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Herbstschnee

Weiß liegt's auf der Steppe. Frischer, blendender Schnee glitzert in der Sonne. Bunt sieht die Steppe aus – die graubraunen und gelben Gräser stechen scharf gegen das Weiß ab. Ganz dünn ist die Decke, die über Nacht gefallen ist – aber sie zeigt deutlich, welch Getier hier seine Spur gezogen. Es ist nicht der erste Schnee im Jahr; schon zweimal fiel das Weiß vom Himmel – zweimal taute es der Südwest wieder ab. Dort, wo Salzstellen im Boden, ist auch heute braune Steppe – das Salz fraß den Schnee ebenso schnell fort, wie er fiel. Die übrige Fläche aber ist weißbunt, und wo im Herbst der Brand das Gras wegfraß, gleicht sie einem gefrorenen, verschneiten Meer. Sie sieht unsagbar öde, gleichförmig und doch – großartig aus, die weite Steppe, ungeheuer ernst und feierlich.

Es ist windstill heute, und der Horizont glitzert in Frostkristallen.

Die Wölfe lagen im Schilf der Balka, des alten Flußlaufes, und ruhten aus von der Jagd. Zwei Hunde hatten sie in der Nacht gefressen – beim Tatarendorf. Dann hatte der Morgen einen Hasen beschert; immerhin Beute genug, um satt zu sein. Sobald es Nacht werden würde, wollte die Rotte wieder fort, weit fort, nach Westen; denn hier war nicht viel mehr zu holen, und die Menschen waren wachsam geworden. Vor ein paar Tagen hatte gar so ein Kerl den knallenden Schmerz geworfen, und in Reißewildes Hinterkeulen staken ein paar Schrotkörner seitdem. Zwar eine ungefährliche, aber eine brennende, juckende Sache, die durch Rutschen auf dem kühlen Boden nicht besser wurde.

Vorsicht war geboten, große Vorsicht. Weiter in der Kalmückensteppe würde es ungefährlicher sein – in der Horde, sechs gute Meilen westwärts. Dort weiden noch immer die Schafe – trotz Winter und Schnee, die Schafe mit dem fetten, dicken Bammelschwanz und den dünnen, gewundenen Hörnern. Sind auch große, böse Hunde da, sind auch die Kalmücken wachsam – es ließ sich da schon eher auf Beute rechnen.

Die Wölfe träumen von Schafen, von Hunden, von Kalmücken …

Das Rohr raschelt im sanften Nordost, der heute kaum zu spüren ist.

Drei Kosaken reiten. Fuchsige, schlanke Pferde schnauben. Leise klirren die Beschläge, die Schnallen. Die Sättel knarren. Nur selten sprechen sie ein paar Worte: Kusma, Foma und Pimon. Zwei Koppeln großer, zottiger Windhunde haben sie bei sich, riesige, weißschwarze Tiere mit langen, spitzen Schnauzen, buschigen Ruten. Die Kosaken reiten …

Spuren von voriger Nacht – frische Wolfsspuren im Schnee.

»Acht Wölfe«, sagt Pimon Samochin.

»Ja – eine ganze Tucht«, meint Foma Kulischow.

Der alte Kosak, der mit dem großen, grauen Schnauzbart und dem roten Gesicht, sagt nichts. Er raucht seine Pfeife und reitet, reitet. Bedächtig, im kleinen Trabe, stetig, vorwärts.

Am Schilf sind die drei Reiter. Der schwache Wind steht ihnen entgegen. Hier führen die Spuren hinein.

Der alte Kosak nimmt die Hunde, reitet in weitem Bogen um die Balka, bleibt am Hügel halten. Bei ihm die Hunde.

Die anderen Reiter dringen ins Schilfdickicht vor. Bedächtig, langsam.

Es ist lang und schmal, das Röhricht – leicht zu übersehen. – Flinten haben sie bei sich, die Reiter.

Die alte Wölfin träumte von Schnee und Schafen, von Hunden; Reißewilde aber hörte im Traum die Tataren schreien und – den Knall einer Flinte …

Sie fährt empor, blinzelt ins Sonnenlicht, horcht …

Das war kein Traum – eben krachte es wieder!

Es rauscht und raschelt in der Ferne, Schilf knackt und knistert …

Da rennen auch schon drei der Wölfe an ihr vorüber.

Wieder ein Schuß – Schrot prasselt in die Stauden des Rohres.

Ein Hase fährt heraus, rennt über die Schneefläche. Eine kleine Eule fliegt aus dem Röhricht ins freie Land.

Noch ein Schuß, ein lauter Ruf.

Nun gilt's, zu laufen – die Menschen rücken näher – Gefahr ist, Gefahr!

Der alte Kosak weiß: es sind acht Wölfe. Acht Wölfe sind eine Macht.

Er sieht die riesige, alte Wölfin an sich vorüberjagen – keine dreihundert Schritt sind's hin; er sieht drei Jungwölfe bei ihr. Er wartet.

Dann aber – links herüber – sieht er zwei Jungwölfe, die über die Steppe flüchten – hundert Schritt nur vom Hügel müssen sie vorbei …

Schon will er die Hunde, die wütend an der Leine reißen, loshetzen, den Riemen, der beide Barsie zusammenhält, durch beider Hunde Halsbänderringe laufen und durchgleiten lassen – da sieht er einen einzelnen Wolf hinter den anderen herflüchten. Einen Augenblick wartet Kusma – schon sind die anderen Wölfe fort – hinüber über das alte Skythengrab, den »Kurgan«, der sich wie ein runder Hügel aus der Steppe erhebt – jetzt ist der sechste Wolf in wilder Flucht bis auf hundert Schritt herbeigerannt – da schnallt der Kosak die Hunde los: »Hui – faßt!«

Wie Federn schnellen die Barsie auf und davon – hinter dem Wolfe her.

Und Kusma, vornüber über den Sattelknopf gebeugt, die schwere Nagaika mit dem bleigefüllten Stiel in der Faust, stürmt hinterdrein. Da braucht's keinen Schenkeldruck, keine Peitsche, da braucht's keinen Zuruf, kein Zungenschnalzen – das Pferd weiß, worum es geht: Jagd, Wolfsjagd in freier Steppe!

Der Wolf verdoppelt fast seine Schnelligkeit – Nachtschleiche ist's, die gewandte, die flüchtige. Fast berührt der Bauch des Tieres den Boden – angelegt die Gehöre an den Nacken, tückische Wut, eisige Angst in den wilden Mienen, die Rute eingekniffen, rast die Wölfin weiter.

Die Hunde, die blitzschnellen Barsie, hinterher. Sie gewinnen Boden mit jedem Satz, die großen, langhaarigen Windhunde. Mit jedem Sprung …

In Riesensätzen der Hengst hinterdrein. Seine rote Mähne flattert, seine Nüstern sind gebläht, seine Augen funkeln. O – er ist Jäger, wie sein Herr, Jantarj, der rote Hengst!

Und Kusma – ruhig im Sattel. Fest die Peitsche in der Hand, das blitzende Auge aufs Wild gerichtet, doch auch den Boden prüfend. Der lange, graue Schnurrbart flattert, die Papacha sitzt schräg auf den Locken, röter denn sonst sind die Backen des Alten – Jagd!

Jetzt haben die Hunde den Wolf erreicht – ein langer, wütender Satz noch – ein Hund rechts, einer links.

Fest an den Boden gedrückt der Wolf, zähnefletschend, knirschend. Rechts und links an den Gehören haben sich die mächtigen Hunde verbissen, halten sie den Feind nieder …

Galopp, Galopp – noch wenige Sprünge. Da steht der Hengst mit zitternden, schlagenden Flanken, schäumend, schnaubend. Der Kosak aber ist aus dem Sattel – flink, als wär's vor einem Menschenalter, zu seiner Jugendzeit.

Er steht rittlings über dem Wolf, er hebt den bleigefüllten Stiel der kurzen Peitsche – blitzschnell fährt der Knauf nieder – zwischen die Lichter – auf die Stirn des Wolfes.

Die Jagd ist zu Ende. Am Sattelknauf der tote Wolf.

» Eh! Räbjata! Gotowo! Gotowo!«

Es dauert eine Weile – da reiten die anderen an. Auch sie machten Jagd mit ihren Hunden, Jagd wie Onkel Kusma. Auch am Sattelknauf Kulischows hängt ein Wolf: Reißewilde ist's, die große Jungwölfin …

»Eh – Jungens – auch ihr habt einen!«

»Ja, Onkel Kusma – und was für einen! Ganz hell ist das Biest und lange nicht so schnell auf den Läufen, wie sonst hier die Wölfe! Muß ein ganz altes Tier sein; sieh mal, wie groß es ist!«

Kusma betrachtet die Beute der anderen.

»Kein altes Tier, Jungens. Und doch so groß, wie hier die alten. Hm. So 'n Wolf hab' ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Groß wie 'n alter Rüde, dabei hellgrau und – jung.«

»Sollen im Norden groß und hell sein, die Wölfe«, meint Samochin.

»Wie soll ein Wolf vom Norden hierher kommen?« fragt Foma.

Die drei reiten langsam heim.

Weit, weit hinten in der Steppe, im Burjan, heult eine Wölfin. Ruft ihre versprengte Tucht.

Es dauert bis Halbnacht – bis sie drei ihrer Jungen bei sich hat. Am Morgen findet sich ein viertes ein.

Drei fehlen. Drei kamen niemals wieder: Reißewilde und Nachtschleiche, die Toten, und – Würgezahn, der große, graue Rüde.

Der hatte nicht so schnell gekonnt wie die Geschwister; denn er war größer und schwerer als sie.

Er war zurückgeblieben – in den nächsten Burjan hatte er sich hingeworfen –, dann beiseite geschlichen und fort. Gegen den Wind, westwärts.

Die Nacht trabte er. Am Morgen aber barg er sich im Schilf eines Flusses. Bis dahin drang kein Heulen der Mutter.

Würgezahn war allein!


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