vaterlos machen.«

»Wenn es der Geist aber also gebietet ...?!«

»Kein Wort mehr! Schweigt und beugt Euch der Vorsehung. Wendet Euch nicht gegen die Gesichte des Königs. Haltet die Zunge. Laßt sie nicht umgehen, denn überall sind Lauscher und Zwischenträger, deren Bekömmnis es ist, dem Galgenholz oder dem Zweihänder Nahrung zuzuführen. Es sind boshafte Menschen, mit Schultern, die das Los eines Mehlwurms oder fetten Parteigängers tragen können. Ihre Seele aber ist tausendfältig durchlöchert. Solche Parteikrippenreiter find furchtbare Plagen. Jedes Wort stößt Euch weiter dem Abgrund zu ... und das kann ich nicht wollen ... kann ich nicht wollen ...«

In den Augen des Predigers stand ein helles Wasser. Seine Rede zersträhnte. Er ließ die Hände herunter und flocht sie schmerzlich gegeneinander.

»Nein, Wandscherer, ich will nicht, daß Euer Blut über mich komme. Wer Erbarmen zeigt, dem wird Erbarmen wiedergegeben. Gegen den aufgebotenen Freimann ist letzten Endes schwer angehen. Da kann selbst der Sprecher des Königs nicht helfen. Ich wende mich ab, damit ich vieles nicht sehe – um Euretwillen. Ich verstopfe meine Ohren mit Wachs, auf daß sie nicht hören – um Euretwillen nicht hören, denn ich will nicht, daß Ihr an Eurem Starrsinn dahingeht wie die köstliche Feldfrucht unter dem verzehrenden Hauche des Sonnenbrandes. Bestellt das Aufgebot. Gebt Eure Kinder zusammen durch mich, und dann: in Gottes Namen laßt sie ihres Weges ziehen, wohin es sie gelüstet zu ziehen, zum Rhein hin oder anderswo hin. Dort mag Eure Tochter sich ihres Mannes allein erfreuen; auch des wackeren Hermann von dem Busche › Vallum humanitatis‹, ediert bei dem geschickten Herrn Quentel Unter vier Winden, gemeinsam mit ihm lesen, denn solches ist ein Trost in Betrübnis und Einsamkeiten. Und Ihr ...« und Rottmanns Stimme wurde warm und zusprechend wie das zutunliche Leuchten eines traulichen Herdfeuers, hinter dessen Holzbeige ein Heimchen geigt mit dem Zuspruch eines wohlwollenden Sachwalters ... und seine Hände hoben sich auf wie im Flehen: »Ich will nichts gesagt haben, und dennoch: um Euretwillen – ich flehe Euch an: Vermeidet selbst das heimliche Tun eines Totenwurms im Holzgetäfel Eures Hauses, setzt Euch nicht wider den Cherub mit den siebenfältigen Schwingen ... und wenn Ihr der Botschaft skeptisch gegenübersteht – Eure Zunge sei stumm, stumm wie das Bahrtuch auf dem Sarge eines Kapuziners, auf daß die Leutestuben und sonstige Stätten nicht hellhörig werden. So nur schwichtet Ihr die Unruhe des Schwertes.«

»Herr, ich kann es nicht fassen. Ihr gebt mir hartes Brot zu kosten.«

»Hartes Brot ist besser, als mit den Zähnen eines rumpflosen Kopfes in das fette Gras einer Wiesenkoppel beißen zu müssen. Laßt es genug sein. Meine Mission vollendet sich, und daß ich heute noch kam, so spät noch – bedenket: über einen bösen Handel soll man den neuen Hahnenkraht nicht wach werden lassen. Tut Euch besinnen und folgt mir, auf daß Ihr und Euer Anwesen gesund bleibet. Lebt wohl ...« und vom Hausherrn geleitet, trat der Prediger in die Nacht voller Sterne.

Wandscherer folgte ihm mit flackernden Blicken. Er fühlte: er war nicht sein eigener Herr mehr, nicht mehr Herr über sein Tun und Lassen, über sein Wollen und Handeln, aber er dankte Rottmann aus dem tiefsten Grund seines Herzens.

Langsamen Fußes ging der Prediger weiter.

Vor ihm steilte sich der Schattenriß des gewaltigen Turmes der Kirche über dem Wasser in den mit Silbersplitterchen übersäten Himmel. Die Stadt war ruhig. Als er aber die Jüdenfelder Straße erreichte, glaubte er jenseits der Kreuzschanze ein dumpfes Murren zu hören. Das Murren verstärkte sich und stöberte die schlafenden Lüfte vor sich auf. Eine schwere Trommelhaut begann zu lärmen, gleich einem aufgescheuchten nächtigen Tier immer lauter über den Boden zu schnuppern. Hinter ihr her trotteten sionitische Männer. Sie hatten den infulierten Knechten einen unwillkommenen Besuch abgestattet und ihrem

›Strampedi mi
A la mi presente al vostra signori‹

die derbe Bürgerfaust zwischen die Zähne gehauen, dazu dem Bischof einige vorgetriebene Werke mit Pech und Brand überschüttet.

Jetzt kamen sie aus dem Scharmützel zurück, froh des gelungenen Streiches.

Die Gottesknechte standen auf Wacht, auf Tages- und Nachtwacht.

Das fühlte auch Rottmann.

Er benedizierte die siegreichen Männer.

Sion konnte ruhig schlafen, sich seines Gnadentums erfreuen.

Sion war unüberwindlich.

Sion herrschte über den Erdkreis und alle sonstigen Welten.

Die Trommel verstummte. Mit ihr das Rumpeln und Murren.

Indessen der Eselskinnbacken, den der Deutsche zur richtigen Zeit meistens vergißt oder vergessen will, mußte wieder heran und doppelt und dreifach regiert werden.

Die samtblaue Nacht lichterte weiter mit ihren flinzelnden Sternchen, friedlich und allversöhnend.

Nur drüben, weit im Vorland dahinten, erhob sich ein unheimliches Scheinen.

Eine brandrote Lohe stand hoch und unbeweglich unter dem ewigen Himmel.


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