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Drittes Kapitel

Ja, lasset uns beten ...!

Die neue Lehre hatte Jahre um Jahre gleich einem wohlgemästeten Nagerpaar ein beschauliches Dasein in irgendeiner verlorenen Ecke gefristet, bis es sich als Männlein und Weiblein erkannte, ein Nagerpaar mit Rattenäugelchen und Rattenschwänzen, und Ratten vermehren sich wie die Heuschrecken des fernen Ostens, wie die Sterne unter dem blauen Kattun des Himmelreiches. Und die Brut gedieh unter der Emsigkeit der Tiere ins Unermeßliche, ging auf die Wanderschaft, um allüberall ihr Wachstum zu pflegen und neue Nester zusammenzutragen.

Ratten! Was Ratten ...?! Nicht Ratten waren's, sondern Propheten, suchende Männer, führende Geister und Schwärmerköpfe, die auszogen für Gleichheit und Gütergemeinschaft, für den gebenedeiten Lohn, ihren heimgesuchten Brüdern durch Predigt und Wiedertaufe das Reich Gottes zu bringen ... und sie mehrten sich wie die Geschöpfe mit den klebrigen Schwänzen ... und pilgerten nach allen Gegenden der Windrose. Sie kamen aus Thüringen, aus Schwaben, aus Ostfriesland und Holland ... und ihre Zahl war maßlos, ihre Rede süßer denn Traubenbeeren, bitterer als Wermut mit Galle versetzt – alles in einem Atem genommen ... und wie der Bischof von Münster auch wetterte, Himmel und Erde in Bewegung setzte – die neue Lehre war nicht mehr aus seiner Diözese zu bannen.

Da erhob sich Carolus, seines namens der Fünfte, in wachsendem Unmut und schrieb an den Infulträger, der nicht fähig war, sich der großen Not zu erwehren:

»Wir von Gottes Gnaden, Carl der Fünfte, erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches. Unsere Gnade und alles Gute zuvor.

Lieber Getreuer.

Es ist Uns zuverlässig versichert worden, daß die Bürger der guten Stadt Münster gegen Unser wohlgemeintes und heilsames Edikt, ingleichen gegen die auf der letzten Tagung zu Augsburg gegebenen Reichs-Verordnung abtrünnige Priester und sonstige Leute in Deine Stadt aufgenommen haben, so das unerfahrene Volk durch ungeheuerliche Reden von dem wahren Wort Gottes ab- und in Irrtümer führen, sowie hierdurch Haß, Feindschaft und Aufruhr erregen. Solches treibet zu Mord, Schwächung der Weiber und blutigen Wirren. Da es aber Unser Amt von Uns fordert, diesem Übel durch klugen Rat und zeitigen Mitteln zuvorzukommen, so wollen und befehlen Wir ernstlich, daß Du, der Du Bischof der münsterischen Diözese bist, auf das, was in besagter Stadt vorgehet, genau acht gebest, die aufrührerischen Prediger nicht nur ihrer Ämter entsetzest, sondern sie auch an Hals und Kragen belangest, und die rebellischen Bürger mit der gebührenden Strafe belegest, auf daß die Unbeteiligten in Friedfertigkeit und Ruhe dahinleben mögen.

Wir verbleiben Dir in Kaiserlichen Gnaden und allem Guten zugetan.

Carolus.«

Aber auch dieses verfing nicht. Es war zu spät. Der mächtige Heerzug ging vorwärts, unaufhaltsam, mit dem Weiterfluten eines unbekümmerten Stromes, dem es gelüstete, Gottes Wasser über Gottes Acker und weit ins Binnenland zu tragen. Thomas Münzer lag bereits auf der Strecke. Aus seinem Blut erhoben sich neue rebellische Köpfe. Die Bauern schlossen sich an. Ihr trauriges Lied dröhnte weit durch die Provinzen:

»Reich wollen wir werden,
Daß Gott erbarm!
Was wir hatten, han wir verloren;
Jetzt sind wir arm!«

Es war nicht mehr zu helfen, kein Halten und Bannen mehr. Das bleiche Haupt der täuferischen Kirche stierte schon lange über die Mauerkronen und Zinnen von Münster.

Während dieser Zeit standen die Herolde der Welt über den Wolken, angetan mit dem Gewand eines Leviten, weiß in gold und mit klingenden Silberschellen an den Ärmelstauchen.

Sie waren wie Engel, ihre Gesichter wie Sonnen, ihre Haare gleich flammenden Feuergarben.

Man erblickte nichts Höheres und Ehrfurchtgebietenderes zwischen Himmel und Erde.

Und der erste Engel posaunete.

Da erschauerte das Land Westfalen und die Hauptstadt in ihm, die Bischofsstadt mit den vielen Türmen und Kirchen, die ihresgleichen nicht hatten.

»Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie der Vater aller irdischen und überirdischen Welten vollkommen ist von Ewigkeiten zu Ewigkeiten.«

So die Posaune.

Und die Posaune verstummte.

Und als sie verstummte, siehe, da geschahen erschreckliche Zeichen und Wunder, die die Menschheit verstörten und von denen der Chroniste im Kirchspiel des heiligen Lamberti also erzählte: »Im Jahre des Herrn 1532 ließ sich im September etliche Wochen hindurch ein Schwanzstern sehen, der unter dem hellen Stern unter der Brust des Löwen, so man den Basilisk nennet, zuerst sichtbar wurde und durch die Jungfrau bis zur Wage seinen Lauf nahm. Sein Schweif ähnelte dem Reiherbusch, den die Großen unter den Sarazenen an ihrem Turban tragen, nur ins Tausendfältige und Abertausendfältige hinein, dazu glühender als die Flammen im Rachen des Behemoths, des Ungeheuers unter den Ungeheuern. Dieser nun wandelte sich im Laufe der Tage, nahm die Gestalt eines züngelnden Zweihänders an, dessen Spitze sich gegen Münster kehrte. Dann weiter: ein Hase, ein Geschöpf zwischen den Ackerfurchen, das sich sonst vor den Menschen fürchtet, des ferneren sich nur kümmerlich von den Gräsern und Dickwurzen des Feldes ernähret, kam aus freien Stücken durch eine der Torburgen und ließ sich dort greifen. Die Hühner ahmten die Hähne und die Hähne die Hühner nach, und die drei Sonnen, die plötzlich und ganz unversehens erschienen, täuschten die drei Religionen, die katholische, die evangelische und die wiedertäuferische, ebenso vor, als jene drei Sonnen – nach dem Tode Julius Cäsars – das Triumvirat. Und das nicht allein. In Harlem, einer Stadt in Holland, fand sich fast gleichzeitig ein toter Fisch, dessen Maul dreizehn Ellen an Maß hielt, an das Ufer geworfen. An selbiger Stätte nun war Johann Matthisson gebürtig, ein Anabaptiste vom reinsten und lautersten Wasser. Der reiste in Gemeinschaft mit seinem Weibe, der schönen Divara, ins Land der Roten Erde, um in Münster die neue Lehre unter die Menschen zu tragen. Ebenso machte sich Johann Bockelson aus Leyden auf die Strümpfe, ein Mann mit hohem Flug und stolz an Einbildung, ähnlich denen, die auf den Brettern tragieren und den Komödianten abgeben – woraus ersichtlich, was für ernste Bedeutung dem toten Fische zukam, dessen Maul dreizehn brabantische Ellen an Maß hielt. Kurz, es waren Zeichen und Wunder, die nicht zu den gewöhnlichen zählten.«

Und der zweite Engel posaunete.

»Tut Buße, der Tag des Gerichtes will kommen! Wer böse ist, der sei fernerhin böse; wer unrein ist, der sei fernerhin unrein. Aber wer fromm ist, der sei fernerhin fromm, und wer heilig ist, der sei fernerhin heilig. Denn Gott hat's ihnen gegeben in ihr Herz, zu tun seine Meinung, und zu tun einerlei Meinung, und zu geben ihr Reich dem Tier, bis daß vollendet werden die Worte Gottes.«

So die Posaune.

Und die Posaune verstummte.

Der Chroniste von Sankt Lamberti aber verkündete weiter: »In damaliger Zeit standen sich Rat und der streitbare Bischof von Münster als Widersacher scharf gegenüber. Katholiken und Protestanten hieben in die nämliche Kerbe. Unfried und Zuchtlosigkeit an allen Ecken und Enden. Der Sittenmangel des Klerus schrie durch die Wolken. Die Sauglocke in allen Tonarten zu läuten, gefiel ihm besser, als das schlichte, christkatholische, seligmachende Messeglöckchen zu ziehen und ihm allein die Ehre zu geben. Gutes und Böses fanden sich in ein und demselben Hexenkessel zusammen. Nonnen entsprangen den Klöstern, gaben ihre Rosenkränze und Skapuliere preis und erfreuten sich der gewonnenen Lustbarkeiten. Das Domkapitel war machtlos dagegen. Beelzebub regierte, fiederte den Freien und Unfreien die Bolzen, blies mit vollen Backen in den Hader hinein, in den entsetzlichen Hader, dem Rat und Bischof immer mehr zum Opfer fielen. Schwärme von Wiedertäufern kamen ins Land, erfüllten Gassen und Straßen mit drohenden Rufen: ›Bekehrt euch! Alles geht den Wandel der Krebstiere. Der Tag der gerechten Rache will kommen! muß kommen! ist schon im Anmarsch begriffen!‹ und immer so fort, bis sich die Stunde erfüllte.

Die hohen Magistratspersonen, unter ihnen Tillbeck und Knipperdolling, streckten die Hand über sie aus und brachten ihnen einen herzlichen Willkomm; der Klerus jedoch verfluchte und bannte ihre Seelen in die Leiber der grunzenden Säue von Gerasa. Das brachte neues Öl auf den Zunder. Der Rat trumpfte auf, der Bischof dagegen, und als ersterer schließlich erklärte, der neuen Lehre eine Freistatt zu bieten, verließ Franz von Waldeck, der Geweihte, die heimischen Mauern, siedelte sich in der Umgebung an, um im Lande bei Fürsten, Herzögen und Prälaten für die gerechte Sache zu werben.

Hie Bischof, hie Knipperdolling! Und neben diesem stand der Schwärmer und Prediger von Sankt Mauritz, stand Bernhard Rottmann mit den eisengrauen Augen, die wie Kardendisteln stachen und Strohmieten anzünden konnten.

Der nun ließ einen Scheiter errichten, ihn mit kostbaren Schriften, geistlichen und weltlichen Inhalts, befrachten, mit Büchern, die von der Kunst eines Avicenna und Galen erzählten, mit den preziösen Bänden der Kirchenväter und den zierlichen Dingen der Singer und Sager, mit den Werken der Forscher und Denker ... beschwor Pech und Schwefel in Lohe und Flammen hinein, und seine Stimme rollte über den gerichteten Scheiter, über Majuskeln und Minuskeln mit der Stimme des Behemoths, der eben dem Wasser entstiegen: ›Sündenbabel, deine Werke werden hiermit gerichtet. Ins Feuer mit ihnen! Nur die Bibel allein verbleibe im Tempel, den wir als Tempel von Sion und den des Vaters erkennen. Verbrennt, ihr Ausgeburten der Hölle, ihr Aufpeitscher des Fleisches, ihr Träger falscher Lehren und Predigten, fahret ins Nichts und werdet zu Asche!‹

Und der Scheiter züngelte hoch, als züngelte die Wirbelglut von Sodom und Gomorrha über die Stadt hin.

Das Volk jubelte auf: Männer und Weiber. Die Weiber aber tanzten einen Ringelreihenrosenkranz um die rote Fackel, daß ihnen die Röcke bis zu den prallen Schenkeln aufwirbelten, ihre Frauenreize sich überkugelten. Dazu sangen sie: ›Hosianna! und Ehre sei Gott in der Höhe!‹

Rottmann stierte lange ins Feuer.

Aus ihm sollte ein neuer Phönix erstehen.

Er konnte warten und wartete.

Seine Seele blieb ruhig. –

Und der dritte Engel posaunete.

Er posaunte mit Sturm und Allgewalt.

»Die große Stadt wird verworfen werden vor dem Antlitz des Herrn. Ihre Lautenisten und Sänger sollen verstummen, als wären ihnen die Zungen geschält aus dem Halse mit dem Messer des Nachrichters. Wehe, wehe!«

So die Posaune.

Und die Posaune verstummte.

Der Chroniste von Sankt Lamberti aber erzählte: »So war das Jahr 1534 gekommen. Im Jänner fiel Schnee. Er spreitete eine silberige Decke über Sion, über das neue Gottesreich. Die münsterische Heide stand in Brillanten und sonstigen Edelsteinen, die Türme schlugen sich einen preziösen Hermelin um die Schultern, als wollten sie als wahrhaft königliche Türme den Burgfrieden innerhalb der Mauern für immer und ewiglich ansagen. Einer der stolzesten unter ihnen war der Turm im Kirchspiel über dem Wasser. Draußen schnürten sich die Füchse bis zu den Torburgen heran, gierig nach Abfällen und Fraß, denn es waren mittlerweile kalte und bittere Tage gekommen. Und siehe: abermals wechselten Scharen von Anabaptisten von auswärts nach Münster. Sie pilgerten von den Niederlanden herüber. Ein Auserwählter führte sie. Der saß auf einem milchweißen Pferd, ein Mann mit feuerfalbem und fließendem Bart, ein Mann in der Kraft seiner Jahre, unerschrockenen Geistes, dazu redegewaltiger als der unselige Thomas Münzer, schlagfertiger als der fanatische Nikolaus Storch, Tuchweber aus Zwickau. Des Augen lagen tief in den Höhlen wie die eines Propheten. Hinter ihm erhob sich sein Weib, hochgewachsen, strahlend in der weichen Fülle des Fleisches, eine Valandinne und einer Königin ähnlich. Neben ihnen ritt ein Jüngling, dem war gegeben, das Wort zu lehren, Gesichte zu haben und Krone und Zepter zu führen ... und war nur ein Schneider aus Leyden, der bisher Elle und Nadel regiert, dabei aber in Gottesgelahrtheit gemacht, die Schriften gelesen und sich als Histrione auf den Brettern der Tabernen und sonstiger Gastwirtschaften gezeigt hatte. Man konnte weit in den Grafschaften Umschau halten, um auf einen stolzeren und mannhafteren Zeitgenossen zu stoßen. Er beherrschte seinen mausfahlen Gaul gleich der Besten einer in der Gefolgschaft Franz von Waldecks, des Bischofs, die in blauem Eisen daherritten. Ja, er ähnelte Saul in der höchsten Blüte seines Herrschertums. – Die nun begnadeten Münster, und als sie einzogen, wandelte sich die Stadt in eine solche des Taumels, die sich mit Belladonna und dem Safte der Mohnköpfe berauscht hatte. Tücher wurden ihnen zu Füßen gespreitet, Teppiche und sonstiges Webwerk ihnen zu Ehren in Erkern und Fensternischen gezeigt, ihnen ein Festmahl gegeben, als hätte Carolus, seines namens der Fünfte, bei einem Reichstag in seiner guten Stadt Augsburg Tafel gehalten ... und waren in der Speisenfolge Pfauen darunter und fünfzehnpfündige Rheinsalme, die im edelsten Rüdesheimer Ausbruch fortgespült wurden. Rottmann empfing die Ankömmlinge mit offenen Armen. Knipperdolling raste in seiner Verzückung, hatte Schaum vor dem Munde und begrüßte sie als Träger des Lichtes, als Pfeiler des gekürten Reiches und ernannte Matthisson zum Hirten und Führer des gläubigen Volkes. Heil dir und Ehre sei Gott in der Höhe!

Der Sturm brach los. Adel, Klerus und viele wohlhabende Bürger wanderten aus, denn auch sie hatten Gesichte und fühlten bereits ein scharfes Messerchen im Nacken, von dem sie nichts Gutes erhofften. Sie stießen zum Geläger des geistlichen Würdenträgers. Dessen Wort und Krummstab waren inzwischen nicht müßig gewesen. Mit schwerem Stückwerk, mit Roß und Mannen war er unter Beistand seiner Bundesgenossen in Stellung gegangen. Seine Fähnlein wehten im Wind und bedrohten die Stadt der Erkorenen. Die aber schanzten, befestigten Wälle und Außenwerke und boten ihm Widerpart mit allen streitbaren Anabaptisten. Knipperdolling führte die Truppen, schwor sie ein auf die Fahne des himmlischen Vaters.

Und die erste Kartaune rumpelte aus dem gegnerischen Lager herüber.

Da betrat Matthisson, der Zugereiste, der Prophet aus Harlem, mit seinen Getreuen die Schanze, die nach Telgte hinaussah und die ganze Gegend beherrschte.

Sein feuerfalber Bart wehte im Wind. Den scheitelte er in zwei mächtige Teile und ließ den Bart wieder dahinfliegen.

Hochaufgerichtet erhob er sich neben dem größten Wallbrummer, den sie ›Ungeschlacht‹ hießen ... und er streckte die Faust ... und seine Stimme rollte dahin wie die eines Stieres, der Witterung hatte: ›Durch mich spricht der himmlische Vater. Ihr da draußen, Ihr seid ein Unflat vor dem Herrn, ein Bauchfüller, ein Federspiel der gelüstigen Weibsbilder, dazu ein Widersacher des Königs der Könige. Nieder mit Euch und Euern Helfershelfern. Ihr alle lebet im Tempel der Unzucht, denn Papismus ist Babel, ist der Pfuhl aller Sünden und fleischlichen Laster. Nieder mit euch, nieder in den Sud und den Qualm der Hölle!‹ und er strählte aufs neue den feuerfalben Bart in zwei mächtige Teile.

Dann gab er ein Zeichen.

Da tat ›Ungeschlacht‹ das Maul auf und spie unter Brüllen und Flammen eine hundertpfündige Steinkugel. Die wußte ihr Ziel zu finden und streckte die feindlichen Glieder, als wäre das Tier aus der Offenbarung über sie gekommen mit seinem Rachen voller Drachenzähne. Auf der benachbarten Kreuzschanze machte ›Hans Pumpernickel‹ die gleiche Arbeit, krachte und mordete.

›Hosianna! und Ehre sei Gott in der Höhe!‹

›Prophet‹, sagte Knipperdolling, ›du bist wahrhaftig erschienen, um ein Heiland für Sion zu werden. Dein Mund ist ein Donnerkeil gegen die Feinde.‹

Der Prophet sagte nichts. Er lächelte nur und übergab seinen feuerfalben Bart wieder dem Winde.

Abseits stand einer.

Des Gesicht war starr wie eine Totenmaske.

Der sprach nicht, aber er dachte: ›Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzeln gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Aber einer wird kommen, der trägt die Wurfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen, den Weizen in seine Scheune sammeln, denn er ist stärker als alle und keiner ist würdig, ihm die Riemen an den Schuhen zu lösen.‹

Das ›Hosianna‹ ging weiter.

Der aber so dachte, war Johann Bockelson, der Schneidergeselle und Histrione aus Leyden. Er war viel gewandert in aller Herren Länder und hatte die Schriften gelesen.

Der nun kehrte der Schanze, dem Donnermaul des ›Ungeschlacht‹ den Rücken und ging allein und still seines Weges.« – Und der vierte Engel posaunete.

Er posaunete, wie der Wallbrummer auf der Schanze gerufen, so, wie sieben Donner ihre Stimme reden.

»Schlage an mit deiner Sichel. Die Zeit, einzuheimsen, ist gekommen, denn siehe: die Ernte ist dürre geworden. Wehe, wehe!«

So die Posaune.

Und die Posaune verstummte.

Der Chroniste von Sankt Lamberti aber erzählte: »Münster starrte in Waffen. Selbst die Weiber legten Krebs und Stauchen an, der guten Stadt ihre Dienste zu leihen, waren dazu von dem heiligen Willen beseelt, dem römischen Antichristen mit Pech und Schwefel zu benedizieren – im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Aber der römische Antichrist gebot seinen Söldnern, gegen Wälle und Gräben Sturm zu laufen, die Blutfahne über die Felder zu tragen, die Mauer zu brechen. Als solches geschah, erstieg der Herr seinem Grabe, gluckerten die Wässerchen, blühten die Himmelschlüsselchen, waren die Wiesenränder blau von Veilchen geworden. Ostern, Ostern! und sollte doch kein Auferstehen werden, sondern ein Sterben auf Erden, denn die Bischöflichen marschierten und die Anabaptisten ließen Gatter und Brücken herunter, zogen den Ketzern entgegen, um ihnen eine blutige Wiedertäufermette zu lesen. Schon von ferne dröhnte das Sturmbardiet der infulierten Söldlinge über die Heide. Es war das Lied, das sie schon vor Pavia und in Friaul gesungen hatten:

›Wir zogen in das Feld,
Wir zogen in das Feld,
Da hatten wir weder Seckel noch Geld –
Strampede mi
A la mi presente al vostra signori.‹

›Her, her!‹ hielten ihnen die Sioniten entgegen. ›An unseren Saubohnen sollt ihr ersticken, an unseren geräucherten Mettwürsten euch elendiglich verfressen. Her, her! wir sind die frommen Knechte des ewigen Vaters‹, und siehe: auf seinem milchweißen Pferd führte sie Matthisson, der Zugereiste, der Prophet von Harlem, weißgekleidet, einen Kranz um die Schläfen, und wähnte so, ohne Waffen und Wehren, den Gegner zu fällen.

›Her, her! ihr Wiedergetauften, ihr Auserwählten unter den Völkern, höret und wisset: Mit dem Hauch meines Mundes wird die Tenne gesäubert, wird die Spreu vom Weizen getrennt, werden die schwarzen Schafe von den weißen geschieden. Die räudigen aber – über den Pferch sollen sie springen, als wäre ein westfälischer Fuhrknecht mit seiner Geißel dahinter. Mir nach! Mir nach! denn mein ist die Kraft und die Macht und die Herrlichkeit ...‹ und das milchweiße Pferd sprengte an ... und der feuerfalbe Bart zwirnte sich über die Loddenheide, als spännen die Schicksalsfrauen blutrote Fäden, als zischelten von der Schmiedeesse Thubalkains glühende Eisensträhnen. ›Mir nach! Mir nach!‹ – aber ein gegnerischer Söldner dachte anders darüber. Dessen Schwert maß drei Ellen. Das stand jählings über dem Haupt des Propheten ... und knisterte nieder ... und spaltete es mit der Schärfe der Schneide.

Da fuhr Schrecken in die Reihen der Wiedergetauften ... und wäre nicht ein Großer erschienen ...

Der ritt ein mausfahles Tier und war gerüstet wie Sankt Michael, der zur rechten Hand Gottes die Tag- und Nachtwache hält, sammelte die verlähmten Völker und trieb einen Keil in die Mannen des Bischofs. Noch einmal ließen diese ihr Sturmbardiet hören:

›Wir kamen vor Sibentod,
Wir kamen vor Sibentod,
Da hatten wir weder Fleisch noch Brot –
Stampede mi
A la mi presente al vostra signori ...‹

Dann aber, vor der Allgewalt dieses Gesandten, begann ein Flüchten unter den Trabanten und Landsknechten, wie seit Josuas Zeiten nicht mehr gesehen – weit über das Blachfeld, über Telgte hinaus und bis nach Warendorf zu ... und die Heide zeigte blutige Tümpel, ihre Blumen röteten sich, die Lerchen trugen Blut in den Schwingen, als sie gen Himmel stiegen und den Sieg der Anabaptisten verkündeten.

Als solches geschah, erhob sich eine breite Gestalt am Tor des Stadthauses, focht mit Armen und Beinen und stierte gen Himmel, als müßten von dort die Cherubim und Seraphim des Paradieses herniedersteigen ... und trug einen wirren Bart und wirres Haar und einen Kopf auf den Schultern, der an den Buonarottis erinnerte: tiefliegende Augen, Stirn und Schläfen aus einem Eichenstumpen gehauen, die Nase mit eingefallenem First, aber dennoch nicht mißgestaltig.

Der Mann war gleichsam aus den Wolken gefallen, direkt auf den Markt mit den Laubengängen, woselbst die erregte Menge auf und nieder flutete und das Ende des Kampfes erwartete. ›Herr, sei mit uns in der Stunde des Todes! Herr, erbarme dich unser, auf daß wir bestehen mögen vor deinem Angesicht!‹ Die Menschen rasten, lachten und weinten.

Als sie des Sonderlings ansichtig wurden, erstarrten sie, denn sie erkannten ihn alle.

Dann ein einziger Aufschrei: ›Dusentschuer! Das ist Dusentschuer aus dem Krummen Timpen! Auch ein Prophet und Gesalbter des Herrn!‹

›Bin ich!‹ schrie dieser und wurde zur Salzsäule.

Seines Zeichens Goldschmied, konnte er es getrost mit den Besten seiner Zeit aufnehmen, mit Jamnitzer und Benvenuto Cellini. Kirchen und Tempel, gefürstete Grafen und Prälaten bedienten sich seiner hohen Kunst. Edelfrauen kamen daher und scheuten sich nicht, sich von ihm betasten zu lassen, denn er nahm sich Muße und Zeit, Hals- und Brustgeschmeide ihnen anzupassen, mit breiter und behaarter Hand Schaken und güldene Kettlein kunstvoll zu nesteln und sich dabei des blühenden Fleisches zu erfreuen. Sie nahmen dabei die heimliche Gier, das faunische Gelüste in Kauf, denn nur ein Dusentschuer war wert und würdig, ihren Brüsten und Schultern den ihnen zustehenden Schmelz zu verleihen, sie lieblich und reich zu gestalten ... und während er bastelte, sprach er zwischen den schadhaften Zähnen: ›Wie schön ist dein Gang in den Schuhen. Deine Zierden stehen gleich aneinander wie Rehzwillinge am Quell. Sie sind mit Rosenknospen besteckt, und der Ruch ihrer Salben übertrifft alle Würzen. Du bist schön, meine Freundin, wie Thirza, herrlich wie Jerusalem, schrecklich wie Lanzenspitzen ...‹ um bald darauf wieder in seiner rußigen Werkstatt zu sitzen, das Vaterunser zu sprechen und irgendeine Monstranz oder ein sonstiges Kirchengerät mit preziösen Kleinodien zu umkrusten.

Das war Dusentschuer, der Goldschmied aus dem Krummen Timpen zu Münster, mit Rottmann und Knipperdolling befreundet, ein Kenner und Ausleger des Alten Testamentes, als hätte er mit dem Schriftgelehrten Esra und der großen Synagoge auf du und du gestanden und die Schafe gehütet ... und stand auf dem Marktplatz und harrte der kommenden Dinge, bis sich jählings vom Kirchspiel des heiligen Ludgerus her ein lautes Pauken und Trompeten erhob und Johannes Leydanus, der Histrione und Prophet, in die Stadt eintriumphierte, auf mausfahlem Tier, in blauem Eisen und mit siegreichen Fahnen.

Da ging ein Brausen und Schüttern durch Sion.

Alles drang vor, umringte ihn und hob ihn vom Pferde mit der Glorie des Jubels, der an Wahnsinn grenzte.

Neben ihm erhoben sich die Großen des Reiches, so Rottmann, Knipperdolling, Krechting, Dusentschuer und andere mehr, und war keiner unter ihnen, der ihm nicht mit leuchtenden Augen begegnete.

Schon wollte Dusentschuer sprechen ...

Da aber trat ein Weib vor, strahlend in der Schönheit der Jugend, eine Valandinne und einer Königin ähnlich.

Die packte die Rechte des Siegers.

›Worauf wartet Ihr noch?‹ rief sie mit glutenden Augen. ›Mein Mann, der Große von Harlem, starb den Heldentod, sitzt nun zur Rechten des ewigen Vaters, umgeben von Aposteln und Blutzeugen, von Erzengeln und Engeln – und hier‹ – und ihre Blicke umgriffen den Jüngling von Leyden – ›steht sein Folger im Amte, denn er ist stärker denn alle, stärker als David, der Goliath, den Unbeschnittenen, niederwarf mit Schleuder und Bachkiesel. Ihm sei die Ehre!‹

Das schlug ein wie der Ruf einer Lärmkartaune vom hohen Wall herunter.

›Heil dem neuen Propheten! Heil dem Propheten und Führer!‹

Da aber Dusentschuer ...

Der Mann war nicht wiederzukennen. Seine Blicke verkehrten sich gleich denen eines Fallsüchtigen. Der gigantische Leib geriet in ein Zucken und Aufbegehren. Er hatte Sonnen vor Augen, irre Sterne und Feuerfliegen, als hätte sie der Höllenbreughel in seinen krausen Sinnen erfunden. Dann straffte er sich. Die Starre ließ nach, und über Dusentschuer kam das Licht des himmlischen Vaters.

›Weib‹, hub er an, ›dein Wort ist ein reines Wort und ein lauteres Wort. Aber es scheint mir nicht rein genug, nicht lauter genug, nicht heilig genug. Ihm ward nicht gegeben, den wahren Grund der Dinge einem köstlichen Geschmeide einzuverleiben. Weib, dein Wort ist stark genug, der Menschen Herzen zu erschüttern, aber nicht stark genug, eine Welt zu entangeln und dafür eine neue in die alte zu legen. Meins aber tut es. Es ist stark wie der Tod und gleich einem Siegel der Dreifaltigkeit.‹

Die muskulösen Hände mit den haarigen Fingern schraubten nach oben, blieben dort haften, spreizten sich, als sollten sie zu Fittichen werden.

›Meins aber tut es ...‹ und seine Stimme schwoll an: ›Was wollt ihr! Der Prophet ging dahin, und sein hinterlassenes Weib schreit nach einem Folger im Amte. Nur einer ist würdig, in seine Stapfen zu treten. Aber das tut es allein nicht. Mit der Folge im Amte hat auch die Würde zu wachsen. So will es der Herr, der da spricht durch die Wolken, der da kommt im feurigen Wagen daher und in der Kraft seiner Fülle.‹

Und er riß sich empor.

›Nein, wir wollen nicht nur einen neuen Propheten in Sion, wir wollen einen König in Sion, einen Stellvertreter Gottes auf Erden ... und Johannes Leydanus sei König ...!‹

›Sei König! Sei König ...!‹

Über Sion fiel ein Meer des Lichtes, ein Taumel der Verzückung, des Wahnsinns, der Raserei. Ein Freudengeheul machte die Häuserzeilen erschüttern. Trommeln rasselten. Immer mehr Volk strömte zu. Babel und Bibel, Himmel und Seligkeit, Verwesung und ewiges Leben – alles wirrte durcheinander wie am Tag des Gerichtes. Weiber entblößten sich, trugen ihre Nacktheit zur Schau, begannen zu tanzen, zu lachen, zu weinen, in schmerzlichen Litaneien ihre zermarterten Seelen zu läutern, während die Großen den Auserwählten umgaben, die Knie beugten, mit ihren Stirnen das Pflaster berührten.

›Johannes Leydanus sei König!‹

Der stand ehern, ohne mit einer Wimper zu zucken.

Um sein Haupt büschelte eine Garbe, die früher keiner gesehen.

Da ergriff Staunen das Volk.

Es verstummte, wie die Menge auf Golgatha verstummte, als der Berg des Ärgernisses sich mit Schatten bedeckte und der Herr sich anschickte, seine Mission zu erfüllen. Dann brüllte es los: ›Sei König, sei König!‹

Knipperdolling bestätigte es, und Rottmann trat vor, brachte aus seinem Priestergewand eine silberne Kapsel, entnahm ihr mit spitzen Fingern die Salbe des ewigen Heiles.

Feurigen Auges gebot er: ›Auserwählter, knie nieder‹, und der Prophet kniete zu Boden und wurde begnadet mit dem Öl des Herrschertums und dem Chrysam der Würde ... und als solches geschehen, lag das Volk auf der Erde, streckten sich die Menschen wie die Halme des Feldes, als wäre eine unermeßliche Polensense über ihre Köpfe geschliffen.

Dusentschuer aber hielt das Schwert hin, und ein Schrei brach aus seinem Mund, der Schrei eines Kronenvergebers, ein Schrei, der ihn fast selber erschreckte und dennoch jubilieren ließ mit Zinken und Pauken, mit Harfen und Flöten, und die ganze Stadt des heiligen Tempels erfüllte: ›Heil König von Sion! Das Lamm Gottes steigt nieder, um dir die Krone zu geben, das Lamm Gottes spreitet dir den Purpurteppich zu Füßen, das Lamm Gottes ist bei dir bis zur Zeit der Erfüllung, wo du gen Himmel fahren wirst, um an der Seite des Lieblingsjüngers die Mahlzeiten einzunehmen ...‹ und er warf sich nieder und küßte die Erde ... und Münster schütterte unter der Gewalt dieser Worte.

Johann von Leyden aber war in dieser Stunde Herr des Tempels geworden; er streckte sein Schwert und sagte: ›Rottmann, mein Bruder, in Kraft des mir gewordenen Amtes ernenne ich dich zum Sprecher und Beichtiger meiner selbst, auf daß du stehest, wie Fürsten zu lohnen wissen.‹

Und eine Trompete ertönte ... und abermals klang es von bleichen Lippen: ›Knipperdolling, du Starker und Werktätiger, sei Träger des Schwertes und der Gerechtigkeit und führe im Rate der Zwölfe den Vorsitz.‹

Und die Trompete lärmte zum andern.

›Krechting, sei Kanzler!‹ und siehe: ein kleiner, brandroter Mann mit listigen Äugelchen beugte sich bei seiner Ernennung, als neige er sein Haupt vor dem Tabernakel in Sankt Lamberti.

Und zum dritten Male ließ die Trompete ihre Stimme vernehmen.

›Und Dusentschuer – Ihr ...‹

Der aber winkte ab: »Nicht so, o mein Herr! Wollet mir keine Gnaden erweisen. Sie stehen mir nicht an, denn ich hab' der Gnaden in Hülle und Fülle, habe mein Goldschmiedegewerk, und wird's mir in der Stube zu eng, leg' ich schmucken Weibsbildern lauteren Schmelz um das blonde Fleisch, und solches ist besser denn Kanzler zu spielen oder die Befugnis zu haben, 'nem Malefizgesellen den Kopf auf den Rasen zu legen ... aber insonsten: laßt mir meine Kunst und mein Aposteltum, um Euch zu lieben, o König, Euch zu dienen, o Herr, und durch Euch in den Himmel zu kommen, Amen.‹

So Dusentschuer, und er stimmte das Lied an: ›Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke ...‹ und trotz seiner Bescheidenheit – er wurde dennoch erhöht und erhoben und gesetzt über alles, was Sion besaß an Schätzen und Kleinodien, als da waren: Reliquiarien und Perlenschreine, Rauchgefäße, Patenen, Monstranzen, Ketten und Kettlein, Hafteln und Fibeln, Gold- und Silberspangen, mit Glasfluß versehen und mit köstlichen Steinen umkrustet an Werten so reich wie die besten Edelsitze im Münsterischen, über alles und jedes, gleichviel, ob es noch in Truhen oder Stollenschränken rastete, der Öffentlichkeit diente oder am zarten Fleisch der Patrizier- und Bürgerfrauen blühte wie die Wunder aus den Erzählungen der tausend Nächte und der einen Nacht ... und während noch das gewaltige Lied über den Markt und die benachbarten Straßen dahindröhnte, der König, von tausend und abertausend begleitet, das Haus Melchiors von Buren aufsuchte, die stattliche Pfalz, so auf dem Domplatz gelegen und ihm von Knipperdolling und anderen Großen in selbiger Stunde zugedacht wurde, schnürte sich Dusentschuer an den Rathauskeller heran, tauchte dort unter, um sich bei einem Becher roten Burgunders seiner hohen Kunst und seines Aposteltums zu erfreuen.

Nach wenigen Stunden zogen die Sterne herauf. Münster träumte unter einem violblauen Mantel, bestickt mit goldenen Hornissen, kreisenden Bildern und lichten Perlenschnuren, als läge ein ewiger Frieden auf Erden, als hätte nicht während der lieben Mittagssonne ›Hans Pumpernickel‹ sein Bestes getan und ›Ungeschlacht‹ von den Wällen gebummert:

›Manne Ungeschlacht, so heiß ich,
Stein- und Eisenkugeln schmeiß ich,
Auf die Insul, hei! da scheiß ich –
Ehre sei Gott in der Höhe!‹

und lächelten die Flinzelsternchen gleich Liebeseelchen aus unendlichen Fernen herüber.

Gleichzeitig stand eine hohe Frau mit kupferfarbigem Haar in einer Fensternische, die auf dem Domplatz hinausführte. Von hier aus sah sie auf die Pfalz des Königs, woselbst noch einzelne Lichter aufgeisterten. Eines davon überstrahlte die anderen an Helle.

Die hohe Frau rückte und regte sich nicht. So hatte sie schon lange gestanden, in einem Gewand von dünnem Gespinst, durch das sich die Einzelheiten ihres Körpers in bläulichen Schattenrissen hindurchzeichneten, berufen, die Sinne eines Mannes zu betören und trunken zu machen.

Die nun ließ die gegenüberstehende Helle nicht aus den Augen.

Ein prickelnder Schauer lief über sie hin.

Die Kerzen, die in der Tiefe des verschwiegenen Gemaches flämmerten, begannen heller zu brennen.

Die Nacht tat einen schwülen Atemzug.

Divara aber sagte, indem sie ihre schmalen Hände in- einandernestelte: ›Johannes Leydanus, du kannst einen um die letzte Reu betrügen. Meine Sinne begehren. Sie lassen nicht ab, dich bei Tages- und Nachtzeit zu suchen, sich in deine Nähe zu träumen. Weise sie nicht ab, es könnte dir Schaden bringen. Mein Blut ist heiß nach dir. Noch kann ich es halten, aber wie lange noch? denn ich trage einen siedenden Durst im Heiligtum des Weibes. Denke an mich. Ich will Königin werden, gleichwertig dir, deine Gefährtin, deine Betreuerin, deine Helferin, sonst ist deine Krone nicht sicher auf Erden ...‹ und sie wandte sich den Kissen zu, woselbst sie noch in der verflossenen Nacht Seite an Seite mit dem gefallenen Propheten aus Harlem geruht hatte, und sie legte sich nieder, und ihre Seele wurde still und geruhsam wie die eines schlafenden Kindes. – Nur wenige Tage später streckte sie sich bereits in köstlichen Gewändern, ließ sich von Dusentschuer die marmelweiße Brust vergolden und seltene Steine durchs Haar flechten, denn sie saß hoch und hehr zur Rechten des Trägers der Macht und des Hohenpriesters im Tempel der Thronen und Herrschaften. Von allen Türmen der Stadt aber wehten übermütig die Banner und Feldzeichen der Wiedertäufer und höhnten den Bischof.«

Und der vierte Engel posaunete. Aber es war kein lautes Posaunen, sondern nur ein Suchen und Tasten in einem diesigen Nebel.

Auch der Chroniste von Sankt Lamberti ließ die Feder rasten. Er harrte der weiteren Dinge.

Er brauchte nicht lange zu warten.

Die Posaune des vierten Engels drang wieder lichter und klarer aus der Ferne herüber, und siehe: die Geschehnisse reihten sich aufs neue folgerichtig zusammen, wie die Muscheln am Meeresgestade, das Rieseln der Körner in einer Sanduhr, die Dinge im Weltenraum, die wir nicht zu enträtseln vermögen.

 


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