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Blutzunge

Blutzunge hatte sich während dieser ganzen Zeit an den Dörfern im Norden herumgetrieben. Sie hatte im Sommer und Herbst eine große Zucht eigener Söhne und Töchter – Nachkommen des großen grauen Bruders Zangenbiß – um sich gehabt, war aber im Winter in mancherlei Fährnissen gewesen und hatte drei von ihren fünf Jungen verloren. Ein Jungwolf wurde, trotz tapferster Gegenwehr, von den riesigen Hunden eines Kalmücken erwürgt; eine junge Wölfin wurde von einem durchreisenden Jäger erschossen; ein anderer Jungwolf kam bei einem großen Steppenbrande abhanden.

Es war im tiefsten Winter, als Blutzunge nach den westlichen Dörfern aufbrach, um dort zu rauben.

Der Wolfsbesuch konnte natürlich den Bauern nicht angenehm sein; denn bald hörte man überall von Einbrüchen in Schafpferche und von gerissenen Hunden. Der Krieg hatte die Leute schon ohnehin stark mitgenommen; die besten jungen Leute dienten im Heere, das sich – Gott weiß, weshalb – gegen die Preußen, Ungarn, Bayern und Österreicher – und wie die Leute da drüben alle heißen mochten – schlagen mußte, die Ernte war spottschlecht gewesen, die Abgaben wurden immer höher. Da war nun so ein Wolfsbesuch durchaus nicht erwünscht; er wurde viel schlimmer empfunden als ehedem.

Da berieten nun Fjokla Kusmenko, Mikola Kondratenko, Pawlo Boiko, Mikola Glucharenko und Glizko Fomenko, was zu tun sei, und schüttelten ihre langen Kopfhaare bedächtig und nachdenklich, tranken ihren Tee und sannen. Sie kamen überein, Fallen zu kaufen und auszustellen, und zwar an einem alten Pferde, das Jefren Mischtschenko gehörte, und das doch zu nichts mehr taugte.

Dies Pferd führten sie nach einer Balka in der Steppe, töteten es, zogen ihm das Fell ab und stellten ringsum drei starke Tellereisen, wohl an Ketten verankert, in den lockeren Schnee.

Eines Tages war der Händler Iwan Jegoritsch Wsjewolodski nach dem Dorfe gekommen, um Vieh zu kaufen. Er hatte nennenswerte Abschlüsse gemacht, der Kazap, denn er war seit vielen Jahren bekannt im Dorfe und, trotzdem er ein Großrusse war, allgemein geachtet und beliebt; denn er galt für reell.

Als Wsjewolodski gerade mit Mikola Glucharenko auf dem Hofe steht und sich zur Weiterfahrt rüstet, ertönt an der Viehtränke lautes Geschrei, Hundegebell, Kreischen …

Die Männer laufen hin. Kreidebleich stehen Matrona Kusmenko, Prika Glucharenko und Froßja Kusmenko am Brunnen, zitternd und weinend.

Dicht vor ihren Augen haben drei Wölfe den grauen, weißgefleckten Hirtenhund geholt – mitten aus der Herde. Die ganze Herde ist versprengt; brüllend laufen die Tiere mit erhobenen Schwänzen dem Dorfe zu; mit eingekniffenen Ruten belfern die Hunde am Eingang des Dorfes.

Mit Mühe beruhigen die Männer das entsetzte Weibervolk.

Sie beratschlagen und trinken Tee bis in die Nacht hinein; sie trinken auch den verbotenen Samogon.

Endlich aber kommen sie überein, weitere Fallen zu kaufen und aufzustellen.

Als Wsjewolodski am nächsten Tage nach der Staniza fährt, folgen drei Wölfe seiner Karawane.

Er treibt Pferde und Vieh zur Eile an; seine Haare sträuben sich vor Angst und Entsetzen.

Abends aber sitzt er in der Staniza beim Tee und Branntwein und erzählt, drei große Wölfe hätten im Dorfe alle Hunde gefressen. Sie seien ins Dorf gekommen, hätten gar die Weiber am Brunnen überfallen – und ohne seine, Wsjewolodskis, Dazwischenkunft, wären die Weiber samt und sonders aufgefressen worden.

»Ich aber – so wahr ich hier sitze und mit euch trinke – ich nahm einen Knüppel – etwas anderes hatte ich nicht zur Hand – und drosch auf die Wölfe los. Ganz glühende Augen hatten sie, und Dampf ging aus ihren Rachen! Als sie mich so mutig sahen, rissen sie aus. Aber – sie sind mir dann gefolgt bis beinahe zur Staniza, um sich zu rächen. Sie wollten immer in meinen Wagen springen, um mich zu zerreißen – ich aber schlug sie mit dem Stock auf die Nasen, so daß sie schließlich abließen.«

»Es ist doch furchtbar gefährlich in der Steppe«, meinte Otola Grischenko, der Posthalter. Und die anderen stimmten ihm bei.

Einige Tage später saß ein Dorfköter in einer der Fallen, die man an dem toten Gaul aufgestellt hatte. Dem armen Kerl waren beide Vorderläufe abgequetscht, und er fletschte den eigenen Herrn, Glizko Fomenko, an, als dieser ihn befreien wollte. Man schlug den Köter tot und ließ ihn neben dem neu eingebetteten Eisen liegen.

Drei Tage später fing sich ein Korsak, total zerquetscht von dem furchtbaren Eisen, das den kleinen Höhlenfuchs sofort erdrückt hatte.

Es wurde ein zweites Luder ausgelegt, abermals ein uraltes Pferd. Um diesen Kadaver bettete man abermals drei Eisen ein, die zuvor der Pope eingesegnet hatte.

Nach acht Tagen fing sich dort ein Fuchs.

Die Bauern paßten jetzt scharf auf; stets waren Bewaffnete beim Vieh, stets trieb man die Herden schon bei vollem Tageslicht von der Tränke heim.

Da ereignete sich in einer Nacht etwas Schreckliches. Im Viehstalle des Pawlo Boiko hörte man Brüllen, Stampfen und Blöken. Die Hunde auf dem Hofe gebärdeten sich wie unsinnig, kläfften, heulten und rannten wild umher.

Pawlo Boiko und Matrona, sein Weib, faßten sich ein Herz und rannten zum Stall. Die Tür zum Pferch war offen – ein Teil der Ochsen rannte sinnlos im Pferch herum. Schnell entschlossen, sperrte Pawlo die Tür zu.

Die Nacht verging mit Bangen. Alle Nachbarn waren zusammengelaufen – jeder hatte sich bewaffnet: der eine mit einer Vorderladerflinte, der andere mit einer Mistforke, der dritte mit einem Dreschflegel, der vierte mit einem Knüppel.

Anfangs war noch Rumor und Lärm im Stall – dann wurde es still.

Nur ein Knabbern und Scharren war zu hören – und hin und wieder das Angstbrüllen einer Kuh.

Als der Morgen hell heraufkam, öffnete Pawlo, zitternd vor Aufregung, einen Spalt der Tür.

Im Halbdunkel glühten drei Paar feurige, grünliche Flecke …

»Es sind Wölfe im Stall. Die Teufel sind da«, flüsterte er bebend, indem er die Tür wieder schloß.

Die Weiber heulten und wehklagten; Matrona suchte ihren Mann an den Rockschößen zurückzuziehen.

»Gott, mein Gott! Setze dich nicht der Gefahr aus …«

»Sie werden uns alle fressen«, sagte Fjokla weinend.

Glizko Fomenko faßte als erster Mut. Er öffnete einen Spalt der Tür – ganz vorsichtig – und schob den Lauf seiner Donnerbüchse durch den Spalt. Er zielte nach einem grauen Etwas, nach zwei funkelnden, grünlichen Lichtern …

Bumm!

Schnell schloß man den Spalt der Tür. Im Stall war ein Rumpeln, Brüllen, Trampeln, als ginge die Welt unter …

Dann krachte die Tür – flog sperrangelweit auf …

Die Weiber kreischten, die Männer grölten.

An ihnen vorbei aber raste die Masse der entsetzten Rinder, brüllend, mit hoch erhobenen Schwänzen – wie eine Lawine, eine Flut …

Zwei graue Gestalten zwischendurch – mit langen Sätzen zwischen den kreischenden, quiekenden Weibern durch …

Gebrüll, Gekreisch, Fluchen. Zwei Wölfe überspringen die Umzäunung und rasen auf die Steppe hinaus.

Im Stalle zwei tote Kälber, eine sterbende Kuh.

Und eine alte Wölfin. Tot. Der alte, eingerostete Kartaunenschuß hatte seine Schuldigkeit getan.

Glizko war der Held des Tages.

Als aber Abdullah Issajew, der Tatar, nach einigen Tagen kam und den Balg des Fuchses, die Kuhhaut, das Pferdefell, die Kalbfelle und den Balg des Korsak einhandelte, wollte er den Wolfsbalg zurückweisen, so arg zerfetzt hatten ihn die racheglühenden Bauern. Für zwanzig Kopeken hat er ihn schließlich mitgenommen …


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