Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Schrecken

Auch jenseits des großen Stromes, der Wolga, war die Steppe heiß. Auch hier hatten die Vögel das Singen vergessen und ließen nur am Abend und am frühen Morgen ihre zwitschernden Stimmchen erschallen. Nur die Enten in den Altwassern des Stromes und im Schilf der Seen machten abends und morgens ihren gewohnten Lärm, und hin und wieder schrie ein Kiebitz auf einen Fuchs ein, der in der Steppe herumschlich, um Jungvögel zu rauben.

Die dicken, pummeligen Bobaks saßen nur am lauen Abend vor ihren Bauen; man sah nur gelegentlich eine Wühlmaus. Nur die Schlangen, die sich überall sonnten: die gelben Vipern, die schwarzen Ottern und die langen Glattnattern waren häufiger zu sehen und fühlten sich ebenso wohl wie die ungeheuren Mengen der Zikaden, der Grashüpfer, Warzenbeißer und Heuschrecken, der Biesfliegen, Bremsen, Schmeißbrummer und Kankerspinnen.

Es war an einem heißen Tage, als Mordzahn in einem kleinen Sumpfburjan lag und von Jagden auf Schafe, Hasen und Hunde träumte. Hier war es einigermaßen kühl, und man konnte in Ruhe schlafen; denn weit und breit hatte sich in letzter Zeit kein Mensch gezeigt, und böse Hunde gab es hier auch nicht – die waren jenseits des Stromes in den Dörfern und wagten sich bei dieser Gluthitze nicht hervor.

Die Sonne leuchtet – alles ringsum ist in ein Lichtmeer gebadet.

Mordzahn räkelt sich, erhebt sich, dreht sich dreimal um sich selbst und legt sich auf die andere Seite.

Wie er gerade blinzelnd die Lichter zumacht, ist es ihm, als brummte etwas in der Luft. Er öffnet die Seher, hebt den Kopf. Das Summen ist ganz gleichmäßig – es scheint nicht gefährlich zu sein.

Wussssssss–summmmmm …

Lauter wird das Summen. Mordzahn richtet sich wieder auf. Es brummt immer stärker, scheint immer näher zu kommen. Nach einiger Zeit ist das Brummen zu einem Brausen und Sausen geworden, zu einem donnernden Geräusch. Es wird dunkel – die Sonne scheint nicht mehr.

Riesige Schatten gleiten unter dem Lichthimmel hin – verdichten sich zu einer ungeheueren Wolke, brausen vorwärts, wie ein Orkan.

Finsterer und immer finsterer wird es über und auf der Steppe. Und lauter und immer lauter tönt das Brummen, Summen, Brausen. Lange, lange dauert das. Endlich aber ist die Sonne wieder da – nur am Westhimmel schwebt noch die schwarze Wolke dahin.

Lange konnte Mordzahn sich nicht beruhigen; die Erscheinung war schrecklich. So sehr er sein Gedächtnis anstrengt – so etwas hat er noch nie erlebt. Wolken hat er oft gesehen – brummende Wolken aber? Brummende Wolken, die mit furchtbarer Geschwindigkeit den ganzen Himmel überziehen, weiterbrausen, dann aber plötzlich verschwinden? Nein.

Erst, als die kühle Nacht heraufsteigt, verläßt Mordzahn sein Lager.

Er hetzt und schleicht die Nacht über in der Steppe herum, fängt einen Ziesel, frißt einen kleinen Junghasen – kehrt aber hungrig am Morgen nach seinem Versteck zurück.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als er von weitem die Schilfwälder an den Altwässern der Wolga sieht. Schon ist es heiß, schon zirpen die Zikaden in schrillem Chor.

Da sieht Mordzahn in der Ferne einen schwarzen Punkt, der sich zu nähern scheint. Er duckt sich, legt sich auf die Lauer; denn er hat erkannt, was da kommt: es ist Hund.

Als der Köter nur noch hundert Sprünge entfernt ist, greift Mordzahn an. Merkwürdig – das Tier flieht nicht – es setzt seinen Lauf in schwankendem Trabe fort …

Das Maul des Köters steht offen, Schaum steht auf den Lefzen. Schwerfällig schwankt er Mordzahn entgegen.

Der aber packt zu, würgt den Hund ab. Er achtet nicht der kleinen Verletzungen, die ihm die Bisse des Hundes beibrachten.

Der Köter riecht widerlich. Mordzahn versucht zu fressen – es geht nicht.

Schließlich läßt er das Luder liegen und trabt seinem Schlupfwinkel zu.

Tage sind vergangen. Mordzahn liegt wieder in seinem Versteck und leckt sich die kleinen Wunden, die der Köter biß.

Die Wunden brennen wie Feuer.

Am Abend kommt ein merkwürdiger Drang über den Wolf. Es ist ein Würgen in seiner Kehle, ein Brennen und Wühlen in seinen Eingeweiden. Er muß laufen. Er läuft und läuft. Rennt zum Wasser, spürt furchtbaren Durst.

Am Wasser schaudert er zurück – es widert ihn an. Er fühlt in sich einen unerklärlichen Drang, überall hineinzubeißen – in die brennenden Wunden, die ihm der Köter biß, in alte Narben, die er von Raufereien hat …

Er rennt weiter, immer weiter.

Lähmung im Unterkiefer, Schaum vor dem Rachen, schnappend, beißend nach allem, nach Erdklumpen, Steinen, nach Hunden, die ihm an der Schafherde begegnen, nach Schafen. Er reißt aber nicht, er frißt nicht – er rennt weiter.

Tag und Nacht. Seine Glieder frösteln, sein Gang wird steif. –

Die Kalmücken Darsha und Kuberla reiten durch die Steppe. Sie halten ihre Gäule an und blicken gespannt nach einem rötlichgrauen Tier, das vor ihnen durch die Steppe läuft.

»Ein Hund?« fragt Darsha.

»Nein – kein Hund,« sagt Kuberla, »scheint ein Wolf zu sein.«

»Ein Wolf – jetzt, um Mittagszeit?«

»Ja – komisch. Wollen näher reiten.«

Die Kalmücken machen ihre Flinten fertig und reiten im Trabe heran.

Der Wolf läßt sich nicht stören, läuft in einer geraden Richtung weiter. Jetzt reiten die Kalmücken im Galopp – bis dicht heran. Da dreht sich der Wolf, kommt ihnen entgegen.

Sein Rachen steht offen, sein Geifer schäumt vor dem Gebiß.

»Der Wolf ist toll!« schreit Darsha und schießt seine Flinte ab. Schon schnappt das Tier nach den Füßen des sich bäumenden Pferdes – da flieht die schnaubende, angstzitternde Stute. »Schieß, Kuberla!«

Ein zweiter, dritter Schuß. Der Wolf strauchelt, schwankt, ändert die Richtung.

Die Kalmücken laden ihre Vorderlader und folgen. Sie reiten nahe herzu, sie schießen. Der Wolf beißt um sich, setzt seinen Weg fort.

Endlich wird sein Gang langsam, ganz langsam. Er schwankt, fällt auf die Seite, rafft sich auf, fällt wieder.

Abermals ein Schuß – aus nächster Nähe.

Die Kalmücken lassen den Kadaver liegen, wo er liegt, und reiten heim.

Foma Kusmitsch Kornilow und Kondrati Fomitsch Nassakin, zwei Kosaken der östlichen Horde, ritten durch die Steppe. Es war Mittagszeit, die Gegend glühte im flimmernden, wabernden Brand der Sonne.

Als sie auf den Hühnerbergen ankommen, sehen sie am Osthimmel eine schwarze Wolke.

Ein Brummen und Brausen ist zu hören – in der Ferne, dumpf, unheimlich.

Gespannt blicken die Leute nach der Erscheinung.

Größer und größer wird die Wolke – sie nähert sich schnell. Das Brummen und Brausen wird lauter, es summt, wie viele Motore …

Jetzt ist die Wolke schon nahe – sie schwebt schon über Prijutnaja, sie dehnt sich schon nach den Hügeln bei Remontnaja aus, erreicht schon den Manytsch …

»Wanderheuschrecken«, ruft Kornilow. »Das gibt Krieg in diesem Jahre!«

»Vor allen Dingen gibt es eine vernichtete Ernte.« Nassakin flucht vor sich hin. »Die verdammten Dinger! Seit zehn oder elf Jahren habe ich sie nicht gesehen.«

»Richtig – vor zehn Jahren, als der Japanerkrieg kam, waren die Dinger auch gekommen.«

»Sieh nur – sie kommen herunter!«

Das Brausen, Brummen und Rauschen schwoll zur Orkansinfonie an. Die ungeheuere Wolke wandernder Insekten senkte sich. Der Himmel war verdunkelt, kein Sonnenstrahl leuchtete mehr.

Im Nu waren die Leiber der Kosaken und der Pferde von Heuschrecken bedeckt. Die Pferde schnaubten, bäumten sich, scheuten, schlugen aus. Die Männer schlugen sich die Massen der Insekten von den Kleidern, schüttelten sich, schimpften und lachten in einem Atem.

Jetzt schien die Sonne wieder. Nur noch vereinzelte, kleinere Schwärme der Heuschrecken flogen niedrig durch die Luft, um gleichfalls sich niederzulassen, sich ins Grasland zu senken. Weithin war der Boden bedeckt von grünlichbraunen Insektenleibern. Ein furchtbares Knistern, ein Rascheln – ein Knattern, als wäre Feuer im Grase: die Heuschrecken fraßen! Überall knickten Halme, senkte sich das Gras.

Im Galopp schossen die Pferde der Kosaken über die ungeheueren Massen der fressenden Heuschrecken dahin, Tausende zertretend, zerquetschend. Was hat das alles zu sagen, wenn es sich um Myriaden handelt, wenn ein Fehlen von Millionen nicht zu bemerken wäre? Niemand, der nicht die Scharen der Wanderheuschrecke in den Steppen sah, kann sich eine Vorstellung von dieser ungeheueren Naturerscheinung machen.

Mit einem einzigen Blick, einem Zuruf hatten sich die Kosaken verständigt. Der eine jagte nach links, der andere nach rechts.

Bald flammte die Steppe auf – Rauch flog über die Fläche. Hier, dort, auf allen Seiten. Immer größer wurde der ungeheuere Kreis des Grasfeuers. Der Wind peitschte die Flammen vorwärts, sengend fraß sich die Glut in die Steppe.

Immer weiter jagten die Kosaken, von Zeit zu Zeit aus dem Sattel springend, das Dürrgras anzündend, weitersprengend.

Schwarzer, gelber Rauch, rote Flammen –

Brausend erhebt sich ein Teil der Heuschrecken, fliegt in dunkler Wolke gegen die Flammen, stürzt herab.

Es prasselt, zischt, brodelt, donnert und braust.

Der ganze Insektenschwarm braust empor – die Sonne verfinstert sich – der Schwarm biegt ab – fliehend vor Feuer und Rauch …

Er rauscht links ab – südwärts. Über den Manytsch hin, weiter.

Drüben flammen schon die Feuer der Bauern. Umsonst: der Schwarm ist schon hoch – die Heuschreckenwolke donnert nach dem Kuban hin, Vernichtung drohend jedem Felde, jeder Pflanzung …

Sie hatten den verheerenden Schwarm abgelenkt; Kornilow und Nassakin.

Aber das Feuer fraß weiter, fraß sich in die Steppe hinein, nach Nord und Ost. Qualm verdunkelte jetzt die Sonne, statt der Heuschrecken, schwarzer und gelber Rauch.

Milliarden von Heuschreckenleibern verbrannten, Milliarden kamen im Manytsch um – ein Fraß für die Fische. Dicht bedeckt war das Wasser mit faulenden Leibern – noch viele Tage lang.

Aber – nicht nur viele der Heuschrecken verbrannten. Die kleinen Nagetiere, Wühlratten und Mäuse, suchten wohl erfolgreich Schutz in den Bauen, auch die Hamster, die Schlangen und das andere Ungeziefer der Steppe. Aber gar mancher Junghase verbrannte, gar mancher Vogel.

In breitem Gürtel fraß das Feuer weiter – hinter sich ein schwarzes, kahles Land lassend. Es fraß sich knatternd und brausend durch den hohen Burjan, es fraß sich in das Rohr und Schilf der Balki.

Auch dahin, wo Würgezahn und Zangenbiß ihre Unterkunft hatten.

Es fraß sich weiter, vom Winde gepeitscht, es fraß sich bis an die Heustapel und ließ sie in haushohen Flammen aufgehen, an die Strohschober.

Herden flüchteten, Menschen flohen. Auch Zangenbiß und Würgezahn. Niesend und hustend arbeiteten sich die Brüder durch das Rohr auf die freie Steppe hinaus, rannten sie über die Fläche – dem Flusse zu.

Hier über die kahlen Salzufer kam kein Feuer. Und das Schilf des Ufersumpfes bot gutes, sicheres und kühles Versteck.

Drei Tage war die Sonne kaum zu sehen vor gelbem Qualm. Am vierten Tage ging ein Gewitter nieder.

Tag und Nacht saßen die Brüder im Röhricht des Flusses. Tags sahen sie die Rauchwolken, nachts die roten Gluten des Feuers. Erst nach dem vierten Tage wagten sie sich hervor, um Beute zu suchen.

Sie fanden viel Fraß. Tote Hasen, ein Schaf, eine Trapphenne. Es war viel Wild und Getier erstickt im Brande.

Nach dem Brande wimmelte es von Weihen, Bussarden, Falken und Eulen, Adlern und Milanen auf der kahlen Steppe. Die Brüder aber fanden in der verbrannten Grassteppe keine Deckung mehr und zogen weiter nach Westen; denn dort gab es noch hohes Gras, Burjan und Schilf in Menge. –

Der Sommer verging. Im Frühherbst aber trennten sich Würgezahn und Zangenbiß. Sie wußten beide nicht warum. Aber – sie gingen auseinander. Zangenbiß nach Osten, Würgezahn nach Süden.

Im Winter aber zogen sie beide den Dorfländern im Westen zu.


 << zurück weiter >>