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Vierzehntes Kapitel

Am selbigen Abend waren die Fenster des Palastes mehr erhellt als an sonstigen Abenden. Auch im Frauenhaus flämmerte es an allen Ecken und Enden.

Die Helle legte sich golden über den Schnee und strahlte so herausfordernd, als wären ungezählte Maltersäcke voller Dukaten dort ausgestreut worden, die Mahlschätze von vielen herzoglichen Frauen und Jungfrauen. Man glaubte über eine kalte Tenne von ausgedroschenen gelben Weizenkörnern zu schreiten.

Der Wächter von Sankt Lamberti rief die siebente Abendstunde an.

Zuweilen blitzte es von der Kreuzschanze und den Nebenschanzen herunter, dem ein dumpfes Murren folgte, ähnlich dem eines herumschweifenden Tieres. Die Satanskartaune hielt mit ihrer Antwort nicht zurück. Sie warf eine hundertpfündige Steinkugel so zielgerecht in die Ägidiitorburg, daß davon ein Stück der Bastei gebrochen in den Abend hinausgähnte. Dabei blieb es. ›Männe Ungeschlacht‹, ›Jans Pumpernickel‹ und die Teufelskanone des Stückmeisters Fritze Lampadius hatten sich für den heutigen Tag nichts mehr zu sagen, aber im Schutz der obigen zwei Wallbrummer konnten sich die Anabaptisten eines geruhsamen Abends und einer geruhsamen Nacht erfreuen, gemächlich dahinträumen, ohne sich eines böswilligen Anschlages des Heißsporns von Bischof versehen zu müssen. –

Die Stunde führte uns, den Mönch und mich, aus der Marievengasse über die Straße des heiligen Ludger, den Roggenmarkt und den Bispinkhof in das Kirchspiel über dem Wasser.

Unsere Schritte gingen gedämpft über die Schneedecke.

Die unheimliche Wachskerze mit dem armseligen Flämmchen schwebte neben uns her, als wäre uns das brennende Licht zu einem ständigen Waller und Begleiter geworden.

Noch immer gedachte ich der seltsamen Geschehnisse in der Schankstube ›Zum halben Mohrenkopf‹. Der Prophet und seine mit Silber beschlagenen Kassetten ließen mich nicht los. Das Frauengeschmeide und die zierlichen Schuhchen, die wie ein Wunder erschienen, sprachen mich an wie die Vorboten eines furchtbaren Trauerspieles. Ich hörte die Stimme des Propheten, erschauerte vor seinen finsteren Andeutungen und skurrilen Gedanken, vernahm seine schmalzige Zunge, das aufdringliche Begehren: »Ich glaube, Frau Tenkhoff, ich könnte noch die fünfte Pinte gebrauchen. Der Spanier ist gut und über jedes Ermessen.«

Was wollte der Prophet? Was hatte es für eine Bewandtnis mit dem zynisch hingeworfenen ›Freue dich, Hälslein, freuet euch, ›Brüstlein‹, mit dem ›Prinzlein‹, das da weiden und führen sollte alle Völker auf Erden?!

Es war mir, als habe ein vorzeitiger Pfingstvogel schon um Okuli seinen Ruf erschallen lassen, und solches bedeutet nichts Gutes.

Der Mönch war seltsam erregt, sein Antlitz grauer und weißer, sein Schritt verlähmter und zögernder, vornehmlich, als wir uns unserm Ziele näherten und das adelige Nonnenstift hinter uns ließen, woselbst noch immer Ida von Meerfeld, Sophia von Langen und Ludgera von Linteloen in treuem christkatholischen Glauben ausharrten, gleich wackeren Soldknechten der alleinseligmachenden Kirche nicht um Haaresbreite wichen und wankten, sondern nur gesinnungstüchtiger die lauretanische Litanei und die vom allerheiligsten Herzen Jesu daherbeteten, um ihre abtrünnigen Schwestern und das Gezücht der Wiedertäufer an den Malleus maleficarum oder an die hochnotpeinliche Gerichtsordnung Seiner Majestät Caroli Quinti zu liefern.

»Christe, erhöre uns!«

»Herr, erbarme dich unser!«

»Durch deinen süßen Wandel unter den Menschen!«

»Durch deine Armut bis zum bitteren Tode des Kreuzes!«

»Christe, erlöse uns!«

»O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt – erbarme dich unser!«

So Ida von Meerfeld und ihre Getreuen.

Auch wähnte ich zeitweilig, das Gegeneinanderklingen von Pockholzkügelchen zu hören, das anhub, um wieder unter geheimnisvollem Murmeln zu schwinden.

Der Mönch neben mir redete stumpf vor sich hin: »Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam.«

Sein Gesicht wurde länger, die unheimliche Lohe der Augen zu einer grauen mißfarbigen Asche.

Auch er schien das monotone Klingen der Rosenkranzperlen vernommen zu haben, aber es anders zu deuten.

Ihm war es wie das Tropfen von Blut in eine Messingschale, die den Schall seltsam verstärkte, und die fallenden Tropfen mehrten sich, so daß sie fast den Ranft der Schale erreichten.

»Christus, Christus!« sagte er heiser und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes.

Sein Schritt war noch verlähmter und zögernder denn vorhin geworden; aber Willen und Wollen hielten ihn aufrecht.

Die Häuser stellten sich enger und schmaler zusammen, bis ein stattlicher Giebel aus der Zeile herauswuchs, ähnlich den Adelshöfen, die jetzt verwaist in den Straßen Münsters trauerten.

Beim Anblick des Hauses zuckte mein Begleiter jählings zusammen.

Mit einem tiefen Seufzer trat er über die Schwelle.

Die Tür öffnete sich ohne jegliches Zutun. Eine weite Halle empfing uns, nur matt durchleuchtet von einer Lichtquelle, die von der getäfelten Decke zu kommen schien. Seitwärts der Treppe erhob sich eine ehrwürdige Standuhr, von der es hieß, der Meister der rätselhaften Domuhr habe sie gleichfalls ins Dasein gerufen. Nicht nur die Zeit kündete sie an, sondern auch das wechselnde Licht des Mondes, den Auf- und Niedergang der Sterne, wie sie es taten bei ihrem Kreisen unter dem Himmelsgewölbe.

Der schwere Perpendikel bewegte sich mit der Würde eines päpstlichen Legaten, gemessen und feierlich, als wenn er sagen müßte: »Ich habe keine Formel dafür, warum ich so handle, aber sie liegt mir auf der Zunge, so daß ich sie jeden Augenblick darlegen könnte.«

Der Mönch hielt ihn an.

»Wo Tränen sind«, sagte er mit bewegter Stimme, »sollst du nicht reden, und wo der Tod bereits an der Türe lauert, erst recht nicht. De profundis clamavi ad te, Domine! Domine, exaudi vocem meam! Wir sind im Hause der Elisabeth Wandscherer. Lasset uns die Riemen lösen und die Schuhe abtun, denn der Boden, auf dem wir stehen, ist ein heiliger Boden.«

Er sprach es mit krampfhaft ineinander geflochtenen Händen.

Hierauf trat er in eine dunkle Nische und weinte bitterlich.

Niemand sah uns und konnte uns sehen, niemand hörte uns und konnte uns hören. Wir aber hörten und sahen, obgleich wir durch Traumland gingen, durch Traumland ohne Anfang und Ende, dem nur ein dunkler Vogel entschwebte, um im welken Schein des tiefen Horizontes sacht zu verlöschen.

 

Eine Tür im ersten Stock des weitläuftigen Hauses öffnete sich und schloß sich dann wieder.

»Mein Gott, mein Gott!« sagte eine dunkle Gestalt mit weißer Flügelhaube, die eben das Zimmer verließ und zwei unbenützte Gedecke mit sich führte, »eine Hand voll Kirchhofserde wäre hier schon das beste. Die leben vom himmlischen Tau, von Tränen, die nie alle werden. Aber das kann doch nicht ewiglich währen. Das geht so ganz sachte in ein langsames Sterben hinein. Tote ziehen nach, denn der alte Herr Wandscherer ...«

Sie verschluckte die letzten Worte, wandte sich nochmals zur Tür, die sie kurz zuvor zugeklinkt hatte, und begab sich auf der breiten Wendeltreppe in die unteren Räume.

Ihre Flügelhaube geisterte wie ein grauer Nachtfalter durch Heimlichkeiten und Dämmerungen.

Aber zwei waren im Zimmer geblieben.

Das Gemach, das die Alte hinter sich ließ, atmete eine stille Wärme aus, ein trauliches Behagen. Im Kamin leckten gierige Flämmchen an einzelnen Buchenscheiten. Ein vierarmiger Leuchter schuf ein mattes Scheinen und Leuchten. Aus einem Nebenraum, dessen Tür sich halbgeöffnet zeigte, flämmerte das matte Licht eines ewigen Lämpchens herüber, über dem der Corpus des Herrn sich am Marterholz streckte.

Es war ein tiefes Schweigen zwischen den eingedunkelten Wänden. Nur dann und wann das monotone Tropfen des niederrinnenden Wachses auf die silbernen Schalen.

Schneeblau sah der Abend ins Zimmer.

Zwischen den beiden einsamen Menschen herrschte die empfindliche Stille der Karwoche.

Sie hielten sich bei den Händen gefaßt und saßen dicht nebeneinander. Zeitweilig berührten sich ihre Lippen wie mit Schmetterlingsflügeln. Sie hatten sich nicht mehr vieles zu sagen.

Raban erhob sich.

Er fuhr sich schwer über die Augen.

»Du willst schon gehen?« fragte sie mit erstickter Stimme.

Er gab keine Antwort und stierte geistesabwesend in die tiefer brennenden Flämmchen – Armseelchen, die an mageren Dochten zehrten.

Da erhob auch sie sich.

Sie trat dicht vor ihn hin, und einer plötzlichen Eingebung folgend, umschlang sie ihn mit weichen Armen.

Mit durchgedrücktem Kreuz, die junge Brust gegen ihn stemmend, legte sie ihren Mund auf den seinen.

Der Kuß wollte kein Ende nehmen in seiner schmerzhaften Keuschheit.

So standen sie lange. Die große Stille, die sie umgab, war noch furchtbarer geworden. Nichts als der keuchende Atem des Mannes und der des hingebenden Weibes ließ sich vernehmen.

Sie fühlte die heißen Augen, die über ihr standen. Es waren die eines weidwunden Falken, den ein tückisches Geschoß auf die Erde geworfen hatte.

»Raban ...!«

Ihr kalter Mund schmiegte sich fester auf seine zuckenden Lippen.

Unter dem leichten Gewand, das sie nach dem Kirchgang angelegt hatte, erstarrte ihr jungfräulicher Leib, als wäre ihm alles Blut aus den Adern genommen. Er zeigte die königliche Anmut einer schmerzensreichen Niobe, nur schöner und die Sinne betörender.

Dann schluchzte sie auf.

»Und du willst schon gehen?« fragte sie nochmals, mit der Angst und den Nöten eines halbentseelten Weibes.

»Die Zeit ruft, und du bist müde, Geliebte.«

»Müde – bei dir ...?!« fragte sie mit aufgerissenen Augen. »Müde bei dir – wo ich allein bin und mich nach deiner Nähe verzehre?! Bleibe«, gebot sie, aus ihrer Starre erwachend, »und wenn die Nacht über uns käme und uns mit ihren Myriaden von Sternen bedeckte – was ficht uns das an! Freuen wir uns der jetzigen Stunde, der hereinbrechenden Einsamkeit, denn das graue Morgenlicht über den Dächern ... Wehe mir! das graue Licht über den Dächern ... Ihr Wächter von Sion, ihr Wächter von Sion ...! Der König ...!«

Ihr Kopf sank nach vorne.

Sie wurde schwer in seiner Umarmung.

Mit erneuter Kraft zog er sie an sich, sprach zu ihr, glitt mit zitterigen Händen über ihre Flechtenkrone.

»Ja, wenn die Nacht über uns käme«, hauchte er leise, »eine ewige Nacht und uns zudeckte mit Myriaden von Sternen – wie schön, wie schön!« und mit hungrigen Blicken suchte er der Gegenwart ein versöhnendes Bild abzugewinnen. Aber kein heiliges Licht tat sich aus, warf kein erfreuliches Scheinen über seine zermarterten Sinne. Er sah nur ein dunkles Tor, durch das sie hindurchmußten, er und sie, und jenseits des dunklen Tores atmete lediglich der Geist der letzten Dinge. Ihm war es, als wäre derVernichter allen Bestehens an seine Seite getreten. Ein kalter Mund hauchte ihn an. Er verstand seine Worte, die er ihm zuflüsterte: »Der Tod allein bringt das wahre Vergessen, die Erlösung von allem, was die Seele mit einem scharfen Messer verelendet.« Er scheute den letzten Schritt nicht. Gerne wäre er von hinnen gegangen, aber ein zweites Leben war bei ihm, und dieses Leben ... Nein! es wäre ein Sprung ins Bodenlose, eine erbärmliche Fahnenflucht.

Unauffällig tastete er nach der Hand der Geliebten.

Er nahm sie und deutete auf der Innenfläche die zarten Runen, die sie durchquerten, und siehe: sie vereinigten sich zu einem seltsamen Zeichen.

Erschauernd sah er sich um, als wäre ihm der Skarabäus erschienen.

»Raban, was hast du?!«

»Ruhe, nur Ruhe. Es wird sich alles schon geben ... nur, es ist schwül hier im Zimmer.«

»Ja, es ist schwül«, gab sie ängstlich zurück. »Es duftet nach Wachs und welken Kränzen ... und es sind doch keine Blumen im Zimmer.«

»Nein, es sind keine Blumen im Zimmer.«

Sie schreckte zusammen.

Ein scheuer Finger pochte gegen die Türe.

»Raban ...!«

Sie löste sich jäh aus seiner Umarmung.

Und wieder das Klopfen.

Da riß sie sich auf.

»Herein!« sagte sie endlich. »Aber Josepha, was gibt's denn? Kommt näher«, und die Alte trat ein, als wäre sie direkt aus der Leichenkammer getreten.

»Ach Herrin ...! man sollte sich einen Fingerhut überziehen und dreimal gegen 'ne eichene Tischkante kloppen, so verklammt und unselig ist's heute im ganzen Anwesen.«

»Was ist denn geschehen?«

»Ach du liebes Herrgöttchen von Bentheim! mir ist ums Herz, als müßte ich 'ne schwere Gottestracht tragen. Der Perpendikel ist stehengeblieben, und die Gewichte hängen doch an der richtigen Stelle ... und dann noch ... so eben ... ich kriege noch zuviel von dem Schrecken ... Es läuft einem ordentlich kalt über den Rücken, wenn ich dran denke.«

»Was hat sich denn sonst noch begeben?«

»Na, wenn einer so plötzlich hinter den Scheiben steht, das Fenster einstößt, das unsereins so'n bißchen aufgemacht hatte, um frische Luft einzuholen, und einer einem dann was Geschriebenes mit weißen Fingern zustellt und sagt, es sofort in die richtigen Hände zu geben – ja, dann werden in Sion selbst die toten Juden lebendig und wollen Schweinsrippchen haben. Hier dieses ...« und sie holte etwas hinter der Schürze hervor, das Ähnlichkeit mit einem versiegelten Schriftsatz hatte.

»Wer war es?«

»Ich kann es nicht mit aller Genauigkeit sagen, aber ich glaube, es ist der Prediger Rottmann gewesen ... und der Mann ist doch sonst so vernünftig und weiß die Türe zu finden, statt als Spukgeist durch die Scheiben zu laustern.«

»Gebt her! Er wird seine Gründe haben, Josepha. Im übrigen: riegelt alles genau ab und bringt noch einige Lichter. Möglich, ich habe den Tag zu erwarten.«

»Den Tag ...?« fragte die Alte.

Ihre Flügelhaube geriet in ein sachtes Rütteln und Schütteln.

»Um Gott nicht! warum denn?«

»Das wird der Morgen ausweisen. Fraget nicht weiter und geht.«

Gleich darauf hatte die Schaffnerin das Verlangte zugebracht, neue Kerzen aufgesteckt und war dann mit einem wehen Lächeln um die schmalen Mundecken still ihres Weges gegangen.

»Josepha, bis morgen«, rief ihr die Gebieterin noch nach.

»Ja, Herrin, bis morgen ... und alle guten Geister loben den Herrn!«

Elisabeth Wandscherer horchte auf die weichen abgehenden Schritte, den zerknitterten Schriftsatz zwischen den Fingern.

Sie hatte das Gefühl, als vernähme sie den monotonen Gang einer blanken Sense durch ein unermeßliches Kornfeld, als stände sie mitten zwischen den ängstlich gewordenen Ähren, die sich unermüdlich dem tiefen Horizont entgegenwellten, über sie hin fuhr es mit dem kaum wahrnehmbaren Murren eines fernen Gewitters. Ihr eigenes Blut rauschte ihr zu.

»Wenn die Sense doch einen seitlichen Weg nehmen würde«, dachte sie plötzlich.

Aber die Sense schien anderen Sinnes. Sie arbeitete sich schnurgeradeaus und warf die Schwaden in vollen Garben zur Erde. Wie lange noch, und sie wurde selber unbarmherzig von der Koppel geschnitten.

Sie straffte sich auf, wie die sich aufstraffen, denen nichts anderes übrig bleibt, als die letzte Wegzehrung zu empfangen ... ad manus ... ad pedes ... ad lumbos ... ad aures ...

Sie erbrach das Schreiben und trat in den Lichtkreis der näselnden Wachsstöcke.

Dann las sie.

Sie war still und in sich gefestet beim Lesen. Nur ihre Farbe wechselte.

Ihr Blick fiel auf Raban.

Der war nähergetreten. Das Herz setzte ihm aus.

»Was ist es?«

»Was du und ich lange erwarten: der Gutschein für meine Kalvarienreise. Der Paß ist dringlich. Ich kann mich seiner nicht mehr entziehen, es sei denn, ein freiwilliges Sterben würde ihn hinfällig machen. Das kann ich um meiner Seele Seligkeit nicht wollen, denn immer noch lebt der Gedanke in mir: es gibt ein Wiedersehen bei den ewigen Tischen.«

Sie atmete tief und bei vollem Bewußtsein.

»Da lies«, sagte sie nach einiger Weile, »oder noch besser, ich tue es selber«, und sie tat es mit der sachlichen und kirchlichen Gemessenheit eines königlichen Kaufmanns und Schiffsreeders, der die eingegangenen Konnossemente begutachtet und jede wichtige Stelle einer doppelten Prüfung unterwirft:

»Geliebte des reinen und wahrhaftigen Glaubens! Die Blätter fielen schon lange ... es ist stille geblieben ... und dennoch: die Stunde erfüllt sich. Es ist nichts mehr zu ändern. Mein letztes Bitten und Flehen verhallte wie der Schrei eines durstigen Tieres in der Wüste, die statt Brotes und Wassers nur Steine bietet. Wehre dich nicht, sperre dich nicht. Der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen hat es so wollen. Er ist unerbittlicher denn wir alle auf Erden. Sei stark, meine Tochter. Gedenke der Frauen in Israel. David und Salomon hatten der Frauen mehr denn eine, und alle folgten ihnen frohen Sinnes und im Schmuck ihrer Kleider, die wie Silberquellen waren. Drum wisse: morgen ist Sion um eine Königin reicher geworden. Und du – gehe in Frieden. Laß dein Herz weit bleiben, auch das des Geliebten. Wir gehen durch Finsternis und öde Heidestrecken, um schließlich das Licht und fruchtbares Land zu gewinnen. Darauf hoffen wir, müssen wir hoffen, sonst ist alles ein Nichts und ein leeres Klingen unter der Sonne. Betet für mich, wie ich für euch beten werde bis zur Stunde des Todes. A custodia matutina usque ad noctem speret Israel in Domino. Von der Morgenwache bis zur Nacht soll Israel auf den Herrn hoffen. Also geschehe es – in Ewigkeit, Amen.

Bernhard Rottmann,
Prediger im Tempel vom neuen Jerusalem.«

Sie ließ den Schriftsatz herunter.

Nicht um ein Geringes hatten sich ihre Züge verändert.

Raban stand starr vor Entsetzen, ein Wort auf den Lippen, das sich nicht losmachen konnte. Da sah er: sie hob nochmals das Schriftstück, geruhsam und mit der heiligen Weihe einer Feueranbeterin, die das Frühlicht auf den Bergen erwartet.

»Auf daß es nicht in unzuständige Hände falle und es Rottmann nicht zum Schaden gereiche«, sagte sie tonlos und hielt Schrift und Papier in eines der zuckenden Flämmchen ... und alles zerflackerte, leuchtete noch einmal auf, um zu grauer, unansehnlicher Asche zu werden, die sich in sich selber verzehrte.

»Das ist das Ende«, und ihre Augen gingen zu Raban, mit erkünstelter Ruhe, mit dem stillen Leuchten eines sterbenden Sommerabends.

Sie wankte.

An einer Tischkante suchte sie Halt.

Mit eiserner Willenskraft zwang sie sich straff in die Höhe.

»So geschehe denn, was der Herr über meinen Leib und meine Seele verfügte.«

Ein Schrei: »Nein – du, so geschehe es nicht!«

Raban war bei ihr ... sank in die Knie ... umfing ihren Schoß ... tastete sich höher und höher, bis er mit würgenden Händen ihre Schultern umspannte.

»Weib – du, mir vom Himmel gegeben, mir von der Hölle von der Seite gerissen – erbarme dich meiner!« und ein Stürmen war in ihm, ein Brausen und Rauschen, wie ein Sturm auf westfälischer Heide, wenn er anhebt, die alten Kiefern zu brechen, als wären es Raen und Stengen eines gescheiterten und verlorenen Schiffes.

»Elisabeth – du, lasse mich gehen. Ich will Stirn gegen Stirn und Auge um Auge ...!«

»Wohin – du?!«

»Zu dem Untier mit dem zackigen Reif um die Schläfen. Ihn würgen, das will ich, ihm den Schädel zertreten ...«

Er drängte der Tür zu.

»Raban, du sollst nicht! Ich will nicht. Was hülfe es auch? Nicht er, sondern du wirst zertreten.«

Ein lautloses Ringen begann. Weib und Mann gegeneinander, gleichwertig in ihrer Not und Verzückung.

Stammelnde Worte ... ein Aufbegehren in wilder Bedrängnis.

»Raban, du willst über Bord!«

»Nein, aber dem Hund an die Gurgel, an die angemaßte Krone – das will ich!«

»Diese Krone verdirbt dich! Sie trägt der König von Sion!«

»Und wenn auch! Herunter damit. Krone und Mensch sollen deinen Leib nicht betasten ...«

»Das sei meine Sorge, Geliebter!«

»Lasse mich – du!«

Und wieder das verzweifelte Ringen ... das rauschende Blut in den Ohren... das Ächzen und Stöhnen ... die übermenschliche Kraft in ihr, ihm Türe und Ausgang zu sperren ...

»Raban – ohne dich, wie soll ich denn leben?! Wie meine unseligen Tage verbringen?! Harre und hoffe ... und wenn alles zertrümmert: es gibt ein Wiedersehen an den ewigen Tischen!«

»An den ewigen Tischen ...?!«

Ein grelles Lachen durchgellte das Zimmer.

»An den ewigen Tischen ...?! Und ich ...?!« und der Kampf tobte weiter ... immer der Tür zu ... mit verzweifelten Kräften ...

»Ja Raban, an den ewigen Tischen!«

Ihr Mieder zersprengte.

Die junge Brust drängte sich vor.

Eine purpurblaue Nacht fiel über ihn her, die Nacht des Grauens und die der Erfüllung. Er stand wie gelähmt, das Weib am Herzen, das seiner begehrte und das da stammelte aus tiefster Not seiner Seele, aus dem heißen Willen heraus, den Schleier seines unberührten Heiltums nur von reinen Händen heben zu lassen: »Raban, ich trage dein Ringlein. Es wird mir nicht von den Fingern gestreift. Ich nehme es mit mir bis zur letzten Stunde, und dann noch: es wird bei mir ruhen und rasten bis zur Auferstehung. Der Herr vereinigte uns und kann uns nicht trennen, nimmer und niemals. Und was auch geschieht – du sollst leben um mich, der Barmherzigkeit willen und des Trostes in meiner verzweifelten Einsamkeit willen. Und wenn sie mich abführen – was tut es? Nur leben sollst du, leben, leben ... denn was sollte ich tun, was beginnen, wenn ich mir sagen müßte: Nun hast du nichts mehr auf Erden, nicht mal so viel, das Kräutlein der Hoffnung in einer mageren Scherbe pflegen zu dürfen.«

Sie warf sich in seinen Armen zurück.

»Drum lebe um mich, und also geschehe es.«

Ihr halbgeöffneter Mund erschien wie eine blutende Wunde.

Eine jähe Eingebung durchblitzte sein Hirn.

»Und deine Entweihung ...?!« rief er mit verzerrtem Gesicht.

»Komme dieser Entweihung zuvor! Ich schreie nach Liebe. Erhöre mich, bevor es zu spät ist«, und mit der Kraft einer Gezeichneten, die nichts mehr zu gewinnen hat, aber viel zu verlieren, befreite sie sich, trat sie zurück, spreitete sie die Arme, einer Priesterin gleich am Brandaltare des Herrn.

Die Lichter flackerten höher, wurden zu Flammen.

Auf ihrem märchenschönen Gesicht ruhte das Leuchten des Erlösers.

Er wollte ihr folgen, aber ihre Augen geboten: »Verharre! Ich habe dir ein letztes zu sagen. Es kommt aus reinem Munde und aus lauterer Seele«, und er blieb, wo er fußte, wurzelte an und las von den bleichen Lippen des hohen Weibes die selbstlosen Worte, die da redeten: »Ich bin keinem Rechenschaft schuldig und weiß, was ich tue. Wenn ich von hier gehe, so ist es ein Sterben für mich, und jedem Sterbenden ist es ein heiliges Tun, sein Höchstes und Bestes dem zu geben, der es hinnimmt als ein Opfer und ein treues Vermächtnis, zugestellt im Namen der Geliebten.«

Ihre Blicke gewannen an Glanz und Feuer, an Hingebung und Innigkeit.

»Raban, verkenne mich nicht. Halte mich nicht für eine der vielen, die in warmen Sommernächten im Schatten sitzen und ihre Gürtel lösen. Was ich sage und tue, geschieht im Sinne des himmlischen Vaters.«

Ihre Worte blühten von ihrem Munde wie Lilien in einem Klostergarten, dann aber begehrten sie auf, flackerten unstet, wurden zu dunkelroten Rosen, die die köstlichen Juninächte durchleuchten.

»O du ...! Raban, hier bin ich. Ich bringe das Opfer!« und einer Verzückten ähnlich, riß sie Mieder und Kleid weit auseinander, und siehe, das Wunder geschieht: aus dem klaffenden weichen Gewand wachsen die Zierden heraus, die das Hohe Lied preiset und von denen es also verkündet: sie sind wie Rosenzwillinge am Quell auf milchweißen Kuppeln von paradiesischer Schönheit.

Eine heilige Schau prangte ihm zu.

»Geliebte ...!«

Und vor diesem Opfer und Wunder stürzte er nieder ... faltete er die Hände, als wenn er zu beten gedächte.

»Elisabeth, ich bin deiner nicht würdig ... Herrin ... Geliebte ...!«

Er umfing ihren Schoß und warf den Kopf in den Nacken.

Sein Blick war wie ein Gruß an die Sonne.

Über ihm strahlte sie in unvergänglicher Schönheit.

Der Duft des Weibes war bei ihm.

Er saugte ihn ein.

Seine Pulse klopften im Fieber.

Alle Sinne schreien in ihm ... verlangen ... begehren ...

»Geliebte ...!«

Er tastet sich höher.

Sie lächelt, sie geizt nicht mehr mit der eigenen Schönheit, vor der die Harfen in Israel so Hohes und Liebliches singen, alle Harfen, die da singen am See Genezareth, wo der Flachs rosig blüht und die Hyazinthen an den Uferränften ihren süßen Weihrauch ausstreuen: »Und das alles willst du dem Könige geben?«

»Dem König ...?!«

Ein heiseres Lachen ...

»Dem Untier mit der zackigen Krone ...?!«

Er reißt sie an sich ... umschließt sie mit eisernen Fesseln ...

»Ich dürste nach dir wie der Hirsch nach der Quelle.«

»Dann – worauf wartest du noch?«

»Auf die Stunde des Herrn.«

»O du ...!« und sie flicht ihre Arme um den Hals des Geliebten, »Raban, dann ist diese Stunde gekommen. Trinke dich satt, trinke dich satt, bevor noch der König ...« und das Weib in ihr erschauert wie der Baum in der Frühlingsnacht, wenn der Sturm die Äste rüttelt und die Blüten zusammendrängt, auf daß sich ihre Stunde erfülle. »Nimm mich! Oh, wie ich dich liebe! So wahr mir Gott helfe!«

Und wieder das Ringen, aber das Ringen um Leib und Seligkeit, das Kämpfen um heiße Erfüllung und das Versinken in die Nacht des Vergessens.

Bei ihrem Drängen und Schreiten – sie kommen dem Leuchter zu nahe.

Er stürzt und taumelt.

Die Dochte erlöschen. Dunkel spreitet sich aus.

Nur aus der Nebenkammer flämmert das ewige Lämpchen herüber.

Der Corpus des Herrn streckt sich am Marterholz. Aber das dornenumkrönte Gesicht, das Gesicht des Dulders und Erlösers, es spricht sie frei von Schuld und Fehle, nimmt das Opfer entgegen, das sie zu bringen gewillt sind – in seinem Namen.

Er fühlt: sie löst ihren Gürtel, sie streift ihr Gewand von den Schultern mit dem Gleichmut eines Weibes, das zum Opfern sich vorbereitet. Er vernimmt das feine Knistern beim Fallen und Niedergleiten, ähnlich dem fernen Säuseln der Bäume im Garten des Paradieses, und dennoch: es mutet ihn an, als umkleidete sie sich mit ihrer eigenen Keuschheit.

Dann klingt es ihm zu: »Harfen durch Sion! Lobsinget den Herrn!«

»Raban ...!«

»Geliebte ...!« und er hebt sie auf mit glücklichen Armen, im Taumel, aber sieghaft und willensstark, und trägt sie durch heiliges Dunkel dem Kruzifixus und dem ewigen Lämpchen entgegen, während ihre Lippen zucken und stammeln: »Harfen durch Sion! Goldene und gottgeweihte Harfen durch Sion!«

Über dem geweihten Hause flinzeln unzählige Sternchen. Eines davon löst sich aus dem lichten Reigen seiner Geschwister und fällt glitzernd hernieder.


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