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Die nordische Heimat

Dort, wo der Uralfluß in die Steppe übertritt und das Felsengewirr des kahl-traurigen Ural verläßt, gibt es nur wenige kleine Gehölze: Birkenanflüge und Kiefernkusseln, hin und wieder ein paar kümmerliche Fichten in den Bodensenken und an den Flußufern Weidengebüsch.

Das ist kein fröhliches, üppiges Land, wie weiter im Norden, wo die weiten Wiesen grünen und die tiefen, dunkeln Wälder rauschen. Das ist ein ödes, trauriges Karstland, ein Land voller brauner und gelber, kahler Felsen, deren ewiges Einerlei kaum durch das im Sommer gelbgedörrte Steppengras der Niederungen und der angrenzenden Ebene Abwechslung findet; denn diese Steppen sind ebenso gelb und dürr wie der Karst selbst. Ja – in alter Zeit, da noch weniger Menschen im Lande lebten, war das anders: stand auch die Steppe, abgesehen von den paar kleinen Birkenwäldchen am Rande, kahl und leer – hier im Gefels wuchs Wald, hoher, rauschender Wald von Fichten, Birken, Aspen und Föhren. Dann aber waren die Geschöpfe des Geistes gekommen, der den Sinn seiner Kinder auf Geld und Gut lenkt, der der Vater der Habsucht ist, des Neides und der Lüge, und dessen sengender Odem zerstört, was ein gütiger Gott geschaffen.

Menschenvolk war in Scharen gekommen, Menschenvolk, das die Berge mit Geschrei erfüllte, das der Erde die Eingeweide aufriß, das nach Schätzen wühlte und scharrte, das die Axt an die Bäume legte, das sich in Rotten niederließ und den Tieren des Waldes nachstellte.

Da fiel der Wald – da starb das Wild. Und was übrigblieb, wanderte in die Wälder des Nordens. Die Bäche versiegten, die Flüsse traten zurück, und selbst der alte, große Uralfluß behielt nur wenig noch von seiner alten Herrlichkeit.

An seinen Ufern liegen traurige Fischerdörfer und hin und wieder die Jurte eines Tataren. In den Dörfern aber leben Kosaken und Tataren, die sich jahraus, jahrein abmühen, dem Flusse seine Fische abzuringen: Stör und Sterlet, Bjelorybez, Hecht und Zander, Weißfische, Welse und anderes Geschupp. Es ist aber ein gar hartes Brot; denn der Fische wurden weniger von Jahr zu Jahr.

In der Steppe weiden die struppigen Kühe der Kirgisen und Kalmücken, ihre ein- und zweihöckerigen Kamele, ihre Fettschwanzschafe und ihre zottigen Pferdchen. Dort liegen, immer wieder forttransportiert – je nachdem, wie die Weide ist –, die Auls der Hirten, der Nomaden; spitze Zelte aus Häuten und Filz, bunt ausgelegt mit Teppichkram und Filzdecken, umgeben von ewig kläffenden, feig-wütenden Kötern, von Vieh, von Pferden.

Schlitzäugig sind die Menschen, die in den Zelten wohnen – graugelb ist ihr Antlitz, rabenschwarz ist ihr Haar, und ihre Backenknochen stehen wohl weiter vor aus ihrem Gesicht als die Nase, die nur ein ganz kleines Stümpflein ist. Ihre Speise ist Käse vom Schaf, Fleisch vom Schaf, Milch vom Rind und Fleisch vom Rind; ihr bestes Getränk aber ist das »Kumiß« – gegorene Milch der Stuten, deren Fohlen man schlachtete und verzehrte. Und ihre Kleider sind von der Wolle des Schafes, vom Fell des Schafes und von Kamelhaar.

Der Glaube der Kalmücken ist Buddhas Lehre, der Kirgisen aber Mohammeds, der Tataren Glaube ist gleichfalls der Islam, der der Kosaken aber der griechische.

Doch in den Bergen leben die meisten ohne Glauben und ohne Treu. Das sind die Scharen der Goldsucher, der Edelsteinschürfer und der Minenarbeiter, die von weit, weit her gekommen, deren Heimatland die Wildnis und Steppe – soweit sie sich dehnt und Verdienst gibt, deren Wiege die Goldsucherschwinge, deren Heim die Minenhütte, deren Sarg aber gar oft der Schafpelz, den sie auf dem Leibe tragen – Tag und Nacht, Sommer und Winter –, oder der Magen des wilden Grauhundes ist, der in den Felsen streift und keinen Toten vergißt, wenn er ihn findet …

Das sind die Leute, denen das Kartenspiel Gebetbuch, denen der Fluch Gebet, denen das Hüftmesser Glaubenszeichen und der Schnapsbecher heiligstes Meßgerät ist. Nur der Scheitan der Steppe und Felsen kennt ihre Namen und den Weg, den sie kamen, um hier mit Beilpicke und Spaten ihr Leben zu fristen. Und du siehst's ihren harten, braunen Händen nicht an, welch Blut an ihren Schwielen klebt, ob sie dereinst die Feder führten oder den Pflug, das Schiffstau hielten oder den Hirtenstab, den Hammer oder den Spaten. Hier fragt niemand: »Wohin« und »Woher«, hier fragt niemand nach Glauben, Nam' und Art …

Sie leben in kleinen Trupps, auch allein – je nachdem. Sie sind einander Freund und Feind – je nachdem. Sie sind aber jedermanns Feind, der nicht von ihrer Art; sie sind feind dem Kosaken wie dem Baschkiren, dem russischen Siedler wie dem Kalmücken und Tataren, dem Kirgisen und dem Jäger, der noch – selten genug – durch diese Berge streift.

Auch spärliche Fabriken gibt es hier in der Gegend – die Arbeiter sind meist gar friedliche, fleißige Leute; meist Tataren, einige sind Russen.

Bauern gibt es nur in wenigen Tälern. Sie ringen dem Boden ihr karges Brot ab, sie leben ständig in Furcht vor Räubern, wilden Minenleuten und vor – Wölfen.

Deren aber gibt es fast so viele im Lande, wie es wilde Goldgräber und Minenleute gibt.

Und von ihnen soll dieses Buch erzählen – von den wilden Grauhunden. Und von Würgezahn, ihrem Anführer.

In einem Birkengehölz – keine halbe Wegstunde lang und keinen Büchsenschuß breit – befand sich der kleine Schilfsumpf, in dem Würgezahn geboren wurde.

Das war in einem schluchtartigen Tal, abseits von der Straße, zwischen hohen Felsen und inmitten zerklüfteter Berge. Hier drang kaum jemals ein Laut der Menschenwelt hin – nur, wenn der Wind von Osten blies, das leise Wimmern und Bimmeln der Glocken des russischen Kirchdörfchens am Fuße der Berge, oder das vielstimmige Muhen der Rinder der Kosaken, die hier ihren Wohnsitz hatten. Manchmal auch tönte schwach der Knall der Flinte eines Bergjägers herüber, eines Mannes, der den spärlichen Hasen nachstellte, die noch in dieser Einsamkeit hausten – sonst war's still hier in dem kleinen Luch, und nur der einförmige Singsang der Bergfinken, das Zwitschern der Grauammern und der Felsenlerchen unterbrach zuzeiten die Stille der Einsamkeit.

Hier also war's, wo Würgezahn, der Sohn des Grauräubers und der Schleichsohle, geboren wurde. Mit noch sechs Geschwistern – ein reichlicher Wurf für eine Wölfin, die schon neun Sommer gesehen.

Würgezahn war der Älteste des Wurfes und der Größte von allen sieben. Er war auch der Graueste von allen; ganz nach seinem Vater Grauräuber geschlagen. Dieser aber war ein Waldwolf, der von Norden her zugewandert war – rein zufällig – im Spätwinter. Eigentlich hatte der gar nicht hierher gehört; denn im Karst leben schon die Steppenwölfe – und die sind kleiner und dunkler gefärbt als die Waldwölfe des Nordens. Eine Steppenwölfin also war Schleichsohle, die Mutter – und vier ihrer Kinder zeigten, gleich ihr, das dunkelrötliche Kleid des Steppenräubers – drei aber ähnelten Grauräuber, dem Nordwolf, dem Großen.

Die Alte hatte genug zu tun, um die Brut aufzufüttern. Heute brachte sie Mäuse und einen Hasen, den sie überrascht, morgen einen Köter, den sie am Dorfe der Kosaken gerissen, anderen Tages einen Fuchs oder ein paar dicke Wühlratten, ein paar Ziesel, eine Dorfgans, eine Ente oder ein paar Hühner. Dann aber kam gar mal ein Lamm dran, das Schleichsohle den Kirgisen geraubt, ein Birkhuhn, ein Stück von Kalb oder Hammel – so gab es täglich Abwechslung. Oft, wenn die Beute zu schwer, trabte die Wölfin mehrmals hin und zurück, fraß sich fast bis zum Platzen voll, würgte den Jungen den Fraß vor und holte neuen, bis sie das ganze Fohlen oder Kalb angeschleppt hatte.

Die Jungwölfe fraßen und wuchsen. Im Luch sah es aus wie auf einer Schädelstatt, einem Richtplatz – grüne Schmeißfliegen brummten um die Gräser, Aaskäfer krochen übers Moos, und die Krähen und Raben hatten manch Vespermahl in der Gegend; denn wo ein Aas ist, sammeln sich die Vögel des Himmels.

Als die Sommersonnenwende kam, machte schon die ganze Familie Ausflüge; denn Schleichsohle hatte die Jungen beizeiten an Streifen und Jagd zu gewöhnen. Sie war eine kluge und erfahrene Lehrerin, und ihre Kinder zeigten gar viel gute Anlagen – wenngleich ihr Temperament gar verschieden, wie ihre Farbe, Größe, Kraft und Behendigkeit.

Die Rötlichen, Dunklen waren behender, schneller und blutdürstiger als die drei Grauen. Diese aber waren, wenngleich langsamer und ruhigeren Blutes, stärker und größer und bald gefürchtet unter den schwächeren Geschwistern. Würgezahns grauer Bruder hieß Zangenbiß, seine viel heller gefärbte Schwester Reißewilde, seine übrigen Geschwister aber Nachtschleiche, Heulkehle, Blutzunge und Schnappefang.

Bald lernten die Jungen Mäuse und Wühlratten fangen, auch das Erdziesel und den dicken Hamster ausgraben und umbringen; manchmal gelang es auch, einen Pferdespringer oder gar einen fetten Blindnager zu erwischen.

Manchmal saßen die Wölfe, lange ehe es dämmerte und ihre Streife begann, am Abend auf einem der Felder, wo der Steppenboden ins Gebirge übergeht, und wo schon Gestrüpp zwischen Steinbrocken und Blöcken wuchert; Himbeere und Waldjohannisbeere, Spiraea und Weiden verschiedener Art, gelegentlich auch eine kleine Kiefer oder Birke. Und sie hörten gespannt zu, wie die Leute unten auf der kümmerlichen Bachwiese die Sensen strichen und sich allerhand zuriefen. Kam der Wind gerade von Ost, so vernahmen die feinen Gehöre gar den knirschenden Laut, den die Sense hervorbringt, wenn sie durchs Gras fährt.

Dann aber hörten die Wölfe, wie der Ziehbrunnen im Steppendorfe kreischte, wie das Wasser in die Tonne rauschte, wie die Mädchen lachten und die Harmonika schnarchte und quäkte, die Fiedel quiekte und die Rinder brüllten. Solcher Töne gab's viel an jedem Sommerabend, wenn die Luft rein war und klar.

Mählich aber ward alles still in Steppe und Berg. Nur die Eulen quienten ein wenig, und die Nachtschwalbe klatschte mit den Flügeln. Und weit, weit hinten in der Flußaue, schrien ein paar Enten.

Dann aber schlichen die Wölfe davon, der Steppe zu.

Im Dorfe bellen Hunde. In der Koppel schnattern Gänse …

Die Alte kriecht in den Graben – den lockenden Tönen nach. Gespannt horchen und spähen die Jungen.

Nun ist Schleichsohle schon lange fort – den Jungen wird bange. Aber sie wagen nicht, fortzulaufen; streng verbot es die Mutter.

Da plötzlich hören sie lautes Geschrei, Geschnatter … Einer weißen Wolke gleich fliegen die Gänse dem Dorfe zu – hell leuchtend in der Dämmerung. Köter kläffen. Ein Weib schreit, eine Mannesstimme grölt dazwischen …

Und schon ist Schleichsohle bei ihren Jungen – im Fang einen großen, alten Ganter. Der reicht zwar nicht ganz, um alle Jungen satt zu machen; aber – es wird sich schon noch was fangen lassen heute nacht.

Federn fliegen, Zähne reißen. Bald ist nichts mehr übrig von dem großen Vogel, als ein paar Büschel weißer Federn im Grase. Selbst Schnabel und Latschen fraßen sie, die Wölfe.

Und sie trotten in den Wiesengrund hinein, nach der Steppe zu – denn dort sind die Schafe der Nomaden.

Von weitem schon hören sie das Määä und Muh der Schafe und Rinder, die, gehütet von Hirten und Hunden, in der Steppe weiden und lagern. Auch Rosseprusten und Schnauben, Hundeblaff und das Bäööää eines zornigen Kamels, dem die Last zu schwer, und das sich störrisch weigert, den Weg fortzusetzen. Sie hören den Kameltreiber schimpfen, die Wölfe, sie hören das Gekläff der Hunde im Aul, sie sehen das Flackern und Glimmen der Feuer.

Vorsicht, große Vorsicht ist hier geboten. Denn die Hunde der Kalmücken sind groß und stark und böse, und es wäre ihnen ein leichtes, einen Jungwolf abzubeuteln und zu würgen, wie ein Fuchs den Hasen würgt.

Darum heißt es hier zunächst – warten … Und die Jungen müssen ganz weit zurück in der Steppe bleiben, weit außer Bereich der Hundenasen.

Vorsichtig geht Schleichsohle vor. Den Schafen, den Lämmern gilt's …

Von der Nachtseite heran … vorsichtig – jede Bodenfalte ausgenutzt – langsam …

Der Hammel dort ist zu groß – zu schwer. Sein Fettschwanz hängt gewichtig herab. Das wäre ein Bissen … Die Böcke da links sind gleichfalls zu groß. Außerdem sind vier Hunde dabei – große, zottige Biester.

So groß die Herde, so schwer das Rauben. Links ist der Trupp Böcke, rechts, ein paar hundert Wolfsfluchten weiter, die Mutterschafe mit den Jungen. Verdammt – kein einzelnes Stück – alles zusammengedrängt … Und auch hier Hunde, Hirten …

An der Rinderherde drüben ist noch weniger zu machen. Außerdem käme man dann in den Wind. Wenn bloß die verflixten Ziegenböcke nicht bei der Herde wären! Da – der eine ist schon hochgesprungen und sichert. Scharf hebt sich der Schatten seines gebogenen Gehörns vom roten Westhimmel ab.

Nun hat sich der Bock in Bewegung gesetzt – die Schafe fliehen hinterher. Die Hirtenpeitsche knallt, ein Pferd schnaubt, Hufetrappeln ertönt …

Zu ihrem Schrecken spürt die Wölfin, daß der Wind – ein kleiner Hauch nur – umgeschlagen ist. Kühl weht es von Nordost …

Und im Nu sind die Hunde auf den Läufen und brechen heulend und bellend in die finstere Steppe vor.

Nun heißt's fliehen. Fliehen, so schnell eine magere, ausgemergelte Wölfin kann. Wie ein grauer Schatten huscht sie über die Steppe, ist in der Senke, im dornigen Gewirr der Kameldisteln – durch, ins Steppengras hinein – fort …

Die wutgeifernden Hunde haben die Verfolgung aufgegeben. Im Grunde sind sie feige, fürchten den Wolf. Fürchten auch eine List, eine Falle. Dunkel ist die nächtliche Steppe. Und die Nacht ist keines Menschen und auch keines Hundes Freund …

In weiter, weiter Ferne aber hören sie, wie die alte Wölfin ihre Jungen zu sich ruft – ein dumpfes, schauriges Heulen: Huuuu – uuuuh … uuuu. Und sie hören die vielstimmige Antwort der Jungen: Jäck, jäck, käckkäck – auuuuüüü …

Und die Hunde setzen sich auf die Keulen und heben die Köpfe. Und aus ihren Kehlen tönt die Antwort auf den Schauersang der Urnatur, auf den Ahnenruf, der ihnen im Unterbewußtsein Erinnerungen an alte Zeiten wachruft, an eine Welt, die längst verklang, die Jahrhunderttausende zurückliegt und trotz Wandlungen und Gang der Zeiten, noch immer in ihnen nachklingt: Uuuuuu – üüü – hauuuüüüü …

Stimme des Blutes, Stimme der Ahnen, Ruf dunkler Urtage, Erinnerung an Herkunft, früheres Sein …

Hau – auüüüüü … Huuuu – auüüüü …

Und in ferner Steppe, weit, weit draußen: Uuuuuu …


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