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Krieg

Sie ritten aus, die Kosaken. Kusma sollte erst in der Heimat bleiben und Wachtmeister bei der Ersatztruppe sein; aber er weigerte sich entschieden und quälte und bat den Obersten so lange, bis er als Oberwachtmeister mitreiten durfte.

Im Dorfe blieben bloß die Alten zurück und die Weiber und Kinder, die Krüppel und Schwachen. Nebenan, die Tartaren, blieben daheim – sie waren frei von der Militärpflicht. Der Sotnik blieb im Dorfe, der alte Matwei, der alte Foma Kyrillow – sonst waren alle Männer eingezogen. Auch im Dorfe Kusmas gab es nur noch vier alte Männer und einige Halbwüchsige.

Als die Kosaken auszogen, stimmten sie das wilde Lied des Kosakenführers Stenko Rasin an:

Bei der Insel, auf dem Strome
fahren Schiffe, reich an Wehr,
mit den Scharen der Kosaken
Stenko Rasins stolz daher.

Mit der Fürstin, die er raubte,
zärtlich kosend, sitzt der Held.
Herrlich funkelt das Geschmeide,
das zur Hochzeit er bestellt.

Auf dem Schiffe hört man murren:
»Unsern Führer in der Schlacht
hat ein Weib mit weißen Armen
in der Nacht zum Weib gemacht!«

Dieses Murren, dieses Klagen
hört der wilde Ataman –
zornig funkeln seine Augen,
und er herrscht die Krieger an:

»Wie – ihr dachtet, Stenko Rasins
ganzes Glück hängt an dem Weib?
Ach – ihr Narren – nur für Stunden
gibt mir Lust sein weißer Leib!

Alles will ich wieder geben
für ein frei Kosakentum –
Hoch die Freundschaft und die Treue,
hoch die Freiheit und der Ruhm!

Fort das Blendwerk! Meine Brüder
fordern zornig mich zurück!
Schwerterklirren, Ruhm und Ehre
seien des Kosaken Glück!

Wolga, Wolga – heil'ge Mutter,
Rußlands Strom und Rußlands Zier!
Noch empfingest keine Gabe
du, die Herrlichste, von mir!«

Und er wirft die schöne Fremde
in die Fluten – über Bord:
»Brüder! Nun habt ihr mich wieder,
alles gab für euch ich fort!«

An der Insel, auf dem Strome
fahren Schiffe, reich an Wehr,
mit den Scharen der Kosaken
Stenko Rasins stolz daher.

Eine Staubwolke noch im Westen – ein Winken noch, ein Tücherwehen … Sie reiten, die Kosaken, sie singen …

Und mit ihnen reitet der Tod.

Brennende Dörfer. Der Wind fegt über die Flächen Preußens. Es flammt und zuckt am Horizont – ein Flammenmeer, ein Meer von Blitzen. Langgezogen rollt der Donner der Kanonen.

An der Landstraße im fahlen Dämmer des sinkenden Abends Leichen, Leichen. Blut auf der Straße, Blut auf den Äckern.

Verlassene Wagen, gestürzte Pferde, zerschossenes Geschütz.

Im Westen donnert es, es knattert, wie fallende Schloßen – Feuer, Feuer – verlorene Schlacht.

Ein alter Kosakenwachtmeister reitet ins Dunkel hinein.

Vor ihm auf dem Sattel, an seine Brust gelehnt, ein Wunder, ein Todwunder. Zwei junge Kosaken neben dem Alten. Der starke Fuchshengst greift in langem Schritt aus. Jantarj ist's, Kusmas Hengst.

Spricht keiner ein Wort. Die Kanonen brüllen durch die Nacht.

Am Wäldchen Halt. Behutsam legt Kusma den Todwunden ins Moos.

Der schlägt die Augen auf: »Mit mir ist's aus, Onkel Kusma.«

»Unsinn, mein Junge!«

»Doch, doch – grüße Maria, grüße …« Er kommt nicht weiter.

Der Alte nimmt die Mütze vom Schädel, faltet die Hände. Er betet. Tat's nicht oft im rauhen Reiterleben …

»… und nimm seine Seele – gnädig zu dir, Herr im Himmel …«

»Könnt ihr weiter? Ich hab's vergessen …«

»… und erbarme dich, Herr, des Sünders, und trockne die Tränen. Amen.«

Er kann's nicht mehr, der alte Reiter. Aber er schlägt das Kreuz. Und die drei jungen Kosaken stimmen leise an: »Herr – erbarme dich …«

Die Kanonen donnern. Die Kosaken reiten. Mögen die Preußen die Toten begraben – sie sind die Sieger, wie immer, seit der Krieg entbrannte, in jeder Schlacht …

Die vier Kosaken reiten.

Reiten, bis der Morgen dämmert, nach Litauen hinein, weiter, weiter. Irgendwohin …

Oben auf dem Sandhügel steht eine graue Gestalt.

»Auch hier bist du, Grauer?« Kusma hat's geflüstert. »Seht ihr den Wolf?«

Aber der Hügel ist leer – die Jungen sehen ihn nicht, den – Schicksalswolf …

Der Tod reitet über das weite Land.


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