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Im neuen Lande

Frühling war in der Steppe. Überall trillerten Lerchen, zwitscherten Brachpieper und Ammern, überall ließen Kiebitze ihren Schrei und das dumpfe Wupp-wupp-wupp ihres Flügelschlages hören. Stare und andere Singvögel zogen in wolkenartigen Riesenschwärmen über das grünende Grasland, Eidechsen huschten zwischen dem dürren Burjan der Niederungen umher, im schütteren Altgrase sonnten sich Kreuzotter und Viper, Trappen zogen schwerfällig den Balzplätzen zu, und alle Täler und Gewässer waren bedeckt von schreienden, plätschernden, schwirrenden Scharen von allerhand Enten und Gänsen. Wieder ließen sich Adler und Bussarde, Falken und Weihen sehen, Brachvögel und allerlei Wasserschnepfen trillerten und flöteten am Salzsee und am Fluß, und sogar späte Ankömmlinge aus dem Süden, wie Brachschwalbe, Mauersegler, Bienenfresser und Wiedehopf, waren schon zu sehen.

Warm wurden die Tage.

Da zeigten sich flimmernde Lichter über dem Horizont des Grasmeeres – sie verbanden sich zu einem breiten, hellen, wabernden Saum; sie flackerten und ließen Bilder aus der Steppe steigen, Bilder aus Märchen. Da sah man Dörfer und Flüsse, Seen und Hügel – fast greifbar und klarer fast als die nächste Umgebung. Dann versank das Bild. Fata morgana …

Fata morgana – sie trügt nur den Menschen und sein blödes Auge, nicht aber den Wolf. Denn der Wolf ist Hund und sucht mit der Nase zuvor, dann mit dem Auge und zuletzt mit dem Ohr. Sie spiegelt dem reisenden Jäger, dem wandernden Hirten, dem müden Karawanenführer fremde, schöne Landschaften vor; sie täuscht aber nicht den kreisenden Adler, den in die Ferne streichenden Trappenzug; denn scharf ist das Auge des Vogels, und sein Weg führt höher, als die flimmernde Schicht der erhitzten Luft reicht.

Schön ist die Steppe im Frühling. Überall im Grün der neuen Gräser zeigen sich rote, weiße, gelbe und bunte Tulpen, weiße und gelbe Narzissen, herrlich duftende, blauviolette Veilchen. Sind die Veilchen abgeblüht, prunken Tulpen und Narzissen; blühten diese ab, so erscheinen Schlüsselblumen, Hyazinthen, Krokus und Kuhblumen. Da fährt der Wagen des einsamen Wanderers durch den reichen Teppich blühender Blumen – und wollte er selbst ausweichen, er könnte es nicht.

Wenn dann der helle Tag mit seiner Pracht und den balzenden Großtrappen, die wie riesige Puterhähne in der Steppe stehen, mit den schwirrenden Flügen der Zwergtrappen, mit dem Geruder der Enten, der Brandgänse und dem Gezwitscher und Gesang der kleinen Vögel vorüberging, kommt der blutrote Abend mit seinem Leben. Da schnattern nordische Enten und ziehen sausenden Schwingenschlages von Gewässer zu Gewässer, da rufen die Geschwader ziehender Gänse, da trompeten Kraniche und trillern Strandläufer, und die Eulen huschen gespenstig und leise über das Gras.

Wenn aber der Abendfalk in kleinen Scharen über der Steppe rüttelt, wenn die Weihen und Adler nach ihren Schlafplätzen ziehen – dann tritt der Wolf aus Schilf und Rohr, aus dem wilden Burjan, dann geht er nach Beute.

Auch Würgezahn und Zangenbiß waren eines Abends auf die Manytsch-Steppe hinausgetrabt, um Beute zu machen. Sie hatten erfolglos einen Hasen gejagt, hatten auch – beinahe – einen Korsakfuchs erwischt, als dieser unvorsichtig aus dem Bau schlüpfte, hatten sich von einer Viper, die sich noch auf einer von der Tagessonne erhitzten Kalksteinplatte wärmte, wütend anzischen lassen, waren aber noch nicht zu Beute gekommen.

Da bringt der Zufall Zangenbiß auf eine Spur, deren Witterung ihn reizt. Sofort traben beide Wölfe auf dieser Spur dahin – mit tiefgesenkter Nase und gespitzten Gehören.

Es ist eine einzelne Pferdespur und – wenn nicht alles täuscht – die Spur eines jungen Pferdes.

Eine kleine Wolfsstunde geht dahin. Endlich – in einer Talsenke – haben die Wölfe heiße Witterung. In langen Sätzen folgen sie der Spur. Sie schauen nicht links, sie schauen nicht rechts, sie atmen nur gierig die verheißende Witterung ein. Sie rasen über die Steppe – Heißhunger in den Eingeweiden, Hast und Gier im Sinn. Vor ihnen dröhnt die harte Erde, der feste Lößboden. Widriger Wind brachte dem verfolgten Pferde Wolfswitterung – Kunde von der Gefahr. Das schnelle, zweijährige Fohlen schießt über den harten Steppenboden, sein Hufschlag dröhnt.

Schneller als Pferd ist Wolf. Immer näher rücken die hechelnden, wilden Verfolger auf, immer regelloser, hastiger wird die verzweifelte Flucht.

Der Boden des Salzbettes ist weich – tief greifen die Hufe ein.

Leichter als Pferd ist Wolf. Der Grauhund sinkt nicht ein – er überflieht den weichen Boden, er gewinnt Raum mit jedem Sprunge.

Und als der junge Hengst die Böschung der Balka hinaufklimmt, sitzt ihm Würgezahn an der Kehle, packt ihn Zangenbiß an der Keule. Mit wieherndem Schmerzensschrei bricht er zusammen, verzuckend unter den malmenden, schneidenden Bissen seiner furchtbaren Verfolger, verröchelnd in seinem roten Blute, das noch röter hervorrieselt und den Boden noch glühender färbt als die leuchtende Farbe der Tulpen am Rande der Senke.

Toll und voll fraßen sich die Brüder an jenem Abend. –

Als die Tage lang wurden und heiß um die Sonnenwendzeit, hatten die Enten ihre Jungen ausgebracht und großgezogen. Dann und wann pirschten Würgezahn und Zangenbiß die Flußufer und Rohrwälder der Täler ab, um Enten zu greifen. Da half denn auch das ängstliche Quaken und Schreien der armen Alten nichts, da half ihr Flattern nichts: die Wölfe hatten bald herausbekommen, daß die Alte durchaus nicht fluglahm und krank war, sondern daß sie sich nur so stellte, um die Verfolger von den Jungen abzulenken. Anfangs hatten sich Zangenbiß und Würgezahn ja ein paarmal täuschen lassen und die schreiende, flatternde Alte in langen, hohen Sprüngen verfolgt – als sie aber gemerkt hatten, daß die Mutterente, wenn sie glaubte, die Räuber genügend weit fortgelockt zu haben, munter davonflog, gaben sie die aussichtslose Hetze hinter alten Enten auf und machten Jagd auf die Jungen. Es gelang ihnen oft, Jungenten, die noch nicht völlig flügge waren, zu greifen. Diese Jagd machte den Wölfen ungeheuren Spaß: das Plätschern und Rascheln in Wasser und Schilf, das Geschrei der Enten und der Zorn der Krähen und Weihen, die ihnen den Raub nicht gönnten.

Auch der Fang feister Hamster und Blindnager war mitunter lohnend und reizvoll. Im allgemeinen war das Nachbuddeln und Ausgraben des Blindnagers kein geradezu angenehmes Geschäft – hatte man aber den wütend mit seinen langen, gelben Nagezähnen um sich beißenden Wühler erwischt, so gab es kaum einen fetteren, saftigeren Bissen, selbst den Hamster im Herbst nicht ausgenommen.

Hin und wieder gelang es auch mal, einen Blindnager oder Hamster außerhalb des Baues zu erwischen. Besonders Blindnager gerieten mitunter in die tief ausgefahrenen Wagengeleise der Bauern und liefen nun in diesen Rinnen weit durch die Steppe. Dort waren sie natürlich sehr leicht zu erwischen. Deshalb liefen die Wölfe mit besonderer Vorliebe Wegen und Wagenspuren nach; denn in Geleisen gab es außer Blindnagern gelegentlich auch Mäuse – und man muß eben mitnehmen, was man erwischen kann.

Schwieriger war schon das Geschäft mit den Bobaks, die in gar großen, tiefen und festen Bauen hausen, mit den kleinen, rotgrauen Korsakfüchschen und den behenden, in mächtigen Sprüngen über die Steppe hopsenden Pferdespringern. Ein paarmal hatte man Jungtrappen erwischt, einmal auch ein paar junge Graugänse am Salzsee.

Die Hauptjagd aber gaben immer die armen Steppenhasen ab und – das Vieh der Menschen.

Es traf sich so, daß Kusma Jegoritsch Merkulow, der alte Kosak, einen der Herren der Remontekommission zu begleiten hatte. Dieser reiste das ganze Gebiet ab zwischen Don und Wolga. Da aber Kusma sein Schwadronswachtmeister gewesen war, hatte der Herr Oberst ihn sich als Begleiter kommen lassen – kannte doch niemand so gut wie Kusma den ganzen Pferdezuchtbezirk zwischen Zarizyn und Uralsk, Astrachan und Stawropols Welikoknjäsheskaja und Rostow am Don, Nowo-Tscherkask und Remontnaja. Das waren mehrere Bezirke, deren jeder seinen Remontekommissar hatte. Diesmal aber war ein Oberst aus Petersburg geschickt worden, zu besonderer Revision und Schätzung; denn man munkelte, es würde im Sommer Krieg geben.

Man fuhr durch die Steppe in schnellen Wagen und besichtigte Station nach Station. Man war gut aufgenommen worden bei den Züchtern, und mit Wein und Wodka war nicht gespart worden. So ging es – quer durch das ganze Land – von Astrachan nach dem östlichen Zuchtgebiet der Donkosaken, nach Remontnaja, Korolkowo, Kasinzewo, Sawinkowo, Michailukowo und Pischwanowo, und dann über Welikoknjäsheskaja nach Zelina, Nowo-Tscherkask und Rostow.

Als die Kommission zwischen Zaza und Remontnaja in der Salzsteppe fuhr, dämmerte es schon, und der Maiabend neigte sich seinem Ende zu. Die kurze Nacht brach an. Tausende von Zikaden knurrten und zirpten in der Steppe, Eulen gaukelten umher, Weihen und Abendfalken, Turmfalken und andere Raubvögel, Brachschwalben flogen über das endlose Grasland, und in der Ferne sah man Trappen.

Da bemerkte Kusma am Horizont zwei graue Gestalten. Sie standen im Glast der untergehenden Sonne auf dem Rücken der Jergeniski-Bugori – still, regungslos.

»Was sind das für Tiere?« fragte der Oberst.

»Wölfe, Euer Hochwohlgeboren.«

»Können die gefährlich werden?« fragte der Offizier.

»Nein, Euer Hochwohlgeboren,« sagte der alte Kosak, »eigentlich nicht. Das heißt – wenn es richtige Wölfe sind. Anders ist's mit solchen Wölfen, die – hm …«

»Was denn?«

»Es gibt auch andere Wölfe, Euer Hochwohlgeboren. Hier in der Steppe ist so ein großer, grauer …«

»Aberglauben. Nun – dies sind aber zwei Wölfe.«

»Vielleicht, Euer Hochwohlgeboren.«

Auf dem Hügel stand jetzt nur ein Wolf!

»Wahrhaftig – es ist nur ein Wolf!« rief der Oberst.

»Ja – nur ein Wolf«, bestätigte der alte Wachtmeister.

»Na – um aller Heiligen willen – ich habe doch vorhin zwei gesehen«, rief der Oberst. »Weiß Gott – ich habe doch nicht so viel Schnaps getrunken, daß ich doppelt sehe!«

»Nein – Euer Hochwohlgeboren. Das sieht manchmal so aus, als ob es zwei wären …«

»Wie soll ich das verstehen? Es waren erst zwei Wölfe – und dann nur einer.«

»Ganz und gar so, Euer Hochwohlgeboren. Zwei ganz gleiche, ganz hellgraue Wölfe.«

»Na – und?«

»Das ist aber bloß ein einziger. Im vorigen Jahre biß er mir meinen besten Hund zuschanden, dieser – Wolf. Einen Hund, der bisher jeden Wolf genommen hat. Die Kalmücken und Kirgisen kennen diesen grauen Riesenwolf sehr gut. Er frißt ihnen das ganze Vieh auf und ist niemals zu kriegen. Er bricht in die Pferche, in die Dörfer ein und reißt Hunde und Vieh. Und die Kirgisen und Kalmücken schwören, daß dieser Wolf sich verdoppeln kann, wenn er will – sie haben's selbst oft gesehen. Außerdem ist er viel größer als alle anderen Wölfe. Die Leute nennen ihn ›das Steppengespenst‹ – denn er ist so grau und bald hier, bald da. Alle hundert Jahre kommt er wieder, wird er wieder geboren. Dann lebt er sieben Jahre, sieben Monde und sieben Tage und verschwindet wieder. Ich nenne ihn meinen ›Schicksalswolf‹ – denn er erscheint mir immer wieder, und nie kann ich ihn fassen. Mindestens schon zehnmal habe ich ihn gesehen – erst weit drüben, jenseits der Wolga, im Uralskschen, jetzt hier. Das ist kein gewöhnlicher Wolf. Eine alte Chinesin – so eine Hexe – hat mir's dort im Kitai gesagt, ich käme einmal durch den Wolf um: ein Wolf würde bei meinem Tode dabei sein. Das kommt auf dasselbe heraus.«

»Sie werden die Hexe geärgert haben, als sie Ihnen das prophezeite«, meinte der Oberst lachend.

»Ja – wir hatten ihre Fansa ein wenig geplündert.«

Wirklich waren es Würgezahn und sein Bruder gewesen, die auf dem Hügel gestanden hatten.

Als dann aber die Fuhrwerke näher kamen und die Wölfe sich nicht mehr sicher fühlten, hatte erst Zangenbiß, dann – nach einer Weile – Würgezahn den Hügel verlassen. Die Wölfe waren nach einer Schlucht gelaufen, die sich hier zwischen den Hügeln viele Werst hinzieht, und hatten sich dort versteckt.

Es jagte sich hier viel angenehmer als im alten Lande. Im Westen hatte man schöne Dörfer und die Ansiedlungen der Pferdezüchter. Dort gab es neben Weidewirtschaft und großen Viehherden auch Ackerbau mit viel Wild: Hasen, Jungtrappen, Enten und anderes Geflügel – im Osten war die Salzsteppe mit den Schafherden der Kalmücken. Hier ließ es sich leben – Hunger gab es nur selten.

Wenn die Fischer in der großen Balka, im Bolschoi-Liman, fischten, sahen ihnen Würgezahn und Zangenbiß zu. Waren sie dann fort, so gab es immer etwas zu erschnappen: den einen oder anderen Wildkarpfen, den die Leute liegen gelassen hatten, so manchen kleinen Barsch, manchen Weißfisch.

Wenn die Hirten, die ihre große Schafherden im ganzen Gebiete weideten, nicht scharf aufpaßten – gleich waren Würgezahn und Zangenbiß zur Stelle und holten sich einen Hammel, ein Lamm. Gar manches Fohlen holten sie sich, gar manches Kalb. Auch an den Siedelungen der Pferdezüchter war es gut: dort gab es viele Gänse, die auf der Steppe und auf den Feldern weideten. Im Schilf der Balki gab es hilflose Jungenten, auch die jungen Trappen schmeckten nicht übel, und gelegentlich gaben ein paar Vogeleier eine besondere Würze zum Mahl.

Die Hunde der Gegend nahmen sichtlich ab: kein einziger wurde geschont, wenn die Brüder ihn erwischen konnten, und auch die Füchse hatten schlechte Tage, und die Sippe Höhlenschlupf wagte sich kaum mehr aus dem Bau. Hasenhetzen wechselten mit Fuchsjagden ab, Gänsediebstahl mit Hammelraub, Hundemord mit Entenjagd und Fohlenraub mit Ferkelmord.

Immer mächtiger und größer wurden die beiden Brüder, immer frecher – doch auch immer vorsichtiger. Zweimal hatte Zangenbiß Blei bekommen, einmal Würgezahn. Nicht ernstlich – aber – immerhin …

So kam der Sommer ins Land mit seiner furchtbaren Hitze. Die Steppe flimmerte im Sonnenglast, das Gras ward dürr und gelb. Da lag man den ganzen Tag im kühlenden Schilfsumpf und jagte bloß ein wenig in lauer Nacht.

Glühend ist der Sommer der Steppe.


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