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Der alte Wachtmeister

Sechs Kosaken reiten über die weite Ebene. Alexei Samochin ist's mit seiner braunen Stute, Foma Besuglow ist dabei und Iwan Korneiitsch Kulischow. Dann Alexei Balaschow, Kusma Kalinin und Fedor Denissow.

Zwei von ihnen sind verwundet – durch ihre Verbände tritt das rote Blut.

Sie schweigen. Denn sie sind Versprengte, Flüchtlinge. Sie gehörten zur Nachhut, zu den Letzten der geschlagenen Armee.

Sie reiten und reiten. Nur ganz weit, drüben im Westen, tönt dumpfer Kanonendonner.

Endlich bricht einer das Schweigen; Foma Besuglow ist's: »Wohin, Brüder?«

»Wohin? Weiß ich's?« fragt Kulischow. »Zusehen, ob wir nach der Küste kommen, nach dem Meere, zum Hafen. Dort sollen sich ja noch Schiffe befinden, die bereit sind, uns mitzunehmen – Gott weiß, wohin …«

»Werden längst fort sein – mit den Stäben, den Generälen der Kazapen«, sagt Balaschow.

»Wie du sprichst, Alexei …«

»Ja – wie war's denn bei uns? Die drüben – mein Gott, wie liefen sie vor uns, wie haben wir sie geschlagen – bei Welikoknjäsheskaja, bei Remontnaja und dann bis Zarizyn gejagt! Aber – neben uns, im Westen, wo die ›Regulären‹ waren, wollte jeder Oberst General spielen und jeder General Oberkommandierender sein … Haben sich wohl die Täschchen vollgesteckt mit dem Gelde der Engländer und Franzosen … Und nun – eida! Den ganzen Brei verdorben – bis Tula gekommen und dann: kehrt, marsch! Keine Ordnung, keine Disziplin – darunter, in den niederen Chargen Verräter ohne Zahl, in den oberen Chargen Diebe und Karrieristenpack … Zar und Heimat! I – jebjonnaja matj – hat sich was mit diesem Patriotismus!«

»Um Gottes willen – wie sprichst du nur!« wandte Kalinin ein.

»Habt ihr Onkel Kusma gesehen?« fragte Kulischow.

»Zuletzt gestern – im Gefecht. Der Alte haute vier Mann vom Pferde – er ritt und schlug wie der Jüngste. Im Gewühl ist er mir aus den Augen gekommen.«

»Er wird doch nicht – gefangen sein?«

»Onkel Kusma? Ei – da fängst du eher einen Bären, mein Lieber! Der läßt sich nicht fangen – das glaube mir, der alte Soldat.« Kulischow lachte, daß man alle seine weißen Zähne sah.

»Wir müssen uns sputen,« meinte Besuglow, »die Roten sind hinter uns her.«

Wirklich sah man am Horizont einige Reiter – anscheinend feindliche. Der Kanonendonner verstärkte sich. Überall am Wege lagen Ausrüstungsgegenstände; hier stand ein verlassenes Geschütz, dort ein Maschinengewehr, ein Karren, ein Wagen.

Die Kosaken schlugen einen kleinen Trab an. Ihre Pferde waren müde, matt, von Märschen und Hunger aufgerieben.

»Wo ist Nassakin?« fragte Besuglow.

»Tot«, antwortete Kalinin. »Er fiel gestern neben mir.«

»Und Foma Kornilow?«

»Auch tot.«

»Pimon Samochin?«

»Mein Bruder fiel vorgestern im Gefecht bei der Kamenka«, sagte Alexei traurig. »Er hat einen Schuß durch den Kopf.«

»Gott sei ihm und allen gnädig!« murmelte Balaschow.

»Sag' – Kulischow – wo geht's hin?« fragte Denissow.

»Versuchen – nach Noworossiisk durchzuschlagen. Auf die Schiffe. Keine Heimat mehr. Nun ist alles vorbei!«

»Dein Weib – dein Kind?«

»Blieben im Dorf – am Ural …«

Schweigend ritten die Flüchtlinge weiter. Überall sah man erschossene Pferde – ganze Herden edelster Tiere, Stuten, Fohlen, alles durcheinander: die Herden der Gestüthalter, einst der Stolz Rußlands …

Endlich brach Kulischow das Schweigen: »Seht – dort, die vielen Pferde; ein ganzer Tabun ist's! Schade um das herrliche Material. Sie werden hier verkommen, verhungern …«

»Fraß für die Wölfe«, meinte Alexei Samochin.

»Viele Pferde hat man nach Noworossiisk getrieben, einen Teil haben die Kubanleute mitgenommen. Die Kalmückenwächter sind geflohen, die Züchter auch. Die Kubanleute wollen mit den Herden, die sie fortgetrieben haben …«

»Diese Söhne räudiger Hündinnen!« schimpfte Balaschow. »Wir hatten die Roten schon schön eingekesselt bei Zarizyn – da reiten die Kubankosaken fort – man hätte einen ihrer Führer gehenkt, sagten sie, und wolle nun – wegen Verrats – den ganzen Kuban bestrafen.«

»Ist etwas Wahres dran«, sagte Besuglow. »Ist natürlich den Leuten entstellt wiedergegeben worden – da haben sie die Lücke in der Front geöffnet, und – die Roten entkamen uns und haben uns nun noch dazu am Kragen.«

»Verfluchte Zucht!« schimpfte Kalinin. Sein großer Mund verzerrte sich, und seine braunen, kleinen Augen blitzten zornig. Er zerrte nervös an seinem langen schwarzen Schnurrbart. »Verdammte Bande! Es hat eben so kommen müssen, es war Schicksal – Awos! – Gesiegt und doch – besiegt! Wenn doch die Deutschen wenigstens kämen! Dies Franzosenpack läuft ja davon. Aber – hui – die Deutschen, wenn die kämen!«

»Geh mir du mit den Deutschen«, meinte Samochin. »Haben auch die ganze Welt verhauen und werden doch unterliegen. An sich selbst, ähnlich wie wir. Das ist eben Schicksal, da ist nichts zu machen …«

»Unglaublich – gar nicht wiederzukennen, die Gegend«, sagte Besuglow nach einer Weile. »Wo sind die großen Pferdeherden hin? Hunderttausend Stück hatten wir hier im Dongebiet – und jetzt?«

»Wie kommst du denn hierher, Kulischow?« fragte Kalinin seinen Nebenmann. »Bist doch kein Donscher, bist ein Uralkosak.«

»Kamen mit Onkel Kusma – die Samochins und ich.«

»Verstehe nicht – weshalb wart ihr nicht bei der sibirischen Armee?«

»Onkel Kusma ist doch Donkosak – hat nach dem Chinesenkriege damals nach unserer Gegend geheiratet. Nachher ist sein Weib gestorben, die Matrona Iwonowna – da hat er dort das Gehöft geerbt und ist bei uns geblieben. Als aber der Stank hier unten losging, ist er hergezogen und hat uns mitgenommen. Das ist alles.«

»So, so …«

»Verdammte Zucht!« rief Kalinin wieder. »Jetzt schießt die Bande wieder mit Schrapnells nach uns!«

Richtig – drei, vier kleine, weiße Rauchwölkchen zeigten sich in ziemlicher Höhe über den Reitern. Es knallte schwach, dumpf.

»Zu hoch … Wenn ihr so weiter schießt, kann's nicht viel schaden«, brummte Balaschow.

Trotzdem trabten jetzt die Reiter schneller über die Steppe, um einige hohe Kurgane zu erreichen, die ihnen sichere Rückendeckung boten. In der Ferne sah man den Nachtrab der fliehenden »Weißen Armee«.

Drüben, hinter dem Silberband des Manytsch, winkten die weißen Häuser einer kleinen Staniza.

Als die Reiter sich den Kurganen näherten, gewahrten sie eine Gestalt, die auf dem Erdboden saß. Neben dem Manne aber graste ein Pferd, rupfte das spärliche, dürre Salzgras.

»Gott straf mich, wenn das nicht Jantarj – Onkel Kusmas Fuchshengst – ist!« rief Samochin.

Näher gekommen, erkannten sie den alten Wachtmeister. Sein Schnauzbart war jetzt schlohweiß, sein Haar silbergrau. Aber seine Augenbrauen waren noch schwarz und buschig wie einst und sein Gesicht röter denn je.

»Reißt auch ihr aus?« rief der Alte den Kosaken entgegen. »Eida – fort, über den Fluß, hinein ins Stawropolsche und nach dem Kuban? Wollte nichts sagen, wenn die Schwefelbande sich dort eingrübe und den Fluß verteidigte. Aber – da seht hin« – der Wachtmeister deutete mit der Hand nach den Höhen jenseits des Manytsch –, »da seht hin: sie eilen nur, weiterzukommen! Gott – gib Beine! So denkt das Zeug! Väterchen Mischtschenko würde denen kommen!«

»Onkel Kusma! Um Gottes willen – wollt Ihr denn hier allein bleiben? In einer halben Stunde können die da« – Kulischow zeigte rückwärts – »hier sein!«

»Dort drüben ist das Dorf, in dem ich geboren bin – Kinder. Hier haben meine Eltern gelebt, hier sind sie gestorben. Hier bin ich aufgewachsen. Reitet nur, reitet! Ihr seid jung. Samochin und du, Kulischow – ihr habt Weib und Kind, auch mancher von euch anderen noch. Reitet, erhaltet euch – wer weiß – es kommen mal andere Zeiten, ihr könnt zurückkehren … Aber ich – ich bleibe. Ich bin nun alt. Mein Land, mein Rußland, meine Heimat ist tot. Wohl für immer. Was soll ich Alter im Auslande? Auf den Schiffen? Und mich von meinem alten Gaul trennen? Nein! Ich diente dem Zaren – ich sterbe für das alte Rußland! Lebend kriegen sie mich nicht!«

Die Kosaken baten, flehten. Der Alte blieb fest. »Reitet!« befahl er barsch.

Langsam entfernte sich das Häuflein Flüchtender. Die Leute weinten.

Der Alte aber, der still auf dem Hühnengrabe saß, rauchte seine Pfeife an und wartete …

Es dämmerte. Still und leer war die Steppe. Nur in weiter, weiter Ferne rollte noch hin und wieder ein Kanonenschuß. Ein fernes Pferdewiehern, ein verworrener Ruf …

Da trabt ein alter Wolf über die Steppe und stellt sich auf einen Kurgan. Schwarz hebt sich sein Schattenriß vom blutigen Abendhimmel ab.

Ein einzelner alter Wolf …

Am Skythengrabe – keinen Büchsenschuß ab – sitzt ein alter Kosak, weidet ein altes Pferd, ein Pferd mit rötlicher Mähne und rostigem Schweif.

»Bist zu früh da, alter Freund«, murmelt der Kosak. »Warte nur – morgen – morgen … Sind uns oft begegnet in der Steppe – he? Warte nur, du großer, grauer Kerl. Bist mir gut gefolgt – all die Jahre … Ja, ja – heute mir – morgen dir. Stirbst auch nicht am Alter, Kamerad, hehe …«

Die Nacht steigt – die Schatten laufen ineinander. Fern am Horizont brennt ein Dorf.

Blutiger Himmel, blutige Erde. Rauch in der Ferne, Dampf im Tal.

Ein blasses Sterneflimmern – ein fahles Licht noch – dann steigt die Glut im Osten auf, grausam, unerbittlich – wie das Schicksal.

Das Himmelslicht, das Leben bringt und Tod durch seine Strahlen.

Der alte Hengst wiehert dem Tag entgegen.

Weit drüben ein Klirren, Rufen, Trappeln – Staub wirbelt auf.

Eine kleine Reiterschar trabt über die Steppe – zu den Kurganen hin.

Langsam – fast ängstlich – tasten sich die Späher vorwärts.

Dann aber halten sie – schwärmen durcheinander – wie ratlos: ein einzelner Reiter trabt auf rotem Roß ihnen entgegen – in der Hand den blanken Säbel.

Die Mähne des Rosses weht im Steppenwinde, das Licht flimmert blutrot im Stahl der breiten Klinge in des Reiters Faust.

Unheimlich ist der Reiter.

Lang flattert sein weißer Schnurrbart im Winde – kaum rührt sich der Mann im Sattel.

Abergläubische Furcht legt sich lähmend auf Herz und Hirn der Leute. Sie – fliehen. Neun Reiter …

Und der eine jagt hinter ihnen drein …

Klirren und Schreien, Schnauben. Drei Tote im Steppengrase, naß von Tau und rotem Lebenssaft.

Nach allen Seiten sind die sechs, die übrigblieben, geflohen. Mitten zwischen den Grabhügeln alter Skythenreiter hält, das Schwert in der Faust – das blutige Schwert –, Kusma, der alte Kosak …

Dann knallen Schüsse – viele.

Schüsse, Schüsse …

Nur eine Masse noch am Fuße des großen Kurgans. Ein Rossesleib, ein Menschenleib.

Die Leute reiten in großem Bogen um den Toten – dem Ufer zu.

Sie fürchten sich noch vor dem Toten.

Der große, graue Wolf aber trabt ihnen nach – nur ihnen.

Es ist ein einzelner, grauer, großer Wolf, ein alter Wolf.

In stiller, einsamer Steppe liegt Kusma Jegoritsch, der alte Wachtmeister, im letzten Schlaf.

Und neben ihm sein treuer Hengst Jantarj.

Niemand wird ihre Ruhe stören – auch der Wolf nicht …


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